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Inhalt

Dank

1Vorwort und Einleitung

2Das Konzept der „Moderierten Runden Tische“ (MoRTi)

2.1Entwicklung des MoRTi-Konzeptes

2.2Evidenz: MoRTi wirken

2.3Haltung zeigen

2.4Die Fokusperson: selbstbestimmte Mitbeteiligung als hohes Ziel

2.5Die Rolle der Moderatorin/des Moderators

3Themen und Anlässe für MoRTi

3.1Entwicklungsgespräche in Frühförderung und Kita

3.2Individuelle Förderplanung im Kontext von Schule

3.3Rehabilitationsziele planen

3.4Personenzentrierte Teilhabeplanung

3.5Übergänge/Transition mitgestalten

3.6Krisen- und Konfliktgespräche

3.7Interdisziplinäre Gespräche im Kontext von Beratungsstellen

4Moderationszyklus und Methodenkoffer MoRTi

4.1Einladung und Vorbereitung

4.1.1Einladung zum MoRTi

4.1.2Vorbereitung: Umgebung und Raum

4.1.3Vorbereitung: Sprache und Kommunikation

4.2Einstiegsphase

4.2.1Begrüßung

4.2.2Zeit und ZeitwächterIn

4.3Anlass benennen, Themen klären, priorisieren

4.4Lösungsorientierte Themenbearbeitung: Sichtweisen, Lösungen, Ressourcen

4.4.1Sichtweisen und Perspektiven sammeln

4.4.2Lösungsideen entwickeln– Wahlfreiheit schaffen

4.4.3Ressourcen im MoRTi-Konzept: wahrnehmen, sichtbar machen, aktivieren

4.5Ziele formulieren, Maßnahmen planen

4.5.1ICF-orientierte Ziele

4.5.2SMARTe Ziele

4.6Abschlussphase

4.6.1Dokumentation und Protokoll für alle

4.6.2Abschluss und Verabschiedung

5MoRTi: Beispiele aus der Praxis

5.1Kommunikation unter erschwerten Bedingungen: MoRTi in einer inklusiven Kita (Uta Hellrung)

5.2Unterm Tisch: wiederkehrend störendes Verhalten während des Unterrichts

5.3Übergänge gestalten: auf dem Weg in die Grundschule

5.4MoRTi im Kontext einer Senioreneinrichtung zur Erweiterung der kommunikativen Teilhabe (Andrea Liehs)

5.5MoRTi als Baustein der personenzentrierten Teilhabeplanung (Barbara Telgen)

6Mögliche Stolpersteine bei MoRTi

6.1Haltung bewahren

6.2Stolpersteine beim MoRTi und kreative Lösungsideen

7Glossar und Sachwortverzeichnis

Literatur

Zur Veranschaulichung wurden folgende Symbole verwendet:

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Checkliste: image
Tipp: image
Online Material: image
Literaturtipp: image
Digitale Formate: image
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Dank

Danke an alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, mit denen ich zusammenarbeite und arbeiten durfte, sie zeigen mir immer wieder, wie bunt diese Welt ist.

Danke an alle Eltern und Angehörigen, die mit mir ihre Sorgen, Wünsche, Gedanken und Visionen teilen und geteilt haben.

Danke an meine KollegInnen im Zentrum für Unterstützte Kommunikation (ZUK Moers), im Zentrum für Sprachtherapie Moers (ZfS) sowie im Beratungsnetzwerk soulutions. Der konstruktive Austausch, die Perspektivenvielfalt und das gemeinsame Ausprobieren neuer Wege haben das MoRTi-Konzept inspiriert und bereichert.

Danke an alle, die an diesem Buch direkt oder indirekt mitgewirkt haben.

Danke an meine Familie.

1Vorwort und Einleitung

Wie kann es normal werden, unterschiedlich zu sein?

Wie können die zur Verfügung stehenden Ressourcen im Kontext von Pädagogik, Bildung, Gesundheit, Sozialem so genutzt werden, dass jeder Mensch mit einer maximalen Teilhabe in unserer Gesellschaft leben kann?

Wie kann ein Denken und Handeln entstehen, dass aus der Perspektive der Menschen mit sogenanntem Unterstützungsbedarf gedacht wird und nicht vor allem aus der Perspektive der Fachpersonen initiiert wird?

