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Mörder ohne Gnade

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen

sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

PROLOG

Thistledown, Missouri, 1998

Der anonyme Anrufer hatte sich nachts um drei gemeldet. Etwas Merkwürdiges gehe in der Gatehouse-Siedlung, dem Neubaugebiet außerhalb des Ortes, vor. Man hätte Lichter gesehen.

Etwas Merkwürdiges – wenn das mal nicht gewaltig untertrieben war angesichts eines Mordes.

Detective Nick Raphael sprang aus seinem Jeep Cherokee, warf einen Blick auf die zwei Streifenwagen, den Pick-up-Truck seines Kollegen Bobby und den Kombiwagen des Leichenbeschauers, und atmete auf. Keine Presse, noch nicht, Gott sei Dank. Ein Polizist stand an der Tür des Musterhauses, das mit gelbem Plastikband abgesperrt war.

Langsam und bedächtig ließ Nick seinen Blick über die Fassade des Hauses und das Grundstück schweifen. Nachdenklich rieb er sich das unrasierte Kinn. Ein ungewöhnlicher Platz für einen Mord. Oder der perfekte Tatort. Gatehouse lag zwanzig Minuten östlich von Thistledown, völlig abgelegen auf der grünen Wiese. Der Bauunternehmer hatte bei dem Projekt vermutlich das Haus im Grünen für den leitenden Angestellten aus St. Louis im Auge gehabt. Fünfundvierzig Minuten zu einem besseren Leben in Thistledown, wo die Welt noch in Ordnung war. Bei diesem Gedanken verzog Nick den Mund zu einem grimmigen Lächeln. Dieser kleine Zwischenfall heute Nacht war keine gute Reklame für die Nachbarschaft.

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Umgebung zu. Bis jetzt bestand die Siedlung aus drei Musterhäusern, von denen nur dieses eine fertiggestellt war. Die anderen beiden schienen noch nicht bezugsfertig zu sein. Swimmingpool und Tennisplatz befanden sich im Bau. Es gab keine Bewohner. Noch war die Siedlung völlig verlassen.

Nein, nicht ganz verlassen, dachte Nick. Jedenfalls nicht heute Nacht. Der Beweis dafür war der anonyme Hinweis. Und die Leiche.

Er blinzelte in das Licht, das aus dem Haus hinaus in die Dunkelheit fiel. Der junge Streifenpolizist, der an der Tür stand, war auffallend blass. Es musste sich um einen Neuling handeln.

Nick begrüßte ihn. „Officer Davis, nicht wahr?“

Der Junge nickte.

„Was liegt an, Davis?“

Der junge Polizist räusperte sich. Dabei wurde er noch etwas blasser. „Eine Frau. Weiß. Achtundzwanzig bis zweiunddreißig. Der Leichenbeschauer sieht sie sich gerade an.“

Nick betrachtete noch einmal die Fassade des Hauses. Netter Bau. Er würde kaum unter einer halben Million zu haben sein. Nick machte eine Kopfbewegung zur Tür hin. „Sind alle drinnen?“

Wieder nickte der Junge. „Geradeaus, dann nach links. Im Wohnzimmer.“

Nick bedankte sich und ging hinein. Dabei bemerkte er die Alarmanlage. Hübsch, dachte er, all die blinkenden Lämpchen. Die Anlage war eingeschaltet, aber nicht aktiviert.

Er hörte Stimmen und folgte ihnen – um abrupt stehen zu bleiben, als er die Leiche sah. Nackt hing sie an einem Strick von der Decke. Ihre Hände waren mit einem schwarzen Seidenschal gefesselt. Mit einem zweiten Schal hatte man ihr die Augen verbunden. Ein umgekippter Barhocker lag unter ihren in der Luft baumelnden Füßen. Daneben stand ein zweiter, etwas niedrigerer Hocker.

„Verdammt“, murmelte Nick, der sich schlagartig in die Vergangenheit zurückversetzt sah. „Verdammte Scheiße!“

„Nick, gut dass du kommen konntest“, sagte sein Kollege.

Nick wandte den Kopf, um ihn anzusehen. „Es ging nicht eher wegen Mara. Ich musste auf den Babysitter warten.“

Er blickte wieder zu der Leiche hin. Das Déjà-vu-Gefühl, das er dabei empfand, war beunruhigend. Er musste sich zwingen, seine Aufmerksamkeit auf das Verbrechen, auf die Leiche, zu konzentrieren. Mit zusammengekniffenen Augen musterte er sie. Es war eine schöne Leiche. Die Frau musste umwerfend ausgesehen haben. Blond, vollbusig. Selbst jetzt, im Tod, waren ihre Brüste noch prall und fest. Wegen des Schals konnte er nicht viel von ihrem Gesicht sehen. Aber irgendwie war er sicher, es war so attraktiv wie der Körper.

Der Leichenbeschauer stand auf einem Stuhl und untersuchte vorsichtig die Tote. Jetzt hielt er einen Moment inne, um Nick anzusehen. „Hallo, Detective.“

„Doc.“ Ebenso wie Nick war der Leichenbeschauer schon recht lange im Amt. „Was sagen Sie dazu?“

„Ein Selbstmord war es nicht“, bemerkte der Leichenbeschauer ruhig. „Und auch kein Unfall. Ihre Hände sind gefesselt. In diesem Zustand kann sie sich schlecht selbst aufgeknüpft haben. Sie hatte definitiv einen Spielgefährten.“

Nick trat näher heran. „Kommt Ihnen an der Sache etwas bekannt vor? Erkennen wir hier die Handschrift eines Täters?“

„Möglicherweise.“ Der Leichenbeschauer wandte sich wieder seiner Arbeit zu. „Oder es könnte jemand abgekupfert haben. Jedenfalls lassen sich keine Spuren eines Kampfes feststellen. Das Opfer muss bis zum Ende mitgespielt haben.“

„Genau“, sagte Nick wie zu sich selbst. „Bis zu dem Moment, als der Bastard ihr den Hocker unter den Füßen wegstieß.“

„Mann!“ Einer der Polizisten trat zu ihnen. „Wieso war eben von ‚erkennen‘ und ‚Handschrift‘ die Rede? Haben Sie etwas Derartiges schon einmal gesehen?“

„Das kann man wohl sagen.“ Nick ging noch etwas näher an die Leiche heran. „Genau dasselbe Szenario. Vor fünfzehn Jahren. Hier in Thistledown. Der Fall wurde nie aufgeklärt.“

Als er das sagte, musste Nick an Andie und ihre Freundinnen denken, die damals in dieses Verbrechen verwickelt wurden. Wie jung waren sie gewesen, wie naiv und verängstigt. Aber dabei so voller Leben. Und er selbst war kaum anders gewesen.

Vieles hatte sich verändert in den fünfzehn Jahren, die seitdem vergangen waren. Er hatte sich verändert, so sehr, wie er es sich niemals hätte träumen lassen.

„Können Sie die Frau identifizieren, Nick?“

Mit einer Pinzette zog der Leichenbeschauer der Toten vorsichtig den Schal vom Gesicht und ließ ihn in einen Plastikbeutel fallen. Dann gab er der Leiche einen sanften Schubs, sodass sie in Nicks Richtung schwang.

Und wieder starrte Nick die Vergangenheit ins Gesicht, diesmal aus leblosen blauen Augen. Nick stockte der Atem. Nein, nicht sie! Du lieber Himmel, das durfte nicht wahr sein!

Aber es war wahr.

Wieder musste er an Andie denken. Und an die Vorgänge vor fünfzehn Jahren. Der Magen krampfte sich ihm zusammen. Ein Gefühl, das ihm normalerweise fremd war, schnürte ihm die Brust zu. Angst. Kalt und unheimlich. Wie der Tod.

Er merkte, dass die beiden Männer ihn ansahen, dass sie auf eine Antwort von ihm warteten. Zunächst wollte ihm die Stimme nicht gehorchen. „Ja“, brachte er schließlich mühsam hervor. „Ich weiß, wer sie ist.“

ERSTES BUCH

BESTE FREUNDINNEN

SOMMER 1983

1. KAPITEL

Thistledown, Missouri, 1983

Die Fenster des Camaro waren beschlagen vom heißen Atem der beiden Teenager, die auf dem Rücksitz miteinander schmusten. Der ganze Wagen schaukelte, so heftig trieben sie es. Das schmatzende Geräusch ihrer Zungen, ihr verzücktes Seufzen und Stöhnen erfüllte den engen Innenraum des Autos und drang gedämpft in die Sommernacht hinaus.

Julie Cooper schwebte im siebten Himmel. Im Kegelclub war sie auf dem Weg zur Toilette Ryan Tolber begegnet, einem Jungen aus der Oberstufe, für den sie schon ein ganzes Jahr lang schwärmte. Sie hatten miteinander gequatscht, und als er ihr vorschlug, mit ihm hinaus zu seinem Wagen zu gehen, hatte sie nicht Nein sagen können.

Nein zu sagen war ein großes Problem für Julie. Das behaupteten jedenfalls ihre Busenfreundinnen Andie Bennett und Raven Johnson. Sie selber fand, dass Ja sagen viel mehr Spaß machte als Nein sagen. Und genau das war ihr Problem.

„Julie, Baby, ich sterbe, wenn wir es nicht machen.“

„Oh Ryan … ich will es ja auch, aber …“

Er verschloss ihr die Lippen mit einem Kuss. Während er seine Zunge in ihren Mund schob, presste er sie auf den Sitz herunter. Julie dachte flüchtig an Andie und Raven, die sich inzwischen drinnen im Kegelclub vermutlich auf die Suche nach ihr machten. Andie würde besorgt, Raven wütend sein. Julie wusste, sie hätte zurückgehen und ihnen sagen sollen, wo sie war.

Aber jeder Gedanke an ihre Freundinnen war vergessen, als Ryan die Hände auf ihre Brüste legte und sie zu streicheln begann. „Baby, ich muss dich haben. Ich brauche dich.“

Seine Worte und die Empfindungen, die durch ihren Körper schossen, machten sie schwindelig. Verlangend bog sie sich ihm entgegen. „Ich brauche dich auch, Ryan.“

Er schob die Hände unter ihre Bluse, um durch den BH hindurch ihre Brüste zu liebkosen. „Du gefällst mir schon seit einem Jahr. Für mich bist du das hübscheste Mädchen von allen.“

„Ich? Das hübscheste Mädchen?“ Glücklich über das Kompliment blickte Julie in seine warmen braunen Augen. „Du gefällst mir auch. Warum bist du nie mit mir ausgegangen?“

„Du warst Unterstufe, Baby, und damit tabu.“

Julie schmiegte das Gesicht an seinen Hals. „Aber inzwischen bin ich in der Oberstufe.“

„Genau. Und jetzt, wo du älter bist, weißt du, was ein Junge braucht.“ Er zog ihr die Bluse über den Kopf und öffnete ihren BH. Mit beiden Händen umfasste er ihre prallen Brüste. „Oh Baby“, murmelte er mit erstickter Stimme. „Du hast super Titten. Echte Spitzenklasse.“ Er begann sie mit der Zunge zu liebkosen. „Sag Ja, Baby.“

Willenlos ließ Julie den Kopf zurückfallen. Sie wollte so gern Ja sagen. Es war himmlisch, was Ryan mit ihr machte. Noch nie hatte sie sich so gut gefühlt. Ein wohliger Schauer rieselte durch ihren Körper. Sie schob die Finger in sein Haar. Es wäre unfair gewesen, ihn jetzt zurückzustoßen. Schließlich war es erwiesen, dass Jungs Sex nötiger brauchten als Mädchen. Sie anzumachen und dann einfach aufzuhören tat ihnen weh. Es sollte sogar richtig schädlich sein.

