Logo weiterlesen.de
Mörderin!

Raven Cross

Mörderin!

1. KAPITEL

„Willkommen unter den Lebenden, Miss Scott.“ Die melodische Männerstimme drang aus weiter Ferne an Matildas Ohr. Als sie blinzelte, erkannte sie verschwommen die Umrisse eines Mannes in einem weißen Kittel.

„Wo … bin … ich?“, murmelte sie, bevor sie seufzend die Augen schloss. Das helle Tageslicht blendete sie. Ihr Kopf dröhnte. Schmerz. Und die Kraftanstrengung, den Mund zu öffnen und zu sprechen, hatte sie völlig erschöpft.

„Sie sind im St. John’s Krankenhaus“, antwortete die freundliche Stimme. „Sie hatten einen Autounfall und lagen eine Woche im Koma. Aber keine Sorge. Sie sind auf dem Weg der Besserung. Und jetzt, da Sie aufgewacht sind …“

„Ein … Autounfall?“ Tilda blinzelte erneut und versuchte sich aufzusetzen. Doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Jede Bewegung erforderte unsagbare Willenskraft. Sie ließ sich zurück ins Kissen sinken und musterte den Arzt. „Ich kann mich … nicht an einen Autounfall … erinnern.“

„Das ist ganz normal“, entgegnete der Doktor beschwichtigend. „Sie leiden an einer durch den Unfall bedingten Amnesie. Sobald Sie sich wieder besser fühlen, wird Ihre Erinnerung zurückkehren. Sie haben sehr viel Glück gehabt. Außer ein paar Prellungen und einer Gehirnerschütterung sind Sie heil davongekommen.“

„Das … ist … gut.“ Tilda fielen vor Erschöpfung die Augen zu.

„Ich bin Doktor Michaels. Wenn Sie etwas brauchen, klingeln Sie. Neben Ihrem Bett ist ein Knopf mit einem roten Licht. Sobald Sie ihn drücken, kommt eine Schwester.“

„Hm …“, entgegnete Tilda, bevor sie ins Land der Träume abtauchte.

Heißhunger weckte Tilda zwei Tage später. Es war der Geruch frisch gebackener Brötchen und von Kaffee, den sie wahrnahm, sodass sie die Augen aufschlug. Obwohl sie das Tageslicht schmerzhaft blendete, fühlte sie sich ausgeruht und überraschend fit. Sie setzte sich in ihrem Krankenbett auf und sah sich um.

Auf dem Nachttisch neben ihrem Bett stand ein Tablett mit einer Tasse blassgelbem Tee und einer kleinen Schüssel Haferbrei. Angewidert verzog Tilda die Mundwinkel. Mit leckerem Kaffee und schmackhaften Brötchen hatte die Mahlzeit wenig zu tun. Ihre Fantasie hatte ihr einen ordentlichen Streich gespielt. Dafür duftete es in ihrem Krankenzimmer wie in einem Blumenladen. Kein Wunder: Dutzende Sträuße pinkfarbener Rosen, weißer Chrysanthemen, blauer Iris und unzähliger anderer Blumen standen in großen und kleinen Vasen auf der Fensterbank, am Bett und auf dem Boden. Offensichtlich schienen eine Menge Leute um sie und ihr Wohlergehen besorgt zu sein.

Ihr Wohlergehen … Warum war sie eigentlich hier? Und wie hieß das Krankenhaus? Nachdenklich runzelte Tilda die Stirn. In ihrem Kopf herrschte dumpfe Leere. Ganz so, als befände sich in ihrem Schädel ein Luftballon statt eines Gehirns. Einen Moment lang verspürte sie Panik. Was, wenn sie nie wieder klar denken konnte und für immer ein ‚Gemüse‘ blieb?

Im gleichen Augenblick fiel ihr der Name des Arztes ein: Doktor Michaels. Und sie lag im St. John’s Hospital … wegen eines Autounfalls.