Wie können wir uns alle gemeinsam jeden Tag aufs Neue auf den Weg begeben, um barrierefreie Strukturen zu schaffen – auch da wo sie auf den ersten Blick unmöglich erscheinen?

Das vorliegende Praxisbuch wurde aus der Praxis für die Praxis verfasst. In unserem Zentrum für Unterstützte Kommunikation (ZUK Moers gGmbH) arbeiten wir als firmenunabhängige Beratungsstelle für Unterstützte Kommunikation systemisch. Das heißt, wir erheben Anamnesen, diagnostizieren Sprach- und Kommunikationsstörungen und erproben alternative Kommunikationsformen mit der Person ohne ausreichende Lautsprache und erfragen, was genau unsere Beratungsaufträge sein sollen. In einem zweiten Schritt erfolgt obligatorisch ein Moderierter Runder Tisch „MoRTi“. Der MoRTi findet in der Regel in der Institution statt, in der die Person, die im Fokus der Diagnostik und Beratung steht, gesellschaftlich primär verankert ist (Kita, Schule, Wohngruppe etc.), um gemeinsam zu erarbeiten, was von den möglichen alternativen Kommunikationsformen im Alltag realistisch umzusetzen ist. An diesen MoRTi wird dann – transdisziplinär – erarbeitet, wie Bedingungen geschaffen werden können, damit die in ihrer Kommunikation beeinträchtige Person möglichst barrierearm in Kommunikation treten kann. In der Unterstützten Kommunikation ist dies ein Paradigmenwechsel, weg von dem Fokus auf die Einzelperson und die beste alternative Kommunikationsform, hin zu einer Fokussierung auf die KommunikationspartnerInnen im Alltag, die die Bedingungen für gelingende Kommunikation gemeinsam mit der Fokusperson schaffen müssen.

Nicht durch uns als (UK-)Fachkräfte, sondern nur im gemeinsamen strukturierten Austausch und Dialog können die Kontextbedingungen erfasst werden und Sichtweisen ausgetauscht werden, die die Basis für Alltagslösungen und Teilhabe darstellen, die von möglichst vielen angewendet und mitgetragen werden. In diesem systemisch-lösungsorientierten Arbeiten lenken wir den Fokus in einem ersten Schritt auf die Person mit Einschränkung/Behinderung und in einem zweiten Schritt auf das System oder die Systeme, in der die Person gesellschaftlich verankert ist. Die systemische Arbeit sieht vor, das sogenannte relevante Bezugssystem des Klienten in Veränderungsprozesse miteinzubeziehen. Zu den Moderierten Runden Tischen werden deshalb VertreterInnen des relevanten Bezugssystems eingeladen, damit die verschiedenen Lebenswirklichkeiten mit in Zielplanungsprozesse einbezogen werden.

Angeregt durch das Konzept der Schulischen Standortgespräche (SSG) des Kanton Zürich, bei dem alle relevanten UnterstützerInnen und die Eltern und bestenfalls auch das Kind oder der/die Jugendliche die Förderziele für das nächste halbe Jahr besprechen, wollten wir ein auf unsere Bedingungen abgestimmtes Runde-Tische-Konzept mit systemisch-lösungsorientierter Ausrichtung entwickeln und etablieren. Im Sinne einer transdisziplinären Sichtweise, sollte es hier auch selbstverständlich sein, dass die Eltern und/oder die Fokusperson aktiv mitplanen und mitgestalten.

Von meinen ersten Berufsjahren als Sprachheilpädagogin an war ich davon fasziniert und anfangs auch verunsichert, dass Fachpersonen und Betroffene zu unterschiedlichen Sichtweisen, Bewertungen und Bedeutungen zu ein und derselben – aus meiner damaligen Sicht – objektiv beschreibbaren und medizinisch-logopädisch diagnostizierbaren „Tatsache“, wie beispielsweise Sprach-, Sprech- oder Schluckstörung nach Schlaganfall, kamen. Insbesondere die Beobachtung, dass PatientInnen nicht das taten, was ich als Fachfrau, andere TherapeutInnen oder Ärzte/Ärztinnen für richtig hielten, hat mich nachhaltig beeindruckt. Es waren eben meine Therapieziele und nicht die Ziele der Klienten, die dazu führten, dass Therapiemaßnahmen nicht angenommen wurden. In der Auseinandersetzung mit Theorien zur Bewältigung und Verarbeitung von kritischen Lebensereignissen und in den verschiedensten Ansätzen der systemischen Therapie, Beratung und Supervision fand ich Erklärungen für meine Beobachtungen und Antworten auf viele meiner Fragen (Giel 2000).

