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Mörderisch kalt am Strand serviert: 1171 Seiten Krimi Paket

Mörderisch kalt am Strand serviert: 1171 Seiten Krimi Paket

Alfred Bekker et al.

Published by BEKKERpublishing, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Mörderisch kalt am Strand serviert: 1171 Seiten Krimi Paket

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Ein Killer geht in Rente

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Der tote Croupier: N.Y.D. – New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Ratten unter sich

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Killer am Strand

Eine günstige Gelegenheit

Tod eines Schnüfflers

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Ein Sarg für den Prediger

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In letzter Sekunde

Die Entführung

Ein unbestechlicher Zeuge

ZUM WOHL!

Das Geständnis

Ein sicheres Alibi

Schüsse aus der schwarzen Limousine

EINE LEICHE FÜR DEN RICHTER

Krähen

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Haus der Schatten

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Schrecken aus der Tiefe

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HK Greiff schnappt sie alle

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Kreuzfahrt in den Tod

Nichts für kleine Kinder

Wenn ein Strohmann Feuer fängt

Schatten der Vergangenheit

Nur Engel können fliegen

Am Sonntag stirbt man nicht

Ein todsicherer Tipp

Quittung für ein Schäferstündchen

Späte Sühne

Einem Goldfisch auf der Spur

Eine bittere Pille

Nur ein einziger Schuss

Keine Zeit für Nächstenliebe

Frauen sind keine Engel

Heißer Tanz mit Rasmus

Further Reading: 10 hammerharte Strand-Krimis

Also By Alfred Bekker

Also By Horst Bieber

Also By Wolf G. Rahn

Also By Cedric Balmore

About the Author

About the Publisher

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Mörderisch kalt am Strand serviert: 1171 Seiten Krimi Paket 

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Krimis von Alfred Bekker, Cedric Balmore, Horst Bieber, Wolf G. Rahn

Harte Privatdetektive, skurrile Ermittler, skrupellose Verbrecher, dunkle Geheimnisse, mysteriöse Geschehnisse und hammerharte Pointen, das findet sich in den Krimis dieses Bandes. Mal lokal, mal international, mal amerikanisch, aber immer spannend.

Der Umfang entspricht 1171 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Horst Bieber: Ein Killer geht in Rente

Wolf  G. Rahn: Der tote Groupier

Cedric Balmore: Ratten unter sich

Alfred Bekker: Killer am Strand

Alfred Bekker: Eine günstige Gelegenheit

Alfred Bekker: Tod eines Schnüfflers

Alfred Bekker: Ein Sarg für den Prediger

Alfred Bekker: In letzter Sekunde

Alfred Bekker: Die Entführung

Alfred Bekker: Ein unbestechlicher Zeuge

Alfred Bekker: Zum Wohl!

Alfred Bekker: Das Geständnis

Alfred Bekker: Ein sicheres Alibi

Alfred Bekker: Schüsse aus der schwarzen Limousine

Alfred Bekker: Eine Leiche für den Richter

Alfred Bekker: Krähen

Alfred Bekker: Haus der Schatten

Alfred Bekker: Schrecken aus der Tiefe

Cedric Balmore: Die Bestie vom Riverside Drive

Wolf G. Rahn: HK Greif schnappt sie alle

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Ein Killer geht in Rente

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Kriminalroman von Horst Bieber

© dieser Digitalausgabe 2015 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Ein Killer geht in Rente © by Horst Bieber  und Edition Bärenklau 2015

© Cover: Layout - Steve Mayer/Scott Griesell/123RF

Der Umfang dieses Ebook entspricht 237 Taschenbuchseiten.

Uno oder Primo, wie er in seinen Kreisen genannt wird, ist ein erfolgreicher Killer und soll einen neuen Auftrag zu einem geradezu sensationellen Honorar übernehmen: Bis Ende Mai nächsten Jahres muss eine bestimmte Person „X“ ihr Amt verloren oder verlassen haben, entweder tot oder – was den Auftraggebern lieber wäre – ohne Skandal und Sensationen von der öffentlichen Bühne verschwinden.

Uno hat Bauchschmerzen, aber die Botin, die den Auftrag und die Anzahlung überbringt, interessiert ihn, mehr als das Geld, zumal er glaubt, ihr ginge es ebenso. Wenige Monate später sterben aus der Umgebung von „X“ zwei Männer, einer zweifelsfrei durch Selbstmord, der andere möglicherweise durch Mord.  „X“ wird auf dem Friedhof

am Grabe seiner Frau mit Pfeil und Bogen ermordet. Die Polizei tappt trotz unermüdlichen Fleißes lange im Dunkeln, erst eine Sonderkommission unter Leitung des Mannes für verkorkste Fälle, Hauptkommissar Leo Steiger, kann Licht in das Dunkel bringen. Er ist Uno schließlich ganz dicht auf den Fersen. Ein Katz- und Mausspiel beginnt – mit ungewissen Ausgang.

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PERSONEN:

Isabella Borgward - einer der Tarnnamen der Rechtsanwältin Norma Seydel.

Franz Lambeck - Rechtsanwalt und Norma Seydels Partner

Henry Ford - einer der vielen Tarnnamen eines erfolgreichen Killers, der in seinen Kreisen Primo oder Uno genannt wird.

Ludwig Milde - liberaldemokratischer Landes-Innenminister, wird Jahre später ermordet.

Hajo Milde - Hans-Joachim Milde, älterer Bruder des Innenministers; Teilhaber an der Speditionsfirma Phoebus continental.

Jessica Milde - Tochter des Ministers, 15 Jahre alt. Schülerin auf dem Internat Scheffelsberg.

Petra Beyer - Studienrätin für Französisch und Geschichte, Freundin des liberaldemokratischen MdL.

Dr. Thomas Schlich - der begeht aus ungeklärten Gründen Selbstmord. Wenig später stirbt sein Kollege, der liberaldemokratische MdL.

Matthias Vanderbeek - Ob Mord oder Selbstmord, bleibt lange ungeklärt.

Leo Steiger - Kriminalhauptkommissar im Landeskriminalamt.

Udo Tschakowiak - Leiter der Polizeiabteilung im Landesinnenministerium.

Andreas Küster - Besitzer der Orchidee, Nachtbar und Bordell am Widukindplatz.

Nele Küster - Andreas' jüngere umtriebige Ehefrau, eine blonde Sexbombe und Vorsitzende des Vereins Die Stadtfrauen.

Ole Küster - Betreiber der Kunstscheune und Bruder von Andreas Küster.

Alle Namen, Personen und Taten, alle Parteien, Vereine, Firmen, Ereignisse und Orte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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Wenn die Sonne schien und das frische Mailaub noch hellgrün schimmerte, sahen der Hofgarten und das vor kurzem gestrichene Schloss sehr passabel aus, trotz der vielen überall abgestellten Fahrräder. Der Rasen hatte sich allerdings von den großen Anti-Nachrüstungs-Demonstrationen nie mehr vollständig erholt. Uno schlenderte quer über die Wiese auf den Alten Zoll zu. In Bonn hatte er sich immer wohl gefühlt - von wenigen schwül-heißen und grellhellen Sommertagen einmal abgesehen - und die Klagen über die Kleinstadt unter der Käseglocke oder den Vergleich mit dem Chicagoer Zentralfriedhof nie verstanden.

Jetzt, zur Mittagszeit, waren die meisten Bänke besetzt, viele Studenten kauten ihr Fast-Food. Die mittags immer überfüllte Mensa hatte auch Uno in schlechtester Erinnerung; etwas, aber nicht wirklich viel besser war ihm die Mediziner-Mensa auf dem Venusberg vorgekommen, aber für Hamburger und Salate aus der Plastikschachtel mit Ketchup erwärmte er sich immer noch nicht. Wie ein Tourist bummelte er die Steigung hoch, lief bis zu der Brüstung und schaute auf den Rhein hinunter. Drachenfels und Siebengebirge verschwammen im Dunst. Eine lautstark angeheiterte Gruppe bestieg unter ihm ein weißes Ausflugsschiff. Ein Schubverband tuckerte schwerfällig bergwärts. Der Achter eines akademischen Ruderclubs kreuzte leichtsinnig seinen Kurs, drehte in der Strommitte und glitt in Höchstfahrt bei höchster Schlagzahl talwärts.

Auf der Bank ganz rechts unmittelbar vor dem Mäuerchen saß eine junge Frau und rauchte gelassen. Neben sich hatte sie einen Leinenbeutel mit einem aufgedruckten Bild eines Oldtimers abgestellt. Zufällig kreuzten sich ihre Blicke, er schlenderte hinüber, stellte sich neben sie und murmelte: "Sie sammeln alte Autos?"

"Ja, Sie auch?"

"Sicher, ich heiße Heinrich, genannt Henry Ford. Das verpflichtet sozusagen."

"Völlig richtig. Angenehm, Isabella Borgward."

Die Fähre nach Beuel hatte abgelegt und war hinter dem Heck eines bergwärts knatternden Tankers herumgegangen, hielt sich jetzt gegen die Strömung auf der Höhe, um einen mit hoher Geschwindigkeit talwärts heranschäumenden leeren Frachter vorbeizulassen.

"Wollen Sie sich nicht setzen?"

"Gerne."

"Sie sind pünktlich."

"Das lernt man in meinem Job."

Zweite Hälfte oder Mitte dreißig, würde er schätzen. Groß für eine Frau und schlank. Hellbraune, glatte und schulterlange Haare mit einer Innenrolle, ein schmales Gesicht mit großen, grauen Augen und einem breiten Mund, der gern zu lachen schien. Keine Schönheit im üblichen Sinne, aber sehr ansehnlich dank der hochstehenden Wangenknochen. Das Kinn verriet Energie und Eigensinn. Jeans, Shirt und eine dünne blauweißkarierte Stoffjacke.

"Zufrieden mit der Inspektion?"

Nach einer Weile lächelte er dünn. Sie gefiel ihm, und er hatte den Eindruck, dass es ihr umgekehrt auch so ging. Ihre Beschreibung, die sie am Telefon von sich gegeben hatte, traf zu, und "Isabella Borgward" zeugte für einen leicht verqueren Humor, den er schätzte.

"Wie ich Ihnen schon sagte, wir hätten einen Auftrag für Sie."

"Wer ist wir?"

"Eine Gruppe von Interessenten, in deren Namen ich verhandele."

"Mehr wollen Sie nicht preisgeben?"

"Nein. Jeder Versuch, meine Auftraggeber festzustellen und auszuforschen, würden wir als Vertragsbruch betrachten. Und entsprechend ahnden."

Obwohl sie es sehr nachdrücklich, fast drohend vorgebracht hatte, nickte er unbeeindruckt. Solche Warnungen gehörten zum Eröffnungs-Ritual. "Sie sind also meine einzige Kontaktperson?"

"Ja. Wir möchten eine bestimmte Person ausschalten oder aus ihrem jetzigen Amt vertreiben."

"Eilt es?"

"Nein, aber Sie sollten irgendwann im nächsten Frühling so weit sein, auf jeden Fall aber vor Ende Mai nächsten Jahres."

"Das müsste sich machen lassen."

"Damit es keine Missverständnisse gibt: Uns liegt in erster Linie daran, die Zielperson aus ihrem jetzigen Amt zu entfernen. Und nur, wenn es gar nicht anders geht, sollten Sie sie sozusagen final ausschalten."

"Ich verstehe."

"Ihr Honorar beträgt eine halbe Million. Zweihundertfünfzig bar voraus bei - hm - Vertragsabschluss, der Rest als Erfolgshonorar."

Damit verblüffte sie ihn nun doch. Mit einer solchen Summe hatte er nicht gerechnet. Was natürlich hieß: Der Auftrag würde nicht einfach sein. Normalerweise zahlte man ihm ein Zehntel, wenn es hochkam, ein Fünftel dieser Summe.

"Sie sagen ja gar nichts", spottete sie.

"Bei der Summe überlege ich natürlich, wen Sie sich als Ziel ausgesucht haben."

"Vorsicht!" warnte sie unversehens scharf. "Sobald ich Ihnen den Namen genannt habe, sind wir im Geschäft. Wir können es uns nämlich nicht leisten, dass Sie hinterher ablehnen und die Zielperson warnen."

Bei jedem Geschäft zeigte sich früher oder später ein Haken. "Ein prominenter Mann?"

"Na ja. In Grenzen. Häufig im - wie sagt man so schön? - im Licht der Öffentlichkeit. Aber nicht so oft, dass man ihn überall auf der Straße erkennt."

"Hat ein Normalsterblicher überhaupt eine Chance, sich ihm zu nähern?"

Jetzt kicherte sie, und es klang irgendwie nicht sehr herzlich: "Für einen Normalsterblichen halten wir Sie eigentlich nicht, Mister Ford."

"Danke für den Kaktus, Frau Borgward. Was ich meinte - gibt es einen Bereich, in dem er besonders verwundbar ist?"

"Wie meinen Sie das?"

"Nun, rein theoretisch - ein Banker etwa muss besonders den Vorwurf der Untreue oder Unterschlagung scheuen. Oder der Insidergeschäfte. Der katholische Geistliche sollte nicht mit einer muslimischen Sekte in Verbindung gebracht werden oder mit unschicklichen Handlungen in der Sakristei. Eine Parlamentspräsidentin nicht mit einem Bordell."

"Ah so, ja. Nein, eine so spezielle Empfindlichkeit gibt es nicht, so weit wir wissen. Unterschlagung, Meineid, Betrug, Fahrerflucht, Bestechung und Bestechlichkeit, Bigamie oder Sodomie - Sie können frei wählen, Hauptsache, X legt daraufhin sein Amt nieder."

Ihr freundliches Grinsen beruhigte ihn ganz und gar nicht. Trotz ihres heiteren Tons unterschätzte er sie nicht und nahm vor allem ihre Drohung ernst, dass er nicht mehr aussteigen konnte, sobald sie den Namen des Objektes ausgesprochen hatte.

"Es kann sein, dass ich Hilfe benötige."

"Lieber wäre es uns, Sie kämen alleine klar", erwiderte sie schnell. "Falls etwas schiefgeht, möchten wir gerne ehrlich bestreiten können, dass wir Sie kennen oder mit Ihnen in Verbindung stehen. Woraus sich eine weitere Bedingung ableitet. Es könnte ja sein, dass Sie doch Gewalt anwenden müssen, und dann sollte es so aussehen, als gebe es dafür einen sehr privaten, persönlichen Grund, nicht eine anonyme Organisation im Hintergrund."

"Okay. Aber wenn nicht - wie erreiche ich Sie?"

Ihr Seufzer war tief und ehrlich: "Ich habe Ihnen eine Telefonnummer aufgeschrieben. Dort meldet sich ein Anrufbeantworter mit dem Namen Isabella Borgward, den ich regelmäßig abhöre. Ich rufe zurück, wenn Sie eine Nummer hinterlassen. Sie kennen die Gesetzeslage über die Vorratsspeicherung von Verbindungsdaten?"

"Mit anderen Worten - Sie wollen mich unter Kontrolle behalten."

"So ist es."

Nachdenklich nickte er und lehnte sich zurück. Noch konnten sie sich trennen, dann hatte er nur einen Tag und das Fahrgeld investiert. Das Honorar lockte ihn weniger, als sie wohl vermutete. Seit einiger Zeit war er auf solche Einnahmen nicht mehr angewiesen. Er hatte gut verdient, das Geld sicher in der Schweiz, in Luxemburg und in Liechtenstein deponiert und in Deutschland immer sehr bescheiden gelebt, brav Steuern und Sozialabgaben bezahlt und nie Anlass gegeben, bei ihm mehr Geld zu vermuten als ein kaufmännischer Angestellter in einem bescheidenen Unternehmen verdiente. Weil das zu seiner Tarnung gehörte: Immer nur einen unauffälligen Mittelklassewagen zu fahren, immer eine unauffällige Mietwohnung, keine teuren Hobbys und keine auffälligen Freunde oder Freundinnen zu haben. Für diese perfekte Mimikry zahlte er nur den Preis, dass er sich immer häufiger fürchterlich langweilte, und wenn er das offenkundige Risiko ihres Auftrags abwog gegen die Vorstellung, noch Monate den kleinen, jetzt arbeitslosen Angestellten zu mimen...

Sie drängte ihn nicht, und einen Moment sinnierte er, wie sie sich wohl tarnen mochte. Die Botin interessierte ihn sehr viel mehr als ihre Botschaft. Ob es ihr ähnlich ergehen mochte? Ihre Blicken trafen sich und sie lächelte verschwörerisch.

"Wenn Sie mir die Art der - hm - Erpressung freistellen - besteht dann nicht die Gefahr, dass ich ungewollt die Kreise Ihrer Auftraggeber störe?"

Seine geschraubte Ausdrucksweise erheiterte sie. "Doch, die Gefahr besteht. Eben deswegen möchten wir ja nicht, dass Sie für uns total im Untergrund verschwinden. Wir möchten Sie rechtzeitig warnen können, auf dem eingeschlagenen Weg" - jetzt imitierte sie ihn voller Spott - "nicht weiter voranzuschreiten."

"Verständlich." Sein Kontaktmann hatte ihn am Telefon gewarnt: "Sie ist gefährlicher, als sie aussieht. Und sehr viel mehr als nur eine Botin." Er träumte eine Minute vor sich hin, bevor er sich einen Ruck gab: "Okay, einverstanden, wir sind im Geschäft."

"Das Objekt heißt Milde, Ludwig Milde."

"Tut mir leid, der Name sagt mir gar nichts.“

"Milde ist zur Zeit Innenminister in..."

"Ach, der."

"Sie kennen ihn also doch?"

"Ich lese Zeitungen, den Spiegel und höre oft Nachrichten im Deutschlandfunk. Und bin, wie Ihr Objekt, von der EU und von Schengen auch nicht so begeistert."

"Dann wissen Sie ja, wo und wie Sie Ludwig Milde treffen können."

"Himmel hilf, ein Auftrag in der Provinz."

"Ja. Milde muss bis zum 25. Mai nächsten Jahres, besser noch bis zum 1. Mai zurückgetreten oder vom Ministerpräsidenten entlassen worden sein."

"Oder die Blumen von unten bewundern."

"Was uns nicht so angenehm wäre. Wie gesagt, wir würden es vorziehen, wenn er ohne Gewalt und großes Aufsehen von der politischen Bühne abginge. Vor allem ohne spektakuläre Aktionen. Aber wenn schon drastische Methoden, dann bitte so, dass die als Täter verdächtigte Person ein einleuchtendes, überzeugendes und vor allem rein persönliches Motiv hat."

"Warum bis zum 25. Mai nächsten Jahres?"

"Keine Antwort, Mister Ford."

Sie kramte in ihrem Stoffbeutel und hielt ihm einen Schließfachschlüssel hin. "In der Tasche finden sie die Anzahlung und die Telefonnummer der Isabella Borgward. Außerdem haben wir alles zusammengetragen, was in der letzten Zeit über Ludwig Milde veröffentlicht oder gesendet worden ist. Dazu Bilder und Videoaufzeichnungen. Den Rest müssen sie selbst erledigen."

Sie warf ihre Zigarette zu Boden, trat sie energisch aus und stand auf. "Viel Glück, Henry Ford."

"Heißen Danke, Isabella Borgward."

Er ignorierte das unbehagliche Zwicken hinter seinem Gürtel und sah ihr nach. Ein begehrenswertes Weib, und er hatte lange wie ein Mönch gelebt. In der Branche wurde er, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, "der Maulwurf" genannt, und so arbeitete er auch am liebsten. Ab und zu hinterließ er Haufen seiner Tätigkeit und Existenz und vor bedrohlichen Geräuschen rückte er aus. Unterirdisch tätig. Und immer längst an anderer Stelle, wenn jemand über seinen Haufen stolperte. Unauffällig drehte er sich noch einmal nach ihr um. Eine sehr gute Figur. Lange Beine, lange Schritte. Die Botschaft hatte er verstanden, die Botin hätte er gerne näher kennengelernt.

Eine Zigarettenlänge später folgte er ihr. Ob sie einen festen Freund hatte oder verheiratet war?

Die Fähre kam gerade vom Beueler Ufer zurück und legte mit routiniertem Schwung an. Währen des Studiums hatte er ein Sommersemester lang in Beuel ein Zimmer gehabt und war jeden Tag mit dem Bötchen hin- und zurückgefahren.

Auf dem Markt vor dem Bonner Rathaus kaufte er zwei große Apfelsinen. Der Hunger war ihm vergangen. Am Rhein stieg es trotz der Sonne noch recht kühl aus dem Wasser hoch, er spazierte bis zum Ersatz-Bundestag im alten Wasserwerk, kehrte um, aß auf einer Bank seine Apfelsinen und warf die Schalen ordentlich in einen Abfallkorb. Er wusste, dass er nicht auffiel. Weder groß noch klein, weder dünn noch dick, weder hässlich noch attraktiv, er war Durchschnitt in jeder Beziehung, weder teuer noch billig gekleidet, ein Mann, den man bei einer zufälligen Begegnung flüchtig ansah und sofort wieder vergaß. Wer ihn besser und für länger kennenlernte, mochte sich über seinen scharfen Blick, seine Schweigsamkeit und sein gelegentliches mokantes Lächeln wundern, aber er vermied längere Kontakte und hatte sich daran gewöhnt, vor den Mitmenschen perfekt die Rolle eines armen Teufels zu spielen, der jetzt ohne eigenes Verschulden seinen Job verloren hatte.

Die Nachbarn wiederum glaubten, er sei etwas schüchtern oder gehemmt, und behandelten ihn auch so, was ihn nicht störte, weil er deshalb nie in die Lage kam, Härte und Selbstbewusstsein demonstrieren zu müssen, also unter Umständen Aufmerksamkeit zu erregen.

Aus dem Schließfach am DB-Bahnhof holte er eine Ledertasche, die er nicht öffnete, auch nicht auf der Fahrt rheinaufwärts. In Zügen und Flugzeugen konnte er problemlos schlafen. Kurz hinter Koblenz weckte ihn der Schaffner und kontrollierte seine Fahrkarte, danach schaute er stumm aus dem Fenster und träumte etwas von Isabelita. Von Schwärmerei für Burgen, Ruinen und Weinberge war er weit entfernt, er fühlte sich überall und nirgendwo zuhause, aber das Rheintal gefiel ihm immer wieder. Besonders im Sonnenschein.

In Mainz stieg er in die S-Bahn Richtung Frankfurt um. Sachsenhausen. Der dünne Zwirnfaden an seiner Wohnungstür in einem gesichtslosen Sachsenhausener Mietshaus war nicht zerrissen, er verschloss die Tasche in dem kleinen Safe, der in einem Kleiderschrank verborgen war, und verließ die Wohnung sofort wieder.

Isabella Borgward hatte sich in der Nähe des Hauptbahnhofs in ein Café gesetzt und gewartet, bis Kaspar über Handy anrief: "Er läuft am Rhein Richtung Langer Eugen und lässt sich viel Zeit."

"Okay, mein Zug geht in zwanzig Minuten."

"Ich bleibe dran."

Erleichtert winkte sie der Bedienung.

Wegen des Bargelds und der Videobänder war sie nicht geflogen; sie fürchtete eine Zufallsentdeckung bei einer Handgepäckkontrolle am Flughafen und traute der angeblich für Ton- und Bildträger unschädlichen Durchleuchtungstechnik nicht. Es war eine Heidenarbeit gewesen, die vielen kleinen Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften einzuscannen und die Videos zusammenzukopieren, das Ergebnis einer harten Arbeitswoche wollte sie nicht aufs Spiel setzen.

Bei dem Kreischen der Zugbremsen hätte sie fast das Handy überhört. "Er sitzt auf einer Bank und isst Apfelsinen."

"Und ich steige gerade in meinen Zug ein. Tschüss."

Bei Uno empfahl sich Vorsicht. Ihm war zuzutrauen, dass er - so wie sie - zwei Schatten mitgebracht hatte, um festzustellen, wer sie war und wohin sie ging, in diesem Gewerbe traute verständlicherweise keiner keinem. Uno galt als einer der Vorsichtigsten in der Branche, der Mann mit dem größten Misstrauen. Er war noch nie geschnappt oder verdächtigt worden und verwendete viel Zeit und einiges Geld darauf, zwischen seinen Aufträgen irgendwo harmlos und anonym unterzukriechen. Weil er noch nie aufgefallen war, nie irgendwo Fingerabdrücke oder DNA-Spuren hinterlassen hatte, konnte er bei diesen Ausflügen in die Anonymität seine echten Papiere und Urkunden verwenden, wie sein Kontaktmann betonte.

Wenn Isabella ehrlich war, beunruhigte sie sein Ja sogar etwas. Gut, eine halbe Million Euro war ein fürstliches Honorar, doch in den paar Minuten auf dem Alten Zoll hatte sie nicht den Eindruck gehabt, dass Uno sich von Geld ködern ließ. Es musste mindestens noch einen weiteren Grund geben, warum er schließlich zugestimmt hatte, und dieser Grund beschäftigte sie. Immerhin hatte Carlo, der sie abschirmte, versichert, dass sie auf dem Weg vom Alten Zoll durch die Innenstadt in das Café keinen Beobachter an den Hacken gehabt hatte, und Kaspar würde Uno beobachten, bis der die Tasche aus dem Schließfach genommen hatte.

Sie hasste diese persönlichen Kontakte.

In Köln konnte sie in einen IC umsteigen. Die Fahrt bis Hamburg wurde lang, sie löste ein halbes Kreuzworträtsel-Heft und schwitzte vor Müdigkeit und Ungeduld, als sie am Hauptbahnhof in ein Taxi stieg. Absichtlich hatte sie einen Zug gewählt, der in Zürich abgefahren war. Sie konnte aus der Schweiz gekommen sein. Als sie die Tür ihrer Penthaus-Wohnung öffnete, erschlug sie der warme Mief. Sie riss alle Fenster auf. An den Blick über die Außenalster, um den sie viele Bekannte beneideten, hatte sie sich gewöhnt, sie warf die Jacke zu Boden und griff zum Handy.

"Ja?"

"Hallo, Franz. Der Fisch hat angebissen."

"Wundervoll. Bis dann mal."

Unter der Dusche entspannte sie sich, und während sie sich abtrocknete, gestand sie sich ein, dass der unauffällige Uno sie beeindruckt hatte. Beim Gedanken an ihn fühlte sie etwas, was sie für sich das erotische Kribbeln nannte. Beim Gedanken an Franz Lambeck war es auch mal aufgetreten, inzwischen aber total abgeklungen. Und jetzt ausgerechnet trat es wieder bei dem absoluten "Durchschnittsmann" Henry Ford auf. Für gefährliche Männer hatte sie schon immer ein Faible besessen, und aus dem Alter war sie heraus, dass sie nur gebräunte Muskelprotze und Großmäuler auf lärmigen Motorrädern für waghalsig - und für gute Liebhaber - hielt.

Uno beobachtete fast zwei Stunden den Eingang seines Mietshauses. Den harmlosen Spaziergänger, der ihm auf der Rheinuferpromenade in Bonn gefolgt war, hatte er rasch entdeckt, aber der Mann hielt Abstand und verkrümelte sich, sobald Uno am Hauptbahnhof die Ledertasche aus dem Schließfach genommen hatte. Für alle Fälle drehte er den Spieß um und folgte ihm; doch der Knabe stieg vor dem Bahnhof in einen Bus Richtung Lengsdorf und tauchte auch nicht mehr auf, als Unos Zug einlief. Dass Isabella Borgward sich absicherte, verargte er ihr nicht; man konnte die Vorsicht eigentlich nie übertreiben. Besser, einen Hauseingang mehrere Stunden lang ergebnislos zu betrachten als dem Auftraggeber oder der Polizei aufzufallen.

