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Mit strenger Hand

Kapitel 1

Sarah stand vor ihrem Kleiderschrank, holte ein Kleid nach dem anderen heraus und hielt es kurz vor sich, nur um es sofort wieder auf die Stange zurückzuhängen. »Ich habe nichts anzuziehen, Brian. Und zum Shoppen reicht die Zeit nicht mehr.«

Ein leises Lachen antwortete ihr. Ihr bester Freund Brian saß im Schneidersitz auf ihrem Bett und hielt eine Bierflasche in der Hand. Brian hatte sie vor gut acht Jahren auf einer Party angesprochen, als ob er gerochen hätte, worauf sie aus war. Er hatte es geschafft, ihre im Nachhinein mehr als leichtsinnige Suche nach dem nächsten Kick in eine gesündere Richtung zu lenken. Er hatte ihr Halt gegeben, als sie gedacht hatte, nicht mehr weitergehen zu können. Brian war der einzige Mensch, dem sie alles anvertrauen konnte.

»Seit wann legst du Wert auf dein Outfit, Honey? Ich hätte ja alles darauf verwettet, dass du nicht einmal für deine eigene Hochzeit so lange brauchst, um ein Kleid auszusuchen. Und jetzt brauchst du schon geschlagene zwei Stunden für ein einziges Kleid. Dabei hast du mir am Telefon versichert, dass du nur ein ganz klein wenig Beratung brauchst und wir danach noch feiern gehen.«

»Tony und Mika sind eben gute Freunde.« Sie biss sich auf die Unterlippe und schob das grüne Kleid zurück in die Reihe. »Es wird ziemlich elegant werden. Die Presse ist auch da. Und überhaupt«, murmelte sie mehr zu sich selbst, während sie das nächste Kleid vor ihren Körper hielt und dann das Gesicht verzog. Als sie das gelbe Kleid gekauft hatte, war ihr guter Geschmack eindeutig im Urlaub gewesen.

»Oha, die hübsche Lady Sarah beginnt, sich für ihre verehrten Standesgenossen zu interessieren«, kommentierte Brian aus dem Hintergrund. Ein Ploppen sagte ihr, dass er gerade die nächste Bierflasche geöffnet hatte. »Oder für einen ganz bestimmten Standesgenossen? Sag schon, wer ist es? Ich hoffe doch, dass er vor den Augen deiner Eltern Gnade finden kann. Mindestens ein Viscount, hoffe ich doch? Namen, Titel, Kontodaten, wenn ich bitten darf. Jetzt wird es spannend. Hast du zufällig noch Popcorn?«

Sarah schob energisch ihre Kleider zur Seite und griff nach dem roten Cocktailkleid, das sie sich im letzten Schlussverkauf in einem Anfall von Wahnsinn in einem Designerladen gekauft hatte. Bisher hatte sie keine Gelegenheit gefunden, es anzuziehen, denn zu viel Glamour hatte die Arbeit für die Steuerbehörde wirklich nicht zu bieten. Für diese Hochzeit war es wahrscheinlich gerade gut genug. Unsicher drehte sie sich zu ihrem Freund um, wartete auf das zustimmende Nicken und betrachtete sich noch einmal im Spiegel.

»Rot zu roten Haaren?«, fragte sie sich selbst und zog eine Haarsträhne aus ihrem Pferdeschwanz. Sie hielt den Stoff dagegen und stellte wieder einmal fest, dass sie doch zusammenpassten, das kräftige Rot des Kleides und ihre rotbraunen Haare. »Hör auf damit, Brian. Ich freue mich auf Tony. Sie ist glücklich mit ihrem Mika, und ich kann sie nur beglückwünschen. Ich habe mich schon immer gefragt, was sie mit Jon eigentlich wollte.«

Brian trank einen Schluck und zuckte dann entschuldigend mit den Schultern. »War mir von Anfang an klar, dass er ein arroganter Schnösel ist. Übrigens, deine Brille passt nicht zu dem Kleid.«

Vorsichtig legte sie den Seidenstoff zusammen und bettete das Kleid in ihren kleinen Koffer. Tonys Hochzeit versprach ein gesellschaftliches Ereignis zu werden, da würde sie mit diesem Kleid gerade richtig liegen. Sarah freute sich wirklich darauf, vor allem weil sie Tony wiedersah. Sie hatten sich in den letzten Jahren viel zu selten gesehen, obwohl sie im ersten Semester fast beste Freundinnen geworden wären. Bis Jon in Tonys Leben gekommen war. Nach dem Studium war Tony zur Unternehmensberatung gegangen, sie selbst hatte sich ganz dem Kampf gegen die Banken verschrieben. Es waren schlicht und ergreifend andere Welten, und irgendwie hatten sie sich darüber völlig aus den Augen verloren, wenn man von den gelegentlichen Nachrichten auf den üblichen Internetseiten einmal absah.

»Arroganter Schnösel trifft es«, bestätigte Sarah und kniff nachdenklich die Augen zusammen. »Dafür ist Mika der süßeste Kerl, den ich je getroffen habe. Und wenn der Traummann einem auch noch die Firma rettet, kann man ja nicht anders, als jemanden wie Jon abzuschießen, oder? Und ich hatte nicht vor, die Brille dazu zu tragen. Für solche Fälle gibt es Kontaktlinsen. Brille trage ich nur auf der Arbeit. Das sieht klug aus, weißt du.«

Brians Lachen kroch über ihren Rücken. Sarah verkniff sich mühsam eine Bemerkung darüber, dass er heute eindeutig schon zu viel getrunken hatte. Im Spiegel beobachtete sie, wie Brian in bester Imitation des sterbenden Helden gestikulierte. »Ich dachte immer, ich wäre der einzige Mann in deinem Leben. Du brichst mir das Herz, Honey«

»Du solltest nicht versuchen, Schauspieler zu werden. Außerdem weißt du, dass ich gerne Herzen breche.« Sarah öffnete die Schranktür, die der Außenwand am nächsten war, und griff energisch nach einem schwarzen Kleid. Sie warf es neben Brian auf die Tagesdecke. »Aber du kannst mich gerne auf die Hochzeit begleiten. Ich bin eindeutig mit Begleitung eingeladen. Freddy nehme ich ganz bestimmt nicht mit.«

»Der arme Freddy«, sagte Brian gespielt mitleidig. »Er hat sicher fest damit gerechnet, dass du ihn mitnimmst. Wie oft hat er dir schon einen Antrag gemacht?«

»Hochoffizielle Anträge?«, erwiderte Sarah grinsend und fuhr damit fort, aus ihrem Schrank all die Kleinigkeiten herauszuholen, mit denen sie ihr Outfit für den Sonntag vervollständigen wollte. »Mindestens drei. Einmal davon ganz klassisch, nachdem er meinen Herrn Vater um meine Hand angehalten hatte. Idiot. ›Aber immerhin ist er ein Viscount und sein Land grenzt an unseres. Denk doch nach, Kind.‹ Sarah schnitt Brian über die Schulter hinweg eine Grimasse, als sie ihre Mutter zitierte. »Okay, dann willst du also nicht mitkommen? Brian, ich glaube, jetzt brichst du mir das Herz!«

»Zum Klassenfeind? Gott bewahre. Das letzte Mal, als wir uns hier in London mit diesen adligen Freunden von dir getroffen haben, endete es fast in einer Schlägerei. Nur weil ich irischer Patriot bin.«

»Alter Kommunist. Wie Phil, ehrlich.« Sarah legte den Kopf schief, zog noch eine ungeöffnete Packung mit halterlosen Strümpfen aus dem Schrank und atmete tief durch. »Also, noch einmal zu meinem Outfit. Für Samstag, meine ich.«

