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Mörder ante portas

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1. KAPITEL

Von fern klang gedämpft Straßenverkehr, ein paar Enten quakten. Aus dem Morgendunst über dem See glitt lautlos ein Kajak. Mit gleichmäßigen Schlägen bewegte es sich auf die Brücke zu, die bereits von der klaren Herbstsonne beschienen wurde. Überscharf zeichneten sich alte Villen mit Seegrundstück gegen einen Himmel ab, dessen Blau durch die Gelbfärbung der Laubbäume besonders intensiv leuchtete.

Hauptkommissarin Isolde von Bärenstein genoss diesen Blick wie eine Belohnung am Ende ihrer Jogging-Runde. Sie fühlte sich innerlich geschmeidig, leicht ausgepowert, verschwitzt und, mit einer Extraportion Sauerstoff im Blut, hellwach.

In der Luft lag ein sehnsüchtiger Duft von reifen Melonen – schon seit Wochen verströmten ihn die rosagelblichen Blütenkelche der hüfthohen Uferbewachsung. Isolde atmete tief durch.

Das letzte Stück bis zum Auto trabte sie nun unter einer Eichenallee an Jugendstil- und Gründerzeithäusern entlang. Allesamt Prachtvillen, perfekt restauriert, meist verputzt und hell gestrichen. Bis auf eine. Jeder, der hier vorbeiging, stutzte, und blieb, wenn er es nicht sehr eilig hatte, stehen. Mit wohligem Grusel richteten Spaziergänger ihren Zeigefinger auf die beiden mit Sperrholzplatten vernagelten Fenster im obersten Stockwerk. Oder auf ein Birkenbäumchen, das aus der Regenrinne wucherte. Die Leute legten ihren Kopf in den Nacken, betrachteten die verwunschenen Rundbogen-Loggien, die floralen Verzierungen am Gesims – Stränge von Rosengeflecht, dazwischen edle Jünglingsköpfe –, den abblätternden Putz der Fassade, die bunten Glasveranden mit stümperhaft geflickten Bleiabtrennungen und die morschen Holzfenster der Belle Etage mit ihren unebenen Fensterscheiben, die offenbar noch im Originalzustand waren: voller ‚Nasen‘ im Glas, die jeden Durchblick verzerrten.

Man brauchte nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was die Passanten dachten: Wie kann man ein so schönes Gebäude nur so herunterkommen lassen! Auch Isolde verlangsamte ihren Schritt, während sie wie jedes Mal innerlich seufzte: Was könnte man daraus machen! Sie nannte das Haus für sich den ‚Palazzo‘.

Seit dem Frühjahr allerdings tat sich doch etwas. Ein Baugerüst mit Christo-mäßiger Verhüllung ließ nur noch Teile der Villa erkennen. Das Portal samt repräsentativer Außentreppe war verhängt beziehungsweise von Gerüststangen, Brettern, Zementsäcken und Werkzeug verdeckt. Nur eine schmale, etwas abenteuerliche Konstruktion aus Bauholz führte über die bröckelnden Stufen ins Haus hinein und heraus. Die Bretter lagen waagerecht auf dem obersten Treppenabsatz auf und endeten im Vorgarten auf zwei Pfeilern mit einer improvisierten kleinen Holztreppe. Vertrauenerweckend wirkte der Pfad nicht gerade. Für junge Mütter war er sicher eine Katastrophe. Man konnte noch Spuren eines ausweichenden Kinderwagens erkennen.

Im Haus jaulte ein Schlagbohrers auf – Baulärm jener Art, die selbst Langschläfer frühzeitig aus dem Bett trieb. „Die Rache des Proletariats“, pflegte Isoldes Mutter in solchen Fällen zu spotten. Ach ja, ihre Mutter: Isolde musste sie unbedingt heute noch zurückrufen, denn sie hatte ihr schon zweimal auf die Mailbox gesprochen. Mit ihr und der Familie lag Isolde im Dauerclinch. Weil sie einen „unstandesgemäßen“ Beruf ausübte und, viel schlimmer noch, mit einem „unpassenden“ Mann liiert war.

Isolde fand ihn jedoch sehr passend, ihren Rudi. Schausteller, immerhin auch schon in dritter Generation, Besitzer einer Geisterbahn.

Isolde blieb stehen. Genüsslich spannte sie ihren Gluteus maximus an, ließ locker und kniff erneut die Pobacken zusammen. Sie streckte sich ausgiebig, Partie für Partie – hinterher musste man die Dehnübungen praktizieren, nicht vor dem Laufen. Die meisten Leute machten das falsch. Während sie sich zum Abschluss mit beiden Armen gegen einen Baum stemmte, studierte sie den Vorgarten des Palazzos schräg gegenüber.

Das Oktoberlicht beleuchtete die Szenerie wie eine Theaterkulisse: Sperrmüll verrottete neben Bauschutt und gebündeltem Altpapier. Schlingpflanzen eroberten ein Fahrrad. Trotzdem hatte alles einen gewissen Charme dank der Eicheln, die wie ein lockerer Teppich das Durcheinander stilistisch verbanden. Dieser Oktober war der mildeste seit Jahrzehnten. Seine üppige Früchteernte jedoch verhieß einen harten Winter.

Neuerdings bereicherte ein gigantischer Schuttcontainer das Arrangement. Da schienen tatsächlich Restaurierungsarbeiten größeren Stils im Gange zu sein. Isolde hoffte, dass sie den Palazzo nicht zu glatt restaurieren würden. Sie klopfte Borkenspuren von ihrem grauen Jogginganzug.

Es ging nur langsam voran dort drüben. Vielleicht haben sie Schwamm entdeckt, dachte Isolde, als sie mit der Fernentriegelung auf ihren dunkelblauen Golf zielte. Die Heckscheibe eines geparkten Porsche Cayenne spiegelte ihr Gesicht. Frischer Teint, ein paar Sommersprossen, hohe Wangenknochen, grünliche Augen, scharfe Nasolabialfalten, lange Nase. Pferdegesicht, dachte sie wie immer, aber mit mehr Zuneigung als früher. Isolde fuhr sich durch die kurzen störrischen Haare. Kastanienbraun dank Tönung. Wenn sie schwitzte, kam die Naturwelle stärker durch.

Sie zielte nochmal mit dem Autoschlüssel auf die Fahrertür. In das Klackgeräusch der Entriegelung kreischte ein Schrei. „Ah! Herr Röper!“ Es kam von gegenüber. Isolde drehte sich um und sah eine beleibte ältere Frau, die gerade rief: „Herr Röper! Wat is mit Sie?“

Die Frau eilte vom Kellerausgang im Souterrain des Palazzo zur improvisierten Holzbrücke auf deren andere Seite, die Isolde nicht einsehen konnte.

Die Stimme der Frau überschlug sich. „Sagen Se doch wat? Herr Röper!? ... Hilfe!“

Isolde sprintete über die Straße. Im Vorgarten lag ein Mann im Anorak halb auf dem Rücken, halb nach rechts gekippt. Um die fünfzig, mittelgroß, leicht dicklich. Ein eher unauffälliger Typ. Auffällig jedoch war die Haltung: Der Kopf nämlich war um weit mehr als neunzig Grad verdreht – eine typische „mit dem Leben nicht vereinbare Verletzung“, wie es im Fachjargon hieß: Er ruhte mit der linken Wange direkt auf dem Untergrund, Steinchen und Eicheln drückten in die Haut.

