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Mitternachtsspiele

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.


Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.


Carly Phillips

Ein erotisches Rendezvous

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Berna Kühne-Spicer

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1. KAPITEL

„Sie werden verlangt.“

Mallory Sinclair sah von dem komplizierten Mietvertrag auf, den sie gerade studierte. Ihre Sekretärin Paula stand in der Tür.

„Tut mir Leid, ich habe das Klopfen gar nicht gehört“, entschuldigte Mallory sich.

„Weil ich gar nicht geklopft habe. Wenn der Terminator ruft, gibt es nämlich keine Zeit zu verlieren. Besonders, wenn man sich noch schnell zurechtmachen will, bevor man die Höhle des Löwen betritt.“

Paula war jung und schön und stets auf Draht. Sie ließ jetzt viel sagend ihre Augenbrauen auf- und abschnellen, um Mallory darauf hinzuweisen, dass sie sich für diesen unerwarteten Besuch beim bestaussehenden Teilhaber der Kanzlei tatsächlich lieber ein wenig zurechtmachen sollte.

Mallory langte jedoch nach einem Schreibblock, anstatt nach ihrer Handtasche. Seit acht Jahren schon arbeitete sie für die Kanzlei Waldorf, Haynes, Greene, Meyers & Latham. Und obwohl sie es gewohnt war, ihre Gefühle zu verbergen, bekam sie jetzt doch wacklige Knie in ihren schlichten Pumps.

Sie hatte dafür gekämpft, bestimmte Fälle übertragen zu bekommen, hatte sich für Dinge, von denen sie überzeugt war, mit ihren Vorgesetzten angelegt, war weiter im Beruf geblieben, als die anderen Anwältinnen bereits gekündigt hatten, entlassen worden waren oder Kinder bekommen hatten. Mallory war mittlerweile die einzige Anwältin in dieser von Männern dominierten Firma. Noch ein Jahr, und sie konnte auch Teilhaberin werden. Um so weit zu kommen, durfte man die Konfrontation nicht scheuen, und Mallory war die Letzte, die einen Streit zu umgehen versuchte. Sie hatte nie Angst gehabt, mit dem jeweiligen Vertreter der Gegenpartei oder auch mit einem Kollegen zusammenzuarbeiten oder sich mit ihnen auseinander zu setzen.

Heute jedoch war das anders.

Sie leitete die Immobilienabteilung der Kanzlei, und es war bisher noch nie vorgekommen, dass der Top-Scheidungsanwalt Jack Latham sie zu sich gerufen hatte. Er war ein Mann mit enorm viel Sexappeal und galt als geradezu tödlich in seinem Job als Terminator – als Eheterminator. Wenn er Mallory jetzt sehen wollte, musste er einen bestimmten Grund dafür haben.

„Ich könnte ihm ausrichten, Sie seien beschäftigt“, schlug Paula vor. „Dann würde ich mir einfach diktieren lassen, was er Ihnen zu sagen hat.“

Mallory entging der hilfsbereite Tonfall ihrer Sekretärin nicht. Paula flirtete gern und starb vermutlich fast vor Neid, weil Mallory zu Jack Latham gehen durfte. Er war der Star der Kanzlei. Die Frauen vergötterten ihn, die Männer respektierten ihn.

Wenn die Gerüchte stimmten, dann glaubte er weder an die Ehe als Institution noch an jegliche andere Form einer festen Beziehung. Doch seine Ansichten schreckten die weiblichen Kanzleiangestellten nicht. Jede einzelne von ihnen war insgeheim der festen Überzeugung, dass genau sie diejenige war, der es gelingen würde, seine Meinung zu ändern.

Mallory lächelte schwach. „Vielen Dank für das Angebot. Aber ich denke, ich werde klarkommen.“

„Schade. Etwas Abwechslung könnte ich gerade ziemlich gut gebrauchen. Die Besprechung mit mir würde er bestimmt so schnell nicht wieder vergessen!“ Paula zog ihren ohnehin schon gewagt kurzen Rock noch ein Stückchen höher.

Mallory unterdrückte ein Lachen. Jack hatte Glück, dass in dieser Kanzlei Affären zwischen den Mitarbeitern verboten waren, seit eine Angestellte vor drei Jahren einen der älteren Anwälte wegen sexueller Belästigung verklagt hatte. Die Angelegenheit war damals ohne großes Aufsehen beigelegt worden, und der Anwalt, der zu den Mitbegründern der Kanzlei gehört hatte, war in Pension gegangen. Doch seitdem herrschte strenges Affärenverbot. Frauen wie Paula konnten sich auf den Kopf stellen, ohne dass sie einen der männlichen Anwälte an die Angel bekamen, und andersherum genauso.

Doch der Fantasie konnte man mit Verboten keinen Einhalt gebieten, und daher gab es im ganzen Büro, von der Sekretärin über die ReNo-Gehilfin bis hin zur einzigen Anwältin keine Frau, für die Jack Latham nicht Traum ihrer schlaflosen Nächte gewesen wäre.

Der Unterschied zwischen Mallory und den anderen Frauen bestand lediglich darin, dass Mallory ihr Interesse für sich behielt. Sie konnte es sich nicht leisten, dass ihr Ruf auch nur im Geringsten geschädigt wurde.

Sie sah zu Paula, die mit enttäuschtem Gesicht dasaß und eine Strähne wasserstoffblonder Haare um ihren Finger wickelte, und grinste. „Wenn dieser Mann eine Ahnung hätte, wovor ich ihn bewahre – er würde mir auf Knien dafür danken.“

„Ich jedenfalls hätte nichts dagegen, wenn er vor mir den Kniefall machen würde“, entgegnete Paula und seufzte übertrieben. Dann sah sie auf ihre Armbanduhr. „Sie sollten sich jetzt lieber auf den Weg machen. Er sagte was von schnellstens.“

„Danke.“ Den Schreibblock unter ihrem Arm, verließ Mallory ihr Büro und ging den Gang hinunter.

Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und stellte dabei fest, dass sie schwitzte. Meine Güte, sie kam sich vor wie ein Teenager, der zum ersten Mal verknallt war! Das war ganz und gar unzulässig. Immerhin hatte sie Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um sich in dem eingeschworenen Team der Kanzlei zu etablieren und in absehbarer Zeit in ihren illustren Kreis aufgenommen zu werden.

Unter anderem hatte sie nach außen hin ihre Weiblichkeit unterdrückt. Sie versteckte die Reizwäsche, die sie so gern trug, unter streng konservativen Kostümen, verbarg die sorgfältig pedikürten Füße mit den grellfarbigen Zehennägeln in schmucklosen Pumps und achtete darauf, nie mit lackierten Fingernägeln in der Kanzlei zu erscheinen. Selbst ihr Sinn für Humor und ihre Warmherzigkeit waren hier unerwünscht. Mallory trug eine Maske aus kühler Sachlichkeit und erkannte sich meist selbst kaum wieder, wenn sie in den Spiegel sah.

Dafür würde sie nächstes Jahr endlich die ersehnten Früchte dieser Selbstverleugnung ernten können: Sie würde die erste Teilhaberin dieser Kanzlei sein, und ihr Vater würde ihr endlich die Anerkennung gewähren, die sie sich so von ihm wünschte. Er hatte sich damals einen Sohn gewünscht und stattdessen Mallory bekommen. Nun endlich würde er einsehen, dass auch sie etwas wert war.

Sie holte tief Luft. „Bald habe ich es geschafft“, sagte sie absichtlich laut, um sich daran zu erinnern, wie hart sie für all das gearbeitet hatte und wie unglaublich weit sie schon gekommen war.

Auf gar keinen Fall würde sie alles kaputtmachen, was sie acht Jahre lang aufgebaut hatte, nur weil Jack Latham, ihr heimlicher Schwarm, sie zu sich rufen ließ! Oh ja, sie würde schon klarkommen mit Jack Latham.

Einen Moment noch zögerte sie vor der Tür zu seinem Büro, um sich die feuchten Handflächen am Rock abzuwischen und die Haare glatt nach hinten zu streichen. Dann klopfte sie dreimal, kräftig und schnell hintereinander.

„Kommen Sie nur herein.“ Die tiefe Stimme klang wie fernes Donnergrollen durch die geschlossene Tür.

Mallory empfand eine seltsame Mischung aus Wärme und freudiger Erwartung. Sie griff nach dem Türknauf und trat ein, allerdings nicht ohne vorher noch einmal einen prüfenden Blick auf ihren Busen geworfen zu haben, ob auch ja alle Perlmuttknöpfe an ihrer Bluse geschlossen waren und nirgendwo ein freches Stück Spitze hervorschaute. Dann trat sie ein und schloss die Tür hinter sich.

Die Hände auf dem Rücken ineinander gelegt, stand Jack Latham am Fenster und sah hinaus, wo im Hintergrund der imposante Wolkenkratzer des Empire State Buildings in den Himmel ragte.

Seine breiten Schultern steckten in einem marineblauen Nadelstreifenjackett. Es war ein europäischer Designeranzug, den er trug, und der Schnitt betonte die kraftstrotzende Statur seines Trägers. So bot der Mann am Fenster ein nicht weniger beeindruckendes Bild als das mächtige Gebäude hinter den hohen Glasscheiben. Die Sicht war zwar nicht besonders klar, doch an einem Sommertag in New York einen solchen Blick aus den zwei riesigen Fenstern eines Eckbüros zu haben, war ein nicht zu verachtendes Privileg, fand Mallory.

Er drehte sich nicht um, als die Tür ins Schloss klickte. Aber Mallory wunderte sich nicht. Sie kannte das Spiel ebenso gut wie er. Er wusste, wer da bei seinem Schreibtisch stand und auf seine Aufmerksamkeit wartete. Immerhin hatte er sie ja rufen lassen. Aber wenn er sich ihr sofort zugewandt hätte, wäre die hierarchische Beziehung zwischen ihnen womöglich auf eine Ebene der Gleichwertigkeit gerutscht, und das würde er bei angestellten Anwälten niemals tun. Schon gar nicht, wenn sie weiblichen Geschlechts waren. Jedes Mal, wenn sie zum ersten Mal mit einem der Teilhaber zu tun hatte, war es dasselbe.