Das Geld schien okay zu sein, zweihundertfünfzig in gebrauchten Scheinen. Für den Inhalt der beiden CDs richtete er auf der Festplatte seines Laptops eine eigene Partition ein, die er zusätzlich mit "Isabella" und "Alter Zoll" sicherte. Die Sicherung war noch einmal gesichert: Wenn beim dritten Versuch, die Partition zu öffnen, nicht die richtigen Passworte eingegeben wurden, schaltete das Gerät ab, und meldete beim nächsten Hochfahren des Betriebssystems, was frühestens nach 24 Stunden möglich war, dass ein Unbefugter versucht hatte, sich auf der Festplatte umzusehen. Uno hatte so gut wie nie Besuch in seiner Wohnung, aber er musste damit rechnen, dass einmal der Hausmeister einem Handwerker die Wohnungstür öffnete oder im Haus ein Feuer ausbrach.

Es traf sich gut, dass er noch am Abend seiner Nachbarin Hella im Treppenhaus begegnete. "Na, wie war's, Herr Stein? Erfolg gehabt?"

"Sieht so aus, Frau Desche. Ein Job in Duisburg, im Hafen, bei einer Spedition."

"Das freut mich für Sie. Wann geht's los?"

"In vier Wochen. Ich muss ja noch eine Wohnung finden und umziehen."

Sie musterte ihn aus verhangenen Augen und strich sich über die Hüften. Uno hatte mehr als einmal bemerkt, dass sie sich für ihn interessierte; sie trug auch jetzt wieder einen Pulli mit einem so gewaltigen wie gewagten Ausschnitt und hatte eindeutig nichts dagegen, dass er auf ihren prachtvollen Busen schielte. Aber weil er nicht der einzige Mann im Hause war, dem sie offen Avancen machte, hielt er sich zurück. Ihr Mann war ein grobschlächtiger Säufer und Sturkopf, mit dem er nicht zusammenrasseln wollte. Hellas Angebote waren für den, der zu sehen verstand, eindeutig und ausgesprochen erotisch, so, als bestehe in diesem Punkt bei ihr ein gewisser Notstand. Aber es gehörte zu Unos Tarnung, sich nicht auf solche Verhältnisse in der Nähe seines Verstecks einzulassen. Deswegen verabschiedete er sich auch jetzt rasch von ihr. Sie würde die Neuigkeit schon zuverlässig im Hause verbreiten. Einfach zu verschwinden, konnte er sich nicht leisten. Es hätte zuviel Aufmerksamkeit erzeugt.

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02

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Lambeck schaltete sein Handy ab und steckte es ein: "Er hat angebissen."

Der weißhaarige Bonvivant rieb sich das Kinn. "Glaubst du, dass er Erfolg haben wird?"

"Darauf kann man sich bei ihm verlassen."

"Und du bist ganz sicher, dass damit dieses alberne Strüwa gestorben ist."

"Das sagen alle, die damit zu tun haben."

Ein anderer Mann, ein grauhaariger Brillenträger, der zugehört hatte, mischte sich ein: "Hast du mal was davon gehört, dass die zum Schluss Strüwa, TollCollect und Flensburg zusammenschalten wollen?"

"Bis jetzt habe ich davon noch nicht gehört, aber es wäre logisch. Leider."

"Es wäre teuflisch. Und ruinös."

Der Bonvivant lachte leise. "Das ist seine größte Sorge."

"Es wäre ein gewaltiger Verlust für mich, ja sicher, für euch nicht?"

"Doch, doch", besänftigte Lambeck, "wir würden alle darunter leiden. Deswegen tun wir ja auch alles, damit es nicht dazu kommt."

"Es lohn nicht, über ungelegte Eier zu gackern. Oder wie der Lateiner murmelt: 'Cura posterior'. Das Büffet ist eröffnet. Trübe Gedanken können wir uns immer noch machen, wenn es wirklich so weit ist."

Das weitläufige Haus lag auf der "nassen Seite" der Elbchaussee. Alleine den riesigen Garten in Schuss zu halten, erforderte eine regelrechte Mannschaft. Pöschke hatte es ja, allerdings wurden die ersten Gerüchte kolportiert, auch bei ihm laufe es nicht mehr so glatt und erfolgreich wie in den Boomjahren zuvor. Wahrscheinlich war sein Jahresgewinn nach Steuern dramatisch von 33 auf 32 Millionen Euro abgestürzt. Pöschke war so, das Wort "Die Klage ist der Gruß des Kaufmannes" traf ohne jeden Vorbehalt auf ihn zu.

Deswegen war Lambeck in der vorigen Opernsaison auch nicht übermäßig verwundert, als er in der Pause, nach einem Orangensaft anstehend, neben sich seinen früheren Mandanten Konrad Pöschke bemerkte und an seinem Revers die goldene Anstecknadel mit dem Schlüsselsymbol sah. Pöschke war seinem Blick gefolgt: "Wenn man erst auf dem Trockenen zappelt, ist es zu spät, den Abfluss zu schließen." Lambeck fand die Bemerkung aus dem Munde eines Mannes, der immer noch in Geld schwamm wie Onkel Dagobert Duck in seinem Talerspeicher, einigermaßen unpassend, aber er hatte gelernt, den Mund zu halten.

Während sie ihre Teller auffüllten, trat eine sehr attraktive Brünette an sie heran: "Alles zu Ihrer Zufriedenheit, Herr Pöschke?"

"Danke, ja, wieder großartig gemacht, Miranda."

Lambeck fühlte einen sanften Druck an seiner Jacke, und als er bei erster Gelegenheit in seine Jackentasche fasste, ertastete er eine Visitenkarte. Miranda Baumeister, Party- und Begleitservice & Catering. Geschäfts- und Privatadresse. Auf die Rückseite hatte sie geschrieben, "Rufst Du mich an? - Jederzeit!"

Einer so netten Aufforderung wollte er doch so rasch wie möglich folgen.

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03

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Nach dem Duschen verspürte Isabella Hunger. Auf der Papenhuder Straße kannte sie ein spanisches Restaurant, zu dem sie zu Fuß laufen konnte. Mit viel Überredung hatte sie den Wirt dazu gebracht, ein von ihr komponiertes vegetarisches Gericht auf die Speisekarte zu setzen: Geschnittene schwarze Oliven und zerbröselte Walnüsse mit gehacktem Perejil, in etwas Öl angebraten. Isabella war keine große Fleischesserin, und in der Gerichtskantine, in der sie notgedrungen öfter essen musste, war frisches Gemüse eine Seltenheit. Der Kellner brachte ohne Aufforderung das Töpfchen mit Ajillo und den Korb mit Brotstücken, verschwand im Keller und zeigte ihr die Flasche Rotwein.

"Muy bien."

"Y el plato Isabelita?"

"Si, como siempre."

Als sie nach Hause bummele, hörte sie hinter sich die Schritte eines Mannes, der ihr beharrlich folgte. Sie war nicht ängstlich, aber dieser hartnäckige Typ beunruhigte sie. Das Aufsehen, das eine Schlägerei oder ein Überfall auslösen würde, konnten Franz und sie nicht gebrauchen. An einer roten Fußgänger-Ampel stellte sie sich zu einer kleinen Gruppe Wartender und fragte den jungen Mann, der neben ihr stand: "Würden Sie mir bitte helfen, einen unerwünschten und lästigen Verehrer loszuwerden?"

Er schaute verwundert auf sie herunter: "Und wie sollen wir das machen?"

"Wir" war schon gut. "Sie könnten mich bitte bis zu meinem Haus begleiten. Es sind nur drei, vier Minuten."

"'So viel Zeit muss sein', sagte der Ritter zu seinem ungeduldigen Knappen."

Als sie ihr Haus erreichten, hatte sich der Verfolger verkrümelt. Ihr Ritter verabschiedete sich höflich. Sie hatte Glück gehabt, es gab doch noch ordentliche, anständige Männer.

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04

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Ilja Peczkoff hatte zwei Stunden vor dem Donauübergang auf den hellgrauen Laster mit dem seitlich aufgemalten P und der Lyra unter dem Halbbogen des P gewartet. Er war mit einem anderen Laster bis zur Ortsmitte Giurgiu gefahren, dort ausgestiegen und hatte sich zu Fuß auf den Marsch zum Donauufer aufgemacht. Dort sollte er im Schatten zweier Bäume, die auf einem kleinen Parkplatz vor der Auffahrt der Freundschaftsbrücke standen, auf den nächsten P-Transporter warten, der sich nun schon zwei Stunden verspätet hatte. Die rumänisch-bulgarische Grenze war ein echtes Hindernis geworden und gefährlich dazu, seit Verrückte hier aus völlig unverständlichen Gründen eine wilde Schießerei angezettelt hatten und nun von den Polizeien beider Länder gejagt wurden.

Iljas Papiere waren gut, aber nicht hervorragend gefälscht.

Dann rollte endlich der hellgraue, fast weiße Laster auf den Parkstreifen.

Auf der Beifahrerseite sprang ein junger Mann aus der Fahrerkabine und kam auf Ilja zu, er trug eine große, protzige Sonnenbrille und schien sich sehr wichtig zu nehmen.

"Ging nicht früher", meinte er kurz angebunden. "Überall Kontrollen, MPs und Hunde. Ich gehe in die Koje. Du musst in den Schlafstall." Er sprach akzentfrei Bulgarisch.

Der Schlafstall war ein Hohlraum zwischen der Fahrerkabine und dem eigentlichen Laderaum, über einen versteckten Zugang aus der Fahrerkabine zu erreichen, in dem Illegale über die Grenzen geschleust wurden, in den meisten Fällen in das Schengengebiet, das gelobte Europa hinein, manchmal auch für die umgekehrte Richtung. Ilja hatte in Frankreich einen Verräter liquidiert und musste aus Westeuropa verschwinden, eine Schwester war mit einem syrischen Kurden verheiratet und sollte ihn aufnehmen. Der Schlafstall besaß kein Fenster, kein Licht, die Luft war in kürzester Zeit verbraucht. Außerdem war er schallisoliert und gepolstert, damit keine Geräusche nach draußen drangen. Man durfte nicht unter Klaustrophobie leiden. Damit der abgetrennte Raum nicht durch vergleichende Messungen der Innen- und Außenabmessungen sofort entdeckt wurde, war der Schlafstall so eng gehalten, dass dicke Menschen Mühe hatten sich zwischen die Wände zu quetschen. An Liegen war nicht zu denken, wenn, dann musste man im Stehen schlafen. Zu Anfang gab es Entlüftungsrohre, die oberhalb des Daches mündeten. Seit einiger Zeit wurden an viel frequentierten Grenzübergängen Holzgerüste errichtet, auf denen Hunde liefen, die an den Mündungen der Entlüftungsrohre schnüffelten und sofort Laut gaben. Die Rohre wurden daraufhin beseitigt oder zugeschweißt. Der Gestank im Schlafstall wurde ungeheuerlich. Frischluft gab es nur noch an den Haltepunkten, wenn die Verbindungsklappe zur Fahrerkabine geöffnet werden konnte, und die blinden Passagiere sich mühsam durch das Loch zwängten.

Da sich die Fahrer selten durch Mitleid und Humanität auszeichneten, hatte es sogar schon Fälle gegeben, dass im Schlafstall Menschen verdurstet waren; es gab während der Fahrt keine Möglichkeit, Kontakt mit Fahrer oder Beifahrer aufzunehmen. Die Verhältnisse waren bekannt, trotzdem gab es immer mehr Bewerber für solche Marterfahrten als Plätze in den Lkws. Ilja, der sich auf dem Balkan auskannte und mehrere Sprachen sprach, hatte sich deswegen für eine andere Art entschieden. Große Streckenteile legte er mit Bahn, Bus oder per Anhalter zurück und ließ sich nur an vorher vereinbarten Punkten aufnehmen, um im Schlafstall über die Grenzen gebracht zu werden oder bekannte Kontrollstellen zu umgehen. Danach zog er auf eigene Faust weiter.

Als sich die Klappe zwischen Fahrerkabine und Schlafstall schloss, verspürte er einen eisernen Ring um seine Brust.

Zehn Minuten später erkannte er die typischen Rollgeräusche und -bewegungen des Lasters auf der Brücke. Zehn Minuten später hielt der Laster auf einem Parkplatz vor der Stadtgrenze von Ruse.

Peshco wartete schon auf ihn: "Alles gut gegangen?"

"Ja. Und bei dir?"

"Auch alles glatt gegangen." Peshco war gelernter Graveur und Kupferstecher; in Bulgarien, ehemals die Druckerei des Ostblocks, konnte man auch heute noch alle Fälschungen bestellen, die man so brauchte. Ilja hatte ein ganzes Heft mit Bestellungen mitgebracht und würde die fertig gedruckten Dokumente mit zurücknehmen, wenn er sich auf den Rückweg nach Marseille machte - vorausgesetzt natürlich, der Mordfall Alberti war zu den Akten gelegt. Daran arbeitete die Familie Peczkoff schon, mit echten Euros und phantastisch gefälschten Dollars.

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05

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Eine bedrückend lange Minute war nur das schwere, keuchende Atmen der grauhaarigen Frau zu vernehmen, die neben der Stahltür an der Kellerwand lehnte und den Blick nicht von dem Körper des Mannes wenden konnte, der da an einem Strick hing. Seine Schuhe pendelten zwanzig oder dreißig Zentimeter über dem Boden, auf dem umgekippte Kartons und Kisten lagen. Auch die drei Kriminalbeamten standen regungslos und schauten auf den Erhängten, doch in der Zeit memorierten sie lautlos die Liste der Einzelheiten, die sie jetzt beachten und sich merken mussten. Der Mann hatte augenscheinlich mehrere stabile Kartons und Kisten übereinandergestellt und war dann auf den obersten gestiegen, hatte einen festen Strick um ein Rohr unter der Decke gelegt und verknotet. Das andere Ende hatte er sich mit einer Schlinge, die aus der Entfernung sehr an einen Henkersknoten erinnerte, um den Hals gelegt und musste zum Schluss den Kartonstapel umgestoßen haben. Wenn wirklich alle übereinander gestanden hatten, war er gut zweieinhalb Meter gefallen, bis ihm die Schlinge das Genick brach. Ellen König drehte sich zu den Leuten von der Spurensicherung um: "Was schätzen Sie, wie hoch ist der Keller?"

"Pi mal Daumen, drei Meter fünfzig, Frau Hauptkommissarin?" antwortete Körner ohne Zögern.

"Solche Paläste werden heute nicht mehr gebaut."

"Nein, der Bau stammt aus dem Jahr 1911."

"Woher wissen Sie?"

"Über der Haustür ist eine Art Wappen mit der Jahreszahl eingemauert."

"Okay, bitte genau ausmessen. Vor allem die Fallhöhe."

"Geht in Ordnung."

"Dann mal los."

Der Fotograf begann mit seiner Arbeit. Der Zeichner spannte einen Bogen auf sein Klemmbrett und rollte das Messband aus. Die Spusi suchte Millimeter für Millimeter den Boden rund um die durcheinanderliegenden Kartons und Kisten ab. Ellen König winkte Arno Brock zu und sie gingen mit der Hausbewohnerin vor die Eisentür in den Korridor.

"Sie kennen den Mann, der sich da erhängt hat?"

"Ja, natürlich. Das ist der Dr. Thomas Schlich. Er wohnte im ersten Stock nach vorne raus."

"Und Sie haben ihn heute Morgen gefunden?"

"Ja, ich wollte in meinen Keller gehen und den großen Koffer holen. Mein Gott, war das ein Schreck. Ich kriege immer noch nicht richtig Luft."

Kriminalkommissar Arno Brock war der jüngste im Team des Referats 11. "Sie haben sich sehr tapfer verhalten und alles richtig gemacht", lobte er und es klang, als tröste er seine Großmutter. Ellen König war schon mehrfach aufgefallen, dass ihr Jüngster ausgesprochen gut mit älteren Menschen umgehen konnte und den richtigen Ton traf. "Frau Born, wann haben Sie denn den Herrn Schlich zum letzten Mal gesehen?"

"Wann? Am Montag. Am Montagabend, da ist er mit seiner Freundin nach Hause gekommen."

"Es wäre ganz toll, wenn Sie nun auch noch wüssten, wer diese Freundin ist?"

Die Grauhaarige lachte lautlos auf. "Und ob ich das weiß. Schließlich unterrichtet sie meine Enkelin in Französisch, am Gertrud-Bäumer-Gymnasium."

"Die Welt ist doch manchmal sehr klein", staunte Brock und Mathilde Born lächelte geschmeichelt, als sei das ihr Verdienst.

"Dann wissen Sie doch bestimmt auch, was Dr. Schlich arbeitet?"

"Ja, er arbeitet beim Verlag Köhler und Moll. Wenn er nicht im Landtag ist."

"Entschuldigung, das verstehe ich nicht; wenn er nicht im Landtag ist - was heißt das?"

"Er ist doch Abgeordneter im Landtag, habe ich das noch nicht gesagt?"

"Nein, liebe Frau Born, das wollten Sie uns bestimmt verschweigen." Brock lächelte sie an und sie zwinkerte ihm zu.

Ellen König war fast erleichtert. Ein MdL - das hieß mit ziemlicher Sicherheit, die Kollegen vom Staatsschutz würden ihnen den Fall abnehmen - worüber sie nicht böse war. Sie hatten genug anderes zu tun. Wenn es überhaupt ein Fall war. Bis jetzt sah alles nach einem Suizid aus, wenn auch mit einer ungewöhnlichen Methode. Und mit einem noch unbekannten Motiv. Ellen König ging zum Telefonieren auf die Straße und rief den Leitenden Oberstaatsanwalt an. "König hier, Herr Oberstaatsanwalt, wir sind bei einem Selbstmord in der Wagnerstraße 28. Laut Aussage einer Hausbewohnerin ist der Tote ein Dr. Thomas Schlich, Mitglied des Landtags... Nein, im Moment kein Anzeichen für ein Fremdverschulden. Informieren Sie den Staatsschutz? Sie wissen vielleicht, das Verhältnis der Elften zu den Vierzehnern ist etwas gespannt."

"Das ist die Untertreibung der Woche, Frau König. Machen Sie mit der Tatortaufnahme weiter, ich komme gleich selber mal raus."

Fünf Stunden später gaben sie den Fall offiziell an die Kollegen vom Referat 14 ab, nachdem sie ihre Protokolle getippt und weitergeleitet hatten. In den Abendnachrichten des Fernsehens hieß es schon lapidar. "Der Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen."

Das Presse-Echo war riesig, und wurde noch größer, als Kollegen Remmers vom 14. K. auch bei der zweiten Pressekonferenz erklären musste: "Nein, wir haben keine Ahnung, warum Dr. Schlich das getan hat... nein, kein Hinweis auf ein Motiv oder einen Anlass für diese Tat."

Remmers, der sich wie alle Vierzehner nach den Pannen mit dem Zittauer NSU-Trio um ein gutes Verhältnis mit den Kollegen bemühte, war vor der Pressekonferenz beim Referat 11 vorbeigekommen; hier konnte er offener reden als nachher vor den Journalisten und Kameras. Nein, nicht der geringste Hinweis auf ein Fremdverschulden, aber leider auch keiner auf den Grund oder den Anlass des Suizids.

"Der Todeszeitpunkt steht fest?"

"Ja, am Dienstagabend, zwischen 19 und 21 Uhr."

"Sag mal, Remmers, ich verstehe nichts von Knoten und Schlingen, aber was sich dieser Schlich da um den Hals gelegt hat, sah doch ziemlich nach einem Henkersknoten aus, wie man ihn aus den Piraten- und Westernfilmen kennt."

"Stimmt. Schlich war Segler und hatte solche Knoten mal gelernt. Viel mehr Kummer macht mir seine Freundin."

"Wie das?"

"Sie ist laut Nachbarn am 26., also an dem Tag, an dem die Leiche gefunden wurde, losgefahren, kein Mensch weiß wohin, und wir können sie seitdem nicht finden. Auch nicht über ihr Handy." Die Elfer verstanden, warum Remmers dabei eine Grimasse schnitt. Petra Beyer war allenfalls eine Zeugin, aber wenn die Presse erfuhr, dass sie nicht aufzutreiben war, konnte sie schnell zur Verdächtigen oder auch "nur" zum Anlass des Selbstmords gestempelt werden. Und beide Erfahrungen machten die Menschen in der Regel nicht kooperationsbereiter.

Remmers hatte noch einen Posten auf seiner Liste: "Schlich war Denkmalschutzbeauftragter des Landtags. Ich muss alle Akten lesen, ob er dabei einem Investor oder Kaufinteressenten so sehr auf die Zehen getreten ist, dass der eine rabiate Gegenwehr beschlossen hat."

"Aber ich denke, die Tatortaufnahme hat keinen Hinweis auf ein Fremdverschulden ergeben", warf Jule Springer ein.

"Richtig, Frau Kollegin. Aber was ist schon die Erkenntnis von Fachleuten, wenn sich ein wunderschönes Motiv für ein Verbrechen ergibt."

In dem Punkte hatte er leider Recht. Was war ein Selbstmord gegen ein hervorragend getarntes Verbrechen? Und das noch bei einem Politiker?

Kommissar Arno Brock fragte: "Und wie sieht es mit Schlichs Privatsphäre aus?"

Remmers kratzte sich den Hinterkopf: "Also. Bevor er Denkmalschützer wurde, soll er ein ausgedehntes Liebesleben geführt haben. Danach ist er sehr seriös geworden, was wohl auch mit dieser Petra Beyer zusammenhängt, die ihn, wie man sagt, ziemlich fest an der Kandare hat."

Am Dienstag, ausgerechnet am 1. April, rief Remmers bei Ellen König an. "Könntest du mal zu uns rüberkommen? Petra Beyer wird gleich erscheinen. Eine Frau wäre gut dabei."

"Danke, bin schon unterwegs."

Ellen König stutzte, als ein Kollege mit der Zeugin Petra Beyer den Raum betrat.

"Frau Petra Beyer. Meine Kollegen Remmers und Stein. Und Ellen König."

Auf den ersten Blick sah Petra Beyer wie ein Teenager aus, höchstens 18 Jahre alt, klein, zierlich und barbiepuppenhaft. Ein hübsches Gesicht, sehr hellbrünette, kurz geschnittene Haare und braune Kulleraugen. Ein kurzes Hängerkleidchen mit einem beachtlichen Ausschnitt, lange Beine und Schuhe mit mittelhohen Absätzen. Wie eine Schülerin, die sich auf sexy und erwachsen aufgebrezelt hatte, dachte Ellen König. Doch als Petra Beyer ihnen die Hand gab, korrigierte sie ihren ersten Eindruck, die Zeugin war wesentlich älter und erfahrener, auch selbstbewusst genug, sich von der Situation nicht einschüchtern zu lassen. Ihre geschwollenen Lider verrieten, dass sie noch vor kurzem geweint hatte, aber ihre Miene zeigte erfreulich viel Beherrschung.

"Wir müssen uns bedanken, dass Sie extra aus dem Urlaub zurückgekommen sind", begann Remmers höflich. "Ich weiß, dass es ein Schock für Sie gewesen ist, aber wir brauchen Ihre Aussage, Frau Beyer."

"Bestehen denn Zweifel an Thomas' Selbstmord?" Sie hatte eine klare, sehr helle Stimme, und Ellen König hätte darauf gewettet, dass Petra Beyer irgendwann einmal Stimmbildung betrieben und Sprechunterricht genommen hatte. Hatte sie mal an eine Karriere als Schauspielerin gedacht?

"Nein", entgegnete Remmers ruhig. "Oder haben Sie eine Erklärung für Schlichs Selbstmord, die Sie selbst überzeugt?"

Nach einer Weile schüttelte sie den Kopf und schaute blicklos auf das Mikrophon.

"Dann müssen wir ein formelles Protokoll aufnehmen."

Die Angaben zur Person machte sie schnell und zügig. Petra Beyer, 29 Jahre alt, Studienrätin mit den Fächern Französisch und Geschichte am Gertrud-Bäumer-Gymnasium. Ledig. Eine Anschrift in der Oststadt.

"Frau Beyer, wann haben Sie Thomas Schlich kennengelernt?"

Vor etwa zweieinhalb Jahren. Der Direktor der Schule, an der Schlich einmal sein Referendariat abgeleistet hatte, wurde in den Ruhestand verabschiedet, und bei der Feier stellte er sich vor. Sie war, wie sie zugab, an dem Nachmittag nur mäßig beeindruckt von dem Landtagsabgeordneten und Beauftragten des Landtags für den Denkmalschutz, aber als er sie zwei Tage später anrief, traf sie sich mit ihm zum Essen. Seit achtzehn Monaten hatten sie jetzt ein Verhältnis, das sie nicht verheimlichten. Doch seinen Wunsch, zu ihm zu ziehen, hatte sie nicht erfüllt. Teils, weil sie nicht auf eigene vier Wände verzichten wollte, in die sich zurückziehen konnte, teils aber auch, weil er wie alle Politiker oft und lange unterwegs war, spät nach Hause kam und mehr als einmal Verabredungen kurzfristig absagte. Sie verspürte wenig Lust, den größten Teil ihrer Freizeit mit Warten zu verbringen, und deshalb hatte sie auch nie daran gedacht, ihren Beruf aufzugeben. Es gab zwei getrennte Freundes- und Bekanntenkreise.

"Und heiraten?" warf Ellen König ein.

Nach einer Weile zuckte sie die Achseln. Natürlich hatten sie mal darüber gesprochen, aber eigentlich waren sie beide mit dem gegenwärtigen Zustand zufrieden. Sollte er einmal Minister werden - sie zuckte wieder die Achseln - dann sah vieles anders aus.

"Dann müssen wir über die vorige Woche sprechen, Frau Beyer."

Sie nickte zögernd. Die Woche hatte ganz normal begonnen. Am Mittwoch wollten sie in Kurzferien fliegen, die Feiertage in einer gemieteten Wohnung in Florenz verbringen. Am Montagabend waren sie verabredet, bei Schirmer in der Renzelgasse. Um 19 Uhr. Sie hatten etwas gegessen und waren gegen 21.00 Uhr aufgebrochen und zu ihm gefahren, in die Wagnerstraße 28. Bis dahin ein ganz normaler Abend. Wann sie in seiner Wohnung eingetroffen...? Schätzungsweise um 21.20 Uhr. Bis dahin - einen Moment kämpfte sie wieder mit den Tränen. Er hatte den Wagen schon auf dem Hof in der Garage abgestellt, weil sie über Nacht bei ihm bleiben wollte. Dann schloss er die Wohnungstür auf und sagte 'Hoppla'. In der Diele lag ein Brief auf dem Boden, wie unter der Tür durchgeschoben. Er hatte ihn aufgehoben und sich noch gewundert, keine Briefmarke, kein Absender, kein Aufdruck. Sie ging ins Wohnzimmer voraus, er blieb zurück und riss den Umschlag auf. Nach drei oder vier Minuten kam er totenbleich ins Wohnzimmer und sagte nur: 'Du musst bitte gehen, Petra, sofort. Es tut mir schrecklich leid, aber aus unserem Urlaub wird nichts, ich kann nicht wegfahren.'"