Isolde fühlte sicherheitshalber den Puls des Mannes, legte einen Finger an die Halsschlagader – nichts. Geübt zog sie seine Lider höher: Die Pupillen reagierten nicht auf das Licht. Sie horchte noch an seinem Herzen, dann drückte sie ihm die Augen zu. „Nichts mehr zu machen“, sagte sie nüchtern. „Er ist tot.“

„Ohgottogott!“ Die Dicke hielt sich eine Hand vor den Mund. Automatisch registrierte Isolde Details für eine Personenbeschreibung. Die Frau war nicht besonders geschmackvoll angezogen, aber gut geschminkt, schon jetzt gegen halb acht Uhr morgens, und sie trug eine sorgfältig frisierte 60er-Jahre-Damen-Frisur: aschblond, halblang, durchgestuft und toupiert. Haarfarbe nicht echt, Haare vielleicht auch nicht.

Die Leiche war noch warm. Wahrscheinlich ein Unfall. Wird gestolpert sein, der Mann, dachte die Kommissarin. Oder ausgerutscht. Dumm gelaufen sozusagen.

„Sie kennen ihn?“, fragte sie die Frau.

„Herr Röper“, stammelte sie. „Herr Röper wohnt hier ... seit seiner Studentenzeit. Als Mieter.“ Geschockt und irgendwie vorwurfsvoll starrte sie auf den Mann, dann auf die hölzerne Übergangskonstruktion. „Ick hab’s ja jesacht: Da passiert noch wat!“

Isolde richtete sich wieder auf. „Ich arbeite bei der Kripo.“

„Oh.“ Die dicke Frau verwischte sich vor Aufregung mit dem Handrücken ihren Lidstrich. „Frau Lehmann, die Hausmeisterin. Das heißt, ick war die Hausmeisterin. Also, eigentlich war mein Mann der Hausmeister. Aber seit seinem Tod ...” Sie fing an zu weinen. Die Tränen hinterließen kleine Schlieren in ihrem Rouge. „Wie schrecklich! Einfach so … Er war doch noch so jung. In dem Alter stirbt man doch nicht!“ Umständlich kramte sie ein verknülltes Papiertaschentuch aus ihrer Jackentasche und schnäuzte sich.

„Hat Herr Röper Familie, eine Frau?“, fragte Isolde. „Können wir jemand benachrichtigen?“

Die Hausmeisterin schüttelte den Kopf. „Der hat immer in ’ner WG jewohnt. Hat keine Freundin, keine Frau. Nicht dass ich wüsste ... Den besucht auch nie einer. Komischer Kerl.“

„Wie, wohnt in einer WG und hat keine Freunde?“

Verlegen blickte die Frau auf den Toten. „Na, ick will det nich beschwören. Aber jedenfalls, wat man so mitkriegt ... Die anderen Bewohner wechseln och dauernd.“

„Und wer ist jetzt da?“

Frau Lehmann zuckte mit den Achseln.

Gemeinsam gingen sie zur Tür. Fünf Namen standen auf dem Klingelschild unter Erwin Röper. Röper an erster Stelle, obwohl nach dem Alphabet andere vor ihm hätten stehen müssen. Isolde klingelte. Nichts passierte. Sie drückte noch einmal auf den Knopf, keine Reaktion, dann presste sie mit der flachen Hand alle Nachbarklingeln gleichzeitig.

Niemand öffnete.

Isolde überlegte. Sie leitete eines von sieben Berliner Ermittlungsteams im LKA 1, und ihr aktuell durch eine erste Grippewelle stark dezimiertes Team hatte ab heute Bereitschaft. Allerdings begann diese erst in ein paar Stunden. Es würde hart werden die nächsten zwei Wochen, Tag- und Nachteinsätze von mehr als 36 Stunden am Stück waren zu erwarten. Fünf ihrer Leute waren krank oder im Urlaub. Sollte sie diesen Fall nun auch noch freiwillig an sich reißen? Auf der anderen Seite steckte sie schon mitten drin.

Sie rief ihren Assistenten Rainer an, Oberkommissar Rainer Römer. Doch bei dem lief nur die Mailbox.

Ihr war bewusst, dass ein Notarzt in diesem Fall ‚Todesursache: unklar‘ angeben würde. Und das bedeutete, dass sich eine Mordkommission einschalten musste. Eigentlich könnte sie den Zwischenschritt mit dem Notarzt auch überspringen und gleich den Gerichtsmediziner herbestellen. Doch sie hatte in letzter Zeit schon genug Ärger mit ihrem Vorgesetzten Staatsanwalt Dr. Hepperle gehabt, weil sie effizient arbeitete – und dabei hin und wieder ein kleines bisschen gegen blödsinnige Dienstvorschriften verstieß. Aber sollte sie deshalb unnötig lange hier herumsitzen?

Isolde entschied sich für eine Doppellösung: Sie rief einen Notarzt, dann informierte sie Dr. Hepperle und zwei Kollegen aus ihrem Team, die dumm genug gewesen waren, ihre Handys jetzt schon einzuschalten.

Bleich und verwirrt kauerte Frau Lehmann auf einer Stufe der Außentreppe.

Isolde setzte sich neben sie und betrachtete den Toten erneut. Sie hatte sein Gesicht schon wieder vergessen gehabt, das passierte ihr sonst nie. Dünne mausbraune Haare mit Lichtungen. Der Musterschüler-Pony sah selbstgeschnitten aus. Gesicht bartlos, ausdruckslos, höchstens eine Spur Verwunderung darin. Ovale Brille mit schwarzem Metallrahmen, verrutscht, hing am rechten Ohr. Reste von Erwachsenenakne. Unscheinbare Kleidung: schwarze Hose, dunkelblauer Anorak mit Reißverschluss, Schnürschuhe. Daneben im Laub: eine braune Aktentasche aus Leder und ein solider schwarzer Regenschirm.

Isolde blickte zum Himmel empor: Der Wind fuhr böig durch die Wipfel, wirbelte Blätter durch die Luft, doch nein, nach Regen sah es nicht aus.

„Hatte er meistens dabei“, bemerkte Frau Lehmann. „Den Schirm. Für alle Fälle.“

 

Etwas später hielten fast gleichzeitig mit dem Notarzt zwei Lieferwagen mit Arbeitern und Handwerkern vorm Haus. Der Parkstreifen war zu einem Käfig für Baumaterial und – maschinen umfunktioniert worden. Ein Arbeiter sprang heraus und öffnete das Gittertor. Die Transporter parkten dort, Zimmerleute und Maurer kletterten heraus. Sie näherten sich, die einen neugierig, die anderen verunsichert. Darunter mehrere Polen. Einer übersetzte, was der aufgeregte Fliesenleger sagte, der inzwischen mit zwei weiteren Handwerkern aus dem Haus gekommen war. Er war schon beim Ausstemmen alter Kacheln gewesen, als Röper vermutlich zu Tode kam und beteuerte, er hätte nichts mitgekriegt. Keiner der Handwerker konnte Angaben zur Person, zum Unfall oder Tathergang machen.

Isolde gestattete ihnen, an ihre Arbeit zu gehen. „Aber nicht weggehen. Meine Kollegen nehmen nachher alles zu Protokoll.”