Sie hatte gelernt, sich eine solche Behandlung nicht zu Herzen zu nehmen. Genauso hatte sie aber auch gelernt, es sich nicht schweigend gefallen zu lassen.

Sie räusperte sich. „Entschuldigen Sie, Mr. Latham. Sie hatten nach mir rufen lassen?“

Schweigen.

Merkwürdig, dachte Mallory. Aber sie kannte ihn ja kaum. Obwohl er schon länger in der Kanzlei war als sie, hatten sie bisher so gut wie nie miteinander zu tun gehabt, denn bei fünfundsiebzig Anwälten, die in diesem Haus über drei Etagen verteilt arbeiteten, blieb die Wahrscheinlichkeit, dass man einander unter vier Augen begegnete, ziemlich gering.

Noch ein Versuch, dann würde sie wieder gehen. Gnadenlos. Er konnte ihr ja hinterherkommen, wenn er mit diesem albernen Machtspiel nicht sofort aufhörte.

„Mr. Latham?“

Da war sie wieder, diese Stimme, die seine Gedanken unterbrach. Es war eine viel sanftere Stimme, als Jack erwartet hatte, und sie stand in krassem Widerspruch zu dem Ruf, den Mallory Sinclair hier im Hause hatte. Der Klang war einerseits so klar, dass durchaus der Verstand eines Mannes angesprochen wurde, anderseits aber auch ein wenig rau, so dass auch seine Sinne reagierten und er an heiße Nächte in kühlen Laken denken musste.

Jack schüttelte den Kopf und schüttelte diese Gedanken ab. Nach allem, was er von Mallory Sinclair bisher gehört und gesehen hatte, war sie nicht gerade eine Quelle der Inspiration für schlüpfrige Fantasien. Als er sich nun umdrehte zu der einzigen Anwältin des Hauses, brachte ihr Anblick ihn auch prompt wieder zur Besinnung.

Die Frau, der er hier gegenüberstand, war so knallhart, wie ihre Stimme weich klang. Ihre Haare waren streng nach hinten gebunden, der Rock bedeckte züchtig die Knie, und die Kostümjacke war von äußerst konservativem Schnitt. Nicht ein Zentimeter an ihr entsprach seinem Bild von einer Traumfrau.

Allerdings würde sie die Frau sein, mit der er in einer Ferienanlage zusammengepfercht sein würde. In einer Ferienanlage vor der Küste von Long Island, die dem wichtigsten Mandanten der Kanzlei gehörte. Und niemand konnte vorhersagen, wie lange diese Verbannung dauern würde.

Jack räusperte sich und begegnete Mallory Sinclairs Blick. Er sah, wie hinter der schwarzrandigen Brille die Augen schmal wurden, und er hätte jetzt nicht einmal mehr sagen können, ob diese Augen blau oder grau waren. Offenbar war sie verärgert. Es war nicht seine Absicht gewesen, gleich Minuspunkte bei ihr zu sammeln, weil sie denken musste, er wolle sie ignorieren.

Während er auf sie gewartet hatte, hatte sein Vater ihn angerufen. Wie es schien, hatte seine Mutter wieder einmal eine Affäre mit einem anderen Mann, diesmal jedoch noch viel öffentlicher als sonst. Und diesmal hatte sein für gewöhnlich nachsichtiger Vater die Nase voll gehabt und war gegangen. Es grauste Jack bei dem Gedanken, dass sein Vater jetzt eine jener hässlichen Scheidungsprozesse durchmachen würde, auf die sein Sohn sich als Anwalt spezialisiert hatte.

Allerdings war es höchste Zeit, dass endlich etwas passierte. Die Ehe hätte eigentlich längst in die Brüche gehen müssen, genau wie viele andere auch. Und wenn sein Vater nicht so unendlich geduldig und nachsichtig gewesen wäre, dann wäre Jacks Mutter schon lange wieder solo. Aber sosehr sein Vater ihm auch Leid tat – es blieb Jack nichts weiter übrig, als die Familienangelegenheiten auf später zu verschieben.

Denn im Moment hatte er Probleme, die er sofort zu lösen hatte. Er trat vom Fenster zurück. „Ich war gerade in Gedanken“, erklärte er und sah, wie ihre Hände die Schreibtischkante umklammerten.

„Offensichtlich“, entgegnete sie. „Ich kann gern wiederkommen, wenn es Ihnen besser passt. Auf meinem Schreibtisch türmt sich die Arbeit.“

Arbeit, von der er sie anscheinend abhielt, und darüber war sie nicht eben erfreut. Vermutlich würde sie gleich noch viel weniger begeistert sein, wenn sie erfuhr, weshalb er sie so kurzfristig zu sich gerufen hatte.

„Nein, das ist schon in Ordnung“, sagte er. „Setzen Sie sich.“

Er deutete auf den Ohrensessel, der in einer Ecke stand. Sein Vater hatte ihm den geschenkt, als er zum Teilhaber der Kanzlei aufgestiegen war, während seine Mutter es einst nicht einmal geschafft hatte, zur Abschlussveranstaltung seines Jurastudiums zu kommen. Noch viel weniger interessierte sie sich später für die Karriere ihres Sohnes.

Mallory ließ sich in dem Sessel nieder und schlug ein Bein über das andere. Sein Blick fiel auf den Falten werfenden Stoff, der bei weitem zu viel Haut bedeckte, selbst für diesen ernsthaften Beruf.

„Ich höre“, sagte sie ruhig.

Ihre Stimme erregte wieder seine Aufmerksamkeit. Bemerkenswert, dachte er. Wenn er sich nicht gerade auf ihre ungeschminkten Gesichtszüge oder ihr sachliches Maßkostüm konzentrierte, dann brachte diese rauchige Stimme seine Nervenenden zum Vibrieren, und sein Gehirn sendete vollkommen falsche Signale zu anderen Regionen seines Körpers, die sich daraufhin erhoben, obwohl sie das während der Arbeitszeit gefälligst zu unterlassen hatten! Er setzte sich unruhig zurecht.

„Was kann ich für Sie tun?“ fragte Mallory.

„Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen. Wenn ich recht verstanden habe, sind Sie gegenwärtig mit einer Immobilienangelegenheit befasst. Ich habe bereits dafür gesorgt, dass die Sachen, die Ihnen übertragen wurden, in der Kanzlei verteilt werden, damit Sie etwas mehr Freiraum haben. Für mich.“

Seine Worte bewirkten, dass Mallory einen plötzlichen Hustenanfall bekam. Besorgt stand Jack von seinem Bürostuhl auf und ging zu ihr hinüber. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“

Sie setzte die Brille ab und trocknete sich die Augen mit einem Papiertaschentuch, das sie sich rasch von seinem Schreibtisch gegriffen hatte. „Ja, völlig. Absolut. Ich habe mich nur verschluckt. Tut mir Leid.“

Es war ihr offenbar peinlich. Sie räusperte sich und trocknete sich noch einmal die Augen ab, bevor sie Jack wieder anschaute.

Als er dem Blick dieser porzellanblauen Augen begegnete, hatte Jack das Gefühl, unerwartet einen Hieb in den Magen zu bekommen. Er hielt den Atem an und bekam beinahe selbst einen Hustenanfall. Heiliger Bimbam, man hätte ihn warnen sollen! Wer konnte denn ahnen, dass diese Frau derart schöne, ausdrucksvolle Augen hatte?

Bevor er weiterredete, setzte sie sich jedoch wieder ihre schwarzrandige Brille auf und rückte sie auf ihrer Nase zurecht. Sogleich verhinderten wieder dicke Gläser, dass man ihr direkt in die Augen sehen konnte, und Jack fragte sich, ob er sich die Tiefe und Klarheit der Farbe ihrer Iris nicht nur eingebildet hatte.

„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte sie. „Sie haben meine Arbeit an andere verteilt? Hat Ihnen denn niemand gesagt, dass die Firma Mendelssohn Leasing darauf bestanden hat, ich persönlich solle mich um ihren neuesten Grunderwerb kümmern?“

Er kehrte hinter seinen Schreibtisch zurück und machte es sich wieder auf seinem gepolsterten Stuhl bequem. Ihm war ganz eigenartig zumute. Irgendwie aus der Bahn geworfen. Diese Mallory Sinclair hatte ihn auf einmal verunsichert. So etwas war ihm noch nie passiert, weder beruflich noch in Gegenwart einer Frau. Jeder Zentimeter Abstand war da höchst willkommen.

„Ich kann Ihnen versichern, dass ich in vollem Umfang darüber informiert wurde. Aber nach Abwägen aller Interessen und in Anbetracht der Größenordnungen haben wir uns zu Leathermans Gunsten entschieden.“

„Unser wichtigster Mandant“, bemerkte sie sachlich. „Einer, der allerdings auch Aufträge an andere Kanzleien vergibt und uns damit der Gefahr ausgesetzt hat, eine wichtige Einkommensgrundlage zu verlieren.“

Oho, sie wusste auch über die höheren Kanzleiinterna Bescheid!

„Richtig“, bestätigte er. „Diesmal jedoch geht es nicht um eine mögliche Fusion oder Übernahme, sondern um Mr. Leathermans Scheidung.“

Sie legte den Kopf schräg und betrachtete ihn aufmerksam durch ihre Brille. „Wenn Sie involviert sind, liegt eine solche Vermutung ziemlich nahe. Unklar ist mir nur, was ich damit zu tun habe. Sie könnten einen der Anwälte nehmen, die sich auf Privat- und Familienrecht spezialisiert haben. Mich brauchen Sie dabei nicht.“

Jack lehnte sich vor und stützte die Ellenbogen auf die Schreibtischplatte. „Da irren Sie sich. Selbst, wenn es uns beiden anders lieber wäre – ich brauche genau Sie.“

Seine Wahl war allerdings nicht sofort auf Mallory Sinclair gefallen. Er war schlicht überstimmt worden. Seine Partner waren der Überzeugung, dass die Anwesenheit einer Frau bei den Gesprächen mit dem Mandanten von Vorteil sein würde. Sie spekulierten darauf, dass es dann leichter wäre, ihn zu mehr Härte gegenüber seiner Gattin zu bewegen. Dem hatte Jack nichts entgegenzusetzen gehabt. Die Kanzlei konnte es sich nicht leisten, den Mandanten Leatherman endgültig zu verlieren. Da war es von immenser Bedeutung, die Scheidung zu seinem größtmöglichen Vorteil zu gestalten.

