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Möglichkeiten

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Möglichkeit #1

Möglichkeit #2

Möglichkeit #3

Möglichkeit #4

Möglichkeit #5

Möglichkeit #6

Nachsatz

Einleitung

Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch in seinem Leben eine Vielzahl an Möglichkeiten hat. Egal, wie vorgegeben die Tagesabläufe zu sein scheinen, denen wir uns immer wieder glauben unterwerfen zu müssen, innerhalb dieser von außen festgelegten Strukturen bleiben uns genügend Wahlmöglichkeiten, um unser Leben selbst zu gestalten. Da wir uns aber immer für eine der Möglichkeiten entscheiden, bleibt uns oft verborgen, wie unser Leben weiterhin verlaufen wäre, wenn wir uns anders entschieden hätten. Es waren Gedanken, wie diese, die mich dazu gebracht haben, einen durchschnittlichen Tag im Leben einer durchschnittlichen Frau in ein paar möglichen Varianten zu beschreiben.

Was dabei herausgekommen ist, lesen Sie unten.

Alle Personen in diesen Geschichten sind frei erfunden. Sollten Ihnen also Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen in den Sinn kommen, so ist das zwar sehr unterhaltsam, war aber nicht von mir beabsichtigt.

Möglichkeit #1

Elisabeth saß in der Küche und blickte auf die Tasse Kaffee, die sie in der Hand hielt. Wie jeden Morgen. Das war heute nicht ihr Tag. Sie hatte es schon beim Aufstehen gespürt. Das heißt gespürt hatte sie zuallererst mal den Krampf in ihrer linken Wade, der sie aus dem Halbschlaf gerissen hatte. Gerade war sie damit beschäftigt gewesen langsam aufzuwachen, als dieser Scheißkrampf sie in Sekundenschnelle aus dem Dösezustand riss und in ein jammerndes, aber hellwaches Bündel verwandelte. Sie hielt sich das Bein, versuchte durch reiben und massieren die Muskelfasern dazu zu bewegen, wieder locker zu lassen, hieb schließlich mit der Faust auf den harten Muskel ein und fluchte laut. Noch immer spürte sie die verkrampfte Stelle, wie wund an der Hinterseite ihrer Wade. Es hatte einige Minuten gedauert, bis der Krampf sich löste, sie erleichtert aufatmete und sich dann ganz vorsichtig, ohne das linke Bein zu sehr zu strecken oder anzuwinkeln, aus dem Bett schälte. Es war noch früh, aber sie hatte keine Lust mehr, liegen zu bleiben und sich im Bett zu räkeln. Zu groß war die Gefahr, dass der Krampf zurückkam und sie weiter quälte. Also zog sie sich im Schneckentempo an, versuchte sich ein Gesicht aufzumalen, mit dem sie durch den Tag kam und setzte sich schließlich auf den einzelnen Hocker, der in der Küche stand, um dort ihren Kaffee zu trinken.

Sie überlegte, was sie heute zu tun hatte. Arbeiten, das nahm ihr schon mal den Großteil des Tages. Sie hatte diesen Job nun schon seit bald zwei Jahren, obwohl sie zu Beginn davon überzeugt gewesen war, nicht länger als sechs Monate dort zu bleiben. Was war passiert? Sie hatte sich an das Geld gewöhnt, an die Regelmäßigkeit. Beides Dinge, von denen sie in den Monaten davor sehr wenig gehabt hatte. Was aber war an Wichtigem zu erledigen? Sie musste unbedingt in ein Geschäft, um sich ein neues Mobiltelefon zu kaufen. Ihr altes funktionierte nur noch gelegentlich, schaltete sich mehrmals am Tag einfach aus und ließ sich manchmal auch nicht mehr einschalten. Obwohl, wenn sie ehrlich war, mochte sie die ganze Telefoniererei sowieso nicht. Gelegentlich war es zwar ganz praktisch, so wie gestern Nachmittag, als sie ihrer Freundin Anita das geplante Treffen absagen musste. Aber die meiste Zeit trug sie das Ding nur mit sich herum, um eine Uhrzeit, einen Wecker und gelegentlich einen Kalender griffbereit zu haben. Alles Dinge, die sie anders auch haben konnte. Aber nicht in einer Plastikhülse in dieser Größe. Nein, ein neues Telefon musste her, davor drückte sie sich ja eh schon so lange. Also musste sie heute nach der Arbeit einkaufen. Diese Aussicht hob ihre Laune auch nicht wirklich. Sie blickte auf die Uhr, seufzte, stand auf, schnappte sich eine Jacke und ihren Rucksack und spazierte los in Richtung Bahnhof.

