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Modehaus Haynbach - Tage voller Hoffnung

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin:
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
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  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. 32
  39. 33
  40. 34
  41. 35
  42. Leseprobe - Modehaus Haynbach-Schicksalhafte Jahre

Weitere Titel der Autorin:

Das Geheimnis von Chaleran Castle

Herzmuscheln

Fräulein Nora findet die Liebe

Schneeflockenherzen

Die Töchter der Villa Weißenfels

Über dieses Buch

Süddeutschland, 1922: Die junge Näherin Claire verliebt sich in den adligen Helmut von Haynbach. Zunächst treffen sich die beiden nur heimlich, denn seit Langem steht fest, dass er Hilda von Bilgenstein heiraten soll. Doch ihre Gefühle werden immer stärker und Helmut beschließt, die Verlobung mit Hilda zu lösen. Gegen den Willen seiner Familie heiraten Claire und Helmut – und das junge Glück wird auf eine harte Probe gestellt: Die von Haynbachs verstoßen ihren Sohn und seine nicht standesgemäße Ehefrau. Das junge Paar weiß nicht wohin und die Geburt des ersten Kindes rückt näher. Verzweifelt muss Claire erkennen, dass ihr geliebter Mann trotz aller Bemühungen seinen Schwur nicht einhalten kann, die kleine Familie zu ernähren. Niemand traut dem Sohn eines Grafen harte Arbeit zu. Wird die Liebe der beiden diese schwere Zeit überstehen?

Über die Autorin

Elaine Winter ist ein Pseudonym der Autorin Ira Severin, die schon als Kind gerne Geschichten erfunden hat. Sie studierte Germanistik und Anglistik, probierte sich in verschiedenen Jobs in der Medienbranche aus und kehrte bald zum Geschichten erfinden zurück. Inzwischen ist sie seit mehr als zwanzig Jahren Autorin und hat den Spaß am Erdenken schicksalhafter Wendungen und romantischer Begegnungen bis heute nicht verloren.

ELAINE WINTER

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Tage voller Hoffnung

1

Herrenhaus Bilgenstein, Ende März 1922

»Hast du ihren heimtückischen Blick gesehen?« Magda machte sich nicht die Mühe, ihre Stimme zu senken, während sie nach der Blechkanne griff, um sich Kaffee einzugießen. Natürlich war es kein echter Bohnenkaffee. Dieser war knapp vier Jahre nach Ende des Krieges immer noch viel zu teuer, um ihn den Dienstboten zuzugestehen. Als Kaffee-Ersatz bekamen sie ein Gebräu aus gerösteten Getreidekörnern und Zichorienwurzeln, das sie »Muckefuck« nannten. Eine große Blechkanne davon stand in der Gesindestube stets auf der Ofenplatte.

Claire tat, als hätte sie nichts gehört, und beugte sich tiefer über ihre Arbeit, damit die beiden Frauen ihre brennenden Wangen nicht bemerkten.

»Ich finde, sie guckt … normal.« Die Stimme des Stubenmädchens, dessen Namen Claire nicht kannte, klang unbehaglich. Offenbar hatte sie wenigstens ein schlechtes Gewissen, in Gegenwart der Fremden schlecht über sie zu reden.

»Sie ist Französin!«, schnaubte die Zofe der Baroness Hilda von Bilgenstein. »Ich begreife nicht, wie die Gnädigste zulassen konnte, dass Erbfeinde ins Haus kommen. Aus ihrer Verwandtschaft mag ja im Krieg niemand von den Franzosen umgebracht worden sein, aber es gibt Familien, die haben zwei oder drei Söhne verloren. Dahingemetzelt von Franzmännern!« Magda wurde immer lauter.

»Das waren ja nicht nur die Franzosen«, versuchte das Stubenmädchen, sie zu beruhigen. »Ich hab gehört, dass der gnädige Herr die französische Schneiderin nicht gern im Haus haben wollte. Der Baron hat gesagt, er findet das nicht gut, wegen Elsass-Lothringen und so. Aber die Gnädigste hat sich auf die Seite ihrer Tochter gestellt. Weil es doch heißt, Louise Lefevre näht die allerschönsten Kleider. Und die Baroness möchte nun mal das schönste Hochzeitskleid haben, das sie bekommen kann. Französische Mode war ja schon vor dem Krieg …«

»Französische Mode – dass ich nicht lache!«, unterbrach Magda die schüchternen Erklärungsversuche des Stubenmädchens. »Ich hab Angst, im Schlaf ermordet zu werden, wenn die beiden französischen Hexen oben in der Mansarde nur drei Kammern entfernt von mir schlafen! Letzte Nacht hab ich die Kommode von innen vor meine Tür geschoben. Das solltest du auch machen, Grete.«

Claire schnappte erschrocken nach Luft. Sie hatte natürlich gewusst, dass Franzosen und Deutsche seit Jahrhunderten nicht gerade die besten Freunde waren. Das hatte nicht erst mit dem letzten Krieg angefangen.

Dennoch war im vergangenen Jahr die erste Anfrage von der deutschen Seite der Grenze, aus der Republik Baden, gekommen. Und zwar von Amanda von Schliefenberg, einer der ungefähr hunderttausend Vieux-Allemands, der »Alt-Deutschen«. Sie waren aus dem Elsass ausgewiesen worden, als nach Kriegsende die französischen Truppen im November 1918 unter dem Jubel des größten Teils der Bevölkerung in Elsass-Lothringen eingezogen waren. Die Baronin hatte in ihrer alten Heimat Louise Lefevres Schneiderkunst kennengelernt und sie in ihr Herrenhaus in der Nähe des kleinen badischen Ortes Berghaupten gebeten, um sich von ihr ein Abendkleid nähen zu lassen.

Seitdem bekamen sie immer wieder Anfragen und Aufträge aus Deutschland. Claire hatte ihre Mutter Louise schon auf rund ein halbes Dutzend Landsitze, Gutshäuser und Schlösser in Baden begleitet, um ihr bei der Arbeit an ihren aufwendigen Kleidern zu helfen. Es fühlte sich gar nicht an, als würden sie ins Ausland reisen. Claire und ihre Mutter sprachen ebenso gut Deutsch wie Französisch, wenn sie sich auch als Französinnen fühlten. Schließlich hatte Louise seit ihrer Geburt unter deutscher Herrschaft gelebt. Ihre Heimat war bereits 1871 im Deutsch-französischen Krieg an Deutschland gefallen.

Claire hatte früh angefangen, ihre Mutter bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Mit ihren geschickten kleinen Händen hatte sie schon als Zehnjährige zarte Stickereien angefertigt.

Vor einer Woche war sie mit ihrer Mutter im Haus des Barons Heinrich von Bilgenstein angekommen. Nun war sie seit dem Morgengrauen damit beschäftigt, zahllose Perlen auf die Schleppe von Baroness Hildas Brautkleid zu nähen. Zu diesem Zweck hatte man ihr einen kleinen Tisch vor dem Fenster der Gesindestube im Souterrain zugewiesen, die neben der Küche lag.

Währenddessen arbeitete ihre Mutter im geräumigen Ankleidezimmer der Baroness im Obergeschoss des Herrenhauses. Sie heftete, nähte, veranstaltete zahllose Anproben mit der Braut und änderte alles wieder. Claire war froh gewesen, dass sie hier unten in Ruhe ihre Arbeit machen konnte. Bräute überlegten es sich ständig anders. Mal sollte der Ausschnitt größer sein, mal kleiner, mal war der Rock zu weit und das Oberteil zu eng oder umgekehrt. Die Baroness bildete da keine Ausnahme. Im Gegenteil. Sie erschien Claire noch anspruchsvoller und unberechenbarer als die meisten anderen Bräute, für die sie gearbeitet hatten.

Doch ihre Mutter war von engelsgleicher Geduld. Wenn es sein musste, änderte sie ein Kleid ein Dutzend Mal und hörte dabei keine Sekunde auf zu lächeln.

Als Claire oben im Ankleidezimmer Louise beim Fälteln des weiten Rocks zur Hand gegangen war, hatte sie erlebt, wie die Baroness in ihrem Wankelmut von Magda noch angestachelt wurde. Hatte die Zofe das getan, weil sie der verhassten französischen Schneiderin möglichst viel Mühe bereiten wollte?