»Sag mir endlich, wer es ist. Oder muss ich es aus dir herausprügeln?«, bat Brian und hob die Hand. Er deutete einen spielerischen Schlag an. »Ich nicht, weil ich nicht da bin. Freddy nicht, weil er ein Idiot ist. Dein süßer Mika nicht, weil er der Bräutigam ist. Also, wer ist Mister Unbekannt?«

»Der Trauzeuge. Und nein, ich will nichts von ihm. Ich kenne ihn nur beruflich, und wenn ich schon die Chance dazu habe, will ich ihm einfach zeigen, wer von uns beiden hier mehr zu sagen hat.« Sarah zuckte mit den Schultern und schloss die äußerste Schranktür. »Cunningham. Daniel Cunningham, seines Zeichens noch arroganter als Jon. Er arbeitet bei der Bank, deren Steuerunterlagen ich gerade prüfe. Sie haben ihn eigens dafür von der Wall Street nach Europa geschickt, damit er hier das Geschäft etwas aufräumt. Klassischer Karrieretyp. Studium in Harvard. Lehraufträge am MIT in Boston. Erste Million mit 26.«

Brian trank den Rest seiner Bierflasche in einem Zug aus. »Höre ich da Bewunderung?«

»Das einzige Gute in seinem bisherigen Leben ist, dass er Tony das Geld besorgt hat, um ihre Firma zu retten. Leider ist er auch einer von Mikas engsten Freunden. Sie kennen sich seit dem Studium. Ich komme nicht umhin, ihn auch noch am Wochenende zu sehen.« Sarah verzog unwillig das Gesicht. »Er kommt sich so was von cool vor, nur weil er ein paar Millionen auf dem Konto hat.«

»Banker eben.«

»Schlimmer. Wir hatten vor vier Tagen unser erstes Meeting. Weißt du, was dieser Macho zu mir gesagt hat, als ihm klar wurde, dass ich die Untersuchungen leite? Ob ich auch sicher bin, dass ich die Summen richtig umgerechnet hätte, weil die Bank ihre Bilanzen in Dollar ausweist.« Cunningham trug alles zur Schau, was sie bei Bankern hasste. All das, warum sie trotz ihrer guten Abschlüsse doch nur zur Steuerfahndung gegangen war. Die kaum verhohlenen Machoallüren. Die Arroganz, nur weil er mit Unsummen spielen konnte. »Und darum der Aufwand. Soll er ruhig sehen, dass ich mehr kann als nur Zahlen zusammenrechnen und Paragrafen aufsagen. Ich wette, dass er mich zum Tanzen auffordert. Solchen Typen muss man einfach zeigen, wo der Hammer hängt.«

Brian zog die Augenbrauen nach oben. »Dann darf der arme Freddy sich freuen, weil du einen neuen Lieblingsfeind auf dem Kicker hast?«

»Ganz genau.« Sarah atmete tief durch und schloss ihren Kleiderschrank, um nicht in Versuchung zu geraten, die ganze Anprobe noch einmal durchzuziehen. »Wenigstens hat Mika nichts davon gesagt, dass er auch noch am Sonntag dabei wäre. Ich kann gut und gerne darauf verzichten, ihn auch noch auf dieser Feier zu treffen.«

»Und du hast mir gesagt, dass es einfach nur eine langweilige englische Oberklassenhochzeit wird«, warf Brian ihr mit einem leichten Tadel in der Stimme vor. »Das nenne ich Vorspiegeln falscher Tatsachen, Honey. Du willst also spielen? Ohne mich?«

»Dorthin kommst du ganz sicher nicht. Diese ganz private Feier ist nur für Gäste, die Mika persönlich eingeladen hat. Ich weiß noch nicht einmal, wo sie stattfindet, damit ja nichts an die Presse kommt.« Sarah packte zielstrebig ihre Sachen in den Koffer und zog den Reißverschluss zu.

»Was meinst du, auf welcher Seite würde dein Banker stehen? Mal so ganz hypothetisch. Und falls du wirklich spielen willst, empfehle ich dir, dein Halsband nicht zu vergessen. Das macht sich immer gut.«

»Brian, bitte. Er ist viel zu seriös dafür. Und er hat ein Familienfoto auf dem Schreibtisch. Mika hat nichts davon gesagt, dass er dabei ist, und Cunningham würde so etwas ganz sicher nicht einmal im Traum in Erwägung ziehen.«

Brian bückte sich, tauschte seine leere Bierflasche gegen eine volle und öffnete sie mit einem Schlüssel. »Dafür, dass du ihn angeblich so gar nicht magst, weißt du aber ziemlich viel über ihn, Hon.«

Das wäre in der Tat eine interessante Frage, auf welcher Seite Cunningham stehen würde. Sarah biss sich auf die Zunge, um ihren Verstand wieder klar zu bekommen. Sie fühlte sich wie beschwipst, obwohl sie von dem Bier fast nichts abbekommen hatte. Cunningham hatte diese Wirkung auf sie, seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte. »Man sollte seine Feinde immer kennen«, erwiderte sie und stellte den Koffer ruckartig auf. »Morgen Vormittag noch, dann fliege ich nach Schottland und bekomme endlich den Kopf frei. Am Mittwoch trete ich Cunningham dann mit frischer Kraft in den Allerwertesten.«

Brian grinste sie breit an. »Armer Freddy. Ich sehe ein Eifersuchtsdrama vor mir.«

»Wenn es weiter nichts ist.« Sarah lachte hell auf und ließ sich von ihrem besten Freund ein Bier geben. »Und meinst du, das rote Kleid passt wirklich?«

»Ich bin ein Kerl, Sarah. Keine Ahnung, ob es passt. Aber du siehst sicher grandios darin aus. Macht sicher schlank, oder etwas in der Art.« Brian verdrehte vielsagend die Augen. »Für deinen Banker wird es gerade so reichen.«

Sarah schlug spielerisch nach ihrem besten Freund. Nur einen Augenblick später wurden sie beide von einem Lachanfall geschüttelt, der alle weiteren Worte überflüssig machte.

***

Daniel hatte wirklich alle Mühe, sein Lächeln aufrechtzuerhalten. Diese Frau raubte ihm die letzten Nerven mit ihrer Detailversessenheit. Jedes Mal, wenn er dachte, dass sie das Ende ihres Vortrags erreicht hatte, fing sie mit einem weiteren Punkt an. Ihre Analyse der Situation war brillant, ihr Gespür für Lücken und Fehler in den Bilanzen leider auch.

Er lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und ließ den Blick aus dem Fenster schweifen. Das graue Londoner Wetter passte ziemlich genau zu seiner Stimmung. Man mochte kaum glauben, dass es Frühsommer war, wenn man dieses Wetter betrachtete. Trüber Nebel hing über der Stadt und ließ das Gebäude auf der anderen Seite der Straße verschwimmen. Es lud geradezu zum Träumen ein. Von Florida. Einem Haus an der Golfküste, Sarasota vielleicht. Nur er und seine Tochter. Und vielleicht ein Motorboot, das würde den Urlaub perfekt machen. Leia würde ein Motorboot lieben, und ihn noch viel mehr dafür, dass er es ihr bezahlte.

Sein Gegenüber räusperte sich vielsagend. »Mister Cunningham, ich habe Ihnen eine Frage gestellt.«

»Hören Sie, Miss Forsythe, ich habe nicht den ganzen Tag für Sie Zeit, da können Sie noch so oft darauf herumreiten, dass Sie von der Steuer sind. So gerne ich es können würde, aber in der kurzen Zeit kann nicht einmal ich die Unterlagen herbeizaubern.« Allein schon der Name – Sarah Georgina Forsythe – grinste ihn von ihrer Visitenkarte nachgerade höhnisch an. Fehlte nur noch irgendein Titel und sie wäre die Inkarnation eines dieser englischen Lords, die direkt aus dem vorletzten Jahrhundert kamen.