"Mehr hat er nicht erklärt?"

"Nein. Kein Wort mehr. Aus unserem Oster-Urlaub wird nichts, ich kann nicht mit dir wegfahren, es tut mir leid, du musst jetzt bitte sofort gehen."

"Wie haben Sie reagiert?"

"Natürlich bin ich zornig geworden. Das war ja wohl die Höhe, zwei Tage vorher - und dann ohne Begründung - nur so...Na ja, wir haben uns mächtig gezankt."

"Frau Beyer", mischte sich Ellen König ein. "Als Sie sich stritten - wo befand sich da dieser Brief?"

"Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich hatte er ihn eingesteckt. Oder in sein Arbeitszimmer gebracht. Natürlich hab' ich ihn gefragt, ob diese - diese Absage was mit dem ,merkwürdigen Brief' zu tun hätte, aber darauf hat er nicht geantwortet."

"Können Sie uns etwas über diesen Brief sagen?" nahm Remmers wieder das Wort. "Format, Größe?"

"Nein. Leider nicht. Ein normaler weißer Umschlag. Diese längliche Form."

"Dick oder dünn? Mit Adressfenster?"

"Ich weiß es nicht, ich habe nicht darauf geachtet. Normal dick, denke ich mir, vielleicht zwei gefaltete DIN A 4-Seiten, sonst hätte man ihn wohl nicht unter der Wohnungstür durchschieben können."

"Hat Schlich nicht mit einem Wort angedeutet, was in dem Brief gestanden hat?"

"Nein", sagte sie erschöpft. "Was glauben Sie, wie oft ich mir darüber den Kopf zerbrochen habe."

"Hatte Thomas Schlich Ihres Wissens früher einmal Drohbriefe bekommen? Oder wurde er erpresst, beschimpft, verleumdet?"

"Nein. Er bekam viel Post in sein Büro, das hat er oft erzählt, und darunter waren wohl auch Querulanten und Besserwisser und Nörgler, richtig, auch Weltverbesserer und die üblichen Verrückten. Einer hatte das Perpetuum mobile erfunden, einer wusste, wie man radioaktiven Müll entstrahlen kann, einer brauchte nur eine Million Euro, um kosmische Schwerewellen mit hundert Prozent Wirkungsgrad in elektrischen Strom umzusetzen, so in der Art. Aber echte Drohschreiben - nein, die hat er nie erwähnt."

"Hat er einmal Namen von Personen genannt, die ihm besonderen Ärger machten? Oder Schwierigkeiten?"

Ellen König hörte nur noch mit halbem Ohr zu. Remmers und Stein spulten das ganze Repertoire herunter, zwei Profis, die sich die Bälle zuspielten und en passant von verschiedenen Seiten Petra Beyers Verhältnis zu Thomas Schlich ausloteten. Der Streit am Montagabend war kurz und heftig gewesen, weil er sich um einen heiklen Punkt ihrer Beziehung drehte: Sie fühlte sich wieder einmal versetzt, in die Ecke gestellt, übergangen, abgeschoben oder, wie sie es formulierte "zweitwichtig". Immer wieder setzte Remmers an: Warum hatte er sie so häufig versetzt? Eine klare Auskunft erhielt er nicht. Petra Beyer glaubte nicht an eine andere Frau, obwohl sie wusste, dass Thomas vor ihr ganz und gar nicht wie ein Mönch gelebt hatte.

"Es lohnt sich nicht, auf Verflossene eifersüchtig zu sein, eher schon auf Gegenwärtige und gegen Zukünftige ist eh kein Kraut gewachsen."

Ihre wahre Befürchtung offenbarte sie den Profis nur indirekt: So groß sei Schlichs Zuneigung nicht gewesen, dass er immer alles versucht habe, mit ihr zusammen zu sein. Remmers wollte nicht das Ekel vom Dienst abgeben und verkniff sich daher die Frage, wie groß denn Schlichs Potenz und sein Wunsch gewesen war, mit ihr zu bummsen. Er fragte auch nicht, wie es mit ihrer Libido gestanden hatte. Ein Bier mit zwei alten Freunden schien ihm wichtiger gewesen zu sein als Sex, Erotik und Zärtlichkeit und ein Abend mit seiner Freundin. Das sprach Petra Beyer nicht deutlich aus, aber die Mannschaft verstand es.

Gegen 22.10 Uhr hatte sie Schlichs Wohnung verlassen und war mit dem Bus in die Oststadt gefahren. Den Dienstagnachmittag und -abend hatte sie noch in der Nähe ihres Telefons und frisch geladenen Handys verbracht, doch als Schlich bis Mitternacht nicht angerufen hatte, war die Entscheidung gefallen. Am nächsten Morgen packte sie einen Koffer und fuhr auf gut Glück Richtung Frankreich. Die erste Nacht verbrachte sie in Speyer und fuhr tags darauf weiter nach Landau und besuchte dort eine Studienkollegin. Von Schlichs Tod erfuhr sie erst am Samstag, als sie nach dem Frühstück Zeitung las. Daraufhin war sie umgekehrt.

Der schnelle Blick, den Remmers und Stein wechselten, entging Ellen König nicht. Ein paar arme Kollegen würden gut zu tun haben, um das Alibi zu überprüfen, zumal sie arglos zugegeben hatte, Schlüssel für Schlichs Haus- und Wohnungstür zu besitzen.

Remmers nickte Ellen König unmerklich zu, die sich aufrichtete.

"Frau Beyer, ich möchte Ihnen noch eine Frage stellen, die ich eigentlich nicht stellen dürfte. Sie sind auch in keiner Weise verpflichtet, sie zu beantworten."

"Ja."

"Sie haben gesagt, dass Sie 29 Jahre alt sind. Sie sehen aus wie 19 und kleiden sich wie 16. Tun Sie das aus eigenem Antrieb oder hat das was mit Thomas Schlich zu tun?"

"Dann haben sie also auch davon gehört?"

"Von was gehört?"

"Er hatte mehrfach Probleme, weil er sich mit zu jungen Mädchen eingelassen hatte."

"Nein", sagte Remmers verblüfft. "davon haben wir nichts gehört."

"Ich hatte manchmal den Eindruck, dass er bei mir blieb, weil ich für ihn alt genug war, damit er keine Schwierigkeiten bekommen konnte, aber seinem Ideal eines braven Schulmädchens äußerlich doch sehr nahe kam."

Das zuzugeben, war ihr schwer gefallen, man sah es ihr an, und sie stand danach auch schnell auf und ging. Ellen König knurrte vor sich hin: "Das heißt ja wohl, er hatte Angst vor erwachsenen und erfahrenen Frauen."

"Ob so eine Frau ihm diesen geheimnisvollen Brief geschickt oder unter der Tür durchgeschoben hatte?"

Einen solchen Brief hatten sie nicht gefunden. Schlich musste, nach dem Ergebnis der Obduktion, gegen 20 Uhr am Dienstagabend in den Keller gegangen sein und sich dort erhängt haben. Er hatte also Zeit genug gehabt, den Brief zu vernichten und er hätte auch genug Zeit gehabt, einen Abschiedsbrief zu schreiben. Ob Petra Beyers Behauptung zutraf, der Brief habe weder Marke noch Anschrift noch Absender aufgewiesen?

Remmers berichtete von Petry Beyers Aussage, ohne ihren Namen zu nennen, und von dem geheimnisvollen, verschwundenen Brief auf der nächsten Pressekonferenz. Das war natürlich für die Journalisten ein gefundenes Fressen, endlich ein Anlass, eine Möglichkeit, hemmungslos zu spekulieren. Krieg in den Reihen der Liberaldemokraten, die in der Öffentlichkeit nicht sehr beliebt waren und denen man es nun heimzahlen konnte? Findige Rechercheure mit wenig Skrupeln und mit einem großen Spesenkonto hatten im Handumdrehen eine Liste der Projekte zusammengebracht, bei denen der Denkmalschützer Thomas Schlich mit Investoren, Bauunternehmern und Behörden aneinander geraten war; Schlich besaß wenig Kompetenzen, aber er verfügte über die Fähigkeit, Presse, Umweltschützer und Verbände für seinen Schutzauftrag zu mobilisieren; er war, wie die konservative Landeszeitung, die im Besitz der oppositionellen Bürgerunion war, tags darauf formulierte, "über die Parteigrenzen hinweg unbeliebt und als Störenfried fast schon verhasst".

Andere Reporter waren anderen Spuren gefolgt und hatten Ex-Freundinnen Schlichs aufgestöbert. Die meisten waren klug genug, sich nicht mehr an diese "so lange zurückliegende" Affäre erinnern zu können, diejenigen, die das Argument nicht benutzen konnten, rühmten unisono Schlichs Anstand, seine Ritterlichkeit und Höflichkeit.

"Weißt du, an welchen Begriff ich immer denken muss, wenn ich solche Artikel lese?" fragte Ellen König ihre Vertreterin Jule Springer, und Jule, die nicht nur intelligent und pfiffig, sondern auch schlagfertig war, antwortete prompt: "Sachschaden und Lebensgefahr. Bei solchen Lügen biegen sich die Balken und Träger jeder Decke."

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06

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Franz rief bei Isabella Borgward an: "Hast du heute schon BILD gelesen?"

Sie wusste sofort, auf was er anspielte.

"Ja."

"Unser Mann?"

"Weiß ich nicht, glaube ich aber nicht. Das wäre ja das falsche Objekt gewesen."

"Bis später mal."

Sie hatte lange nicht mehr an "Henry Ford" gedacht, verspürte aber, als sie auflegte, sofort wieder das, was sie das "erotische Kribbeln" nannte. Hoffentlich meldete sich Henry Ford bald einmal. Einem Foggisten war es gelungen, einen vollständigen Text der von Milde geplanten Maßnahmen zu organisieren. Franz hatte ungläubig den Kopf geschüttelt: "Das kriegt er doch in der EU nie durch."

Der Besorger hatte zugestimmt: "Europaweit nie. Aber der Schaden wäre schon immens, wenn er es nur in seinem Zwergenstaat einrichten würde."

"Nur in einem Bundesland?"

"Ja, Ludwig ist so gebaut."

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07

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In der Partei, bei den Journalisten und im Ministerium hatte sich mittlerweile herumgesprochen, dass Innenminister Ludwig Milde am 23. April, dem Todestag seiner Frau Helga, die vor acht Jahren mit ihrem Segelflugzeug aus bislang ungeklärter Ursache in den Bolyner Bergen beim Anflug auf Hegelsbach tödlich abgestürzt war, das Grab auf dem Parkfriedhof besuchte. Jedes Jahr stellte er einen Strauß roter Rosen in eine der Grabvasen und bereute in den Minuten, die er danach stumm vor dem Grab stand, immer wieder, dass er am letzten Abend ihrer Ehe einen so heftigen wie sinnlosen Streit vom Zaun gebrochen hatte. Sie stritten sich damals häufiger, aber wirklich ergrimmt hatte ihn ihr Geständnis, dass sie sich am Tage zuvor bei seinem älteren Bruder Hans Joachim ausgeweint hatte. Ausgerechnet bei Hajo, diesem Lumpen, Faulpelz und Schnorrer, der wohl noch keinen Monat lang von ehrlicher Arbeit gelebt hatte. Und woher Hajo das Geld hatte, um diese Beteiligungsfirma Kylinda zu kaufen, wollte er so genau gar nicht wissen. In der Politik herrschten immer noch bestimmte Formen von Sippenhaft.

Ludwig Milde hatte es wie einen Verrat oder Betrug empfunden, obwohl er ihrem Wort vertraute, dass es zwischen Schwager Hajo und ihr noch nie einen sexuellen oder erotischen Kontakt gegeben habe. Und je länger die Fachleute vergeblich nach der Ursache für den Absturz bei idealem Flugwetter, ausreichender Helligkeit und genügender Höhe für einen problemlosen Landeanflug auf den ihr gut bekannten Platz Hegelsbach suchten, desto mehr plagte ihn der Gedanke, sie könne den Tod gesucht haben, und zwar in einer Form, die ihn vor dem Verdacht bewahrte, sie habe seinetwegen Selbstmord begangen, eine Befürchtung, die er bisher noch nie laut ausgesprochen hatte, die ihn aber von Jahr zu Jahr mehr quälte.

Sie hatte ihm vorgeworfen, dass er nur noch Zeit für seine Partei, die Liberaldemokraten (LD) habe, und er hielt ihr vor, dass sie ihre Zeit mit Segelfliegen verplempere und ihre drei Kinder vernachlässige. Die große Liebe und frühere Leidenschaft zwischen ihnen waren längst erloschen, aber erst, nachdem er in den Landtag gewählt worden war, nahm auch ihr Alltags-Verhältnis Schaden. Am 22. April hatte er lange mit seinem Parteivorsitzenden Odilo Marquardt gesprochen. Marquardt strebte eine Koalition mit der Sozialen Volkspartei (SVP) an und wollte, wenn es dazu kommen sollte, Ludwig Milde als Kandidaten der LD für das Innenministerium präsentieren.

"Warum willst du das nicht machen?" hatte Milde erstaunt zurückgefragt.

"Ach, weißt du, Ludwig, ich bin ziemlich genau so, wie mich die Wähler und Kabarettisten verspotten. Ich bin ein Weichei, ein großer Zögerer und Zauderer, ein Theoretiker und Träumer, den es nur durch einen blöden Zufall in die praktische Politik verschlagen hat. Schon bei dem Gedanken, ich müsste mich mit der Verwaltung eines Ministeriums, der Polizei, eines Landeskriminalamtes und aller dieser Landesbehörden herumschlagen, mit Verwaltungsvorschriften, Besoldungs- und Beförderungsfragen, läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter. Ausgerechnet ich soll die Landesverfassung und den steuerehrlichen Bürger schützen? Nein, das ist nichts für mich, da kann der Staatssekretär noch so gut und hilfreich und loyal sein, wie er will. Das kannst du besser als ich. Und ein erwachsener Mensch sollte wissen, was er kann und wo seine Grenzen liegen und vor allem sollte ihm klar sein, was er will. Ich mache mit Vergnügen weiter den Landesvorsitz und kümmere mich um den Fraktionsvorsitzenden, den wir hoffentlich nach der nächsten Wahl wieder haben werden."

Es kam so, wie Marquardt gehofft hatte. Die Liberaldemokraten errangen von den 101 Sitzen des Landtags 16 Mandate und damit Fraktionsstatus. Die Soziale Volkspartei unter ihrem Spitzenkandidaten Heinrich Fürst, schnell als Fürst Henry oder Heiner ohne Land karikiert, kam auf 47 Sitze, die konservative Bürgerunion erhielt 38 Mandate. SVP und LD bildeten eine Koalition unter Heinrich Fürst und Ludwig Milde wurde mit allen Stimmen der Koalition zum Innenminister gewählt. Die SVP-Fraktion entschied sich einstimmig für Heiko Langer als Vorsitzenden, und was sich Marquardt gewünscht hatte, trat ein. Er und Langer verstanden sich ausgezeichnet, zwei rotweintrinkende und zigarrenpaffende Schachspieler, die sich mit lateinischen und griechischen Zitaten traktierten, und wenn es selten einmal sachliche Differenzen gab, war fast immer der Parteifreund Ludwig Milde in der Lage, so zu vermitteln, dass keine Missstimmung entstand. Nur in Mildes Ehe kriselte und knisterte es immer bedrohlicher. Bei einem dienstlichen Besuch eines vom Land bezahlten Kunstprojekts hatte er eine blond gelockte Sexbombe kennengelernt, die nur zu bereit schien, einer Einladung des Ministers und Familienvaters zu folgen.

Jedes Jahr, wenn Milde hier stand und auf den schlichten grauen Stein starrte, fragte er sich, ob es den Preis gelohnt hatte. Meist passte das auch heute wieder trüb-graue Aprilwetter zu seiner Stimmung und er war nicht böse, dass sich seine Bodyguards in diesen Momenten fernhielten. Die Dämmerung war früh hereingebrochen und auf dem Friedhof hielten sich bei diesem scheußlichen Wetter nur wenige Menschen auf. Am Himmel trieben schwere Regenwolken, es war kühl und vom bevorstehenden "Wonnemonat" Mai nichts zu ahnen.

Niemand hatte den Pfeil gesehen oder gehört, niemand etwas von dem Schützen bemerkt; der Pfeil traf den Minister in den Rücken und besaß genug Wucht, um Lunge und Herz zu durchbohren und noch auf der Brust mit der Stahlspitze auszutreten. Milde durchzuckte nur für den Bruchteil einer Sekunde ein unangenehmer Schmerz; dann wurde er von der Wucht nach vorne geworfen und kippte lautlos weg, schlug mit der Stirn gegen die Oberkante des Grabsteins und war bereits tot, als seine Leibwächter in seine Richtung losstürmten.

Hauptkommissar Bockel, der Leiter der Sicherungsgruppe, konnte sich später nur noch daran erinnern, dass er die ganze Zeit gedacht hatte: "Nein, bloß nicht jetzt. Bitte nicht. Das darf doch nicht mir passieren." Zum Glück waren alle Kollegen, bevor sie zum Personenschutz wechselten, in anderen Ressorts tätig gewesen, kannten sich also mit kriminalistischer Arbeit aus und bremsten rechtzeitig, bevor sie die Leiche erreichten und mögliche Spuren zerstören konnten. Erst dann besannen sich drei Männer, machten kehrt und liefen auf die Grabfigur im Rücken des Ministers zu, auf der anderen Seite des mit roter Asche belegten Weges. Der riesige übermannshohe Engel mit dem weit geschwungenen Gewand und den ausgebreiteten Armen und Flügeln war groß genug, dass sich dahinter ein Mann mit einem großen Bogen und einem Köcher voller Langpfeile verbergen konnte. Doch da war niemand und bevor sie nun alle kopflos Richtung Ausgang liefen, nahm Kommissar Petersen sein Handy und schlug Alarm. "Attentat auf Minister Milde am Grab seiner Frau. Der Täter hat wahrscheinlich einen großen Bogen benutzt und den Parkfriedhof über den Ausgang Albertstraße verlassen. Ringfahndung. Kein Hinweis auf Fluchtauto oder Täter möglich."

Auch Bockel hatte inzwischen Alarm geschlagen. In der Gruppe arbeitete ein früherer Rettungssanitäter, der sich mit aller Vorsicht dem am Boden liegenden Körper näherte und nach der Halsschlagader tastete. Sein lakonisches "Exitus" überraschte niemanden. Danach versammelten sie sich bis auf eine Wache am Grab alle auf der Albertstraße und warteten, teils auf der Straße, teils neben der Kapelle, die hier von der Straße über eine Treppe zu erreichen war, bis die Spurensicherung und die K-Technik eintrafen. Wenig später hielt auch ein Mannschaftswagen neben ihnen, das sofort informierte Landeskriminalamt hatte seine Leute in Marsch gesetzt.

Wenig später glich der Parkfriedhof einem Ausbildungsplatz der Polizei. Große Scheinwerfer, versorgt von laut tuckernden Motorgeneratoren, erhellten die Szene fast gespenstisch und erzeugten tiefschwarze Schatten, Männer in weißen Schutzanzügen krochen auf den Knien rund um das Grab der Helga Milde und suchten nach Spuren. Die Leiche wurde aus ihrer unwürdigen Position erst entfernt, nachdem ein Spezialistentrupp der Kriminaltechnik mit einem Lasermessgerät den genauen Standort des Ministers im Moment des Treffers rekonstruiert, den Auftreffwinkels des Geschosses und danach den Standort des Bogenschützen ermittelt hatte. Es war der Engel auf dem Familiengrab der Lohmeiers, Milde hatte der Figur bei seiner stillen Andacht den Rücken zugewendet, aber auch rund um den Engel konnten weder die Spezialisten noch später die eingesetzten Hunde eine Spur aufnehmen oder ein materielles Indiz sichern, das auf den Täter deutete.

"Als ob er weggeflogen wäre", bemerkte Egon Kurz, der Leiter der Kriminaltechnik des Polizeipräsidiums, den man mit seiner Truppe zur Verstärkung gerufen hatte, und deshalb knatterte wenig später ein Hubschrauber über die Gräber zwischen Albertstraße und Lohmeier-Engel. Auch die Besatzung fand nichts, die Wärmebildkameras zeigten nichts und die wenigen Besucher des Friedhofs hatten nichts Auffälliges oder Ungewöhnliches bemerkt. Dabei blieb es, als später alle Filme und Videoaufzeichnungen ausgewertet wurden, die von dem Hubschrauber aus gemacht worden waren.

Bockel ordnete an, dass sich Polizisten mit Nachtsichtgeräten auf dem Friedhof versteckten und bis zum Morgengrauen warteten, ob ein Täter glaubte, im Schutz der Dunkelheit aus einem Versteck verschwinden oder den irgendwo versteckten, unter Umständen verräterischen Bogen holen zu können. Er musste auffallen, wenn er einen großen Bogen fortschleppte. Sie schlugen sich die Nacht vergeblich um die Ohren.

Zu guter Letzt trafen auch noch der Polizeipräsident und Udo Tschakowiak, der Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium und der Präsident des Landeskriminalamtes am Tatort ein. Die drei Männer verständigten sich im Handumdrehen: Den Fall übernahm das Landeskriminalamt, verstärkt durch Beamte des Kommissariats Staatsschutz, das dafür sofort eine Sonderkommission Milde bildete, zu deren Leiter der Kriminalrat Jürgen Sager bestimmt wurde. Tschakowiak setzte durch, dass die "Geheimwaffe" des LKA, der Kriminalhauptkommissar Leo Steiger, in die SoKo berufen wurde, was Sager nicht gefiel, was er aber nicht verhindern konnte. Und noch hatte sich der Generalbundesanwalt nicht gemeldet und seine "Truppen" noch nicht in Marsch gesetzt.

Am nächsten Tag durchsuchte eine Hundertschaft noch einmal den Parkfriedhof, schaute hinter alle Grabsteine, achtete auf Spuren, dass irgendwo kürzlich etwas vergraben worden war, wühlte in den Abfallbehältern für verwelkte Blumen, Grünschnitt und vertrocknete Pflanzen, räumte die Abfallbehälter aus, in denen das Einwickelpapier von Blumensträußen, zerbrochene Grabschalen und Lichter lagen, kroch auch durch alle Ecken und Winkel der kleinen Friedhofskapelle und fotografierte auf den Parkplätzen vor den vier Eingängen alle Reifenspuren, die noch sichtbar waren. Zwei für den Vormittag angesetzte Beerdigungstermine wurden auf Bitten der Staatsanwaltschaft verschoben. Diese Durchsuchungsaktion brachte ein wenig hilfreiches Ergebnis: Der Lohmeier-Engel ruhte auf einem Sockel aus drei senkrecht im Untergrund stehenden Betonplatten, die mit einer Deckplatte, einen an einer Seite offenen Kasten bildeten, der das Fundament des Engels bildete. Der hintere Teil des Trägerkastens war gewaltsam entfernt worden, so dass unter der Trägerplatte ein ausreichend hoher Hohlraum entstanden war, in dem sich problemlos ein großer Bogen verbergen ließ. Sager staunte: "Ein waghalsiger Bursche."

"Wie meinen Sie das?" fragte Bockel.

"Wenn sich einer Ihrer Kollegen zufällig umgedreht hätte, wäre er gefasst worden." Aber da hatte sich keiner umgedreht, alle hatten auf ihren ermordeten Schützling gestarrt oder rannten noch zu ihm hin.

Im Laufe des Vormittags wurde die SoKo Milde zusammengestellt, und die Teilnehmer aus dem LKA ausgesucht. Zwei kürzlich pensionierte Kollegen aus der Pressestelle des Präsidiums wurden vorübergehend wieder zum Dienst gebeten.

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08

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Zu den ersten indirekten "Opfern" des Attentats gehörte der Geschäftsmann Markus Weber, seit neun Monaten der Lebensabschnittsgefährte der Journalistin Heike Möllner. Sie rief ihn gegen 19 Uhr an: "Tut mir leid, Markus, aus unserer Verabredung wird nichts. Ludwig Milde ist ermordet worden."

"Wer?"

"Ludwig Milde, unser Innenminister."

"Das ist nicht dein Ernst." Vor Schreck fiel ihm beinahe der Hörer aus der Hand. "Das kann doch nicht sein, wer ermordet denn einen Innenminister. Wo und wie? Wo waren denn seine Leibwächter? Wie konnte das passieren?"

"Stell dir vor, er ist auf dem Parkfriedhof mit einem Pfeil erschossen worden, als er am Grab seiner Frau stand. Da geht er an ihrem Todestag jedes Jahr hin und stellt Rosen auf ihr Grab."

Heike Möllner war Leiterin des Ressorts Landespolitik beim Tageblatt und mit dem Innenminister Milde nicht nur gut bekannt, sondern war sogar mit ihm befreundet gewesen. Weber kannte mittlerweile genug von ihrem Job, um zu wissen, dass es heute für sie ein langer Abend in der Redaktion werden würde. Ihr "Jubiläumsessen" - vor neun Monaten hatten sie zum ersten Mal miteinander geschlafen - musste warten.

Einen Abend anders als geplant verbrachte auch der Ministerpräsident Heinrich Fürst. Das Konzert der Conventus Köln, auf das er sich lange gefreut hatte, musste er aufgeben. Bei ihm stand das Telefon nicht still, seine beiden Referenten kamen und gingen wie die Weberschiffchen, und erst als er zugestimmt hatte, dass heute Nacht die Wachen vor seinem Haus verstärkt wurden und eine zweite Kolonne seine Frau und Tochter aus dem Konzert abholen würde, kehrte etwas Ruhe ein. Morgen würde das Kabinett zu einer Sondersitzung zusammentreten, seine Referenten schrieben bereits an dem Entwurf einer Regierungserklärung, die er nach der Ermordung seines Innenministers abgeben musste.

Mit seinen Innenministern hatte das Land wenig Glück. Ein Vorvorgänger Mildes war nach Aufdeckung eines Skandals in seinem Haus zurückgetreten, Mildes Vorgänger Frank Kanitz, ein ehrgeiziger Senkrechtstarter der Politik, hatte aus bis heute ungeklärter Ursache Selbstmord begangen. Und jetzt Ludwig Milde, einer der Garanten für die Stabilität der Regierungskoalition... Fürst konnte sich endlich den Cognac einschütten, den er schon nach dem ersten Anruf gebraucht hatte.

Ausgerechnet Ludwig Milde. Der "Großfürst", wie er manchmal von den Kabarettisten und Karikaturisten verspottet wurde, wusste sehr genau, was er an Milde hatte, und wie wichtig der Mann für den Zusammenhalt der Regierungskoalition aus Sozialer Volkspartei und Liberaldemokraten war. Wer sollte, wer konnte ihn ersetzen? Es war schon ein manchmal gnadenloses Geschäft, Milde lag noch nicht unter der Erde, da musste er sich Gedanken machen, wer ihn ersetzen sollte und konnte. Wenn er doch schon wüsste, wer und warum Ludwig Milde ermordet hatte. Nach einer Weile rief er einen seiner Referenten an:

"Holbert, lassen Sie sich doch mal sagen, ob es in letzter Zeit Drohungen gegen Milde gegeben hat, und wenn ja, warum... Nein, ein Zettel vor der Kabinettssitzung morgen früh reicht."