»Die Kanne ist leer«, stellte Magda missmutig fest und starrte in ihre Tasse, die nur zur Hälfte gefüllt war.

»Ich sag in der Küche Bescheid.« Grete wollte nach der Blechkanne greifen, doch die Zofe hinderte sie daran.

»Das französische Luder hat den ganzen Kaffee ausgetrunken. Man sollte ihr klarmachen, dass sie sich hier nicht einfach an dem bedienen darf, wonach ihr der Sinn steht«, zischte Magda. »Es reicht ihr wohl nicht, dass sie uns das Elsass weggenommen haben. Und Lothringen. Einfach alles. Mein Vetter war Reichsbeamter in Lothringen. Nach dem Krieg haben sie ihn kurzerhand rausgeworfen. Wie ein Stück Vieh über die Grenze gescheucht. Und ein paar Wochen später auch meine Eltern, meine Geschwister und mich … Wir hatten ein Stück Land im Elsass. Einen Weinberg. Und jetzt …« Sie schnaubte vor Wut.

Claire wollte auffahren und ihr erklären, dass niemand ihretwegen irgendein Land auf der Welt verlassen musste. Andererseits hatten die Deutschen den Franzosen das Elsass und Lothringen im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 abgenommen, so viel wusste sie. Das war lange her, aber immerhin hatten diese Gebiete ursprünglich einmal zu Frankreich gehört. Ihr persönlich war das nicht so wichtig. Sie kannte es von Geburt an nicht anders, als in einem von den Deutschen regierten Land zu leben. Dennoch erschien es ihr gerecht, dass die Franzosen ihren Besitz zurückgefordert hatten. Schließlich hatten sie den Krieg, den sie nicht angefangen hatten, gewonnen. Das sagte sie aber lieber nicht, sonst würde Magda noch wütender werden.

»Die Köchin hat mir erlaubt, vom Kaffee zu nehmen«, entgegnete sie stattdessen. »Ich habe aber nur ein oder zwei Schluck davon probiert.«

Die Zofe holte tief Luft und fuhr sie dann an: »Hat dir wohl nicht geschmeckt, du französischer Wechselbalg.«

Wieder zuckte Claire zusammen. Es war nicht das erste Mal, dass sie von den Dienstboten in einem der Häuser, in denen sie arbeiteten, beschimpft wurde. Aber so schlimm wie Magda war noch niemand gewesen.

Entschlossen warf Claire den Kopf in den Nacken und sah der Zofe in die Augen. »Was soll das heißen? Wieso nennen Sie mich so?« Ihr Herz klopfte so heftig, dass es sich anfühlte, als flattere ein Vogel in ihrer Kehle herum. Sie wusste, dass Wechselbalg ein deutscher Ausdruck für uneheliche Kinder war. Und das traf auf sie nicht zu. Ihr Vater war zwar gestorben, aber ihre Mutter war mit ihm verheiratet gewesen.

»Bist du so dumm, dass du nicht weißt, was das ist? Ein Kind, von dem man den Vater nicht kennt, ist das. Ein Kind der Sünde, von bösen Geistern gebracht. Oder wo ist dein Vater?«

Claire schluckte heftig, obwohl ihr Mund wie ausgetrocknet war. Magda konnte eigentlich nichts über sie und ihre Familie wissen. Claires Gedanken überschlugen sich. Aber die Zofe hatte gesagt, dass sie aus dem Elsass stammte. Hatte sie vielleicht in einem der Nachbardörfer von Claires Heimatort Andlau gewohnt?

»Da guckst du dumm wie ›ne Kuh«, fuhr Magda fort und fuchtelte mit der Hand vor Claires Gesicht herum. »Eine dumme Kuh bist du.«

»Nun lass sie doch in Ruhe«, mischte Grete sich ein. »Sie tut dir doch nichts.«

»Sie hat mir den Kaffee weggetrunken. Und meine Familie von ihrem Weinberg verjagt. Und im Schützengraben meinen Vetter umgebracht.«

»Das war doch nicht sie.« Grete schien viel freundlicher und vernünftiger als Magda zu sein. Das hinderte Letztere aber nicht daran, sich immer mehr in ihre Wut hineinzusteigern.

»Du französische Kuh, du.« Magda packte Claire bei den Schultern, zog sie von ihrem Stuhl hoch und schüttelte sie so heftig, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen.

»Lassen Sie mich sofort los!«, schrie Claire ihr ins Gesicht.

Zu ihrer Überraschung ließ die Zofe tatsächlich von ihr ab. Dafür stieß sie mit einer weit ausholenden Bewegung gegen die offene Blechschachtel auf dem Tisch. Es schepperte, dann regneten Perlen auf den abgetretenen Steinboden.

Claire schlug die Hände vor den Mund, und vor Entsetzen stiegen ihr Tränen in die Augen. Wütend fuhr sie herum. Das musste sie sich nicht gefallen lassen! Doch Magda war schon an der Tür. Claire sah nur noch ihren Rücken mit der weißen Schleife des Schürzenbandes in der Taille.

Grete stand bewegungslos neben dem Ofen. Sie starrte Claire an und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, bevor sie sich umdrehte und ebenfalls hinausrannte.

Claire machte zwei oder drei Schritte in Richtung Tür. Sie war außer sich vor Zorn. Sie wollte Magda bei den Haaren packen und zurück in die Gesindestube zerren, damit sie jede einzelne Perle wieder aufsammelte.

Mühsam nahm sie sich zusammen und zwang sich, innezuhalten und tief durchzuatmen. Einmal, ein zweites und ein drittes Mal. Sie wusste, dass es keinen Sinn hätte. Magda war noch viel wütender auf sie als umgekehrt, weil die Zofe einen solchen Hass auf Franzosen hatte und weil Claire Französin war. Daran konnte sie nichts ändern. Notfalls würde die Zofe behaupten, Claire hätte die Perlen selbst auf den Boden geworfen und wolle ihr nun die Tat unterstellen, weil Menschen aus dem Elsass in ihren Augen nun mal böse waren.

Claire sank auf die Knie, fand die Blechschachtel unter dem Stuhl, stellte sie neben sich und fing an, die Perlen aufzusammeln. Sie waren sehr teuer gewesen. Die Baroness würde nur die bezahlen, die auf die Schleppe ihres Hochzeitskleids genäht worden waren. Da würde Magda schon genau nachzählen. Wenn ein Teil der kostbaren Kügelchen in irgendwelchen Ritzen, unter dem Schrank oder hinter den locker sitzenden Wandleisten verschwunden war, würde Louise Lefevre den Verlust tragen müssen.

Die Tränen in Claires Augen machten die Suche nicht einfacher. Halb blind tastete sie mit den Fingerspitzen über den rauen Steinboden.

»Entschuldigung. Ich suche …« Die tiefe Männerstimme stockte. Offenbar war ihr Besitzer erstaunt über den Anblick der auf Händen und Knien herumkriechenden jungen Frau.

Claire stand auf und blinzelte in Richtung Tür. Im ersten Moment konnte sie nur eine hochgewachsene Gestalt mit breiten Schultern und dunkelblonden Haaren ausmachen. Hastig zwinkerte sie die Tränen fort. Das war unauffälliger, als sie wegzuwischen.

Der Mann, der in der Tür lehnte, war mit Sicherheit kein Dienstbote. Seine Kleidung wirkte kostspielig, und er strahlte etwas aus, das Menschen zu eigen war, denen ihr Leben lang automatisch Achtung entgegengebracht worden war.

»Was machen Sie da? Weinen Sie?« Er klang erschrocken.

Sie schüttelte heftig den Kopf. »Mir ist nur etwas heruntergefallen. Tut mir leid.«

»Sie müssen sich nicht entschuldigen.« Er musterte sie nachdenklich. »Ich habe Sie hier noch nie gesehen. Sind Sie neu im Haus?«

Wieder schüttelte sie den Kopf. »Ich gehöre nicht zu den Dienstboten.«

»Entschuldigung. Ich wollte nicht … Gestatten, Helmut von Haynbach. Kann ich Ihnen helfen?« Er deutete auf den Boden.

»Claire Lefevre«, sagte sie. »Nein, nein. Es ist schon gut. Aber vielleicht kann ich Ihnen helfen? Was suchen Sie denn?«

Sein Lachen ließ etwas in ihr vibrieren.