»Ob Sie es wollen oder nicht, Sie sind derjenige, der den Mist aufräumen muss, Mister Cunningham. Darum hat man Sie doch geschickt«, korrigierte sie und schob mit dem Zeigefinger ihre Brille zurecht.

Er hasste Frauen mit schwarzen, strengen Brillen. »Aber nicht innerhalb von zehn Tagen.« Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und bedachte sie mit einem herablassenden Blick.

»Das interessiert mich nicht. Ich will wissen, wie die unwahrscheinliche Summe von 250 Millionen einfach von den Steuererklärungen verschwinden konnte. Macht sich in Zeiten wie diesen gut, wenn Banken ihre Steuern ehrlich zahlen«, gab sie spitz zurück und blätterte in ihren Unterlagen. »Also?«

Wenn man sich die Brille wegdachte, war sie erstaunlich hübsch. Sie hatte etwas von einem Pin-up-Girl aus den Fünfzigern. An ihrem Businesskostüm war nichts auszusetzen. Der Rock war lang genug, das Seidentuch verbarg ihren Ausschnitt und die Brille passte farblich wunderbar dazu. Aber ihre Figur wäre perfekt für ein solches Foto, mit den weiblichen Rundungen, die sie unter ihrer Kleidung verbarg. Und ihre ganze Haltung hatte etwas Unnahbares, das ihn unweigerlich anzog.

Daniel konnte sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen. »Wenn ich die Millionen finde, sind Sie die Erste, die es erfahren wird.«

Sie warf ihm einen tödlichen Blick zu. Die Steuerbehörde hatte gut daran getan, sie auf den Fall anzusetzen. »Wenn das publik wird, haben Sie ziemlichen Ärger am Hals, Mister Cunningham, also markieren Sie hier nicht den starken Mann«, schnappte sie zurück. »Steuerhinterziehung in dieser Größenordnung ist selbst für Sie ein Problem. Wissen Sie, wie viele Schulmahlzeiten von 250 Millionen Pfund bezahlt werden könnten? Was Sie hier machen ist nicht einfach nur Spielerei. Sie nehmen von denen da draußen, die gerade so überleben. Wenn Sie weiter schlechte Presse vermeiden wollen, sollten Sie besser kooperieren. Das war der Deal, Mister Cunningham, wenn ich Sie daran erinnern darf.«

Und sie hatte definitiv Feuer. Er grinste und wippte mit seinem Stuhl ein wenig hin und her. Fachlich war sie grandios, das hatte sie ihm schon bewiesen, und auf diese Weise machte es wenigstens Spaß, in Bilanzen und endlosen Zahlenreihen zu verschwinden. Er konnte es noch so sehr versuchen, aber die Vorstellung, sie auf seinem Schreibtisch zu nehmen, ließ sich einfach nicht mehr aus seinem Kopf vertreiben. »Vergessen Sie es, Miss Forsythe. Appelle an mein soziales Gewissen funktionieren nicht.«

Übertrieben langsam schloss sie den Ordner vor sich auf dem Tisch. »Mister Cunningham, an manchen Tagen macht mir der Job sogar Spaß. Immer dann, wenn ich Typen wie Sie drankriege, die denken, dass Ihnen die Welt gehört, nur weil sie mit ein paar Millionen jonglieren.«

»Milliarden trifft es wohl eher.« Zu weit durfte er es dann doch nicht treiben, denn sie hatte verdammt recht damit, dass das eine ernste Sache war. 250 Millionen verschwanden nicht einfach so aus den Bilanzen. Wenn er diese Sache nicht bald in den Griff bekam, hatte er wirklich ein Problem am Hals. Eines von der Sorte, das seine Karriere zerstören konnte. »Aber meinetwegen, Sie haben gewonnen, Miss Forsythe. Passen Sie auf, ich verspreche Ihnen, dass ich Ihnen nächste Woche mehr sagen kann.«

Sie zog die Augenbrauen hoch, als würde sie auf irgendetwas warten. Daniel hatte alle Mühe, nicht die Augen zu verdrehen. »Bitte«, fügte er dann ruhig hinzu.

»Sie können von Glück reden, dass ich auf derselben Hochzeit bin wie Sie, Mister Cunningham. Erstaunlich, dass Sie das bisher noch gar nicht angeführt haben«, antwortete sie schnippisch und grinste ihn breit an. »Sie haben sogar zwei Tage mehr Zeit. Ich komme erst am Mittwoch wieder, bis dahin habe ich Urlaub. Und versuchen Sie bloß nicht, Beweise zu vernichten. Der Staatsanwalt war schon da, falls Ihnen das entgangen ist.«

Zicke. Daniel schluckte auch diese Bemerkung hinunter und verbarg sie hinter einem freundlichen Lächeln. »Auf welche Hochzeiten ich gehe, ist und bleibt mein Privatvergnügen. Hochzeiten sind jedenfalls kein Grund, um die Arbeit zu vernachlässigen. Ich hatte Sie schon auf der Gästeliste gesehen, Miss Forsythe, und ich habe mich gefragt, wann Sie mich endlich darauf ansprechen.«

»Jetzt, weil ich den Flieger noch bekommen muss«, gab sie seelenruhig zurück. Daniel hatte keine Ahnung, was an ihrer frechen Art es genau war, das ihn anzog, aber sie hatte etwas. Auch wenn sie ein ganz anderer Typ war als Shannon, die mit ihrer elfengleichen Art nicht nur optisch das absolute Gegenteil zu Sarah gewesen war. Shannon hatte ihm nie widersprochen. Shannon hatte ihn vergöttert. Shannon hätte im Traum nicht daran gedacht, ihm solche Sprüche hinzuknallen. »Dann sehen wir uns am Samstag nach dem Standesamt?«

»Ich denke doch. Es wird mir ein Vergnügen sein, Sie zum Tanz aufzufordern, Miss Forsythe.« Und noch mehr Vergnügen wäre es, ihr jede einzelne ihrer Bemerkungen mit einem Orgasmus heimzuzahlen.

»Und ich würde Ihnen mit Vergnügen auf die Füße treten. Aber ich tanze aus Prinzip nicht. Ich bin nicht gerade die beste Tänzerin.«

Wider Willen musste er auflachen. »Dann sind wir uns darin wenigstens einig. Das Tanzen und ich sind nie Freunde geworden.«

Sie stand auf, schob ihre Ordner in ihre Aktentasche und verabschiedete sich mit einem knappen Kopfnicken. »Bis Samstag, Mister Cunningham. Sehen Sie zu, dass Sie die Unterlagen für Ihre 250 Millionen auftreiben. Ich würde Ihnen nur zu gerne dazwischenfunken, das wissen Sie hoffentlich.«

Er erwiderte ihren Gruß und widerstand nur schwer dem Drang, Mikael anzurufen und sich näher nach dieser Sarah Forsythe zu erkundigen. Das hatte auch noch bis Samstagabend Zeit.

Und dann würde er mit Sicherheit einen Weg finden, diese Herausforderung anzunehmen und zu einem guten Abschluss zu bringen.

Kapitel 2

Sarah genoss die Hochzeit aus ganzem Herzen. Das Essen war vom Feinsten, die Musik ebenfalls, und die Dekoration musste ein Vermögen verschlungen haben. Zwar war alles schlicht und nüchtern, aber gerade das machte die Dinge oft erst richtig teuer. Den formellen Teil der Feier hatten sie überstanden, den Brautwalzer hinter sich gebracht, und inzwischen war die kleine Fläche vor den Musikern voll von Paaren, die sich mehr oder weniger im Takt bewegten.