„Du bist so schön, Baby. So sexy. Ich liebe dich. Ehrlich.“

Sie schob ihn ein Stückchen von sich weg, damit sie ihm in die dunklen Augen sehen konnte. „Wirklich?“, flüsterte sie. „Liebst du mich wirklich?“

„Sicher, Baby. Ich liebe dich so sehr, ich muss dich haben. Lass mich rein, Julie Cooper.“ Er öffnete ihren Hosenbund und schob die Hand in ihre Shorts. „Lass mich hinein.“

Als seine Finger ihren Venushügel berührten, packte sie ihn bei den Schultern. Leise stöhnte sie auf. Obwohl sie vor ihrem eigenen Verhalten zurückschreckte, hob sie die Hüften an, damit er seine Hand tiefer zwischen ihre Beine schieben konnte.

Du bist vom Teufel besessen, Julie Cooper. Du bist eine Verworfene, eine Sünderin …

Die Stimme ihres Vaters, jene Worte, die sie schon hundertmal von ihm gehört hatte, schossen ihr durch den Kopf. Sie fröstelte. Eine eisige Hand schien nach ihr zu greifen. Doch sie machte die Augen ganz fest zu und versuchte jeden Gedanken an ihren Vater zu verdrängen. Ryan liebte sie. Und deshalb war es okay. Seine Liebe rechtfertigte ihr Verhalten.

Sie presste die Schenkel an seine Hand. Aufregende, prickelnde Empfindungen durchrieselten sie, Empfindungen, die unheimlich angenehm waren. Was ihr Vater auch sagen mochte – etwas, das so fantastische Gefühle auslöste, konnte unmöglich schlecht sein.

„Julie!“ Jemand klopfte an das beschlagene Wagenfenster. „Bist du das da drin?“

„Komm sofort heraus!“, rief eine andere Stimme. „Du weißt, was dir blüht, wenn du deine Zeit überziehst …“

„Dein Vater wird dich umbringen!“

Julie riss die Augen auf. Andie und Raven! Die Freundinnen hatten sie gefunden. Du lieber Himmel, ihre Sperrstunde …

Sie versuchte sich von Ryan zu lösen, doch der schlang ihr den freien Arm um die Taille und hielt sie fest. „Verschwindet!“, rief er. „Wir sind beschäftigt.“

Wieder wurde ans Wagenfenster geklopft. „Julie!“, ließ sich Andies Stimme vernehmen. „Bist du verrückt geworden? Willst du den ganzen Sommer Hausarrest haben?“

Julie erstarrte. Sie brauchte bloß eine Minute zu spät nach Hause zu kommen, um sich eine harte Strafe einzuhandeln. Sie konnte sich gut vorstellen, wie ihr Sommer dann aussehen würde: keine Freundinnen, kein Kino, keine Partys, kein Schwimmbad. Stattdessen würde sie dazu verdonnert werden, jeden Tag stundenlang kniend in der Bibel zu lesen und um Vergebung zu beten.

Und ihr Vater würde bei seiner Predigt von der Kanzel herab auf sie deuten, sie eine Sünderin nennen und sie vor der ganzen Gemeinde bloßstellen. Und noch Schlimmeres konnte er tun. Er konnte sie von Andie und Raven trennen und sie irgendwohin schicken, wo sie niemanden hätte und wieder ganz allein sein würde, so allein wie damals, ehe Andie und Raven ihre Freundinnen wurden.

Julie befreite sich aus Ryans Umarmung. „Ich komme!“, rief sie, tastete mit fliegenden Fingern nach ihrem BH und ihrer Bluse, zog beides hastig an und machte ihre Shorts zu. Mit den Fingern kämmte sie ihr langes blondes Haar und band es zu einem Pferdeschwanz zusammen. Dann zog sie ihre Brille aus der Hosentasche, ein hässliches schwarzes Gestell, das sie hasste und so selten wie möglich aufsetzte. Sie hatte ihren Vater angefleht, ihr Kontaktlinsen zu kaufen, doch er hatte sich geweigert und ihr stattdessen einen Vortrag über die Eitelkeit gehalten. Teufelswerk sei sie, hatte er streng erklärt und dann alle Spiegel aus dem Haus entfernt, bis auf den im Badezimmer ihrer Mutter, das er stets verschlossen hielt.

Die Brille in der Hand, blickte sie Ryan entschuldigend an. „Schade“, sagte sie. „Es war schön mit dir.“

Ryan nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände. Fast flehend sah er sie an. „Warum gehst du dann? Bleib doch bei mir, Baby.“

Julie glaubte, das Herz müsse ihr brechen. Er liebte sie. Er liebte sie wirklich. Wie konnte sie ihn jetzt verlassen, wenn er …

Die Tür flog auf. Das Licht der Parkplatzbeleuchtung fiel ins Innere des Wagens. Andie beugte sich hinein. „Julie, los, komm! Es ist zwanzig vor neun.“

„Zwanzig vor neun?“, wiederholte Julie und begann vor Angst zu zittern.

Ryan nahm ihre Hand. „Vergiss deinen Alten, Baby. Bleib bei mir.“ Jetzt beugte sich Raven in den Wagen. Wütend blitzte sie Ryan an. „Verzieh dich, du Depp.“

Und dann packten die Freundinnen Julie bei den Armen, zogen sie aus dem Auto und über den Parkplatz zu der Abkürzung nach Happy Hollow, der Siedlung, wo alle drei Mädchen wohnten.

Kaum waren sie weit genug von Ryans Camaro entfernt, da setzte Julie ihre Brille auf und blitzte Raven wütend an. Ihre Wangen brannten vor Zorn. „Wie konntest du so unhöflich zu ihm sein? Du hast Depp zu ihm gesagt. Jetzt will er bestimmt nichts mehr von mir wissen.“

„Julie, bitte …“ Raven schnaubte verächtlich. „Er ist ein Depp.“

„Musst du immer so grob sein? Manchmal machst du mich krank mit deiner Art.“

„Musst du immer auf jeden Jungen hereinfallen? Manchmal schäme ich mich geradezu für dich.“

Julie trat einen Schritt zurück. Ravens Worte hatten sie getroffen wie eine Ohrfeige. „Vielen Dank. Ich dachte, du seiest meine Freundin.“

„Und ich dachte …“

Andie trat zwischen sie. „Hört auf mit dem Quatsch! Wenn wir uns nicht beeilen, ist Julie verloren. Was ist bloß mit euch los? Wir sind doch Freundinnen.“

„Ich gehe keinen Schritt weiter, nicht mit ihr.“ Julie verschränkte die Arme vor der Brust. „Es sei denn, sie entschuldigt sich bei mir.“

„Wozu soll ich mich entschuldigen? Es stimmt doch, was ich gesagt habe.“

„Es stimmt nicht! Ryan hat gesagt, er liebt mich. Und das ändert alles.“

Andie und Raven sahen sich an.

„Was ist?“, fragte Julie pikiert. „Was sollen diese Blicke?“

„Julie“, sagte Andie behutsam, „du kennst ihn doch kaum.“

„Na und? Wenn man sich liebt, spielt das keine Rolle.“ Julie sah erst Andie, dann Raven an. Dabei merkte sie selbst, wie verzweifelt sie klang. Tränen schossen ihr in die Augen. „Er hat gesagt, er liebt mich, und ich weiß, dass er es ernst meint.“

„Woher?“, murmelte Raven. „Weil er mit dir vögeln wollte?“

Julie stockte der Atem. „Als meine Freundinnen solltet ihr eigentlich zu mir halten“, sagte sie verletzt. „Ihr solltet mich verstehen.“

„Wir verstehen dich ja, Julie.“ Andie drückte ihren Arm. „Aber Freunde sollten sich auch gegenseitig beschützen. Die Jungs erzählen dir alles, was du hören willst, um ihr Ziel zu erreichen. Das weißt du doch selbst.“

„Aber Ryan …“

„Hör zu, Julie“, unterbrach Raven sie in ungeduldigem Ton, „komm endlich zur Vernunft. Du bist dem Typ zufällig im Kegelclub begegnet, das ist alles. Und vorher hat er dich nie zur Kenntnis genommen.“

„Er sagte, ich würde ihm schon lange gefallen. Er sei bloß nicht mit mir ausgegangen, weil er in der Oberstufe war und ich in der Unterstufe und …“

Raven verdrehte genervt die Augen gen Himmel. „Wie kann man nur so borniert sein?“

„Danke für das Kompliment.“ Julie schob ihre Brille hoch. Ihre Stimme zitterte, so sehr hatten Ravens Worte sie verletzt. „Ihr zwei könnt euch anscheinend nicht vorstellen, dass ein Junge, der so gut aussieht und so smart ist wie Ryan Tolber, dass jemand so … Wichtiges sich für mich, die lächerliche kleine Julie Cooper, interessieren könnte.“

„Darum geht es doch gar nicht.“ Andie warf Raven einen warnenden Blick zu. „Das solltest du eigentlich wissen. Wir schätzen dich viel höher ein als ihn. Wir finden, dass du zu gut für ihn bist. Nicht wahr, Raven?“

„Viel zu gut“, pflichtete Raven ihr bei. „Er kann dir nicht das Wasser reichen.“

„Wirklich?“ Julie versuchte die Tränen wegzublinzeln. Vorwurfsvoll sah sie Raven an. „Warum bist du dann immer so hässlich zu mir? Du tust so, als seiest du schlauer als ich, als wüsstest du alles besser. Das ist nicht gerade angenehm für mich.“

„Entschuldige, Julie. Aber manchmal benimmst du dich, als hättest du nur Jungs im Kopf. Wenn du so weitermachst, ist dein Ruf bald dahin. Dann heißt es, du seist eine Nutte. Manche sagen das schon jetzt von dir. Und das macht mich wütend.“

„Eine Nutte“, flüsterte Julie. Ihre ganze Welt geriet ins Wanken. „Die Leute sagen … ich sei … eine …“ Fragend blickte sie Andie an. Andie würde ihr niemals absichtlich wehtun, aber sie würde auch nicht lügen. Andie log nie. „Sagen die Leute … das wirklich von mir?“

Andie zögerte. Dann legte sie den Arm um die Freundin. „Wir versuchen dich bloß zu schützen, Julie. Weil wir dich lieben.“

„Ich hätte diese Dinge nicht sagen sollen“, meinte Raven. „Aber ich werde so sauer, wenn ich sehe, wie du dich in Situationen bringst, wo man dir wehtut. Du bist zu gut für Typen wie Ryan Tolber. Er benutzt dich nur.“

„Es tut mir leid“, flüsterte Julie. Sie ging zu Raven hin und legte die Arme um sie. „Ich weiß, du meinst es gut. Aber was du über Ryan sagst, stimmt nicht. Da täuscht ihr euch alle beide. Ihr werdet es schon sehen.“

„Ich hoffe, du hast recht“, sagte Raven, Julies Umarmung erwidernd. „Ich hoffe es wirklich.“

„Kinder“, meinte Andie mit einem Blick auf ihre Uhr, „es ist fast neun. Könnt ihr mir sagen, wie Julie es jetzt noch schaffen soll, pünktlich nach Hause zu kommen?“

Julie blickte ihre Freundinnen völlig verzweifelt an. Erst jetzt wurde ihr der Ernst ihrer Lage bewusst. Erschrocken schlug sie die Hand vor den Mund. „Mein Vater wird mich umbringen“, flüsterte sie. „Er …“

Sie begann zu rennen. Dabei sah sie ihren Vater vor sich, wie er mit der Uhr in der Hand an der Küchentür auf sie wartete, glaubte die Litanei von Vorwürfen und Beschuldigungen bereits zu hören, mit der er sie empfangen würde.