»Vielen Dank. Ich bin auch nur zu Gast hier im Haus und wollte kurz mit der Köchin sprechen. Aber das ist nicht so wichtig. Machen Sie ruhig weiter mit … Ihrer Suche.« Wieder deutete er auf den Boden. »Soll ich Ihnen wirklich nicht helfen?«

»Nein, nein. Ich bin gleich fertig«, behauptete sie. Wenn ihre Mutter entdecken würde, dass einer der vornehmen Gäste des Hauses mit ihr auf dem Boden herumkroch, würde sie für einen Moment ihre Gelassenheit verlieren, so viel stand fest.

»Dann auf Wiedersehen. Vielleicht begegnen wir uns ja noch einmal, ich bin oft hier.«

Bevor Claire etwas erwidern konnte, war er verschwunden. Einen Moment stand sie unschlüssig da, dann kniete sie sich wieder hin, um weiter nach den überall verstreuten Perlen zu suchen.

Eine halbe Stunde später schmerzten ihre Knie vom Herumrutschen auf dem harten Boden. Der Raum bot Platz für mindestens zwanzig Dienstboten. Entsprechend viele Stühle standen an dem langen Tisch. Und hinter jedem Stuhlbein, hinter jedem Tischbein, in jedem Winkel lagen die schimmernden Kügelchen versteckt.

Schließlich beschloss Claire, dass sie nun wohl alle Perlen gefunden haben musste. Sie wusch sich am Waschbecken im Flur die Hände und wollte soeben zu ihrer Arbeit zurückkehren, als ihre Mutter oben an der Dienstbotentreppe auftauchte.

»Wo bleibst du denn mit der Schleppe, Claire?«, rief sie. »Die Baroness wird schon ungeduldig.«

2

Herrenhaus Bilgenstein, Oberschopfheim, Ende März 1922

Louise Lefevre war eine hochgewachsene Frau mit einem energischen Auftreten, die sich mühelos Respekt verschaffen konnte. An sie trauten die feigen Bediensteten sich meist nicht heran. Claire jedoch war gerade einmal achtzehn Jahre alt, klein und zierlich und ein bisschen schüchtern. Wenn Louise sie verteidigte, musste sie es ausbaden, sobald ihre Mutter ihr den Rücken kehrte. Deshalb war sie entschlossen, selbst für sich einzustehen.

Claire wollte ihr nicht erzählen, was passiert war. Natürlich konnten sie nichts dafür, dass Frankreich sich beim Aushandeln der Versailler Verträge besonders hart gezeigt hatte. Damit sollte verhindert werden, dass Deutschland neuerlich Krieg gegen die Nachbarländer führte. Aber Claire würde die Beschimpfungen ertragen müssen, solange ihre Mutter die lohnenden Aufträge auf der deutschen Seite der neuen Grenze annahm. Und das würde ihr auch gelingen. Ohne dass Louise, die auch so schon genug zu tun hatte, in die Sache hineingezogen wurde.

»Ich bin noch nicht ganz fertig«, rief sie ihr zu.

»Wieso dauert das so lange?«

Louise war inzwischen die Treppe heruntergeeilt und hatte die Gesindestube durchquert. Sie griff nach dem Seidenstoff, der neben dem Nähzeug und der nun wieder gefüllten Perlenschachtel auf dem Tisch lag.

Kopfschüttelnd betrachtete sie die Schleppe und sah natürlich sofort, dass Claire mit ihrer Arbeit kaum vorangekommen war, seit sie das letzte Mal unten gewesen war.

»Ich …« Claire fiel keine Begründung ein, weshalb sie für das Aufnähen von zehn oder zwölf Perlen nahezu eine Stunde gebraucht haben könnte.

Mit einer müden Geste massierte Louise sich die Schläfen. »Die Baroness macht mir die Hölle heiß. Bis zu ihrer Hochzeit sind es zwar noch fast drei Monate, aber sie will das Kleid so schnell wie möglich haben. Sie kann nicht abwarten, es ihrer Mutter und ihrer Schwiegermutter vorzuführen.«

»Es tut mir leid, Maman.« Claire konnte sehen, dass ihre Mutter unter Kopfschmerzen litt, wie so oft, wenn der Druck zu groß wurde.

Während Claire sich hier unten mit der bösartigen Zofe herumgeschlagen hatte, war ihre Mutter im Obergeschoss den Launen der Baroness ausgeliefert gewesen. Um als Schneiderin weiterempfohlen zu werden, musste Louise Lefevre nicht nur schöne Kleider liefern, sondern auch das Wohlwollen ihrer Auftraggeberinnen genießen. Sie musste auf alle Allüren eingehen und dabei stets freundlich bleiben. Ihr Ruf musste so hervorragend sein, dass die Damen sich mit ihrem Wunsch durchsetzen konnten, eine Französin als Schneiderin zu beauftragen, obwohl ihre Ehemänner und Brüder nicht selten aus politischen Gründen dagegen waren.

»Ich beeile mich.« Hastig setzte Claire sich auf den Holzstuhl und griff nach Nadel und Faden.

»Lass. Ich mach das.« Ihre Mutter zog sie wieder hoch und nahm ihr das Nähzeug aus der Hand. »Geh ein bisschen spazieren, es kann heute Abend spät werden. Der Rocksaum soll mit Rosenknospen bestickt werden, und die Baroness möchte eine Probe sehen, um zu entscheiden, ob die Knospen weiße oder rosafarbene Spitzen haben sollen.«

»Aber es ist meine Arbeit, Maman. Und du hast die Pause nötiger als ich.«

»Bitte, Claire. Tu, was ich dir sage. Oben kann ich sowieso nicht weitermachen, und ich bin ganz froh, wenn ich ein bisschen hier in der Gesindestube sein kann.«

Ihre Mutter saß schon an dem kleinen Tisch. Die blitzende Nadel flog nur so durch die Luft, während Claire unschlüssig dastand und auf Louises gebeugten Kopf hinuntersah. In den dunklen Haaren ihrer Mutter schimmerten erste silberne Strähnen. Eine Welle der Zärtlichkeit für die Frau, die sie allein großgezogen und mit der Arbeit ihrer flinken Hände ernährt hatte, überlief sie.

Zögernd wandte sie sich um. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit ihrer Mutter zu streiten. Wenn Louise beschlossen hatte, die Perlen selbst anzunähen, würde sie es tun.

Durch den schmalen Gang, der an der Küche vorbei zum Dienstboteneingang führte, ging Claire ins Freie. Wieder kämpfte sie mit den Tränen. Ihre Mutter enttäuscht zu haben, schmerzte noch mehr als der Hass der Zofe.

Sie wusste, wie wichtig die lohnenden Aufträge waren, die ihnen ein besseres Leben im Elsass ermöglichten. Louises Nähstube im heimatlichen Andlau brachte nicht viel ein. In den vergangenen Jahren, besonders während des Krieges, war es oft schwierig gewesen, über die Runden zu kommen. Das hatte sich geändert, seit sie häufig in Baden arbeiteten.

Doch das Geld, das sie hier verdienten, verlor immer mehr an Wert. Louise musste hart kalkulieren und geschickt verhandeln, damit sie einen Ausgleich für die fortschreitende Inflation in Deutschland erhielten. Heimlich wünschte sich Claire, dass es sich durch den Wertverlust des Geldes in Deutschland eines Tages nicht mehr lohnen würde, in den dortigen Herrenhäusern zu arbeiten. Das hätte sie ihrer Mutter gegenüber jedoch niemals ausgesprochen.

Tief atmete sie die milde Vorfrühlingsluft ein. Eine Amsel zwitscherte in der Spitze einer hohen Buche, und die sinkende Sonne malte goldene Straßen zwischen die noch kahlen Äste.

Mit dem Handrücken wischte sich Claire über die Augen und schlenderte über den schmalen Fußweg, der das stattliche Gebäude umgab. Es war aus dunkelroten Ziegeln erbaut und wirkte mit seinen langen Fensterreihen, zahllosen Türmchen und Erkern wie eine Mischung aus weitläufiger Villa und kleiner Burg.

Als sie die Vorderseite erreichte, bot sich ihr der Blick auf eine breite, mit Kies bestreute Auffahrt, die rechts und links von parkartigen Grünflächen flankiert wurde. Sie ging am Rand der Auffahrt entlang zu der Straße, die in den kleinen Ort Oberschopfheim führte. Lieber wäre sie im Park spazieren gegangen, aber das wagte sie nicht.

