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MIT REINEM GEWISSEN

MIT
REINEM
GEWISSEN

Wehrmachtrichter
in der Bundesrepublik
und ihre Opfer

Herausgegeben
von Joachim Perels
und Wolfram Wette

INHALT

EINLEITUNG

Joachim Perels/Wolfram Wette
Aushöhlung des demokratischen Rechtsstaats durch Wehrmachtjuristen? Ein unbekanntes Kapitel der Geschichte der Bundesrepublik

I. GESCHEITERTE JUSTIZIELLE VERFOLGUNG DER WEHRMACHTRICHTER UND GERICHTSHERREN

Joachim Perels
Die Ausschaltung des Justizapparats der NS-Diktatur – Voraussetzung des demokratischen Neubeginns

Gerd Hankel
Die NS-Militärjustiz in den Nürnberger Urteilen

Peter Steinkamp
»Meine Richter müssen lernen, Unrecht zu tun.«
Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner – ein ehemaliger »Gerichtsherr« auf der Anklagebank

Annette Weinke
Ehemalige Wehrmachtrichter in der SBZ/DDR. Elitenaustausch und verhinderte Aufarbeitung

II. DIE WEHRMACHTRICHTER UND IHRE OPFER

Wolfram Wette
Frühe Selbstentlastung der Wehrmachtrichter – späte Rehabilitierung ihrer Opfer

Jacqueline Roussety
Der Politiker Hans K. Filbinger und der Soldat Walter Gröger. Ein Essay

Peter Derleder
Die Erzählung »Unruhige Nacht« von Albrecht Goes. Ein Zeugnis aus der Kriegsgerichtsbarkeit während des Nationalsozialismus

III. SELBSTRECHTFERTIGUNGEN UND FREISPRÜCHE IN EIGENER SACHE

Claudia Bade
»Als Hüter wahrer Disziplin …«. Netzwerke ehemaliger Wehrmachtjuristen und ihre Geschichtspolitik

Detlef Garbe
Prof. Dr. Erich Schwinge. Der ehemalige Kommentator und Vollstrecker nationalsozialistischen Kriegsrechts als Apologet der Wehrmachtjustiz nach 1945

Kerstin von Lingen
Kesselring vor Gericht: Rechtfertigungsstrategien eines Gerichtsherrn nach 1945

Oliver von Wrochem
Generalfeldmarschall Erich von Mansteins gerichtsherrliche Praxis im Zweiten Weltkrieg und seine Arbeit am Bild der »sauberen« Wehrmachtjustiz nach 1945

IV. NACHKRIEGSKARRIEREN VON WEHRMACHTJURISTEN

Christoph Rass/Peter M. Quadflieg
Ganz normale Richter? Kriegserfahrung und Nachkriegskarrieren von Divisionsrichtern der Wehrmacht

Norbert Haase
Die Richter am Reichskriegsgericht und ihre Nachkriegskarrieren

Georg D. Falk
Die Karrieren des Kriegsrichters und späteren Marburger Amtsgerichtsdirektors Werner Massengeil

V. ZUM WIRKEN VON WEHRMACHTRICHTERN IN DER BUNDESREPUBLIK

Claudia Fröhlich
Freispruch für Bonhoeffers Richter. Personelle Kontinuität als strukturelle Hypothek für die Rechtsprechung in der Bundesrepublik am Beispiel des NS-Juristen und Richters am BGH Ernst Mantel

Stephan Alexander Glienke
Die De-facto-Amnestie von Schreibtischtätern

VI. DER LANGE KAMPF DER JUSTIZOPFER UM IHRE WÜRDE

Manfred Messerschmidt
Die Opfer der NS-Militärjustiz

Günter Saathoff
Von der allmählichen Anerkennung des Unrechts und der Entschädigung der Militärjustizopfer

Manfred Messerschmidt
Otto Gritschneder. Zeuge und Gegenspieler der Wehrmachtjustiz

Ludwig Baumann
Ein Kampf um Würde. Die Bundesvereinigung »Opfer der NS-Militärjustiz«

VII. LIEBÄUGELN MIT EINER NEUEN MILITÄRJUSTIZ?

Rolf Surmann
Neue Militärjustiz? Überlegungen zu ihrer Wiedereinführung in der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 2010

Helmut Kramer
Kriegsjustiz durch die Hintertür?

VIII. ANHANG

Die Autorinnen und Autoren

Verwendete Literatur (Auswahl)

Anmerkungen

Abkürzungsverzeichnis

Personenregister

Bildnachweis

EINLEITUNG

Joachim Perels/Wolfram Wette

Aushöhlung des demokratischen Rechtsstaats durch Wehrmachtjuristen?
Ein unbekanntes Kapitel der Geschichte der Bundesrepublik

Die zeitgeschichtliche Forschung hat in den letzten Jahren einiges Licht in die Kontinuität deutscher Funktionseliten über die Zäsur von 1945 hinaus gebracht. Vereinzelt ist auch darauf hingewiesen worden, dass Wehrmachtjuristen in der Bonner Republik eine zweite Karriere machen konnten.