Mallory schwieg einen Moment und wartete. Dann fragte sie ein wenig ärgerlich: „Warum erklären Sie mir nicht einfach, warum Sie mich brauchen?“ Und nach einer winzigen Pause setzte sie hinzu: „Bitte.“

Jack nahm einen Bleistift und rollte ihn zwischen seinen Handflächen hin und her. „Ganz einfach. Leatherman will den Scheidungsprozess gewinnen. Er will ein Team von Anwälten, die klar auf seiner Seite stehen und in seiner Frau nichts als einen habgierigen Drachen sehen, gegen den sie sich nicht scheuen, alle zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden. Und wir finden, dass wir seinen Ansprüchen am besten gerecht werden können, wenn wir ihm eine weibliche Anwältin in diesem Team präsentieren. Denn bei den Verhandlungen mit Mrs. Leatherman wird es vorteilhaft sein, wenn die Gespräche von Frau zu Frau stattfinden. Sie als Frau werden einen Zugang zu ihr bekommen, der beispielsweise mir als Mann verwehrt bleiben würde.“

Er beobachtete, welche Gefühle bei seinen Erklärungen auf ihrem Gesicht sichtbar werden würden. Keine. Was immer sie bei seinen Worten dachte, sie ließ nichts davon nach außen dringen. Diese Frau hatte das perfekte Pokergesicht, fand Jack, und sie stieg in seiner Achtung.

Er begann zu ahnen, wie sie es geschafft hatte, sich neben den älteren und vor allem männlichen Anwälten in dieser Kanzlei behaupten zu können. Doch noch hatte sie sich das hundertprozentige Vertrauen der Teilhaber nicht erarbeitet. Jack bezweifelte auch, dass einer Frau das überhaupt jemals gelingen konnte. In dieser Kanzlei regierte die verschworene Bruderschaft jener Teilhaber, die schon bei der Gründung dabei gewesen waren, und sie machten absolut kein Geheimnis daraus.

Jack vertrat in vielen Belangen nicht dieselbe Meinung wie diese Männer, einschließlich der Angelegenheit, um die es momentan ging. Er vertraute Frauen nicht, was die Ehe betraf. Alle Erfahrungen, die er in der eigenen Familie und mit seinen diversen Mandanten gemacht hatte, sowie die Zahlen der Scheidungsstatistiken untermauerten diese Einstellung nur. Aber ganz abgesehen davon, in welchem Maße Frauen im privaten Bereich versagten – im Beruf war alles anders. Hier zählte nichts als Können. Die alten Jungs waren nicht so leicht zu überzeugen, aber diesmal konnte Mallory ihnen wirklich von Nutzen sein. Und sie schien das genau zu wissen.

Sie nickte langsam. „Ich gehöre also Ihnen. Einfach, weil ich die einzige Anwältin in der Kanzlei bin.“

Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Wenn Sie so wollen, ja.“

Sie war eine der Besten, soweit er bisher gehört und selbst gesehen hatte. Aber bevor sie mit Leatherman arbeiten konnten, mussten sie beide erst einmal ein informelles Treffen mit ihm über sich ergehen lassen. Um einander besser kennen zu lernen. Das hatte ihr eigenwilliger Mandant sich so gewünscht. Wenn Jack allerdings an Mallorys kühle Beherrschtheit und ihre ernsthaften Blicke dachte, dann freute er sich nicht besonders auf die eher unfreiwillige Zusammenarbeit.

Dennoch konnte er den Anblick der porzellanblauen Augen nicht vergessen. Sie faszinierten ihn. Und er fragte sich unwillkürlich, was noch alles ihm bisher über Mallory Sinclair verborgen geblieben war.

Sie stand auf. „Damit ist die Sache wohl klar.“

„Ich bin sicher, wir werden es beide überleben“, sagte er und lächelte ein wenig, um die Atmosphäre etwas zu entspannen. Er wartete, ob sie zurücklächeln würde, wurde aber enttäuscht.

„Ich muss noch ein paar Dinge ordnen, bevor ich mich mit der Leatherman-Sache befassen kann“, sagte sie.

„Kein Problem. Unser Flug geht erst heute Abend, Punkt sieben Uhr. Glauben Sie, Sie können das Nötige noch ordnen, Ihre Sachen packen und, sagen wir, in …“, er sah auf seine Armbanduhr, „… drei Stunden am Flughafen sein?“

Ihr ungeschminkter Mund öffnete sich und schloss sich gleich darauf wieder. „Unser Flug?“ fragte sie. Es war mehr ein Krächzen.

Er nickte. „Mr. Leatherman wohnt derzeit in seiner Ferienanlage in Hamptons. Er hat keine Lust, den Urlaub abzubrechen, also müssen wir dorthin. Schnappen Sie sich nur Sonnenbrille und Badeanzug, und schon sind wir unterwegs ans Meer.“

Mallory rollte langsam ihre Seidenstrümpfe über die Beine und genoss das Gefühl auf ihrer Haut. Wie sehr sie den kleinen Luxus im Alltag vermisste! Seide, Satin und alles, was sich sanft und weich anfühlte. Deshalb verwöhnte sie sich wenigstens damit, unter dem konservativen Äußeren delikateste Wäschestücke zu tragen.

Sie hatte aus Versehen den taschenbuchgroßen Flakon mit ihrem Lieblingsparfüm umgekippt, das normalerweise nur für abends nach der Arbeit gedacht war. Nun erfüllte der angenehme Duft das Zimmer und besänftige Mallorys Sinne. Aber weder die konservative Anwältin noch die darunter verborgene Frau waren so dumm, an einem heißen Urlaubsort Strümpfe zu tragen.

Mit Jack Latham.

Sie erschauerte bei der unerwarteten Aussicht, sich stundenlang in seiner Gesellschaft aufzuhalten, und das auch noch außerhalb der Kanzlei! Ärgerlich griff sie nach ihrem Koffer und warf ihn auf das Bett.

„Wo fährst du denn hin?“ platzte ihre Cousine Julia mit der Unbefangenheit einer Studienanfängerin in Mallorys Zimmer. Oder eines Mädchens, die Studienanfängerin gewesen wäre, wenn sie nicht beschlossen hätte, stattdessen einen weniger anstrengenden Weg durchs Leben zu nehmen.

Mallory kam sich uralt vor, wenn sie Julia auch nur ansah. Dabei war sie noch jung genug, um sich keine Sorgen zu machen. Es waren die äußeren Umstände, die sie gefangen hielten und ihr Zurückhaltung aufzwangen. Aber auf diese Umstände konnte sie leider nicht verzichten. Nicht, wenn sie Teilhaberin werden wollte.

„Hey, Mal! Ich habe dich gerade gefragt, wo du hinfährst.“

Mallory drehte sich zu ihrer Cousine um.

Ihre Väter waren Brüder, und durch eine merkwürdige Kombination der Gene sahen Julia und Mallory sich erstaunlich ähnlich. Sie hatten sogar dieselben blauen Augen. Wenn Mallory ihre Cousine ansah, war es, als ob sie ihr jüngeres Spiegelbild betrachtete. Nicht nur jünger an Jahren, sondern auch in Hinblick auf die Gefühlswelt. Julia war eigentlich immer glücklich, obwohl auch sie von ihrem Vater Zurückweisung erfahren hatte. Anders als Mallory verspürte sie jedoch nicht das Bedürfnis, die Meinung ihrer Eltern zu ändern.

„Ich fahre ans Meer“, sagte Mallory. „Aber bevor du neidisch wirst – es ist eine Dienstreise.“

Hoffentlich erinnerte auch Jack sich an diese Tatsache. Sie hoffte nur, dass er geschäftsmäßig gekleidet erschien, selbst wenn dieser eigenwillige, rechthaberische Mandant eine Besprechung am Swimmingpool verlangte. Denn Mallory befürchtete, dass sie die Kontrolle über sich verlieren würde, wenn sie Jack mit freiem, sonnengebräunten Oberkörper und in Badeshorts zu Gesicht be kam.

Und Mallory Sinclair als verantwortungsbewusste Anwältin verlor nicht die Kontrolle. Niemals. Sie durfte es nicht!

Julia setzte sich auf Mallorys Bett und legte die ausgestreckten Beine übereinander. „Kann ja sein, dass es eine Dienstreise ist. Aber immerhin ans Meer.“

„Hat Jack gesagt, ja.“

Die Erinnerung an seine hellgrauen Augen, die ihren Blick festgehalten hatten, fachte eine Art Feuer in ihr an. Es war körperliches Verlangen, das in hellen Flammen aufloderte. Wollust. Pfui. Nur ein sexuelles Bedürfnis, das man mit Leichtigkeit unter Kontrolle halten konnte. Auch, wenn sie sich selbst dafür etwas vormachen musste – sie hatte keine Wahl. Sie musste sich selbst überzeugen und entsprechend handeln. Der Mann war sehr attraktiv. Na und? Sie war schließlich schon lange erwachsen.

„Wer ist Jack?“

„Ein Vorgesetzter, der diesen Fall übernommen hat.“

Ihr Koffer enthielt bereits mehrere leichte Kostüme und Hosenanzüge. Mallory legte nur noch sorgsam ihre Unterwäsche zusammen und packte sie ebenfalls ein.

Julia zog die Beine zu sich auf das Bett hoch und fragte gespannt: „Wie sieht er denn aus?“

„Ist das wichtig?“ gab Mallory zurück.

Viel zu schnell, wie sie gleich darauf begriff, denn ihre Cousine betrachtete sie auf einmal aus schmalen Augen.