Tony sah in ihrem Kleid einfach fantastisch aus. Die klassische, strenge Linie wurde durch den verspielten Spitzenbesatz aufgebrochen, eine Schleppe aus nahezu durchsichtigem Stoff setzte an ihrer Taille an. Die trompetenförmigen Ärmel reichten beinahe bis zum Boden. Das schlichte Altweiß passte zu ihrer Haut und die Frisur gab den Rest dazu. Es brauchte nicht viel Menschenkenntnis, um Tony und Mika ihr Glück anzusehen.

Als sie den dunkelhaarigen Mann bemerkte, der sich seinen Weg durch die Tische hindurch bahnte, schlug ihr Herz unvermittelt schneller. Sie griff ihr Weinglas, trank einen hastigen Schluck und versuchte so zu tun, als ob sie ihn überhaupt nicht bemerkt hatte. Er steuerte wirklich auf sie zu und bog nicht noch im letzten Augenblick ab, um mit irgendjemand anderem zu sprechen.

»Dürfte ich Sie um diesen Tanz bitten, Miss Forsythe?«

In einer solchen Umgebung klang er viel sanfter als in seinem Büro und dennoch sehr selbstsicher. »Ich tanze nicht, Mister Cunningham. Zwei linke Füße, zwei linke Hände und kein Taktgefühl. Das sollten Sie doch bereits wissen.«

»Wie schade. Ich hatte gehofft, dass Sie es sich anders überlegen.« Er deutete eine Verbeugung an und zwinkerte ihr zu. »Man hat mir gesagt, dass es unhöflich wäre, eine Aufforderung zum Tanz abzulehnen.«

Sarah schmunzelte und legte ihre Hand in seine, die er ihr elegant hinhielt. Er half ihr beim Aufstehen und bot ihr danach in absolut vollendeter Form seinen Arm an.

»Wollen Sie mir wirklich etwas in Sachen Etikette beibringen, Mister Cunningham?«, fragte sie ihn und hatte das Gefühl, als ob sich alles um sie herum drehte. Sein maskuliner Duft stieg in ihre Nase. Er führte sie mit sicherer Hand zwischen den Tischen hindurch an den Rand der Tanzfläche.

»Es läge mir fern, Sie zu belehren.« Selbstsicher nahm er sie in die Tanzhaltung. Sarah hielt unwillkürlich die Luft an und blickte krampfhaft über seine linke Schulter hinweg, um ja nicht zu viel Interesse an ihm zu zeigen. Seine Finger legten sich um ihre rechte Hand. Sie spürte etwas Metallisches auf ihrem Handrücken.

Sein Ehering. Sie sollte schleunigst ihre Gedanken wieder in den Griff bekommen. Einmal ganz abgesehen davon, dass sie ihren Job riskierte. Er war attraktiv, zugegeben. Aber das waren andere Männer auch. Sie sollte sich wirklich beruhigen, den Tanz hinter sich bringen und dann keinen Gedanken mehr an ihn verschwenden.

»Ich habe eine kleine Schwäche für Regeln, Miss Forsythe«, fügte er hinzu. Sie spürte seinen Atem an ihrem Hals. Er kam ihr gerade eindeutig näher, als es erforderlich war. »Und dafür, Menschen zu beobachten, wie sie mit Regeln umgehen.«

Ein Zittern ging durch Sarahs Körper. Ob er das mit den Regeln absichtlich gesagt hatte? Sie hatte überhaupt keinen Grund, es zu vermuten, aber was, wenn er morgen doch dabei wäre? Mikael hätte es ihr sicher gesagt, oder? Andererseits wusste Mikael nichts davon, dass sie Daniel beruflich kannte.

Er schien genauso seine Mühe zu haben wie sie, wenn sie den konzentrierten Gesichtsausdruck richtig deutete. Immerhin war es nur ein langsamer Walzer. »Ich habe Ihnen einen Tanz versprochen, auch wenn ich weiß, dass Sie genauso wenig tanzen wie ich. Bringen wir es also hinter uns.«

Jetzt musste sie unwillkürlich doch lächeln. Er mochte vom Tanzen wenig Ahnung haben, aber sein Griff war sicher und gab ihr Halt. Genau so, wie sie es mochte. Stark, sicher, besitzergreifend. Stopp. Aufhören, Sarah. Sofort.

»Woher kennen Sie denn das Brautpaar, Miss Forsythe?«

Die einfachste und harmloseste Frage auf einer Hochzeit. Sarah biss sich beinahe auf die Zunge und suchte nach einer genauso einfachen und harmlosen Antwort. »Erstes Semester. Tony und ich hatten im Wohnheim Zimmer nebeneinander. Vor einem halben Jahr haben wir uns wiedergetroffen, rein zufällig. In irgendeinem Klub, keine Ahnung mehr, welcher genau das war.«

Sie musste ja nicht dazusagen, dass es sich bei dem Klub um einen der schicksten SM-Klubs Londons gehandelt hatte, wo sie sich eigentlich nur umsehen wollte. Und dann zufällig Tony und ihren Traumtypen gefunden hatte.

Sein Blick, der sie bei seinen Worten traf, trieb ihr die Röte in die Wangen. Ja, es gab keine Anhaltspunkte dafür, dass er morgen dabei war. Dennoch hatte sie gerade das Gefühl, als würde er ihre Gedanken lesen und sich herrlich darüber amüsieren. Zu ihrem Glück endete das Lied. Dennoch ließ Cunningham sie nicht los. Sie murmelte einen leisen Protest.

»Man hat mir erklärt, dass eine klassische Tanzrunde drei Tänze umfasst. In dem Fall langsamen Walzer, Foxtrott und Wiener Walzer.« Das Lächeln, das seine weichen Lippen umspielte, bekam etwas Zynisches. »Oder habe ich etwas in Sachen Etikette falsch verstanden, Lady Forsythe?«

»Miss Forsythe genügt, danke. Außerdem ist das die falsche Anrede. Lady Forsythe ist meine Mutter.« Sie warf ihm einen wütenden Blick zu und schob ihre langen Haare zurück. Es durfte einfach nicht sein, dass sie sich von ihm verwirren ließ. Seinen Lippenbewegungen sah sie an, dass er sich den Takt selbst einzählte, ehe er einen ersten Schritt machte.

»Lady Sarah?«, schlug er mit einem Augenzwinkern vor. »Oder ist das nicht respektvoll genug für einen titellosen Amerikaner wie mich?«

Sein Tonfall schickte heiße Schauder über ihren Rücken. Es mochte wie eine gewöhnliche Neckerei unter Bekannten wirken, aber was, wenn er mehr damit meinte? »Für Sie immer noch Miss Forsythe. Sehen Sie, so gehört sich ein Foxtrott. Captain St. John sollte Ihnen bei Gelegenheit ein wenig Unterricht geben.«

»Wie Sie meinen, Madame.« Er blieb standhaft bei seinem Grundschritt. Eine Falte tauchte zwischen seinen Augenbrauen auf. »Ich fürchte, Ihr Captain würde seine Zeit verschwenden. Meine Frau hat jahrelang versucht, mich zu einem besseren Tänzer zu machen. Tanzkurse, Privatlehrer, hat alles nicht funktioniert.«

Erleichtert atmete Sarah durch. »Ich kann mir vorstellen, dass Sie Ihre Frau sehr vermissen.«

Das Funkeln in seinen Augen erlosch. »Allerdings. Und für meine Kleine ist es auch nicht gerade leicht. Ich lasse gerade ein Haus in Highgate nach meinen Wünschen umbauen, dann kann ich sie zu mir holen. Das Haus soll angeblich nächste Woche bezugsfertig sein.«

Gut geraten, Sarah. Und wenn er eine Frau hatte, die er unbedingt zu sich holen wollte, bedeutete das, dass er auf keinen Fall morgen dabei sein würde. »Ging alles etwas überstürzt, kann ich mir vorstellen?«

Damit hatten sie den Foxtrott auch herumgebracht. Cunningham nickte ihr zu, als das nächste Lied angespielt wurde, und zog sie dann ein Stück näher an sich. »Dann eben nicht Wiener Walzer, sondern Blues«, kommentierte er trocken und schnitt eine Grimasse.