systemisch-lösungsorientierte Beratung

Die Auseinandersetzung mit konstruktivistischen Erkenntnistheorien und verschiedenen systemischen Theorien und Ansätzen begleitet mein Tun bis heute. Vor vielen Jahren bin ich im Rahmen meiner Familientherapeutischen Ausbildung mit den Konzepten der systemisch-lösungsorientierten Beratung und Kurzzeittherapie und deren BegründerInnen Steve de Shazer, Insoo Kim Berg und Yvonne Dolan in Berührung gekommen. Die Macht der Sprache, das Infragestellen von objektiven Wahrnehmungen und Wahrheiten, die Aktivierung des Klienten/der Klientin und/oder seines/ihres relevanten Bezugssystems und der Glaube, Veränderung initiieren zu können, war damals und ist bis heute für mich beeindruckend.

In darauffolgenden Weiterbildungen zur systemischen Supervisorin und Organisationsberaterin wurde deutlich, dass bestimmte Veränderungen nur möglich sein werden, wenn Institutionen und Organisationen sich auf den Weg machen und sogenannte Changeprozesse einläuten, um gemeinsam Bedingungen für Barrierefreiheit – auch in den Köpfen – zu schaffen. Leider nützt es wenig, wenn eine Person oder ein paar Personen in einem System von etwas überzeugt sind, aber keine Unterstützung von Leitungs- und Führungsebene erfahren. Dies führt nicht selten dazu, dass diese Personen ausbrennen. Nachhaltige Veränderungen von Haltungen, das Bereitstellen von Ressourcen, die Umstrukturierung von Abläufen, das Unterbrechen von Routinen und Mustern und damit auch die Veränderung von Kommunikations- und Unternehmenskultur ist nur möglich, wenn dies über alle Hierarchieebenen einer Institution hinweg entwickelt und gelebt wird. Bestenfalls finden diese Veränderungen den Einzug ins Qualitätsmanagement-System oder in entsprechende Regularien der Institutionen. Verschiedene Veränderungsprozesse auf institutioneller Ebene zur Implementierung von barrierefreier Kommunikation haben wir im Rahmen der ZUK gGmbH in der Vergangenheit mehrfach begleitet (Giel/Liehs 2015, 2016; Hellrung 2017; Liehs et al. 2019; Telgen et al. 2019) und haben dort insbesondere mit dem Modell der logischen Ebenen (Dilts et al. 2013) aus dem Neurolinguistischen Programmieren (NLP) gearbeitet. Das Neurolinguistische Programmieren, welches ich bei Richard Bandler, Robert Dilts und Steven Gilligan erlernen durfte, beinhaltet Modelle und Methoden, die zur Initiierung von Veränderung und zur Generierung von Lösungen und Ressourcen hochwirksam sind, und einige davon finden auch im MoRTi-Konzept Anwendung.

Organisationsentwicklung

Selbstverständlich ist das MoRTi-Konzept eingebettet in die Struktur der ICF und ICF-CY der Weltgesundheitsorganisation (WHO), deren Vorläufer-Version (ICIDH) mich schon als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität zu Köln in der Ausbildung von SonderschullehrerInnen und DiplomandInnen im Verständnis von komplexen Zusammenhängen von Gesundheit, Krankheit und Behinderung begleitet hat. Heute ist die ICF in verschiedenen Gesetzgebungen in Deutschland verankert und stellt damit eine systemische und multifaktorielle Betrachtung von Gesundheit, Krankheit und Behinderung dar, an die auch die Leistungsplanung gebunden ist.

ICF und ICF-CY

So wurde im Verlauf der letzten fünfzehn Jahre das Konzept der Moderierten Runden Tische zur strukturierten Vorbereitung und Moderation von transdisziplinären Zusammenkünften entwickelt.