Das schmiedeeiserne Tor mit den vergoldeten Spitzen stand weit offen. Sie trat hindurch und wandte sich auf der schmalen Straße nach rechts. Die Bewegung tat ihr gut, doch gleichzeitig spürte sie, wie müde sie war. Seit dem frühen Morgen hatte sie auf dem harten Stuhl gesessen und Perlen angenäht. Ihre Augen brannten, und ihr Rücken schmerzte. In ihrem Kopf breitete sich eine seltsame Leere aus, was weitaus angenehmer war, als über Magda nachzudenken und darüber, dass sie Claire, ihre Mutter, enttäuscht hatte.

Mit einem Seufzer ließ sie sich nach wenigen Schritten auf einen Baumstamm am Straßenrand sinken und hielt ihr Gesicht mit geschlossenen Lidern in die Abendsonne, deren Kraft noch auf der Haut zu spüren war.

Als sie eine feuchte Berührung am Handrücken spürte, riss sie erschrocken die Augen auf. Neben ihr stand ein großer, struppiger Hund und sah sie aus braunen Augen freundlich an.

»Wo kommst du denn her?« Erstaunt betrachtete sie das Tier, das vorsichtig an ihrer Hand geschnuppert hatte. Es war so mager, dass unter dem schwarzen Fell die Rippen zu erkennen waren.

Sie wusste nicht, ob sie zu laut gesprochen oder ihn mit ihrer plötzlichen Bewegung erschreckt hatte – der Hund wich ängstlich zurück und kniff den Schwanz ein.

»Du musst keine Angst vor mir haben«, versuchte sie, ihn zu beruhigen. Doch als sie den Arm hob, um sich eine Haarsträhne aus der Stirn zu schieben, zog sich der Hund noch weiter zurück. Er musste sehr schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben.

»Ich tu dir nichts.« Ganz langsam schob Claire die Hand in die Rocktasche. Oft hatte sie zwischen den Mahlzeiten Hunger und hob sich deshalb gern ein Stück Brot von ihrem Frühstück auf. Tatsächlich fand sie einen Kanten, der schon ziemlich hart war. Sie bückte sich vorsichtig und legte ihn nicht weit von ihren Füßen entfernt auf den Boden. Hechelnd starrte der Hund das Brot an, wagte aber nicht, es sich zu holen. Dazu hätte er so dicht an Claire herankommen müssen, dass sie ihn hätte schlagen oder treten können.

»Das ist für dich«, flüsterte sie. »Nimm es dir. Du hast sicher Hunger.«

Das verwahrloste Tier legte die Ohren an, duckte sich wie in Erwartung eines Schlags und starrte dabei unablässig den Brotkanten an. Die Angst vor dem, was Claire ihm möglicherweise Böses antun wollte, war offenbar noch größer als der Hunger, denn er wagte nicht, sich den Happen zu nehmen.

Mit der Fußspitze schob Claire das Brot so weit in Richtung Straßenrand, wie ihr Bein reichte, ohne dass sie aufstand. Sie hatte Angst, der Hund könnte sofort die Flucht ergreifen, wenn sie sich aufrichtete.

Dann zog sie das Bein wieder dicht an den Baumstamm, auf dem sie saß. Das Tier beobachtete ihr Tun aufmerksam und sah zwischendurch immer wieder zu dem Brot am Boden.

Nach einer Weile, in der sie beide bewegungslos verharrt hatten, duckte sich der Hund noch tiefer und kroch fast auf dem Bauch heran. Claire hatte das laute Knattern des Motors schon vorher gehört und beobachtete nun, wie aus der nahe gelegenen Ausfahrt der von Bilgensteins ein schwarzes Automobil mit offenem Verdeck kam und sich in raschem Tempo näherte.

Besorgt sah sich Claire nach dem Hund um. Er hatte den Grasstreifen am Straßenrand verlassen und stand auf der Straße, um in sicherer Entfernung von ihr das Brot zu verschlingen. Sie wollte aufspringen und dem Fahrer ein Zeichen geben, aber es war zu spät. Ihr blieb nichts anderes übrig, als die Luft anzuhalten und mit schreckgeweiteten Augen das Geschehen zu verfolgen.

Der Hund bemerkte das Automobil erst, als die Stoßstange des Wagens nur noch wenige Meter von seinem gesenkten Kopf entfernt war. Vor Schreck machte er einen Satz zur Seite. Die Reifen quietschten, und das Tier stieß einen fast menschlichen Schreckenslaut aus, als die Karosserie seinen mageren Körper streifte.

Claire sprang auf und lief zu dem Hund, der ausgestreckt am Boden lag. Als sie sich neben ihn hockte, hob er den Kopf und sah sie kurz an, bevor er ihn wieder auf den Schotter der Straße sinken ließ. Plötzlich schien er keine Angst mehr vor ihr zu haben. Er zuckte nicht einmal zusammen, als sie vorsichtig die Hand auf seinen Rücken legte und ihm über das struppige Fell strich. Vielleicht hatte er einfach keine Kraft mehr, sich zu fürchten. Sein linker Vorderlauf war unnatürlich abgestreckt und blutete.

»Warum passen Sie denn nicht auf Ihren Hund auf?«

Als die dunkle Stimme sie von der Seite anherrschte, richtete sie sich empört auf. Trotz Schutzbrille und Lederkappe erkannte sie ihn sofort. Doch das spielte keine Rolle. Jetzt ging es nur um den Hund, der heftig atmend am Boden lag.

»Schreien Sie nicht so herum. Das macht ihm Angst. Er ist verletzt und hat Schmerzen.« Wütend sah sie den Fahrer an, der aus seinem offenen Wagen gesprungen war, ohne sich die Mühe zu machen, die Tür zu öffnen. »Sie sind viel zu schnell gefahren. Haben Sie den Hund nicht gesehen?«

»Doch, aber ich habe auch Sie gesehen und dachte, Sie sorgen dafür, dass Ihr Hund mir nicht vor den Wagen läuft.« Mit einer raschen Bewegung zog er sich die Lederkappe vom Kopf und strich sich durch die zerzausten dunkelblonden Haare.

»Ich kenne den Hund nicht. Sehen Sie denn nicht, dass er halb verhungert und vollkommen verwahrlost ist?«

Er runzelte die Stirn und schien zu überlegen.

»Nehmen Sie Ihre komische Brille ab, wenn Sie nichts erkennen«, sagte sie ungeduldig. »Wir können ihn nicht so hier liegenlassen.« Sie hörte selbst, wie ruppig sie klang, aber sie konnte nicht anders.

Zu ihrem Erstaunen nahm er tatsächlich die Brille ab und lächelte. Anstatt jedoch den Hund zu betrachten, sah Helmut von Haynbach sie aufmerksam an. Seine Augen waren dunkelbraun und hatten in der Sonne einen grünlichen Schimmer. Vielleicht spiegelte sich auch nur das Gras vom Straßenrand darin.

»Haben Sie gefunden, was Sie auf dem Boden gesucht haben, Fräulein Lefevre?«, fragte er. »Es muss etwas sehr Kostbares gewesen sein. Sie haben geweint.«

»Hab ich nicht«, behauptete sie in kühlem Ton.

»Steigen Sie ein!« Mit einer Kopfbewegung deutete Helmut von Haynbach auf seinen Wagen und stülpte sich wieder die Lederkappe auf.

Claire rührte sich nicht von der Stelle. Ganz bestimmt hatte sie nicht die Absicht, in seine knatternde Höllenmaschine zu steigen. Als er sie auffordernd ansah, schüttelte sie heftig den Kopf.

»Warum sollte ich?«

»Sie haben doch gesagt, wir müssen uns um den Hund kümmern.« Er bückte sich, hob den mageren Tierkörper vorsichtig hoch und legte ihn auf den Rücksitz des Automobils, ohne sich darum zu kümmern, dass der blutende Hund das teure Leder beschmutzen würde.

Zu Claires Erstaunen ließ das Tier sich willig vom Boden aufnehmen.

»Er begreift, dass ich es gut mit ihm meine.« Helmut von Haynbach öffnete die Beifahrertür des Wagens.