Der Notarzt bestätigte den Tod und diktierte seiner Begleiterin, einer Studentin, die ein Praktikum machte: „Zentraler Hirntod, wahrscheinlich als Folge einer Fraktur des Dens axis und eines Risses seiner Bänder, wodurch die Medulla oblongata im Rückenmark verletzt wurde.“ Genickbruch, wie Isolde vermutet hatte.

Die Studentin las den entscheidenden Punkt auf dem Totenschein vor: „Todesart: natürlich oder nicht natürlich?“

„Tja“, der Arzt kratzte sich hinter den Ohren. Er zögerte einen Moment. Doch dann sagte er entschieden: „Machen Sie das Kreuz bei ‚ungeklärt‘.“

Isolde seufzte zufrieden. Nun musste wirklich offiziell ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden. Und ihr Timing war perfekt.

Eben trafen die Restbestände ihres Ermittlungsteams ein: Sperber und Paulsen, gefolgt von Fahrzeugen, welche die Erkennungsdienstler und die Polizeifotografin brachten.

Die Männer von der Spurensicherung grüßten, man kannte sich. Sie sperrten den Fundort ab, bauten einen Faltpavillon als Sicht- und Wetterschutz auf und begannen ihren Job eher gelangweilt zu erledigen.

Der Gerichtsmediziner entkleidete den Toten. „Nichts sensationell Verdächtiges”, murmelte er nach einer Weile, „nur ...”

„Was?”, fragte Isolde, die vor dem Zelt stand, während Sperber und Paulsen die Personalien der Handwerker aufnahmen.

„Seltsame blutverkrustete Kratzspuren und Hautveränderungen am Körper, vor allem an Armen und Oberschenkeln.”

„Kratzspuren? Von Tieren, von Dornen oder was?”

„Kann ich so nicht definitiv sagen. Vielleicht eine langjährige Neurodermitis, aber doch seltsam ... Wir müssen das näher untersuchen.”

Ein Erkennungsdienstler machte Isolde auf etwas anderes aufmerksam. „Hier, sehen Sie mal: Vermutlich ist über der Stelle der Holzkonstruktion, wo der Mann ausgerutscht oder gestolpert sein muss, nachträglich gewischt worden.” Der Mann im weißen Schutzanzug wies auf einen Bereich, etwa so groß wie ein Scheibenwischerumkreis: „Wirkt sauberer als der Rest der Bauholzbretter.“ Wenn man genau hinsah, erkannte man, dass dort weniger grauweiße Krümel von Bauschutt und Dreck lagen. „Vielleicht ist der Tote beim Sturz auch selbst mit seiner Kleidung darübergefahren. Wir gleichen das noch ab.“

„Das erklärt aber nicht die Form des Radius“, bemerkte Isolde. „Und Fußabdrücke?“

„Können Sie vergessen! Bei dem Laubteppich und dem Wind ...“

Isolde sah sich nach der Hausmeisterin um: „Frau Lehmann, haben Sie über den Steg gewischt?“

„Nee ... nich mit Absicht, ick kann mich nicht erinnern.“ Die immer noch verwirrte Dicke blickte betroffen auf ihre sauberen Hände und Ärmel.

„Schon in Ordnung, Frau Lehmann. Können wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten?“

„Ja, sicher, in meiner Wohnung. Im Souterrain. Aber mit Gartenanteil. Ick muss jetzt mehr Miete zahlen. Der neue Besitzer wollte keenen Hausmeister mehr. Darum fege und harke ich auch nich mehr. Die wollen allet neu machen und teuer als Eigentumswohnungen verscherbeln ... Na, da wird sich ja einer freuen!“

Isolde sah sie erwartungsvoll an. Frau Lehmann verstummte und watschelte voran.

 

Nach dem Kellereingangsflur, den stinkende Mülleimer säumten, durchwanderten sie ein unterirdisches Labyrinth, in dem man ohne jede Veränderung einen Nachkriegsfilm hätte drehen können. Aus dem Gemäuer waberte kalt und kalkig ein über Jahrzehnte gewachsener Alt-Männer-Mief, gemixt mit sottigem Schornsteingeruch. An einer vor langer Zeit resedagrün gestrichenen Tür mit einfacher schwarzer Klinke stand M. Lehmann, Hauswart.

Die Wohnung empfing sie mit stickiger Gemütlichkeit. Sie gingen gleich in die Küche mit Gartenblick auf Rasen, einige Blumenrabatte und Herbstlaub. Hier roch es nach Kaffee.

„Ick habe noch, möchten Sie? Auf den Schreck in der Morgenstunde.“

Isolde stieß sich den Kopf am silbern gestrichenen Ofenrohr, während sie verblüfft registrierte, dass es so was noch gab, als sie in eine Eckbank rutschte. Auf dem Tisch mit Wachstuchdecke thronte eine Perücke auf einem schwarzsamtenen Kopfmodell – fast identisch mit jener Haarpracht, die Frau Lehmann gerade trug. Daneben ein schwarzer Cellophan-Toupierkamm mit Metallspitze.

Frau Lehmann errötete, nahm wortlos die Perücke und brachte sie in ein anderes Zimmer. Isoldes Handy klingelte: Es war Rainer, ihr Assi. „Ich komme später, ach nein, du brauchst nicht zu kommen. Sperber und Pauli sind da. Wahrscheinlich nur ein Unfall.“ Von den 1600 ‚Todesursache: ungeklärt‘-Fällen, die sie pro Jahr in Berlin hatten, erwies sich nur jeder Zehnte als Mord. „Frühstücke ohne mich.“

Auf der Eckbank-Ablage sah Isolde eine lesefreundlich geknickte BZ vom Wochenende und musste schmunzeln: Es war die Seite mit Kontaktanzeigen, einige davon waren mit Kugelschreiber umkreist.

Als sie endlich beide Kaffee trinkend am Tisch saßen, fragte Isolde: „Wer wird sich freuen?“

„Och, ist mir nur so rausgerutscht.“ Frau Lehmann bockte.

Isolde rührte den Würfelzucker in ihrer Tasse klein. „Wie viele Mietparteien wohnen denn im Haus?“

„Nur noch drei: Röper und die WG, ich und die Erlers mit dem Baby im zweiten Stock rechts. Alle anderen Wohnungen stehen schon leer: Frau Friedwald ist gestorben, der Pole und der Ingenieur haben sich rauskaufen lassen. Die Wohnungen werden jetzt luxussaniert.“ Sie schwieg.

„Wirklich schick, Ihre Frisur. Bewundernswert, wenn man frühmorgens so gepflegt aussieht wie Sie.“

Frau Lehmann wand sich unter dem Kompliment, während ihre Augen vor sensationslüsternem Entsetzen leuchteten. „So jung“, wiederholte sie kopfschüttelnd. „Und so früh am Morgen – einfach tot. Jaja, das Unglück schläft nicht.“

Isolde blieb beharrlich. „Also wer wird sich über den Tod von Erwin Röper freuen? Na, sagen Sie schon.“

„Aber ich will nicht, dass mein Name genannt wird. Nicht dass ich hinterher dumm dastehe und Ärger kriege. Oder meine Wohnung verlier. Ich leb hier doch schon seit dreißig Jahren. Mein Mann war ja noch länger hier, erst mit seiner ersten Frau ...“

„Ganz bestimmt nicht“, warf Isolde ein.