Sicherlich sind vielerorts interdisziplinäre Zusammenkünfte in transdisziplinären Settings bereits fest in der Struktur der Institution verankert und obligatorisch. Ich bin zuversichtlich, dass auch die LeserInnen, die in diesen Institutionen arbeiten, dennoch ergänzende Anregungen zur abwechslungsreichen Gestaltung dieser Treffen finden werden.

Für alle diejenigen, die sich eher in interdisziplinären Zusammenkünften ohne die Bezugspersonen oder die Fokusperson selbst austauschen oder dort tätig sind, wo zahlreiche Fachkräfte nebeneinander statt vernetzt miteinander arbeiten, soll das Buch als Inspiration und Anregung dienen.

Das vorliegende Buch versteht sich als Praxishandbuch, in dem einerseits der Aufbau und die Durchführung von Moderierten Runden Tischen ausführlich erklärt wird. Andererseits soll es aber auch zum Stöbern einladen, um Anregungen für die Vorbereitung eines Runden Tisches zu bekommen.

Aufbau des Buches

Die Entwicklung des MoRTi-Konzeptes mit seinen Wirkfaktoren wird in Kapitel 2 aufgezeigt. Auszüge aus verschiedenen Evidenzstudien werden vorgestellt und insbesondere die Haltung aller Beteiligten als Ausdruck des dahinterliegenden Wertesystems wird als grundlegender Erfolgsfaktor dargestellt. Auch die Rolle der Moderierenden der Runden Tische wird als Gelingensfaktor vorgestellt. Die Beteiligung von Menschen mit Behinderung wird als noch zu lösende Herausforderung thematisiert und erste Ansätze, wie die Fokusperson in Zukunft aktiver beteiligt werden kann, werden aufgezeigt.

Kapitel 3 widmet sich den unterschiedlichen Anlässen für Moderierte Runde Tische. Prinzipiell können MoRTi überall da Anwendung finden, wo verschiedene Fachpersonen unter Beteiligung der Betroffenen und/oder deren Angehörigen gemeinsam und demokratisch planen und handeln. Dies können beispielsweise Runde Tische im Rahmen von Förderplanungen, von personenzentrierter Teilhabeplanung, von Übergangsgestaltungen, von Kritikgesprächen oder transdisziplinäre Gespräche von Beratungsstellen sein.

Der MoRTi-Moderationszyklus und die dort angewandten systemisch-lösungsorientierten Moderations- und Beratungsmethoden werden ausführlich in Kapitel 4 vorgestellt. Der Moderationszyklus besteht aus den Phasen Vorbereitung, Begrüßung, Themenwahl, Lösungsorientierte Themenbearbeitung, Zielentwicklung und Dokumentation. Zu jeder dieser Moderationsphasen stehen verschiedene Methoden zur Auswahl, die je nach Kontext, Inhalt und Situation angewendet werden können und vorgestellt werden. Auf die Gestaltung von barrierefreien Kommunikationssettings wird bei jeder Phase hingewiesen. Ebenso auf die Adaption des Konzeptes bei digital durchgeführten MoRTi, wenn auf telekommunikative Methoden zurückgegriffen wird.

Verschiedene Beispiele aus der Praxis werden in Kapitel 5 aufgezeigt. Aus den Kontexten Kita, Schule, besondere Wohnform, Senioreneinrichtung und Beratungsstelle werden anschaulich von verschiedenen Autorinnen aus der Perspektive der Moderatorin erlebte Beispiele für MoRTi beschrieben.

Zum guten Schluss werden in Kapitel 6 Herausforderungen, Störfaktoren oder auch Nicht-Gelingensbedingungen vorgestellt, die wir selbst erfahren haben.

Da sich das vorliegende Buch an sehr unterschiedliche Berufsgruppen wendet, rundet ein ausführliches Glossar in Kapitel 7 das Buch ab.

Einige Vorlagen und Dokumente sind als Online-Zusatzmaterial abrufbar.

Nun wünsche ich Ihnen beim Lesen, Ausprobieren und Modifizieren der MoRTi viel Freude.

Vielleicht wird meine Vision, dass Moderierte Runde Tische als transdisziplinäres Inklusionstool in Deutschland obligatorisch werden, irgendwann Wirklichkeit.