Bei einem Innenminister, dem Herren der Inneren Sicherheit, lag es nahe, an einen Anschlag aus den extremistischen Lagern oder dem Milieu der OK zu denken, zumal Milde mit großer Härte gegen die Organisierte Kriminalität und alle politischen und religiösen Extremisten vorgegangen war ("Der Islam gehört nicht zu Deutschland und in jeder Mosche hier gilt nur das Grundgesetz!"). Da standen zweifellos aus Sicht der Betroffenen noch einige Rechnungen offen. Fürst musste plötzlich schmunzeln, als er sich an die Reaktion des Publikums bei einer öffentlichen Fernsehdiskussion erinnerte. "Milde ist mein Name, nicht mein Charakter."

Natürlich waren die drei in der Stadt erscheinenden Tageszeitungen, Tageblatt, Landeszeitung und Morgenecho, voll mit dem Attentat, aber der Kenntnisstand hatte sich gegenüber gestern Abend nicht erhöht. Was immer die SoKo, die natürlich ausführlich vorgestellt wurde, herausgefunden haben mochte, es blieb unter der Decke. Und daran hatte Jürgen Sager gut getan; denn der Ansturm der Medien am Tage danach war kaum vorstellbar. Noch nie hatte es in der Bundesrepublik ein tödliches Attentat auf einen amtierenden Landes-Innenminister gegeben, selbst Teams amerikanischer Fernsehsender rückten an, die Namen Robert Kennedy, Wolfgang Schäuble und Olof Palme wurden häufiger als üblich zitiert und gedruckt. Auch Mildes Vorgänger Frank Kanitz wurde häufiger erwähnt. Gab es da Zusammenhänge? Sogenannte und selbsternannte Experten verzapften den üblichen Quatsch und seichten Blödsinn vor Kameras und Mikrophonen, faselten vom islamistischen Terrorismus und der allgemeinen Bedrohungslage: Es fehlte nicht viel, und man hätte Bin Ladens Söhne auf dem Flughafen gesichtet, wie sie an den Bändern der Gepäckausgabe auf ihre Munitionskiste warteten.

Auch Heike Möllner musste ihren Freund Markus Weber enttäuschen: "Du, unser Innenminister ist ermordet worden. Du kannst dir vielleicht vorstellen, wie die Redaktion in den nächsten Tagen rotiert."

"Meldest du dich, sobald du wieder Luft hast?"

"Versprochen, mein Schatz."

Derweil war die SoKo einen winzigen Schritt weitergekommen. An dem Pfeil hatten die Kriminaltechniker unter dem Mikroskop einige winzige Fussel entdeckt - wahrscheinlich Leder -, die von einem Handschuh stammen konnten, wie ihn Bogenschützen trugen, um sich nicht zu verletzen, wenn sie die gespannte Sehne losließen.

Die Chemiker entdecken an diesen Fusseln eine Substanz, die sich nach den komplizierten Untersuchungen als Leim herausstellte, wie er für Holz und Furniere verwendet wurde. Außerdem waren sie mit Karl Hoppe, dem Vorsitzenden des Vereins "Pfeil und Bogen" auf dem Parkfriedhof gewesen, den sie allerdings nicht durch den immer noch von Neugierigen und Journalisten belagerten Eingang an der Albertstraße, sondern über einen Nebeneingang für Gärtner und Grab-Pflegedienste betreten hatten, am Grab der Helga Milde, und Hoppe hatte ohne Wenn und Aber ausgesagt, dass ein von einem geübten Bogenschützen aus der Deckung des Lohmeier-Engels abgeschossener Pfeil auf diese Entfernung durchaus einen menschlichen Körper durchschlagen konnte. Eine andere Gruppe der SoKo stöberte in alten Zeitungen. Mildes Angewohnheit, am 23. April auf den Friedhof zu gehen und für einige Minuten vor dem Grab seiner Frau zu stehen, war seit Jahren bekannt, der Täter durfte damit rechnen, ein Ziel zu haben, das sich für einen kurzen Zeitraum nicht bewegte. Der hilfreiche Hoppe betonte allerdings auch, dass der Täter ein geübter Bogenschütze sein müsse, ein Anfänger, der nicht gelernt und lange trainiert hatte, mit Pfeil und dem sperrigen Bogen umzugehen, hätte diesen präzisen Schuss wohl nicht abgeben können.

Am Abend des zweiten Tages begannen die ersten Meckereien darüber, dass Kriminalrat Jürgen Sager und seine Leute mit versiegelten Lippen durch die Gegend liefen und den Mund nur öffneten, um den sie bedrängenden Journalisten zu sagen, dass es wichtiger sei, den Mörder zu finden, als die Neugier eines sensationslüsternen Publikums zu stillen. Doch Sager deckte seine Leute und konnte auf eine unnachahmlich trockene Art vor der Kamera so grob und deutlich werden, dass man wenige Tage später ihn und die Mitglieder der SoKo in Ruhe ließ. Den Ärger musste Werner Raschke, der Pressesprecher des Landeskriminalamtes, ausbaden. Und Ärger gab's reichlich; denn Raschke musste fast täglich um Verständnis bitten, das er nichts Neues mitzuteilen hatte.

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09

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Ministerpräsident Fürst hatte Anlass gehabt, gereizt zu reagieren. Denn die Entscheidung, wer Milde im Innenressort nachfolgen solle, fiel nicht leicht. Und die Zeit drängte. Ludwig Milde, von Natur aus ein liberaler Mensch mit allerdings unerschütterlichen Grundsätzen, hatte in entscheidenden Momenten immer genug Härte aufgebracht, ohne Zögern und sehr entschlossen durchzugreifen und - wenn es nottat - A. blitzschnell gegen B. auszutauschen und C. in den vorzeitigen Ruhestand zu schicken. Heike Möllner hatte im Tageblatt geschrieben, als Milde den Leiter der Verwaltungsakademie Knall auf Fall entlassen hatte: "Ludwig Milde scheint irgendwo eine große Schublade zu besitzen, in der lauter Zettel mit Anweisungen liegen, 'Was habe ich in dem und dem Fall unverzüglich zu tun?'" Mildes Staatssekretär Guido Hartmann war in einer Talkshow gefragt worden, ob es denn stimme, dass sein Minister eine solche Schublade besitze und auch konsultiere. Hartmann, ein großer und gefürchteter Spötter vor dem Herrn, hatte die Moderatorin herzlich angelächelt und süffisant geantwortet "Nur eine? Kennen Sie nicht seinen Lieblingsspruch bei renitenten Personen? 'Milde ist mein Name, nicht mein Charakter'."

Wahrscheinlich hatte Milde genau gewusst, wer da im Fall der Fälle seine Nachfolge antreten solle, aber es war ja keine Zeit mehr gewesen, ihn danach zu fragen, und eine Art Politisches Testament hatte er nicht hinterlassen. Im Koalitionsvertrag war festgeschrieben, dass die LD das Innenressort besetzten und noch vor der offiziellen Trauerfeier trafen sich Fürst und Odilo Marquardt zu einem vertraulichen Gespräch unter vier Augen.

"Wen haben Sie denn ausgeguckt, Herr Marquardt?"

Odilo hatte sich vorher ausführlich auch mit dem SVP-Fraktionsvorsitzenden Bernhard Abich unterhalten und musste nun ein ihm sichtlich peinliches Geständnis ablegen. "Bisher niemanden, Herr Ministerpräsident. In den Fraktionen will keiner ran, und auf einen Fremden haben sich die LD bislang nicht verständigen können." Marquardt nahm völlig zu Recht an, dass Fürst eine ungeschriebene Funktion seines bisherigen Innenministers bei den Liberaldemokraten genau kannte. Milde, ein erklärter Linksliberaler, stand für die Fortdauer der SVP-LD-Koalition und hatte alle Versuche einiger LD-Abgeordneter, noch vor den Wahlen mit Hilfe eines Konstruktiven Misstrauensvotums zu der konservativen Bürgerunion zu wechseln, energisch und erfolgreich abgewehrt. Was die Auswahl eines neuen Kandidaten nicht eben erleichterte.

"Würde es Ihnen was ausmachen, mir zu verraten, wer überhaupt im Gespräch gewesen ist?"

"Ruprecht von Rheinfelden, der Generalstaatsanwalt." Der MP schnitt eine Grimasse. Mit einem eigenwilligen Generalstaatsanwalt hatte er schon einmal gewaltigen Ärger bekommen.

"Eine Minderheit hat Professor Ingo Böhme ins Gespräch gebracht."

"Ein tüchtiger Mann und hervorragender Wissenschaftler, aber glauben Sie, dass er auch nur das Personal seines Lehrstuhls managen kann?"

Odilo lachte. "Wir müssten eine Planstelle für einen Mann beantragen, der pausenlos hinter ihm herläuft und alles aufhebt, was er fallen lässt oder vergisst."

Fürst brummte augenzwinkernd: "Sie wissen doch, das Land muss sparen."

"Wir haben noch eine Kandidatin am Landesverfassungsgericht, Dr. Margret Schönberger."

Fürst nickte, aber sichtlich nicht begeistert. Eine tüchtige Frau, das gab er zu, energisch und verwaltungserfahren als langjährige Direktorin des Landesarbeitsgerichts, aber leider auch eine erklärte Gegnerin des SVP-Ministerpräsidenten Heinrich Fürst. Wenn überhaupt, dann würde es ein schwieriges Zusammenarbeiten werden.

Marquardt seufzte. "Ich könnte Ihnen noch einen Kandidaten offerieren, den jetzigen Staatssekretär Dr. Christian Wunderlich. Ich weiß allerdings nicht, was sein Chef dazu sagt."

"Das dürfte ich dann regeln, wie?"

Wunderlichs Chef war der Justizminister Albert Höhne, ein SVP-Mitglied, ein honoriger, geschätzter Mann, aber nach langer Krankheit körperlich und seelisch ein Wrack. Es stand fest, dass er nach der nächsten Wahl nicht mehr in sein Amt zurückkehren würde. Und bis dahin leitete Wunderlich das Ressort Justiz unauffällig, loyal, verschwiegen und effektiv. Fürst hatte mehr als einmal daran gedacht, dass Wunderlich einen guten Justizminister abgegeben würde. Aber leider war er in der falschen Partei, Mitglied der Liberaldemokraten, zweifellos auf dem linken Flügel. Aber ob er im Innenressort die Fähigkeit und die Kampfbereitschaft seines Vorgängers Ludwig Milde besitzen würde, die jetzige Koalition gegen die Minderheit der rechten Liberalen kompromisslos zu verteidigen? Weil die Gedanken beider Männer in dieselbe Richtung gingen, lächelten sie sich an und Heinrich Fürst fragte seufzend: "Was treiben denn unsere Jungrebellen?"

"Im Moment geben sie - und das heißt in erster Linie: Vanderbeek - Ruhe. Sie wissen auch genau, dass es einen Aufschrei der Empörung geben würde, wenn sie den Mord an Milde nun zu einem neuen Vorstoß nutzen würden."

"Haben sich die beiden eigentlich persönliche Vorteile von einem Koalitionsbruch versprochen?"

"Ja. Thomas Schlich wollte gern das Ministerium für Schule und Bildung übernehmen, Vanderbeek spitzte auf Landwirtschaft, Forsten und Umwelt."

"Große Blumentöpfe können respektive konnten sie damit nicht gewinnen!" murrte Fürst, der sehr genau darauf achtete, wer in der Öffentlichkeit für gelungene Politikaktionen und Maßnahmen gelobt wurde.

"Nein, das scheint ihnen auch klar gewesen zu sein, beide sind respektive waren Überzeugungstäter, Herr Ministerpräsident. Und zumindest Schlich hatte seine Pläne wenn nicht begraben, so doch zurückgestellt, als er Denkmalschutzbeauftragter des Landtages wurde."

Fürst nickte und Marquardt holte tief Luft: "Wenn mich nicht alles täuscht, hat Wunderlich diesen Wandel bewirkt."

Fürst nickt erneut, so hatte man es ihm auch zugetragen.

Damit schickte sich Marquardt zum Gehen an. "Heiko Langer und mir ist klar, dass wir unsere Hausaufgaben noch nicht gemacht haben."

"Gut, Herr Marquardt, und im Falle des Falles rede ich mit dem Parteifreund Höhne, dass er uns seinen Staatssekretär freigibt. Guido Hartmann kann den Laden bis zu einer Neubesetzung gut zusammenhalten."

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Kriminalrat Jürgen Sager war ein besonnener, ruhiger, aber auch sturer Mann. Die zunehmende Kritik an der Erfolglosigkeit seiner SoKo kratzte ihn nicht. Er war fest davon überzeugt, dass der Bogenschütze hinter dem scheußlichen Grab-Engel der Lohmeiers gestanden hatte, und davon ließ er sich auch nicht abbringen, ebenso wenig von seinem Versuch, mit Hilfe der Ministeriumsleitung nach Personen zu suchen, deren Karrieren Milde schnell und schmerzhaft beendet hatte. Außerdem war das Innenministerium, wie fast alle anderen Ministerien, in Prozesse, Untersuchungen, Schiedsgerichtsverfahren und Streitereien aller Art verwickelt. Gab es im Kreise der daran Beteiligten Personen, die sich rächen wollten? Da musste man auf die eigenartigsten Reaktionen gefasst sein. Sager hatte in seinem Amt einen Fall erlebt, dass sich jemand umgebracht hatte, weil einem Kollegen, den er nicht ausstehen konnte, vor ihm die Beförderungsurkunde überreicht worden war. Wenn Menschen immer nur vernünftig und kalkulierbar handeln würden, wäre auch die Arbeit der Polizei und des LKA leichter. Sager hatte seinen SoKo-Mitarbeitern die dienstliche Anweisung gegeben, auch "verrückten Möglichkeiten" nachzugehen und "lieber eine Spurenakte zuviel als eine zu wenig anzulegen". Sie hatten alle gut zu tun, aber es ging nicht voran. Und die in der Presse immer häufiger auftauchende Forderung, den Mord an Milde mit dem Selbstmord des Parteifreundes Schlich in Verbindung zu bringen, lehnte er rundweg ab. Man durfte als Ermittler nicht über jedes Stöckchen springen, das man von einem Fantasten vorgehalten bekam. Dass Schlich ein innerparteilicher Gegner Mildes gewesen war, stellte schon lange kein Geheimnis mehr dar. Aber Schlich war vor Milde gestorben und hatte den Minister schlecht erschießen können.

Einen Tag nach der offiziellen Trauerfeier für Ludwig Milde hatte die SoKo den letzten Erben der Lohmeiers in Dänemark aufgestöbert und Sager fuhr mit einem Notar nach Aarhus. Björn Vesper, der Erbe, ließ sich überzeugen, dass die Polizei darauf angewiesen war, Spuren an dem oder in dem oder unter dem Engel zu finden und gab seine Einwilligung, das - wie er ebenfalls meinte - scheußliche Bauwerk notfalls in Stücke zu zerlegen. Er kannte auch den Namen der Firma, die den Engel seinerzeit errichtet hatte, und das Unternehmen hatte die Zeitläufe überstanden und existierte immer noch.

Der grauhaarige Meister Oskar Ungereit betrachtete die Vollmacht ungläubig und verlangte eine Erklärung; Kriminalrat Sager merkte rechtzeitig, dass er hier nicht kommandieren konnte, und ließ sich zu einer Tasse Kaffee einladen. In der Werkstatt war es laut und staubig, vier junge Männer und eine junge Frau in staubgrauen Kitteln, mit Schutzbrillen und Mundschutz meißelten, schliffen und polierten Grabsteine und Grabfiguren. Es schien nur ein Stück zu geben, das nicht für einen Friedhof bestimmt war, und an dem Brunnen mit zwei allegorischen Pferden, die zu einem kühnen Sprung ansetzten, hatte Meiste Oskar selber gewerkelt. Dass der Schütze, der Innenminister Milde getötet hatte, sich hinter dem großen Lohmeier-Engel verborgen hatte, wusste Ungereit aus der Zeitung. Aber wie sollte er wissen, wer das gewesen war.

"Großer Meister", meinte Sager nachdrücklich. "Wir suchen den Bogen und vielleicht einen Köcher. Wer sich vom Friedhof verdrücken wollte, wäre bei Tageslicht mit einem großen Bogen und einem Köcher voller Langpfeile aufgefallen. So leer war der Parkfriedhof zu dem Zeitpunkt nun auch nicht und die Albertstraße ist stark befahren. Deswegen möchten wir mit Ihrer Hilfe nachsehen, ob der Schütze seinen Bogen in, an, unter oder auf dem Engel versteckt haben kann."

Das leuchtete Oskar Ungereit nicht ganz ein; wozu verfügte Sager über Fach- und Arbeitskräfte aller Art?

"Ist der Engel hohl?"

"Aber ja. Ein massives Stück dieser Größe hätten wir nicht bewegen können und mit dem Gewicht wäre er längst eingesunken."

"Wie das?"

"Unter dem Parkfriedhof liegt eine alte Bleimine. Wegen der Gefahr von Tagesbrüchen ist das Gelände seinerzeit nicht als Bauland freigegeben worden."

"Aus reiner Fürsorge?" spottete Sager.

"Nein, so weit ging die sicher nie. Aber die Mine war zum Schluss zu hundert Prozent Eigentum des Landes, also würde es immer jemanden geben, an den man sich wegen Schadenersatz halten konnte. Der ganze Friedhof sinkt langsam, aber unaufhörlich, die Friedhofskapelle ist schon zum zweiten Mal nach den alten Plänen gebaut worden, weil der erste Bau kurz nach einer Trauerfeier in sich zusammengestürzt ist. Niemand wurde verletzt, Barbara sei Dank!"

"Wer ist Barbara?"

"Die heilige Barbara ist die Schutzpatronin der Bergleute und Tunnelbauer." Sager zwinkerte Meister Oskar zu. Sie verstanden sich gut.

"Der Lohmeier-Engel ist also aus Gewichtsgründen hohl?"

"Ja, noch einen Kaffee? Die letzte Arbeit meines Großvaters und seine erste mit Spritzbeton auf einem Maschendrahtgestell. Er hat vielleicht was geflucht, bis die Engelshaut auf dem Gerüst haften blieb. Kopf und Hände und Flügel sind aus Stein und innen an das Gerüst montiert."

"Dann könnten Sie in den Engel hinein?"

"Ja. Aber nicht so, wie Sie es gerne möchten: Es gibt keine Tür mit einem Schloss, für das ich nur den Schlüssel brauche."

"Sie dürfen ihn in Stücke zerlegen, die Erlaubnis dazu ist wasserdicht. Ob sie mit mir mal hingehen könnten?"

"Jetzt sofort?"

"Wenn es Ihnen passt."

"Na ja, passen tut es nie, aber der Mensch braucht ja auch Pausen. Jüppchen!" brüllte er plötzlich los und hinter einem Grabstein tauchte eine junge Frau auf, die sich eine Haube von ihren Haaren zog und sie schüttelte, so dass ganze Staubwolken die beiden Männer einhüllten. "Ich fahre mal auf den Parkfriedhof und klettere in den Lohmeier-Engel."

"Ist recht, Vater."

Sager musste mit anpacken und helfen, eine Leiter aufzuladen. Dann telefonierte Ungereit mit der Friedhofsverwaltung, um nicht mit seinem Transporter in einen Trauerzug zu fahren. Sie hatten freie Bahn. Doch so sorgfältig sie auch suchten, an dem Engel fanden sie keine Spur, dass jemand die Außenhaut aufgebrochen oder beschädigt oder die Metallklappe in das Innere der Figur geöffnet hatte. Sie legten die Leitern an und kletterten auf das Monstrum. Sager verspürte Höhenangst, die Figur fühlte sich seltsam glatt und rutschig an. Ungereit lachte und zeigte ihm, wo man einen Bogen zwischen den Flügeln gut hätte verstecken können. Doch auch diese Höhlung war es nicht, sie enthielt keine Spuren.

"Was ist mit dem Sockel, großer Meister? Der ist doch auch hohl?"

Hohl war er schon, aber eben auch leer. Ungereit schaute Sager nachdenklich an, als der ihm von der Leinentasche in dem Hohlsockel erzählte. "Können Sie mir mal zeigen, von wo die Leibwächter gekommen und wohin sie gelaufen sind?"

Das hatte sich Sager mehrfach zeigen lassen.

"Warum möchten Sie das wissen?"

"Also, mal praktisch gedacht. Der Minister kippt um, seine Leibwächter wollen zu allererst natürlich dem Minister helfen und dann den Schützen erwischen, der schiebt den Bogen hier hinter der Figur in den hohlen Sockel und türmt Richtung Kappelle. Ohne den auffälligen Bogen muss er gar nicht so schnell laufen, dass er sich bei anderen Friedhofsbesuchern verdächtig macht. Dann hat er in der Kapelle ein Versteck ausbaldowert, das normale Besucher nicht vermuten würden. Kommen Sie mal mit!"

Sager folgte dem eifrigen Meister, der in seiner Jugend bestimmt die drei Fragezeichen gelesen hatte und auch einen Schlüssel für die Friedhofskapelle besaß. "Die haben wir mehr als einmal durchsucht, großer Meister."

"Sind Sie auch in den Boden gekrochen?"

"In welchen Boden?"

"Da merkt man den Unterschied. Ein Bildhauer erkennt und hört sofort, dass Chorgestühl, Orgelspielbank und Orchesterpodium auf einem Hohlboden stehen. Man muss nur den Eingang dazu kennen." Meister Ungereit kannte ihn, öffnete mit viel Kraft und roher Gewalt eine Art Falltür, die sich durch Feuchtigkeit verzogen hatte und klemmte, sicherte sie vor dem Zufallen und kroch dann auf allen vieren in eine Art Gang, zwei Meter breit, aber bestenfalls nur einige Dezimeter hoch - für Menschen mit klaustrophobischen Anwandlungen nicht geeignet. Bald erschien er wieder, die Haar und Stirn voller Staub und Spinnweben, und krächzte: "Tut mir leid, Chef, Sie müssen reinkommen. Ich habe was entdeckt, aber in meinen Krimis heißt es immer, man solle nichts anfassen."

Bei soviel Kooperationswillen musste Sager sich einen Stoß geben und auf dem Bauch in die Höhlung kriechen. Seitlich verliefen sichtlich neu angelegte elektrische Leitungen in Schutzrohren nach hinten, wo die Windmaschine für die Orgel aufgebaut war. Da lag tatsächlich etwas, was in diesem Schummerlicht wie ein Bogen aussah.

Sie setzten sich in die Kapelle - "mal wieder beten, kann nie schaden", meinte der Meister des Hammers und des Meißels - und warteten stumm auf die Kriminaltechnik.

In dem Hohlraum lag ein Sportbogen Kudo de Luxe. 68 Zoll, außerdem ein silbern glänzender Handrelease. Dazu ein lederner Köcher mit einer Reihe Metallpfeilen.

Der erste Jubel der SoKo-Mitarbeiter legte sich rasch. Man konnte den Bogen für weniger als hundert Euro im Internet-Versandhandel bestellen, und so lange sie nicht wussten, nach welchem Besteller sie suchen sollten, nutzen ihnen die Listen der Käufer auch nicht viel. Sager setzte vierzehn Leute darauf an, alle Adressen und Käufer zu checken und in einer Spurendokumentations-Datei zu erfassen. Sie erfassten fast hundert Abnehmer und einige wohnten nicht weit entfernt, drei sogar in der Stadt. Immerhin: Mit dem Bogenfund ließ sich der wahrscheinliche Fluchtweg des Schützen rekonstruieren. Er hatte wohl vor dem Schuss den Bogen samt Tragetasche unter dem Engel versteckt, sobald er sich informiert hatte, wann und wo er den Minister antreffen würde; dabei hatte er sicher erfahren, dass der von Leibwächtern begleitet wurde, die ihn samt Pfeilen und Bogen abgedrängt oder festgehalten hätten. Nach dem Schuss war er die wenigen Schritte zum Eingang der Friedhofskapelle gelaufen - die war normalerweise abgeschlossen, doch schwer war es mit Sicherheit nicht, sich einen Nachschlüssel für das simple Schloss der Haupttür zu besorgen, und vor dem Anschlag auf Milde aufzuschließen. Bei seiner Flucht in die Kapelle hatte der Schütze einiges riskiert, aber er hatte Glück gehabt, dass sich in den Sekunden kein Personenschützer zum Albertstraßen-Eingang des Friedhofes oder zur Kapelle umdrehte, er hatte von innen die Eingangstüren der Kapelle abgeschlossen und war auf die Empore gelaufen, hatte dort Pfeile und Bogen versteckt. Später gelangte er durch die Tür aus dem Andachtsraum in die winzige Sakristei und aus der Sakristei durch die Tür ins Freie, hatte alle Türen hinter sich verschlossen und die Schlüssel, so weit sie steckten, abgezogen und mitgenommen. Rein theoretisch konnte er nach dem Schuss den Bogen auch unter dem Engel versteckt haben und durch die Kapelle nur geflohen sein; dann musste er allerdings noch einmal zurückgekommen sein, um Pfeile und Bogen aus dem Kasten unter dem Engel zu holen und auf der Empore zu verstecken. Warum dieses doppelte Risiko? Warum musste er überhaupt die Waffen verstecken, war er so sicher, dass man sie und ihren Eigentümer oder Käufer nicht identifizieren konnte?

Das war beim "Abendgebet", der täglichen Schlussbesprechung, die am meisten umstrittene Frage.

Sager zögerte: "Ich weiß es einfach nicht. Da oben im doppelten Boden der Empore hätte der Bogen jahrelang liegen können. Wir haben ihn ja bei der ersten Durchsuchung auch nicht gefunden. Oder er hat gefürchtet, dass wir bei Dunkelheit die Zugänge des Friedhofes überwachen und er mit der Tragetasche auffallen würde."

"Oder", so warf ein Kollege ein, "er ist sich sicher, dass wir ihn als Eigentümer des Bogens und Käufer der Pfeile nicht identifizieren können."

Über ein Fachgeschäft ermittelten sie umgehend den Hersteller und den Importeur des tödlichen Pfeils, und der schüttete sofort Wasser in den Wein. Zwar wurden die meisten Tasla-Pfeile an Vereine geliefert, aber auch einige wenige Fachgeschäfte verkauften sie an Laufkundschaft. Sager besorgte eine Liste der Fachgeschäfte und schickte Leute los, die mit Namen und Anschriften von Pfeil-Käufern zurückkamen. Das Dumme war, dass sie nicht wussten, nach wem sie suchen sollten, Mann oder Frau, alt oder jung: Sie hatten in den Geschäften die Namen einiger Dutzend Kunden erfahren, die sie in ihrer Spurendokumentation speicherten, vielleicht ergab sich später einmal bei einem Abgleich mit Daten, die sie aus anderen Gründen aus anderen Quellen gewonnen hatten, eine Übereinstimmung.

Jürgen Sager hatte zur Kontrolle den Pfeil einem anderen erfahrenen Bogenschützen aus der deutschen Olympiamannschaft gezeigt, und der hatte gelobt: "Donnerwetter, das ist wirklich beste Qualität."