„Warum so patzig? Ärgerst du dich darüber, dass ein siebzigjähriger oller Knacker jeden deiner Schritte überwachen wird?“

Julias Blick kreuzte sich mit Mallorys und forderte sie auf, endlich zuzugeben, was sie dachte.

Manchmal war Julia aber auch einfach zu schnell von Begriff. Das war einer der Gründe, warum Mallory sie so gerne mochte und ihr gestattete, mietfrei bei ihr zu wohnen, bis sie „sich selbst gefunden“ hatte hier in New York.

„Eher ein extrem gut aussehender Mann in den Dreißigern. Und weder verlobt noch verheiratet“, murmelte Mallory vor sich hin.

Julia lachte. „Das habe ich genau gehört!“

„Ich wollte auch, dass du es hörst, sonst hätte ich gar nichts gesagt.“

„Ja, so kenne ich meine Cousine. Alles Berechnung, alles geplant, stimmt’s?“

„Das ganze Gegenteil von dir mit deiner uneingeschränkten Spontaneität, meinst du wohl. Weißt du, es schadet nicht, wenn man ein wenig vorausplant. Sich Ziele setzen, seinen Lebensweg planen und so.“

„Genauso wenig, wie es dir schaden würde, dich mal mit dem Herzen auf etwas einzulassen, und nicht immer nur mit dem Kopf. Also, was ist das für eine Geschichte mit diesem Büro-Beau?“

Mallory schüttelte den Kopf. „Gar keine Geschichte. Erst recht, wo in der Kanzlei Affärenverbot gilt. Außerdem soll er ein Typ sein, der sich auf keine Beziehungen einlassen kann.“ Und mehr noch – er hatte nicht das geringste Interesse an ihr gezeigt.

Julia lehnte sich vor, so dass sie die Ellenbogen aufstützen und ihr Kinn in die Hände stützen konnte. „Ach ja? Und muss er sich für eine Affäre gleich auf eine Beziehung einlassen?“

„Wer sagt denn überhaupt, dass ich eine Affäre will?“

Oder gar eine richtige Beziehung? Sie hatte keine Zeit für ein Privatleben. Nicht, solange sie nicht Teilhaberin war und diese Position gefestigt hatte.

„Vielleicht solltest du eine wollen.“ Julia langte in den Koffer und ließ eines von Mallorys spitzenbesetzten Nachthemdchen an ihrem Finger baumeln. „Ich meine, das hier ist doch die reine Verschwendung, wenn es außer dir keiner zu sehen bekommt, findest du nicht?“

Mallory griff nach dem Nachthemd und begrub es wieder im Koffer, wo es hingehörte. „Hast du noch nie was davon gehört, dass man auch mal Dinge nur für sich selbst tut?“

Ein Bild drängte sich ihr auf. Jack und sie im Liebesspiel, im Hintergrund das Meer. Aber sie schüttelte den Kopf bei diesen völlig unangemessenen, unerwünschten und unmöglichen Gedanken. Denn ganz abgesehen von den Regeln, die in der Kanzlei galten, und den Zielen, die Mallory sich für ihr Leben gesetzt hatte, war sie sich auch im Klaren darüber, was realistisch war und was nicht.

Sie zog mit Schwung den Koffer vom Bett und hauchte Julia einen Abschiedskuss zu. „Ich ruf dich an.“

Als sie auf ihrem Weg zur Tür am Spiegel vorbeikam, warf sie einen flüchtigen Blick hinein. Ihre schwarzrandige Brille beherrschte das ganze Gesicht, dick und abstoßend hässlich, genau, wie Mallory sie haben wollte.

Sie war auf dem Weg ans Meer, mit dem bestaussehenden Mann, den sie je in ihrem Leben gekannt hatte. Ein Mann, dessen Blick genügte, um sie erschauern zu lassen. Ein Mann, dessen Stimme ungeahnte Lüste in ihr wachrief.

Doch sie würde dafür sorgen, dass dieser attraktive Mann sie in Ruhe ließ. Die Anwältin Mallory Sinclair würde ihn nicht im Geringsten interessieren. Er würde weder bezaubert noch entzückt noch betört sein.

„Vielleicht solltest du deine Haare offen tragen“, riet ihre Cousine mit zuckersüßer Stimme. Sie stand in der offenen Tür des Zimmers und sah Mallory nach.

Nicht, wenn ich Teilhaberin werden will.

Mallory sah auf ihre Armbanduhr. Noch eine halbe Stunde.

Sie hatte über die Kanzlei einen Fahrer bestellt, der sie vor dem Haus abholen würde. „Ich muss mich beeilen, sonst komme ich zu spät.“

„Tu bloß nichts, was ich lassen würde.“

„Keine Sorge“, sagte Mallory leise zu sich selbst. „Ich werde nicht die geringste Chance dazu haben.“

2. KAPITEL

Jack sah auf seine Uhr. In einer halben Stunde würde das Flugzeug landen, und das war keine Minute zu früh. Er wusste nicht, wie lange er es noch ertragen würde, ihr so nahe zu sein.

Mallory setzte sich anders hin, und ihr Knie streifte ganz leicht sein rechtes Bein. Prompt durchfuhr ihn ein Hitzestoß an der Stelle, wo sie ihn berührt hatte.

„Pardon“, murmelte sie und seufzte.

Und so ging das schon den ganzen Flug über. Das überfüllte Flugzeug und die erzwungene Nähe zu Mallory führten zu widersprüchlichen und verwirrenden Reaktionen seines Körpers. Statt ihres üblichen hochgeschlossenen Kostüms trug sie ein leichtes Kleid, das um ein Geringes kürzer war als ihre Röcke sonst. Und zum ersten Mal bekam er ihre nackten Beine ein winziges Stück weit zu Gesicht. Sie trug keine Strümpfe, und er wurde mit dem Anblick sonnengebräunter, glatter Haut verwöhnt. Wieder und wieder musste er hinsehen.

Er nahm an, dieser andere Kleidungsstil war es, der ihn so neugierig machte. Und dieser Blumenduft, der seine Nase umschmeichelte, seit sie pünktlich im Flugzeug erschienen war. Jawohl, Neugier war es. Nicht etwa Interesse. Davon war er weit entfernt.

Aber diesen unerhört femininen Duft hatte er heute Nachmittag in der Kanzlei nicht an ihr wahrgenommen. Und über eine Frau, die sich zwar streng konservativ kleidete und verhielt, aber ihr männliches Gegenüber unwissentlich mit ihrer Stimme und ihrem Parfüm betörte, durfte man sich durchaus seine Gedanken machen. Eine Frau, die einen mit einer unbefangenen, rein zufälligen Berührung in Flammen versetzen konnte.

„Wie geht es weiter, wenn wir nachher angekommen sind?“ erkundigte sie sich jetzt.

Dankbar für dieses Angebot eines ganz normalen Gesprächs, wandte er sich ihr zu. „Leatherman schickt ein Auto, das uns vom Flughafen abholt. Wir werden gegen neun Uhr in der Ferienanlage ankommen. Ich nehme an, wir packen nur noch unsere Koffer aus und schlafen dann eine Runde. Was danach passiert, liegt im Ermessen unseres Gastgebers.“

„Mit etwas Glück können wir sein geplantes Vorgehen besprechen, uns auf eine Strategie einigen und in ein paar Tagen wieder zu Hause sein.“

Der hoffnungsvolle Unterton in ihren Worten entging ihm nicht. „Haben Sie was gegen das Meer?“

„Nein, jedenfalls nicht, wenn es sich um Urlaub handelt. Aber jeder Tag, den wir nicht in der Kanzlei sind, bedeutet nur, dass sich bis zu unserer Rückkehr noch mehr Arbeit ansammelt.“ In ihrer Wange zuckte ein Muskel und zeigte, wie sehr sie sich insgeheim ärgerte.

Er lehnte sich zurück und wandte den Blick von ihrem Gesicht ab. „Deswegen habe ich Ihre Aufträge ja weiterverteilen lassen. Paul Leatherman ist ein Exzentriker. Er hasst es, unter Zeitdruck zu stehen. Und wenn er es ablehnt, seine Ferienanlage zu verlassen, um sich mit uns zu treffen, dann besteht wenig Hoffnung, dass er sich zu schnellen Entscheidungen drängen lassen wird.“

Sie murmelte etwas, was er nicht verstand. Er sah von der heruntergezogenen Sonnenblende des Fensters wieder zu Mallory und betrachtete sie zum ersten Mal eingehend von der Seite.

Wenn man sich die streng hochgesteckten Haare und die hässliche schwarze Brille wegdachte, dann blieb ein Profil mit hohen Wangenknochen, das selbst ganz ohne Make-up wie aus Alabaster gemeißelt wirkte. Für derart reine Haut würden manche Schauspielerinnen und Models über Leichen gehen. Dabei tat diese Frau hier nichts, um ihr Aussehen in irgendeiner Weise zu verbessern. Ganz im Gegenteil: Sie versuchte, es um jeden Preis zu verbergen, und Jack stellte sich im Stillen die Frage, warum sie das wohl tat.

Er schüttelte diesen Gedanken ab und sah woanders hin. Dieser Flug dauerte definitiv viel zu lange, wenn Jack schon anfing, über Mallory Sinclairs Styling-Gewohnheiten nachzudenken und sich zu fragen, was bei ihr unter der Oberfläche vor sich ging.

„Worum geht es bei diesem Fall eigentlich?“ erkundigte sich Mallory und beugte sich nach vorn, um Schreibblock und Stift aus ihrer Aktentasche zu nehmen. „Nur so in Grundzügen.“ Sie setzte sich aufrecht hin und wartete.

Diese Frau war kurz angebunden und arbeitete effizient. Genau, was er bei beruflicher Zusammenarbeit erwartete. Hinsichtlich der Frauen, mit denen er privat verkehrte, legte er Wert auf andere Eigenschaften. Sanftmütig sollten sie sein, anschmiegsam, warmherzig und großzügig. Da er mindestens eine Woche in Leathermans Ferienanlage am Meer verbringen würde, brauchte er sich keine Sorgen zu machen. Er würde dort reichlich Kontakt zum anderen Geschlecht haben.