Köln, im Juli 2021

2Das Konzept der „Moderierten Runden Tische“ (MoRTi)

Das Konzept der Moderierten Runden Tische (MoRTi) stellt ein evidenzbasiertes, strukturiertes Vorgehen für alle transdisziplinären Zusammenkünfte im Kontext von Gesundheit, Bildung, Pädagogik und Sozialem dar. Bei der Zusammenkunft von Fachpersonen, Angehörigen und ggf. der Fokusperson findet auf der Basis einer wertschätzenden und respektvollen Haltung ein strukturierter lösungsorientierter Austausch statt, mit dem Ziel, konkrete, realistische und meist ICF-orientierte (Teilhabe-)Ziele zu entwickeln. Die Dokumentation der Ergebnisse des laufenden und deren Evaluation beim folgenden Runden Tisch sind obligatorisch. Die Moderation findet durch einen/eine in systemisch-lösungsorientierter Gesprächsführung geschulten/geschulte ModeratorIn mit Unterstützung durch Techniken der Moderation und Visualisierung statt.

Damit fordert das Konzept dazu auf, obligatorisch die engen Bezugspersonen (Eltern, Angehörige etc.) und bestenfalls auch die Fokusperson gleichberechtigt miteinzubeziehen! Darüber hinaus sollen alle wichtigen UnterstützerInnen, auch sogenannte „externe“ Fachkräfte (TherapeutInnen aus niedergelassenen Praxen etc.) am MoRTi – ggf. digital zugeschaltet – teilnehmen, sodass miteinander und nicht nebeneinander geplant und gehandelt wird. Damit diese zeit- und kostenaufwendige Zusammenkunft effektiv und effizient genutzt wird, ist im MoRTi-Konzept die Moderation durch eine in Beratung und Moderation weitergebildete Person vorgesehen.

Für diese Art transdisziplinärer Zusammenkünfte existieren zahlreiche Begriffe, wobei die angestrebten Ergebnisse in der Regel individuelle Förder- und Behandlungspläne, Zielvereinbarungen, Teilhabepläne, Maßnahmenpläne etc. sind.

Das MoRTi-Konzept ist ein Instrument der Teilhabe- oder/und Förderplanung, welches bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Unterstützungsbedarf in den verschiedensten Lebenskontexten angewendet werden kann. Durch die Teilnahme der wichtigsten fachlichen wie privaten Bezugspersonen werden die unterschiedlichen (Fach-)Perspektiven in konstruktiver Weise genutzt, um die zur Verfügung stehenden Ressourcen zu aktivieren und lohnenswerte/attraktive sowie konkrete Teilhabeziele für die Fokusperson oder bestenfalls mit der Fokusperson zu entwickeln. Der von Pretis et al. (2019) geprägte Begriff der transdisziplinären Arbeit, bei dem den Eltern eine zentrale Rolle bei der Planung und Umsetzung von Förderzielen zugeschrieben wird, ist im MoRTi-Konzept von großer Bedeutung. Transdisziplinäres Arbeiten ist dadurch gekennzeichnet, dass gemeinsam geplant wird und Ziele gemeinsam umgesetzt werden. Leider hat sich dieser Begriff und das dahinterstehende Modell der Eltern als zentrale Akteure noch nicht etabliert. Deshalb werden im Folgenden abwechselnd die Begriffe interdisziplinär und transdisziplinär verwendet, wobei der Einbezug der Eltern immer intendiert ist.

transdisziplinäre Zusammenarbeit

Unter „Fokusperson“ soll die Person verstanden werden, für die der Moderierte Runde Tisch einberufen wurde. Diese kann ein Kind, eine/ein Jugendliche/r oder eine/ein Erwachsene/r mit Teilhabebedarf/Förderbedarf (häufig als „Menschen mit Behinderung“ bezeichnet) sein.