Diesen Weg war sie in den letzten Wochen und Monaten nur sehr selten gegangen. Erst konnte sie nicht mehr gut zu Fuß gehen, weil die Fersenseuche sie ereilt hatte und fuhr mit dem genau zu diesem Zeitpunkt neu eingeführten Bus, der ganz in der Nähe ihres Hauses stehen blieb. Bis ihr Fuß verheilt war, kam in diesem Jahr früher als sonst der Frühling zurück und sie fuhr wieder mit dem Rad. An diesem Tag allerdings regnete es in Strömen, und so beschloss sie einen Regenspaziergang dem Radfahren vorzuziehen. Elisabeth schloss die Haustüre hinter sich ab und ging durch den prasselnden Regen. Schon nach ein paar Metern spürte sie die erholsame Wirkung des Regens. Sie war schon immer gerne durch den Regen gegangen, gelaufen, geschlendert. Und auch an diesem Tag schaffte es das Nass von oben, ihr ein kleines Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie über die Hauptstraße des Ortes gehen musste. Dort fuhren die von ihr so verhassten Autos beinahe in einer Kolonne vor sich hin, machten Lärm, Gestank und töteten ihre Nerven. Egal, sie blickte kurz mit einem, wie sie hoffte, bösen Blick nach links und betrat die Straße. Als sie gerade mitten auf dem rechten Fahrstreifen war, hörte sie von rechts ein tiefes und lautes Motorengeräusch. Automatisch zog sie zwar den Kopf ein, ging aber stetig weiter, bis sie einen dumpfen Aufprall spürte, durch die Luft geschleudert wurde und mit einem seltsamen Knacken fast zehn Meter weiter auf die Mauer prallte, die der Straße entlang lief. Von dort aus kullerte sie wie eine Puppe, der die Arme und Beine aus den Gelenken gerissen worden waren auf die Straße und blieb dort liegen.

Das Auto, das sie überfahren hatte, konnte mit Müh’ und Not anhalten und hätte sie beinahe noch ein zweites Mal getötet, wenn es dafür nicht schon zu spät gewesen wäre.

Möglichkeit #2

Elisabeth saß in der Küche und blickte auf die Tasse Kaffee, die sie in der Hand hielt. Das war heute nicht ihr Tag. Gerade war sie damit beschäftigt gewesen langsam aufzuwachen, als ein Krampf sie in Sekundenschnelle aus dem Dösezustand riss und in ein jammerndes, aber hellwaches Bündel verwandelte. Sie hielt sich das Bein, versuchte durch reiben und massieren, die Muskelfasern dazu zu bringen, wieder locker zu lassen, hieb schließlich mit der Faust auf den harten Muskel ein und fluchte laut. Noch immer spürte sie die verkrampfte Stelle, wie wund an der Hinterseite ihrer Wade. Es hatte einige Minuten gedauert, bis der Krampf sich löste, sie erleichtert aufatmete und sich dann ganz vorsichtig, ohne das linke Bein zu sehr zu strecken oder anzuwinkeln, aus dem Bett schälte. Es war noch früh, aber sie hatte keine Lust mehr, liegen zu bleiben und sich im Bett zu räkeln. Also zog sie sich im Schneckentempo an, versuchte sich ein Gesicht aufzumalen, mit dem sie durch den Tag kam und setzte sich schließlich auf den einzelnen Hocker, der in der Küche stand, um dort ihren Kaffee zu trinken.