"Was soll das heißen?"

"Der Pfeil stammt aus Finnland, sehr gut, sehr stabil, hervorragende Flugeigenschaften und leider auch sehr teuer."

"Das heißt, nicht jeder Verein benutzt solche Pfeile?"

"Wo denken Sie hin! Damit werden höchstens Olympiateilnehmer ausgerüstet." Ihr Attentäter hatte sich sein "Werkzeug" also einiges kosten lassen. Diese Erkenntnis brachte sie nicht wirklich weiter. Außerdem mussten sie den warnenden Hinweis berücksichtigen, dass kein Mensch ohne Üben einen solchen Präzisionsschuss abgeben konnte. Fast alle Pfeil- und Bogen-Vereine bekamen in den nächsten Wochen Besuch von Mitgliedern der SoKo Milde.

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"Isabella Borgward" hatte einige Tage gewartet, bis sich die erste Aufregung gelegt hatte und dann ihren Auftraggeber angerufen. Franz Lambeck war nicht sehr begeistert: "So viel Lärm passt uns eigentlich gar nicht in den Kram."

"Mir auch nicht, das darfst du mir glauben. Ich war fest davon überzeugt, dass er leiser, unauffälliger vorgehen würde. Maulwurf und nicht Nashorn. Was sollen wir jetzt tun?"

"Hat er sich schon wegen der zweiten Rate gemeldet?"

"Nein."

"Okay, dann tun wir gar nichts und warten einfach ab. Sehen wir uns mal wieder privat?"

Sie vermutete, dass er erneut ihr Bett ansteuern wollte. Doch dazu verspürte sie keine Lust, kein Kribbeln nirgendwo.

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In den ersten drei Wochen hatte Sager von der "Wunderwaffe" aus dem LKA nichts gemerkt. Leo Steiger hatte sich, ohne zu murren, in die Mannschaft eingereiht, Routineaufträge erledigt, wie alle anderen Klinken geputzt und nie erkennen lassen, dass er eine besondere Behandlung oder andere Aufgaben erwartete.

Dann kam er eines Nachmittags in Sagers Zimmer und legte ein Morgenecho auf den Tisch. "Jetzt schießen die sich ein!"

"Wie meinen Sie das, Kollege Steiger?"

"Die Presse will, dass der Mord an Milde politische Gründe hat. Keiner kann zwar angeben, welche, aber es muss politisch sein."

Sager nickte bekümmert. "Wir haben ganze Aktenstöße aus dem Ministerium bekommen, mit welchen Plänen, Projekten und Vorhaben sich Milde unbeliebt gemacht hat oder in Zukunft machen würde, aber Sie wissen doch auch, da war manchmal etwas Rauch, aber kein Mensch hat dahinter oder darunter je ein Feuerchen entdeckt."

Für den Abend verabredete sich Steiger mit Tschako. Der Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium zeigte seine Ungeduld offen. "Warum geht es in der SoKo Milde nicht voran, Steiger? Taugt Sager nichts?"

"Er macht gute Polizeiarbeit, Chef. Aber ich habe manchmal den Eindruck, dass man ihm die Hände auf den Rücken gebunden hat. An bestimmte Themen und Versionen wagt er sich nicht heran."

"Zum Beispiel?"

"An den ganzen Bereich Partei- und Personalpolitik."

"An den Sie jetzt heranwollen?"

"Nur, wenn Sie mich decken, weil ich Sager vorher nicht informieren möchte. Ich traue den seltsamen Verbindungen nicht."

"Na schön, machen Sie, was Sie für richtig halten, solange Sie kein wertvolles oder wichtiges Geschirr zerdeppern. Wenn Sager zu meckern beginnt, melden Sie sich!"

"Und es gilt wieder die alte Regel. Sie zeichnen meine Spesen ab?"

Tschako, wie ihn seine Freunde und nur wenige Bekannte nennen durften, winkte müde ab: "Sie könnten längst meinen Posten haben, wenn Sie nicht so geldgierig wären. Aber Ihre Frage heißt doch, dass Sie Geld brauchen. Wen wollen Sie bestechen oder wem wollen Sie imponieren?"

Steiger legte den Kopf schräg und lächelte Tschako an. Der schnaufte und stöhnte laut auf: "Nein, nicht schon wieder? Zwei tote Innenminister reichen mir, kapiert?"

"So, wie Sie gebaut sind, überleben Sie auch noch die drei oder vier Nachfolger."

Heike Möllner lachte nur, als Steiger sich am Telefon einstellte. "Auf deinen Anruf habe ich schon lange gewartet."

"Wie meinst du das? Verzehrst du dich vor Sehnsucht nach mir?"

"Nein, seelisch und sexuell bin ich zu Zeit anderweitig gut versorgt."

"Und wie heißt der Glückliche?"

"Du kennst ihn nicht. Markus Weber."

"Und wie lange geht das schon mit euch?"

"Neugierig bist du gar nicht, was? Neun Monate."

"Ich habe also keine Chance, ihn aus deinem Bett zu verdrängen?"

"Gar keine, mein Lieber."

"Schade. Würdest du trotzdem mit mir essen gehen?"

"Aus einem bestimmten Grund?"

"Ja. Ich sage nur - Parkfriedhof."

"Das habe ich mir schon gedacht."

"Um so besser. Können wir uns darauf einigen: Ein gutes Essen gegen einige gute Informationen?"

"Das hängt vom Restaurant ab."

"Scherrer."

"Toll. Also zeichnet Tschako wieder deine Spesen ab?"

"Du hast es erfasst. Heute 19 Uhr? Ich bestelle einen geeigneten Tisch."

"Sagen wir lieber 20 Uhr. Dann kann ich vorher noch was für meine Fassade tun."

"Einverstanden."

Sie kam pünktlich, was - wie Steiger wusste - in ihrem Job durchaus nicht die Regel war. Vor Ewigkeiten hatten sie eine heiße Affäre gehabt und sich unter Blitz, Donner und Hagelschlag getrennt, aber waren erstaunlicherweise Freunde geblieben, die sich immer noch vertrauten, und sogar manchmal noch miteinander schliefen, wenn beide ohne festen Partner waren. Aber Sex hatte sich zu einer erfreulichen, doch nicht mehr entscheidenden Beigabe ihrer Beziehung entwickelt. Sie profitierten auch beruflich voneinander, die Journalistin Heike Möllner besaß als Leiterin des Ressorts Landespolitik im Tageblatt politischen Einfluss, und er brachte aus dem Landeskriminalamt immer mal wieder für sie wertvolle Informationen mit, wobei sie genau wusste, dass auf diesem Weg das Tageblatt auch dazu benutzt wurde, gelegentlich die Sicht der Regierung zu verbreiten. Weil sie wussten, was sie voneinander zu halten hatten, störte es ihre Beziehung nicht.

Deswegen kam sie nach dem Bestellen gleich zur Sache: "Ludwig Milde?"

"Ja. Die SoKo steckt fest. Jürgen Sager ist ein guter Mann, aber er will den Fall auf konventionellem Wege lösen. Wir haben viele Käufer dieses Bogens gefunden und viele Käufer der Tasla-Pfeile, aber die Dateien passen nicht zusammen. Gut, der Täter hatte Ortskenntnisse, möglicherweise liegt ein Verwandter auf dem Parkfriedhof, aber daran arbeitet die SoKo noch. Motiv - bislang völlige Fehlanzeige. Und nun beginnt der Druck von außen."

Sie warf sofort ein: "Ich weiß. Landeszeitung und Morgenecho."

Er nickte und bedankte sich bei der Bedienung, die Heikes Glas vollgeschenkt hatte.

"Also ein politisches Motiv muss her, innerhalb der liberaldemokratischen Partei oder der Regierungskoalition oder innerhalb des Parlaments. Bei den Liberaldemokraten hatte Milde keine Feinde, aber zwei entschiedene Gegner. Thomas Schlich und Matthias Vanderbeek. Beide wollten einen Koalitionswechsel von der Sozialen Volkspartei zur Bürgerunion. Spätestens bei den nächsten Wahlen, bevor sich die Piraten, AfD oder ein anderer Neuling fest im Landtag etabliert."

Sie stimmte zu: "Vor den letzten Wahlen hatte es Wunderlich geschafft, Schlich zurückzupfeifen, indem er ihm einen Posten verschafft hat, und mit dem Honorar konnte Schlich seine Schulden bezahlen und einen Erpresser kaltstellen."

"Auf Kosten des Steuerzahlers, wie ich mal vermute", warf Steiger ein und sie nickte spöttisch: "Aber ja, mein Lieber, wir bewegen uns schließlich auf politischem Parkett. Der isolierte Vanderbeek kann allein nichts ausrichten, will aber weitermachen. Er will das Bündnis mit der SVP auf jeden Fall verlassen."

"Du kennst ihn persönlich?"

"Aber sicher."

"Ein Freund von dir?"

"Nein, auf keinen Fall. Ich halte ihn für einen krummen Hund."

"Und dieser Schlich?"

"Um den war es still geworden. Ich denke, er war bis zum Schluss kein Freund der SVP und unseres MP..."

"...MP?"

"Ministerpräsident."

"Konnten sich Schlich oder Vanderbeek einen politischen Vorteil ausrechnen, wenn sie Milde ausschalteten?"

"Wenn, dann höchstens indirekt und um zehn Ecken herum. Milde war der große Mediator, wenn es zwischen LD und SVP mal richtig knirschte."

"Kam das vor?"

"Doch ja, die Finanzlage ist nicht so, dass die Koalition alles verwirklichen kann, was sie sich vorgenommen und zum Teil sehr vollmundig versprochen hatte. Da wird hinter den Kulissen schon mal kräftig gehakelt, wer muss zurückstecken und wer darf beim Wähler glänzen. Aber alle wissen, Fürst will die Koalition beibehalten und Milde war sein Mann, die größten Steine aus dem Weg zu räumen."

"War Schlich wirklich ein Stein, den man wegräumen musste?"

"Schlich war höchstens ein Steinchen, mehr nicht. Zusammen mit Vanderbeek vielleicht eine Art Kristallisationskern für wachsende Unzufriedenheit, aber mehr auch nicht."

"Wer ist denn als Nachfolger Mildes im Gespräch?"

"Keiner."

"Wie bitte?"

"Ich dachte, ich hätte dir klar gemacht, dass Mildes Wert für die Regierung nicht so sehr in seiner Tätigkeit als Innenminister lag - die erledigt zur Zeit geräuschlos und effektiv sein Staatssekretär Guido Hartmann-, sondern als ein unerschütterlicher Vorkämpfer oder Verteidiger der SVP/LD-Koalition. Und diese mildeschen Schuhe will sich keiner aus der LD-Fraktion anziehen, es hat auch keiner das nötige Prestige und die dazu nötige Autorität."

"Okay. Also keiner aus den eigenen Reihen?"

"Denke ich, ja."

"Und außerhalb des Parlaments? Milde hatte doch bestimmt Feinde."

"Nicht zu knapp. Du kennt den Spruch: Viel Feind' viel Ehr'!"

"Und woher kamen diese Feindschaften?"

"Weil er ein heute sehr unmodern gewordenes simples Gerechtigkeits-Empfinden pflegte. Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht auf Kosten der Gesellschaft essen. Wer arbeiten will, aber nicht kann oder nach Krankheit oder Unfall nicht mehr kann, dem müssen wir helfen, koste, was es wolle. Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Wer hier Asyl oder Aufnahme findet, hat sich an unsere Gesetze zu halten. Wer sich als Vorstand einen Millionen-Bonus gewährt, aber Mitarbeiter zwecks Gewinnsteigerung entlässt, gehört an den Pranger, für den müsste die Prügelstrafe her, dem gibt kein ordentlicher Mensch mehr die Hand."

Steiger sah ihr an, dass sie noch eine Reihe solcher Maximen auf Lager hatte und winkte schnell ab.

"Okay, er konnte also vielen auf die Zehen treten. Sind oder waren darunter welche, die sich auch mit Pfeil und Bogen rächen würden?"

"Oh ja. Organisierte Kriminalität, Menschenhandel, Schutzgeld, Neonazis, er hatte eine stattliche Reihe von Feinden, auf die er mit Vollgas und Vergnügen losging. Und er hasste die Gutmenschen, die alles verzeihen wollen. Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit, aber Gerechtigkeit ohne Konsequenz ist ein Verbrechen. Brauchst du noch mehr seiner Weisheiten?"

"Nein, danke. Kannst du dir einen privaten Grund für den Mordanschlag vorstellen?"

"Nein."

"Erzählst du mir was über seine Familie?"

"Viel kann ich nicht erzählen. Er war Witwer, seine Frau Helga war eine begeisterte Segelfliegerin und ist vor Jahren tödlich abgestürzt; warum eigentlich, das weiß bis heute keiner so richtig. Aus der Ehe gibt es drei Kinder, die beiden älteren Söhne Lothar und Sören studieren, die Tochter Jessica ist noch auf einem Internat."

"Kennst du die Kinder?"

"Na ja, was heißt kennen? Ich bin ihnen drei- oder viermal begegnet, aber würde nie behaupten, dass ich sie kenne."

"Trotzdem. Dein Eindruck bitte."

"Die Söhne haben mit sehr gut gefallen; sie kommen auf den Vater raus, beide etwas zu ernst für ihr Alter Anfang zwanzig, tüchtig, zuverlässig und vertrauenswürdig."

"Die geborenen Schwiegersöhne für besorgte Mütter."

"Du sagt es. Aber falls da potentielle Schwiegertöchter im Hintergrund herumschwirren sollten, muss ich dich enttäuschen, ich kenne keine der Kandidatinnen."

"Und was ist mit der Tochter? ...wie hieß sie noch? Jessica?"

"Ja. Das Weibchen in der Familie, bildhübsch, lebhaft, egozentrisch bis zum 'Es-geht-nicht mehr', in jeder Beziehung das Gegenteil ihrer Brüder, mit denen sie sich auch nicht gut versteht."

"Sagst du mir noch was über die verstorbene Helga Milde?"

"Nett, freundlich, fröhlich, aber irgendwie verhuscht. Man tat sich schwer, sie wahrzunehmen. Und ganz schrecklich desorganisiert. Fing viel an, brachte wenig zu Ende und konnte einen zielstrebigen Menschen wie Ludwig Milde zur Verzweiflung bringen."

"Kanntest du auch die Verwandtschaft Mildes?"

"Nur einen Bruder, Hans-Joachim. Und Hajo war das Gegenteil von Ludwig. Ein schräger, halbseidener und verlogener Typ, dem ich keine fünf Euro leihen würde und den ich nie nach der Uhrzeit fragen würde."

"Warum denn nicht?"

"Weil ich immer fürchten würde, dass er mich absichtlich belügt. Ich glaube, der kann gar nicht ehrlich sein, selbst wenn er wollte. Außerdem gefällt mir seine demonstrative Vorliebe für möglichst junge Frauen nicht. Oder Mädchen."

Steiger sah sie nachdenklich an. Zu solch harschen Urteilen verstieg sie sich selten.

"Was macht er beruflich?"

"Er ist Komplementär einer Beteiligungs-KG namens Kylinda. Grob vereinfacht, keine Empfehlung für einen Innenminister."

"Zu seiner Familie kann er nichts. Und jetzt zitiere bitte nicht Karl Kraus."

"Ob es hier einen Mokka und einen eiskalten Kirsch gibt?"

"Ich werde mein Bestes versuchen."

Der Versuch war von Erfolg gekrönt, und er konnte sich nach ihrem neuen Freund erkundigen.

"Eifersüchtig? Was macht eigentlich deine Karin Mirbach?"

"Wir sind seit einem Jahr auseinander und sehen uns kaum noch."

"Friedlich getrennt?"

"Doch ja, wenigstens habe ich nicht wie bei dir eine Nacht auf einer harten Treppe in einem eiskalten Treppenhaus logieren müssen."

"Und seitdem leidest du unter regelmäßigen Anfällen von Ischias, ich weiß alles, mein Lieber, es tut mir aufrichtig leid. Aber solange Markus abends meine Wohnung und mein Bett findet, leiste ich keine tätige Reue."

"Apropos tätige Reue. Wir haben eine kriminalistische Regel vergessen: Cherchez la femme!"

"In der Frage kann ich dir nicht helfen. Ich vermute stark, dass Ludwig eine Freundin hatte; aber die hielt er streng geheim. Vielleicht wollte sie nicht von Paparazzi gescheucht werden..."

"...oder sie ist leicht anrüchig", ergänzte er energisch. "Von einer zweiten Ehe konnte also keine Rede sein?"

"Nein."

"Alles klar. Und vielen Dank für deine Auskünfte."

"Die - nicht vergessen - für mich Früchte tragen sollten."

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Für die vielen Personen war das ausgebaute Gartenhäuschen einfach zu klein. Die Leiche lag auf dem Fußboden, neben ihr kniete der Arzt und zog sich schon die Handschuhe aus. Die Todesursache war nicht zu verkennen, ein Loch mitten auf der Stirn, umgeben von einem rötlichen Kranz und einem größeren Kreis verbrannter Haut rund um das Einschussloch.

"Verehrter Medizinmann", begann die Hauptkommissarin Ellen König. "Wann ist er gestorben?"

"Gestern gegen Mitternacht, würde ich denken. Aber Sie kennen ja unsere Standardausrede...."

"Selbstmord?"

"Sieht so aus, ja. Ein aufgesetzter Schuss." Ellen König sah sich um. Sie mussten sich vorsichtig bewegen, um nicht die Zahlen-Schildchen umzustoßen, die in dem kleinen Raum auf dem Boden standen. Neben den Beinen des Mannes lag eine Pistole. Die Spusi war noch nicht fertig, ein junger Mann wartete ungeduldig, dass Ellen König und Jule Springer zur Seite traten, damit er die Entfernung der Waffe zum Körper, zur Couch und zu den Möbelstücken genau ausmessen und in seine Zeichnung eintragen konnte. Der Fotograf hatte seine Arbeit erledigt und wartete bereits neben der Tür.

"Wer hat die Leiche gefunden?"

"Ein Installateur. Er sollte heute Morgen im Bad zwei Hähne und einen Duschkopf auswechseln. Er hat gegen neun Uhr geklingelt, aber niemand hat geöffnet. Weil die Tür nur angelehnt war, ist er reingegangen und fast über den Toten gestolpert, wie er sagt." Kommissar Arno Brock, der jüngste Kollege im Referat 11, der ehemaligen Mordkommission, hatte sich mit dem Zeugen beschäftigt. "Er schwört alle Eide, dass er weder die Leiche angefasst noch irgendeinen Gegenstand in seiner Lage verändert hat. Ich habe ihn nach Hause geschickt, bevor er mir hier umkippte."

"Kannte er den Toten?"

"Ja, schon seit Jahren. Vanderbeek war der Eigentümer des Hauses und des Gartens und hatte sich dieses Häuschen ausgebaut."

"Wie war der Name?" japste Ellen entsetzt nach Luft.

"Vanderbeek. Matthias Vanderbeek."

"Der Landtagsabgeordnete?"

"Keine Ahnung."

Jule Springer schaltete schneller. Am 26. März war der liberaldemokratische Landtagsabgeordnete Thomas Schlich erhängt im Keller seines Hauses gefunden worden, am 23. April war der liberaldemokratische Innenminister Ludwig Milde am Grab seiner Frau mit einem Pfeil getötet worden und heute, am 5. Mai wurde die Leiche des liberaldemokratischen Landtagsabgeordneten Matthias Vanderbeek entdeckt. Selbstmord oder Mord? Wenn das in diesem Tempo weiterging, war die kleine Fraktion der Liberaldemokraten (LD) im Parlament bald ausgerottet. Die Hauptkommissarin Ellen König und ihre Vertreterin, die Oberkommissarin Jule Springer sahen sich entsetzt-bekümmert an. Wenn sie Glück hatten entschieden Staatsanwalt und der Direktor der Kriminalpolizei, den Fall dem Staatsschutz zu übertragen; dann waren sie dieses heiße Eisen los. Die Medien würden sich überschlagen. Wenn sie Pech hatten, war der Staatsschutz noch mit dem Fall Schlich so ausgelastet, dass sie den Fall Vanderbeek behielten und sich mit den Hunderten von Neugierigen, Besserwissern, Journalisten und Aufgeregten herumschlagen durften. An ein vernünftiges Arbeiten war dann nicht mehr zu denken.

Die Spurensicherung hatte keine Spuren gefunden, die auf einen Einbruch deuteten, im Gegenteil, in der kleinen Küche standen zwei Gläser unter dem Hängeschrank, beide ausgewaschen und abgetrocknet. Hatte Vanderbeek seinen Mörder/ seine Mörderin nicht nur hereingelassen, sondern mit ihm/ihr noch ein Glas getrunken, bevor er - "was? fragte der Arzt. Wenn ein Selbstmörder die Waffe nicht in den Mund nimmt und sich nicht an die Schläfe setzt, sondern vor die Stirn setzt, sollen sich seine Fingerabdrücke in einer ungewöhnlich Position auf der Waffe finden. "Selbst dann würde ich gerne mal den Verlauf des Schusskanals genau ausmessen."

Ellen König nickte kummervoll. Wenn der Schütze, die Schützin richtig gestanden hatte, war auch ein Mord mit aufgesetzter Waffe denkbar. Plastikfingerhandschuhe würden Schmauchspuren verhindern und wenn der Täter oder die Täterin etwas von Gewaltverbrechen und deren Aufklärung verstand, hatte er oder sie die bei der Tat getragene Oberbekleidung vernichtet.

Mit einem Zentnergewicht auf den Schultern meldete sich Ellen König beim Staatsanwalt, den fast der Schlag traf: "Noch ein Abgeordneter der Liberaldemokraten? Das darf nicht sein - was sagen Sie? Selbstmord noch nicht sicher? Frau König, wollen Sie uns alle unglücklich machen?!"

"Anders wär es mir auch lieber."

Aber das Schicksal hatte kein Erbarmen. Ballistiker und Kriminaltechnik meldeten sich schon zwei Stunden später: Keine Abdrücke auf der Waffe, erst recht keine in einer ungewöhnlichen Position, die darauf schließen ließe, dass sich Vanderbeek den Lauf selbst senkrecht auf seine Stirn gesetzt und dann abgedrückt habe.

Am nächsten Tag stand auch fest, dass die Waffe nicht bei einem anderen Verbrechen benutzt worden war, der frühere Eigentümer ließ sich nicht feststellen.

"Stürmisch" war eine gefährliche Untertreibung für den Verlauf der Pressekonferenz, auf der Landeskriminalamt und Polizeipräsidium den Tod des dritten LD-Politikers innerhalb von zwei Monaten bekannt geben mussten. Selbst Fernsehteams aus aller Welt, die schon abgereist waren, weil sich im Fall Milde nichts Neues tat, kehrten zurück. Das Echo in den Medien war ungeheuer und vernichtend. Sogar seriöse Zeitungen spotteten in ihren Kommentaren: "Dass die Liberaldemokraten nicht übermäßig beliebt sind, erkennt man unschwer an ihren letzten Wahlergebnissen. Aber dass sie in einem Bundesland so verhasst sind, dass man sie dort systematisch ausrottet, erstaunt und erschreckt doch."

LD-Parteichef Odilo Marquardt schwenkte die Zeitungsseite mit diesem Kommentar, als er zu Ministerpräsident Fürst ins Arbeitzimmer stürmte. "Herr Ministerpräsident, die Liberaldemokraten verlangen als treue Koalitionspartner den Schutz der Landesregierung."

Fürst stöhnte, ließ Staatssekretär Guido Hartmann antreten: "Herr Hartmann, so geht das nicht weiter. Ich verlange endlich Butter bei die Fische." 

Hartmann stimmte zu: "Sofort, Herr Ministerpräsident."

Zwei Behördenleiter, der Chef des Landeskriminalamtes und der Polizeipräsident, wurden umgehend in den vorläufigen Ruhestand versetzt, und der neue Polizeipräsident, bis Mittag noch Leiter der Abteilung Innere Sicherheit im Innenministerium, verkündete als erstes abends einer Meute gespannt lauernder Journalisten: "Wir bilden morgen eine neue Sonderkommission."

Möllensiek, der Vertreter der Landeszeitung, hatte gleich eine schmerzhaft-unangenehme Frage parat: "Heißt das, Sie gehen davon aus, dass alle drei Todesfälle a) politisch motiviert sind und b) miteinander zusammenhängen?"

Der neue Präsident Herbert Lücke schaute unglücklich auf seine Nebenleute und Kriminalrat Jürgen Sager, der gerade fast beiläufig erfahren hatte, dass er von seiner Aufgabe abgelöst war, kam ihm zur Hilfe: "Einen Zusammenhang scheint es zu geben, aber ob es einen politischen Hintergrund gibt, wissen wir immer noch nicht; bislang besteht kein Zweifel daran, dass der Abgeordnete Dr. Thomas Schlich Selbstmord begangen hat."

Möllensiek, dessen Landeszeitung natürlich die Chance witterte, die ungeliebte Regierung einzutunken, hatte sich gut vorbereitet: "Was ist denn an dem Gerücht dran, dass Vanderbeek sich nicht selbst getötet hat, sondern ermordet worden ist?"

Alle Männer und Frauen in dem voll besetzten, stickigen Saal japsten vor Überraschung wie auf Kommando nach Luft. Ellen König blieb nichts anderes übrig, als wahrheitsgemäß zu sagen: "Ja, Ballistik und Kriminaltechnik und Gerichtsmedizin haben Zweifel geäußert, dass sich Vanderbeek selbst erschossen hat..." Und gegen das anschwellende Geraune fuhr sie lauter fort: "Zweifel, also möglicherweise Anlass zu weiteren Untersuchungen vielleicht durch andere Sachverständige, aber kein Anlass, wilde Gerüchte in die Welt zu setzen, die uns eine Aufklärung nur erschweren."

"Heißt das, auch am Selbstmord Schlichs bestehen jetzt Zweifel?" Möllensiek, der geborene Stänkerer, gab keine Ruhe.

"Nein", sagte Ellen König energisch und betete heimlich, dass sie jetzt keinen Fehler beging und sich selbst eine Schlinge um den Hals legte. "Es war eindeutig Selbstmord, ungewiss ist immer noch das Motiv."

"Könnte es auch im persönlichen Bereich liegen?" erkundigte sich Volker Uslar vom Morgenecho. Der lokale BILD-Verschnitt hatte viel Zeit, Geld und Manpower investiert, um Schlichs ehemalige Freundinnen aufzustöbern und vor Kamera und Mikrofon zu zerren.

"Davon bin ich persönlich fest überzeugt", sagte Ellen König entschieden und wunderte sich selbst darüber, dass sie sich in der Öffentlichkeit so festlegte. Zum Glück gab es keine weiteren Fragen nach dem Tatort: Sie hatten im Bad im Abfalleimer einen gebrauchten Tampon gefunden und mehrere lange Frauenhaare, zwei sogar mit Wurzeln, und im Wäschekorb zwei Kopfkissenbezüge, einen mit den Spuren von MakeUp, den zweiten mit Lippenstiftabdrücken. Im Papierkorb neben Vanderbeeks Schreibtisch lag ein leeres Streichholzbriefchen aus der Orchidee, einer Bar mit denkbar schlechtem Ruf am Widukind-Platz. Vanderbeek hatte vorgesorgt, sie fanden nicht weniger als drei nicht angebrochene Packungen Kondome in seinem Schlafzimmer.