Dummerweise hatte sich aber in letzter Zeit eine Änderung seiner Präferenzen ergeben. Frauen, die er nicht kannte, fand er nicht mehr halb so interessant wie früher. Und es gab nichts, was er dagegen unternehmen konnte. Dabei begann diese neue Einstellung bereits, sein Leben erheblich zu komplizieren.

Kurze, unverbindliche Affären – das passte am besten zu seiner Lebensweise und zu seinen Grundsätzen. Es ging nicht an, dass ausgerechnet er am Ende ebenfalls vor dem Scheidungsrichter landete. Schließlich hatte er Regeln aufgestellt, deren Gültigkeit zu beweisen waren! Wenn er sich auf keine feste Beziehung einließ, brauchte er auch nicht zu befürchten, dass man ihm Hörner aufsetze. Sein Vater war das denkbar traurigste Beispiel für einen solchen Fall. Doch je älter Jack wurde, desto klüger wurde er auch, und desto mehr lernte er zu unterscheiden. Zudem verspürte er eine zunehmende Rastlosigkeit, die er sich nicht erklären konnte.

„Mr. Latham? Stimmt irgendetwas nicht?“

Erneut spürte er das angenehme Kribbeln, mit dem seine Lenden auf den Klang ihrer weichen, volltönenden Stimme reagierten. Jawohl, etwas stimmte ganz und gar nicht. Alles, was er für diese Kollegin empfand, war höchst unangebracht, und das gefiel ihm nicht.

„Was wollen Sie?“ entfuhr es ihm unwirsch.

„Nur die Fakten zum Fall.“ Sie winkte leicht mit dem Schreibblock, um ihn daran zu erinnern, aus welchem Grunde sie hier zusammen im Flugzeug saßen. „Ich möchte gern genau Bescheid wissen, um den Mandanten beeindrucken zu können.“

Er begegnete ihrem von dicken Brillengläsern gefilterten Blick. Dieser abtörnende Anblick brachte ihn vollends wieder zur Vernunft. „Wir sollten uns mit den Vornamen anreden“, schlug er sachlich vor. „Ich heiße Jack.“

Sie nickte und sah ihn weiterhin erwartungsvoll an.

Mit Mühe nur riss er den Blick von diesen blauen Augen, die nicht richtig zu erkennen waren. „Leatherman ist seit Jahren verheiratet“, begann er. „Jetzt ist er achtundfünfzig und hat die Nase voll.“

„Warum?“ Sie wartete auf seine Antwort, bereit, jedes einzelne Wort mitzuschreiben.

„Unüberbrückbare Differenzen.“

„Das ist der Rechtsbegriff. Und was steckt wirklich dahinter? Welche Argumente können wir denn vorbringen, um den Prozess für ihn zu gewinnen? Ich meine, wenn wir den Fall überhaupt bekommen.“

Jack streckte die Beine aus, so weit es nur ging, achtete jedoch sorgfältig darauf, dass er nicht aus Versehen Mallory berührte. „Das ist genau das, weshalb wir hinfahren. Wir wollen herausfinden, wie man die Verfehlungen seiner Frau zu seinen Gunsten verwenden kann.“

„Interessante Aussage.“

„Wieso?“

Sie streckte ebenfalls die Beine aus und legte sie übereinander. Sein Blick fiel auf ihre schlanken Fesseln. Er war eigentlich nicht der Typ, der auf Frauenbeine achtete, aber der Anblick, der sich ihm hier bot, ließ ihn zweifeln, ob er mit dieser Einstellung nicht mächtig was verpasste.

„Nun, Sie sagen das so, als sei schon klar, dass Mrs. Leatherman Schuld hat am Zerbrechen der Ehe. Es gibt aber immerhin auch die Möglichkeit, dass unser Mandant nicht ganz unschuldig daran ist. Und wenn das der Fall ist, sollten wir wohl besser überlegen, wie man seine Verfehlungen halbwegs positiv darstellen kann.“

Jack lehnte sich an die Rückenlehne und betrachtete Mallory. „Das meine ich ja. Wir müssen alles möglichst positiv für ihn aussehen lassen.“

„Aber Sie sagten, es ginge um ihre Verfehlungen …“ Sie brach ab und schüttelte den Kopf, während sie die Mine ihres Kugelschreibers wieder wegdrückte. „Schon gut.“

„Ich bin mir irgendwie nicht sicher, ob ich den Unterschied verstehe, den Sie da offenbar machen.“

Sie seufzte tief auf. „Natürlich nicht“, sagte sie dann und beschäftigte sich angelegentlich damit, Schreiblock und Stift wieder einzupacken und ihre Aktentasche zu schließen.

„Sehr geehrte Damen und Herren“, drang eine Stimme aus den Lautsprechern. Es war der Kapitän der kleinen Maschine. „Wir beginnen mit dem Sinkflug und werden in wenigen Minuten landen. Bitte schnallen Sie sich wieder an …“

Mallory überprüfte ihren Sicherheitsgurt und starrte dann aus dem Fenster. Sie war offensichtlich nicht daran interessiert, das Gespräch fortzusetzen. Aber Jack hatte ein komisches Gefühl. Fast so, als habe sie sich in den wenigen Minuten des Gesprächs ein Urteil über ihn gebildet, das nicht gerade günstig ausgefallen war.

Es war ihm unangenehm, sich ihre Achtung verscherzt zu haben. Dabei hatte er keine Ahnung, warum er so empfand. Wieder einmal hatte sie ihn aus der Fassung gebracht. Und diesmal wünschte er sich sehnlichst, er könne den negativen Eindruck, den er eben offenbar auf sie gemacht hatte, wieder gutmachen, damit sie nur etwas mehr Interesse für ihn zeigte.

Jack liebte Herausforderungen. Aber nur, wenn sie auch Sinn hatten. Dass er sich für Mallory Sinclair interessierte, hatte definitiv keinen Sinn.

Ein warmer Morgenwind wehte vom Meer herüber und brachte den Geruch von Salzwasser mit. Mallorys Haare begannen, sich in der feuchten Luft zu kräuseln, und der strenge Knoten, den sie vorhin mit so viel Mühe zu Stande gebracht hatte, begann sich in Wohlgefallen aufzulösen.

Sie sah auf ihre Armbanduhr. Es war bereits acht Uhr, und vom Herrn des Hauses war noch immer nichts zu sehen.

„Keine Sorge“, beschwichtigte Jack ihre stille Verärgerung.„Er sagte, wir sollen schon mal frühstücken. Er kommt, wenn wir fertig sind.“

Sie hob den Blick von ihrer Portion Armer Ritter mit Zimt und Rosinen und tat etwas, was sie schon den ganzen Morgen tunlichst vermieden hatte: Sie blickte Jack ins Gesicht. Wenn sie gehofft hatte, er würde im Anzug am Frühstückstisch erscheinen, dann hatte sie sich geirrt. Er trug Shorts und ein kurzärmliges Oberhemd.

Hinreißend sah er aus. Die Arme waren mit gut trainierten Muskeln bepackt und ebenso braun gebrannt wie die leicht behaarte Brust, die aus dem geöffneten Hemd hervorschaute. Seine rabenschwarzen Haare hatte er glatt nach hinten gekämmt und die scharfen grauen Augen hinter einer Designer-Sonnenbrille versteckt. Ein Ausbund von männlicher Vollkommenheit saß da vor ihr, während sie wahrscheinlich ein unordentliches Bild konservativer Zurückhaltung abgab in ihrem faden, dunkelblauen Kleid und mit dem zerzausten Dutt am Hinterkopf.

Und wenn schon. Sie war ja nicht hier, um Jack mit ihrem Aussehen zu beeindrucken. Ihre Aufgabe bestand darin, ihn und den Mandanten mit ihrer brillanten Intelligenz in Erstaunen zu versetzen. Wenn es ihr nur endlich gelingen wollte, die unerhörte Attraktivität ihres Kollegen zu vergessen und sich auf ihr gemeinsames Ziel zu konzentrieren! Die vergangene Nacht hatte sie in ihrem Zimmer, gleich gegenüber dem seinen, wach gelegen und sich von einer Seite auf die andere gedreht. Ständig hatte sie an den Duft seines Aftershaves denken müssen und an den wundervollen Klang seiner tiefen Stimme.

„Ich freue mich, dass Sie es einrichten konnten, mich hier aufzusuchen“, dröhnte plötzlich eine Männerstimme los, die ihr unbekannt war, und störte sie damit in ihren ungehörigen Gedanken. „Wie finden Sie mein Wochenendhäuschen?“

„Ein wunderschönes Anwesen, aber ich schätze, das ist Ihnen ohnehin klar.“ Jack erhob sich mit diesen Worten, und Mallory tat es ihm nach. Er setzte lachend hinzu: „Wenn ich diesen Palast hier betrachte, fange ich an zu überlegen, ob ich nicht vielleicht doch den Beruf wechseln sollte.“

„Oh, Sie sind mir jederzeit ein gern gesehener Gast“, sagte der stämmige Mann gut gelaunt. „Helfen Sie mir, den Albatros loszuwerden, den ich da geheiratet habe, und ich benenne eine ganze Suite nach Ihnen und ihrer Kollegin hier.“

Mallory musste sich sehr beherrschen, um nicht zusammenzuzucken bei der gefühllosen Art, mit der dieser Mann von seiner Frau sprach. Es war immerhin die Frau, die er einst geheiratet hatte, mochte er das inzwischen bedauern oder nicht. Irgendwann einmal, so vermutete Mallory, musste er sie also geliebt haben.

„Paul Leatherman, darf ich Ihnen Mallory Sinclair vorstellen? Eine unserer besten Anwältinnen. Mallory, Paul Leatherman.“

Jack gestikulierte zwischen Mallory und Mr. Leatherman, der noch weniger Sorgfalt auf seine Kleidung verwandt hatte als Jack: Mr. Leatherman trug weite Badeshorts. Ihn als eigenwillig zu beschreiben, war noch milde ausgedrückt, fand Mallory.