Sie überlegte, was sie heute zu tun hatte. Arbeiten, das nahm ihr schon mal den Großteil des Tages. Was war aber an Wichtigem zu erledigen? Sie musste unbedingt in ein Geschäft, um sich ein neues Mobiltelefon zu kaufen. Ihr altes funktionierte nur noch gelegentlich, schaltete sich mehrmals am Tag einfach aus und ließ sich manchmal auch nicht mehr einschalten. Obwohl, wenn sie ehrlich war, mochte sie die ganze Telefoniererei sowieso nicht. Gelegentlich war es zwar ganz praktisch, aber die meiste Zeit trug sie das Ding nur mit sich herum, um eine Uhrzeit, einen Wecker und gelegentlich einen Kalender griffbereit zu haben. Alles Dinge, die sie anders auch haben konnte. Aber nicht in einer Plastikhülse, in dieser Größe. Nein, ein neues Telefon musste her, da drückte sie sich ja eh schon so lange drum. Also musste sie heute nach der Arbeit einkaufen. Diese Aussicht hob ihre Laune auch nicht wirklich. Sie blickte auf die Uhr, seufzte, stand auf, schnappte sich eine Jacke und ihren Rucksack und spazierte los in Richtung Bahnhof.

Diesen Weg war sie in den letzten Wochen und Monaten nur sehr selten gegangen. An diesem Tag allerdings regnete es in Strömen und so beschloss sie einen Regenspaziergang dem Radfahren vorzuziehen. Sie schloss die Haustüre hinter sich ab und ging durch den prasselnden Regen. Schon nach ein paar Metern spürte sie die erholsame Wirkung des Regens. Elisabeth war schon immer gerne durch den Regen gegangen, gelaufen, geschlendert. Und auch an diesem Tag schaffte es das Nass von oben, ihr ein kleines Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie über die Hauptstraße des Ortes gehen musste. Dort fuhren die von ihr so verhassten Autos mal wieder in viel zu hoher Geschwindigkeit in beide Richtungen. Nicht mehr lange, dachte sie grimmig. Da werde ich doch den ein oder anderen von euch zum Bremsen bringen. Sie holte tief Luft, richtete sich auf und betrat nach nur einem kurzen Blick nach links den Zebrastreifen. Den Blick fest auf das auf sie zufahrende Auto gerichtet, schritt sie langsam und gemütlich über die Straße, wurde noch mal ein kleines bisschen langsamer, als sie die Mittellinie überschritt, wandte ihren Kopf nach rechts und lächelte dort freundlich dem Autofahrer zu, der sie mit finsteren Blicken und – so vermutete sie – Mordgedanken ansah. Ein kleines Hüpferchen am Ende der Straße konnte sie sich nicht verkneifen, dann war sie wieder auf einem Gehweg, der die Autos von ihr abhielt. Aber sie hatte ja auch noch eine zweite Straßenüberquerung auf ihrem Weg zum Bahnhof. Die verlief ganz ähnlich wie die erste, allein die Blicke waren dieses Mal von beiden Seiten mehr als finster. Die Tatsache Autofahrer zum Abbremsen gebracht und damit geärgert zu haben, versüßte ihr den sonst eher tristen Morgen. Die letzten paar Meter zum Bahnhof spazierte sie nun viel lockerer und leichter.

So schlimm würde der Tag ja doch nicht werden. Sie atmete erleichtert auf. In den letzten Tagen hatte sie immer öfter bemerkt, wie leicht sie sich ärgerte, bis hin zum Explodieren. Die immer angespannte Situation in der Arbeit, das Gefühl im Moment privat einfach nichts auf die Reihe zu bringen und ihre Unschlüssigkeit, ob sie noch einmal einen Anlauf in Richtung Selbständigkeit unternehmen sollte, machten sie dünnhäutig und unrund. Sie bräuchte dringend eine Auszeit von sich selbst. Denn sie selbst war es, die sich so zusetzte. Das wusste sie und konnte es trotzdem gerade nicht ändern. Ganz im Gegenteil. Sie hatte das Gefühl, dass sich mit jedem Tag eine Lösung oder eine Auflösung näherte. Als ob alles sich zuspitzen müsste, bis dann schließlich auf einmal – mit einem lauten Tusch – die Lösung einer Explosion gleich dastehen würde. Oder war das mal wieder ihr Wunschdenken? Wahrscheinlich. Bis jetzt hatte sie in ihrem 45jährigen Leben noch nie eine Lösung ihrer Probleme „von außen“ erhalten. Ohne ihr aktives Zutun hatte sich noch nie etwas gelöst. Zumindest konnte sie sich an keine Situation erinnern. Nein, sie ahnte es schon – die Arbeit würde eindeutig an ihr hängen bleiben!