Die Uhr auf dem Marktplatz begann zu schlagen. Es war zu spät. Sie würde es nicht schaffen. Keuchend blieb sie stehen. „Es bringt ja doch nichts“, stieß sie unter Tränen hervor. Verzweifelt sank sie auf die Knie. „Ich habe wieder mal alles vermasselt. Was ist nur mit mir los?“

„Nichts ist mit dir los.“ Andie kauerte sich neben sie. Tröstend legte sie ihr die Hand auf den Arm. „Komm, du darfst nicht aufgeben. Wir haben noch eine Chance.“

„Nein, wir haben keine. Hör doch, es hat gerade neun geschlagen. Ich bin erledigt.“ Sie schlug die Hände vors Gesicht. „Mein Vater hat recht. Ich tauge nichts. Ich bin eine Schande. Eine dumme, eitle …“

„Sprich es nicht aus!“, rief Raven und begann zu rennen. „Er hat nicht recht, überhaupt nicht!“

Verwirrt sprang Julie auf. „Raven, was hast du vor? Wir können es nicht schaffen!“

Auch Andie richtete sich auf. Die beiden tauschten einen Blick aus und rannten dann hinter der Freundin her. „Raven!“, riefen sie, „warte auf uns, wir …“

Sie hatten noch nicht ausgesprochen, da fiel Raven hin, schlug mit den Knien hart auf die Schottersteine am Straßenrand und fing den Sturz mit den Händen ab. Mit einem Schrei waren Andie und Julie an ihrer Seite.

„Bist du okay?“

„Oje, du blutest!“

Raven ignorierte die Aufregung ihrer Freundinnen. Sie setzte sich auf. „Das reicht nicht“, murmelte sie, ihre abgeschürften Knie und Hände betrachtend. Sie heftete den Blick auf die Schottersteine, als würde sie etwas suchen. Im nächsten Moment hob sie einen faustgroßen scharfkantigen Stein auf, und ehe die beiden anderen sie fragen konnten, was sie damit vorhatte, holte sie aus und schmetterte ihn auf ihr Bein herunter. Sie zuckte kaum zusammen, als der Stein eine blutige Spur vom Knie bis zum Schienbein hinterließ. „Okay“, sagte sie mit zitternder Stimme. „Das dürfte genügen.“

„Oh mein Gott.“ Julie starrte auf die Blutlache, die sich unter dem Bein ihrer Freundin auszubreiten begann. „Raven, warum hast du das getan?“

Raven blickte auf. „Weil ich es satt habe, untätig zuzusehen, wie dein alter Herr dich zur Schnecke macht. Seit Jahren muss ich es mit ansehen, und jetzt reicht’s mir.“ Sie lächelte mit zitternden Lippen. „Dein Vater wird dir kaum die Schuld an meinem Unfall geben können. Und du hast dich verhalten, wie sich das für einen guten Christen gehört. Trotz deiner Angst vor seiner Strafe bist du bei mir geblieben, um mir zu helfen. Und jetzt gib mir mal die Hand, damit ich aufstehen kann.“

Julie reichte ihr die Hand, Andie fasste sie bei der anderen. Zusammen halfen sie Raven auf die Füße. Sie stöhnte, als sie mit dem verletzten Bein auftrat. „Mann, das tut ganz schön weh.“

„Komm“, murmelte Andie, „wir müssen die Wunde reinigen. Sie scheint ziemlich tief zu sein.“ Sie beugte sich vor, um einen Blick auf Ravens Bein zu werfen. „Vielleicht muss sie sogar genäht werden.“

„Meinst du?“ Raven betrachtete den tiefen Schnitt. Ihr Gesicht war blass. Sie schwankte ein wenig. Halt suchend griff sie nach Julies Arm. „Jetzt passt mein Bein zu meinem Gesicht“, murmelte sie, auf die lange Narbe anspielend, die sich über ihre rechte Wange zog. Die Narbe war nach einer Verletzung zurückgeblieben, die sie als Sechsjährige bei einem Autounfall erlitten hatte. „Ich bin eben ein Freak.“

„Du bist kein Freak!“ Julies Blick ging zwischen Andie und ihr hin und her. „Du hast Haare und Augen wie ein Engel und …“

„Und ein Gesicht wie ein Monster.“ Raven lachte grimmig. „Glaubst du vielleicht, ich wüsste nicht, dass die Jungs mich hinter meinem Rücken Frankensteins Braut nennen?“

„Sie sind unreife Idioten“, sagte Andie schnell. „Mach dir nichts draus.“

„Das sagst du so. Du hast ja keine Ahnung, wie es ist, wenn sie dich anstarren, wenn sie über dich tuscheln, weil du anders bist.“

„Willst du lieber so aussehen wie ich?“, fragte Andie. „An mir ist überhaupt nichts dran. Aschblondes Haar, braune Augen. Ich bin schon fünfzehn und noch platt wie eine Flunder.“

„Julie hat Titten.“ Ein Lächeln zuckte um Ravens Mundwinkel. „Sie hat genug für uns beide.“

Julie spürte, wie sie rot wurde. „Ihr habt auch welche. Und außerdem sind meine gar nicht so groß.“

„Verglichen womit? Wassermelonen?“ Ravens Lächeln schwand. „Versteht ihr denn nicht?“ Sie verlagerte das Gewicht auf ihr verletztes Bein und verzog das Gesicht. „Es ist mir egal, was die Leute denken. Meinetwegen kann die ganze verdammte Welt mich für einen Freak halten. Für mich zählt nur ihr, unsere Freundschaft. Ich könnte das schönste Mädchen der Welt sein, ohne euch zwei wäre ich verloren. Ihr seid meine Familie. Und in einer Familie hält man zusammen. So wie heute Abend. Immer. Unverbrüchlich.“

2. KAPITEL

Eine Stunde später stand Andie vor der Tür ihres Elternhauses. Der Kopf schwirrte ihr von den Ereignissen des Abends. Noch immer sah sie vor sich, wie Raven sich diesen Stein aufs Bein schmetterte. Sie hatte nicht mit der Wimper gezuckt, dabei musste es fürchterlich wehgetan haben. Die Wunde hatte so heftig geblutet, dass Ravens weißer Turnschuh sich rosa färbte.

Aber sie hatte Julie damit aus der Patsche geholfen, das ließ sich nicht bestreiten. Reverend Cooper hatte sie alle drei mit finsterem Blick gemustert und von ihnen wissen wollen, wo sie vor dem Unfall gewesen seien, als wollte er sie mit seiner Fragerei dazu bringen, irgendwelche Todsünden zu beichten.

Julie hatte so schuldbewusst ausgesehen, dass es fast komisch wirkte. Aber Raven hatte dem guten Reverend ausführlich geschildert, wie Julie an ihrer Seite geblieben war, obwohl sie, Raven, die Freundin angefleht hatte, doch nach Hause zu gehen.

Eine bessere Lügnerin als Raven gab es nicht. Und keine bessere Freundin. Andie glaubte nicht, dass sie den Mut gehabt hätte, so zu handeln wie Raven, nicht einmal für ihre beste Freundin.

Reverend Cooper hatte es schließlich bei der strengen Ermahnung, in Zukunft vorsichtiger zu sein, bewenden lassen, und Mrs. Cooper hatte Ravens Bein verarztet und sie dann beide nach Hause gefahren.

Andie drehte sich um und winkte Mrs. Cooper noch einmal zu, ehe sie ins Haus ging. Dabei schüttelte sie verwundert den Kopf. Raven machte immer so komische Sachen, immer eilte sie Julie oder ihr zu Hilfe, ohne sich darum zu kümmern, ob sie sich selbst damit in Gefahr brachte.

Bei einer solchen Gelegenheit hatten Raven und sie sich kennengelernt. Andie war acht Jahre alt gewesen in jenem Sommer. Ein paar Jungs aus der Nachbarschaft hatten sie mit ihren Fahrrädern umzingelt. Raven, die zufällig vorbeikam, war ihr spontan zu Hilfe geeilt. Wie eine Furie war sie dazwischengefahren. Andie musste lachen, als sie daran dachte, wie sie Raven damals bewunderte. Selbst wenn sie beide etwas auf die Mütze gekriegt hatten. Jedenfalls waren sie von jenem Tag an unzertrennlich gewesen.

Andie ging in die Küche. Weil sie Hunger hatte, nahm sie sich einen Apfel aus der Obstschale auf dem Tisch. „Mom?“, rief sie, wobei ihr erst jetzt die seltsame Stille im Haus auffiel. „Dad? Ich bin zu Hause!“

„Wir sind hier“, antwortete ihr Vater aus dem Wohnzimmer. Seine Stimme klang irgendwie komisch, erstickt, als sei er erkältet. „Würdest du bitte mal kommen?“

„Klar, Dad.“ Sie schlenderte ins Wohnzimmer. Während sie in ihren Apfel biss, überlegte sie, was wohl der Grund für den komischen Ton ihres Vaters sein mochte. Wenn er nicht erkältet war, dann hatte er sich vermutlich wieder über einen dummen Streich ihrer jüngeren Brüder geärgert. Die Zwillinge stellten ständig irgendetwas an.

Brüder sind doch wirklich ätzend, dachte Andie.

Im Wohnzimmer traf sie die versammelte Familie an – ihre Mutter, ihren Vater, ihre Brüder. Andie blieb an der Tür stehen. Überrascht blickte sie von einem zum anderen. Der Bissen blieb ihr im Hals stecken, als sie die Gesichter ihrer Eltern sah. Die Augen ihrer Mutter waren rot und geschwollen, die Miene ihres Vaters war starr, sein Mund eine harte, schmale Linie. Ihre Brüder verhielten sich ausnahmsweise einmal ruhig. Mit gesenkten Köpfen und hängenden Schultern saßen sie da.

Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas Schreckliches musste passiert sein.

„Mom? Was ist?“ Ihre Mutter reagierte nicht. Andie sah ihren Vater an. „Dad? Was ist passiert? Ist es wegen Oma? Ist sie …“

In diesem Moment schaute ihre Mutter auf. Andie erschrak, als sie den Zorn in ihren Augen sah. Noch nie hatte ihre Mutter sie so angesehen. Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück.

„Mom? Habe ich etwas falsch gemacht? Ich weiß, es ist spät, aber Raven ist gestürzt und …“

„Dein Vater hat dir etwas zu sagen.“

Andie wandte sich an ihren Vater. „Daddy?“, flüsterte sie. „Was ist los?“

„Setz dich, Andie.“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Erst sollst du mir sagen, dass alles okay ist.“

„Sag es ihr, Dan“, warf ihre Mutter mit brüchiger Stimme ein. „Sag ihr, wie okay alles ist. Sag ihr, dass du beschlossen hast, uns nicht mehr zu lieben.“

„Marge!“

Die Stimme ihrer Mutter nahm einen hysterischen Klang an. „Sag ihr, dass du uns verlassen willst.“

Andie starrte ihre Eltern an. Das durfte nicht wahr sein. So etwas konnte nicht passieren. Nicht in ihrer Familie. „Nein“, sagte sie und hörte die Panik aus ihrer eigenen Stimme heraus. „Nein, das glaube ich nicht.“

„Liebling …“ Ihr Vater stand auf und streckte die Hand nach ihr aus. „Solche Dinge kommen nun mal vor bei Erwachsenen. So wie man sich verliebt, kann man sich auch entlieben. Das hat nichts mit dir oder deinen Brüdern zu tun.“

Andie hörte seine Worte. Aber sie schienen wie aus weiter Ferne zu kommen. Zusammen mit dem Hämmern ihres Herzens hallten sie in ihrem Kopf wider.

Sich entlieben? Es hatte nichts mit ihr zu tun? Ihr Vater wollte sie verlassen?

Sie holte tief Luft. Der Schmerz, den seine Worte ausgelöst hatten, war unerträglich. Wie konnte er solche Dinge sagen? Wie konnte es nichts mit ihr zu tun haben, wenn sie das Gefühl hatte, dass alles in ihr abgestorben war?

„Es hat wirklich nichts mit euch Kindern zu tun“, betonte ihr Vater noch einmal. „Ich habe euch genauso lieb wie vorher.“

Andie sah zu ihren Brüdern hinüber, die dicht beieinandersaßen, als müssten sie sich gegenseitig festhalten. Pete weinte leise vor sich hin, Daniel fixierte ihren Vater mit starrem Blick. Seine Augen funkelten vor Wut.