Autounfall? Tilda hatte keinen blassen Schimmer. Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war, dass sie im Dunkeln an einer Straße entlangging. Oder sollte sie lieber sagen: stolperte? Warum konnte sie nicht richtig gehen? Und an welcher Straße hatte sie sich befunden? Tilda fiel es nicht ein. Dafür erinnerte sie sich an ihre Kleidung. Ein langes rosa Chiffonkleid mit kleinen Flügeln auf dem Rücken.

Flügel?

Unwillkürlich drehte Tilda sich nach rechts und starrte auf ihre Schulter, als rechnete sie damit, Federn aus ihrem Rücken sprießen zu sehen. Erleichtert stellte sie fest, dass unter dem Krankenhaushemd weiße, glatte Haut hervorlugte.

Vor ihrem geistigen Auge tauchte sie in dem rosa Kleid mit den kleinen Flügeln … und einem Zauberstab in der Hand auf. Es war ein Kostüm! Sie hatte als Glücksfee verkleidet an einer Halloween-Party teilgenommen!

Aufgeregt über den Erinnerungsschub versuchte sie, weitere Details aus ihrem Gedächtnis hervorzukramen, bis es plötzlich an der Tür klopfte. Ein Mädchen öffnete sie vorsichtig und streckte seinen Kopf ins Zimmer hinein. Der ernste Gesichtsausdruck des Mädchens wich einem strahlenden Lächeln, als es Tilda aufrecht im Bett sitzen sah.

„Sie ist wach!“, rief es, und hinter ihm tauchte ein zweites lächelndes Mädchen auf. „Oh mein Gott, Tilda! Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht!“ Das erste Mädchen eilte ins Zimmer, setzte sich an Tildas Bett und umarmte sie.

„Hallo“, meinte Tilda unsicher. Sie erkannte die Mädchen wieder. Sie waren auf der Halloween-Party gewesen, die Tilda als Fee verkleidet besucht hatte. Aber die Namen der beiden fielen ihr nicht ein.

„Du guckst mich an, als wäre ich ein Gespenst“, sagte das Mädchen, das sie umarmte, und grinste sie schief an.

„Sie erkennt dich nicht“, bemerkte das zweite Mädchen verlegen.

„Echt nicht?“ Das erste sah Tilda ungläubig an.

„Sie hat recht“, meinte Tilda. „Wer immer ihr seid … Toll, dass ihr mich besucht.“

„Oh Gott!“ Betroffen schlug das erste Mädchen die Hand vor den Mund und sah Tilda mit großen Augen an. Dann ergriff es Tildas Hände und drückte sie. „Ich bin Daphne, deine Freundin. Und das“, sie deutete mit einer leichten Kopfbewegung auf die andere Besucherin. „Das ist Sandra. Wir drei sind das …“

„Shamrock“, mischte sich Sandra ein. „Das dreiblättrige irische Kleeblatt.“ Sie hielt inne und musterte Tilda, ob die Bezeichnung ‚Shamrock‘ etwas in ihr wachrief. Als sie nur einen leeren Blick erntete, fuhr sie fort: „Ich will nicht eingebildet sein, aber wir sind die angesagtesten Studentinnen der Missouri State University. Wir nennen uns ‚Shamrock‘, weil wir irische Vorfahren haben.“ Sie machte eine Pause und wartete, ob Tilda nun ein Licht aufging.

Doch Tilda fiel nichts dazu ein.

„Also gut … was noch?“, fragte Sandra nachdenklich. „Wir haben unsere Mädchenclique letztes Semester gegründet. Kurz nachdem du dich an der MSU eingeschrieben hast.“

„Was studiere ich denn?“, fragte Tilda.

Daphne und Sandra wechselten einen vielsagenden Blick.

„Geisteswissenschaften mit dem Schwerpunkt amerikanische Literatur“, erklärte Daphne.

„Ah …“, meinte Tilda. Aber es klang nicht so, als ob sie sich wirklich erinnern würde.

„Okay, fangen wir von vorne an“, sagte Sandra. „Wie heißt du?“

„Matilda Scott“, antwortete Tilda.