Vertraulich rückte Frau Lehmann näher. „Der neue Eigentümer wird sich freuen! Weil der Röper ihm ja nur Schwierigkeiten machte. Der hatte aber so einen langen Kündigungsschutz. Den konnte er nicht einfach vor die Tür setzen. Hätte er bestimmt am liebsten getan, denn der war gegen alles!“

„Der Röper? Ein Querulant?“

Frau Lehmann nickte eifrig. „Schrieb einen ‚Das-will-ich-aber-nicht‘-Brief nach dem nächsten. Ist sogar extra Monate vor dem Umbau schon in den Mieterverein eingetreten. Darum dauert das auch alles so lange.“ Die ehemalige Hausmeisterin senkte ihre Stimme. „Er wollte zum Beispiel partout keine neuen Iso-Fenster. Und wenn, dann nur mit den alten Holzfensterläden davor. Er wollte seinen Durchlauferhitzer in der Küche behalten. Sacht, er braucht keine Warmwasserleitung im Bad. Mit der Gastherme wär‘s ja auch immer gegangen. Und so lief das die ganze Zeit.“

„Wie heißt der Eigentümer?“

„Sven Baumeister. Dem gehören mehrere Häuser. Der hat ’ne Firma, die ist auf so was spezialisiert.“

„Wie gut kannten Sie ihn denn?“

„Wen?“

„Herrn Röper.“

„Och. Eigentlich gar nicht so. Er hat immer ordentlich gegrüßt. Aber irgendwie ein Sonderling. Herr Röper ist – war – Lehrer am Gymnasium. Ach, muss man da vielleicht Bescheid sagen, dass er nicht kommt?“

„Das überlassen Sie ruhig uns“, erwiderte Isolde, erhob sich und stieß den Kopf wieder gegen das Ofenrohr.

„Entschuldigung“, bedauerte Frau Lehmann. „Das passiert allen.“

Isolde setzte sich wieder und rieb sich schmerzhaft grinsend die Stelle. „Na, das beruhigt ja ungemein.“

Schließlich lüftete Frau Lehmann ihr Geheimnis. „Die Perücken trage ich seit der Geburt meines Sohnes, der ist auch schon erwachsen. Man kann sie abends vorbereiten und sieht immer tipptopp aus. Die nicht so gute nehm ich beim Saubermachen und Kochen, die hab ich jetzt an. Und die andere für die besseren Gelegenheiten.“ Sie lächelte kokett. „Ich geh manchmal zum Tanztee. In der Jägerklause feiern sie jetzt eine Woche lang Oktoberfest.“

„Sie haben sicher gute Chancen bei den Herren“, erwiderte Isolde lächelnd.

„Ooch ja.“ Frau Lehmann wand sich erneut geschmeichelt. „Ick kann‘s nur empfehlen, ick meine die Perücken.“ Mitleidig blickte sie auf die wilden Kurzhaarwellen der Kommissarin. Dann fiel ihr offenbar Erwin Röper wieder ein. „Aber er hat immer ordentlich gegrüßt. Ich meine, über Tote soll man ja nichts Böses sagen. Er war nur irgendwie ... na ja ...“

„Was?“ Anschwellender Baulärm zwang Isolde, immer lauter zu sprechen, beinahe zu schreien. „Wie war er?“ Die Handwerker produzierten eine veritable Kakophonie: Sandstrahler jieperten in höchsten Tönen an der Fassade, rhythmisches Hämmern hallte durch die Wasserleitungen und schweres Bohrgerät setzte aufheulende Kontrapunkte.

„Mein Mann hat schon immer gesagt: ‚Mit dem Röper stimmt was nich, der ist nich echt.‘“

„Wie hat er das gemeint?“

„Weiß ich auch nicht genau. So eben.“

„Und woher wissen Sie, dass Röper keinen Besuch kriegte? In einer Wohngemeinschaft ist doch immer ein Kommen und Gehen.“

„Er ging und kam jedenfalls immer allein. Außerdem passten die Leute nie zu ihm. Ach, was soll ich sagen?“

„Schon gut. Danke für den Kaffee.“ Isolde wollte gehen. Um sich nicht erneut am Ofenrohr zu stoßen, hielt sie vorsichtig eine Hand über dem Kopf, bevor sie aufstand. Sie fragte noch: „Haben Sie eigentlich einen Wohnungsschlüssel?“

„Nein, das wollte Herr Röper nicht. Und die alte Vermieterin auch nicht. Frau Friedwald ist ja über 90 geworden. Sie bewohnte das oberste Stockwerk. Ihre Familie hat sie entmündigen lassen.“

„Ist das Haus deshalb so heruntergekommen?“, fragte Isolde.

„Kann man wohl sagen. Aber auch die Erbengemeinschaft war dann so zerstritten und pleite, dass eben jahrelang nix vernünftig repariert wurde. Das ist hier ‘ne Baustelle, solange ich das Haus kenne. Immer mindestens eine Mischmaschine und ein Kieshaufen im Weg, aber so doll wie dieses Jahr …” Sie stöhnte auf. „Hier zahlt ja auch keiner die volle Miete. Machen alle Mietminderung.“

Der Baulärm ließ das Ofenrohr erzittern. Bohrer stemmten in der Wohnung über ihnen offenbar jede historische Fliese einzeln heraus.

Ein listiger Ausdruck flog über Frau Lehmanns Gesicht: „Der Lieferantenaufgang! Da könnten wir’s versuchen. Ist zwar schon ewig nicht benutzt worden, wa. Musste aber immer als Fluchtweg erhalten bleiben.“

Beherzt ging sie voran. Isolde folgte ihr erneut durch das Kellerlabyrinth. Von dort führte eine enge Stiege ein Stockwerk hinauf. Das Licht funktionierte nicht. Doch Isolde hatte eine Minitaschenlampe an ihrem Schlüsselbund. Der Strahl huschte über eine staubbedeckte Holztreppe mit gedrechseltem dunkelbraunem Geländer. Ab dem Erdgeschoss war der Aufgang geräumiger. Doch Frau Lehmann zögerte. Überall hingen Spinnweben. Einige verfingen sich klebrig an ihrem Ohr und im toupierten Haar. Es müffelte unangenehm. Isolde übernahm die Führung. Sie tastete mit der rechten Hand an der rauen Mauer entlang, denn das Geländer wirkte nicht sehr zuverlässig. Für jedes Stockwerk gab es zwei gegenläufige Treppen, die sich mit einer Plattform auf halber Höhe trafen. Vorsichtig erklommen sie Stufe für Stufe.

Plötzlich spürte Isolde etwas. Sie hielt an. Zuerst sträubten sich die Haare an ihren Unterarmen, dann lief ihr eine Gänsehaut vom Nacken über Rücken, Po, Oberschenkel und Kniekehlen hinunter bis in die Zehenspitzen. Bruchteile von Sekunden nur hielt sie den Atem an. Bis ins Knochenmark empfand sie das schwache Echo eines fernen, doch zutiefst grausigen Schreckens. War da nicht auch ein Luftzug? Unwillkürlich atmete sie scharf aus. Sie kannte diese Reaktion. Isolde von Bärenstein hatte von Kindheit an einen besonderen Sensor, doch sie sprach nur mit ganz wenigen Menschen darüber – über ihr Gespür für Mord.

„Is wat?“, fragte Frau Lehmann ängstlich.

„Nein, nein, alles in Ordnung.“ Isolde rieb sich die Oberarme und ging weiter.

Zwischen erster und zweiter Etage versperrte ein quergestelltes altes Ecksofa auf der Zwischenplattform den Aufgang. Es lag mit der Rückenlehne auf den Boden gekippt. Isolde kletterte elegant darüber hinweg.