"Kein Kind von Traurigkeit", hatte Jule Springer geurteilt.

"Kind?" spottete Arno Brock.

Heike Möllner hatte den ganzen Tag auf einer stinklangweiligen Konferenz über Landes- und Kommunalfinanzen und den Länderfinanzausgleich verbracht und sich dann, obschon sonst eine schnelle und routinierte Schreiberin, richtig gequält, aus dem spröden, aber wichtigen Thema einen lesbaren Artikel zu machen, bei dem nicht jeder Leser über den ersten zehn Zeilen einschlief. Von Vanderbeeks Tod hatte sie erst in der Mittagspause gehört und saß deswegen abends mit Freund Markus vor dem Fernseher und schaute sich die Pressekonferenz an.

"Er hat von seinem Chef gelernt", meinte Weber schließlich.

"Wer?"

"Guido Hartmann."

"Und was soll er gelernt haben?"

"Dass man in einer Schublade eine Kladde mit Namen von Mitarbeitern liegen haben sollte, die man auf einen Posten setzen kann, wenn man den alten Inhaber feuern oder opfern muss."

"Oder beerdigen muss", versetzte Heike trocken.

Dann lachte sie leise, und er fragte etwas gekränkt: "Habe ich was Falsches gesagt?"

"Mit Radio Eriwan: Im Prinzip nein, aber bei der Ernennung von Herbert Lücke spielen sehr egoistische Motive mit."

"Und welche?"

"Lücke stand auf Mildes Zetteln ganz weit oben, und hatte es in Mildes Augen verdient, zu höheren Aufgaben berufen zu werden."

"Du meinst, als Nachfolger etwa?"

"Warum nicht? Lücke hat das passende Alter, die nötige Erfahrung, das richtige Parteibuch und er war in einem Punkt ein echter Vertrauter Mildes."

"So? In welchem denn?"

"Bei der Verbrechensbekämpfung zum Beispiel. Lücke ist der Vater der Gesetzesinitiative 'Mehr Schutz an den Grenzen'. Und er hat Rückhalt in der Koalition. Hartmann hat sehr geschickt einen möglichen Konkurrenten außer Gefecht gesetzt."

"Hartmann will also auch Innenminister werden?"

"Umgekehrt, im Moment läuft es auf ihn zu. In der LD-Fraktion hat sich keiner gemeldet, Kandidaten von außerhalb sind im Moment noch nicht im Gespräch, nicht zu vergessen, dass sich Heinrich Fürst nur schwer an neue Gesichter gewöhnen mag."

"Was du so alles weist", bemerkte Weber halb anerkennend, halb verwundert.

"Mein Beruf, Schatz. Du kannst den Fernseher ausmachen und eine Flasche Wein holen. Der Tag war scheußlich und sollte angenehmer enden. Damit ich heute Nacht nicht von Hebesätzen träume."

"Dann wird mit die Ehre zuteil, heute Nacht das Bett mit dir zu teilen?"

"Wenn du noch Wert darauf legst."

Wie ein geölter Blitz kam er mit Flasche, Gläsern und Korkenzieher zurück. Er legte Wert darauf.

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Auch der KHK Leo Steiger trank in Gesellschaft Wein, aber Udo Tschakowiak war schlechter gelaunt als Heike Möllner.

"Keine Widerrede zu so später Stunde", brummte er und nebelte wieder das Zimmer mit seiner Havanna blau und lebensbedrohlich ein. "Langsam machen wir uns lächerlich. Drei Tote und in keinem Fall wissen wir sicher, warum oder durch wen. Das kann so nicht weitergehen."

"Was sagt denn Staatssekretär Hartmann dazu?"

"Nichts, der will nur Ergebnisse, der will auf keinen Fall, dass seine Berufung zum Minister gefährdet wird. Das gilt auch, damit Sie sich diese Frage sparen können, für Herbert Lücke. Sie haben absolut freie Hand, solange Sie nicht auffallen und von Landeszeitung oder Morgenecho auf frischer Untat ertappt werden."

"Beim Tageblatt würde Sie das nicht stören?"

"Nein. Da haben wir doch Heike Möllner im Hintergrund."

"Vorsicht. Sie hat einen neuen Freund, der ihr Bett und ihre Gefühle mit Beschlag belegt."

"Sie Ärmster", heuchelte Tschako Mitleid. "Was macht unsere außer der Reihe beförderte und versetzte Karin Mirbach?" Weil Steiger eine Grimasse schnitt, fügte er rasch hinzu: "Sie können in Ihre SoKo holen, wen Sie wollen. Haben Sie sich schon Namen überlegt?"

"Das werde ich tun, wenn Sie mir verraten haben, wie Sie Jürgen Sager über diese unverdiente Kränkung getröstet haben."

"Hören Sie auf, Steiger, diese menschenfreundliche Attitüde steht Ihnen nicht. Außerdem entscheide ich allein, bei wem ich mich freundlich oder unfreundlich verhalte."

"Und ich entscheide ganz allein, ob und wann ich mich auf ein Himmelfahrtskommando begebe. Und ihre sogenannten Havannas stinken übrigens scheußlicher denn je."

Zu seinem Erstaunen lachte Tschakowiak: "Den Eindruck habe ich auch. Also, wie ist es? Um Sager kümmere ich mich, darauf können Sie sich verlassen."

Steiger wusste, dass man sich auf die Zusagen des Alten verlassen konnte. "Übermorgen, wenn ich wirklich alle Akten der SoKo gelesen habe."

"Meinetwegen."

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Isabella Borgard hätte ihren Wein gern allein ausgetrunken und war verärgert, dass ihr Franz über den Weg lief. Zu spät fiel ihr ein, dass er für Plettenbergs Firma zwei wichtige Prozesse geführt und gewonnen hatte. Plettenberg, ein weißhaariger Senior und Gunda Plettenberg, eine platinblonde, kurvenreiche und quecksilbrige Zweitfrau, waren von ihrem Anwalt begeistert, und sie hatte sich Franz Lambeck auf der Siegesfeier an die Brust geworfen.

Franz drängte Norma Seydel in den Schatten eines dichten Busches, seine Hand verirrte sich umgehend auf ihre Hüften. Der Garten der Plettenbergs war eher schon ein Park.

"Sag mal, ist dein Mister Ford komplett übergeschnappt? Drei Tote. Will er die Liberaldemokraten ausrotten?"

"Er ist nicht mein Mister Ford. Und was er tut und plant, weiß ich nicht; seit Bonn im Mai vorigen Jahres hab ich ihn nicht mehr gesehen oder gesprochen."

"Dann wird es aber höchste Zeit. Kannst du ihn denn erreichen?"

"Nein, ich weiß nicht, wo er sich aufhält."

"Dann gibt dir mal Mühe, ihn aufzustöbern und zu bremsen. Die Mandanten sind stinksauer."

"Warum eigentlich? Es läuft doch alles so, wie sie es sich gewünscht haben."

"Von wegen. Milde ist weg, okay, aber die Namen, die für seine Nachfolge genannt werden, sind noch viel schlimmer, die reinste Horrorliste."

"Darf ich dich daran erinnern, dass ich genau davor gewarnt habe, als ihr beschlossen habt: Milde muss weg!"

"Wir wissen doch alle, du bist ein besonders kluges Mädchen", knurrte Franz gereizt, der ihr bei dem Gesellschafter-Treffen in diesem Punkt besonders heftig widersprochen hatte. Aus gutem Grund führten sie keine Protokolle über ihre Treffen, aber aus eben diesem Grund merkten sie sich vieles.

"Halt deine Hand ruhig und lass den Saum los. Jetzt soll ich für euch die Kastanien aus dem Feuer holen?"

Franz merkte, dass er es bei Norma Seydel heute Abend falsch angefangen hatte und lenkte ein: "Bitte, Norma, lass uns vernünftig darüber sprechen. Wir sind alle besorgt, und wir brauchen deine Hilfe. Bitte."

"Warum ausgerechnet ich?"

"Du bist die Einzige von uns, die Uno kennt, und für Henry Ford bist du die einzige Person, der er glauben würde, dass du im Namen der Auftraggeber sprichst. Bitte, tu uns den Gefallen!"

Er streckte die zweite Hand aus und legte sie ihr auf die Hüfte. Sie wehrte ihn nicht ab. Das Argument, nur sie könne glaubhaft Kontakt mit Uno, mit Mister Henry Ford aufnehmen, war richtig, das hatte sie sich auch schon überlegt und dabei vergeblich versucht, das Kribbeln zwischen ihren Schenkeln zu ignorieren.

Franz zog sie an sich: "Bitte, Norma, ich entschuldige mich auch in aller Form für meine unfreundlichen Worte."

Aus alter Gewohnheit sträubte sie sich nicht, als er sie an sich zog, und beide überhörten das leise Rascheln in dem Strauch nebenan.

"Okay, Franz, ich überlege es mir, einverstanden?"

"Aber ja, Liebste." Dass er daraufhin seine Hand auf ihren Busen legte, war unnötig, aber irgendwie so franz-typisch, dass sie nicht protestierte, sondern sich vorstellte, es wären die Finger eines anderen Mannes, der ihre Haut im Ausschnitt berührte.

Als sie im Bett lagen, fragte Gunda: "Wusstest du, dass Franz und Norma was miteinander haben?"

"Woher willst du das wissen?"

"Ich habe sie belauscht."

Nun hätte er sich erkundigen können, warum sie Norma Seydel und Franz Lambeck belauschen musste, aber er hatte gelernt, Fragen zu vermeiden, deren Antworten ihn demütigten oder erzürnen würden. "Schlaf schön!" sagte er stattdessen und griff nach seinem Buch. Sie musste das letzte Wort behalten: "Was mögen Franz und Norma mit eurem Supermann vereinbart haben? Eine halbe Million kann viele dumme Gedanken wachrufen."

Isabella grübelte auf der Fahrt von den Plettenbergs zu ihrem Haus in Winterhude. Wenn man sie drängte, Uno zu suchen, wollte sie sich nicht länger sträuben. Wenn er mit den drei Todesfällen was zu tun hatte, lebte er aller Wahrscheinlichkeit nach in der Landeshauptstadt, in der Nähe seiner Opfer. Und so groß war der Ort nicht, wie sie wusste, da traf "man" sich nur an wenigen Orten, die sie leicht herausbekommen würde. Wenn er nichts mit den drei Todesfällen zu tun hatte, was sie eigentlich annahm, nun, dann hatte sie Pech gehabt und ein, zwei Wochen verplempert. So lange lief die Kanzlei auch ohne sie, und größere Verfahren waren erst für September und Oktober terminiert. Aber versuchen musste sie es, das war ihr siedendheiß aufgegangen, als Franz mit merkwürdigem Unterton darauf bestand, sie mit seinem Wagen nach Hause zu bringen. Als sie die ersten Mandate und Verhandlungen für die Gruppe übernahm, hatte sie dem Teufel mehr als einen kleinen Finger gereicht. Jetzt hing sie mit drin, man würde nicht dulden, dass sie ausstieg. Mitgegangen - mitgefangen - mitgehangen, das hatte sie sich zu spät überlegt. Mister Henry Ford war in diesem Punkt umsichtiger und klüger gewesen.

"Soll ich nicht mit hochkommen?" fragte Franz, als sie vor ihrem Haus standen.

"Tut mir leid, Franz, aber erstens bin ich hundemüde und zweitens macht mir diese Hummermayonnaise jetzt schon zu schaffen. Ich weiß ja, dass ich sie nicht vertrage und nicht essen sollte, aber der Mensch kann nicht immer nur vernünftig handeln."

"Schade, trotzdem eine gute Nacht und wenig Ärger mit den Hummern", wünschte er.

"Danke. Bis bald."

Isabella Borgward ging nicht in ihre Wohnung, sondern lief weiter nach oben, stellte sich an eines der Flurfenster und holte ihr Handy aus der Handtasche. Es klingelte ewig, doch kurz bevor sich die Mailbox einschaltete, nahm Frieso ab: "Bist du vom Affen gebissen? Weißt du, wie spät es ist?"

"Weiß ich, Frieso, weiß ich, tut mir leid, aber ich fürchte, ich werde in meiner Wohnung abgehört und mit einer Fernsehkamera beobachtet, deshalb musste ich eine Gelegenheit nutzen, sozusagen erlaubterweise nicht in meiner Wohnung zu sein."

"So schlimm?"

"Ich fürchte, ja. Kannst du morgen kommen und mal nachschauen. Aber du darfst nicht auffallen und nicht mit deinem Firmwagen vorfahren. Hast du schon eine Idee, wie du dich und eine Suche tarnen kannst?"

"Warte mal! Ich bin der Maler und Dekorateur. Meine Preise und Vorschläge müssen dir ja nicht gefallen."

"Prima. Und wie heißt du an der Haustür?"

"Junkermann & Söhne, Herbert Ohlsen."

"Du bist gebucht, Herr Ohlsen."

Als sie nach Hamburg kam, war es schwer für sie, sich als Anwältin zu etablieren. Frieso Oylerich war das erste Pflichtmandat, das sie annahm und sie hatte Glück, wegen einer Panne der Polizei durfte das wichtigste Beweisstück gegen ihren Mandanten nicht verwendet werden, Frieso kam frei und begann aus Dankbarkeit eine ausgedehnte Mundpropaganda-Kampagne. Allmählich füllte sich ihr Terminkalender, sie leistete gute Arbeit, wurde bekannt und eines Tages stand Franz Lambeck vor ihr, er habe von ihr gehört und wolle sie fragen, ob sie nicht Lust hätte, in seine Kanzlei zu wechseln. Worauf er Lust hatte, war nicht zu verkennen, und weil sie ein ihr vertrautes Kribbeln verspürte, zierte sie sich nicht lange. Dass Lambeck krumme Geschäfte neben seiner Anwaltspraxis betrieb, hatte sie rasch herausgefunden, es war großes und leicht verdientes Geld und sie machte mit. Er war damit einverstanden, dass sie ihre - wie er spottete - Kleinviehpraxis beibehielt, kleine Leute in kleinen Fällen erfolgreich verteidigte oder beriet, es förderte den Ruf der Kanzlei und schützte sie wohl auch einige Male vor dem Verdacht, in große Schweinereien und lukrative Schiebereien verwickelt zu sein.

Sie zog sich aus und lief einige Male absichtlich nackt durch ihre Wohnung. Der Gedanke, dass man sie dabei vielleicht auf einem Bildschirm beobachte, störte sie nicht. Als Studentin war das Geld gelegentlich so knapp gewesen, dass sie als Stripperin in einer Bar gearbeitet hatte, aber nie mit Kunden aufs Zimmer gegangen war.

Am nächsten Tag besorgte sie sich im Büro demonstrativ ein Hotelzimmer - was gar nicht so leicht war, viele Hotels in der Landeshauptstadt waren noch von Journalisten und Fernsehteams belegt. Franz Lambeck war einverstanden, dass sie morgen abreiste. Er hatte ihre Handynummer und sie versprach, sofort anzurufen, wenn sich was Neues ergeben sollte. Ihr Problem war, dass sie keine der Wanzen oder Kameras, die Frieso entdecken sollte, zerstören oder außer Funktion setzen durften, weil sonst die anderen sofort wussten, dass sie misstrauisch geworden war. Und misstrauische Menschen, die vielleicht an Aussteigen oder Verrat dachten, waren so gefährlich, dass man sie eliminieren musste. Und weil nur ein toter Zeuge ein wirklich ungefährlicher Zeuge ist, kannte Franz' Klientel wenig Skrupel, und sie bezweifelte, dass er sie nur wegen eines früheren Verhältnisses schützen würde. Für Franz Lambeck zählte nur die eigene Haut, und sie hatte nur einmal durch ein dummes Versehen eines der Mädchen gesehen, das aussteigen und aussagen wollte, aber - wie Franz sich brüstete - in ihrer Dummheit nicht an Wanzen und Kameras gedacht hatte. Seitdem zweifelte sie nicht daran, dass Franz ein sexbesessener Sadist war.

Herr Ohlsen von Junkermann & Söhne kam - pünktlich wie verabredet - in Isabellas Wohnung und begann sofort mit einer großartigen Ausmesserei aller Räume. Die Teppich- und Tapetenmuster, die Bilder von Stores und Vorhängen beleidigten jeden Geschmack, aber machten es Isabella leicht, immer entrüsteter alle Vorschläge zu verwerfen; die Diskussion ging zwanglos in einen lautstarken Streit über, an dessen Ende sie Mister Ohlsen aufforderte, ihre Wohnung unverzüglich zu verlassen und sein Gerümpel gefälligst mitzunehmen und sich hier nicht mehr blicken zu lassen. Im Treppenhaus flüsterte Frieso ihr ins Ohr. "Wanzen im Bad, in der Küche, im Schlaf- und Wohnzimmer. Dort auch zwei Kameras. Und eine in der Diele."

"Danke, Frieso." Auf Frieso war in diesen Fragen Verlass. Er verdiente sein Geld mit Einbrüchen und illegalen Montagen solcher Geräte. Der Freispruch, den sie seinerzeit für ihn erreicht hatte, war ein Fehlurteil gewesen, das wusste sie längst.

Auf der Sechslingspforte bemerkte sie am nächsten Morgen schon bald den dunkelblauen Sportwagen, der sich recht dreist hinter ihr in die Schlange zwängte, aber richtig aufmerksam wurde sie erst auf ihn, als er hinter dem Horner Kreisel auf der ausnahmsweise freien Autobahn sich brav an Tempo 80 hielt und nicht daran dachte, sie zu überholen. Erst in Wittstock "verabschiedete" er sich Richtung Rostock. Sie hätte gerne an einen Zufall geglaubt, aber sie kannte Franz.

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Steiger hatte zwei Tage stur Akten gelesen, war nur am späten Vormittag aus seiner Wohnung gegangen, um eine Stunde im Waldbad zu schwimmen und hinterher eine Kleinigkeit zu essen. Eine Sonderkommission von fast 50 Köpfen produzierte Unmengen von Papier, und weil der Teufel ein Eichhörnchen ist, steckt die wichtigste Information immer in einem Bericht oder Protokoll, das man wegen seiner Belanglosigkeit nicht oder nicht richtig gelesen hatte.

Am dritten Tag ging er nachmittags ins Innenministerium. Tschako verzichtete in einem Anfall von Menschlichkeit auf seine Havannas und lächelte zufrieden, als Steiger ihm erklärte, ja, er werde die neue SoKo übernehmen. "Und wen wollen Sie berufen? Ich frage nur, um mich gegen den Schwund auf meinem Spesenkonto seelisch zu wappnen."

"Karin Mirbach natürlich. Dann sind mir im Elften zwei Mitarbeiter aufgefallen.“

"Wetten wir, Jule Springer", murmelte Tschako. "Sie ist hübsch, aber gefährlich, lieber Steiger, das wissen Sie?"

"Wieso denn das?"

"Sie lebt mit einem Staatsanwalt zusammen."

"Ach, du meine Güte..." Steiger dachte einen Moment nach: "Sei's drum, ich möchte sie haben. Und ihren Kollegen, Arno Brock."

"Und wen noch?"

"Ich brauche eine gute Aktenführerin oder einen guten Aktenführer, der oder die mitdenkt, immer auf seinem respektive ihrem Stuhl hockt und nie vergisst, etwas auszurichten, was man ihr oder ihm aufgetragen hat."

"Das Wunderexemplar übernehme ich anschließend ins LKA."

"Es gibt schlimmere Strafen", stichelte Steiger.

"Na schön, ich habe eine Idee, möchte aber den neuen PP nicht übergehen. Was sagen denn nun die Akten? Ich habe von ihrer Expedition ins Papierreich gehört." - Was hörte Tschako nicht?

"Schlich hat eindeutig und zweifellos Selbstmord begangen. Der Grund ist nach wie vor offen. Seine Hoffnung, zusammen mit dem Kollegen Vanderbeek die Liberaldemokraten zum Koalitionswechsel überreden zu können, hatte er nach allgemeinem Urteil beerdigt. Ein Gerücht - ich habe mich, ehrlich gesagt, noch nicht getraut Wunderlich danach zu fragen - will wissen, dass das die Vorbedingung dafür war, dass Wunderlich ihm den Job als Denkmalschutzbeauftragter verschafft hat. Schlich konnte das Geld dringend gebrauchen."

"Kein Gerücht", brummte Udo Tschakowiak.

"Was ist kein Gerücht?"

"Dass Wunderlich ihn gekauft hat. Stopp, lieber Steiger, keine weiteren Fragen dazu."

"Können Sie dann auch ein weiteres Gerücht bestätigen?"

"Welches?"

"Dass Schlich eine verhängnisvolle Vorliebe für junge, sehr junge Frauen hatte?"

"Ja, hatte er. Kein Pädophiler, aber ein pubertierendes Schulmädchen war ihm lieber als die attraktive und bereitwillige Mutter."

"Wie ich Sie kenne, wissen Sie auch, warum das so war?"

"In dem Punkt muss ich Sie enttäuschen, nein, das weiß ich nicht. Was ist mit Milde, laut Akten?"

"Sager steckt in einer Sackgasse. Der Ermittlungspfad Käufer von Pfeil und Bogen und Tatortkenntnisse hat nichts erbracht, ich würde denken, Sager sollte trotzdem auf diesem Weg weitermachen, vielleicht ergeben sich durch Dateiabgleich später einmal Indizien und Hinweise."

"Sie wollen sich auf das Motiv konzentrieren?"

"Was anderes bleibt mir ja nicht übrig."

"Ein politisches Motiv?"

"Ich weiß es nicht, noch nicht, Herr Tschakowiak."

"Und der letzte aus dem Trio, Vanderbeek?"

"Der macht mir ehrlich Kummer. Ein krummer Hund. Hinweise auf drei Frauen, mit denen er es im oder zumindest auf seinem Bett getrieben hat. Aber leider keine Hinweise auf Namen und Personen, die man danach befragen könnte."

"Na, dann sind Sie ja die nächste Zeit gut beschäftigt. Hals- und Beinbruch, lieber Steiger."

Steiger begann seine neue Tätigkeit mit einer Einladung zum Abendessen bei Schirmer in der Wenzelgasse, damit sich das Quintett beschnuppern konnte. Karin Mirbach freute sich aufrichtig, ihn einmal wiederzusehen; seit sie das Siebte - Diebstahl - übernommen hatte, ertrank sie in Arbeit. Die SoKo war da fast eine Art Reha. Jule Springer und Arno Brock kannten sich aus dem Elften und kamen, so Steigers Eindruck, gut miteinander aus. Neu und unbekannt für alle war Nadja Hummel, eine Kommissarsanwärterin, die gerade ihre Kurse in Dokumentation und IT absolviert hatte und für sie die Akten führen würde, was eine zwar notwendige, aber zeitraubende und eher unbeliebte Tätigkeit war. Steiger hatte ihr als Begrüß-und-Blumenstrauß den Aktenstapel mitgebracht, den er in den vergangen Tagen durchpflügt hatte. "Wenn Sie das alles gelesen haben, wissen Sie alles, was wir wissen."

"Anschließend registermäßig auf EDV erfassen?"

Steiger wusste nicht, wozu das gut sein sollte, wollte sich aber keine Blöße geben und sagte deshalb großmütig: "Sie sind die Fachfrau und entscheiden."

Karin Mirbach musterte ihn erstaunt. So kannte sie ihren Leo gar nicht. Sie tauschten und programmierten ihre Handynummern, und beim Mokka rief Steiger noch Petra Beyer an und erkundigte sich, ob eine Kollegin und er noch heute bei ihr vorbeikommen könnten. Sie hatte von der neuen SoKo in den Abendnachrichten gehört und war einverstanden.

Petra Beyer bewohnte in der Oststadt eine große Dreizimmerwohnung in einem Neubau. Steiger spürte, wie sich Karin Mirbach an seiner Seite verspannte, als Petra ihnen in einem kindlichen Hängerkleidchen entgegenkam.

"Meine Kollegin Karin Mirbach, Frau Petra Beyer."

"Kommen Sie doch herein. Was kann ich für Sie tun?"

"Wir müssen uns doch noch einmal nach dem Verhältnis von Thomas Schlich - Matthias Vanderbeek erkundigen."

Spaß machte es ihr nicht, das war ihr anzusehen, doch sie gab sich redlich Mühe. Ob sie über die Politik hinaus auch privat wirklich befreundet waren, wagte sie zu bezweifeln. Weil ihr dieser Widerspruch rasch aufgefallen war, hielt sie sich in Vanderbeeks Gegenwart mit politischen Äußerungen und eigenen Meinungen zurück, was auch erklärte, dass sie sich nicht darum riss, mit Vanderbeek zusammenzutreffen.

"Wann haben sie Matthias Vanderbeek zum letzten Mal gesehen?"

"Das war - Moment - an dem Wochenende, bevor Thomas - gefunden wurde." Das Wort Selbstmord brachte sie nicht über die Lippen. Am Samstag waren Thomas und sie in das Reiterhotel Schellenbach gefahren und hatten dort eine Nacht verbracht. Während die Männer zusammenhockten und irgendwas ausbrüteten, war sie am See gewandert und geritten. Am Sonntag gegen 18 Uhr waren sie zurückgefahren. Beim Abschied hatte sie Matthias Vanderbeek und seine Frau Anita zum letzten Mal gesehen.

"Ist Ihnen an diesem Wochenende irgendwas aufgefallen, ist etwas Ungewöhnliches passiert?"

Sie antwortete nach einer Minute nur: "Nein, ich kann mich an nichts Ungewöhnliches erinnern."

"Hat Ihr Freund angedeutet, was er an dem Wochenende mit Vanderbeek zu besprechen hatte?"

"Ja, aber wirklich nur angedeutet. Es ging wohl um Heiko Langer." Wenn sie alles richtig verstanden hatte, wollte Vanderbeek den Fraktionsvorsitzenden überreden, auf dem nächsten Parteitag gegen den Parteivorsitzenden Odilo Marquardt zu kandidieren. Doch Langer hatte wohl entrüstet abgelehnt, sehr zum Verdruss der Möchtegern-Rebellen, die gehofft hatten, sie könnten den in Partei und Fraktion respektierten Langer auf ihre Seite ziehen.

"Vanderbeek oder Schlich wollten nicht gegen Langer oder Marquardt antreten?"

"Nein."

"Warum eigentlich nicht?"

Petra Beyer zuckte die Achseln. "Wahrscheinlich hatten sie gerechnet, mit dem ernüchternden, aber richtigen Ergebnis, dass sie keine Chancen hatten."

"Das war ja nicht sehr ergiebig", moserte Karin Mirbach auf der Rückfahrt.

"Nein. Aber in einem Punkt für mich sehr interessant. Schlich und Vanderbeek machten sich also keine Illusionen über ihre Beliebtheit in der Fraktion."

"Ja, und?"

"Warum haben sie dann so lange das Spielchen aufgeführt: 'Achtung, wir wollen den Koalitionswechsel'?"

"Wenn ich dich bei Schirmer richtig verstanden habe, war Schlich doch gar nicht mehr so erpicht darauf."

"Nein, war er nicht. Und er hat seine Haltung in dem Moment geändert, als ihm ein Job angeboten wurde, durch den er seine Schulden bezahlen konnte."