»Ich kann nicht einfach mit Ihnen fahren. Es wird Zeit, dass ich zurückgehe.« Claire deutete hinter sich, wo das Herrenhaus lag, in dem sie an diesem Abend noch Dutzende von Rosenknospen sticken musste.

»Verraten Sie mir, was Sie dort unten in der Gesindestube gesucht haben?« Auch er sah nun über die Baumwipfel hinüber zum Anwesen der von Bilgensteins.

»Perlen«, sagte sie schlicht. »Sie waren mir heruntergefallen.«

Auf keinen Fall würde sie ihm erzählen, dass die Zofe die Blechdose vom Tisch gestoßen hatte, weil sie sie so sehr hasste. Ganz abgesehen davon schien er ihre Rolle im Haus des Barons falsch einzuschätzen. Vielleicht lag dies an ihrem zwar schlichten, aber durchaus hochwertigen Kleid. Sie hatte es aus Stoff, der von einem Auftrag übrig geblieben war, selbst geschneidert. Ob er sie für eine Freundin der Baroness hielt? Wenn ja, dann war das seine Sache. Sie hatte ihm nichts dergleichen erzählt und musste deshalb auch nichts aufklären. Und irgendwie gefiel ihr der Gedanke, wenigstens für kurze Zeit wie eine Dame behandelt zu werden.

»Bitte!« Auffordernd deutete er auf den Beifahrersitz seines Wagens. »Wir sollten vor allem dafür sorgen, dass das Bein geschient wird und dieser Hund etwas zu fressen bekommt. Er sieht aus, als könnte er eine ganze Rinderhälfte vertilgen.«

»Können Sie das nicht allein erledigen?« Verlegen trat sie von einem Fuß auf den anderen. »Ich muss zurück zum Haus. Man erwartet mich.«

»Dann fahre ich Sie hin, und wir versorgen dort den Hund. Ich war zwar gerade erst zu Besuch bei meiner Verlobten, aber man sieht mich gern häufiger.« Beim Lächeln bildeten sich in Helmut von Haynbachs Wangen tiefe Grübchen.

Wortlos ließ Claire sich auf das weiche Polster sinken.

3

Herrenhaus Bilgenstein, Ende März 1922

»Ich hoffe, Sie haben keine Angst? Sie sind doch sicher schon einmal in einem Automobil gefahren?« Deutlich langsamer als gewöhnlich steuerte Helmut seinen Wagen die Auffahrt zum Haus der von Bilgensteins entlang.

»Ich … bin lieber vorsichtig.« Zögernd löste Claire ihre Linke vom Türgriff, an dem sie sich zuvor mit beiden Händen festgeklammert hatte.

«Vermutlich bewegen Sie sich flotter voran, wenn Sie zu Fuß unterwegs sind. Ich fahre wegen des Hundes so vorsichtig. Damit er nicht von der Sitzbank rutscht.«

»Fahren Sie sonst noch schneller?« Erstaunt wandte sie ihm ihr blasses Gesicht zu.

»Jede Kutsche ist schneller. Es scheint die Tatsache zu sein, dass sich ein Automobil ohne Pferde bewegt, die den Menschen selbst bei zehn Kilometern in der Stunde Angst einjagt. Meine Mutter etwa weigert sich strikt, sich auch nur probeweise in den Wagen zu setzen.«

Es fiel ihm schwer, in einem solchen Schneckentempo zu fahren. Seit er sich vor zwei Jahren den Steyr II gekauft hatte, war er ein begeisterter Automobilist. Es gefiel ihm, sich spontan hinters Steuer setzen und losfahren zu können, ohne vorher anspannen lassen zu müssen. Noch viel mehr liebte er jedoch die Geschwindigkeit, mit der er sich nun mühelos von einem Ort zum anderen bewegen konnte – der Wagen brachte es auf einzigartige hundert Stundenkilometer.

»Danke«, murmelte die junge Frau und schien sich ein wenig zu entspannen.

»Ihr Name klingt französisch.« Helmut beschloss, die Zeit, die es dauern würde, die lange Auffahrt entlangzuzuckeln, mit etwas Plauderei zu verkürzen. »Kommen Sie aus Frankreich?«

»Aus dem Elsass«, erwiderte sie knapp.

»Ich wusste gar nicht, dass Hilda französische Freundinnen hat.« Er war sogar ziemlich erstaunt darüber. Trotz all ihrer unzweifelhaften Vorzüge war ihm die Baroness nie besonders weltoffen erschienen, schon gar, was die ehemaligen Kriegsgegner betraf.

»Ich kenne sie noch nicht lange«, erwiderte seine Beifahrerin ausweichend.

»Ich eigentlich auch nicht.« Er lachte auf, obwohl er es eigentlich nicht als Scherz empfand, dass er die Frau, die er in nicht einmal drei Monaten heiraten sollte, nur flüchtig kannte.

Die Besitztümer ihrer Familien nördlich und südlich des Städtchens Lahr lagen nur gut dreißig Minuten Fahrt voneinander entfernt – jedenfalls, wenn er das Automobil nahm. Dennoch hatten Hilda und er sich in den vergangenen Jahren selten gesehen. Während des Krieges hatten selbst die wohlhabenden Leute andere Sorgen gehabt, als Teegesellschaften und Abendeinladungen für Nachbarn und Freunde zu geben. Da Helmut bei Kriegsausbruch erst vierzehn Jahre alt gewesen war und bei Kriegsende kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag stand, war er einer Einberufung knapp entgangen. Doch er hatte nach dem Abitur für einige Semester Acker- und Pflanzenbau in Tübingen studiert und war erst vor einem halben Jahr endgültig nach Schloss Haynbach zurückgekehrt.

Hilda war drei Jahre jünger als er. Während des Krieges hatten ihre Eltern sie in die neutrale Schweiz auf eine Höhere Töchterschule geschickt. Als Helmut sie nach seiner Rückkehr aus Tübingen wiedergesehen hatte, war sie schon fast neunzehn Jahre alt gewesen und zu einer bildhübschen jungen Frau erblüht.

Mittlerweile hatten Claire Lefevre und er in seinem Automobil das Schloss fast erreicht. Kurz vor der Rotunde am Haupteingang bog er nach rechts zu den Stallungen ab.

»Wo fahren Sie hin?« Claire richtete sich kerzengerade auf und wirkte sofort wieder angespannt.

»Der Stallmeister soll sich den Hund ansehen. Er versteht etwas von Tieren und kann sicher am ehesten feststellen, ob der arme Bursche verletzt ist.«

Er hielt vor dem Pferdestall, stieg aus, öffnete zunächst Claire die Beifahrertür und hob dann den Hund vom Rücksitz. Obwohl er so groß war, wog er nur wenig, und es fiel Helmut nicht schwer, ihn zu tragen.

Er lächelte Claire an. »Dann suchen wir den Stallmeister und bitten ihn, sich Enno anzuschauen.«

»Enno?« Plötzlich klang ihre Stimme hell und heiter. »Sie wissen, was es bedeutet, wenn man einem Tier einen Namen gibt?«

Er zuckte mit den Schultern und ging auf die weit geöffnete Tür zu. »Mein erster Hund, ein Rottweiler, hieß Enno. Ich habe ihn zu meinem fünften Geburtstag geschenkt bekommen. Dieser hier ist zwar ganz sicher nicht reinrassig, aber er erinnert mich an ihn, wenn er auch ganz anders aussieht. Es ist wohl die Art, wie er mich anschaut. Oder hatten Sie ihm schon einen Namen gegeben?«

»Natürlich nicht! Ich kann ihn nicht behalten, selbst wenn ich wollte. Das geht nicht.«

»Bei mir zu Hause gibt es sechs Hunde. Da kommt es auf einen mehr nicht an.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen«, sagte sie leise.

»Immerhin habe ich den armen Streuner fast totgefahren«, sagte er leichthin. »Nun bin ich ihm in gewisser Weise etwas schuldig.«

»Sie versuchen, Ihr gutes Herz zu verbergen.«

Er hörte das Lächeln in ihrer Stimme und spürte den Blick, mit dem sie ihn von der Seite musterte. Auf ihre Feststellung erwiderte er nichts. Er hatte nicht nur eine Schwäche für Automobile, sondern auch für Tiere. Vor allem konnte er hilflose Kreaturen nicht leiden sehen. Deshalb hätte er es nie über sich gebracht, den halb verhungerten Hund einfach seinem Schicksal zu überlassen.