Frau Lehmann mühte sich. Übergewicht und Alter machten es ihr schwer, über das Hindernis zu steigen. Aber die Angst, allein an diesem unheimlichen Ort zurückzubleiben, trieb sie weiter. Klackend fiel etwas zu Boden und begann laut zu rattern. Beide Frauen fuhren zusammen. Isoldes kleiner Lichtkegel traf eine puppengroße Batman-Figur, die sich am Sofabein abarbeitete wie eine liebeskranke Fledermaus.

Isolde atmete durch. Frau Lehmann fasste sich ans Herz. „Ohgottogott!“

„Nur Kinderspielzeug“, sagte Isolde. Plötzlich fiel der Lichtkegel auf einen Plastikdino, vermutlich ein Prontosaurus. „Leben Kinder im Haus?“, fragte sie.

„Nein“, versicherte Frau Lehmann. „Außer das Baby von den Erlers. Das ist das erste Kind seit einer Ewigkeit hier im Haus.“

Das Spielzeug war verstaubt und musste schon seit Langem hier liegen. Keine Spur wies darauf hin, dass in letzter Zeit jemand den Lieferantenaufgang benutzt hatte. Sie stiegen weiter bis zum dritten Stockwerk. Das Geländer wackelte.

„Da“, flüsterte Frau Lehmann. „Das ist die Tür zu Röpers Wohnung.“

Isolde drückte die Türklinke runter und zog daran, erst sachte, dann mit voller Kraft. Sie versuchte es in der anderen Richtung, stemmte sich mit der Schulter gegen die Tür. Dann klopfte sie heftig. „Hallo!“

In diesem Augenblick fiel eine Klappe, die Durchreiche für Warenlieferungen. Auf der anderen Seite im Flur der Wohnung stand ein stattlicher Mann mit wirrer grauer Lockenpracht und nacktem Oberkörper. Er war gut gebaut und gebräunt. Perplex starrte er die beiden Besucherinnen an.

2. KAPITEL

„Na, Sie haben mir vielleicht einen Schrecken eingejagt!“ Der Mann erholte sich schnell. Charmant lächelte er Isolde an, bevor er den schweren Querriegel mit einem Quietschen zur Seite schob. Er trug eine hellblaue Pyjamahose.

„Ich habe Geräusche gehört. Hallo, Frau Lehmann! Wieso auf diesem ungewöhnlichen Wege? Kommen Sie doch rein.“

Er ging voran in eine große Küche mit schwarzweißen Bodenfliesen, in der ein überdimensionaler museumsreifer Herd stand. Solche Raritäten aus Gusseisen mit gemalten Landschaften auf der abblätternden Emaillefront kannte Isolde von den Gütern ihrer Cousins aus dem Landadel. Auch das angeschlagene rechteckige Steingutbecken stammte wohl, ebenso wie der Fries aus Jugendstilkacheln mit Seerosenreliefs, noch aus dem Baujahr des Hauses.

„Wir haben doch erst unten geklingelt“, rief Frau Lehmann aufgeregt. „Wieso haben Sie denn nicht aufgemacht, Herr Buss?“

„Hatte gestern Abend ’nen Gig‚ ’nen geilen Auftritt mit Kumpels. Hat länger gedauert.“ Buss wurde sich des nackten Oberkörpers bewusst, was weder ihm noch den Frauen unangenehm schien. Er ging ohne Eile ins Bad, um einen zur Schlafanzughose passenden Morgenmantel überzuziehen.

„Ich weiß auch bloß seinen Namen“, flüsterte Frau Lehmann Isolde zu, „und dass er nett ist.“ Währenddessen redete er lauter weiter „... bei dem Getöse in diesem Haus kann man doch nur die Bettdecke über‘n Kopf ziehen.“

Sie setzten sich um einen Ikea-Tisch auf billige Klappstühle. Buss sah Isoldes bedauernden Blick und meinte mit sanfter Ironie: „Tja, man könnte was draus machen, nicht? Habe ich auch zuerst gedacht. Aber der Hauptmieter möchte ja nicht, dass etwas verändert wird.“

„Herr Röper ist der Hauptmieter?“

„Jupp.“

Isolde stellte sich knapp und dienstlich vor. Sie gab Frau Lehmann zu verstehen, dass sie nun gern unter vier Augen mit dem Mann sprechen wollte.

„Ja, ich bin dann wieder in meiner Wohnung. Wenn noch was is ...“ Die Bohrer dröhnten erneut nervtötend.

„Vielen Dank“, erwiderte Isolde. „Schicken Sie mir bitte die Kollegen hoch. Und sagen Sie den Handwerkern, sie stören die Ermittlungen und sollen gefälligst Pause machen.“

Den Rückzug trat Frau Lehmann auf dem regulären Wege an: durch einen nur schummrig beleuchteten Flur, der in eine Empfangshalle mit hoher Eingangstür mündete.

Der Mann hieß John Buss. Er war 49, Komponist von Jingles für Werbespots und noch nicht lange WG-Mitglied.

„Ist außer Ihnen noch jemand hier?“

Er schüttelte den Kopf. „Aktuell? Nee. Der Hauptmieter ist schon in der Schule.“

„Ich muss Ihnen eine traurige Nachricht überbringen. Erwin Röper ist tot.“

„Was?“ John Buss wirkte echt geschockt. Das Blut wich aus seinem Gesicht, seine Augen blickten entsetzt. „Tot? Ach du Kacke! Wie denn? Dieser Idiot ... hat er sich umgebracht?“

„Wieso sollte er sich umgebracht haben?“, fragte Isolde.

Buss schwitzte. In kurzen Abständen fuhr er sich mit beiden Händen durch die Lockenpracht, offenbar eine typische Geste. Außerdem versuchte er reflexartig, zähen Rotz die Nase hochzuziehen. Entweder hat er was zu verheimlichen, oder er kokst, dachte Isolde.

„Weil er die letzte Zeit so komisch war. Ich meine, der Mann ist krank. Grundsätzlich. Sieht nur Probleme. Überall! Das ganze Leben besteht nur aus Problemen, und alle wollen ihm was ...“ Buss schien es nicht richtig begreifen zu können. „Mein Gott, ich habe ihn doch heute Morgen noch im Badezimmer gehört! Die Gastherme knallt immer, wenn man warmes Wasser aufdreht – tot?“ Seine Augen schimmerten feucht. „Der Geruch hier ...“ Isolde schnupperte und nahm eine Überdosis Billigdeo wahr, angereichert mit Kaffeeduft, Spuren von Altbau-Muff und Mottenpulver. „Jeden Morgen vorm Frühstück wird mir übel von Erwins Deo. Er sprüht immer zu viel.“ Buss‘ Stimme versagte.

„Wie war Röper denn ‚anders‘ in letzter Zeit?“, fragte Isolde.

„Ich glaube, er hat schlecht geschlafen. Saß ewig am Laptop. Und er hat aufgeräumt. Ausgemistet, Sachen weggetragen.“

„Was für Sachen?“

„Weiß ich nicht genau. Bücher vielleicht. Obwohl er ja kaum welche hatte. Erwin guckt immer nur DVDs.“ Buss stützte seine Ellenbogen auf den Tisch. Allmählich kehrte die Farbe zurück in sein Gesicht. Der Morgenmantel klaffte auseinander, und Isolde riskierte einen Blick auf die breite gebräunte Brust. Ein samtigwarmer männlicher Duft stieg ihr in die Nase. Mit orientalischer Note, vielleicht Armani code. Ja doch, unter anderen Umständen ...