Aber gut. Sie hatte ja schon einen groben Plan. Erst mal musste sie allerdings noch diesen Arbeitstag über die Bühne bringen. Mit diesem Gedanken betrat sie den Bahnsteig und stellte sich an ihre übliche Position. In etwa auf dieser Höhe würde der letzte oder vorletzte Waggon der S-Bahn stehenbleiben, die sie in die Arbeit brachte. Sie blickte missmutig auf eine junge Frau neben sich. Dass die aber auch immer so stinken musste! Der Geruch, der von ihr ausging passte zwar wunderbar zu ihrem Äußeren, aber so überhaupt nicht in Elisabeths Vorstellung eines ruhigen Morgens. An den meisten Tagen ging sie einfach nur ein paar Schritte demonstrativ zur Seite, wenn sie erschien, aber heute war sie wohl auf Konfrontation gepolt. Sie trat auf die Frau zu und sagte zu ihr:

„Entschuldigen Sie, wenn ich sie so einfach anspreche, aber ich stehe hier einige Male pro Woche und muss immer wieder aus Neue den Gestank ertragen, den sie verbreiten. Haben sie schon einmal an die Möglichkeit gedacht, sich zu waschen oder die Zähne zu putzen? Das wäre doch auch für sie sicher angenehmer, als als wandelnder Aschenbecher durch die Gegend zu stolpern.“

Es kam keine Antwort, nur ein langer völlig verständnisloser Blick. Oje, dachte sie bei sich, da hat das Nervengift wohl auch schon zugeschlagen. Entweder konnte die Frau ihre Gesichtszüge einfach nicht mehr bewegen, weil sie eine Überdosis Botox intus hatte, oder sie war noch immer mit der Verarbeitung der Aussage beschäftigt. Oder aber sie hatte ihr Smartphone noch nicht angedockt und konnte einfach nicht mehr selbständig denken, weil sie diese doch recht anstrengende Aufgabe längst ihrem Mobiltelefon übertragen hatte. Daher beschloss sie, keine weiteren Versuche zu unternehmen, sie auf verbalem Wege zu erreichen, sondern griff einfach nur in die Tasche ihres Rucksacks, zog eine kleine Schachtel mit Pfefferminzpastillen heraus, öffnete sie und hielt sie ihr mit den Worten:

„Versuchen sie es doch einfach mal damit. Beseitigt zwar nicht die Ursache, aber kann ein klein wenig vertuschen“ hin. Von der jungen Frau kam nun ein zweiter verständnisloser Blick, aber kein Körperteil regte sich, so dass sie die Hand mit der Pfefferminzschachtel wieder sinken ließ, die Schachtel wieder schloss und in den Rucksack steckte. Naja, es war zumindest ein Versuch gewesen, die Welt in der sie lebte ein klein wenig mehr nach ihrem Geschmack zu gestalten. Kurz darauf kam ihr Zug und die Fahrt zur Arbeit, wie auch der restliche Tag verliefen ereignislos.

Am Abend saß sie mit einem Buch in der Hand, wie so oft auf ihrem Sofa im Wohnzimmer und las. Allerdings bemerkte sie, dass sie Mühe hatte, sich auf den Inhalt zu konzentrieren. Sie fühlte sich so müde und abgeschlagen, als hätte sie seit Tagen nicht mehr ausreichend geschlafen. Sie kannte diese Müdigkeitsattacken. Sie kamen oft zur gleichen Zeit, aber sie wusste nicht, was sie auslöste. Oft wurde ihr regelrecht schlecht, vor lauter Anstrengung trotzdem wach zu bleiben, oder ihr wurde schwindlig beim Versuch die Augen mit Gewalt geöffnet zu lassen. Das Einzige, was in diesem Moment „half“, war sich hinzulegen, die Augen zu schließen und das kurze wegdämmern, das beinahe mit sofortiger Wirkung eintrat, zuzulassen. Es dauerte oft wirklich nur ein paar Minuten und dann war dieser „Anfall“ wieder vorbei. Wenn sie aber jetzt so eine kurze Ruhephase einlegen würde, wäre sie wieder bis mindestens 1 oder halb zwei Uhr Nachts hellwach. Also schloss sie schweren Herzens das Buch, trank noch ein paar Schluck Wasser, stellte das leere Glas in die Küche und ging ins Badezimmer, um sich bettfertig zu machen. Sie schminkte sich ab, wusch sich das Gesicht, putzte die Zähne und cremte sich sorgfältig ein. Dann zog sie ein altes, viel zu großes T-Shirt an, das ihr schon seit Jahren als Nachthemd diente, löschte das Licht und ging ins Schlafzimmer. Das Hinlegen tat so gut! Sie zog die Bettdecke über sich und genoss einfach nur das Gefühl in der waagrechten liegen zu können. Kurz durchzuckte ein brennender Schmerz ihre rechte Gesichtshälfte. Sie hatte das Gefühl, als würde der Schmerz von oben nach unten, hinter ihrem Auge in Richtung Hals und Ohr wandern. Aber noch bevor sie ihn eindeutig lokalisieren konnte, war er auch schon wieder verschwunden. Elisabeth atmete auf und dann einige Male tief ein und aus und war innerhalb der nächsten Minute auch schon eingeschlafen.