Wenn es nicht gerade er gewesen wäre, sie hätte sich durchaus wohl fühlen können. Er roch nach einem dezenten, sehr männlichen Parfüm, irgendwo zwischen Sandelholz, Moos und Limone. Sein Anzug saß perfekt und unterstrich die breiten Schultern. Überhaupt wirkte er sehr sportlich. Wenn sie raten müsste, würde sie auf italienische Vorfahren tippen, zumindest zum Teil. Sein schwarzes Haar sprach jedenfalls dafür.

Er manövrierte sie an den Rand der Tanzfläche. »Aber ich glaube, ich bringe Sie lieber an Ihren Platz zurück. Blues ist doch eher etwas für verliebte Pärchen. Ich fühle mich gerade etwas deplatziert.«

Wieder hakte sie sich bei ihm unter. Das amüsierte Funkeln in seinen Augen gefiel ihr, irgendwie. Es war erstaunlich, wie leicht sich auf einmal alles anfühlte. Dass sie mehr in seine Worte hineininterpretiert hatte, lag sicher nur am Wein. Er rückte ihr den Stuhl zurecht und deutete eine knappe Verbeugung an.

»War mir ein Vergnügen, Miss Forsythe. Ich freue mich schon auf Mittwoch«, verabschiedete er sich höflich und griff noch einmal nach ihrer Hand. Schnell führte er sie an seine Lippen und unterstrich seine Worte mit einem elegant ausgeführten Handkuss. »Was machen Sie mit Ihren verbliebenen Urlaubstagen hier?«

Sarah zuckte zusammen und spürte die Hitze in ihren Wangen. »Ausschlafen. Vielleicht etwas in Glasgow herumstreifen. Urlaub machen eben«, log sie hastig.

»Ich hoffe, dass ich Ihnen nicht zu oft auf die Füße gestiegen bin. Einen wunderschönen Urlaub noch.« Damit drehte er sich um und machte sich auf den Weg zurück an den Brauttisch.

Sarahs Finger klammerten sich um ihr Weinglas. Sie starrte die dunkelrote Flüssigkeit darin an, nur um jeden Blick zu ihm hinüber zu vermeiden. Seine sanfte Stimme war bis unter ihre Haut gekrochen und hatte sich dort festgesetzt. Er war verheiratet. Sie bildete sich irgendetwas ein. Sie tat besser daran, sich daran zu erinnern, was beruflich zwischen ihnen stand.

***

Daniel strich liebevoll die Enden der Seile glatt, die er nebeneinander auf den Tisch gelegt hatte. Messer und Schere lagen rechts oben bereit, sodass er im Notfall schnell an sie herankommen konnte. Ein weiteres Messer hing an seiner linken Seite, und eines hatte er Oliver gegeben. Man konnte nie sicher genug gehen. Vor allem dann nicht, wenn man Neuland beschritt. Abgesehen davon war eine Hochzeit an sich schon emotional genug. Er wollte keinesfalls riskieren, die Fesseln nicht mehr aufzubekommen, falls Tony doch stärker reagierte, als er voraussah.

Daniel begrüßte die Gäste nur mit einem knappen Kopfnicken, um sich nicht um seine Konzentration zu bringen. Oliver und Mary. Alexa mit ihrer neuen Lieblingsgefährtin im Schlepptau, einer zierlichen Blondine aus Cornwall. Mehr Gäste wollte Mikael seiner Tony nicht zumuten. Auch wenn Danny sich gut vorstellen konnte, was Tony dazu sagen würde: Dass sie öffentlich meinte, wenn sie öffentlich sagte, und nicht ein Publikum, das aus einigen guten Freunden bestand. Von Sarah Forsythe war noch immer keine Spur zu sehen. Vielleicht hatte er Mikaels Andeutung am Ende doch falsch aufgefasst?

Er hatte mit Sarah getanzt, und wie versprochen war sie eine äußerst schlechte Tänzerin. Dafür hing ihr verführerischer Duft immer noch in seiner Nase, und ihr rotes Kleid hatte atemberaubend gut ausgesehen. Sie hatte tatsächlich irgendeinen Titel aufzuweisen. Tony hatte versucht, ihm die Feinheiten englischer Adelstitel beizubringen, aber es reichte wohl, wenn er wusste, dass sie aus einer alten Familie stammte. Außerdem hatte Mikael zwischen Hochzeitsfrühstück, Kuchen und Abendessen immer wieder kleine Anspielungen losgelassen, die eindeutig darauf hinwiesen, dass Sarah auch bei der privaten Hochzeitsfeier dabei sein würde.

Was er sich einfach nicht vorstellen konnte. Und was ihm zugleich eine schlaflose Nacht beschert hatte. Ob Mikael und Tony wussten, dass ihn und Sarah eine berufliche Hassliebe verband? Oder ob sie gerade deswegen auf die Idee gekommen waren, ihn und Sarah zu verkuppeln? Mikael war schon lange der Meinung, dass er sich endlich eine neue Freundin suchen sollte. Daniel traute es ihm und Tony durchaus zu, dass sie irgendwelche Kuppelversuche starteten. Nicht, dass er daran dachte, sich verkuppeln zu lassen, aber der Gedanke war dennoch die ganze Nacht in seinem Kopf herumgespukt.

Er hatte nicht nachhaken wollen, ob er Mikaels Andeutungen wirklich richtig verstand. Das wäre gleichbedeutend gewesen damit, seinen Freunden gegenüber einzugestehen, dass ihr Plan aufgegangen war. Wenn, dann entschied er selbst, wann es Zeit war, sich auf eine neue Beziehung einzulassen. Und wenn es nach ihm ging, würde dieser Tag niemals kommen. Jemanden wie Shannon konnte es nur ein einziges Mal geben.

Lady Sarah. Es passte zu dieser zickigen Überheblichkeit, mit der sie auf seine Sticheleien reagierte. Es juckte ihn in den Fingern, herauszufinden, was genau Mikael mit seinen Andeutungen meinte.

Die Ruhe im Raum war geradezu mit Händen greifbar. Daniel begann damit, noch einmal das Muster durchzugehen, das er sich im Vorfeld überlegt hatte. Er wollte, dass heute alles perfekt lief, und dass die Fesselung genau einem einzigen Ziel diente: Tony noch schöner wirken zu lassen. Nur am Rande hörte er, wie die Tür aufging und jemand den Raum betrat. Die leisen, federnden Schritte ließen auf eine Frau schließen. Aus den Augenwinkeln blickte er zur Tür hinüber.

Seine Konzentration war dahin, noch ehe sein Verstand ganz begriffen hatte, dass sie es wirklich war. Sarah. In einem eleganten, bodenlangen Kleid, das an beiden Seiten eine durchgängige Schnürung aus Silberkettchen aufwies. Der Ausschnitt war nicht zu tief, aber gerade die Tatsache, dass sie alles verbarg, gab seiner Fantasie den Startschuss, wilde Vermutungen darüber anzustellen, was sie unter diesem Kleid trug. Ihr Halsband war ebenso schlicht wie dieses Kleid und gerade darum in seiner Wirkung so umwerfend. Sie sah beinahe aus, als würde sie zu irgendeinem Ball gehen – und dieser Hauch von Verwegenheit genügte, um die perfekte Wirkung zu erzielen.