Dieser Kerl erinnerte sie an ihre Jugend. Buss sah aus wie einer, mit dem man spontan in einer Kneipe versacken, auf einem Dorf-Schützenfest durchtanzen und viel Spaß haben konnte. Der ideale Kandidat für eine angenehme Liebesnacht ohne Verpflichtungen und Bedauern.

„Guckte“, korrigierte Buss sich. „Er muss ziemlich viel Stress gehabt haben. Aber er hat mich nicht zugequatscht wie sonst.“

„Wie lange ging das schon?“

„So anderthalb bis zwei Wochen. Es fing, glaube ich, kurz vor den Ferien an. Ich dachte noch: Der Mann ist urlaubsreif. Fast jeden Tag stand sein großes Schnapsglas im Geschirrspüler. Er hat sich abends immer was gegönnt, wenn er unter Druck stand. Er konnte auch was ab. Aber vergangene Woche war’s schon reichlich.“

„Aber er sprach nicht über das, was ihn belastete?“, hakte Isolde nach.

„Nein.“ Buss räusperte sich. „Er konnte einem schon manchmal auf die Nerven gehen. Weil er immer das Gleiche bejammerte: die Schule und die Technokraten in der Schulbehörde und den gemeinen Rektor und die frechen Schüler. Er hörte gar nicht wieder auf, wenn man ihn nicht bremste. Deshalb bin ich ihm auch immer öfter aus dem Weg gegangen.“

„Groß genug ist die Wohnung ja“, bemerkte Isolde nebenbei. „Wie groß genau?“

„Knapp 400 Quadratmeter. Letzte Woche habe ich außerdem viel Zeit bei meiner Freundin mit ihren Kindern verbracht. Die Kinder hatten ja Ferien. Wir waren im Zoo und im Kino und solche Sachen.“

Isolde stutzte. „Sie kennen Ihre Freundin noch nicht lange?“

Ein Lächeln huschte über sein herzförmiges Gesicht: „Nee. Woher wissen Sie das?“

Isolde entfuhr ebenfalls ein kurzes Lächeln. „Nur so.“

Buss erzählte ihr, er sei vor gut einem halben Jahr in die WG gezogen, um sich von seiner Frau zu trennen. Er sprach nicht ungern darüber, das merkte Isolde an der Art, wie er seine Schilderung pointiert und wahrscheinlich nicht zum ersten Mal abspulte. „Am 17. Oktober um 22.35 Uhr kam ich nach Hause und sah sie auf dem Sofa liegen. Die ‚Tagesthemen‘ liefen. Sie hatte was getrunken und schnarchte, ich konnte ihre Fahne riechen. Und wie sie da so lag mit offenem Mund vorm Fernseher ... In dieser Minute wurde mir klar, dass ich sie nicht mehr liebe. Von da an wollte ich nur noch raus. Aus der Ehe und aus der Wohnung.“

Isolde äußerte sich nicht dazu. Doch sie fand es interessant, dass jemand präzise auf die Minute das Ende seiner Liebe angeben konnte. „Und es war genau am 12. Dezember um 16.50 Uhr, da habe ich mich neu verliebt. Ich wollte aber auch nicht Hals über Kopf in die nächste Beziehung. Das ist nicht gut, schon gar nicht, wenn Kinder im Spiel sind wie bei meiner Freundin. Dann ergab sich das im Frühjahr mit der WG zufällig, und das ist ‚ne hervorragende Zwischenlösung.“

Isolde nickte. „Darf ich mich mal in der Wohnung umsehen? Können Sie mir sagen, wer wo wohnt? Oder bis vor Kurzem noch gewohnt hat?“

John Buss führte sie durch die Zimmer. Vom Flur gingen diverse Nebengelasse wie Garderobenzimmer, Rumpel-, Schuh- und Vorratskammern ab. Es gab Licht- und Lüftungsschächte mit Klappen, ehemalige Dienstbotenräume, ein Gäste-WC und mehrere Loggien. Gegenwärtig lebten nur zwei Menschen in der WG, das hieß, nun nur noch einer: Buss.

Die drei Zimmer zum Garten hin standen leer. Große hohe Räume mit Stuck, Holzdielen, Holzfenstern – alles schon reichlich abgewohnt, aber die tapetenlosen Wände offensichtlich frisch geweißelt.

„Hier hat zuletzt Louise gewohnt“, erklärte Buss.

„Wieso ist sie ausgezogen?“

„Sie musste. Erwin hat ihr vor ein paar Monaten gekündigt.“

„Weshalb?“

„Persönliche Animositäten. Ich glaube, er hatte ein Problem mit ihrem Freund.“

„Warum sind die Räume denn nicht neu vermietet? Da fehlt doch sicher ein ordentlicher Betrag für die Gesamtmiete, oder?“

Buss wirkte etwas verlegen: „Erwin wollte die Weite und Leere genießen. Sagte er. In Wirklichkeit ist es natürlich momentan mit den Bauarbeiten am und im Haus schwer, die Räume loszuwerden. Und finanzieren konnte er sich den Luxus mit dem Geld, das er wegen der Mietminderung einbehalten hat.“

Sie schritten durch zwei mit Flügeltüren verbundene Wohnräume, die Isolde sofort Buss zuordnete: Ein kreatives Chaos mit E-Gitarre, vielen Büchern, die zum Teil noch in offenen Umzugskartons lagerten. Die von außen mit Planen verhängten Fenster ließen das Tageslicht nur gedämpft und grünlich gefiltert hinein.

Auf einem Eileen Gray-Tischchen war mit liebevoller Hand eine kleine Whiskeybar aufgebaut. Es stand zwischen zwei rotledernen 30er-Jahre-Loungesesseln. An der Wand lehnte ein übermannshohes Ölgemälde: wild, abstrakt mit pastösem Farbauftrag. Man konnte es als Seestück bei Sturm interpretieren, aber auch als Geburt einer neuen Galaxie.

Buss ließ sich in einen der Ledersessel fallen. „Tot!“, sagte er mit schwankender Stimme. „Warum denn gleich tot? Ich kann das nicht glauben.“

Isolde nahm im anderen Sessel Platz. Sie wartete einfach eine Weile. Über allem lag eine feine Staubschicht. Mit dem Ringfinger malte sie eine Spirale auf die Glasplatte.

„Von den Bauarbeiten“, seufzte Buss. Er fuhr mit dem kleinen Finger durch das mehlige Grau. „Dagegen kommt man einfach nicht an. Das Zeug kriecht durch alle Ritzen.“

Die Kommissarin beobachtete ihn sehr genau, als sie fragte: „Haben Sie eine Vermutung, was Erwin Röper in den letzten Tagen so belastete?“

Wieder überkam Buss ein Hitzeflush. Seine Haut färbte sich rötlich, winzige Schweißperlen schossen aus den Poren, glitzerten auf Stirn, Schläfen und Hals. Wie eine Frau in den Wechseljahren, dachte Isolde. Schwitzen war aber auch ein Zeichen für Kokainkonsum. Isolde kam es vor, als wollte Buss etwas sagen, aber er zögerte. Doch dann rotzte er nur cool den Rachen hoch, wobei das erzitternde Zäpfchen Schnarchlaute erzeugte.