„Das ist schon mal gut“, warf Daphne lächelnd ein. „Wie alt bist du? Woher kommst du? Zähl einfach mal alles auf, woran du dich erinnerst.“

„Ich bin 19 und komme aus Shawnee, Oklahoma. Ich bin zu Beginn letzten Semesters nach Springfield, Missouri, gezogen … Und ich lebe … im Studentenwohnheim. Ich habe dieses Semester ein Seminar über Mark Twain belegt.“

„Den Kurs hast du im letzten Semester besucht“, unterbrach Daphne sie.

„Oh …“ Tilda stockte und musterte ihre Freundin. „Aber ich kenne deinen Nachnamen … Warte! Gleich komme ich drauf … O’Reilly! Daphne O’Reilly! Und du …“, wandte sie sich an Sandra. „Sandra Malone. Und eigentlich nennen dich alle nur Sandy.“

„Hey super! Mach weiter so!“, ermutigte Sandra sie.

„Wir drei waren zusammen auf dieser Halloween-Party. Der Typ, der sie geschmissen hat, ist ein ziemlicher Yuppie. Er heißt Ethan.“

„Sein Name ist Evan. Und pass auf, was du über ihn sagst“, meinte Sandra zweideutig. Sie und Daphne kicherten.

„Wieso? Warum lacht ihr?“, hakte Tilda irritiert nach.

„Nur so. Erklär ich dir später“, winkte Daphne ab.

„Ich glaube, die Party war ziemlich gut.“

Die Mädchen nickten.

„Aber aus irgendeinem Grund bin ich gegangen.“

„Du warst total betrunken“, bemerkte Daphne.

„Echt?“ Überrascht sah Tilda sie an.

„Allerdings“, stimmte Sandra Daphne zu. „Und du wolltest partout nicht, dass dich jemand nach Hause begleitet. Obwohl du nicht mehr gerade stehen, geschweige denn gehen konntest.“

„Wir haben dich in eine Ecke gesetzt und gesagt, du sollst warten“, fuhr Daphne fort. „Evan wollte dir ein Taxi rufen. Aber wegen Halloween waren alle Leitungen besetzt. Gab wohl eine Menge Leute, die nach Hause gebracht werden wollten. Als wir nach dir gesehen haben, warst du verschwunden.“

„Und dann hörten wir wenig später die Sirene des Rettungswagens. Daphne und ich sind sofort rausgelaufen. Wir hatten beide ein ungutes Gefühl …“ Sandras Stimme versagte. Sie kämpfte mit den Tränen und presste die Lippen aufeinander, um die Fassung zu bewahren.

Tilda sah von einem Mädchen zum anderen. Dann verlor sich ihr Blick im Leeren, und sie starrte auf die weiße Bettdecke.

Langsam dämmerte es ihr. Sie war von der Party auf die Straße gelaufen. Allein? Vielleicht. Es hatte geregnet, und die Straße glänzte nass im Mondlicht. Sie hörte den aufheulenden Motor eines beschleunigenden Fahrzeugs. Sie drehte sich um. Das Licht zweier Scheinwerfer blendete sie. Sie riss die Hand hoch, um besser sehen zu können. Und bang!

Danach folgte das große Nichts, bis sie von Doktor Michaels’ Stimme im Krankenhaus geweckt wurde.

„Wer hat mich angefahren?“, fragte sie.

Daphne zuckte mit den Schultern. „Die Polizei hat ihn noch nicht gefunden. Wer immer es war, er oder sie hat Fahrerflucht begangen und dich auf der Straße liegen gelassen. Vermutlich war der Fahrer oder die Fahrerin betrunken. Würde mich an Halloween nicht wundern. Zum Glück haben dich ein paar Passanten kurz darauf im Straßengraben entdeckt und den Notarzt gerufen.“

Die Mädchen schwiegen betroffen. Tilda knetete ihre Hände, die gefaltet auf der Decke lagen. Ihre Gedanken drehten sich um den Unfall. Aber ihr fielen keine weiteren Details ein. Überhaupt konnte sie sich an nichts erinnern, was in den letzten Monaten seit Beginn dieses Semesters geschehen war. Dafür bereiteten ihr länger zurückliegende Ereignisse keine Probleme. Wo sie herkam, wer ihre Eltern waren, ihr Geburtstag – diese Daten konnten ihre grauen Zellen in Sekundenbruchteilen aufsagen. Offensichtlich hatte ihr Kurzzeitgedächtnis bei dem Unfall gelitten. Ob sich das wieder gab? Sie fasste sich an die Stirn. Durch die gedankliche Anstrengung dröhnte ihr der Schädel.