„Ich ziehe nicht weit weg“, erklärte ihr Vater gerade. „Ich bleibe hier in Thistledown. Wir werden uns oft sehen. Ich habe die Besuchsregelung bereits mit meinem Anwalt …“

„Mit deinem Anwalt?“, fiel ihm ihre Mutter ins Wort. „Du bist schon bei einem Rechtsanwalt gewesen?“

Er blickte sie an. „Ja, Marge, ich war bei einem Anwalt.“

Andie wich einen weiteren Schritt zurück. Was war geschehen? Wie konnte er ihre Mutter mit diesem kalten Blick ansehen? Wo er sie doch heute früh noch geküsst, mit ihr zusammen gelacht hatte.

„Ich hielt es für das Beste, mich über meine Rechte zu informieren, ehe ich …“

„Was für Rechte?“ Die Stimme ihrer Mutter klang schrill. „Das Recht, deine Kinder nur an den Wochenenden und ein paar Wochen in den Ferien zu sehen? Hältst du das für das Beste? Besser, als jeden Abend zu ihnen nach Hause zu kommen?“

„Es reicht, Marge! Wir sollten diese Unterhaltung nicht vor den Kindern führen.“

„Das sagst du mir? Wie kannst du es wagen!“ Ihre Mutter sprang auf. „Ich dachte immer, wir seien eine Familie.“

Ihr Vater seufzte frustriert. „Ich bin nicht glücklich in dieser Ehe, schon lange nicht mehr. Das musst du doch gemerkt haben.“

Andie schlang schützend die Arme um die Taille. Sie hielt noch immer ihren Apfel umklammert. Nicht glücklich? Ihre Eltern zankten sich doch so gut wie nie. Jeden Morgen, wenn er zur Arbeit ging, gab Dad ihrer Mutter einen Kuss. Und Mom küsste ihn, und dann lächelte sie. Und jetzt wollte er sie alle verlassen. Weil er nicht glücklich war.

Tränen schossen ihr in die Augen. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Sie wollte nicht, dass ihr Dad sie verließ. Sie hatte ihn doch so lieb. „Geh nicht weg, Dad“, sagte sie in flehendem Ton. „Ich möchte, dass wir eine Familie bleiben.“

Er blickte erst sie, dann die Zwillinge an. „Wir bleiben eine Familie, Kinder. Wir werden immer eine Familie bleiben, daran ändert sich gar nichts, auch wenn ich wegziehe.“

Oh doch, es würde sich sehr wohl etwas ändern. Alles würde sich dadurch verändern. „Ich will auch mehr helfen, das verspreche ich dir“, sagte sie, verzweifelt nach einer Möglichkeit suchend, alles wieder in Ordnung zu bringen. „Und wir Kinder werden uns nicht mehr zanken.“ Flehend sah sie ihre Brüder an. „Nicht wahr?“

Die beiden schüttelten die Köpfe. „Nein, ganz bestimmt nicht“, erwiderten sie wie aus einem Mund.

„Liebling, es hat wirklich nichts mit euch …“

Weil sie Angst vor dem hatte, was er sagen würde, ließ Andie ihren Vater gar nicht erst ausreden. „Und ich passe auf Pete und Daniel auf, damit ihr öfter ausgehen könnt“, fuhr sie hastig fort. „Ohne mich zu beklagen, ich verspreche es dir. Gib mir noch einmal eine Chance, bitte. Du wirst sehen, wie brav ich sein kann.“

„Siehst du, Dan?“, flüsterte ihre Mutter. Kraftlos sank sie auf ihren Stuhl zurück. „Siehst du, was du deinen Kindern antust?“

Die Worte ihrer Mutter ignorierend, ging ihr Vater zu ihr und nahm sie in die Arme. „Oh Andie.“ Liebevoll drückte er sie an sich. „Diese Sache hat wirklich nichts mit dir oder deinen Brüdern zu tun.“ Er schob sie ein wenig von sich weg, um ihr in die Augen zu sehen. „Es dreht sich um deine Mutter und mich.“

Andie kämpfte mit den Tränen. Wieder blickte sie zu ihren Brüdern. Pete und Daniel saßen noch immer dicht beisammen. Das taten sie immer. Sie trösteten sich gegenseitig. Sie waren ein Team. Dafür hatte sie Raven und Julie. Sie sah zu ihrer Mutter hinüber, die allein dasaß und furchtbar verzweifelt aussah. Auch ihre Eltern waren ein Team gewesen. Und jetzt?

Wie konnte ihr Vater ihnen das antun? Wie konnte er sie einfach so verlassen? Er sollte sie doch lieb haben.

Andie entzog sich der Umarmung ihres Vaters und ging zu ihrer Mutter, kniete sich neben ihren Stuhl und schlang die Arme um sie. Einen Moment verharrte ihre Mutter in ihrer erstarrten Haltung. Dann sank sie gegen Andie. Verzweifelt klammerte sie sich an ihrer Tochter fest.

„Andie, Liebling“, sagte ihr Vater leise und geduldig, „ich weiß, es ist schwer für dich, aber irgendwann wirst du mich verstehen.“

„Nein, niemals!“ Sie schüttelte heftig den Kopf. Tränen liefen ihr über die Wangen. „Du hast gesagt, deine Familie würde dir alles bedeuten. Sie sei das Allerwichtigste. Du hast gelogen.“

„Ich habe nicht gelogen. Ich konnte doch nicht wissen, wie sich die Dinge entwickeln würden. So etwas kommt eben vor.“ Er blickte seine Frau an. „Marge, kannst du es ihr nicht erklären?“

Andie spürte, wie ihre Mutter wieder steif wurde vor Abwehr. „Du hast uns diese Geschichte eingebrockt, Dan. Du allein. Und jetzt soll ich dir dabei helfen, es den Kindern schonend beizubringen? Nein, Dan, das ist deine Sache.“

„Okay.“ Sein Blick ging zwischen Andie und ihren Brüdern hin und her. „Mein Entschluss steht fest. Es tut mir leid, Kinder, aber so ist es nun mal. Wenn ihr älter seid, werdet ihr mich …“

„Verstehen?“ Andie blickte zu ihm auf. Dabei brach ihr fast das Herz. Sie schüttelte den Kopf. „Ich werde es nicht verstehen, Dad. Und ich werde es dir nie verzeihen. Niemals.“

Einen Moment starrte ihr Vater sie nur wortlos an. Dann wandte er sich ab und ging.

3. KAPITEL

Erschöpft, mit brennenden Augen, lag Andie auf ihrem Bett. Wenige Sekunden nachdem ihr Vater gegangen war, hatte sie seinen Wagen gehört und war zum Fenster gerannt, um zu beobachten, wie er abfuhr. Sie hatte ihm nachgesehen, bis seine Rücklichter von der Dunkelheit verschluckt wurden.

Jetzt war ihr Dad weg. Einfach so.

Sie drehte sich auf die Seite. Im Haus war es unnatürlich still. Ihre Brüder waren schon vor einer Weile zu Bett gegangen, ihre Mutter hatte sich in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen. Normalerweise lief um diese Zeit irgendeine Fernsehsendung im Zimmer ihrer Eltern, und Andie konnte hören, wie sich ihr Dad und ihre Mom leise miteinander unterhielten. Ab und zu klingelte das Telefon, oder die Katze miaute unter ihrem Schlafzimmerfenster.

Aber nicht heute. Heute war es, als sei die Welt untergegangen. Andie war allein – allein mit ihren quälenden Gedanken. Sie setzte sich im Bett auf. Ihr Blick fiel auf die geschlossene Tür. Dabei musste sie an ihre Brüder denken, an den verzweifelten Ausdruck in ihren Gesichtern. Seufzend stieg sie aus dem Bett, um durch den Flur zum Zimmer ihrer Brüder zu gehen. Leise öffnete sie die Tür und spähte hinein.

„Seid ihr zwei okay?“, flüsterte sie.

„Klar.“ Der Blick, den Daniel ihr zuwarf, war nicht gerade freundlich. „Wir sind doch keine Babys mehr.“

„Ich weiß. Aber ich dachte, dass ihr vielleicht mit mir reden wollt.“

„Andie?“ Pete rollte sich auf die Seite, um sie anzusehen. „Ich verstehe das nicht. Mom und Dad waren doch immer so … also, ich dachte, sie hätten sich …“ Seine Stimme wurde immer leiser.

„Ja, das dachte ich auch.“ Andie seufzte. „Aber wir haben uns wohl getäuscht.“

Nur mühsam hielt der Junge die Tränen zurück. „Werden wir Dad denn noch sehen können?“

„Ich weiß es nicht.“ Andie wandte den Blick ab. „Er hat es jedenfalls gesagt.“

„Aber er ist ein Lügner.“ Daniel setzte sich im Bett auf. „Ein gemeiner Lügner. Es ist mir egal, wenn ich ihn nicht mehr sehe. Und Pete ist es auch egal.“

Aber Pete war es nicht egal, das sah Andie ihm an. Seine Augen füllten sich mit Tränen, und schnell wandte er den Kopf ab. Andie warf Daniel einen wütenden Blick zu. „Halt die Klappe, okay? Du glaubst immer, du bist so schlau.“

„Das bin ich auch. Ich weiß mehr als du.“ Trotzig reckte er das Kinn vor. „Ich weiß etwas über Dad, was du nicht weißt. Es ist ein Geheimnis.“

„Klar ist es ein Geheimnis“, sagte Andie spöttisch. „Weil du es mir dann nicht zu erzählen brauchst.“

„Ich verrate es dir. Mach die Tür zu. Ich will nicht, dass Mom es hört.“

Andie schnaubte verächtlich, schloss jedoch die Tür. Dann verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Okay, die Tür ist zu. Was ist das große Geheimnis?“

„Dad hat eine Freundin.“

Im ersten Moment konnte Andie ihren Bruder nur sprachlos anstarren. Nachdem sie sich von ihrem Schock erholt hatte, ging sie mit geballten Fäusten auf sein Bett zu. „Du lügst! Nimm das sofort zurück, Daniel.“

„Ich habe gehört, wie er mit ihr telefonierte. Vorhin. Er hat zu ihr gesagt, dass er … dass er sie liebt. Ehe er aufgelegt hat.“

„Das ist nicht wahr.“ Nur mit Mühe brachte Andie die Worte heraus. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. „Das hast du erfunden.“

„Ich habe es auch gehört“, flüsterte Pete unglücklich. „Er hat gesagt … er sagte, von nun an könnten sie …“

„Von nun an könnten sie zusammen sein“, beendete Daniel den Satz seines Bruders. „Aber erst müsse er die Sache mit uns regeln.“

„Nein. Das ist nicht wahr.“ Andie schüttelte den Kopf. Sie wollte ihren Brüdern nicht glauben. Es musste eine Erklärung geben für das, was sie gehört hatten. Ihr Dad würde ihre Mom nicht betrügen. Niemals würde er so etwas tun.

Sie verließ das Zimmer ihrer Brüder. Als hätten ihre Gedanken ihn herbeigezaubert, hörte sie auf einmal, als sie durch den Flur ging, die Stimme ihres Vaters. Sie kam aus dem Schlafzimmer ihrer Eltern. Andie blieb stehen. Hoffnung keimte in ihr auf. Ganz heiß wurde ihr vor Freude. Dad hatte es sich anders überlegt. Er war zurückgekommen. Er würde sie doch nicht verlassen.

Sie rannte durch den Flur. Es war Unsinn, was Pete und Daniel gehört haben wollten. Eine Lüge. Sie griff nach dem Türknauf und wollte gerade ins Zimmer stürzen, als sie die Stimme ihrer Mutter hörte.