„Nee, echt keinen Schimmer. Vielleicht was in der Schule? Oder mit der Renovierung hier? Sonst bleibt ja nix“, meinte er.

„Kann ich jetzt Röpers Bereich sehen?“

Buss erhob sich. Er öffnete eine Doppeltür, die sein Wohnzimmer mit dem ersten von Röpers Räumen verband. „Sein Trakt ist der repräsentativste.“ Isolde warf einen abschätzenden Blick an die Decke.

„Vier Meter zwanzig“, sagte Buss trocken. „Dieses Zimmer hier hat er nur angesehen, von seinem Hauptzimmer aus, gewohnt hat er hier nicht.“ Sie schritten über edles Eichenparkett durch den fast leeren Raum zu einer weiteren Doppeltür. Dahinter öffnete sich Röpers Wohn-Schlafzimmer mit viel Stuck und einem bunt verglasten Wintergarten. Ein Kamin verlieh dem sparsam möblierten Zimmer Noblesse. Ein Schreibtisch, ein Bett, drei unbequeme Stühle – verteilt auf zirka 70 Quadratmeter. Beeindruckend.

Auf den zweiten Blick jedoch verärgerte die Einrichtung den kultivierten Beobachter, wie Isolde fand. Die wenigen Möbel waren platziert, als seien sie edle Einzelteile, Designerstücke oder Antiquitäten. Dabei handelte es sich nur um abgewohnte Massenware aus den 1980er Jahren, und der Kamin wurde offenbar nie befeuert. Über dem Bett lag ordentlich ausgebreitet eine Kunstfelldecke.

Innerlich hörte Isolde die Stimme ihrer Mutter verächtlich „Plebs“ zischen. An den scheckig abblätternden Wänden hingen kaum Bilder, die Patina selbst sollte der Schmuck sein, soviel begriff Isolde. Einzig eine vergilbte Landkarte von Sri Lanka fiel auf, gerahmt und niedrig gehängt.

„Da hat er gerne Urlaub gemacht“, sagte Buss, der Isoldes Interesse bemerkte. Es gab keine gemütliche Sitzecke, in die man Gäste hätte bitten können. Der Fernseher stand so, dass Röper wohl vom Bett aus seine DVDs geguckt hatte. Isolde warf einen Blick auf die Titel der sorgfältig in ein Baumarkt-Regal eingeräumten Kassetten: durchweg Film-Epen aus Hollywood, Movies für die Massen, Block Buster, keine cineastischen Leckerbissen.

Der Schreibtisch stand am Ende des länglichen Zimmers. Mit Blick in den Raum hinein, in weitestmöglicher Entfernung zur Tür gegenüber. Isolde fühlte sich einen Moment lang an die Machtdemonstration von Reichspropagandaminister Goebbels erinnert, der Besucher in seinem Büro schon auf ihrem langen Weg zum Schreibtisch einschüchtern wollte. Die Erweiterung des Egos durch ein Möbelstück – was sagte das über Röper aus?

Die angespitzten Bleistifte auf Röpers Schreibtisch lagen im geraden Winkel zur Kante aufgereiht nebeneinander. „Es ist aber wirklich super aufgeräumt“, sagte Isolde. „Sieht das hier immer so aus?“

Buss nickte nur.

„Wo hat er denn seine Kleidung?“

Buss führte sie in das frühere Mädchenzimmer, das jetzt als begehbarer Kleiderschrank diente. An den Stangen hingen nichtssagende Jacketts, dunkle gedeckte Töne, auch die Hemden waren überwiegend dunkel gemustert. Hier herrschte wieder menschliches Maß. Ein Durcheinander getragener Klamotten türmte sich auf einem Stuhl zu einem Berg. Zettel und ein Stundenplan klebten an der Tür. Erwin Röper hatte offenbar nicht nur das Fach Kunst, sondern auch Mathematik unterrichtet.

„Weshalb stehen eigentlich fünf Namen auf dem Klingelschild?“, wollte Isolde von Buss wissen. Gottlob herrschte im Haus endlich Ruhe. Aber nur für kurze Zeit, denn jetzt röhrte ihr hungriger Magen. Gleich darauf schellte es an der Wohnungstür. Männer von der Spurensicherung und zwei Teamkollegen Isoldes traten ein. Während sie sich an ihre Arbeit machten, klingelte ihr Handy. Es war ihre Mutter. Isolde ging ans andere Flurende.

„Liebchen, du kommst doch zum Hochzeitsempfang deiner Cousine Viktoria in den Yachtclub, nicht wahr?“ Und bevor Isolde überhaupt etwas sagen konnte, fuhr sie schon fort: „Aber bitte bring nicht diesen tätowierten Hau-den-Lukas mit.“

Isolde schnappte empört nach Luft. „Also wirklich!”

„Ach, Kind, sei nicht so empfindlich, aber du weißt doch: Sie werden alle da sein, auch Ernst-Theodor übrigens. Er ist ja wieder zu haben, seine Trauerzeit ist abgelaufen, und ich habe dir damals schon gesagt ...“ Seit Jahrzehnten versuchte ihre Mutter, ihr Ernst-Theodor schmackhaft zu machen. Dem Baron gehörte eine der größten Forstwirtschaften Deutschlands. Aber Isolde konnte weder ihrem eigenartigen Cousin dritten Grades noch dem Leben in den Wäldern etwas abgewinnen.

„Mutter, ich ermittle gerade! Ernst-Theodor kann mich mal.“

„Könntest du dich bitte etwas gewählter ausdrücken, Liebchen!“

„Und wenn ich komme, wenn überhaupt!, dann nur mit Rudi. Jetzt entschuldige bitte, ich muss arbeiten.“ Ärgerlich schnaubend drückte sie die ‚Aus‘-Taste, obwohl ihre Mutter ihr gerade mitteilen wollte, in welchen Geschäften die Hochzeitsgeschenkelisten auslagen. Es waren sowieso immer die üblichen Adressen. Da Isolde selbst nie geheiratet und ihre Mutter um das Erlebnis gebracht hatte, eine große standesgemäße Hochzeit auszurichten, bereitete Isolde dieses Thema so viel Vergnügen wie ein Magen-Darm-Katarrh.

Sie wies Sperber und Paulsen an, die in der Empfangshalle standen und über die kunstvoll gescheckt-schäbigen Wände spotteten, Röpers Laptop mitzunehmen.

“Dafür haben wir aber keinen Wisch von Dr. Hepperle”, wagte Sperber anzumerken.

“Ach egal, ich regele das schon“, erwiderte Isolde unwirsch.