Erst als Claire neben ihm die Stallgasse entlangging, fiel ihm auf, wie zierlich sie war. Sie reichte ihm kaum bis zur Schulter und ähnelte mit ihren strahlend blauen Augen einer jener Feen, die in den Märchenbüchern seiner Kindheit abgebildet gewesen waren. Nur ihre dunklen Locken passten nicht ins Bild. Feen waren meistens blond, doch Helmut fand ihr Haar wunderschön.

»Hallo? Graumüller?«, rief er in die Tiefe des Stalls, der vom Schnauben und Hufscharren eines guten Dutzends Reit- und Wagenpferde erfüllt war. Helmut legte Wert darauf, die Namen aller Dienstboten zu kennen. Nun nicht nur im Haus seines Vaters, sondern auch in dem Haus, in dem seine Verlobte lebte. Er fand es unfreundlich, Menschen, die Arbeiten für ihn erledigten, nicht einmal mit ihrem Namen ansprechen zu können.

Innerhalb kürzester Zeit tauchte der Stallmeister aus einer der Boxen auf. Als er Helmut sah, verzog er sein faltiges Gesicht zu einem breiten Lächeln.

»Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Graf?« Interessiert betrachtete er den großen Hund, den Helmut von Haynbach auf den Armen trug.

Als Claire hörte, wie der Stallmeister ihn ansprach, stieß sie einen unterdrückten Laut aus. Es klang fast nach Entsetzen.

»Bitte nicht! Sie wissen doch, dass die Adelstitel in Deutschland vor drei Jahren abgeschafft worden sind.« Er lächelte Graumüller freundlich an.

Helmuts Vater hatte es bis heute nicht verwunden, dass er den Adelstitel von einem Tag auf den anderen verloren hatte. Er durfte sich immer noch als Wilhelm Graf von Haynbach vorstellen. Aber da es die Standesvorrechte ebenfalls nicht mehr gab, war es für ihn nicht dasselbe. Seine Dienstboten redeten ihn selbstverständlich weiterhin mit ›Herr Graf‹ an, eine Gewohnheit, auf die Helmut keinen Wert legte, die er ihnen aber nur schwer abgewöhnen konnte.

»Aber Herr Graf«, protestierte Graumüller, »nur weil irgendwelche Gesetze erlassen werden, ändert sich nichts an Dingen, die viele Jahre waren, wie sie eben sind.«

»Das Gesetz steht über allem«, beendete Helmut die Diskussion. Dann bat er den Stallmeister, Enno zu untersuchen.

»Ich halte ihn fest, während Sie ihn sich anschauen. Ich glaube, mittlerweile hat er etwas Vertrauen zu mir gefasst.« Helmut hockte sich neben den Stallmeister und legte seine Hand auf das struppige schwarze Fell. Unter seinen Fingerspitzen spürte er die hervortretenden Rippen. Er sah zu Claire auf, die zuschaute.

»Meinen Sie, Sie können in der Küche etwas Futter für Enno besorgen? Ein paar Fleischreste oder Kartoffeln mit Soße. Die Köchin wird schon etwas finden.«

Sie zögerte kurz. Dann nickte sie und verschwand in Richtung Stalltür.

Graumüller ließ sich Zeit. Er tastete jeden Knochen im mageren Körper des Hundes ab und drückte auch vorsichtig in den Bauch, um festzustellen, ob die inneren Organe verletzt waren.

»Ich denke, so weit ist alles in Ordnung mit ihm. Er hat eine Prellung an der Seite, und sein Vorderlauf ist gebrochen. Wenn der Herr Graf so freundlich wären, mir zur Hand zu gehen, können wir das Bein gleich schienen.«

»Sicher.« Helmut hielt den Hund am Boden und streichelte ihn beruhigend. Dabei sah er zu, wie Graumüller einen Stock auf die passende Länge brachte. Dann stützte Helmut das Bein, während der Stallmeister die provisorische Schiene mit einer langen Mullbinde am Vorderlauf des verletzten Tiers befestigte.

»Wie lange wird es dauern, bis der Knochen wieder zusammengewachsen ist?« Mit gerunzelter Stirn fragte Helmut sich, ob es nicht schwierig sein würde, den Hund daran zu hindern, durch zu heftige Bewegung wie Laufen und Springen die Schiene zu verlieren oder auf irgendeine andere Art letztlich ein verkrüppeltes Bein zurückzubehalten.

»So an die zwei Monate. Und meistens hinken sie hinterher. Wenn Sie ihn für die Jagd benutzen wollten, wird das nichts. Dann sollten der Herr Graf ihn lieber erschießen und sich einen anderen Hund besorgen.«

»Auf keinen Fall!« Helmut sah in die großen braunen Augen, aus denen der Hund ihn vertrauensvoll ansah. Dieses Vertrauen würde er nicht enttäuschen. Falls Enno tatsächlich später hinkte, dann war es eben so. Er würde sich nicht daran stören, zumal er den Hund mit seinem Automobil verletzt hatte. »Ein Berg Futter, ein Bad und eine Bürste, dann wird das ein Prachtbursche, selbst wenn er hinkt«, erklärte er energisch.

Der Stallmeister, der gewohnt war, den Nutzen von Tieren in den Vordergrund zu stellen, zögerte kurz und nickte schließlich.

»Wo bleibt sie denn?«, wunderte sich Helmut. Irgendetwas, das sich als Futter für einen Hund eignete, der ganz sicher nicht anspruchsvoll war, musste in einem Haushalt wie dem des Barons doch zu finden sein. Claire Lefevre war es ganz sicher nicht egal, ob der ausgemergelte Hund etwas zu fressen bekam. Seltsam, dass sie nicht zurückkehrte. Er bedankte sich bei Graumüller, bat ihn, ein Auge auf Enno zu haben, und machte sich auf den Weg ins Herrenhaus. Vor dem Eingang traf er auf seine Mutter, die sich soeben von ihrem Kutscher aus dem Landauer helfen ließ.

Höflich reichte Helmut ihr den Arm und führte sie die Freitreppe hinauf.

»Hattest du eine angenehme Fahrt, Mama?«

»Das will ich meinen. Ich bin unversehrt angekommen und musste mich unterwegs nicht zu Tode fürchten«, erwiderte Eveline Gräfin von Haynbach. Dabei versäumte sie nicht, einen anklagenden Blick hinüber zu dem Steyr zu schicken, der vor dem Stalleingang stand.

Natürlich hatte Helmut seiner Mutter angeboten, sie im Wagen mitzunehmen, und selbstverständlich hatte sie dieses Angebot entrüstet abgelehnt. Hilda und ihre Mutter hatten Helmuts Mutter zum Tee eingeladen, da an diesem Nachmittag die erste Anprobe des fast fertigen Brautkleids stattfinden sollte.

Als Bräutigam durfte Helmut das Kleid natürlich noch nicht sehen. Deshalb war er nur kurz da gewesen, um Guten Tag zu sagen. Das war ihm nicht einmal gelungen, da Hilda im ganzen Haus nicht aufzufinden gewesen war. Die wenigen Dienstboten, die er antraf, hatten ihm nicht sagen können, wo sie sich aufhielt. Er selbst hatte überall nachgesehen. Selbst im Souterrain. Nach seiner Erfahrung wusste das Küchenpersonal oft erstaunlich gut über die Pläne der Herrschaften Bescheid. Dort unten hatte er jedoch nur die auf den Knien herumkriechende Claire angetroffen und deshalb wenig später unverrichteter Dinge das Haus wieder verlassen.

»Da du ohnehin noch hier bist, bleibst du nun auch zum Tee«, bestimmte seine Mutter. »Wir passen schon auf, dass du das Kleid nicht zu sehen bekommst.«

»Nun ja. Vorhin habe ich weder Hilda noch ihre Mutter oder ihren Vater angetroffen, deshalb sollte ich wohl tatsächlich noch einen Versuch machen, Guten Tag zu sagen.«

Helmut begleitete seine Mutter zum Haus. Ohnehin wollte er auf jeden Fall Futter für den Hund besorgen, bevor er sich mit ihm auf den Heimweg machte.

Henner, der oberste Diener öffnete ihnen, und in der Halle erwartete sie bereits Margarethe von Bilgenstein. Zunächst begrüßte sie die Gräfin, dann Helmut.