„… nimm alles mit, was du brauchst, denn ich versichere dir, dass du ohne gerichtliche Verfügung keinen Fuß mehr in dieses Haus setzen wirst.“

„Okay, wie du willst.“

Andie hörte, wie Schranktüren und Schubladen geöffnet wurden. Sie schlug die Hand vor den Mund. Ihr Vater kam nicht zurück. Er packte seine Sachen.

„Es tut mir wirklich leid, Marge. Ich wollte nicht, dass es so endet.“

„Verschone mich mit deinen Entschuldigungen“, erwiderte ihre Mutter mit tränenerstickter Stimme. „Ich habe dir zwanzig Jahre meines Lebens geschenkt, und du willst mich mit einem ‚Sorry, es tut mir leid‘ abspeisen? Nein, vielen Dank.“

„Kommt diese Trennung wirklich so überraschend für dich? Es ist doch schon seit Langem aus zwischen uns beiden.“

„Du hast Kinder“, hielt sie ihm entgegen. „Wie kann es aus sein? Du hast mir ein Versprechen gegeben, Dan.“ Andie presste ihr Ohr an die Tür. „Ein Gelübde. Erinnerst du dich nicht daran?“

„Ich weiß.“ Die Stimme ihres Vaters klang müde, unsagbar müde. „Es tut mir leid.“

„Es tut dir leid?“, wiederholte ihre Mutter erzürnt. „Wenn es dir leidtäte, würdest du uns das nicht antun. Es steckt eine andere Frau dahinter, nicht wahr?“

„Marge, bitte …“

„Jemand, den du mehr liebst als mich. Mehr als uns.“

„Hör bitte auf, Marge. Um Himmels willen, die Kinder werden …“

„Richtig, die Kinder. Deine Kinder. Was kümmern dich die Kinder? Wenn du sie lieb hättest, würdest du sie nicht verlassen.“

„Ich habe sie sehr lieb, das weißt du genau.“

„Ach ja? Und wer versorgt sie Tag für Tag? Wer kutschiert sie herum? Wer hat seine Karriere aufgegeben, um sie großzuziehen? Unsere Kinder, Dan. Nicht nur meine.“

Andie schloss die Augen. Übelkeit stieg in ihr auf. Sie wollte die Worte ihrer Mutter nicht hören, brachte es jedoch nicht fertig, ihren Horchposten zu verlassen.

„Dass du immer wieder die Märtyrerin spielen musst! Seit zwanzig Jahren kommst du mir mit diesem Blödsinn. Karriere! Dass ich nicht lache! Du hast den Umbruch bei der Zeitung zusammengeklebt.“

„Ich war Werbegrafikerin!“, schrie ihre Mutter. „Es hat mir Spaß gemacht. Und außerdem war ich gut.“

„Okay, hier ist deine Chance, damit weiterzumachen“, erwiderte ihr Vater, eine Schublade zuwerfend.

„Ich weiß, dass du eine Freundin hast. Ich weiß es schon seit Monaten.“

„Du lieber Himmel …“

„Streite es ab, wenn es nicht stimmt! Sag mir ins Gesicht, dass du keine Affäre hattest. Dass du nicht hinter meinem Rücken herumgevögelt hast.“

Andie presste die Faust auf den Mund, um nicht laut aufzuschreien. Sie betete, ihr Vater möge die Anschuldigung von sich weisen. Aber er sagte nichts. Er stritt es nicht ab. Sein Schweigen sprach Bände.

„Ich wette, sie hat keine Kinder“, fuhr ihre Mutter fort. „Sie ist ungebunden. Sie hat Zeit, sich zurechtzumachen und sexy auszusehen und …“

„Ich liebe dich nicht mehr“, fiel ihr Vater ihr ins Wort. „Unsere Ehe bedeutet mir nichts mehr. Darum geht es hier, nicht um Leeza.“

„Deine Sekretärin?“ Die Stimme ihrer Mutter wurde schrill. „Mein Gott, sie ist zwanzig Jahre jünger als du!“

Leeza Martin. Die Sekretärin ihres Vaters. Andie sah sie vor sich in ihren kurzen Röcken, mit ihrem strahlenden Lächeln. Andie hatte sie immer bewundert, weil sie so hübsch war. Sie hatte sie bewundert und sich gewünscht, so auszusehen wie sie. Und jetzt hatte die hübsche Leeza ihr den Daddy gestohlen.

Ihre Mutter hatte zu schluchzen begonnen. Verzweifelt flehte sie ihn an, bei ihr zu bleiben, bat ihn, an die Kinder zu denken. Ihr Vater reagierte mit Abscheu darauf. „Wie kannst du mich zurückhalten wollen, wenn ich nicht hier leben will? Wie kann dir daran gelegen sein, dass ich der Kinder wegen mit dir zusammenbleibe? Das wäre keine Ehe, sondern ein Gefängnis.“

Andie wich von der Tür zurück, als hätte sie sich verbrannt. Der Schmerz, den sie empfand, war unerträglich. Sie wollte sich an ihren Vater klammern und ihn anflehen, nicht wegzugehen. Sie wollte bitten und betteln wie ihre Mutter. Aber sie wusste, es hätte keinen Sinn gehabt. Denn es gab eine andere, die er mehr liebte als seine Familie, ein anderes Zuhause, wo er sich lieber aufhielt als hier bei ihnen.

Er hatte ihr versprochen, immer für sie da zu sein. Immer. Er hatte gesagt, nichts in der Welt sei ihm wichtiger als seine Familie. Er hatte gelogen.

In ihrer Not fiel ihr Raven ein. Raven würde ihr helfen. Andie wandte sich ab und rannte zu ihrem Zimmer zurück. Nachdem sie die Tür hinter sich abgeschlossen hatte, eilte sie zum Fenster, öffnete es, kletterte aufs Fensterbrett und sprang in den Garten hinunter.

Es war spät. Die Nacht war erfüllt vom Zirpen der Grillen. Irgendwo quakte ein Ochsenfrosch. In der Ferne hupte ein Wagen. Andie schlich durch den Garten zu der Hecke, die das Grundstück der Johnsons von ihrem trennte. Sekunden später stand sie unter Ravens Fenster, warf Kieselsteine an die Scheibe und betete, die Freundin möge sie hören. Wie oft hatte Raven unter ihrem Fenster gestanden und Beistand gesucht? Andie konnte gar nicht zählen, wie oft.

Jetzt war sie es, die Trost brauchte. Die Brust schnürte sich ihr zusammen bei diesem Gedanken. Zum ersten Mal erschien ihr Elternhaus ihr nicht mehr als glücklicher, sicherer Hort. Plötzlich war es nicht mehr perfekt. Zum ersten Mal wünschte sie sich ein anderes Zuhause.

In dem Moment, als sie das Gesicht ihrer Freundin hinter der Fensterscheibe sah, brach Andie in Tränen aus. Raven schob das Fenster hoch. „Andie“, flüsterte sie erschrocken. „Was ist los?“

„Meine Eltern … sie haben sich … getrennt.“

„Unmöglich.“ Raven schüttelte den Kopf. „Nicht deine Eltern.“

„Doch, sie …“ Andie drohte die Stimme zu versagen. „Mein Dad ist ausgezogen.“

Raven beugte sich weiter aus dem Fenster. „Warte“, flüsterte sie. Der Wind blies ihr das weißblonde Haar ins Gesicht. Mit einer schnellen Handbewegung schob sie es zurück. „Ich komme sofort herunter.“

Wenige Minuten später kam sie angezogen aus dem Haus. Sie ging zu Andie und legte die Arme um sie. „Oh Andie. Ich kann es nicht glauben.“

Andie presste das Gesicht an die Schulter der Freundin. „Aber es stimmt. Er hat uns alle ins Wohnzimmer gerufen und uns erzählt, wie sehr er uns liebt und so.“ Mit dem Handrücken wischte sie sich die Nase ab. „Erst später habe ich dann die volle Wahrheit erfahren. Er hat meine Mom betrogen.“

Raven stockte der Atem. „Nein, nicht dein Dad!“

„Mit seiner Sekretärin.“

„Mit dieser Barbiepuppe? Deine Mutter ist doch Klassen besser als sie.“

Andie sank zu Boden. Verzweifelt barg sie das Gesicht in den Händen. „Ich bin so unglücklich. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“

Raven ließ sich neben ihr nieder. Schützend legte sie ihr den Arm um die Schultern. „Es wird schon alles wieder gut werden.“

„Wie bist du damit fertig geworden?“, fragte Andie mit brüchiger Stimme. „Ich meine, als deine Mom abgehauen ist? Ich habe das Gefühl, ich muss sterben.“

Raven antwortete ihr nicht sofort. Einen Moment schien sie sich in ihren eigenen Erinnerungen zu verlieren. Dann räusperte sie sich. „Soll ich dir sagen, was ich denke? Eltern sind Scheiße. Vor allem Väter.“

„Ich dachte immer, ich hätte die beste Familie der Welt. Ich hätte nie geglaubt, mein Dad könnte irgendetwas …“

„Falsch machen“, beendete Raven ihren Satz. „Du dachtest, er sei perfekt, was? Du hast ihn für einen Helden gehalten.“

Andie nickte traurig. Dabei fiel ihr der seltsame Ton auf, der sich in Ravens Stimme geschlichen hatte, ein Ton, der ihr fremd war. Fragend blickte sie die Freundin an. „Rave?“

Raven erwiderte ihren Blick. „Aber er ist kein Held, nicht wahr, Andie? Er ist ein Schweinehund wie alle anderen auch.“

Andie wandte den Blick ab. Es tat weh, so über ihren Vater zu denken. Sie konnte den Schmerz kaum ertragen.

„Komm, wir holen Julie.“

„Julie?“

„Warum nicht?“ Raven lächelte. „Die Erwachsenen können uns mal. Lass uns von hier verschwinden.“

„Aber dein Bein … tut es nicht weh?“

Raven warf einen Blick auf ihren Verband und zuckte dann gleichgültig die Schultern. „Klar tut es weh. Na und? Im schlimmsten Fall platzen eben ein paar Stiche auf.“

Andie schluckte hart. „Wie viele sind es?“

„Zwanzig. Du hättest mal meinen Dad sehen sollen. Er wurde grün im Gesicht und musste aus dem Zimmer gehen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich kapier das nicht. Wegen so etwas wird ihm schlecht? Meinem Dad? Nicht zu fassen.“ Sie stand auf und streckte Andie die Hand hin. „Komm.“

Andie schüttelte den Kopf. „Du wirst dir wehtun. Und das möchte ich auf keinen Fall.“

„Ich tue es für dich, Andie. Verstehst du nicht? In dem Fall spielt es keine Rolle, ob ich mir wehtue.“

Andie nickte. Sie brauchte nicht zu fragen, wohin sie gehen würden, wenn sie ihre Freundin geholt hatten. Wie immer würden sie sich zu ihrem Versteck schleichen, dem verlassenen Geräteschuppen am Rand der Felder vom Bauern Trent. Sie hatten den Schuppen im Sommer vor zwei Jahren entdeckt und ihn spontan zu ihrem Refugium erklärt. Sie liebten die kleine, verfallene Hütte, in der es immer ein wenig nach Öl roch. Hier waren sie allein und ungestört. Hier konnten weder ihre Eltern noch ihre Geschwister sie nerven.

Julie wohnte drei Straßen weiter, in der Mockingbird Lane, in Phase zwei von Happy Hollow. Unbemerkt nahmen die Mädchen die Abkürzung durch die Gärten. Nicht dass groß Gefahr bestanden hätte, dass man sie entdeckte. Die Straßen waren leer und verlassen, die Häuser dunkel.

Andie fand die Stille unheimlich. Sie ließ den Blick über Julies Straße schweifen, über die Häuserreihen mit ihren nackten Fenstern. Seit die Maschinenfabrik im Ort vor einem halben Jahr ihre Tore geschlossen hatte, standen vierzig Prozent der Häuser in Phase zwei leer. Nur drei der zehn Häuser in der Mockingbird Lane waren bewohnt. Viele der leeren Häuser gehörten noch der Baugesellschaft „Sadler Construction“. Andie hatte ihren Vater sagen hören, wie gut es sei, dass die Sadlers so viel Geld hätten.