Die Herausgeber haben die für sie überraschende Entdeckung gemacht, dass sich in Deutschland derzeit nicht wenige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen mit Aspekten des Fortwirkens ehemaliger Juristen der NS-Diktatur auseinandersetzen. Den geeigneten Anlass, die Forschungen zusammenzuführen und zu einem Austausch ihrer Ergebnisse anzuregen, bot das Symposium »Der Kampf um die Vergangenheit. Das Wirken ehemaliger Wehrmachtjuristen im demokratischen Rechtsstaat aus der Sicht der Opfer«, das am 17. und 18. April 2010 im Leibniz-Haus der Universität Hannover stattfand. Es wurde veranstaltet zu Ehren des Gründers des Forums Justizgeschichte, Helmut Kramer, der die Geschichte der NS-Justiz und die Nachkriegskarrieren NS-belasteter Juristen seit Langem ins Zentrum seiner Forschungen gestellt hat und der wahrscheinlich der beste Kenner der Materie ist.

Gefördert und unterstützt wurde das Symposium von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft, vom Forum Justizgeschichte e. V., von der Redaktion der Kritischen Justiz, vom Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., von der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, vom Arbeitskreis Historische Friedensforschung und von der Holtfort-Stiftung.

Da die Wehrmachtjustiz 1945 ihr Ende fand und nach der Gründung der Bundeswehr im Jahre 1955 keine neue Militärjustiz ins Leben gerufen wurde, vollzog sich das Weiterwirken ehemaliger Wehrmachtjuristen nicht im institutionellen Rahmen einer militärischen Sonderjustiz, sondern hauptsächlich in anderen Bereichen der bundesdeutschen Justiz.

Während der Tagung wurde die berechtigte Frage gestellt, weshalb dieses Thema nicht schon vor drei oder vier Jahrzehnten untersucht worden sei, als die ehemaligen Militärjuristen noch in hohen Ämtern des demokratischen Staates tätig waren, allen voran der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Karl Filbinger. Ein Grund war und ist zweifellos die prekäre Quellenlage. An viele Personalunterlagen kamen die Historiker nicht oder nur schwer heran. Allerdings spielte auch die Tatsache eine Rolle, dass der Einfluss der aus der NS-Zeit überkommenen Funktionselite der Militärjuristen auf die Geschichte der zweiten Republik beträchtlich war und eine kritische Beschäftigung mit der Materie behinderte.

Es hat mehr als ein halbes Jahrhundert gedauert, bis sich die Forschung mit der Geschichte bestimmter Funktionseliten des NS-Staates beschäftigte, und noch länger, bis eine größere Öffentlichkeit von den Resultaten Notiz nahm. Dies geschah meist erst dann, als jene Funktionseliten aus dem Amt geschieden waren. Erinnert sei an die Geschichte der Wehrmacht, an die Rolle von Historikern, Medizinern, Germanisten, von Mitarbeitern der Max-Planck-Gesellschaft und Vertretern anderer akademischer Disziplinen in der NS-Diktatur, ebenso an die Geschichte des Bundeskriminalamts, des Bundesnachrichtendienstes und neuerdings an die Geschichte des Auswärtigen Amts.

Das umfangreiche Werk von Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann »Das Amt und die Vergangenheit« (München 2010) beschreibt die Rolle des Auswärtigen Amts in der NS-Zeit sowie die Nachkriegskarrieren von NS-Diplomaten. Ungeachtet früherer, nur begrenzt wahrgenommener Studien wie der von Hans-Jürgen Döscher wurde mit großer öffentlicher Wirkung dargestellt, in welchem Umfang »Das Amt« durch diplomatische Abschirmung und eigenes Handeln den NS-Staat gestützt und insbesondere durch die Einwilligung in die Deportation für eine Etappe im Prozess der Vernichtung der Juden verantwortlich war. Zumindest ebenso großes Aufsehen erregte der Befund der Historiker, dass 1951, als das Auswärtige Amt wieder gegründet wurde, zwei Drittel der führenden Diplomaten ehemalige NSDAP-Mitglieder waren, dass sie über ein wirkungsvolles Netzwerk verfügten, mit dessen Hilfe sie die eigenen Leute protegierten und gleichzeitig Wege fanden, externe Konkurrenten, die im Widerstand gegen Hitler gestanden hatten oder aus Deutschland emigriert waren, den Eintritt in dieses einflussreiche Ministerium zu verwehren. Weder die alliierten Siegermächte noch einige kritisch eingestellte deutsche Presseorgane noch der Deutsche Bundestag konnten verhindern, dass die Personalrekrutierung für das neue Auswärtige Amt ganz im Geiste des alten geschah und die »Ehemaligen« führende Positionen besetzten.

Konrad Adenauer, der sich ursprünglich für einen wirklichen Neuaufbau des Auswärtigen Amts eingesetzt, dann aber die Wiederverwendung der Diplomaten des Hitler-Regimes nicht verhindert, sondern gefördert hatte, ermahnte den SPD-Abgeordneten Fritz Erler im Oktober 1952 im Bundestag in bezeichnender Weise. Man solle mit der »Nazi-Riecherei« doch endlich Schluss machen, denn »wenn wir damit anfangen, weiß man nicht, wo es aufhört«. Damit artikulierte Adenauer den herrschenden Zeitgeist der frühen 1950er-Jahre. Die meisten Deutschen, allen voran die Funktionseliten Nazideutschlands, wollten von Kriegsverbrechen, von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ...

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