Jedenfalls auf ihn. Er würde zuerst ihre Frisur lösen, diese kunstvolle Steckfrisur langsam, aber sicher zerstören, bis ihre Haare offen über ihren Rücken hingen. Was auch immer sie unter diesem Kleid trug, er würde ihr befehlen, es abzulegen. Er würde sie nehmen, eingehüllt in ihren herrlich unaufdringlichen Duft, der ihn seit dem Tanz mit ihr nicht mehr losließ.

Dann erst protestierte sein Verstand und rief ihn zurück in die Wirklichkeit. Sarah war tatsächlich hier und die Art, wie sie den Blick senkte, hinüber zu Alexa ging, sie mit einem kurzen Handkuss begrüßte und auf die Knie sank, ließ keinen Zweifel mehr offen. Daniel hatte Mikael richtig verstanden. Diese etwas vorlaute, schlagfertige, nervtötend selbstbewusste Sarah Forsythe stand auf der devoten Seite.

Und er hatte keinen blassen Schimmer, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Sarah schien keine Probleme damit zu haben. Sie verhielt sich nicht viel anders als Alexas Gespielin, zeigte keinerlei Regung, verharrte in ihrer unterwürfigen Haltung und ließ nicht einmal erkennen, ob sie ihn überhaupt wahrgenommen hatte.

Natürlich hat sie das, Dummkopf, sagte er zu sich selbst, biss auf seine Unterlippe, bis es schmerzte, und zwang sich dann, noch einmal die Seile durchzuzählen. Er wusste, dass er perfekt vorbereitet war – aber Sarahs Ankunft in diesem Raum ließ seine Hände leicht zittern. Es ergab keinen Sinn, auch das wusste er. Sie würde kaum damit herumtönen, dass sie ihn in einem SM-Klub gesehen hätte, denn damit würde sie sich selbst verraten. Sie würde es in keiner Weise jemals wieder erwähnen, und trotzdem. Trotzdem war es seltsam.

Erst als die Tür an der Rückseite des Raumes leise in ihr Schloss fiel, fand er seine Fassung wieder. Tony trat zuerst in den Lichtkegel inmitten des Raumes. Ein Umhang aus nachtblauer Seide verhüllte ihren Körper. Daniel erkannte dieses leichte Zögern in ihren Augen. Ein schüchternes Lächeln glitt über ihre Lippen, ehe sie die Schnürung öffnete und dem Umhang zu Boden gleiten ließ. Darunter trug sie ein Korsett in einem dunkelroten, dezent gemusterten Stoff, der den Ton ihrer Haare perfekt unterstrich. Ein dünnes Silbergewebe zog sich über ihr Dekolleté. Dasselbe Silbergewebe bildete einen durchsichtigen Rock über ihre Hüften. Sie sah atemberaubend gut aus.

Sie straffte ihre Schultern, drehte sich einmal um sich selbst und sank dann auf die Knie. Die Eleganz in ihren Bewegungen war faszinierend. Jetzt erst trat Mikael aus dem Halbdunkel des Raumes. Er streichelte ihr im Vorübergehen über den Kopf und nickte Daniel einmal knapp zu.

Dieses Korsett war eigentlich viel zu schade, um es schon wieder auszuziehen. Dennoch befahl Mikael ihr leise, wieder aufzustehen. Sie drehte ihm den Rücken zu. Kühl und zielbewusst öffnete er die Schnürung, bis das Korsett zu Boden glitt. Sofort sank sie wieder auf die Knie.

Tony war wirklich nicht sein Typ Frau, und dennoch reichte ihr Anblick, um die Lust in ihm zu wecken. Striemen zierten ihren Körper. Daniel schmunzelte. Er hatte schon fast damit gerechnet, Spuren der Hochzeitsnacht an ihrem Körper zu sehen.

Mikael brachte Umhang und Korsett in Sicherheit, während Daniel das erste Seil auswählte. Wortlos begann er damit, Tonys Arme auf ihrem Rücken zu fesseln. Er spürte das leichte Zittern in ihrem Körper. Beruhigend streichelte er über ihre Schultern, bis sie ruhiger wurde.

Mit dem letzten Knoten dieser Fesselung kehrte die Ruhe endgültig auch zu ihm zurück. Ein Seil nach dem anderen fand seinen Platz, bog ihren sportlichen Körper in eigentlich unmögliche Formen. Es war herrlich, ihr Nachgeben zu spüren. Er spürte ihre Wärme unter seinen Fingern, die Spannung in ihren Muskeln, wenn er einen Knoten festzog und ihr ein weiteres Stück ihrer Bewegungsfreiheit nahm.

Das Muster wirkte auf ihrer hellen Haut noch besser, als er gedacht hatte. Die violetten Seile harmonierten mit ihrem Hautton. Er wob kleinere Muster dazwischen, in Rot und Blau, und setzte ihre festen Brüste in das allerbeste Licht.

Er liebte die Wirkung, wie die Fesselung ihre Schönheit unterstrich und sie nur noch besser zur Geltung brachte. Er liebte diese Ruhe, die er nur durch diese absolute Konzentration auf eine einzige Sache erreichen konnte. Endlich war sie bereit dazu, auch die letzte Verbindung zum Boden zu verlieren und zu fliegen.

Er übergab Mikael mit einer knappen Verbeugung das Seilende, trat zurück in die Schatten und betrachtete zufrieden sein Werk. Er hatte sich diesmal wirklich selbst übertroffen und eine Fesselung zustande gebracht, die perfekt war.

***

Daniel lehnte sich an die kalte Wand und hoffte, dass er wenigstens lässig wirkte. Seine Ruhe war verschwunden, sobald er das Seil an Mikael abgegeben hatte. Immer wieder glitt sein Blick hinüber zu Sarah. Es war faszinierend, sie dabei zu beobachten, wie ihr Blick nach oben flackerte, über Tony glitt und dann doch wieder zu Boden ging. Ein Hauch von Röte lag auf ihren Wangen. Etwas an ihrer Haltung gab ihm das Gefühl, dass sie absichtlich vermied, zu ihm hinüberzublicken.

Er fand sie in diesem Moment faszinierender als Tony, obwohl er doch gerade sein Meisterstück abgeliefert hatte. Tony schwebte in Hüfthöhe mitten im Raum. Ihr überstreckter Rücken glänzte im Licht. Ihre Arme und die angewinkelten Beine waren nach oben zur Decke hin gebogen, während ihre wunderschönen Brüste in Richtung Boden hingen und verführerisch nach Klemmen schrien. Ihre Haare hatte er zusammengefasst und mit einem Seil umwickelt, das ihren Kopf ebenfalls nach oben zog. Mehrere Lagen Seil umwickelten ihre Hüfte, hoben ihren Po ein wenig an und gaben ihr zugleich den notwendigen Halt.

Mikael nutzte die Lage aus, in die er Tony gebracht hatte. Sanfte Lederschnüre glitten über ihre Haut. Schweiß glänzte im warmen Kerzenlicht, und auf ihrem Gesicht lag dieser herrlich verträumte Ausdruck, den sie immer dann bekam, wenn sie die Verbindung zu dieser Welt verlor.

Ob Sarah genauso aussah, wenn sie flog? Ob Sarah sich ebenso leicht fallen lassen konnte? Irgendetwas an ihrer Haltung ließ ihn daran zweifeln, auch wenn er es nirgends festmachen konnte. Sie strahlte Trotz aus, und es machte ihn auf eine seltsame Weise stolz, dass er es war, der diesen Trotz hervorrief.