Sie streckte ihm die Hand entgegen. „Schön, dass wir uns endlich kennen lernen, Mr. Leatherman.“

„Nennen Sie mich einfach Paul.“ Er schüttelte begeistert ihre Hand. „Man kann doch nicht so förmlich bleiben, wenn man am Strand sitzt und eine so großartige Aussicht genießt!“

Mallory sah kurz an ihm vorbei, wo sich im Hintergrund der strahlend blaue Himmel über das sonnenglitzernde Meer spannte. Er hatte Recht. Sie war die ganze Zeit so damit beschäftigt gewesen, Jack bloß nicht aus Versehen anzusehen, dass sie die wunderschöne Umgebung gleich mit ignoriert hatte.

„Ja, Sie sind wirklich ein Glückspilz, Mr. Leatherman.“ Er schüttelte den Kopf.

„Paul, natürlich“, verbesserte sie sich. „Jack hat völlig Recht. Hier ist es herrlich.“

„Na, dann hoffe ich, dass Sie nach dem Gespräch etwas lockerer werden und den Aufenthalt hier ein wenig genießen. Ich habe es nämlich gern, wenn meine Anwälte mit mir auf derselben Wellenlänge liegen.“

Paul zog sich einen Stuhl heran und setzte sich zu seinen beiden Gästen unter den großen Sonnenschirm. „Die Ehe“, sagte er dann, „ist ein Geschäft der riskanteren Art.“

Mallory nahm Schreibblock und Stift zur Hand, während Jack sich zurücklehnte und sagte: „Ihre besteht immerhin schon fünfundzwanzig Jahre. Es muss also etwas geben, was Sie und Ihre Frau verbindet.“

Es gefiel Mallory, dass Jack Pauls Worte hinterfragte, auch wenn er dessen Meinung womöglich sogar teilte.

„Na, mein Geld“, brummte Leatherman.

„Und Kinder“, fügte Jack hinzu.

„Die sind längst aus dem Haus.“

„Was ist Ihnen wichtiger?“ fragte Mallory. „Dass Sie die Scheidung schnell hinter sich haben oder …“

Er ließ sie ihren Satz nicht beenden. „Wie schnell oder wie langsam es geht, ist mir völlig egal. Ich will nur nicht ausgenommen werden wie eine Weihnachtsgans. Ich habe mein Leben lang hart gearbeitet für alles, was ich jetzt besitze.“

„Arbeitet Ihre Frau ebenfalls?“ fragte Mallory.

„Ach wo! Es sei denn, Sie nennen es Arbeit, dass sie mein Geld ausgibt.“

„Und was ist mit den Kindern, die ich für dich großgezogen habe, Paul? Seit wann zählt so etwas nicht mehr?“ Eine fremde Frauenstimme stellte diese Frage.

Mallory sah auf.

Eine Dame mit braunen Augen, nicht mehr jung, aber noch immer schön, stand direkt hinter Paul Leatherman. „Und die Partys, die ich immer für dich vorbereitet habe, damit du repräsentieren konntest? Und deine wichtigen Gäste, um die ich mich für dich gekümmert habe? Und um deine diversen Wehwehchen? Überhaupt um dein Wohlergehen? Um deine Gesundheit?“ Die Frau richtete ihren Blick auf Mallory, ganz offensichtlich in Hoffnung auf weiblichen Beistand.

Mallory entdeckte so großen Kummer und solche Traurigkeit in den tiefgründigen braunen Augen, dass sich ihr das Herz zusammenkrampfte. Zwar kannte sie nicht den gesamten Hintergrund, aber sie erkannte in Mrs. Leatherman ihre Mutter wieder. Auch die hatte nämlich ihr Leben voll und ganz ihrem Ehemann geopfert. Hätte sie auch nur einen Moment lang mal an etwas anderes gedacht als daran, wie sie es ihrem Mann recht machen konnte, dann hätte Mallorys Mutter vielleicht sogar ihre Tochter bemerkt, die sie zwar zur Welt gebracht, um die sie sich ansonsten aber nicht weiter gekümmert hatte. Denn ihr Mann hatte beschlossen, dass dieses Kind nichts taugte.

Mit einem Seufzer schüttelte Mallory ihre persönlichen Erinnerungen ab. Das Mitgefühl für Mrs. Leatherman wurde sie damit aber nicht los. Dabei konnte sie es sich absolut nicht leisten, die Frau ihres Mandanten zu bemitleiden. Nicht, wenn sie den Eindruck machen wollte, dass sie hundertprozentig die Interessen eben jenes Mandanten vertrat. Sie musste jetzt vollkommen professionell agieren.

Mit Mühe wandte Mallory den Blick ab von der Frau mit dem flehenden Gesichtsausdruck und betrachtete stattdessen ihren Mandanten.

Es war ihm nicht anzusehen, was er für seine Ex in spe empfand. Aber Mallory wusste, was sie sah: Einen alternden Mann mit deutlichem Bauchansatz und schütterem Haar, der mit einer eleganten, attraktiven Dame verheiratet war, die gern seine Frau bleiben wollte.

„Ich schlage vor, Sie beide kommunizieren ab sofort nur noch über Ihre jeweiligen Anwälte miteinander“, sagte Jack in freundlichem, aber bestimmtem Ton.

Mallory sah unauffällig wieder zu Mrs. Leatherman. Deren Gesicht war bei diesen Worten noch trauriger geworden.

„Ich wusste gar nicht, dass du dir schon einen gesucht hast“, sagte die ältere Frau leise.

Paul Leatherman hüstelte kurz. „Noch habe ich mich für keinen entschieden.“

„Sie sollten aber nicht länger warten, sich selbst rechtlichen Beistand zu suchen“, sagte Mallory.

Paul nickte. „Die junge Dame hat Recht, denn ich werde mir selbstverständlich die besten Anwälte nehmen, die ich finden kann.“

Mallory verstand, was er damit andeuten wollte. Noch war er sich nicht sicher, ob die Kanzlei Waldorf, Haynes, Greene, Meyers & Latham die richtige für seine Zwecke war. Dennoch dachte sie im Moment hauptsächlich an Mrs. Leatherman und deren Schmerz.

„Glaub nicht, dass du mir damit Angst machen kannst, Paul“, entgegnete seine Frau. „Du bist doch der Letzte, der zu schätzen weiß, was er hat.“

Es war nicht schwer zu erraten, wie sehr sie darum kämpfen musste, ihren Emotionen nicht freien Lauf zu lassen, aber es gelang ihr. Mit hoch erhobenem Kopf ging Mrs. Leatherman ins Haus zu rück.

„Ich war nicht darüber informiert, dass Sie noch miteinander leben“, bemerkte Jack und brach damit das lähmende Schweigen, das über der sonnenüberfluteten Terrasse lag, nachdem Mrs. Leatherman gegangen war.

Leatherman stieß verächtlich Luft durch die Nase. „Nicht miteinander. So weit auseinander, wie es nur geht auf dem Grundstück. Sie will nicht gehen. Behauptet, sie liebt mich. Aber in Wirklichkeit will sie nur nicht, dass ich als verlassener Ehemann vor Gericht gehen kann. Aus ihrer Sicht der Dinge gehört ihr ebenso gut, was mir gehört. Schätze, es wird auf die Neuinszenierung des Rosenkriegs hinauslaufen.“ Er stand abrupt auf und stieß den Stuhl, auf dem er gesessen hatte, rabiat beiseite. „Und ich will, verdammt noch mal, Anwälte, die mich da rauskriegen, ohne dass ich hinterher ein Loch in der Brieftasche habe!“

Mit diesen Worten drehte der Mann sich um und verließ Jack und Mallory, während er noch ein paar unverständliche Worte vor sich hin murmelte.

„Mist“, stöhnte Jack und fuhr sich mit den Fingern über den Kopf. „Ist der aber jähzornig. Ich will auf keinen Fall, dass wir hier abreisen müssen, ohne den Auftrag in der Tasche zu haben.“

Mallory nickte. „Selbst wenn wir den Fall kriegen – bei seinem Charakter werden wir es schwer haben, ihn zu überlegtem Handeln zu bringen. Am Ende steht dann sie als die Bedauernswerte da.“

Was sie ohne Zweifel auch tatsächlich ist, dachte Mallory. Aber sie hatte jahrelange Übung darin, ihre Gefühle hinter einer unbewegten Maske zu verbergen. Jack durfte nicht merken, welch ein Aufruhr in ihr herrschte. Er war Teilhaber. Seine Stimme würde zählen, wenn es darum ging, ob sie es ebenfalls werden sollte. Da durfte sie sich jetzt keine Schwäche leisten. Schon gar keine, die man ihr als feministische Tendenz auslegen konnte.

Sie ließ das Ende ihres Stifts gegen den Schreibblock trommeln. „Eine bedauernswerte Fassade versteckt immer interessante Details. Vielleicht hat Mrs. Leatherman ja einen Geliebten.“

Jack hob erstaunt eine Augenbraue. Obwohl Mallory gerade wegen ihres Geschlechts für diesen Fall mit herangezogen worden war, hatte er vorausgesetzt, dass er während der Zusammenarbeit mit ihr immer gegen ein gewisses Maß an weiblicher Solidarität würde kämpfen müssen. Stattdessen schien sie aber tatsächlich nur darüber nachzudenken, was für den Mandanten von Vorteil sein würde. Eigentlich hätte er jetzt beeindruckt sein sollen. Aber ihre Coolness bekümmerte ihn eher. Dabei hatte er doch gewusst, wie ehrgeizig sie war.

„Und was wäre, wenn es Mr. Leatherman wäre, der untreu ist?“ testete er sie. Mal sehen, wie sie auf dieses theoretische Dilemma reagieren würde.