Die Träume, die in dieser Nacht zu ihr kamen, waren ganz anders, als die, die sie sonst hatte. Sie waren so real, so warm, so gut zu spüren. Sie war inmitten einer Ansammlung von roten und braunen Tentakeln, die sie festhielten, umklammerten und in einer sehr beruhigenden Art und Weise hin und her wiegten. Dazu hörte sie Musik, die sie an sphärische Klänge erinnerte. Sie bewegte den Kopf, um zu sehen, woher sie stammte, konnte aber nicht weiter als bis zum nächsten Tentakelarm sehen. Über ihr strahlte ein Sternenhimmel mattes, aber helles Licht aus und an den wenigen Körperstellen, die nicht zugedeckt und eingerollt waren, spürte sie einen fast schon unangenehm kühlen und feuchten Wind. Sie wollte zwar gerne wieder auf eigenen Füßen stehen, aber die Umschlingung brachte ihr ein Gefühl der Sicherheit, wie sie es noch nie erlebt hatte. Plötzlich kam ihr der Gedanke, dass sie dieses Gefühl wieder aufgeben müsste, wenn sie aus diesem Traum erwachen und in die Alltagsrealität zurückkehren würde. Sie spürte, wie sie panisch wurde. Sie blickte um sich, ob sie irgendjemanden fand, dem sie klarmachen konnte, dass genau DAS nicht passieren durfte! Was sie zuerst noch als beruhigend empfunden hatte, löste nun in ihr ein Gefühl der Hilflosigkeit und Begrenztheit aus. Sie wollte sich doch nur kurz aufsetzen, um jemanden um Hilfe zu bitten. Das klappte aber nicht – allerdings fühlte es sich für sie nicht an, als würde sie gegen einen stärkeren Gegner kämpfen, sondern mehr, als wäre zwar der Gedanke sich aufzusetzen in ihrem Gehirn, aber ihr Körper, ihre Muskeln und Bänder, Sehnen und Gelenke reagierten in keinster Art und Weise auf ihren Wunsch. So, als wäre sie gelähmt! Aber dann würde sie doch auch nicht den Kontakt zu den Tentakeln fühlen können oder dazwischen die kühle Luft auf ihrer Haut. Sie überlegte, wie sie aus dieser Lage wieder entkommen konnte. Ob sie das wirklich wollte oder ob sie die kurzen klaustrophobischen Gedanken in Kauf nehmen sollte. Immer größer wurde ihr Unwille über ihre Hilflosigkeit. Sie wand sich, um den Druck auf ihren Körper zu verringern, kam aber kaum ein paar Zentimeter weit. Enttäuscht und erschöpft hielt sie inne. Da bemerkte sie, dass ihre Lage im Raum, soweit sie sehen konnte verändert wurde. Ganz langsam, schien sie seitlich gedreht worden zu sein, jedenfalls hatte sie das Gefühl, dass nun ihre rechte Körperseite nach unten deutete. Sie konnte auch keine Sterne mehr ausmachen. Dann war wieder alles ganz still. Als nächstes fühlte sie, einen Stoff zwischen den Fingern ihrer linken Hand. Sie konzentrierte sich. Das war etwas anderes, als das, was sie da gerade eben noch umschlungen hatte, da war sie sich sicher. In einer immensen Kraftanstrengung versuchte sie noch einmal den Kopf zu heben und die Augen soweit zu öffnen, um erkennen zu können, was sie da umgab. Sie seufzte laut, atmete tief und sah, dass sie wie eingedreht in ihre Bettdecke gewickelt in ihrem Schlafzimmer lag. Schade. Das war wohl das Ende des Traums, der Nacht und ihrer Ruhe. Frustriert schloss sie noch einmal ihre Augen, aber die Gefühle, die sie gerade eben noch so intensiv gespürt hatte, kehrten nicht zurück. Sie lag auf ihrer rechten Seite und konnte so zu dem Fenster, das sich an der Ostseite des Hauses befand hinaus blicken. Es war ein grauer Morgen, sie sah zwar keine Wolken, aber alles wirkte so nach Einheitssuppe. Sie strampelte ihre Füße frei. Wie hatte sie sich denn nur so einwickeln können? Sie musste sich mindestens fünf Mal um sich selbst gedreht haben, während sie schlief. Die Luft im Schlafzimmer war frisch und kühl. Sie robbte ein wenig an den Bettrand heran, hob dann das linke Bein und stieß damit das Fenster zu. Sie wollte einfach noch nicht auf. Ein Blick auf ihren Wecker zeigte ihr zwar an, dass er in weniger, als einer Minute läuten würde, aber dem kam sie zuvor und stellte ihn ab.