"Worauf willst du hinaus?"

"Wenn das bei Vanderbeek nun genau so war?"

"Du willst andeuten, dass jemand Abgeordnete gekauft hat? Oder kaufen wollte?"

"Was glaubst du, zu welchen Zwecken diese Lobbyisten in Berlin herumlaufen? Um uneigennützig Geld für Waisenhäuser zu spenden?"

Sie schwieg einen Moment, bevor sie die Frage stellte, die Steiger nicht beantworten konnte. "Dann finde heraus, wer ein Interesse daran haben konnte, einen Koalitionswechsel herbeizuführen. Und was hätte sich dann geändert- oder welches Projekt wäre nicht mehr weitergeführt worden?"

Eine gute Frage. "Gehst du los, um die Antwort zu finden?"

"Noch ein Einwand, mein Bester. Wenn ich unsere Kindfrau eben richtig verstanden habe, machten sich Schlich und Vanderbeek selbst doch wenig Hoffnung, einen solchen Wechsel herbeizuführen."

"Völlig richtig. Und wenn sie nun gezwungen waren, nach außen so zu tun, als verfolgten sie das Projekt weiter?"

"Gezwungen?"

"Gegenüber dem Geldgeber, meine Beste. Die scheinen zu den rauen Typen zu gehören."

"Du meinst, die sich nicht scheuen, säumige Zahler am Grab ihrer Frauen mit Pfeil und Bogen zu erschießen?"

"Ganz ausgeschlossen?"

"Nein. Aber etwas ungeheuerlich, findest du nicht auch?"

"Liebe Karin, wenn sich die Wirtschaft globalisiert, könnten sich doch auch andere schlechte Sitten weltweit ausbreiten."

Den Rest der Fahrt schwieg sie. Vor zwei Jahren hatte sie gemeinsam mit Leo Steiger einen Fall gelöst, der auch so verzwickt, verwickelt und anfangs schier unglaublich gewesen war, sie kannte seine Art, und sie wusste, dass nicht eine dieser Spekulationen und Überlegungen in den Akten auftauchen würde. Unwahrscheinlich hieß eben nicht unmöglich. Als sie ihren gemeinsamen Fall bearbeiteten, war es ungewöhnlich kalt gewesen, in ihrem Haus war die Zentralheizung ausgefallen und ein widerlicher Hausmeister tat nichts, die Reparatur zu beschleunigen, also hatte sie sich bei Leo Steiger aufgewärmt, abends mit Rotwein, nachts unter seiner Bettdecke. Jetzt gab es das entgegengesetzte Problem, es war heiß und schwül, nachts kühlte es nicht mehr richtig aus. Gab es so große Kühltruhen? Dann hielt sie es doch nicht mehr aus und erkundigte sich: "Was macht Heike Möllner?"

Die Journalistin Heike Möllner hatte ihnen geholfen, einen Täter zum Rücktritt vom Amt zu zwingen.

"Ihr geht es gut, sie hat sich einen neuen Freund zugelegt", sagte er kurz.

"Was Ernstes?"

"Wenn ich sie richtig verstanden habe, von seiner Seite aus ja. Sie legt sich noch nicht so fest..."

"Weil ein gewisser Leo Steiger noch mal vorbeikommen könnte?"

"Wie der Knabe heißt oder heißen wird, weiß ich nicht."

"Aber vorbeikommen hältst du für möglich."

"Für wahrscheinlich", verbesserte er. "Nein, im Ernst, Karin, sie hängt an ihrem Job und ich weiß, dass sie sich einmal vollständig auf einen Mann verlassen und alles aufgegeben hat, doch der Mann hat dann das Weite gesucht und sie mit den Schulden zurückgelassen. Das werde ihr nie wieder passieren, hat sie mir damals geschworen, und deshalb werde sie lieber einen Mann als einen Job aufgeben. Zumal, wenn ihr der Job noch regelmäßig Spaß mache, der Mann aber nur ab und zu."

"Kommst du noch mit hoch? Ich habe einen sehr ordentlichen Beaujolais bereit liegen."

"Heute lieber nicht, Karin, ein andermal, okay?"

"Alles okay. Dann schlaf gut."

"Danke, ebenso. Tschüss."

Nadja Hummel machte sich mit Feuereifer daran, alles über die Familie Milde zusammenzutragen, und hatte gegen Mittag schon ein richtiges Dossier hergestellt. Beide Söhne Mildes waren volljährig, die Schwester Jessica wurde in wenigen Wochen sechzehn, und für sie sollte der einzige leibliche Verwandte aus der Familie, Mildes Bruder Hans-Joachim, zum Vormund bestellt werden. Finanziell war für die Kinder so weit vorgesorgt, dass alle drei ohne Sorgen zu Ende studieren konnten. Lothar Milde (23) hatte einen Job am Lehrstuhl seines Doktorvaters, Bruder Sören, zwei Jahre jünger, war Miteigentümer einer florierenden Studentenkneipe in Mainz.

"Sie wissen doch bestimmt auch, was dieser Onkel Hajo so treibt", lobte Steiger.

"Gar nichts", sagte sie verkniffen.

"Wie bitte? Und wovon lebt er?"

"Er ist Komplementär einer sogenannten Beteiligungsfirma namens Kylinda."

"Merkwürdiger Name."

"Das Internet hilft weiter. So heißt der Ort, an dem angeblich die Seleukiden nach den Diadochen-Kämpfen ihren Anteil an dem sagenhaften Alexanderschatz verborgen haben."

"Und Hans-Joachim Milde verzehrt die Zinsen daraus."

"Vielleicht. Die Kollegen auf dem Fünfzehnten meinten, Hajo Milde sei ein halbseidener Typ, so ziemlich das Gegenteil seines Bruders Ludwig."

"Halbseiden, aber vermögend?"

"Was heute ja öfters vorkommt, Chef."

Steiger sah sie erstaunt an. Es war ihre erste Bemerkung, die sich nicht auf die Arbeit bezog, sie schien aufzutauen, was ihm nur recht war. Er mochte keine Mitarbeiter, die außer ihrer Arbeit nichts kannten und sich nicht trauten, eigene Meinungen zu äußern.

"Hm. Dann habe ich noch eine Bitte. Versuchen Sie doch mal, bei den Mildes für mich einen Termin zu machen, an dem ich möglichst viele Familien-Mitglieder antreffe."

"Schon in Arbeit." Sie hatte etwas von einem Wirbelwind an sich, besonders, wenn sie aus dem Zimmer sauste und die Türen hinter ihr ins Schloss krachten.

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Norma Seydel hatte sich im Falkenhof ein Zimmer genommen und nach der Ankunft sofort mit Franz Lambeck telefoniert, dass sie gut angekommen sei und gleich morgen anfange, "unseren Bekannten" im Umkreis des Innenministeriums zu suchen.

"Viel Glück", wünschte er nur lakonisch. Sie vertrat sich nachmittags die Beine und lief durch die Altstadt, die aufwendig restauriert worden war. Einmal blieb sie vor dem Aushang einer Nachtbar stehen und bewunderte die "Orchideen", die sich, wie der Aushang versprach, im Laufe des Abends entblätterten. Für's Vergnügen der Männer war also gesorgt. Die Frauen der Stadt hatten ihr Hauptquartier im Café Lissen, in das sich Norma zum Schluss ihres Rundgangs setzte. Ein der Karte beigeheftetes Blatt erklärte den Gästen, dass es sich bei den Stadtfrauen um einen eingetragenen Verein handelte, der Spenden für wohltätige Zwecke sammelte, Feste und Events organisiere und allen Frauen offenstand, die gerne selbst bestimmten, was sie planen und unternehmen sollten.

Abends setzte sie sich an die Hotelbar. Es war leicht, mit dem jungen Mann ins Gespräch zu kommen. "Jahrelang hört man von diesem Bundesland gar nichts und dann erobert es über Nacht alle Titelseiten."

"Für's Geschäft war's nicht schlecht", grinste er sie an.

"Das kann ich mir denken. Bad news are good news."

Er brummte zustimmend, diesen Journalistenschnack kannte er auch.

"In welcher Zeitung bekomme ich denn die besten News zu diesem Thema?"

"Sie sind nicht von hier?"

"Nein, ich bin zum ersten Mal in dieser Stadt."

"Wir schwören alle auf das Tageblatt. Eine Spur betulich, aber zuverlässig und am besten informiert."

"Gibt es ein Lokalradio?"

"Ja, Stadtradio 99,8. Aber da sollen Sie sich etwas vorsehen. Wenn irgendwo eine Tasse umkippt, machen die daraus den Einschlag eines Meteoriten, den der NASA-Roboter 'curiosity' auf dem Mars ausgelöst hat."

"Auf solche Zusammenhänge muss man erst mal kommen", bewunderte sie.

"Nicht wahr? Noch einen Daiquiri?"

"Wie sagte Hemmingway? 'One for the Row.'"

"Nein", schüttelte er den Kopf. "Das Glas müssen Sie hier lassen!" Ein umfassend gebildeter Barmann.

In der Nacht träumte sie vom Alten Zoll in Bonn und wachte auf, weil ein fremder Mann sie mit Apfelsinenschnitzen füttern wollte. Vor dem Zähneputzen hatte sie noch den Anrufbeantworter in Hamburg abgehört. Henry Ford hatte sich nicht gemeldet.

Beim Frühstück las sie den ersten Artikel von Heike Möllner zum Thema Mord an Minister Milde.

"Die Koalition tut sich schwer, einen Nachfolger für Ludwig Milde zu bestimmen. Aus den Fraktionen hat sich noch kein Bewerber für das Amt gemeldet, dessen Besetzung laut Koalitionsvertrag den Liberaldemokraten zusteht. Hinter den Kulissen wird nämlich eine Art Richtungskampf ausgetragen: Soll mit dem neuen Mann auch der rigorose Mildesche Kurs ("Milde ist mein Name, nicht mein Charakter") aufgegeben werden? Es ist kein Geheimnis, dass Ministerpräsident Fürst nicht daran denkt, vom Kurs seines früheren Innenministers abzuweichen ("Gesetze sind dazu da, angewendet zu werden, und zwar gegen jedermann"), der Teilen seiner Sozialen Volkspartei missfällt, die Milde schon seit einiger Zeit vorgeworfen hatten, er sei zu hart, zu unsensibel und zu stur, er lasse soziales Mitgefühl und die Bereitschaft vermissen, im Einzelfall auch einmal von den strengen Regeln abzuweichen. Die Liberaldemokraten wollen zur Zeit in dieser Frage keine Position beziehen, sie sind noch damit beschäftigt, in den eigenen Reihen einen Mann oder eine Frau zu finden, die oder der Mildes wichtigste Funktion ausfüllen kann, in strittigen Fällen zwischen LD und SVP zu vermitteln und auszugleichen. Notfalls steht ein Übergangskandidat bereit. Staatssekretär Guido Hartmann, zur Zeit der reale Leiter des Innenministeriums, hat bereits zu erkennen gegeben, dass er sich gut vorstellen kann, vom Stuhl des Staatsekretärs auf den Ministersessel zu wechseln, und in Richtung Liberaldemokraten und Sozialer Volkspartei wissen zu lassen: An Mildes Kurs und Projekten werde sich nichts ändern, allenfalls an der unverblümten Ausdrucksweise Mildes."

Er heißt Hartmann und will ein harter Mann sein", murmelte sie und faltete die Zeitung zusammen. Sie trank ihre zweite Tasse Kaffee aus, ging auf ihr Zimmer und mailte an Franz Lambeck. "Unbedingt lesen: Artikel von Heike Möllner im heutigen Tageblatt, Seite vier, über die Nachfolge Mildes."

Auch Markus Weber hatte das Tageblatt gelesen und meinte zu Heike, die auf der anderen Seite des Tisches saß: "Steckt dir eigentlich jemand solche Informationen? Oder wie kommst du daran?"

Sie lachte ihn an und schüttete sich die dritte Tasse Kaffee ein. "Das ist ganz unterschiedlich, mein Schatz. In diesem Fall hat mich Hartmann angerufen. Ich denke, er möchte die Entscheidung, die ihn betrifft, etwas beschleunigen."

"Ich weiß nicht; vom Staatssekretär zum Minister. Ist das ein Karriere-Sprung oder -Sturz?"

"Er hat das Ende seiner Fahnenstange bereits erreicht."

"Wie meinst du das?"

"Als Landesbeamter kann er kaum mehr erreichen."

"Du meinst, er muss die Fahnenstange wechseln?"

"Sozusagen". Sie lachte, und Weber wusste, dass sie sich dieses Bild merken und bestimmt bald einmal in einem Artikel verwenden würde. Sie verstanden sich gut, nicht nur im Bett, und das Wort Standesamt hatte für ihn in Verbindung mit Heike Möllner viel von seinem früheren Schrecken verloren. Aber noch traute er sich nicht, das Thema anzuschneiden, er wusste, dass sie viel Wert auf ihre berufliche Selbstständigkeit und auch auf finanzielle Unabhängigkeit legte.

"Wenn du so viele Interna kennst, dann kannst du mir doch bestimmt auch sagen, welche Projekte Milde angeleiert hatte, die Hartmann - so hieß er doch?! - weiterführen möchte?"

"Er war ein Spezialist für zugkräftige Schlagwörter. Eines lautete 'Konsequente Justiz'. Die Polizei greift hart durch gegen Verbrechen und Täter, die Justiz schöpft den Strafrahmen des Gesetzes konsequent aus. Er war gegen illegale Zuwanderung, gegen Asylbetrug, Menschenhandel und Unehrlichkeit bei Sozialleistungen: 'Betrug darf sich nicht lohnen, das ist der Staat den ehrlichen Bürgern schuldig'."

"Also hätte er CDs mit Steuersünderdaten gekauft?"

"Ohne Bedenken, sofort. Aber Steuern waren nicht sein Ressort. Hast du Angst, dass du mal auffliegst?"

Er zögerte: "Na ja, ein wenig habe ich auch im Ausland gebunkert. Steuerehrlichkeit ist ja schön, aber wenn ich sehe, welcher Blödsinn gelegentlich mit meinen Steuern finanziert wird, fällt es mir doch schwer, immer ehrlich zu bleiben."

"Du hättest dich mit Ludwig hervorragend verstanden. Nach dem jährlichen Bericht des Bundes der Steuerzahler über Verschwendung öffentlicher Gelder hätte er am liebsten seine Maschinenpistole geölt und wäre mit einem Sack voller Munition losgezogen."

Sie griff nach der Warmhalte-Kanne und wollte sich nachgießen.

"Halt!" sagte er. "Heike, du trinkst zuviel Kaffee."

"Kaffee ist das Blut des Journalismus."

"Und was ist die Kaffeesahne?"

"Ich trinke schwarz."

"Du meinst, ohne Milch und Zucker? Oder geschmuggelten und nicht versteuerten Kaffee?"

"Weder noch." Sie stand auf und ging um den Tisch herum. "Stück mal ein Rück!"

Er gehorchte und sie setzte sich auf seinen Schoß, nahm eine Hand und legte sie auf ihren Busen. "Dein Nachthemd stört", sagte er mit rauer Stimme.

"Nachts weißt du, was dann zu tun ist?"

"Das gilt auch für tagsüber?"

"Aber klar." Also zog er ihr sorgfältig das Nachthemd über den Kopf und begann ihren Busen zu küssen. Er hätte nie geglaubt, dass er nach so vielen Jahren, die er meist allein gelebt und immer nur kurze Affären gehabt hatte, sich noch einmal wie ein Jüngling in eine Frau verlieben und sich wünschen würde, immer mit ihr zusammenzubleiben. Doch er wusste immer noch nicht, wie sie reagieren würde, wenn er ihr das gestand. Er, ein erwachsener Mann mit einiger erotischer Erfahrung, hatte Angst vor einem Nein, wie immer liebevoll oder vernünftig oder sachlich begründet es verpackt sein sollte. Sie ahnte, was in ihm vorging, aber noch war sie sich ihrer Gefühle nicht sicher. Sie schlief oft und gern mit ihm, sie genoss es, auch die zärtliche Erotik vorher und nachher, aber reichte das für viele Jahre Ehe? Man konnte sich scheiden lassen, aber in dem Punkt war sie altmodisch: Solche Entscheidungen sollte man sich reiflich überlegen und nur dann revidieren, wenn es gar nicht mehr anders ging. Bis dahin würde sie ihre Wohnung, ihren Beruf beibehalten und er sollte seinen Geschäften nachgehen und bei schlechter Laune in seiner kleinen Wohnung schlafen. Wer wollte sie zwingen, ihr jetziges Verhältnis aufzugeben?

Auch andere hatten Heikes Artikel gelesen. Als sich Ministerpräsident Heinrich Fürst, der LP-Vorsitzende Odilo Marquardt, der Fraktionsvorsitzende der LD, Heiko Langer und sein SVP-Kollege Bernhard Abich im Büro des Regierungschefs trafen, bemerkte Fürst säuerlich: "Hartmann scharrt mit den Hufen." Fürst war zu lange im parteipolitischen Geschäft, um sich von gespielter Harmlosigkeit täuschen zu lassen. "Hätte er denn in der Koalition überhaupt eine Chance?" wollte Marquardt wissen.

Darüber hatten sich Abich und Langer schon auf der Treppe unterhalten. Deshalb konnte Abich sofort Auskunft geben: "Keine überschäumende Begeisterung, aber eine solide und haltbare Zustimmung."

"Ist sonst ein Kandidat oder eine Kandidatin am Horizont aufgetaucht?"

"Wir haben an Uwe Tremmel gedacht, zur Zeit Rektor des Justiz-Zentrums Bossenbruch. Staatsrechtler, acht Jahre Verwaltungsdirektor im Landkreis Taufertal."

"Den Mann kenne ich nicht", sagte Fürst nervös, der sich nicht leicht an neue Gesichter gewöhnte. "Noch ein Kandidat?" Es war schon eine kuriose Situation, die keiner der Anwesenden so je erlebt hatte, man musste einen Kandidaten für ein vakantes Ministeramt suchen. Früher standen die Bewerber in solchen Fällen Schlange vor der Tür.

"Ich glaube, ich werde mal mit Hartmann reden", sagte Fürst gereizt. "Wir machen uns ja langsam lächerlich."

Hartmann trat am späten Nachmittag im Amt an. Er hatte sich gut vorbereitet; denn er ahnte, dass die von ihm herbeigewünschte Entscheidung anstand. Es lief so ab, wie er sich das vorgestellt hatte. Ministerpräsident Fürst erkundigte sich nicht nach dem täglichen Geschäft, das lief in einem ordentlich organisierten Amt nach festen Regeln fast automatisch ab. Es ging um das, was sich Hartmann für die verbleibende Zeit bis zu den Wahlen vornehmen wollte oder konnte. Was nach den Wahlen passierte, wussten nur die launischen Götter. Der Wähler war und blieb unberechenbar und die Koalition hatte sich nicht nur mit Ruhm bekleckert. Fürst hatte am Vormittag noch kurz mit Marquardt unter vier Augen sprechen können. Die Stimmung bei den Liberaldemokraten war mieser als je zuvor, und drei ungeklärte Todesfälle von LD-Mitgliedern drückten die Stimmung noch weiter.

"Wie kommt die neue SoKo voran?"

"Steiger ist ein Einzelgänger, aber Tschako, dem er vertraut, ist davon überzeugt, dass er bereits eine Spur aufgenommen hat."

"Wohin die führt...?"

"Tut mir Leid, Herr Ministerpräsident, dazu kann ich noch gar nichts sagen."

"Was ist mit den anderen Projekten, die Milde angeschoben hatte?"

"Die laufen problemlos. Der DFB meckert natürlich auf Hochtouren, dass er soviel für den Spiel- und Stadienschutz zahlen soll. Aber dabei haben sie sich in eine Sackgasse verrannt. Die Funktionäre argumentieren, bei der Bundesliga handele es sich um Sport, und dafür sei finanziell das Innen- oder Gesundheitsministerium zuständig. Milde war etwas grob, aber sehr deutlich. Er könne sich diesen Argumenten unter Umständen anschließen, wenn der DFB daran mitwirke, dass alle Beteiligten, Spieler, Trainer, Schiedsrichter etc. auf Gehälter verzichteten und sich mit Aufwandsentschädigungen zufrieden gäben, wie sie heute schon steuerlich bei ehrenamtlichen Helfern anerkennt würden."

Fürst lachte laut auf, das sah Ludwig dem Bissigen ähnlich.

"Und sein Lieblingsprojekt Strüwa?"

Die Streckenüberwachung sollte herausfinden, wie lange sich ausländische Lkws auf Bundesgebiet aufhielten. Dazu wurden an den Grenzübergängen bei Ein- und Ausreise Kennzeichen, Typen, und Fahrerdaten erfasst und einer zentralen EDV laufend gemeldet, gespeichert und überwacht. Ob und wie weit das mit dem Schengener Abkommen vereinbar war, beschäftigte noch die Juristen, Milde hatte einen Feldversuch durchgesetzt und in der EU mit den Niederlanden mindestens einen Verbündeten gefunden. Hartmann konnte einige Zwischenergebnisse präsentieren. Obwohl sie nur an wenigen Grenzübergängen solche Anlagen aufgebaut hatten und sich Bayern zum Bespiel bislang strikt weigerte, an dem Feldversuch teilzunehmen, hatten sie in sechs Monaten zehn mit Haftbefehl gesuchte Ausländer festgenommen, die mit den Papieren eingereister Kraftfahrer ausreisen wollten. Daraufhin angeordnete Einzelkontrollen von Lkws hatten in fünf Fällen Verstecke für illegal Einreisende gezeigt. Ob aus dem Feldversuch eine Dauereinrichtung werden sollte, mussten die Innenminister auf einer Konferenz entscheiden, für die ein Termin Ende Mai ins Auge gefasst war.

"Also weitermachen?"

"Auf jeden Fall", sagte Hartmann ohne Zögern. Bayern hatte sich auf der Innenministerkonferenz bereit erklärt, an dem zeitlich ausgedehnten Feldversuch unter Umständen doch noch teilzunehmen, verlangte aber eine Art Kompensation, nämlich Zustimmung zu den Münchener Plänen, den Länderfinanzausgleich zu verändern. Die Entscheidung darüber würde Fürst gern bis nach den Wahlen aufschieben, was Hartmann gut verstand. Eine Entlastung der Geberländer musste auf jeden Fall das Land negativ treffen. Fürst musterte ihn nachdenklich. "Okay, spielt die illegale Einwanderung denn so eine große Rolle?"

"Ja und nein. Es gibt einen sehr praktischen Hintergrund. Da reist ein Lastwagen aus Weißrussland legal ein, mit Ziel - sagen wir: Hamburg - in Hamburg lädt er ab und übernimmt dann Fracht von Hamburg nach Köln. Der weißrussische Transporteur verlangt weniger Frachtgebühren als ein deutscher Spediteur. Schließlich spart er an Lohn- und Versicherungskosten und gefährdet hier Arbeitplätze. Wenn er es geschickt anstellt, fällt sein Abstecher von Hamburg nach Köln nicht auf, auch nicht, dass er damit deutsche Arbeitsplätze gefährdet. Und auf der Rückreise nimmt er einen Ausländer mit, der hier von der Justiz gesucht wird. Richtig organisiert, kann das schon ein ertragreiches Nebengeschäft werden."

Fürst nickte. Dass die Politik die Geschäfte der Wirtschaft betrieb, war ja kein Geheimnis und zu Mildes Lieblingssprüchen hatte der Satz gehört: 'Man kann die Todesstrafe nicht abschaffen, weil dann der Henker arbeitslos wird'."

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Steiger war angenehm überrascht, die gesamte Familie Milde anzutreffen. Die Söhne Lothar und Sören waren über das Wochenende aus ihren Studienorten gekommen, Tochter Jessica fuhr mit dem Zug keine Stunde aus ihrem Internat Scheffelsberg nach Hause. Onkel Hans-Joachim Milde wohnte am anderen Ende der Stadt und hatte seine momentane Lebenspartnerin Tanja Polesch mitgebracht. Steiger wurde nur von Karin Mirbach begleitet, und das eigentlich nur, weil er Wert auf ein zweites Urteil legte. Hajo Milde gefiel ihm so wenig wie Tanja Polesch. Ein alternder Playboy hatte sich eine weit jüngere und aufgetakelte Spielgefährtin zugelegt. Die beiden Söhne waren seriöse, zuverlässige junge Männer, sehr höflich, sehr zurückhaltend, vielleicht etwas zu steif für ihr Alter. Schwester Jessica verkörperte das Gegenteil, ein sehr hübsches, sexy Persönchen, flatterhaft und egozentrisch. Sie passte äußerlich und in ihrem Verhalten gut zu Tanja Polesch, mit der sie sich aber nicht zu verstehen schien, wie Steiger sofort auffiel.

"Die Hummel", wie sie in der SoKo jetzt nur noch hieß - es gab auch noch die höfliche Steigerung "die Hummelin", hatte ein Menge über Hans-Joachim Milde zusammengetragen, Seriöses und auch Klatsch und Tratsch. Tanja Polesch war, wie die Hummel handschriftlich vermerkt hatte, eine "berufsmäßige Freundin" und Karin Mirbach fand, dass sie auch genau so aussah.

Sören Milde kam als erster zur Sache: "Sie wollen uns doch sicher Fragen zum Tod unseres Vaters stellen."

"Ja, wir suchen immer noch nach einem Motiv. Wem ist Ihr Vater so hart auf die Zehen getreten, dass der glaubte, deswegen einen so spektakulären Mord begehen zu sollen?"

Die beiden Söhne zuckten die Schultern. "Sie dürfen uns glauben, Herr Steiger, dass wir uns diese Frage immer und immer wieder gestellt haben und auch noch stellen", antwortete Lothar ernsthaft. "Vater hat nie viel über seine Arbeit im Ministerium erzählt, wir sind ja auch schon einige Zeit aus dem Haus und haben uns nicht mehr so oft gesehen."

"Und ich bin im Internat und darf nur am Wochenende nach Hause fahren", piepste Jessica. "Ich würde gern häufiger kommen, aber die in Scheffelsberg sind sehr streng."

"Und Vater meinte, es wäre besser, wenn wir nicht so viele Interna aus der Regierungsarbeit und den Parteien wüssten", schloss sich Sören an.

"Und Sie, Herr Milde?"

"Ich bin so was wie das schwarze Schaf im Milde-Clan. Mein Bruder hat mir nicht getraut und schon deshalb nie etwas anvertraut. Außerdem mochte er mich nicht leiden, und das schon seit Kindergartenzeiten."

"Und wie stand's mit Ihnen?" fragte Steiger Tanja Polesch.

"Ich?"

"Ja, Sie haben Ludwig Milde doch gekannt - oder?"

"Schon. Aber wenn Hajo für den großen Minister das Schwarze Schaf war, dann lief ich unter dem Rubrum 'Das dumme Schaf'. Und die schert man bestenfalls, die macht man nicht zu Vertrauten."

Hans-Joachim Milde räusperte sich: "Die ganze Familie ist denkbar ungeeignet, Ihnen in diesem Punkt was Neues zu erzählen."

"Schön - oder besser: Schlecht. Hatte Ludwig Milde denn keine Freunde, Bekannte, mit denen er offen redete?"

Sören mischte sich an: "Ich nehme an, Sie haben schon mit Guido Hartmann gesprochen, mit dem Staatssekretär?"