Mallory zuckte mit den Schultern. „Letzten Endes ist es doch alles nur eine Frage der Macht. Wer die meiste Macht hat, also in diesem Fall Geld und Willensstärke, der gewinnt. Und es sieht mir nicht danach aus, als wenn Mrs. Leatherman besonders viel Widerstand leisten wird.“

Sie hielt einen Moment inne, um nachzudenken. Selbst durch die dicken Brillengläser hindurch konnte Jack erkennen, dass Mallory für einen Moment bedrückt war, und er fasste wieder Hoffnung. Hoffnung, sie würde endlich ein bisschen weibliche Emotionalität erkennen lassen.

Doch der Gesichtsausdruck verschwand genauso schnell, wie er gekommen war. Mallory blickte Jack direkt in die Augen, und er sah darin nichts mehr außer kühler Entschlossenheit.

„Wir müssen ausnutzen, dass sie die Scheidung offenbar noch gar nicht will“, sagte sie. „Dann können wir Leatherman vielleicht überzeugen, dass wir die beste Strategie haben.“

Bis jetzt will sie keine Scheidung. Wenn wir sie aber zu hart anfassen, sucht sie sich vielleicht einen Anwalt, der umso mehr auftrumpft.“

„Eben!“ Mallorys Stimme klang geradezu begeistert.

Jack verstand jetzt, warum sie so gut war als Anwältin. Sie kam gern zur Sache, liebte es, für ihre Mandanten die günstigsten Lösungen auszuklügeln. Das verstand er gut, denn er selbst empfand jedes Mal ähnlich, wenn er einen Fall bestmöglich zu Ende brachte oder plötzlich eine Idee hatte, wie er das erreichen konnte.

„Was schlagen Sie also vor?“ fragte er.

„Wir müssen immer einen Schritt voraus sein. Und das geht nur, wenn wir alles unter Kontrolle haben. Ich werde Rogers anrufen und ihn bitten, mal ein bisschen in Mrs. Leathermans Vergangenheit zu wühlen, ob sich da was Brauchbares gegen sie finden lässt. In der Zwischenzeit können Sie sich ja schon mit Mr. Leatherman, ich meine, mit Paul unterhalten. Ihnen gegenüber wird er viel offener sein, als wenn ich dabei bin. Männer unter sich und so, Sie wissen schon.“

Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Grinsen. Er konnte es nicht verhindern. Sie gab gern Anweisungen, wie es schien, und diese Neigung, die Führung zu übernehmen, gefiel ihm durchaus an ihr. „Und was ordnen Sie sonst noch an?“

Sie wurde plötzlich rot. Von Lilienweiß zu Rosenrot in kaum mehr als drei Sekunden. Das bedeutete, sie war tatsächlich aus Fleisch und Blut wie jeder andere Mensch auch. Für einen kurzen Moment überlegte Jack, wie er dieses Blut wohl weiter zum Pulsieren bringen konnte. Er konzentrierte sich jedoch sofort wieder und erinnerte sich daran, dass hier Mallory vor ihm saß, seine bierernste und wahrscheinlich mächtig verklemmte Kollegin.

Er musste unbedingt wieder was mit einer Frau anfangen, und zwar möglichst bald. Das waren sexuelle Entzugserscheinungen. Eine andere Erklärung gab es nicht für die seltsame Art, wie er auf diese staubtrockene Kollegin reagierte.

Sie schüttelte den Kopf. „Entschuldigen Sie. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe.“

„Nun, ich würde sagen, Sie waren ganz bei der Sache und dachten klar und logisch. Wir werden genau machen, was Sie vorgeschlagen haben. Rufen Sie den Privatdetektiv an. Wenn Leatherman merkt, dass wir Zeit und Geld investieren, ohne den Auftrag schon sicher zu haben, wird ihn das bestimmt beeindrucken. Und ich bin sicher, ich kriege ihn in den Griff, bis wir hier wieder abreisen.“

„Wirklich? Ich meine, das ist toll. Ich kümmere mich sofort darum.“

Die Überraschung war ihr deutlich anzumerken. Kein Wunder, wenn man bedachte, welche Erfahrungen sie vermutlich mit den anderen Teilhabern der Kanzlei gemacht hatte. Aber er war nicht der Typ, der eine gute Idee vom Tisch wischte, nur weil er sie nicht selbst gehabt hatte. Ihre Ideen waren gut durchdacht, und ihre Gedankengänge entsprachen seinen eigenen. Sie beide würden ein gutes Team bilden.

Ein gutes Arbeitsteam, korrigierte er sich im Stillen. Laut sagte er nur: „Tun Sie das.“

Ihre Blicke trafen sich, und Mallory nickte. Der Blickkontakt dauerte ein paar Sekunden zu lange, ohne dass Jack den Willen fand, dem ein Ende zu setzen. Mallory war es, die schließlich wegsah. Aber sie hatte ja auch Übung darin. Den ganzen Morgen schon hatte sie ihn auf diese intensive Art angesehen, um dann sofort den Blick abzuwenden, wenn Jack zu ihr hinschaute. Fast ein wenig schuldbewusst, wie ein Kind, das man dabei erwischt hatte, wie es etwas Verbotenes tat.

Eine Frau voller Widersprüche. Jack bezweifelte, ob er sie jemals würde verstehen können. Es war vielleicht auch besser so. Sie lenkte ihn viel zu sehr ab. Ihretwegen ertappte er sich immer wieder dabei, wie er sich und seine Gefühle in Frage stellte. Wieso interessierte es ihn, was Mallory dachte, solange sie ihren Job ordentlich machte? Warum hatte er das unwiderstehliche Bedürfnis, eine feminine Seite an ihr zu entdecken? Warum wollte er wissen, ob sie auch Gefühle hatte und Mitleid mit einer Frau empfand, die von Jack in einem Scheidungsprozess gnadenlos durch den Wolf gedreht werden würde?

Die Gefühle, die er im Zusammenhang mit Mallory Sinclair hatte, ergaben schlicht und einfach keinen Sinn. Jack bezweifelte zwar, dass Leatherman keine Schuld am Scheitern der Ehe hatte, aber Mallory hatte wirklich Recht. Wenn man nur fleißig genug Nachforschungen anstellte, fand man bestimmt die eine oder andere „Leiche“ in Mrs. Leathermans Keller, und dann waren ihr die Hände gebunden. Und das wiederum würde Leatherman überzeugen, dass er es hier mit tüchtigen Anwälten zu tun hatte.

Aber Mallorys Unbarmherzigkeit angesichts der Notlage, in der sich Mrs. Leatherman befand, ging ihm nicht aus dem Kopf. Und Jack wusste auch genau, warum. Die entschlossene Zielstrebigkeit, mit der Mallory nach Erfolg um jeden Preis strebte, erinnerte ihn an die Hartnäckigkeit seiner Mutter, mit der diese sich ohne Rücksicht auf die Gefühle seines Vaters einfach nahm, was sie außerhalb ihrer Ehe haben wollte. Eine merkwürdige Übereinstimmung, wie Jack fand. Doch womöglich war Mallory gar nicht wirklich so wie seine Mutter. Um das herauszufinden, würde er testen, wie weit Mallorys Kaltschnäuzigkeit tatsächlich ging.

Er lehnte sich ein wenig vor. „Mallory?“

Sie war dabei, ihre Sachen zusammenzuräumen und blickte zu ihm auf. „Ja?“

„Wenn sie zufällig Mrs. Leatherman über den Weg laufen sollten und die Gelegenheit günstig ist …“

Sie erhob sich. „Keine Sorge, Jack. Ich weiß, wie ich sie zu nehmen habe.“ Und nach einem tiefen Seufzer fuhr sie fort: „Eine zögernde, verletzliche Frau, die sich einer anderen Frau gewiss gern anvertrauen wird. Sie wissen schon.“

Jack schloss die Augen. Klar wusste er. Genau deswegen war sie ja für diesen Job ausgesucht worden. Aber die eiskalte Art, mit der sie das sagte, so als habe sie wirklich nicht das leiseste Mitgefühl mit dieser anderen Frau, vermittelte ihm ein Bild von Mallory, das er einfach nicht glauben wollte. In beruflicher Hinsicht war er schwer beeindruckt, aber persönlich wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass sie sich doch noch als normaler Mensch erwies. Dass sie, wenn sie es schon nicht zeigen konnte, dennoch eine Art weibliche Verbundenheit mit Mrs. Leatherman empfand.

Er war noch nicht fertig mit seinem Test. Sie konnte nicht so kalt und berechnend sein, wie sie tat! „So wie Sie das sagen, könnte man meinen, Sie seien bereit, ihr stets und überall Mitleid vorzuheucheln, selbst auf dem Damenklo.“

Sie schien über seine Worte nachzudenken. Und die Tatsache, dass sie nicht gleich antwortete, ließ ihn erneut hoffen. „Wenn es sich als nötig erweisen sollte, um diesen Mandanten von unserer Professionalität zu überzeugen, dann würde ich es tun.“

Soweit zum Thema Hoffnung, dachte er und war unsäglich enttäuscht. „Meine Güte, sind Sie gefühllos! Ich würde zu gern mal die Frau sehen, die hinter dieser eiskalten Fassade steckt. Wenigstens ein einziges Mal, solange wir hier sind.“

Sie erstarrte, und Jack fluchte. Er hatte das nicht laut sagen wollen. Und verletzen wollte er sie schon gar nicht. Es war nur, weil er nicht verstehen konnte, dass sie so widersprüchliche Gefühle in ihm auslöste. Eine Entschuldigung war das freilich nicht. Sie würde es kaum verstehen.

Mallory hielt ihren Schreibblock an sich gepresst. „Wenn ich recht verstehe, war das kein Kompliment.“

Oje, hatte er sich so deutlich ausgedrückt? „Sehen Sie“, begann Jack. „Ich meinte das nicht so. Es war nur eine dumme …“

„… Taktlosigkeit. Ein Männerspruch. Nehme ich Ihnen nicht übel.“ Ihre Lippen bebten, während sie das sagte.

Er glaubte ihr nicht. Zwar war sie nicht in Tränen ausgebrochen, und diese Willensstärke nötigte ihm durchaus Respekt ab, aber offenbar war es ihm endlich gelungen, der starren Maske über ihrem Gesicht einen Riss zuzufügen. Er hatte sich bewiesen, dass man sie durchaus verletzen konnte.