„Ich finde es richtig gruselig hier“, flüsterte Andie. „Es kommt mir so vor, als würden die Häuser uns beobachten.“

„Sie stehen leer, Andie. Niemand wohnt in ihnen. Wer sollte uns also beobachten?“

Andie hielt sich dicht an Ravens Seite. „Es heißt, dass sie leer stehen. Aber wenn es nicht so ist? Wie leicht könnte sich jemand in ihnen verstecken.“

„Und uns arme, ahnungslose Teenager überfallen? Ich glaube kaum.“

Andie verzog das Gesicht. Der Sarkasmus ihrer Freundin gefiel ihr nicht. „Aber es wäre doch möglich. Sieh dir nur die Häuser am Ende der Sackgasse an. Dahinter kommen gleich die Felder vom alten Trent. Und das linke Haus grenzt an ein bewaldetes Grundstück. Findest du das nicht unheimlich?“

„Nein.“ Raven schüttelte den Kopf. „Ich finde es gut, dass die Häuser unbewohnt sind. Keine alte Tratschtante kann hinter der Gardine stehen und uns beobachten und unsere Eltern anrufen, weil wir durch ihren Garten gehen. Ich wünschte, alle Häuser wären leer.“

Inzwischen hatten sie Julies Haus erreicht. Das Zimmer ihrer Freundin lag nach hinten hinaus im zweiten Stock. Das Schlafzimmer ihrer Eltern befand sich zum Glück im vorderen Teil des Hauses. Die Freundinnen hatten solch nächtliche Exkursionen schon des Öfteren unternommen, doch bei Julie gingen sie stets besonders vorsichtig zu Werke. Denn Julies Vater war der strengste von allen. Er hielt tägliche Bestrafung für ein reinigendes Ritual. Julie konnte machen, was sie wollte, es war immer falsch. Ihr Vater gab ihr unablässig zu verstehen, dass sie ihn enttäuschte.

Und wenn sie wirklich einmal etwas ausgefressen hatte, dann ließ er seine Tochter in einer Art und Weise dafür büßen, die Andie Angst machte. Er zwang sie dazu, stundenlang auf den Knien zu liegen und in der Bibel zu lesen, er demütigte sie in aller Öffentlichkeit und kontrollierte sie, wie kein anderer Vater es tat. Dass Julie mehr wie ein Poster aus dem „Playboy“ aussah als eine unschuldige Fünfzehnjährige, machte ihr Los nicht eben einfacher. Der Reverend pflegte sie als Sünderin zu beschimpfen. Richtig besessen war er von dem Gedanken. Andie vermutete, dass er sich daran aufgeilte. Für sie war der Mann ein kompletter Idiot. Julie hatte einen besseren Vater als ihn verdient. Sie konnte nur hoffen, dass Julie genauso dachte.

Raven hob ein paar Kieselsteine auf und warf sie einzeln an Julies Fenster. Sekunden später tauchte Julie auf. Als sie die Freundinnen sah, schob sie das Fenster hoch und öffnete das Fliegengitter.

„Was macht ihr hier?“, flüsterte sie. Dabei warf sie einen nervösen Blick über die Schulter.

Raven grinste. „Komm runter, dann wirst du es merken.“

„Ich weiß nicht.“ Wieder blickte Julie über die Schulter. „Dad war ziemlich misstrauisch vorhin. Nachdem ihr weg wart, hat er mich darüber ausgefragt, wo und wie du dir diese Verletzung geholt hast. Und dann mussten wir alle um Vergebung beten.“ Sie schob das Fliegengitter höher und steckte den Kopf zum Fenster hinaus. Kurzsichtig blinzelte sie zu den beiden Freundinnen hinunter. „Was macht dein Bein?“

„Es tut weh. Aber das ist egal.“

„Es musste genäht werden“, sagte Andie. „Zwanzig Stiche.“

„Zwanzig?“ Julies Augen weiteten sich. „Oh Rave.“

„Vergiss mein Bein, okay? Komm runter.“ Raven schob die Hände in die Hosentaschen. „Dein Vater verprügelt dich so oder so, auch wenn du nicht kommst. Er findet immer einen Grund, das weißt du doch.“

Julie strich sich das honigblonde Haar aus dem Gesicht. „Wenn das so ist, dann kann ich mich auch vorher amüsieren“, meinte sie grinsend. „Wartet einen Moment.“

Eine Minute später erschien sie noch einmal am Fenster, gab ihnen ein Zeichen, dass alles okay sei, und kam wenig später aus dem Haus. Nachdem sie leise die Tür hinter sich zugezogen hatte, eilte sie zu ihnen.

„Andies Eltern haben sich getrennt“, sagte Raven unvermittelt.

„Was?“ Julie wirbelte zu Andie herum. „Das kann nicht wahr sein. Nicht deine Eltern!“

Andie kamen schon wieder die Tränen. „Er hat es uns heute Abend gesagt. Er hat meine Mutter betrogen. Mit seiner Sekretärin.“

„Nein! Mit dieser kleinen Blonden?“ Julie schlang tröstend die Arme um sie. „Das ist wirklich ätzend, Andie. Und ich dachte immer, deine Eltern seien so glücklich miteinander. Perfekt wie eine von diesen Fernsehfamilien. Ich fand deinen Dad echt gut.“

Andie begann zu weinen. „Ich auch.“

„Toll, Julie. Jetzt hast du sie zum Weinen gebracht.“

„Das wollte ich nicht!“

„Aber du hast es geschafft.“

Andie wischte sich mit dem Handrücken die Nase ab. „Es ist nicht Julies Schuld“, sagte sie zwischen Lachen und Weinen. „Ich bin bloß etwas durcheinander, das ist alles.“

„Lasst uns von hier verschwinden, ehe Julies Vater oder einer ihrer petzenden Brüder wach wird und uns entdeckt“, sagte Raven.

Sie zogen los, hielten sich im Schatten der Dunkelheit, bis sie sich weit genug von Julies Haus entfernt hatten. Noch ehe sie das Ende der Sackgasse erreichten, blieb Andie abrupt stehen. „Wartet.“ Mit einer Handbewegung brachte sie die beiden anderen zum Schweigen. „Hört ihr das?“

„Was?“

„Musik. Schsch … da!“

Die zwei anderen Mädchen lauschten angestrengt. Und dann hörten sie es auch.

„Wo kann das herkommen?“, fragte Julie. Mit gerunzelter Stirn sah sie sich um. Sie standen am Ende der Sackgasse zwischen vier leeren Häusern. Julie warf einen Blick über die Schulter auf die anderen Häuser in ihrer Straße. Alle Fenster waren dunkel. „Das ist wirklich komisch. Jeder in der Straße schläft.“

„Wir nicht.“ Raven kicherte, als die Freundinnen sie verständnislos ansahen. „Kinder, macht euch nicht verrückt. Die Musik kommt wahrscheinlich aus einer anderen Straße. Nachts übertragen sich Geräusche besonders gut. Ich weiß, wovon ich rede.“ Sie zog eine Grimasse. „Wo immer wir auch wohnten, die Streitereien meiner Eltern waren legendär in der Nachbarschaft.“

„Du hast recht.“ Andies Lachen klang etwas unnatürlich, das fiel ihr selbst auf. „Ich habe eine zu lebhafte Fantasie.“

„Aber es ist irgendwie unheimlich.“ Julie rieb sich die Arme. „Die Musik in dieser Totenstille.“

Raven lachte. „Los, ihr Angsthasen, folgt mir!“

Sie überquerten das Grundstück des letzten Hauses, verschwanden in dem kleinen Waldstück, das zwischen Trents Farm und Happy Hollow lag, und standen gleich darauf am Rand der offenen Felder. Selbst in der Dunkelheit hob sich ihr Schuppen noch deutlich von dem flachen, kahlen Acker ab.

Sie erreichten die Hütte, doch anstatt hineinzugehen, kletterten sie auf das Metalldach, wo sie sich hinlegten und zum dunklen Nachthimmel hinaufsahen. Minuten vergingen, ohne dass eine von ihnen sprach. Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund.

„Es ist so schön hier“, murmelte Julie.

Raven nickte zustimmend. „Und so ruhig.“

Andie verschränkte die Arme hinter dem Kopf und atmete tief ein. „Als wären wir die einzigen Menschen im ganzen Universum. Nur wir und die Sterne.“

„Wäre das nicht toll?“, meinte Raven versonnen. „Keine blöden Eltern? Niemand, der uns Vorschriften macht?“

„Wenn es nur uns gäbe, wäre ich jetzt nicht so traurig“, murmelte Andie.

„Was ist mit Jungs?“

Andie und Raven sahen sich an und lachten laut auf. „So etwas kann nur von dir kommen, Julie.“

„Ich meine es ernst.“ Julie schniefte pikiert. „Jungs müsste es schon geben. Ihr kommt vielleicht ohne sie aus, aber ich nicht.“

„Ich kann auf sie verzichten“, erklärte Raven mit Nachdruck. „Aus Jungs werden Männer. Und die werden dann so wie dein Dad oder wie meiner.“ Sie schnaubte verächtlich. „Nein, ohne mich.“

Andie blickte die Freundin an. „Sie müssen nicht so sein.“

„Nein?“ Raven runzelte die Stirn. „Warum fragst du nicht deine Mom, ob ich recht habe?“

Eine ganze Weile schwiegen alle drei. Dann streckte Raven die Hand aus und berührte Andies Arm. „Es tut mir leid, dass ich das eben gesagt habe.“

„Es ist schon gut.“

Raven stützte sich auf den Ellbogen. „Denkt ihr manchmal über die Zukunft nach? Wo und was wir einmal sein werden?“

„Wir gehen aufs College“, meinte Andie.

„Zusammen“, ergänzte Julie.

„Und danach? Was wollt ihr werden? Wie soll euer Leben aussehen?“

„Das ist einfach“, sagte Julie. „Ich will beliebt sein. Alle sollen mich mögen. Und ich werde kein schlechtes Gewissen deswegen haben. Ich werde mich nicht schuldig fühlen, weil ich hübsch bin und mich amüsiere und jede Nacht ausgehe, wenn mir danach zumute ist.“

Raven setzte sich auf und zog die Knie an. „Ich will diejenige sein, die zu bestimmen hat, die anderen sagt, wo es langgeht.“

Julie kicherte. „Du wirst wahrscheinlich mal der erste weibliche Präsident werden. Und dann setzen sie dein Gesicht auf eine Briefmarke.“

„Diese Visage? Ich bitte dich, Julie. Die Leute würden ja Angst bekommen.“

„Hör auf mit dem Quatsch“, sagte Andie zu Raven. „Du siehst toll aus. Die Jungs sagen diese Dinge ja nur, weil sie nicht an dich herankommen. Sie nennen dich einen Freak, weil sie dir an die Wäsche wollen und du sie nicht lässt.“

Raven schwieg einen Moment. Dann räusperte sie sich. „Meinst du das ernst?“

„Natürlich. Sonst hätte ich es kaum gesagt.“

Raven grinste. „Das gefällt mir.“ Sie neigte hoheitsvoll den Kopf. „Ich nehme die Ernennung zur Präsidentschaftskandidatin an, Julie.“

Julie beugte sich zu Andie vor. „Und du? Was wünschst du dir?“

Andie blickte die Freundin an. Tränen schnürten ihr die Kehle zu. „Ich … möchte nur meine Familie zurückhaben. Ich habe mir immer ausgemalt, einmal einen Mann wie meinen Dad zu heiraten. Ich dachte …“ Sie richtete sich auf und schlang die Arme um die angezogenen Knie. „Ich dachte, bei uns könnten solche schlimmen Dinge nicht passieren wie in anderen Familien. Ich dachte, meine Eltern seien etwas Besonderes. Wie konnte mein Dad das meiner Mom antun? Wie konnte er es mir antun? Und Pete und Daniel?“

Raven rückte näher zu ihr heran. Tröstend legte sie den Arm um sie. „Man gewöhnt sich an alles.“

Julie rückte an ihre andere Seite. „Ja, es wird alles wieder okay werden. Du wirst schon sehen.“

„Nein.“ Andie schüttelte den Kopf. „Es wird nie wieder okay sein.“

„Du hast uns, Andie. Daran hat sich nichts geändert.“

„Raven hat recht.“ Julie legte den Kopf an Andies Schulter. „Wir lieben dich.“

Tränen brannten Andie in den Augen. Sie streckte die Hand aus. „Meine besten Freundinnen.“

Julie legte die Hand auf ihre. „Wir sind eine Familie.“

„Für immer und ewig.“ Raven legte beide Hände auf die ihrer Freundinnen. „Nur wir drei.“

„Freundinnen für immer und ewig“, wiederholten alle drei noch einmal im Chor.