„Hast du Kopfschmerzen?“, fragte Daphne besorgt.

„Ziemlich. Aber vor allem habe ich einen Bärenhunger.“ Tilda machte Anstalten, den Klingelknopf neben ihrem Bett zu drücken. Sie würde die Krankenschwester bitten, den Tee und die Schüssel Haferbrei mitzunehmen und ihr stattdessen etwas Ordentliches zu essen zu bringen.

„Vergiss es!“ Sandra schien Tildas Gedanken zu lesen, denn sie hielt ihre Hand fest. „Den Krankenhausfraß kannst du unmöglich essen. Ich besorge dir was Leckeres. Soll ich dir ‚Jimmy’s‘ Cannelloni mit Hackfleischfüllung holen?“

„Lieber was ohne Fleisch.“

Wieder schauten Daphne und Sandra sich vielsagend an.

„Was ist?“, fragte Tilda.

„Seid wann bist du denn Vegetarierin?“ Daphne runzelte die Stirn.

„Bin ich nicht. Jedenfalls habe ich noch nicht darüber nachgedacht. Aber bei der Vorstellung, Hack zu essen, vergeht mir der Appetit … Wieso guckt ihr denn so komisch?“

„Vor dem Unfall hättest du für ‚Jimmy’s‘ Cannelloni mit Füllung gemordet“, meinte Sandra. „Na, das kann ja heiter werden mit dir. Wer weiß, was du neuerdings sonst nicht mehr magst“, fügte sie grinsend hinzu.

„Hauptsache, sie mag uns noch“, sagte Daphne, und beide Mädchen lachten.

„Bestimmt“, versicherte Tilda lächelnd. „Wissen eigentlich meine Eltern, was passiert ist?“

Daphne nickte. „Sie müssten heute oder morgen eintreffen. Sie haben ihren Europa-Trip abgebrochen.“

„Oh, wie schade.“ Tilda bekam ein schlechtes Gewissen. Europa-Trip? Auch daran konnte sie sich nicht erinnern. Aber sie fühlte sich sofort mies. War sie möglicherweise dem unbekannten Fahrer betrunken ins Auto gelaufen? „Sagt mal, bin ich an dem Autounfall schuld?“, fragte sie.

„Den Unfallhergang haben die Cops noch nicht geklärt“, meinte Sandra auf dem Weg zur Tür. „Aber es scheint, dass der Fahrer dich nicht gesehen hat.“ Sie öffnete die Tür und stieß mit einem Jungen zusammen, der soeben anklopfen wollte. Jedenfalls hielt er seine rechte Hand zu einer Faust geballt. In der linken befand sich ein Strauß kleiner roter Rosen.

Der Junge sah umwerfend aus! Er war Anfang 20, groß und schlank, mit dichten dunklen Haaren und markantem Gesicht. Tilda schoss bei seinem Anblick das Blut in die Wangen. Offensichtlich wollte er zu ihr. Aber wer war er? Sie hätte schwören können, ihn nie zuvor gesehen zu haben. Siedend heiß fiel ihr ein, dass sie seit ihrer Einlieferung ins Krankenhaus nicht in den Spiegel geschaut hatte. Eilig fuhr sie sich durch die Haare. Hoffentlich sah sie nicht völlig verunstaltet aus.

Erwartungsvoll lächelte sie den Jungen an. Doch er schenkte ihr keine Beachtung. Überhaupt machte sie irgendetwas an ihm stutzig. Was war es? Als sie ihn aufmerksam musterte, fiel der Groschen: Er lächelte nicht!

„Oh … hi, Fabian.“ Sandras Begeisterung, den Jungen im St. John’s zu sehen, hielt sich in Grenzen.

„Hallo Sandy“, erwiderte er kühl und trat ein. Sandra drängte sich hastig an ihm vorbei und verschwand im Gang des Krankenhauses.