"Ja. Meine Kollegen haben stundenlang mit ihm Akten gewälzt: Wo ist da ein Mensch, eine Organisation, eine Gruppe, denen der Innenminister Milde so schmerzhaft und massiv auf die Hühneraugen getreten ist, dass sie auf Rache gesonnen haben?"

"Ohne Ergebnis?" wollte Lothar wissen.

"Ohne. Dann bleibt noch ein Bereich, über den Sie vielleicht nicht gerne sprechen möchten. Tut mir leid, aber es muss sein. Hat es nach dem Tod Ihrer Mutter keine andere Frau mehr gegeben, eine Frau, eine Freundin, eine gute alte Bekannte?"

Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass sich Jessica Milde streckte und stramm hinsetzte. Sie wusste oder vermutete was, aber wie er sich gedacht hatte, in Gegenwart ihrer Brüder, des kommenden Vormunds und dessen Freundin wollte sie nichts sagen. Auch Karin Mirbach hatte was bemerkt und murmelte, kaum hörbar: "Lieber unter vier Augen, Leo."

Steiger nickte unmerklich und sagte dann laut: "Zum Schluss möchte sich Sie alle fragen, ob Sie was von den Auseinandersetzungen des Ministers mit zwei Abgeordneten seiner Partei wissen?"

"Sie meinen Thomas Schlich und Matthias Vanderbeek?" fragte Sören laut.

"Ja."

"Die beiden sind doch tot" meinte Lothar. "Wollen Sie andeuten, der Mord an meinem Vater hängt mit dem Tod der beiden Abgeordneten zusammen?"

"Können Sie das absolut ausschließen?"

"Nein, natürlich nicht", gab Lothar zurück. "Aber darüber wissen wir nichts. Wie gesagt, über das, was in der Partei und im Ministerium ablief, hat Vater zu Hause selten gesprochen. Zumindest nicht in meiner Gegenwart. Wie steht's mit Euch?" wandte er sich an die anderen.

"Mich hat das nie interessiert", sagte Sören.

"Politik ist langweilig, und ich bin selten zu Haus", erklärte Jessica.

"Seit wann sind Sie denn in Scheffelsberg?", erkundigte sich Karin.

"Sie können mich ruhig duzen", antwortete Jessica höflich. "Seit jetzt - Moment - fast acht Jahren. Gleich nach dem Tod meiner Mutter." Dann bemerkte sie Karins Mitleidsgesicht und fügte hinzu: "Ich wollte das selbst so."

Steiger schaute auf Hans-Joachim Milde, der nur den Kopf schüttelte: "Ludwig hat nie mit mir über Schlich und Vanderbeek gesprochen. Persönlich glaube ich, dass er - so wie er gestrickt war - beide nicht ernst genommen hat. Sie konnten lästig werden, wie die Fliegen, aber nicht gefährlich."

"Und Sie, Frau Polesch?"

"Für ein Gespräch über Politik war ich ihm immer zu dumm."

Leo Steiger und Karin Mirbach gingen bald darauf, sie unzufrieden über das Null-Ergebnis, er nicht so pessimistisch: "Um die Frage nach den Freundinnen, die Milde nach dem Tod seiner Frau vielleicht gehabt hatte, sind alle elegant herumgegangen."

"Bis auf Jessica, das ist dir doch auch aufgefallen."

"Stimmt. Kannst du dich mal um sie kümmern? Von Frau zu Frau redet es sich über dieses Thema vielleicht einfacher und unkomplizierter."

"Alter Macho!"

"Danke."

"Und was machst du?"

"Ich beschäftige mich mal mit zwei toten Parteifreunden."

"Bei der Hitze?"

"Als wir uns näherkamen, war es eisig kalt."

"Auch nicht schöner."

"Aber dank deines widerlichen Hausmeisters, der sich nicht um die Heizung kümmern wollte, schließlich geselliger."

Sie blubberte Zustimmung, bevor sie bemerkte: "Die Familienmitglieder mögen sich nicht sonderlich leiden."

"Nein."

"Aber wenn Neugierige kommen, halten sie zusammen und bilden eine Mauer: Ich weiß nichts, ich war nicht da, mir hat er nie was erzählt."

"Sie wollen alle was verbergen."

"Wahrscheinlich."

"Ist dir aufgefallen, dass die Mutter schon gar keine Rolle mehr gespielt zu haben scheint?"

"Deswegen die große Kurve um eine mögliche Nachfolgerin?"

"Gut möglich."

"Verständlich, wenn es sich um eine Art Tanja Polesch Zwei handeln sollte."

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19

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Bis Schellenbach brauchte Steiger knapp zwei Stunden in gemütlichem Tempo über Bundes- und Landstraßen. Er war um acht Uhr losgefahren und freute sich jetzt auf einen Kaffee. Die ungewöhnliche Trockenheit dauerte in der vierten Woche an, Bäume und Büsche ließen in der Hitze schon die Blätter hängen, und auf den Wiesen dominierte mittlerweile die Farbe braun. Und das Ende Juni. In der Stadt hatte sich seit Tagen kein Lüftchen mehr gerührt, und über dem Flusstal baute sich der gefürchtete, im Moment noch dünne, graubraune Dunstschleier auf, der schließlich wie eine Glocke über der Stadt hängen und das Atmen schwer machen würde. Über den weiten Flächen flirrte die erhitzte Luft. "Sahara statt Sommer" hatte das Tageblatt gestöhnt. Wenn die schöne alte Bauernregel "Ist der Mai kühl und nass, füllt's dem Bauern Scheun' und Fass" noch galt, drohte eine Missernte bei Getreide und Wein.

Das Reiterhotel Schellenbach war unübersehbar ausgeschildert. Die Glocke der Dorfkirche bimmelte dünn, als er in die Zufahrtsstraße einbog und auf das alte Hofgebäude zurollte und sich auf den Parkplatz für Gäste in den Schatten stellte. Ein behäbiger Bau aus roten Ziegel und mit einem hohen Dach, das frisch eingedeckt war. Die alte Durchfahrt diente jetzt als Eingang, neugierig ging er ein paar Schritte weiter und blieb auf dem Hof stehen. Links und rechts jenseits der kleinen Grünanlage mit dem Schwimmbecken und der Liegewiese waren neue Gästehäuser entstanden, ebenfalls zweistöckig, im Stil des alten Hofes, und rechts lagen die Ställe. Alle Tore standen weit offen. Im Wasser tobten Kinder, die Eltern dösten unter Sonnenschirmen in den Liegestühlen; eine Bedienung schleppte ein riesiges Tablett mit eisgekühlten Getränken. Steiger nickte anerkennend und machte kehrt.

Die junge Frau an der Rezeption, der die Tüchtigkeit aus jedem Knopfloch ihrer Uniformjacke leuchtete, lächelte geschäftsmäßig: "Frau Vanderbeek erwartet Sie schon, Herr Steiger. Würden Sie mir bitte folgen."

Zu seiner Verblüffung führte sie sie quer über den Hof in die Ställe, dann durch eine Hintertür auf einen Übungsplatz, auf dem zwei junge Frauen Pferde führten; die jungen Reiterinnen hatten offenkundig ihre ersten Stunden und klammerten sich noch ängstlich fest.

"Frau Vanderbeek? Ihr Besuch ist gekommen."

"Danke, Vera."

Anita Vanderbeek winkte ihm zu und führte das Pferd an einen Holzsteg. Das junge Mädchen stieg sichtlich erleichtert ab, gab ihr die Hand und lief schnell weg, was Steiger erheitert betrachtet. In einen Sattel müsste man ihn prügeln, und er freute sich, dass es auch anderen so ging. Deswegen blieb er stehen und schaute zu, wie sie, das Pferd am Halfter führend, auf ihn zukam.

"Guten Tag, Herr Steiger. Einen Moment noch, ich muss nur jemanden holen."

Sie konnte tatsächlich auf zwei Fingern pfeifen, sogar sehr laut und ausgesprochen schrill, ein junger Bursche stürzte aus dem Stall und übernahm das Pferd. "Die kleine Anna ist in einer Viertelstunde dran. Mach die Steigbügel kürzer und denk daran, dass sie noch nie auf einem großen Pferd gesessen hat."

"Geht in Ordnung, Chefin."

"Kommen Sie, Herr Steiger."

Er hatte Anita Vanderbeek unauffällig beobachtet. Anita war groß und breitschultrig, nicht dick oder plump, aber vom allgemeinen Ideal zerbrechlicher Schlankheit ziemlich weit entfernt. Wie eine stolze Walküre, dachte Steiger, wohlproportioniert, eben eine kräftige Frau mit weizenblonden Haaren und großen blauen Augen. Nicht schön, doch beeindruckend. Sie redete und bewegte sich ungewöhnlich langsam, das war ihm sofort aufgefallen. Nicht nur ruhig und überlegt, sondern eine Spur schwerfällig-unsicher, aber doch wiederum nicht so, dass es Steiger unangenehm berührt oder Zweifel an Anitas Intelligenz geweckt hätte. Oder den Eindruck hervorrufen würde, seine Gastgeberin sei passiv und träge. Angewohnheit oder angeboren? Es irritierte Steiger ein wenig, dass er es nicht einordnen konnte. Aber es schien sie nicht zu stören, was andere Menschen über sie dachten. Und sie besaß bestimmt genug Autorität und Selbstbewusstsein, sich jede Anzüglichkeit oder Missachtung zu verbitten, daran zweifelte er nicht eine Sekunde. Ein schwacher Mann würde es mit dieser starken Frau nicht lange aushalten.

Hinter der Rezeption führte eine schmale Treppe zu den Privaträumen; Anita hatte unten Kaffee bestellt und musterte Steiger jetzt ruhig, als nehme sie ihren Besuch zum ersten Mal richtig wahr: "Ich muss mich umziehen, Herr Steiger. Der Kaffee kommt gleich."

"Ich habe Zeit, Frau Vanderbeek."

Der Wohnraum reichte über die ganze Tiefe des Hauses; auf der Rückseite waren zwei Fenster geklappt, Steiger hörte das Juchzen und Planschen der Kinder. Die Einrichtung bestand aus schönen alten Bauernmöbeln und hypermodernen Tischen und Polstermöbeln; eigentlich hätten sich die Teile und die Farben beißen müssen, aber das taten sie nicht. Eine Längswand war bedeckt mit Landschaftsbildern und Ölportraits würdevoller Damen und Herren. Es roch angenehm frisch und kühl nach Lavendel und Thymian.

Die junge Bedienung stotterte vor Nervosität, als sie das Tablett absetzte, ihr Gesicht glühte.

"Vielen Dank", sagte Steiger und zwinkerte ihr zu. Die junge Frau atmete erleichtert durch und schoss davon. Sie legte anscheinend wenig Wert darauf, ihrer Chefin zu begegnen.

Anita Vanderbeek hatte einen weiten, hellen Rock und eine rotweißkarierte Bluse angezogen. Und wieder fielen Steiger Anitas langsame Bewegungen auf; ein nervöser Mensch hielt es in ihrer Gegenwart bestimmt nicht lange aus. Wortlos, aber nicht unfreundlich, goss sie die Tassen voll und wartete geduldig, dass Steiger das Gespräch eröffnete. Er hatte sich schon wohler gefühlt.

"Ich muss Ihnen leider noch Fragen zum Tode Ihres Mannes stellen", begann er vorsichtig, und Anita Vanderbeek nickte ruhig. "Auf Anordnung der Staatskanzlei ist eine neue Sonderkommission gebildet worden, und mir wurde die Aufgabe übertragen, den - Tod Ihres Mannes noch einmal zu überprüfen."

"Ja", sagte Anita gedehnt. "Sie meinen natürlich den Mord an meinem Mann."

"Ich weiß, dass man Ihnen alle Fragen schon einmal gestellt hat, es tut mir leid, aber ich muss noch einmal von vorn anfangen."

"Das muss Ihnen nicht leid tun", antwortete sie, wieder nach einer Pause, mit tiefer Stimme. "An Selbstmord habe ich nie geglaubt und ich habe gehört, dass man von dem Mörder noch keine Spur gefunden hat und auch nicht weiß, warum er Matthi umgebracht hat." Den Akten hatte Steiger entnommen, dass Anita fest und unerschütterlich behauptete, ihr Mann habe keinen Selbstmord begangen, sondern sei von einem Unbekannten aus ihr unbekannten Gründen umgebracht worden, er hatte sich die Schlussberichte der Gerichtsmedizin und der Ballistik und der Kriminaltechnik mehr als einmal sorgfältig durchgelesen und neigte inzwischen zu ihrer Auffassung, Vanderbeek habe sich keine Kugel in die Stirn geschossen, sondern sei von einem Menschen erschossen worden, der nur wenige Meter vor ihm gestanden hatte.

"Nein, bisher keine Spur. Frau Vanderbeek, hatte Ihr Mann Feinde?"

"Nein. Keine Feinde. Viele mochten ihn nicht leiden, aber er hatte keine Feinde, die ihm nach dem Leben trachteten."

"Ist er einmal bedroht worden? Hat sich jemand rächen wollen?"

"Nein. Nie."

"Hat Ihr Mann mit Ihnen über Politik gesprochen? Über den Landtag, die Liberaldemokraten, seine Pläne?"

"Nein. Es hat mich nicht interessiert, und das meiste hätte ich auch nicht verstanden. Er machte Politik, ich habe in der Zeit den Hof umgebaut. Wenn Sie so wollen, lebten wir in getrennten Welten."

Nach zwei Stunden wäre Steiger am liebsten verzweifelt. Auf alle Fragen antwortete Anita langsam und gleichmütig, immer nach einer kleinen Bedenkpause und oft so, als gebe sie Auskunft über eine andere, ihr zufällig bekannte Frau, doch kein Mal hatte Steiger den Eindruck, als mache sie Ausflüchte oder belüge ihn. Zwischendurch hatte er sie zu reizen versucht und geforscht, wie denn ihre Ehe gewesen sei, und mit unverändertem Tonfall erklärte Anita, dass sie schon lange nicht mehr miteinander schliefen und getrennte Schlafzimmer bezogen hatten. Ob er in der Stadt Freundinnen hatte? - wahrscheinlich, ja, aber das habe sie nicht interessiert. Ihre Welt waren Hotel und Hof, den sie von sich aus nicht umgebaut und erweitert hätte, aber er wollte es so, und sie hatte sich gefügt, dann aber dafür gesorgt, dass alles auch so ausgeführt wurde, wie es einmal geplant worden war. Nun war ihre Welt das Hotel, der Reiterhof. In "die Stadt" war sie selten gefahren, hatte nie das kleine Gartenhaus betreten, in dem Matthias während der Sitzungswochen wohnte und vielleicht, wie sie unbewegt meinte, die Nächte nicht alleine verbrachte. Sie war auch noch nie im Landtag gewesen. Auf Steigers Bemerkung, sie liebe wohl Tiere, erwiderte sie sehr ernsthaft: "Ja, mehr als Menschen."

"Frau Vanderbeek, bei der ersten Vernehmung haben Sie ausgesagt, Ihr Mann sei am 4. Mai - das war ein Sonntag - abends angerufen worden und gleich danach in die Stadt gefahren. Wissen Sie inzwischen, wer da angerufen hat und warum es Ihr Mann danach plötzlich so eilig hatte?"

"Nein. Beides weiß ich nicht. Es hat sich auch keiner mehr bei mir gemeldet und gefragt, wo er denn bleibe."

Bisher hatte sie noch nie eine Frage vorweggenommen.

Vorsichtig steuerte Steiger das Thema Schulden an, Anita Vanderbeek schüttelte gelassen den Kopf, darüber müsse er sich mit Luise unterhalten.

"Wer ist Luise?"

"Meine jüngere Schwester. Sie lebt auch auf dem Hof - hier im Hotel." Es war das erste Mal, dass sie sich verbesserte.

Über Matthis Todestag konnte sie nichts Neues berichten. Er war am Sonntag abends weggefahren, mit seinem Wagen, und hatte nicht mehr angerufen, was er manchmal tat, wenn es schlechtes Wetter war und er sie beruhigen wollte: "Ich bin gut in der Stadt angekommen."

"Kannten Sie Thomas Schlich?"

"Natürlich. Er war oft hier, auch über Nacht."

"Alleine?" tastete Steiger sich vor, doch Anita schaute ihn direkt an: "Nie. Immer mit einer Frau. Meistens mit der Petra. Aber auch mit anderen."

"Waren Thomas Schlich und Ihr Mann eigentlich Freunde?"

"Nein, Kollegen. Mitglieder in einer Partei und Fraktion."

"Hat Ihnen Schlich etwas über die Politik oder die Partei erzählt?"

"Nein. Er hielt mich für dumm und dachte, das würde ich sowieso nicht verstehen."

"Wissen Sie, mit wem er das letzte Mal hier in Schellenbach übernachtet hat? Und wann das war?"

"Ja. Ich hab's mir aufgeschrieben, nachdem Ihre Kollegen mich danach gefragt hatten."

Die Begleiterin und Freundin war bekannt. Petra Beyer, eine Lehrerin, mit der er schon länger befreundet war. „Sie waren am Wochenende 22./23. März hier und sind am Montag, 24. März, gemeinsam sehr früh weggefahren."

"Können Sie sich erinnern, dass an dem Wochenende irgendetwas Ungewöhnliches vorgefallen ist? Hat Schlich sich hier mit anderen Leuten getroffen?"

"Nein. Thomas und Petra sind viel gelaufen, ins Dorf und zum See gegangen, Thomas hat, weil das Wetter für März ungewöhnlich gut war, sein Segelboot zu Wasser gelassen, Matthias hat ihm dabei noch geholfen, und danach waren die Männer zwei oder drei Stunden auf dem Wasser. Petra segelt nicht so gerne und hatte sich für diese Zeit ein Pferd ausgeliehen."

Petra Beyer hatte an diesem Montag erst ab der dritten Stunde Unterricht gehabt, abends hatten sie sich wieder getroffen, im Restaurant Schirmer, und Schlich hatte an dem Abend, als er mit Petra Beyer in seine Wohnung kam, einen ominösen Brief gefunden, den offenbar jemand unter der Tür durchgeschoben hatte.

Ihm fielen keine Fragen mehr ein. Wenn sie Steiger mit ihrer Art gezielt aufs Glatteis führte, verdiente Anita einen Preis für eine hervorragende schauspielerische Leistung. Aber trotz seines Unbehagens glaubte er nicht, dass Anita Vanderbeek ihn belog oder bewusst täuschte. Er hielt sie auch nicht für dumm oder beschränkt. Es passierte ihm selten: Er verstand sein Gegenüber nicht. Als er hochschaute, bemerkte er Anitas ernsthaften Blick, nicht ungeduldig und nicht auffordernd. Steiger hatte das Gespräch begonnen, er würde es also auch beenden.

"Dann würde ich gerne einmal mit Ihrer Schwester sprechen."

"Natürlich." Anita Vanderbeek stand auf und ging zur Tür.

Luise Horrem hatte eine verteufelte Ähnlichkeit mit ihrer Schwester, trotzdem schien sie in jeder Beziehung das Gegenteil von Anita zu sein. Auch blond und blauäugig, aber nicht so groß und kräftig, mit einer Figur, nach der sich Männer umdrehten, und sprühend vor Temperament. Sie saß im Büro vor dem Computer und schaltete erleichtert ab: "Nita hat mir schon erzählt, dass Sie kommen. Was halten Sie von einem großen Spaziergang? Hier drin ersticke ich!"

"Gerne", willigte Steiger rasch ein und fing einen amüsierten Blick auf: "Meine Schwester ist nicht ganz einfach zu ertragen, wie? Sie können es ruhig zugeben, Sie sind nicht der erste, und mich beleidigt es nicht."

Darauf antwortete er lieber nicht, und Luise Horrem schien auch keine Antwort zu erwarten.

Einen großen Teil des Landes hatten sie verpachtet, erklärte sie lebhaft. Das Testament des Seniors Vanderbeek verbot einen Verkauf, und Matthi hatte längst die Lust an der Landwirtschaft verloren. Anders als ihre Schwester Nita, aber Anita fügte sich. Wie immer. Erst daheim und jetzt in der Ehe.

"Das klingt, als bedauerten Sie Ihre Schwester."

"Höre ich mich wirklich so an? Nein, das tue ich nicht, sie ist zufrieden damit, wie es abläuft."

"Wird sie denn nach dem Tode ihres Mannes klarkommen?"

"Aber sicher. Wir beide schmeißen das Hotel von Anfang an, Matthi war heilfroh, dass er sich um nichts zu kümmern brauchte. Ich muss sie übrigens warnen. Nita wirkt etwas beschränkt, aber das täuscht mächtig. Versuchen Sie mal, ihr die Butter vom Brot zu nehmen, dann werden Sie Ihr blaues Wunder erleben."

Nach einer Weile nickte Steiger. Sie liefen einen Feldweg entlang, der auf der einen Seite mit Birken, Weiden und hohen Büschen begrenzt war, die Schatten warfen. Seine Jacke hatte er im Auto gelassen. Lu trug eine weiße, dünne Hose und ein rotgelbkariertes Shirt, unter dem sich ihr fester Busen sehr deutlich abzeichnete, was beabsichtigt schien.

"Diese Hitze wird langsam abenteuerlich", sagte sie aufgebracht.

"Ja. Frau Horrem, wie haben sich Ihre Schwester und Ihr Schwager eigentlich verstanden?"

"Ausgezeichnet." Sie lachte hell auf. "Er tobte in der Stadt herum und sich wohl auch aus, sie werkelt auf dem Hof und hält alles zusammen, und wenn er am Wochenende kam, gab es halt einen Gast mehr im Hause."

"Das heißt..."

"Ganz recht, dass sie keine Ehe mehr führten. Schon seit Jahren lief sexuell nichts mehr zwischen den beiden."

"Heikle Frage: Gab es, gibt es in Nitas Leben einen Mann, der das ausgleicht, was sie von ihrem Mann nicht bekommt?"

"Himmel, drücken Sie sich immer so kompliziert aus? Sie wollen wissen, ob sie einen Freund, einen Liebhaber hat."

"Ja."

"Nein, hat sie nicht. An dem allen, was da zwischen Mann und Frau abläuft, ist sie wenig interessiert."

"Anders als Sie?"

"War das nun eine Frechheit oder eine ernst gemeinte Frage oder gar der verunglückte Versuch eines Flirts?"

"Die Antwort lautet dreimal: Nein. Ist nie von Scheidung die Rede gewesen?"

"Nein, warum auch? Er konnte ja tun und lassen, was ihm beliebte, vor heiratswütigen Freundinnen war er durch Anita geschützt, und im Handbuch der Landtagsabgeordneten machte es sich halt besser, verheiratet zu sein."

"Höre ich da einen zynischen Unterton heraus?"

"Wenn Sie Wahrheit mit Zynismus gleichsetzen - ja."

"Wenn er seine Freiheit ausgenutzt hat, wie stand es mit ihr? Durfte sie auch und hat sie auch?"

"Erwarten Sie von mir im Ernst darauf eine Antwort?"

Er seufzte: "Vielleicht einen Hinweis auf ein mögliches Eifersuchtsdrama, um einen Todesfall aufzuklären, der viel Staub aufgewirbelt hat."

"Politischen Staub, der hier nicht interessiert, Herr Steiger. Nein, sie hätte gedurft und gekonnt, Gelegenheiten gab es, aber sie hat nicht."

"Trauert Ihre Schwester um ihren Mann?"

"Nicht so, wie Sie sich das wahrscheinlich vorstellen. Sie vermisst einen vertrauten Menschen aus ihrer Umgebung, an den sie sich gewöhnt hatte. Dass der zufällig mit ihr verheiratet war, ändert ihre Gefühle nicht."

"Und Sie? Wie standen Sie zu Ihrem Schwager?"

"Ojemine!" Sie konnte herrlich tief seufzen. "Ich konnte ihn nicht so gut ausstehen. Er mich übrigens auch nicht. Zum Glück ist das Haus groß genug, um sich aus dem Weg zu gehen. Sie müssen wissen, dass ich im Hotel regulär angestellt bin, mit Gehalt, Sozial- und Krankenversicherung, für Gotteslohn und aus Geschwisterliebe habe ich noch nie gearbeitet, und er hat mehr als einmal versucht, mich rauszuekeln und sich eine billigere Angestellte anzulachen, bei denen ich nie so ganz sicher war, wie weit ihre Pflichten auch nach Dienstschluss reichen sollen. Aber Anita hat 'Nein' gesagt, also biss er auf Granit."

"Sie verstehen sich mit Ihrer Schwester?"

Sie blieb so unvermittelt stehen, dass Steiger auf sie prallte und sie festhalten musste, damit sie nicht in das Strauchwerk stürzte. "Ja, sehr gut sogar. Und kommen Sie ja nicht auf die irrwitzige Idee, ich würde Anita bedauern oder bemitleiden oder bemuttern oder bevormunden. Sie dürfen mich übrigens wieder loslassen, ich stehe auch ohne männliche Hilfe fest und sicher auf meinen Füßen."

"Entschuldigung."

Ihr heftiger Ton gab Steiger zu denken.

"Ich muss Nita nicht einmal beschützen. Sie verhält sich anders als die meisten Menschen, das stimmt wohl, aber sie weiß genau, was sie will, und wenn sie etwas nicht will, kann selbst ich sie nicht umstimmen." Links von ihnen grasten Pferde und Luise Horrem seufzte. "Hoffentlich bekommen wir noch genug Heu für den Winter zusammen. Riesige Ausgaben für Futterzukäufe können wir uns nicht leisten. Und diesen Wallach da hätte Matthi längst verkaufen sollen. Für die Zucht fällt er ja aus und Reiter mag er nicht, die beißt er weg. Aber Matthi hängt an ihm."

Unwillkürlich musterte er sie scharf und sie lachte: "Wenn Sie jetzt fragen: 'Wallach schützt Wallach?' setzt es Prügel."

"Dann frage ich höflicher: Matthi und Nita haben keine Kinder?"

"Nein. Sie kann keine bekommen. Wie viele Kinder er hat, weiß ich nicht. Da ich aber einen guten Einblick in die Finanzen Vanderbeek habe, glaube ich nicht, dass er Alimente zahlt."

Langsam schlenderte Steiger weiter und schmunzelte versteckt, als Luise ihn wieder einholte.

"Frau Horrem, es heißt, Ihr Schwager habe Schulden..."

Überrumpeln ließ sie sich nicht. "Hat er", bestätigte sie trocken.

"Bedrohlich hohe Schulden? Oder sind damit Hypotheken gemeint?"

"Nein, nicht nur. Der Umbau ist natürlich - wie üblich - teurer geworden als veranschlagt, und er darf ja - durfte ja kein Land verkaufen."

"Wer hat denn ausgeholfen?"

"Freunde. Bekannte. Ich kenne nicht alle, aber einige, die er mir vorgestellt hat, entsprechen nicht meinen Begriffen von solide und vertrauenswürdig. aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. Matthi hat seinen Sportwagen verscherbelt, seine geerbte Münz- und Medaillensammlung, seine Briefmarken, seine Eigentumswohnung in der Stadt, hat nur ein Gartenhäuschen behalten. Eine Zeitlang klemmte es gewaltig, er hat schon alles zusammen kratzen und einige Male bei Typen betteln ...

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