4. KAPITEL

In den folgenden zwei Wochen wechselten sich bei Andie Phasen tiefster Verzweiflung und Trauer mit Wut, Panik und Verlassenheitsgefühlen ab. Ihr Vater war endgültig ausgezogen. Er hatte alles mitgenommen: seine Kleider und Bücher, die Plaketten aus seinem Büro, seine Golf- und Tennisschläger. Ihre Mutter hatte sämtliche Familienfotos, auf denen er zu sehen war, aus dem Haus entfernt und war sogar so weit gegangen, Speisekammer und Kühlschrank auszuräumen, um die Dinge, die außer ihm niemand aß, wegzuwerfen. Es war, als hätte er nie bei ihnen gewohnt.

Nur in Andies Erinnerung war er noch da. Und in ihrem Herzen. Es war ihr nie bewusst gewesen, welchen Einfluss ein Mensch auf einen Ort haben konnte. Jetzt merkte sie, wie sehr ihr Vater ihr Zuhause geprägt hatte. Das Haus hatte sich verändert. Es war stiller geworden. Es erschien ihr leer und traurig. Es roch sogar anders.

Ihr Haus war kein Zuhause mehr.

Obwohl sie ihren Dad jedes Wochenende sah, obwohl sie wusste, dass er sich doppelt bemühte, ihr und ihren Brüdern seine Liebe zu zeigen, war es nicht dasselbe wie früher, als er immer bei ihnen war. Er fehlte ihr. Es war, als gähnte ein tiefes Loch in ihrem Leben, eine Leere, die so wehtat, dass sie manchmal kaum atmen konnte.

Daniel und Pete ging es genauso. Die Zwillinge benahmen sich entweder noch vorlauter und frecher als sonst, oder sie waren unnatürlich still. Ihre Mutter kam kaum noch aus dem Bett. Sie zeigte an nichts Interesse, weder an ihren Kindern noch an ihren Freunden, weder am Essen noch an all den Aktivitäten, in die sie sich früher mit solcher Verve gestürzt hatte.

Andie hatte ihren Vater und ihre Mutter verloren.

Sie tat alles, um ihrer Mutter zu helfen, ihr das Leben zu erleichtern. Sie sprach nie von ihrem Dad. Nie brachte sie ihre eigenen Gefühle, ihre Angst und Verzweiflung, zum Ausdruck. Sie half im Haus, kümmerte sich ums Essen und um ihre Brüder.

Raven und Julie unterstützten sie dabei nach Kräften. Sie hatten Plätzchen gebacken, halfen beim Bettenmachen und Staubsaugen und gingen für Andie zum Supermarkt, wenn sie Brot, Milch oder Erdnussbutter brauchte. Sie waren ihr Halt, ihr Anker. Mit ihnen konnte sie noch lachen und ihre Gefühle – gute und schlechte gleichermaßen – austauschen.

Zum ersten Mal konnte Andie nachempfinden, was Raven hatte durchmachen müssen, als ihre Mutter sie verließ. Zum ersten Mal verstand sie Ravens leidenschaftliche Loyalität Julie und ihr gegenüber. Inzwischen ersetzten ihr Julie und Raven wirklich die Familie.

„Andie? Bist du okay?“

Sie saßen auf Ravens Bett, futterten Kartoffelchips und hörten Musik. Andie zwinkerte, als sie merkte, dass Raven mit ihr sprach und dass beide Freundinnen sie besorgt anstarrten. Sie wandte den Blick ab. Fast schämte sie sich der Tränen, die ihr in die Augen schossen. Es schockierte sie, dass sie selbst nach zwei Wochen noch heulen musste, wenn sie an ihren Vater dachte.

Sie zwang sich, ihre Freundinnen anzusehen. „Mom und ich sind gestern in die Stadt gefahren, um neue … Bettwäsche zu kaufen. Sie will nicht mehr in der alten schlafen.“

„Das kann ich verstehen“, meinte Julie. „Ich würde es auch nicht wollen.“

„Und wisst ihr, was passiert ist?“, fuhr Andie fort. „Wir halten bei der Ampel bei McDonald’s an, und ich … wir …“ Die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie musste sich ein paarmal räuspern, ehe sie weitersprechen konnte. „Er saß in dem Wagen neben uns. Mit ihr.“

„Was?“, riefen Julie und Raven wie aus einem Mund. „Das darf doch nicht wahr sein!“

„Sie schmuste mit ihm herum, küsste ihn und …“ Andie presste die Hand auf die Augen, als ließe sich damit das Bild ihres Vaters und der anderen Frau verdrängen. „Es ist nicht richtig! Dad sollte niemanden außer meiner Mom küssen.“

„Abscheulich ist es!“ Empört richtete Julie sich auf. „Ich kann noch immer nicht glauben, dass dein Vater so etwas tut.“

Andie ließ die Hände sinken. Mit traurigem Blick schaute sie ihre Freundinnen an. „Mom hat es auch gesehen. Sie hat fast einen hysterischen Anfall gekriegt. Das war gestern. Und bis jetzt hat sie ihr Zimmer noch nicht wieder verlassen. Ich habe Grandma angerufen. Sie ist gekommen, um uns zu helfen.“

„Diese Barbiepuppe hat Schuld an allem“, sagte Raven plötzlich. Sie kniff die Augen zusammen. „Sie hat dir deinen Dad gestohlen.“

„Ich hasse sie!“, stieß Andie heftig hervor. „Ich wünschte, sie wäre tot!“

Raven blickte von einer zur anderen. „Sie ist ein falsches Luder, das anderen Frauen die Männer wegnimmt. Dafür sollte sie bestraft werden. Wir müssen uns etwas ausdenken.“

Julie beugte sich vor. „Bestrafen? Wie?“

Andie schüttelte frustriert den Kopf. „Das ist doch Spinnerei, Rave. Klar wünsche ich dem kleinen Luder die Pest an den Hals. Aber Tatsache ist, dass mein Dad meine Mom verlassen hat. Und mich und meine Brüder. Ohne sein Dazutun hätte diese Ziege ihn nicht herumgekriegt.“

„Sie hat ihn gestohlen“, beharrte Raven. „Solche Dinge passieren nicht einfach so, Andie. Sie hatte es darauf abgesehen, sich deinen Dad unter den Nagel zu reißen, und es ist ihr gelungen.“

Andie musste an die Besuche im Büro ihres Vaters denken. Wie oft war sie entweder allein oder mit ihrer Mutter und ihren Brüdern bei ihm vorbeigegangen. Und jedes Mal war Leeza in ihren knappen Tops und kurzen Röcken um ihren Vater herumscharwenzelt, als sei sie die Ehefrau und Andies Mom der Eindringling. Andie erinnerte sich noch gut daran, wie unangenehm es sie berührte, wenn die Sekretärin ihrem Vater unter ihren dunklen Wimpern hervor kokette Blicke zuwarf, wie sie immer wieder sacht, fast zärtlich, die Hand auf seinen Arm legte.

Andies Blut kochte. Raven hatte recht. Leeza hatte es darauf angelegt, ihr den Vater wegzunehmen. „Wie können wir uns an ihr rächen?“

„Wir könnten ihr Haus mit Eiern bewerfen“, schlug Julie vor.

„Das reicht nicht“, sagte Raven.

„Was schlägst du vor?“

Raven lächelte. „Wir könnten ihr den Schädel einschlagen und sie im Garten verscharren.“

Julie verschluckte sich vor Schreck an ihren Kartoffelchips. Während Andie ihr auf den Rücken klopfte, bedachte sie Raven mit einem strafenden Blick. „Sehr komisch, Rave.“

„Es war nur so ein Gedanke.“ Raven stützte das Kinn auf die Faust. „Ich muss mir das in Ruhe überlegen.“

„Ich habe eine Idee.“ Julie stopfte sich erneut eine Handvoll Kartoffelchips in den Mund. Dabei sah sie Andie fragend an. „Hat sie nicht so einen flotten kleinen Sportwagen?“

Andie musste daran denken, wie sehr sie Leezas Auto bewundert hatte. So gut gefiel es ihr, dass sie sich gewünscht hatte, ihr Dad würde sich denselben Wagen kaufen. Zweifellos konnte er jetzt damit herumfahren, wann immer er Lust dazu hatte. Hass stieg in ihr auf. „Ja, einen knallroten Fiat. Sie fährt ihn immer offen. Sie findet das cool.“

„Weißt du, wo sie ihn parkt?“

„Klar. Hinter dem Bürogebäude meines Vaters. Im Schatten der Bäume.“

Kichernd schlug Julie die Hände zusammen. „Ich würde vorschlagen, wir zerkratzen ihr die Tür oder lassen ihr die Luft aus den Reifen.“

„Nicht so voreilig“, murmelte Raven. „Wir müssen ihr einen echten Schreck einjagen. Immerhin hat sie Andies Dad gestohlen. Da sollte die Strafe schon härter ausfallen. Eine zerkratzte Wagentür lässt sich leicht neu lackieren.“

„Hört auf“, sagte Andie, die Magenschmerzen bekommen hatte bei dem Thema. „Wir werden ja doch nichts unternehmen. Und über sie zu sprechen …“ Sie holte tief Luft. „Lasst uns über etwas anderes reden, okay?“

Und das taten sie. Sie berieten, was sie zu der bevorstehenden Pool-Party anziehen wollten, sprachen über Jungs und das neue Video von Michael Jackson. Bis sich Julie plötzlich ruckartig aufrichtete.

„Kinder, fast hätte ich vergessen, es euch zu erzählen! Ich habe wieder diese Musik gehört.“

„Welche Musik?“ Andie rollte sich zur Seite, um einen Blick auf die Uhr auf Ravens Nachttisch zu werfen.