„Tag Fabian!“ Daphne begrüßte ihn bedeutend freundlicher. Aber ‚herzlich‘ klang anders.

„Daphne.“ Er nickte ihr zu. Dann trat er an das Krankenbett und reichte Tilda die Rosen. „Wie geht es dir?“ Er lächelte immer noch nicht. Er machte sogar den Eindruck, als wäre er überall lieber als hier in diesem Krankenzimmer.

„Ich bin okay“, entgegnete Tilda knapp. Fabian? Der Name sagte ihr nichts. Musste sie ihn kennen? Sie blickte auf den Blumenstrauß in ihrer Hand. Vermutlich kannte sie diesen Fabian ziemlich gut. Schließlich hatte er ihr rote Rosen mitgebracht. Selbst wenn es keine langstieligen waren – sie waren rot, und die schenkte man eigentlich nur jemanden, den man sehr mochte.

Hilflos lächelte sie ihn an. „Entschuldige, wenn ich so kurz angebunden bin“, begann sie. „Aber mein Gedächtnis lässt mich seit dem Unfall im Stich. Du bist Fabian wer? Woher kennen wir uns?“

Fabian zog irritiert die Augenbrauen hoch. Dann runzelte er die Stirn und musterte sie eindringlich, als glaubte er, dass sie ihn aufzog. Als er merkte, dass sie wirklich nicht wusste, wer er war, erklärte er: „Ich bin Fabian Miller. Dein Exfreund.“

„Mein Ex?!“ Tildas schoss das Blut in die Wangen. Einerseits machte sie Fabians gutes Aussehen völlig nervös. Andererseits war sie über seine Antwort schockiert. Sie hatte diesen heißen Typen geküsst und vermutlich noch andere intime Sachen mit ihm veranstaltet und konnte sich nicht daran erinnern? Verflucht! „Ähm … ähm … wie lange waren wir denn zusammen?“, stammelte sie.

„Lang genug“, antwortete Fabian knapp.

Tilda überlegte, ob sie nach einem fürchterlichen Streit auseinandergegangen waren. Vielleicht hatte sie mit ihm Schluss gemacht, was sein abweisendes Verhalten erklärte. „Nun, offensichtlich bist du nicht gut auf mich zu sprechen“, stellte sie fest, wobei sie sich über ihre Direktheit wunderte. Hatte sie diese Charaktereigenschaft schon vor ihrem Unfall besessen? In dem Punkt ließ ihre Erinnerung ebenfalls zu wünschen übrig. „Sollte es zwischen uns dumm gelaufen sein, tut es mir leid. Aber wenn du gar keine Lust hast, mich zu besuchen, warum machst du es dann?“

„Aus Höflichkeit – ob du’s glaubst oder nicht.“

„Wieso sollte ich dir nicht glauben?“

„Du hast mir eine Menge Dinge nicht geglaubt, als wir zusammen waren“, meinte Fabian. An seinem Tonfall erkannte Tilda, dass er immer noch gekränkt war.

„Was zum Beispiel?“, hakte sie nach. Sie war sich keiner Schuld bewusst und hätte nur zu gern erfahren, weshalb sie sich getrennt hatten.

Fabian zögerte. Er stand unschlüssig mitten im Raum, halb auf dem Sprung, wieder zu gehen. Tilda und Daphne sahen ihn erwartungsvoll an, bis es plötzlich an der Tür klopfte. Sie wurde geöffnet, und ein junger blonder Typ, der aussah, als wäre er einer Hochglanz-Modezeitschrift entstiegen, trat grinsend ein.

Das Grinsen verging ihm, als er Fabian erkannte. Die Antipathie schien auf Beidseitigkeit zu beruhen. Die jungen Männer blickten einander abschätzend an. Dann trat der Neuankömmling an Tildas Bett, beugte sich zu ihr herab und küsste sie auf den Mund.