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In der Regel steht Menschen mit Handicaps in den deutschsprachigen Ländern eine Vielzahl an Unterstützungsangeboten zur Verfügung. Diese setzen sich aus Leistungen des SGB V, also der Gesetzlichen Krankenversicherung, wie beispielsweise Heil- und Hilfsmitteln, dem SGB VIII der „Kinder- und Jugendhilfe“, dem SGB IX „Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen“ und vor allem auch aus dem Bundesteilhabegesetz (BTHG) „Gesetz zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen“ zusammen. Diese Leistungen können von der Einzelperson oder zur Unterstützung deren Familie in Anspruch genommen werden.

unüberschaubare Vielfalt an Unterstützungsangeboten

Dadurch entsteht gelegentlich – auch für die Betroffenen – der Eindruck eines unüberschaubaren Förder-, Bildungs-, Therapie- und Rehabilitationsangebotes mit vielfältigsten Expertisen, die einerseits unschätzbare Ressourcen und Unterstützungen darstellen, andererseits droht bei einer fehlenden Vernetzung und Abstimmung eine nicht aufeinander abgestimmte Inanspruchnahme. So kann es zu widersprüchlichen Angeboten, Priorisierungen oder Aussagen kommen, oder Leistungen werden nicht optimal eingesetzt. Bis auf wenige Ausnahmen, in denen Case-ManagerInnen zur Koordination und Vernetzung eingesetzt werden, sind es meist die LeistungsbezieherInnen oder deren Angehörige, die sich durch den Angebotsdschungel arbeiten müssen. So werden immer noch Bildungs-, Therapie- und Förderangebote in Anspruch genommen, ohne dass eine strukturierte Vernetzung und Koordination der einzelnen Angebote stattfinden. In linearen Gesprächen werden bedeutsame Infos – meist von den Angehörigen oder BetreuerInnen – zwischen den einzelnen Leistungsanbietern mühevoll weitertransportiert. Mit Inkrafttreten des Bundesteilhabegesetztes (BTHG) wurde deshalb mit den sogenannten „Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungen“ (EUTB) ein zusätzliches Beratungsangebot in Deutschland flächendeckend etabliert.

Koordination von Angeboten und Ressourcen

TIPP

Informationen zu den Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungen (EUTB) unter www.teilhabeberatung.de

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Viele Beratungen finden aktuell im Rahmen einer Institution (Frühförderstelle, Kita, Schule, Wohneinrichtung, Arbeitsstelle, Therapieeinrichtung, Jugendamt etc.) statt. Alle dort tätigen MitarbeiterInnen arbeiten sicherlich mit einer positiven Absicht für die/den Betroffene/n – jedoch leider häufig nebeneinander anstatt vernetzt und aufeinander abgestimmt.

nebeneinander statt miteinander

Mit dem Konzept der Moderierten Runden Tische (MoRTi) soll deshalb Folgendes initiiert und sichergestellt werden:

Vernetzungen und Koordination der im Kontext der jeweiligen Institution vorhandenen personellen, materiellen und institutionellen Ressourcen

gemeinsame Entwicklung von für die Betroffenen attraktiven, lebensweltbezogenen, konkreten Teilhabe-, Entwicklungs- oder Förderzielen

Stärkungen der Betroffenen in ihrem Recht auf Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Gesundheitsfürsorge

Hilfen bei der Rollenklärung aller beteiligten Fach- und Privatpersonen

Respekt und Wertschätzung allen Beteiligten und deren Meinungen gegenüber, sowohl dem KlientInnensystem (Fokusperson, Angehörige …) als auch den professionellen Systemen (Frühförderung, Kita, Schule, Wohneinrichtung, Arbeitsplatz, Jugendamt etc.) unter Auflösung eines hierarchisch auftretenden „Expertismus“.

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TIPP

In dem Erklärfilm MoRTi wird das Konzept vereinfacht und kurz dargestellt: https://zuk-moers.de/morti

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2.1Entwicklung des MoRTi-Konzeptes

Das MoRTi-Konzept wurde im Zentrum für Unterstützte Kommunikation in Moers (ZUK Moers) auf der Basis systemisch-lösungsorientierter Beratungsprinzipien, auf dem bio-psycho-sozialen Modell der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der WHO sowie auf Prinzipien aus dem Qualitätsmanagement und in Anlehnung an klassische Moderationsmethoden entwickelt.