„Na, ihr wisst doch. Die Musik, die neulich nachts aus dem leer stehenden Haus kam.“

Andie sah, dass es allmählich Zeit wurde, nach Hause zu gehen und nachzusehen, ob die Zwillinge im Bett waren. Sie setzte sich auf und begann ihre Sachen einzusammeln. „Wir hatten uns doch darauf geeinigt, dass sie nicht aus dem leer stehenden Haus kam. Erinnerst du dich nicht?“

„Aber ich habe sie gehört“, beharrte Julie. „Gestern Abend, als ich mit Toto Gassi ging. Findet ihr das nicht seltsam?“

„Du bist seltsam!“ Lachend warf Raven ihr ein Kissen an den Kopf. „Musik in einem leer stehenden Haus! Es würde mich nicht wundern, wenn du plötzlich behauptest, du seist von kleinen grünen Männchen geraubt worden. Und dass sie göttlich küssen können!“

5. KAPITEL

„Ich habe darüber nachgedacht, was Julie neulich erzählte“, meinte Raven zwei Abende später, als die drei Mädchen auf Andies Bett saßen, eine aufgeschlagene Zeitschrift und ein halbes Dutzend Nagellackfläschchen in allen Rosatönen zwischen sich. „Dass sie wieder diese Musik gehört hat. Ich muss sagen, irgendwie kommt mir die Sache komisch vor.“

Andie griff nach einem Fläschchen, das die Bezeichnung „Blush“ trug. „Das habe ich auch gedacht“, sagte sie, während sie ihren Daumennagel lackierte und ihn dann trocken blies. „Wenn Julie sagt, sie hat diese Musik wieder gehört, dann muss etwas dran sein. Dann ist das nicht bloß ein Zufall.“ Sie spreizte die Finger, um ihren Daumennagel zu begutachten. „Warum tragen Mädchen eigentlich immer Rosa?“

„So ist es nun mal.“ Julie schob ihre Brille hoch. „Mädchen tragen Rosa, Jungs Blau.“

„Kinder“, unterbrach Raven sie ungeduldig, „ob sich vielleicht jemand in einem dieser leeren Häuser verbirgt?“

Andie sah sie an. „Warum? Wer sollte ein Interesse daran haben, sich in einem leeren Haus zu verstecken?“

„Genau das frage ich mich auch.“

Julie starrte sie an. „Kinder, ihr macht mir Angst“, sagte sie vorwurfsvoll. „Hört auf damit. Ich muss in dieser Straße wohnen.“

„Eben.“ Raven setzte sich auf. „Und deshalb sollten wir der Sache nachgehen.“

„Jetzt?“ Julie hielt ihre Hände hoch. „Mein Nagellack ist noch nicht trocken.“

„Dein Dad wird dich sowieso nicht mit lackierten Fingernägeln herumlaufen lassen.“ Raven blickte in die Runde. „Wir haben doch nichts Besseres vor, oder?“

„Nicht dass ich wüsste.“ Andie sah Julie fragend an. „Was meinst du, gehen wir?“

Julie zuckte die Schultern. „Okay. Ich muss erst in einer Stunde zu Hause sein.“

Nachdem sie Andies Mutter gesagt hatten, sie würden zu Julie hinübergehen, verließen die drei Mädchen das Haus. Sie nahmen die Abkürzung durch die Gärten und hatten innerhalb von Minuten Julies Straße erreicht. Am Ende der Sackgasse stehend, betrachteten sie die vier dunklen Häuser.

„Findet ihr das nicht wahnsinnig aufregend?“, flüsterte Andie. „Stellt euch vor, wir entdecken tatsächlich etwas.“ Sie blickte Raven an. „Was meinst du? Aus welchem Haus kam die Musik?“

Mit zusammengekniffenen Augen starrte Raven zu den Häusern mit ihren unheimlichen leeren, dunklen Fenstern hinüber. „Aus diesem“, sagte sie schließlich, auf das linke der vier Häuser deutend. „Es stößt direkt an das unbebaute Grundstück. Und die Straßenlaterne davor ist kaputt.“ Sie deutete nach oben. „Siehst du? Wenn ich ein krummes Ding vorhätte, würde ich mir dieses Haus aussuchen.“

Andie und Julie nickten zustimmend. Dann folgten sie Raven zu dem linken Haus. Sich verstohlen nach allen Richtungen umsehend, schlichen sie zur Rückseite des Gebäudes und spähten durch eines der Fenster. Der Raum war leer. Sie gingen zum nächsten Fenster und dann zum übernächsten. Überall dasselbe. Nichts als leere Räume.

Und dann wurden sie fündig. Sie sahen einen Stuhl. Einen einzelnen Stuhl mit hoher Rückenlehne, wie er hinter einem Schreibtisch oder an einem Esstisch stehen mochte. Nur dass es weder einen Tisch noch sonst irgendwelche Möbel in dem Raum gab. Bis auf den Stuhl war das Zimmer völlig leer.

Eine Gänsehaut lief Andie über den Rücken. „Das muss es sein“, flüsterte sie. „Ich wette, es ist das Haus.“

„Ich auch.“ Raven wandte sich an Julie. „Bist du sicher, dass dieses Haus noch nicht verkauft ist?“

„Absolut.“ Julie rieb sich die Arme. „Meine Mom sprach vor zwei Wochen mit Mrs. Green darüber. Alle vier Häuser stehen noch zum Verkauf.“

„Was machen wir jetzt?“, flüsterte Andie. „Dass da ein Stuhl im Zimmer steht, heißt noch lange nicht, dass sich ein Meuchelmörder in dem Haus einquartiert hat.“

„Kommt, wir sehen mal nach, ob die Tür offen ist.“

Andie hielt den Atem an, als Raven zur Tür ging und den Knauf herumdrehte. Und sie atmete erleichtert aus, als sie sah, dass die Tür verschlossen war. Auch bei den Fenstern hatte Raven kein Glück.

„Lass es sein, Raven.“ Nervös blickte Andie sich um. „Es ist nicht richtig, was wir hier machen.“

„Eine Sekunde.“ Raven stellte sich auf die Zehenspitzen und fuhr mit der Hand über den oberen Querbalken des Türrahmens. „Bingo!“ Triumphierend hielt sie einen Schlüssel hoch.

„Wo hast du das gelernt?“ Andie schüttelte den Kopf. „So etwas ist doch verboten.“

„Ach ja?“ Raven hob die Brauen. „Wir haben einen Schlüssel, oder? Niemand kann sagen, wir hätten eingebrochen.“

„Wir wollen nur das Haus ansehen“, warf Julie ein. „Musterhäuser sind schließlich dazu da, dass man sie besichtigt.“

Raven steckte den Schlüssel ins Schloss. Andie trat einen Schritt zurück. „Und wenn doch jemand hier wohnt?“

Raven schnitt ihr eine Grimasse. „Angsthase. Du brauchst ja nicht mitzukommen. Julie und ich gehen jedenfalls hinein.“ Sie blickte die Freundin an. „Nicht wahr, Julie?“ Das Mädchen nickte, und Raven öffnete die Tür.

Andie beobachtete, wie ihre Freundinnen im Haus verschwanden. Dann wartete sie. Endlos lang kam ihr die Zeit vor, die sie dort draußen stand. Ihr eigener Herzschlag dröhnte ihr in den Ohren. Was machten die beiden dort drinnen? Was hatten sie gefunden?

„He, Kinder“, sagte sie im Flüsterton, „was ist los?“

Sie antworteten ihr nicht. Andie trat näher an die Tür heran, um zu lauschen. Als sie ihre Freundinnen nicht hören konnte, steckte sie den Kopf durch die Tür. Totenstille. Andie überwand ihre Angst und ging ins Haus.

Die Tür führte in die Küche. Neben der Küche befand sich das Zimmer mit dem einsamen Stuhl, dahinter die Eingangshalle und vermutlich das Esszimmer. Über einen Flur waren weitere Räume zu erreichen.

Andie fröstelte. Das Haus war ihr unheimlich. Obwohl es leer war, kam es ihr irgendwie bewohnt vor. Langsam sah sie sich um. Dabei fielen ihr eine Tüte auf dem Küchentisch und Tassen in der Spüle auf. Gleichzeitig registrierte sie das Summen der Klimaanlage.

„Rave?“, rief sie leise. „Julie?“

„Wir sind hier“, antwortete Raven. „Komm, schau dir an, was wir gefunden haben.“

Andie ging durch den Flur. Sie fand ihre Freundinnen in einem großen Raum mit gewölbter Decke und frei liegendem Gebälk. Mitten im Raum stand ein Barhocker. Auf dem Fußboden lagen einige große Kissen herum.

Und dann war da noch ein Kassettenrekorder. Andie besah sich das Gerät. Neugierig kniete sie sich hin, um es näher zu untersuchen. Aber sie fand keine Kassette darin. Das Gerät war leer.

„Der Kassettenrekorder beweist es.“ Julie sah ihre Freundinnen an. „Hier kam die Musik her. Jemand benutzt dieses Haus.“

„Aber wozu?“ Andie schüttelte den Kopf. „Mir ist das alles unheimlich. Lasst uns von hier verschwinden.“

Sie gingen durch den Flur zur Küche zurück. Im Vorbeigehen warf Andie einen Blick ins Bad. Sie sah einen Duschvorhang und einen Becher neben dem Waschbecken, jedoch keine Handtücher oder Toilettenartikel.

„Man könnte meinen, dass ein Geist hier wohnt“, sagte Julie fröstelnd, als sie wieder in der Küche standen.

„Ein Geist?“ Raven deutete auf die McDonald’s-Tüte auf dem Küchentisch. „Du spinnst wohl. Wir haben es hier mit einem ganz normalen menschlichen Wesen zu tun.“

Was Andie keinesfalls beruhigend fand. Sie ging zu dem leise summenden Kühlschrank und öffnete ihn. Von dem plötzlichen Licht geblendet, blinzelte sie ins Innere. Auch hier fanden sich Spuren des unheimlichen Bewohners: eine Sechserpackung Bier, eine Flasche Wein, Käse, Weintrauben.

Raven blickte ihr über die Schulter. „Will jemand ein Bier?“, fragte sie lachend.

„Bist du verrückt? Es fällt doch auf, wenn eine Dose fehlt. Dann merkt derjenige sofort, dass wir hier waren.“

„Na und?“ Raven griff in den Kühlschrank. „Woher soll er wissen, dass wir es waren, die …“ Sie hielt inne. „Was war das eben für ein Geräusch?“ Sie runzelte die Stirn. „Das klang fast so, als …“

Sie erstarrten, als hätten alle drei im selben Moment erkannt, wo das Geräusch herkam. Aus der Garage. Die automatische Garagentür war aufgegangen.

„Oh verdammt!“ Andie schaute ihre Freundinnen an. Eine Tür wurde geöffnet und zugeknallt. Eine Wagentür. „Was machen wir jetzt?“

„Versteckt euch, schnell!“ Ravens Stimme klang heiser vor Aufregung.

In wilder Panik blickte Andie sich um. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie packte Julies Hand und stürzte zur Speisekammer, schob die Freundin hinein und zwängte sich hinter sie in den kleinen Raum. Noch ehe sie die Tür richtig schließen konnte, betrat ein Mann die Küche. Andie umklammerte den Türknauf. Die Tür stand ungefähr drei Zentimeter offen. Durch den schmalen Spalt konnte Andie den Mann beobachten.

Weil er kein Licht machte, vermochte sie sein Gesicht nicht zu erkennen. Sie sah nur, dass er groß und dunkelhaarig war und saloppe Kleidung trug. Er ging zum Kühlschrank und öffnete ihn. Ein Lichtschein erhellte die dunkle Küche. Andie sah jedoch nur den Rücken des Mannes. Sekunden später hörte sie ein leises Zischen. Der Mann hatte eine Bierdose geöffnet.

Er trank Bier! Gott sei Dank, dass sie keine Dose weggenommen hatten. Sonst wüsste er jetzt mit Sicherheit, dass sie hier waren.

Er schloss den Kühlschrank und wandte sich um, blickte direkt auf die Speisekammertür. Einen Moment stand er unbeweglich da. Andie hatte fast das Gefühl, dass er sie ansah. Und dann drohte ihr Herzschlag auszusetzen, als der Mann geradewegs auf sie zukam.

Andie hielt den Atem an. Vor Angst war ihr ganz schwindelig geworden. Sie war sicher, dass ihre letzte Stunde geschlagen hatte. Sie schloss die Augen. Schweißperlen liefen ihr den Rücken herunter und unter das Gummiband ihres Schlüpfers.

Ausgerechnet in diesem Moment musste sich Julie hinter ihr auf dem Boden bewegen. Rühr dich nicht, Julie!, flehte sie im Stillen. Verhalte dich ruhig!

Der Mann blieb vor der Speisekammertür stehen. Er streckte den Arm aus. Und dann schob er die Tür zu. Mit leisem Klicken fiel sie ins Schloss.

Er hatte sie nicht entdeckt!

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