Tilda traf fast der Schlag. Sie wusste gar nicht, wie ihr geschah. Da stand ihr gut aussehender Ex und schaute zu, wie ein anderer – ihr aktueller Freund? – sie küsste. Und was das für ein Kuss war! Er fühlte sich weich und sehnsuchtsvoll an und war gleichzeitig besitzergreifend. Der blonde Junge zeigte Tildas Ex: Sie gehört mir!

Tilda hörte eine Tür schlagen, und als der Fremde sich von ihr löste und sie aufschaute, war Fabian verschwunden.

„Ist er weg?“, fragte sie trotzdem. Sie hätte sich gerne noch mit ihm unterhalten.

„Zum Glück!“ Der hübsche blonde Typ strahlte sie an. „Ich will dich nämlich ganz für mich allein haben. Obwohl Daphne natürlich bleiben darf.“

Tilda sah ihm in die Augen. Mein Gott, woher kannte sie nur all diese attraktiven Männer? Was für ein Leben hatte sie geführt? Es war eine echte Katastrophe, dass sie sich an nichts erinnerte!

Die Tür wurde erneut geöffnet. Tilda hoffte, Fabian käme zurück. Aber es war Sandra, die eintrat und eine Tüte mit dem Logo eines Vegetarier-Restaurants in der Hand trug.

„Hi Evan!“, begrüßte sie den blonden Jungen.

„Hallo Schwesterherz!“ Er zwinkerte ihr zu.

„Ihr seid Geschwister?“, murmelte Tilda erstaunt. „Und wir sind …“ Als sie ihm in seine leuchtend blauen Augen blickte, erkannte sie ihn auf einmal wieder. „Du bist der Yuppie-Gastgeber von der Halloween-Party! Ach, du meine Güte!“

Daphne und Sandra lachten los.

„Ich hab dir vorhin geraten: Pass auf, was du sagst“, meinte Sandra grinsend zu Tilda. „Der Yuppie ist mein Bruder und dein Freund.“

„Auweia!“ Tilda schlug die Hände vors Gesicht, musste aber auch lachen.

„Was heißt denn hier ‚auweia‘?“, beschwerte sich Evan. „Worum geht’s überhaupt? Habe ich einen Insider-Witz verpasst? Und wieso beschimpfst du mich als Yuppie? Ich versteh nur Bahnhof.“

„Lass gut sein!“ Sandra legte die Hand auf seine Schulter. „Unsere Tilda ist noch ein bisschen verwirrt. Du musst nachsichtig mit ihr sein. Sie erinnert sich an nichts.“

„Auch nicht an mich?“, fragte er entrüstet und sah zwischen seiner Schwester und Tilda hin und her.

„Nein. Tut mir leid.“ Schuldbewusst blickte Tilda ihn an.

„Dann werde ich deine Erinnerung an mich auffrischen.“ Evan zog sie fest an sich heran und küsste sie ein weiteres Mal so leidenschaftlich, dass ihr ganz heiß wurde und wilde erotische Fantasien in ihr aufflackerten.

„Wow!“, stieß sie hervor, als er sie losließ. „Ich würde sagen: Mir ist egal, wer du bist. Hauptsache, du machst weiter.“

Evan, Sandy und Daphne lachten.

„Bevor mein Bruder dir komplett den Kopf verdreht, solltest du was essen. Ich habe dir Pasta mit Tomaten und Zucchini mitgebracht. Ich hoffe, du magst das.“

„Ich denke schon.“ Tilda nahm den inzwischen ausgepackten Plastikteller von Sandra in Empfang und begann hungrig zu essen. „Ihr müsst mich aufklären, mit wem ich befreundet, verfeindet oder was auch immer bin“, bat sie zwischen zwei Gabeln voller Pasta. „Ich trete sonst in ein Fettnäpfchen nach dem anderen, erkenne meinen eigenen Freund nicht und bin dafür nett zu meinem Ex, der mich offensichtlich furchtbar findet.“

„Wir klären dich gerne auf“, meinte Daphne.

„Aber das muss Zeit haben“, sagte eine tiefe Männerstimme aus Richtung Tür.

„Daddy! Mom!“, rief Tilda überglücklich. Vor Freude wäre sie am liebsten aus dem Bett gesprungen und hätte fast ihr Essen zu Boden gestoßen.