Die Methode des Runden Tisches ist ursprünglich ein Dialogverfahren zur Öffentlichkeits- oder auch Bürgerbeteiligung bei komplexen oder konfliktreichen Themen, welches bis heute in den verschiedensten politischen – meist kommunalen – Kontexten eingesetzt wird. Als partizipatorisches Instrument hat es das Ziel, VertreterInnen verschiedener Interessensgruppen – beispielsweise bei der Planung städtebaulicher Veränderungen – an einem Tisch zu versammeln und im Diskurs mithilfe einer neutralen Moderation bestenfalls eine von allen entwickelte, und gemeinsame Lösung zu erarbeiten (www.buergergesellschaft.de; www.beteiligungskompass.org, 12.04.2021).

partizipatorischer Ansatz

Im Bereich von Bildung, Pädagogik, Gesundheit und Sozialem finden zahlreiche interdisziplinäre Zusammenkünfte unter Beteiligung verschiedener Berufsgruppen/Professionen mit oder ohne die Fokusperson statt. Für diese interdisziplinären Zusammenkünfte existieren je nach Kontext, Region, Träger unterschiedliche Begriffe, wie beispielsweise Entwicklungsgespräch, Förderplanbesprechung, Übergangskonferenz, Standortgespräch, Fallbesprechung, Kooperationsgespräch, Hilfeplangespräch, personenzentrierte Teilhabeplanung, Leistungsplanung, Reha-Konferenz oder eben auch Runder Tisch. All diesen Zusammenkünften ist gemeinsam, dass die Teilnehmenden aus unterschiedlichen Berufs- und Interessensgruppen stammen und neben dem Austausch eine gemeinsame Zielformulierung oder ein Förder-/Maßnahmenplan als Ergebnis stehen soll.

Ein weiterer Antreiber für die Entwicklung des MoRTi-Konzeptes war die Beobachtung, dass viele interdisziplinäre oder multiprofessionelle Gespräche ausschließlich in Anwesenheit der Fachpersonen geführt wurden. Eltern von Schulkindern oder Kita-Kindern, Betroffene und deren Angehörige in Rehabilitationseinrichtungen oder BewohnerInnen in verschiedenen Wohnformen wurden häufig nicht zu diesen Gesprächen eingeladen, sondern nach diesen sogenannten interdisziplinären Zusammenkünften bestenfalls über die Ergebnisse und die angestrebten Ziele informiert.

Mitbeteiligung von Betroffenen

Mit dem MoRTi-Konzept soll ein Beitrag zur transdisziplinären Zusammenarbeit geleistet werden, indem Betroffene (Eltern, ErzieherInnen, BetreuerInnen etc.) und bestenfalls auch die Fokusperson selbst aktiv miteinbezogen werden.

Das MoRTi-Konzept wurde ursprünglich im Rahmen der Beratung zum Bedarf an Unterstützter Kommunikation von Menschen ohne ausreichende Lautsprache entwickelt. Nach jeder Diagnostik und Erprobung mit verschiedenen sogenannten unterstützten Kommunikationsformen und Hilfsmitteln wurde eingeführt, dass an einem gemeinsamen Runden Tisch mit den wichtigsten KommunikationspartnerInnen entschieden wird, welche unterstützende Kommunikationsform tatsächlich im Alltag Anwendung finden kann. Dieses Vorgehen entstand aus der Erfahrung heraus, dass nur gemeinsam so etwas Komplexes wie Kommunikation nachhaltig beeinflussbar ist. Es reicht nicht aus, wenn nur eine Person (z. B. die Mutter, eine Sonderpädagogin, ein Betreuer …) hinter einer solchen Maßnahme steht. Für die/den Betroffene/n wäre dies fatal, da sie/er sich dann nur mit einem Menschen in der gewählten Kommunikationsform austauschen könnte.

Entstehung aus der UK-Beratung

In den letzten Jahren wird das MoRTI-Konzept zunehmend in verschiedenen Institutionen der Behindertenhilfe, im Elementarbereich sowie im Schulbereich zur allgemeinen Förder-/Teilhabeplanung, bei der Gestaltung von institutionellen Übergängen, bei Konfliktthemen oder auch zur Hilfeplanung angewendet (Giel 2013; Giel/Liehs 2016; Giel et al. 2017; Telgen et al. 2019).