„Erwin fühlte sich dadurch sicherer“, sagte Buss, der ihr gefolgt war, um noch ihre letzte Frage zu beantworten. Die Namen auf dem Klingelschild, fiel es Isolde wieder ein. „Er bildete sich ein, wenn der Vermieter mehrere Mieter in der Wohnung wähnte, würde er nicht so schnell prozessieren. Deshalb die vielen Namen auf dem Schild.“

Irritiert sah Isolde ihn an. „Wie seltsam. Finden Sie das logisch?“

Buss zuckte die Achseln. „Na ja, er hatte viele irrationale Ängste. Erwin glaubte wohl auch, dass dadurch sein Anspruch gesichert bliebe, als Hauptmieter weiter an viele Leute untervermieten zu dürfen. Falls mal schlechte Zeiten kämen, und man wieder jedes Zimmer einzeln vermieten müsste wie früher in der Studentenzeit.“

„Aha.“ Isolde blickte Buss offen an. „Haben Sie ihn gemocht?“

„Gemocht? Er hat vielen Leuten das Leben schwer gemacht. Aber er war nur ’ne Witzfigur. Ich habe ihn ab und zu auf’n Pott gesetzt. Am nächsten Tag verhielt er sich immer unglaublich freundlich und zuvorkommend.“

„Sonst eher nicht?“

Buss grinste schräg. „Er war der Hauptmieter und wollte alles bestimmen. Hatte seine strikten Regeln. Sie haben ja den Putzplan in der Küche gesehen. Ein armes Schwein. Ich habe ihm gesagt: ‚Du bist doch nur eifersüchtig auf Louise. Weil sie einen Freund hat, der sie regelmäßig besucht, weil sie zusammen spazieren gehen, mal aus der Stadt rausfahren, GeVau haben. Sieh dich doch mal mit den Augen eines Außenstehenden an‘, habe ich ihm gesagt. ‚Du liegst immer nur auf deinem Bett und guckst DVDs oder starrst stundenlang die Decke an.‘“ Buss unterbrach sich, führte Isolde in sein Schlafzimmer und stellte sich direkt ans Fenster. Das Haus war so verwinkelt gebaut, dass man von hier aus nach draußen und über Eck wieder nach drinnen direkt in Röpers Zimmer sehen konnte. „‚Nie kriegst du Besuch‘, habe ich ihm gesagt. ‚Lade dir doch mal jemand ein. Geh raus. Verdammt, öffne dich dem Leben! Dann hast du auch weniger Probleme.‘“

„Und das hat er sich einfach so sagen lassen?“

„Ja. Ich hatte das Gefühl, er sehnte sich geradezu danach.“ Dieser Erwin Röper musste ein verdammt einsamer Mensch gewesen sein.

„Hat er Verwandte?“, fragte Isolde.

„Nur ‚ne alte Tante. Heißt auch Röper.“

„Und was ist mit Freunden?“

„Nicht dass ich wüsste. Höchstens Rosita. Aber rein platonisch. Rosita hat vor mir hier gewohnt. In meinen Räumen. Sie war ziemlich lange hier, länger als alle anderen, die in der WG gelebt haben. Warten Sie, ich habe hier irgendwo ihre Visitenkarte.“ Er suchte auf seinem überdimensionierten Schreibtisch, bis er fündig wurde.

„Songtexte und Lebensberatung“, las Isolde laut vor. Originell. „Was können Sie mir über die andere Mieterin, diese Louise, sagen?“

„In meinem Alter, so um die 50, Schauspielerin, geschieden und jetzt neu liiert. Sie stand wohl immer kurz vorm Durchbruch. Hat ‚nen Hauch von Senta Berger in jüngeren Jahren, ist aber typmäßig flexibel, nicht unelegant. Verlor ihr festes Engagement und wollte oder will umsatteln auf Theaterarbeit. Na ja, lief man mau mit Jobs bei ihr – in dem Alter ist das ja nicht leicht für Frauen. Sie hat auch zuletzt irgendwas in der Richtung studiert, so was mit Dramaturgie oder Theaterstückeschreiben.“

„Haben Sie ihre neue Anschrift?“

„Sie hat, soviel ich weiß, ihre alte Telefonnummer mitgenommen. Die kriegen Sie sicher über die Auskunft.“ Es entstand eine kleine Pause.

„Darf ich Sie mal was Persönliches fragen?“ Isolde konnte es sich nicht verkneifen.

„Aber gern.“ Buss grinste wieder. „Das tun Sie doch schon die ganze Zeit.“

Isolde musste auch lächeln, wurde aber gleich wieder ernst. „Konsumieren Sie Kokain?“

Er antwortete nicht sofort, sondern betrachtete sie abschätzend. „Ich arbeite nicht für das Rauschgift-Dezernat“, betonte sie.

John Buss ließ seine schönen weißen Zähne blitzen. Er versuchte, sich mit einer Gegenfrage aus der Affäre zu ziehen: „Und Sie, koksen Sie?“

„Es gibt mir nichts“, meinte Isolde.

„Sehen Sie. Das habe ich auch erkannt. Meine Ex-Frau ist voll auf Nase. Vor zehn Jahren war ich selbst in der Szene. Aber ich stehe da nicht mehr drauf. Das macht dich kaputt. Ich will nicht mehr zu den armen Typen gehören, die Tag und Nacht nur kopfgeil sind und sich ihre kleinen kalten Schwänze mit Shampoo rubbeln, um den Kopf wieder frei zu kriegen.“ Das klang überzeugend und verlieh seinen übrigen Aussagen Glaubwürdigkeit.

 

Zuhause im Küchenschrank fand Isolde nur labberige Weißbrotscheiben. Rudi war noch auf irgendeiner Herbstkirmes. Er kaufte im Gegensatz zu ihr gerne Lebensmittel ein.

Die meiste Zeit hauste er in seinem Wohnmobil: 2,50 breit, 8 Meter lang. Isolde bekam darin klaustrophobische Anwandlungen. Die Spießigkeit in dritter Schausteller-Generation mit Eichen-Schrankwand und lindgrünen Polstermöbeln machte ihr direkt körperlich zu schaffen. Deshalb besuchte sie ihn dort nur ungern. Die Wochenenden von April bis Oktober war er fast immer ausgebucht – Hochsaison für Fahrgeschäfte. Doch wenn es terminlich ging, verbrachte Rudi innerhalb der Woche ein paar Tage und Nächte mit ihr in ihrer Wohnung. Was den Nachteil hatte, dass sich Isolde dann immer im Arbeitsstress befand.

Ihre Wohnung war hundert Quadratmeter groß, modern, schnörkellos, hell. Alt waren nur ein paar abgetretene Orientteppiche aus Familienbesitz – wertvolle Raritäten, deren Anblick bei unkundigen Besuchern allerdings Mitleid auslöste –, und ihr Geschirr: kein Teil hatte das gleiche Muster. Isolde liebte es, auf Trödelmärkten nach unterschiedlichen Tellern, Bechern und Tassen zu suchen, die eingedeckt wundersamerweise ein buntes und harmonisches Ganzes ergaben.

„Du sehnst dich nach einer kunterbunten Patchwork-Großfamilie“, hatte ihre Freundin und Ex-Kollegin DocSatow mal analysiert. DocSatow war damals suspendiert worden, während Isolde mit einer Verwarnung davon gekommen war. Sie hatten sich nie richtig ausgesprochen über diese Geschichte. DocSatow hatte den Polizeidienst quittiert und in Hamburg-Altona eine Privatdetektei aufgemacht. Wie es ihr wohl ging? Isolde vermisste die Freundin. Sie nahm sich vor, wenn mal alles etwas ruhiger lief, den ersten Schritt zu unternehmen und sie anzurufen.

Rudi erwartete sie erst übermorgen zurück. Isolde schnupperte am immer noch duftenden bunt gemischten Rosenstrauß, den er ihr beim letzten Besuch mitgebracht hatte, und empfand ein seltsames Sehnen. Was ist nur heute mit mir los, fragte sie sich, so gefühlig bin ich doch sonst nicht um diese Tageszeit?

Energisch steckte sie die Weißbrotscheiben in den Toaster, bevor sie Rainer anrief: „Kannst du mich in einer Stunde hier abholen? Gibt’s sonst was Dringendes?“

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