Er brauchte irgendetwas, um sich von den Gedanken an Sarah abzulenken. Er stieß sich von der kalten Wand ab, versicherte sich, dass weder Alexa noch Oliver gerade Lust dazu verspürten, einzugreifen, und nahm eine Reitgerte von ihrem Haken. Eigentlich war das nicht sein Stil, aber er wusste, dass Tony es mochte. Und vielleicht konnte er sich damit von Sarah ablenken.

Mikael verstand seine Absichten, ohne dass es weitere Worte gebraucht hätte. Sie hatten oft genug zusammen gespielt, um sich auf diese Weise zu verstehen. Seine Hände legten sich beruhigend auf Tonys gespannte Schultern. Die Fingerspitzen glitten über ihre Haut und entlockten ihr ein wohliges Seufzen.

Daniel ließ die Spitze der Reitgerte sanft über ihre Wirbelsäule tanzen. Er wusste, dass sie das noch mehr quälte als alle Schläge, die er gefahrlos setzen konnte. Wirklich verstand er nicht, was Tony und Mikael daran fanden, aber er würde sich niemals anmaßen, darüber zu urteilen, was sein langjähriger Freund mit seiner Braut tat.

Tony schrie auf, als er den ersten Schlag auf ihre Oberschenkel setzte. Sie zuckte in ihren Fesseln, bis das Wissen darum, dass sie ihm nicht entkam, wieder durch ihren Körper sickerte. Mikael zwinkerte ihm zufrieden zu. Daniel konnte den Augen seines besten Freundes das Glück ansehen. Mikael hatte es auch verdient, eine solche Frau zu finden.

Und Tony hatte es verdient, dass er an diesem Tag nur an sie dachte und nicht an Sarah. Sein zweiter Schlag traf ihre Seite, berührte ihre Haut nur sanft, weil es an dieser Stelle viel zu gefährlich war, wirklich zu schlagen, und dennoch schrie sie wieder auf. Er wusste, dass es mehr der Überraschung geschuldet war als dem Schmerz. Dennoch mochte er dieses Gefühl, die unbeschränkte Macht über ihren schwebenden Körper, ihre Gefühle und ihr Wohlbefinden.

»Daniel, würdest du kurz auf sie aufpassen?«

Mikaels Stimme war anzuhören, dass er irgendetwas vorhatte. Auch Tony konnte ihn auf diese Weise lesen. Sie versteifte sich in ihren Fesseln. Daniel legte seine Hand auf ihren Rücken, um ihr Halt zu geben, während Mikael im Halbdunkel des Raumes nach etwas suchte.

Mikael kehrte zurück und trug auf seiner flachen Hand zwei unauffällige Metallklammern. Demonstrativ zeigte er sie seiner Braut. Daniel streichelte über ihren Kopf, während Mikael die Klammern an ihren Brustwarzen befestigte. Tonys Augen flackerten, ein deutliches Zeichen dafür, wie sie auf den Schmerz reagierte.

Daniel übergab dem Bräutigam die Reitgerte und beschränkte sich darauf, Tony mit seiner Wärme zu unterstützen. Er spürte ihre Erwartung, das leichte Zucken, als Mikael zweimal gegen ihre Brüste schlug.

Ihre Schreie hallten durch den Raum. Die Klammern fielen klirrend zu Boden. Trotz der Seile schaffte sie es, sich aufzubäumen, gegen den Schmerz zu sperren und ihn dann doch willkommen zu heißen.

Mikael ging vor ihr in die Hocke. Mit dem Daumen wischte er die Tränen beiseite, die über ihre Wangen kullerten. Zärtlich streichelte er ihr Gesicht, bis ihr leises Wimmern verstummte. Seine Daumen berührten ihre Lippen. Sie schluchzte auf.

»Gut gemacht«, lobte er sie mit seiner tiefen, wohlklingenden Stimme.

Ein wunderschön verklärtes Lächeln trat auf ihr Gesicht. Daniel spürte tiefe Zufriedenheit bei diesem Anblick. Als Mikael sich dann noch nach vorne beugte und seine Braut küsste, wurde sein eigenes Herz ganz warm. Er liebte diesen Anblick.

Und er reizte ihn dazu, einen Schritt weiter zu gehen.

»Sarah.« Der Name passte zu ihr. Der Klang gefiel ihm, die Art, wie er über seine Lippen ging. Sie blickte auf. In ihren Augen tauchte ein vielsagendes Blitzen auf. Er deutete auf den Boden neben sich. Sie lächelte ihm zu. Frech und trotzig.

»Waren wir nicht noch bei Miss Forsythe, Mister Cunningham?«, gab sie zurück und bewegte sich nicht. »Aber meinetwegen, Sarah geht in Ordnung. Hier jedenfalls.«

Sie war immer noch hier. Das konnte er durchaus als Einwilligung nehmen. Falls er zu weit ging, würde sie sicherlich eines der gebräuchlichen Safewords benutzen. Noch aber hatte er nichts gehört, das auch nur entfernt nach Mayday oder Rot klang. Das gab ihm eine ganze Menge Möglichkeiten, ihren Trotz zu brechen.

»Ich wiederhole mich nicht, Sarah.«

Dieses freche Grinsen erreichte ihre Augen. Sie stand auf, streckte ihren Rücken durch und kam dann auf ihn zu. Viel zu langsam, viel zu verführerisch. Das lange Kleid umspielte ihre Hüften und schlug um ihre schmalen Knöchel. Selbst als sie vor ihm in die Knie ging, verschwand dieses freche Grinsen nicht aus ihrem Gesicht. Sie hielt seinem Blick stand. Er erkannte darin, dass sie eine ganz klare Vorstellung von dem hatte, was er jetzt von ihr verlangen würde.

So einfach kam sie ihm nicht davon.

»Du weißt, dass wir alle heute unsere hübsche Tony nehmen wollen«, erklärte er ihr süffisant. Sie legte den Kopf herausfordernd schief. »Deine Aufgabe ist es, sie dafür bereit zu machen. Ich überlasse dir die Wahl der Mittel. Tob dich aus, Schätzchen.«

Seine Worte brachten sie für einen Augenblick aus der Fassung. Er sah ihr an, dass das nicht ihren Erwartungen entsprach. Dann jedoch senkte sie ohne weiteren Widerspruch den Blick.

Irgendwie traute er diesem plötzlichen Frieden nicht.

Kapitel 3

Es fühlte sich immer wieder gut an, alles hinter sich zu lassen und in eine ganz andere Welt abzutauchen. Dieser Hauch von Rebellion gegen die Werte, mit denen sie aufgewachsen war, gegen das, was die Gesellschaft von einer Frau ihres Standes erwartete, ließ allein schon das Adrenalin durch ihre Adern schießen. Sarah öffnete ohne jedes Zögern die Tür. Sie wusste, dass sie gut aussah. Sie brauchte keinen weiteren Blick in einen Spiegel, kein Herumgezerre an ihrer Kleidung, nichts. Die Ungewissheit darüber, wer heute mit ihr spielen würde und was genau Mikael sich ausgedacht hatte, war einfach nur ein zusätzlicher Kick. Sie liebte dieses Spiel.

Zumal auch der gestrige Abend mehr als gut gelaufen war. Sie hatte mit Cunningham getanzt, seine Sprüche gekontert und das Fest genossen. Heute gab es eine Cunningham-freie Zone, und das war das absolut Beste an dieser Feier.

Das Halbdunkel in diesem Raum passte perfekt zu ihrer Stimmung. Das elektrische Kerzenlicht an den Wänden unterstrich das alte Gemäuer perfekt und war wie geschaffen dafür, einen menschlichen Körper einfach nur schön wirken zu lassen. Sie bemühte sich darum, leise zu gehen, um die Ruhe in dem Raum nicht zu zerstören. Mit ihren hohen Absätzen war es nicht ganz einfach, doch sie spielte dieses Spiel ja nicht seit gestern.