»Schön, dass wir Sie doch noch zu sehen bekommen. Hilda wird sich freuen. Sie war vorhin von der Anprobe so nervös, dass ich mit ihr einen kleinen Spaziergang durch den Park gemacht habe. Als sie hörte, dass Sie in unserer Abwesenheit hier waren, war sie untröstlich.«

»Nun bin ich ja wieder da.« Helmut reichte Henner seine Lederkappe.

»Hilda ist noch für eine weitere Anprobe oben«, fuhr seine künftige Schwiegermutter im Jammerton fort. »Es ist solch eine Mühe, ein wirklich außergewöhnliches Hochzeitskleid zu bekommen. Ich glaube, die arme Hilda hat das Kleid allein heute schon ein Dutzend Mal anprobiert. Mal muss es ein bisschen enger gesteckt werden, dann wieder weiter; dann soll der Ausschnitt lieber tiefer sein, die Schleppe länger, die Ärmel bauschiger. So eine Beschwernis! Aber Hilda wollte ja unbedingt ein Modell von dieser Schneiderin aus dem Elsass. Davon war sie nicht abzubringen, seit sie das Ballkleid gesehen hatte, das die Französin für Sylvia von Achsmannshausen genäht hat.«

Wie meistens redete die Baronin ohne Punkt und Komma. Helmut hatte Mühe, sich auf ihre Sätze zu konzentrieren. Soweit er die lange Rede verstanden hatte, war eher die Schneiderin zu bedauern als Hilda, die furchtbar anspruchsvoll war, wie er wusste.

»Entschuldigen Sie mich bitte kurz, Schwiegermama.« Hildas Mutter bestand seit der Verlobung darauf, dass er sie Schwiegermama nannte. Ihm war es egal. Er konnte sich ebenso gut schon jetzt an diese Anrede gewöhnen.

Eilig durchquerte er die Halle und machte sich auf den kürzesten Weg hinunter in die Küche.

»Das ist die Dienstbotentreppe, Helmut, mein Lieber«, rief die Hausherrin ihm nach, doch er tat, als hätte er sie nicht gehört. Er lief die ausgetretenen Stufen ins Souterrain hinunter, klopfte höflich an die Küchentür und bat die Köchin um Essensreste für den Hund, den er im Stall abgegeben hatte.

»Ach, das ist für Ihren Hund, gnädiger Herr! Warum sagt das Mädchen denn das nicht gleich?« Die Köchin runzelte die Stirn.

Also war Claire doch hier gewesen. Helmut sparte sich die Mühe, herauszufinden, warum sie das Futter nicht in den Stall gebracht oder es herübergeschickt hatte. Er vergewisserte sich, dass ein Küchenmädchen dem Stallmeister einen großen Napf mit Fleisch- und Gemüseresten für seinen Hund bringen würde. Dann kehrte er ins Erdgeschoss zurück, wo sich die Damen bereits im Wintergarten um den Teetisch versammelt hatten.

Hilda war inzwischen ebenfalls aufgetaucht. Sie hielt Helmut die Wange zum Kuss hin, ohne ihre Erzählung über die zahlreichen Anproben, die sie an diesem Tag schon durchgestanden hatte, zu unterbrechen.

Mit ihren kinnlangen goldblonden Haaren und den vor Eifer leuchtenden Augen sah seine Verlobte entzückend aus.

»Aber ich bin ganz sicher, die Mühe lohnt sich«, verkündete sie. Mit ihrer weit ausholenden Armbewegung, die offenbar ausdrücken sollte, wie schön ihr Hochzeitskleid werden würde, fegte sie dem Diener beinahe die Teekanne aus der Hand.

Mit unbewegter Miene wich der Bedienstete zurück und trat gleich darauf wieder an den Tisch, um die Tasse der Baroness zu füllen.

Helmut, der nach einer Fahrt im offenen Wagen immer etwas Appetit hatte, nahm sich eines der hauchdünnen Plätzchen, die zum Tee gereicht wurden.

»Ich habe gleich eine Überraschung für euch«, verkündete Hilda mit geheimnisvoller Miene. »Besonders für dich, Helmut. Weil du mein Kleid vor der Hochzeit nicht sehen darfst, sollst du wenigstens einen kleinen Vorgeschmack bekommen.«

»Was meinst du damit, Liebes?«, erkundigte ihre Mutter sich in alarmiertem Ton.

»Die Schleppe. Sie gehört nicht eigentlich zum Kleid und ist so wunderschön, dass ich es nicht abwarten kann, sie Helmut zu zeigen. Sie wird gleich gebracht. Ihr zwei seht ja nachher das ganze Kleid.«

Gräfin Eveline und Baronin Margarethe schüttelten gleichzeitig die Köpfe und öffneten die Münder – wohl, um lautstark zu protestieren.

Im selben Moment erschien in der offenen Tür des Wintergartens eine zierliche Gestalt in einem perlgrauen Kleid. Helmut schnappte nach Luft. Er hatte sich schon gefragt, wieso Claire beim Tee nicht anwesend war. Nun wurde ihm schlagartig alles klar.

Als sie ihn am Tisch sitzen sah, errötete sie leicht und wich seinem Blick aus. Dann knickste sie und trat mit vorgestreckten Armen, auf denen fließende, elfenbeinfarbene Seide lag, an den Tisch heran.

»Weg, weg!«, kreischte Baronin Margarethe und wedelte so wild mit den Armen, dass nicht nur Claire zurückwich. Auch der Diener brachte erneut die Teekanne in Sicherheit. »Er darf das nicht sehen!«

Während die Baronin sich immer noch aufregte, erhob seine Mutter sich von ihrem Stuhl, als wollte sie Claire die Schleppe aus den Händen reißen, um sie unter dem Tisch zu verstecken.

Hilda lachte über das aufgeregte Getue der beiden älteren Frauen.

»Hierbleiben«, kommandierte sie. »Ich will, dass mein Verlobter die Schleppe sieht. Er soll sich auf das Kleid freuen.«

Zögernd kam Claire zum Tisch zurück. Auf Hildas energisches Zeichen hin blieb sie vor Helmut stehen und streckte ihm die Arme entgegen, über die der Stoff drapiert war. Jetzt erkannte er, dass die Schleppe, die Hilda ihm so dringend zeigen wollte, mit unzähligen schimmernden Perlen benäht war.

»Ist das nicht schön?«, hauchte seine Braut, während seine Mutter und seine künftige Schwiegermutter immer noch schwache Protestlaute von sich gaben.

»Sehr schön«, lobte er. »Was für eine aufwendige Arbeit. Haben Sie die Perlen aufgenäht?« Die Frage war an Claire gerichtet.

»Die meisten«, entgegnete sie leise und zuckte ein wenig zurück, als er mit den Fingerspitzen die kühle Seide berührte und über eine der Perlen strich.

»Da ist eine Falte.« Mit gerunzelter Stirn musterte Margarethe den Stoff. »Sie hätten die Schleppe bügeln müssen, bevor sie hier vorgeführt wird.«

Claire errötete. »Entschuldigung. Ich dachte nur … Weil die Baroness es so eilig hatte.«

»Das ist keine Entschuldigung für schlampige Arbeit.« Die Baronin funkelte Claire wütend an.

Die junge Frau schwieg und presste die Lippen aufeinander.

»Was mich betrifft, kann ich auch so sehr gut erkennen, wie schön diese Schleppe ist«, sprang ihr Helmut bei. »Ich bin sicher, wenn Hilda in dem Kleid zum Traualtar schreitet, wird niemand auch nur die kleinste Falte entdecken können.«

»Sie können gehen«, entließ Hilda die Näherin, die hörbar aufatmete. »Und sehen Sie zu, dass ich meiner Mutter und meiner Schwiegermutter nachher wenigstens einen Teil der gestickten Rosenknospen am Saum zeigen kann.«

Claire deutete einen Knicks an und eilte in Richtung Tür.

»Enno ist übrigens mittlerweile satt, nehme ich an. Ich habe vorhin Futter in den Stall schicken lassen«, bemerkte Helmut, dem es nicht gefiel, wie die Frauen mit Claire umsprangen.

Sie wandte den Kopf, nickte schweigend und verschwand. Hilda, seine Mutter und seine Schwiegermutter sahen ihn verblüfft an.