Da lag sie nun. Nichts und niemand hielt sie fest, sie könnte aufstehen und den Tag beginnen. Wenn sie wollte. Tat sie aber nicht. Außerdem – wieso begann der Tag erst, wenn sie aufstand? Der war doch schon sei fünf Stunden und vierunddreißig Minuten am laufen. Egal, ob sie lag, saß, stand oder lief! Irgendwie beruhigte sie dieser Gedanke. Sie konnte also genauso gut liegen bleiben und der Lauf der Welt würde sich überhaupt nicht verändern. Zumindest nicht gravierend. Wie klein der Anteil war, den sie am Weltgeschehen hatte, wollte sie sich wiederum nicht so genau vorstellen. Das wäre dann doch zu frustrierend wenig. Aber auch in ihrem kleinen Wirkungskreis. Was würde schon passieren? Ihre Arbeit würde jemand anderer übernehmen, die Post würde vielleicht am Boden landen, wenn der Briefkasten dann mal übervoll sein würde. Aber sonst? Und andersrum. Würde sie ihr fehlen: die Welt? Das war ganz leicht herauszufinden. Sie blieb einfach liegen. Hier war es ruhig, sie würde nicht gestört werden. Ihr Telefon lag im Erdgeschoss, das konnte sie kaum hören. Vielleicht hatte es sich auch wieder selbst ausgeschaltet. Sie hatte völlig vergessen, am Vortag ein Neues zu kaufen. Der Schlüssel steckte, so dass sie keine unerwarteten Besucher überraschen konnten. Ahhhhh, dieser Gedanke tat gut. Sie drehte sich auf den Rücken, streckte Arme und Beine so von sich, dass sie wie ein X da lag und schloss wieder die Augen. So konnte sie es aushalten. Von Zeit zu Zeit rollte sie sich von einer Seite auf die andere, döste ein, wachte wieder auf, sah zum Fenster und zum Wecker. Aber die Veränderungen außerhalb dieses Zimmers sagten ihr immer weniger. Auch die digitale Ziffernanzeige des Weckers kam ihr völlig bedeutungslos vor. Irgendwann richtete sie sich auf, zog den Stecker aus der Steckdose und ließ ihn somit verblassen. Wenn sie das Gefühl hatte, nicht mehr liegen zu können, kniete sie sich hin und rollte ihren ganzen Körper zu einer Kugel ein. Sie umschlang ihre Knie mit beiden Armen und machte sich so klein wie möglich. Diese Übung fiel ihr von Mal zu Mal leichter. Auf diese Art konnte sie auch durch das Bett rollen. War es ihr an einer Stelle unangenehm, weil sie zu lange dort gelegen hatte, kugelte sie einfach zu einer anderen. Manchmal lag sie aber auf wieder ganz ruhig da, lauschte auf die Geräusche, von denen sie nicht sicher war, ob sie real existierten oder ob sie sich nur in ihrem Kopf ...

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