Und doch kam er sich vor wie ein Mistkerl. Klar, er hatte sein Ziel erreicht. Ihre weibliche Seite kannte er zwar noch immer nicht, aber zumindest wusste er jetzt, dass es eine gab. Das befriedigte ihn allerdings nicht im Geringsten. Nicht nur, weil er sie zu diesem Zweck verletzt hatte. Er begriff soeben noch etwas anderes: Mallorys Gefühle waren ihm wichtig. Im Zusammenhang mit Frauen kam so etwas äußerst selten bei ihm vor.

Er hasste falsche Tränen. Er hasste es auch, wenn eine Frau auf sein Mitleid spekulierte, indem sie so tat, als habe er ihre Gefühle verletzt. Seine Mutter war eine Expertin auf diesem Gebiet. Und sein Vater fiel immer wieder von Neuem darauf herein. Jack hatte sich geschworen, dass es ihm niemals so ergehen sollte. Und deswegen hatte er es sich zum Prinzip gemacht, die Gefühle anderer Menschen konsequent zu ignorieren.

Er sah in Mallorys Gesicht. Es gelang ihr, ein künstliches Lächeln aufzusetzen. Eines, das ihn nicht beruhigte. Nicht mal eine Sekunde lang. Und das gab ihm noch viel mehr zu denken.

„Wir sehen uns dann später.“ Damit drehte sie sich um und ging.

Er sah ihr nach, sah das blaue Kleid, das viel zu tief über ihre Beine reichte, und den unansehnlichen Dutt an ihrem Hinterkopf.

„Mist, verdammter“, sagte Jack laut und deutlich.

Dann blickte er den Strand entlang, der sich mit Frauen zu füllen begann, eine attraktiver als die andere und alle äußerst spärlich bekleidet.

Wenn Mallory ihn auf so unterschiedliche Arten ansprach, dann musste es einen Grund dafür geben. Vielleicht war es an der Zeit, dass er mal wieder richtig guten Sex hatte.

3. KAPITEL

Soso, er wollte also die Frau sehen, die hinter dieser eiskalten Fassade steckte? Mallory riss wütend die Kommodenfächer in ihrem Zimmer auf und schob sie krachend wieder zu. Zwischendurch warf sie ein paar Sachen auf das Bett und hielt dabei murmelnd Selbstgespräche.

Gefühllos. Er hatte es gewagt, sie gefühllos zu nennen! Sie hob ihr allersündigstes Spitzennachthemd hoch und betrachtete es. Konnte sie tatsächlich gefühllos sein, „eiskalt“, wo sie doch Seide und Satin mochte? Warmen Brandy und anschmiegsame Bettwäsche? Wo sie erotische Träume hatte, die sie nie wagen würde, jemandem zu erzählen? Nicht einmal dem Mann, der darin vorkam?

Sie schob den seidig schimmernden Haufen Wäsche beiseite und warf sich rücklings auf das Bett. Die eine Hand krallte sie in die Tagesdecke, mit der anderen wischte sie sich eine Träne aus dem Gesicht.

Herrgott noch mal, wie sehr dieser Typ sie beeindruckte! Sexuell, emotional, und überhaupt. Es war ihr wichtig, was er von ihr hielt, und unerträglich, dass er nur ihre Maske kannte. Mallory Sinclair, Rechtsanwältin. Eine Figur, die sie eigens dafür erschaffen hatte, um ihr lang ersehntes Ziel endlich zu erreichen.

Aber es war ein Ziel, das zurückstehen musste, wenn es darum ging, Jack Latham zu zeigen, dass er richtig vermutet hatte. Er spürte offenbar, dass da noch mehr war als die Mallory, die man in der Kanzlei zu sehen bekam. Die er zu sehen bekam. Genau wie sie spürte, dass es nicht nur Jack Latham, den Terminator, gab.

Doch leider gab es auch die alte Gewohnheit, dass Mann und Frau mit zweierlei Maß gemessen wurden. Jack hatte sie im Grunde dafür kritisiert, dass sie ihren Job so machte, wie es für einen Mann ganz selbstverständlich gewesen wäre.

Zwar fand Mallory bestimmte Ansichten ihres Vaters nicht wirklich gut, dennoch hatten ihre Eltern ihr ein paar Werte vermittelt, die ihr wichtig waren. Dazu gehörten Loyalität, Achtung und Durchhaltevermögen im persönlichen wie im beruflichen Leben.

Und nun fand sie sich in einer Situation wieder, in der sie sich für einen Mann einsetzen sollte, der seiner Frau wehtat. Profis, die von Mr. Leatherman dafür bezahlt werden würden, ihn während des Scheidungsprozesses vor Gericht zu vertreten, durften sich aber nicht darum kümmern, wie er seine Frau behandelte. Und sie war ein Profi!

Das musste Jack doch eigentlich verstehen, denn er hatte ja dieselbe Einstellung zu seinem Beruf. Aber nur, weil sie eine Frau war, erwartete er, dass sie sich anders verhielt. Dass sie Gefühle zeigte. Dieses Messen mit zweierlei Maß tat umso mehr weh, als es von Jack kam. Gerade von ihm hätte sie mehr Verständnis erwartet. War er denn nicht der Terminator? Der ständig Ehemänner gegen ihre Ehefrauen vertrat, ohne Rücksicht auf Fairness oder die tatsächlichen Umstände? Und daran gab es nichts auszusetzen, denn es gehörte zum Berufsethos eines jeden Anwalts.

Doch obwohl er der beste Scheidungsanwalt in ihrer Kanzlei war, ging Mallory davon aus, dass Jack Latham nicht ausschließlich der berühmt-berüchtigte Eheterminator war. Sie war zwar erst einen Tag lang mit ihm zusammen gewesen, aber schon war sie überzeugt, dass auch er weit empfindsamer war, als er erkennen ließ. Oh, wenn es darauf ankam, würde er natürlich behaupten, dass er seinen männlichen Mandanten grundsätzlich jedes Wort glaubte. Er würde lauthals erklären, dass in den allermeisten Ehescheidungen die Frau die schuldige Partei war. Immer wieder hatte sie ihn das in der Kanzlei verkünden hören.

Allerdings war ihr auch schon der Büroklatsch zu Ohren gekommen, der zu wissen meinte, warum Jack Latham ein so gnadenloser Scheidungsanwalt geworden war. Wenn die Geschichte stimmte, dass seine Mutter seinen Vater völlig ungeniert und regelmäßig betrog, dann steckte viel selbst erlittener Schmerz hinter seinen ehefeindlichen Äußerungen.

Die getönten Gläser der Sonnenbrille hatten vorhin zwar seine Augen verbergen können, nicht aber seine Gefühle. Zum Beispiel hatten seine vollen Lippen kaum merklich gezuckt, und seine Hand hatte die Tischkante einen Moment lang fester umfasst, so dass die Knöchel weiß hervorgetreten waren. Mallory hatte es nur bemerkt, weil sie genau hingesehen hatte. Sie hatte nach einem Beweis dafür gesucht, dass im Grunde auch er ein normaler, mitfühlender Mensch war. Es war ihm also keineswegs gleichgültig, wie sehr Mrs. Leatherman litt, auch wenn er ihr vorgeschlagen hatte, dass sie mit dem Mann, den sie liebte, künftig nur noch per Anwalt in Kontakt treten sollte.

Es war leichter gewesen, Jack Lathams Attraktivität zu ignorieren, als sich diese noch auf seinen Sexappeal beschränkt hatte. Jetzt, wo Mallory etwas mehr Zeit mit ihm verbracht hatte und begriff, dass er nicht nur umwerfend aussah, sondern auch einen liebenswerten Charakter besaß, konnte sie es nicht ertragen, dass er eine schlechte Meinung von ihr hatte.

Er wollte die Frau hinter der Maske sehen? Bitteschön. Sie war stolz genug, um ihn einen Blick hinter die Kulisse werfen zu lassen.

Das war natürlich nicht ganz ungefährlich. Jack Latham war ein angesehener Teilhaber. Ein Wort von ihm, geflüstert in das Ohr der richtigen Leute, und mit Mallorys Karriere war es aus und vorbei. Aber selbst wenn sie alles gegeneinander abwog, lohnte es sich immer noch.

„Meine Güte, sind Sie gefühllos! Ich würde zu gern mal die Frau sehen, die hinter dieser eiskalten Fassade steckt. Wenigstens ein einziges Mal, solange wir hier sind.“

Sie befühlte mit den Fingerspitzen die reine Seide ihrer Wäsche. Wenn er einfühlsam genug gewesen war, um mitzubekommen, dass da eine Frau hinter der Fassade steckte, dann würde sie mutig genug sein, sie ihm auch zu zeigen.

Geheime Verschlusssache.

Mallory setzte sich auf, zog die Knie dicht an den Körper und dachte konzentriert darüber nach, wie sie die beste Wirkung erreichen würde. Als sie sich schließlich einen detaillierten Plan zurechtgelegt hatte, war sie unbeabsichtigt in Erregung geraten bei all den vielen verführerischen Möglichkeiten, die sie sich überlegt hatte.

Sie sah auf ihre Uhr. Ein bisschen Zeit hatte sie noch, bis sie Jack wieder sehen würde. Mehr Zeit als genug, um ein paar Vorbereitungen zu treffen.

Mallory streckte sich wieder auf dem Bett aus, kniff die Augen zusammen und stellte sich vor, wie Jack reagieren würde. Freudige Erwartung breitete sich in ihr aus, wurde stärker und verursachte ein klopfendes Pulsieren zwischen ihren Schenkeln. Eine Hand auf den weichen Stoff ihres Slips gelegt, drückte sie ein wenig auf die pulsierende Stelle. Es war eine wundervolle Mischung aus Schmerz und Verlangen. Sie ließ die Fingerspitzen über die Seide gleiten, befühlte den sanft abfallenden Hügel, der sich darunter verbarg.

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