»Wer ist Enno?«, fragte die Baronin und runzelte die Stirn.

»Mein Hund.« Helmut lächelte sie freundlich an. »Ich habe ihn beim Stallmeister gelassen und Claire Lefevre gebeten, für Futter zu sorgen. Aber in der Küche wollte man ihr offenbar nichts geben. Keine Ahnung, warum.« Natürlich wusste er das ganz genau. Die Köchin hatte sich geweigert, einer Bitte der Näherin nachzukommen.

»Du weißt, wie sie heißt?« Hildas blonder Pagenkopf ruckte in Richtung Tür. Die Frage, woher er die Näherin kannte, schien sie deutlich mehr zu interessieren als die Tatsache, dass er plötzlich einen Hund namens Enno besaß.

»Du nicht? Ich kenne gern die Namen der Menschen, die ich um einen Gefallen bitte.«

Hilda zuckte mit den Schultern und wich seinem Blick aus.

»Ist sie die Schneiderin deines Kleides?«

»Ich bitte dich!« Hilda rollte kokett mit den Augen. »Ich lasse mein Hochzeitskleid doch nicht von einem Kind nähen. Das macht ihre Mutter. Diese Claire erledigt nur Hilfsarbeiten.«

Helmut fand es ziemlich übertrieben von der neunzehnjährigen Hilda, Claire, die mindestens achtzehn war, als Kind zu bezeichnen. Er sagte aber nichts, denn er glaubte zu wissen, warum Hilda so gereizt reagierte.

Als Mann gingen ihn offiziell weder die Schneiderin seiner künftigen Frau noch die Stubenmädchen, Zofen oder andere dienstbare Geister etwas an, die für sie oder im Haushalt arbeiteten. Dennoch nahm er sich vor, nach der Hochzeit mit Hilda über dieses Thema zu sprechen. Die Zeiten änderten sich, und es gefiel ihm nicht, wie sie die Dienstboten behandelte.

Nach Ende des Krieges waren nicht nur die Republik ausgerufen und die Vorrechte des Adels abgeschafft worden. Auch die Gesindeordnung existierte nicht mehr, deren Regeln Hauspersonal fast zu Leibeigenen gemacht hatte. Sie hatten keine geregelten Arbeitszeiten gekannt, sondern mussten schuften, bis die Arbeit des Tages erledigt war. Es kümmerte niemanden, wenn sie erst um Mitternacht todmüde ins Bett fielen und am nächsten Morgen um fünf Uhr wieder aufstanden. Soweit er beobachtet hatte, ging es im Haus der von Bilgensteins immer noch so zu.

In seinem Haushalt würde es das nicht geben, so viel stand für Helmut fest.

Nachdenklich nahm er einen Schluck von seinem Tee. Auch seine Mutter ging nicht sonderlich freundlich mit dem Personal um. Aber Hilda und er würden ihren eigenen Flügel im Herrenhaus bewohnen und ihr eigenes Personal einstellen. Und dort würden die modernen Zeiten Einzug halten.

4

Schloss Haynbach, Wallburg, Anfang April 1922

Die Pferde trabten eine schnurgerade, von hohen Linden gesäumte Allee entlang. Claire reckte den Hals, um möglichst früh einen Blick auf den Stammsitz der Grafen von Haynbach zu erhaschen, der in der Nähe des kleinen Weinortes Wallburg lag. Gräfin Eveline hatte eine Kutsche zum Herrenhaus des Barons von Bilgenstein nach Oberschopfheim geschickt, um Claire und ihre Mutter samt Gepäck dort abholen zu lassen.

Normalerweise wären sie jetzt auf dem Weg zum nächsten Bahnhof gewesen, um ins Elsass zurückzukehren. Doch als die Gräfin das Hochzeitskleid gesehen hatte, das sie für Baroness Hilda angefertigt hatten, war sie vor Entzücken völlig außer sich geraten. Sie hatte bei Louise auf der Stelle ein Ballkleid bestellt. Und zusätzlich ein Tageskleid, das sie bei der kirchlichen Trauung ihres Sohnes tragen wollte.

Claire wäre lieber zurück nach Hause gefahren. Dort verdienten sie mit den gelegentlichen Aufträgen für Festtagsgewänder oder Sonntagskleider zwar sehr viel weniger, als die wohlhabenden Damen in Baden für ihre aufwendige Garderobe bezahlten. Aber was sie in Andlau erwartete, wusste sie. Dagegen hatte sie keine Ahnung, ob die Bediensteten auf Schloss Haynbach ebenso garstig zu ihr sein würden wie im Haus des Barons.

Auch war Claire sich nicht sicher, ob sie Helmut von Haynbach wiedersehen wollte, was zwangsläufig geschehen würde, wenn sie sich wochenlang im Haus seiner Eltern aufhielten. Er war ein freundlicher Mann, doch die Art und Weise, wie er sie anschaute, machte sie unruhig. Ihr Herz klopfte schneller, und manchmal stockte ihr der Atem. Das durfte nicht sein, denn er würde in weniger als drei Monaten die Baroness heiraten, deren Hochzeitskleid sie mit ihren eigenen Händen bestickt hatte. Und selbst wenn es nicht so gewesen wäre: Er war der Sohn eines Grafen. Ein Mann von Stand, der es mit einer Näherin niemals ernst meinen konnte. Auf Schloss Haynbach würde sie versuchen, ihm, so gut es ging, aus dem Weg zu gehen.

Am Ende der nunmehr steil aufwärts führenden Lindenallee tauchte ein Bauwerk auf, das majestätisch auf einem Hügel thronte. Mit großen Augen starrte Claire den Wohnsitz der Grafen von Haynbach an. Sie war von der Schönheit des Schlosses überwältigt.

Das riesige Gebäude war aus hellem Sandstein erbaut, und seine Flügel umschlossen einen rechteckigen Innenhof. Jede der vier Ecken wurde von einem Turm flankiert, doch der höchste Turm erhob sich über dem vorderen Längsflügel. Über seinen Zinnen wehte eine grüne Fahne mit einem Motiv in der Mitte, das Claire aus der Ferne nicht erkennen konnte.

Sie erinnerte sich, was Helmut ihr auf ihren erstaunten Blick hin über das Wappen der Grafen von Haynbach erzählt hatte, das sogar auf der Fahrertür seines Automobils angebracht war. »Es zeigt in der Mitte den Seltenbach, der unten durchs Dorf fließt, darüber eine Tanne als Symbol für unseren schönen Schwarzwald und darunter ein Hirschgeweih«, hatte er ihr erklärt. »Seit vielen Generationen betreiben Männer aus meiner Familie die Jagd.«

Wahrscheinlich wehte dort oben auf der Fahne das Familienwappen über dem Wohnsitz des Grafen und seiner Angehörigen im Wind.

Rings um das Schloss erstreckte sich bis zum Fuß des Hügels ein terrassenförmig angelegter Park, den an der Vorderseite die breite Auffahrt durchschnitt.

Sie fuhren durch ein weit geöffnetes schmiedeeisernes Tor, das auf beiden Seiten von je einem bronzenen Löwen bewacht wurde. In den oberen Teil des Tors war ein vergoldetes Wappen eingelassen, auf dem Claire die Dinge wiedererkannte, die Helmut ihr beschrieben hatte – den Bach, die Tanne und das Geweih.

»Wie schön!« Claire deutete auf ein riesiges Beet, auf dem sich selbst an diesem frühen Apriltag schon rote, gelbe und blaue Blüten sanft im Wind wiegten.

Ihre Mutter schien weniger beeindruckt. Sie runzelte die Stirn. »Derart reiche Leute sind meistens besonders verwöhnt und anspruchsvoll«, sagte sie mit gesenkter Stimme, damit der Kutscher sie nicht hörte.

»Ich fand die Gräfin netter als Baroness Hilda. Und Helmut von Haynbach ist wirklich freundlich. Wenn man es nicht weiß, kommt man gar nicht darauf, dass er ein reicher Erbe ist.«

Louise unterdrückte einen Seufzer. »Dass er ein paar nette Worte für die Schleppe gefunden hat, bedeutet nicht, dass er keinen Standesdünkel hat. Du liebe Güte! Er heiratet schon bald eine Baroness, und wenn das Geld der beiden Familien zusammenkommt, wird es wahrscheinlich so viel sein, dass niemand es auch nur zählen kann.«

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