Und trotzdem brauchte sie all ihre Beherrschung, um nicht auf der Stelle umzudrehen, als sie den Mann erkannte, der mitten in diesem Raum neben einem unauffälligen Tisch stand. Daniel Cunningham. Mister Wall Street. Mister Wichtig. Auf einmal war ihr eisig kalt. Sie senkte den Blick, um sich irgendwie zu retten, spürte, dass er sie anstarrte, und zwang sich dazu, ruhig weiterzugehen.

Es hatte sicher schon schlimmere Situationen in ihrem Leben gegeben. Sie konnte sich gerade zwar an nichts erinnern, doch das lag garantiert nur daran, dass ihr Verstand zu überrascht von seiner Anwesenheit war. Hastig griff sie nach Alexas warmer Hand, flüchtete sich in die Sicherheit abgesprochener Rituale und sank auf das Kissen, ehe ihre Knie unter ihr nachgaben.

Noch einmal blickte sie hinüber zu ihm, nur um sicherzugehen, dass ihre Augen ihr gerade keinen Streich gespielt hatten. Nein, es gab keinen Zweifel daran, dass dieser unwahrscheinlich gut aussehende Typ niemand anderes war als Daniel. Er war in die Betrachtung von Seilen versunken und strahlte eine bemerkenswerte Ruhe aus. Hier wirkte er noch größer, als sie ihn in Erinnerung hatte. Seine Kleidung war schlicht und geradlinig, ein dezentes, weißes Hemd, eine dunkle Stoffhose, elegante Anzugschuhe. Daran lag es sicher nicht, dass er unerhört viel Kontrolle ausstrahlte.

Sie hätte doch auf ihr Bauchgefühl hören sollen. So viel zu allen Überlegungen, weswegen er niemals hier sein würde. Sarah verbiss sich ein unsicheres Lachen, blickte vor sich auf den Boden und hoffte inständig, dass niemand ihr den Schock über seine Anwesenheit anmerkte.

Ihr Verstand sagte ihr, dass sie lieber gehen sollte. Vernünftiger wäre es. Nur der Trotz widersprach. Er wusste nun sowieso, dass sie hier war. Er kannte dieses kleine, sorgsam gehütete Geheimnis.

Aber wenn sie jetzt ging, hätte er gewonnen. Und wenn es eines gab, das sie nicht wollte, dann das. Mister Superwichtig sollte nicht das Gefühl bekommen, Macht über sie zu haben.

Seine Ruhe war bemerkenswert. Die Art, wie er mit Tony umging, brachte ihre eigene Haut zum Brennen. Sie wünschte sich, seine Finger würden über ihren Körper gleiten, sie berühren, die weichen Seile um ihre Arme schlingen. Er wusste, was er tat, das war ihm anzusehen. Er überließ nichts dem Zufall. Er nahm das, was er tat, wirklich ernst, und er tat es gerne.

In ihrem Kopf herrschte ein einziges Chaos. Wider Willen beobachtete sie ihn dabei, wie er diese Fesselung vollendete. Er zollte Tony Referenz, das war ihm anzumerken. Er spielte seine Macht über sie aus, aber er tat es auf eine Weise, die nur Tony und ihrer Schönheit diente.

So viel Einfühlsamkeit hätte sie ihm niemals zugetraut. Überhaupt bewegten Daniel und Mika sich in einer Art absoluter Vertrautheit, die davon zeugte, wie lange sie sich schon kannten. Ein Stich von Eifersucht ging durch ihr Herz, als sie sich überlegte, wie häufig die beiden schon irgendwelche Frauen auf diese Art und Weise bespielt hatten.

Sie wollte an dieser Stelle sein. Sie wollte diejenige sein, über deren Haut die Reitgerte glitt. Sie wollte die sein, die aufschrie, die die Aufmerksamkeit bekam und ihnen dienen durfte. Ihr Herzschlag setzte aus, als sie wirklich ihren Namen hörte. Daniel lächelte sie herausfordernd an. Sie erwiderte diesen Blick und fand ein herrlich verqueres Vergnügen darin, seine Befehle nicht sofort zu befolgen. Sie konnte sich schon denken, was er von ihr verlangte. Ihm war die Erregung deutlich anzusehen. Mit Sicherheit würde er ihre Situation ausnutzen.

Umso mehr verlor sie den Halt, als sie seinen Befehl verstand. Sie musste endlich damit aufhören, ihn zu unterschätzen.

***

Ihr Körper verlangte nach etwas ganz anderem. Es hätte ihr weniger ausgemacht, ihm für seine Wünsche zur Verfügung zu stehen als von ihm dazu verwendet zu werden, irgendeine andere Frau für ihn vorzubereiten. Selbst wenn es Tony war. Selbst wenn es einer der wenigen Menschen war, mit denen sie wirklich befreundet war und sogar das Geheimnis um ihre Neigungen teilte. Tony hatte an ihrer Hochzeit wirklich alles Glück der Welt verdient.

Sarah hatte sich selten so müde gefühlt wie in dem Moment, in dem sie aufstand, nur um zwischen Tonys Schenkeln wieder niederzuknien.

Auch hier hatte Daniel seine Spuren hinterlassen. Ein Knoten lag genau auf Tonys Kitzler. Wahrscheinlich konnte sie ihn jedes Mal spüren, wenn sie sich in ihren Fesseln bewegte. Vorsichtig legte sie ihre Finger auf die blasse Haut an Tonys Oberschenkel. Sie streichelte über diese kleine Fläche blanker Haut, die zwischen den Seilen noch geblieben waren.

»Du zögerst, Schätzchen. Ich gebe dir fünf Minuten.«

Sie hasste es, dass er sie so nannte. Sarah blickte zu ihm auf und sah das ironische Funkeln in seinen Augen. Aus dem Nichts traf sie ein schmerzhafter Schlag auf ihren rechten Oberarm. Sie blickte sich um, nur um festzustellen, dass Mikael neben ihr stand. Mikael, der so verdammt gut mit diesen Schlaginstrumenten umgehen konnte.

»An deiner Stelle würde ich anfangen, Subbie.«

»Sonst was?«, erwiderte sie und blickte zu Daniel zurück. Sie wusste, dass sie gerade mit dem Feuer spielte und besser schweigen sollte. So etwas konnte er in keinem Fall auf sich sitzen lassen.

»Du kannst auch gehen, wenn es dir lieber ist, kleine Subbie«, gab er ruhig zurück. Seine Ruhe biss mehr als Mikaels Schlag.

»Hättest du wohl gerne.« Sie verfluchte sich selbst für diese dämliche Angewohnheit, die ersten Gedanken auszusprechen, die ihr in den Kopf kamen.

»Vielleicht.« Seine Mundwinkel zuckten amüsiert. »Du legst es also darauf an?«

Sie wusste ja selbst nicht, was an ihm sie reizte, ihre Grenzen auszutesten. »Möglicherweise, ja. Schön, dass du das auch schon bemerkt hast.«

»Du weißt, dass Tony für deine Aufsässigkeit leiden wird?« Er hatte diesen Satz kaum beendet, als Mikaels Reitgerte auf Tonys rechte Pobacke traf. Der Schlag hallte laut durch den Raum. Sarah zuckte zusammen, denn diesem Schlag fehlte alle Zärtlichkeit. Es war klar, dass er zu einem einzigen Zweck schlug. Tony musste für Sarahs Widerspenstigkeit leiden.

Und selbst jetzt noch wurde sie dieses Neidgefühl einfach nicht los. Sie wünschte sich, sie könnte es Tony vorbehaltlos gönnen, aber es half einfach nichts.

»A

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