Die Entwicklung des MoRTi-Konzeptes wurde maßgeblich durch das Verfahren der Schulischen Standortgespräche (SSG) der Stadt Zürich, die obligatorisch bei allen Kindern mit Förderbedarf durchgeführt werden, angeregt. Anders als in Deutschland, wo die Zeit im Rahmen der Elternsprechtage meist eng umgrenzt wird, ist es dort üblich, ein- bis zweimal pro Schuljahr interdisziplinär unter Beteiligung der Eltern und ggf. auch des Kindes bzw. des/der Jugendlichen am Runden Tisch in der Schule „zur individuellen Standortbestimmung“ sich auszutauschen, Förderziele zu vereinbaren und die damit verbundenen Maßnahmen abzusprechen. Auf der Basis der ICF wurden Vorlagen zur Vorbereitung, Durchführung und Dokumentation dieser Gespräche entwickelt (Hollenweger/Lienhard 2010; Lienhard-Tuggener et al. 2015; Volksschulamt der Stadt Zürich o. J.).

schulische Standortgespräche als Vorbild

Aber auch die Idee der Zukunftsplanungskonferenzen und die Methode der Unterstützerkreise im Kontext von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung haben das Konzept beeinflusst, da sie konsequent aus der Perspektive der Fokusperson arbeiten und die kreative Ressourcenaktivierung sowie Teilhabeziele im Fokus stehen (Boban 2003; Schatz/Schellbach 2009; Hinz/Kruschel 2013).

Zukunftsplanung und Unter-stützerkreise

Mithilfe systemisch-lösungsorientierter Supervisions- und Beratungskonzepte (Steiner/Berg 2019; von Schlippe/Schweitzer 2007; Vogt 2020; Walter/Peller 2015) und klassischer Moderationsmethoden (Seifert 2013) wurde das MoRTi–Konzept im Zentrum für Unterstützte Kommunikation (ZUK Moers) und durch das Beratungsnetzwerk „soulutions“ zur strukturierten Vorbereitung und Durchführung von interdisziplinären Zusammenkünften entwickelt.

systemisch-lösungsorientierte Beratung

Unabhängig davon, wie diese interdisziplinären Zusammenkünfte in den entsprechenden Institutionen (Frühförderung, Kita, Schule, Wohneinrichtung, Arbeitsplatz, Beratungsstelle, Jugendamt, Klinik etc.) bezeichnet werden, soll das MoRTi-Konzept mit seinem Moderationszyklus (Kap. 4) und den entsprechenden Methoden und Techniken einen effizienten und effektiven Umgang mit der zur Verfügung stehenden Zeit ermöglichen, damit am Ende der Zusammenkunft ein lohnenswertes Ergebnis dokumentiert vorliegt.

effizienter und effektiver Umgang mit Zeit

Das MoRTi-Konzept kann damit allen interdisziplinären Zusammenkünften als Konzept für eine qualitätsgesicherte Planung, Durchführung und Evaluation dienen.

2.2Evidenz: MoRTi wirken

Die Evidenz des MoRTi-Konzeptes, so wie es im Zentrum für Unterstützte Kommunikation (ZUK) angewendet wird, wurde u. a. an der Universität zu Köln in verschiedenen Evaluationsstudien sowohl bei Kindern/Jugendlichen als auch bei Erwachsenen, die über keine oder eine stark eingeschränkte Lautsprache verfügen, untersucht und nachgewiesen. In diesen Evaluationsstudien wurden unterschiedliche Wirkfaktoren der MoRTi sichtbar (Urbic 2016; Preißler 2017; Giel et al. 2018).

Wirkfaktoren von MoRTi

In den beiden Studien von Urbic und Preißler wurde in Form einer 360-Grad-Befragung allen Teilnehmenden der Runden Tische eines begrenzten Zeitraums mittels eines Online-Tools ein Fragebogen zugesendet. An der Befragung zur Wirksamkeit der Runden Tische für Kinder/Jugendliche nahmen Eltern, FrühförderInnen, ErzieherInnen, LehrerInnen, HeilpädagogInnen, Leitungskräfte, TherapeutInnen, Integrationskräfte und PraktikantInnen teil. In der Studie im Kontext von Erwachsenen nahmen Eltern, gesetzliche BetreuerInnen, MitarbeiterInnen aus dem Bereich Wohnen bzw. Werkstatt sowie SozialpädagogInnen teil. In dieser Studie haben zwar bei der Hälfte der Runden Tische die Fokuspersonen auch teilgenommen, jedoch war zum Zeitpunkt der Studie noch kein Verfahren bekannt und verfügbar, mit dem eine valide Befragung der ...

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