„Matilda, mein Liebling!“, rief ihre Mutter. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie ihre Tochter umarmte. Ihr Vater drückte Tildas Hand so fest, als wollte er sie nie mehr loslassen.

„Was ist denn nur geschehen?“, fragte er besorgt. „Geht es dir gut?“

„Ja, ich fühle mich bestens. Bis auf meine angehende Demenz“, scherzte Tilda. „Denn was geschehen ist, weiß ich nicht mehr. Das müssen euch meine Freunde erzählen.“

2. KAPITEL

„Welcome back, ‚Shamrock-Girl‘! Welcome back …!“, skandierten Dutzende Studenten der Missouri State University, als Tilda eine Woche später vor ihrem Wohnheim aus Evans Sportwagen stieg.

„Ihr seid so süß! Ich bin total gerührt! Danke, dass so viele von euch gekommen sind, um mich zu begrüßen.“ Tilda winkte ihren ‚Fans‘ zu. Sandy und Daphne hatten sie vorgewarnt, dass ein Empfangskomitee bereitstehen würde, um sie nach ihrem Krankenhausaufenthalt willkommen zu heißen. Schließlich war sie ein ‚Shamrock‘ und somit eines der It-Girls der Uni. Aber dass gleich so viele sie mit Grußplakaten und Luftballons empfangen würden, damit hatte Tilda nicht gerechnet. Sie kämpfte gegen die Freudentränen an. Gleichzeitig machte sie das Brimborium um ihre Person verlegen.

„Toll, dass du wieder da bist!“

„Wir haben uns um dich gesorgt.“

„Alles wird gut! Wir sind immer für dich da …“, lauteten die aufmunternden Worte, die ihr die Studenten zuriefen, während sie die Treppe zum Eingang des Wohnheims hinaufstieg.

Nachdem sie ihr Zimmer betreten hatte, sah sie sich um. Sie war erst in diesem Semester ins Wohnheim gezogen. Und somit besaß sie auch keine Erinnerung an ihre Unterkunft. „Schön hier“, meinte sie zufrieden. „Sind die Lilien von dir?“

„Ja.“ Evan nickte und grinste reumütig. „Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich dir bei meinem ersten Besuch im Krankenhaus nichts mitgebracht habe.“

„Du hast mich besucht, das ist das Wichtigste.“ Tilda schmiegte sich an ihn. Er schlang die Arme um sie und küsste sie lange. Dann strich er ihr eine braune Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte verträumt. „Ich bin froh, dass ich dich wiederhabe“, flüsterte er. „Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn du bei dem Unfall …“ Er brach ab und küsste sie erneut.

Tilda erwiderte den Kuss mit dergleichen Leidenschaft, die er ihr entgegenbrachte. Evan war sexy, heiß, reich und einer der begehrtesten Jungs an der MSU. Sie konnte immer noch nicht fassen, dass er ihr Freund war. Nicht dass sie an Minderwertigkeitskomplexen gelitten hätte. Ganz und gar nicht. Wenn sie in den Spiegel sah, erkannte sie sehr wohl ihre Vorzüge. Sie sah gut aus. Ihre Verwunderung gründete vielmehr darin, dass sie für Evan keine tieferen Gefühle hatte.

Das hörte sich schrecklich an. Insbesondere, da er völlig verrückt nach ihr war. Und sie gestand sich die unschöne Wahrheit auch nur widerwillig ein. Aber nachdem die erste Nervosität wegen Evans gutem Aussehen verflogen war und sie sich durch seine täglichen Besuche im Krankenhaus an ihn gewöhnt hatte, merkte sie, dass ihr Herz keinen doppelten Salto machte, wenn er sie anlächelte.

Dabei fand sie ihn äußerst sexy, witzig, charmant und gebildet. Sie konnte verstehen, warum die jungen Krankenschwestern häufiger in ihr Zimmer kamen, wenn er da war, und um ihn herumschlichen. Dass andere Frauen ihn begehrten und sie ihn „besaß“, ließ sie vor Stolz fast platzen. Evan war ein Traumtyp.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Mörderin!" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen