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Mit jedem Schlag der Stunde

David Baldacci

MIT JEDEM SCHLAG
DER STUNDE

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Uwe Anton

BASTEI ENTERTAINMENT







Diesen Roman widme ich

Harry L. Carrico,

Jane Giles

und dem Gedenken an Mary Rose Tatum –

drei der großartigsten Menschen,

die ich je gekannt habe.

KAPITEL 1

Der Mann in der Regenjacke ging leicht gebückt. Er atmete schwer, und sein Körper war verschwitzt. Das Gewicht, das er auf der Schulter trug, war nicht übermäßig, doch die Last war sperrig und der Boden uneben. Es war nie einfach, mitten in der Nacht eine Leiche durch den Wald zu schleppen. Der Mann wechselte das zusammengeschnürte Bündel auf die linke Schulter und stapfte weiter. Seine Schuhsohlen wiesen kein charakteristisches Muster auf, was im Grunde auch gar keine Rolle spielte, da der Regen binnen kürzester Zeit jeden Fußabdruck fortgewaschen hätte. Der Mann hatte den Wetterbericht verfolgt; er war hier, weil es regnete. Das unfreundliche Wetter war der beste Freund, den er sich wünschen konnte.

Abgesehen von der Leiche auf seiner kräftigen Schulter wies der Mann eine weitere Auffälligkeit auf: Er trug eine schwarze Sturmhaube, die mit einem esoterischen Symbol bestickt war, einem Kreis mit einem Fadenkreuz. Jeder über fünfzig hätte das Zeichen vermutlich sofort wiedererkannt. Einst hatte es Angst und Schrecken verbreitet, doch mit den Jahren war diese Wirkung verblasst. Es spielte auch keine Rolle, dass kein Lebender ihn mit der Sturmhaube sehen würde; die tödliche Symbolik verschaffte dem Mann sogar eine gewisse Befriedigung.

Nach zehn Minuten hatte er die Stelle erreicht, die er bei einem früheren Besuch sorgfältig ausgewählt hatte. Dort legte er die Leiche mit einer Ehrfurcht ab, die im Widerspruch zu dem gewaltsamen Tod stand, den die Person erlitten hatte. Er holte tief Luft und hielt den Atem an, als er den Knoten im Telefonkabel löste, mit dem das Bündel umwickelt war. Dann schlug er die Plastikfolie auseinander. Die Frau war jung, und ihre Züge waren vor zwei Tagen noch sehr hübsch gewesen. Nun bot sie keinen schönen Anblick mehr. Das blonde Haar fiel aus dem Gesicht mit der grünlichen Haut, den geschlossenen Augen und den gedunsenen Wangen. Wären die Augen geöffnet gewesen, hätte noch der Ausdruck maßlosen Erstaunens darin gestanden, den die Frau im Augenblick ihres gewaltsamen Todes gezeigt hatte – eine Erfahrung, die in den USA jedes Jahr ungefähr dreißigtausend Menschen machten.

Der Mann entfernte die Plastikfolie und legte die Frau auf den Rücken. Er stieß den Atem aus und kämpfte gegen den Würgereiz an, den der Gestank der Leiche auslöste, als er seine Lungen erneut füllte. Im Licht der Taschenlampe suchte er nach dem kleinen gegabelten Ast, den er zuvor im Gestrüpp bereitgelegt hatte, und drückte ihn in die Erde. Er zog seine Handschuhe straff, packte den Unterarm der Frau, legte ihn in die Astgabel und richtete den Arm der Toten so aus, dass er zum Himmel zeigte. Die Leichenstarre erschwerte ihm die Arbeit, aber der Mann war kräftig und schaffte es schließlich, den steifen Arm in den gewünschten Winkel zu biegen. Er zog eine Armbanduhr aus der Tasche, überzeugte sich mittels seiner Taschenlampe, dass sie auf die richtige Zeit eingestellt war, und legte sie um das Handgelenk der Toten.

Obwohl er kein gläubiger Mensch war, kniete der Mann vor der Leiche nieder und murmelte ein kurzes Gebet, wobei er sich Mund und Nase mit einer Hand zuhielt.

»Du warst nicht direkt verantwortlich, aber du warst alles, was ich hatte. Du bist nicht umsonst gestorben. Und ich glaube, du bist jetzt besser dran.«

Glaubte er wirklich, was er da gerade gesagt hatte? Vielleicht ja, vielleicht nein. Vielleicht spielte es auch gar keine Rolle.

Er blickte ins Gesicht der Toten, musterte eingehend ihre Züge, wie ein Wissenschaftler, der ein faszinierendes Experiment beobachtet. Er hatte nie zuvor einen Menschen getötet. Er hatte es schnell und, wie er hoffte, schmerzlos getan. Im matten, dunstigen Licht schien die Frau von einer gelblichen Aura umgeben zu sein, als wäre sie bereits zu einem Geist geworden.

Der Mann suchte die Umgebung ab, ob er Spuren hinterlassen hatte, die Hinweise auf seine Person geben konnten. Er fand nur ein Stückchen Stoff von seiner Sturmhaube, das sich in der Nähe der Leiche an einem Ast verfangen hatte. Eine solche Nachlässigkeit darfst du dir nicht erlauben. Er steckte den Stofffetzen in die Tasche und suchte weiter, verbrachte mehrere Minuten damit, mit nahezu mikroskopischem Blick nach anderen verräterischen Spuren Ausschau zu halten.

Oft waren es fast unsichtbare Details, die der Spurensicherung den Täter verrieten. Ein einziger Tropfen Blut, Sperma oder Speichel, ein verwischter Fingerabdruck, ein Haarbalg mit ein paar Wurzelzellen, die eine DNA-Analyse erlaubten – mehr brauchte es nicht, und schon wurde man von der Polizei über seine Rechte belehrt, während die Staatsanwälte hungrig in der Nähe lauerten. Leider bot es einem nur wenig Sicherheit, wenn man sich dieser Gefahren bewusst war. Ein Verbrecher konnte noch so vorsichtig sein, er hinterließ an jedem Tatort Spuren, die ihn belasten konnten. Deshalb hatte der Mann sorgsam darauf geachtet, jeden körperlichen Kontakt mit der Leiche zu vermeiden, als bestünde die Gefahr, sich bei der kleinsten Berührung mit einer tödlichen Krankheit anzustecken.

Der Mann legte die Plastikfolie zusammen und steckte das Telefonkabel ein, blickte noch einmal auf die Uhr und machte sich dann langsam auf den Rückweg zu seinem Wagen.

Hinter ihm lag die Tote und reckte die Hand zum verregneten Himmel. Ihre Armbanduhr schimmerte in der Dunkelheit und markierte ihren neuen Ruheplatz. Sie würde nicht lange unbemerkt bleiben. Leichen, die nicht vergraben waren, wurden fast immer nach kurzer Zeit gefunden, selbst an abgelegenen Orten wie diesem.

Bevor der Mann losfuhr, zeichnete er mit dem Finger das Fadenkreuz-Symbol auf der Sturmhaube nach, das sich auch auf der Uhr befand, die er der Toten angelegt hatte. Das müsste genügen, um sie aufzurütteln. Er atmete tief durch und verspürte Erregung und Furcht zugleich, als er den Motor anließ und losfuhr. Seit Jahren hatte er geglaubt, dieser Tag würde nie kommen. Seit Jahren hatte ihn immer wieder der Mut verlassen. Nachdem er nun den ersten Schritt getan hatte, empfand er ein überwältigendes Gefühl der Macht und Befreiung.

Er legte den Gang ein und gab Gas. Die Reifen griffen auf dem feuchten Straßenbelag; dann verschluckte die Dunkelheit die Rücklichter seines blauen VW. Er wollte sein Ziel so schnell wie möglich erreichen.

Er musste einen Brief schreiben.

KAPITEL 2

Michelle Maxwell steigerte das Tempo. Sie hatte den ebenen Teil ihrer Joggingstrecke durch die Hügel um Wrightsburg, Virginia, hinter sich gelassen; nun wurde das Gelände steiler. Michelle war Olympiateilnehmerin im Rudern gewesen und hatte anschließend neun sehr intensive Jahre beim Secret Service gearbeitet. Deshalb war die eins fünfundsiebzig große Frau in hervorragender körperlicher Verfassung. Allerdings herrschte an diesem Frühlingstag eine ungewöhnlich hohe Luftfeuchtigkeit, denn über dem Mittelatlantik hatte sich ein Hochdrucksystem festgesetzt. Michelle spürte die Belastung in den Muskeln und Lungen, als sie eine Steigung hinauflief. Nach einem Viertel der Strecke hatte sie ihr schulterlanges schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden; dennoch fanden widerspenstige Strähnen immer wieder den Weg in ihr Gesicht.

Sie hatte den Secret Service verlassen, um sich als Privatdetektivin in dieser kleinen Stadt in Virginia selbstständig zu machen. Ihr Partner war Sean King, Rechtsanwalt und ebenfalls einstiger Mitarbeiter des Secret Service, der sich in Wrightsburg eine neue Existenz aufgebaut hatte. Michelle und King hatten sich erst im vergangenen Jahr zusammengetan, als Michelle noch für den Service gearbeitet hatte und King mit einer Serie von Morden in der näheren Umgebung beschäftigt gewesen war. Nachdem der Fall erfolgreich abgeschlossen war und beide zu trauriger Berühmtheit gelangt waren, hatte Michelle den Vorschlag gemacht, eine Detektei zu eröffnen. King hatte sich nach einigem Zögern einverstanden erklärt.

Beide waren erstklassige Ermittler, sodass die Detektei anfangs großen geschäftlichen Erfolg verbuchen konnte. Dann war es zu einer Flaute gekommen, doch Michelle war beinahe dankbar dafür. Sie liebte es, sich im Freien aufzuhalten, und eine Trekkingtour oder ein Marathonlauf verschaffte ihr genauso viel Befriedigung, wie eine Fälscherbande hochgehen zu lassen oder einem Wirtschaftsspion die Daumenschrauben anzulegen.

Es war still im Wald; nur das Rascheln der Zweige und der toten Blätter des vergangenen Winters, die eine feuchte Brise zu Mini-Zyklonen verwirbelte, war zu vernehmen. Plötzlich weckte das Knacken von Ästen Michelles Aufmerksamkeit. Sie hatte gehört, dass man in dieser Gegend gelegentlich Schwarzbären sah, aber wenn ihr tatsächlich ein Tier über den Weg lief, war es eher ein Hirsch, Eichhörnchen oder Fuchs. Sie dachte nicht weiter darüber nach, beruhigte sich allerdings mit dem Gedanken, dass eine Pistole im Halfter am Gürtel ihrer Bauchtasche steckte. Schon als Agentin des Secret Service hatte sie ihre Waffe überall dabeigehabt, sogar auf der Toilette. Man konnte nie wissen, wann sich die SIG mit ihren vierzehn Neun-Millimeter-Patronen als praktisch erweisen mochte.

Augenblicke später hörte Michelle ein weiteres Geräusch – das von schnellen Schritten. Während ihrer Dienstzeit hatte sie gelernt, auf die unterschiedlichsten Schrittgeräusche zu achten. Manche verrieten Angst oder Panik, andere Vorsicht oder Verstohlenheit, wieder andere Entschlossenheit oder Aggressivität. Michelle war sich noch nicht sicher, wie sie die Schritte einordnen sollte, die sie nun hörte. Waren sie harmlos, oder verhießen sie Gefahr? Michelle lief ein wenig langsamer und schirmte die Augen mit einer Hand vor dem Sonnenlicht ab, das durchs Blätterdach fiel. Ein paar Sekunden herrschte völlige Stille, dann waren wieder die raschen Schritte zu hören, diesmal wesentlich näher. Jetzt erkannte Michelle, dass es nicht die rhythmischen Schritte eines Joggers waren: Sie klangen eilig und unregelmäßig und verrieten Angst. Der oder die Unbekannte schien sich jetzt links von ihr zu befinden, doch sicher war Michelle sich nicht. Der Wald streute sämtliche Geräusche, sodass die Richtung schwer zu schätzen war.

»Ist da jemand?«, rief Michelle und zog ihre Pistole aus dem Halfter. Sie rechnete nicht mit einer Antwort und erhielt auch keine. Ein Anflug von Furcht überkam sie, als die Geräusche, die zweifellos von einem Menschen stammten, immer näher kamen. Rasch ließ sie den Blick in die Runde schweifen, da es sich um eine Falle handeln konnte: Eine Person lenkte ihre Aufmerksamkeit ab, sodass eine zweite sie von hinten attackieren konnte.

Michelle lächelte verzerrt. Wenn das der Fall war, würde es den Typen verdammt Leid tun. Dann hatten sie sich die Falsche ausgesucht.

Sie blieb stehen, als sie die Quelle der Geräusche nun deutlich ausmachen konnte. Sie kamen von rechts, von der Rückseite des kleinen Hügels genau vor ihr. Wer immer dort rannte – sein Atem ging keuchend, und seine schnellen Schritte durchs Unterholz verrieten Hektik. In wenigen Sekunden würde der Unbekannte hinter der Kuppe aus Erde und Fels erscheinen.

Michelle entsicherte ihre Waffe und brachte sich hinter einem dicken Eichenstamm in Stellung. Wider besseres Wissen hoffte sie, dass es doch nur ein Jogger war; er würde nicht einmal bemerken, dass sie ihn mit einer Waffe in der Hand erwartete. Erde und Steinchen rieselten über die Hügelkuppe. Jede Sekunde würde der Unbekannte erscheinen. Michelle wappnete sich, beide Hände fest um den Griff der Pistole gelegt und bereit, dem Ankömmling nötigenfalls eine Kugel zwischen die Augen zu jagen.

Ein kleiner Junge kam über die Hügelkuppe gerannt, machte einen langen Satz durch die Luft und purzelte dann mit einem Schrei den steilen Abhang hinunter. Bevor er am Fuß des Hügels war, tauchte ein zweiter, etwas älterer Junge auf. Er konnte rechtzeitig abbremsen und rutschte den Abhang auf dem Hosenboden hinunter, bis er neben dem kleineren Jungen zu liegen kam.

Michelle hätte erleichtert aufgeatmet, hätten die Gesichter der Kinder nicht einen Ausdruck nackten Entsetzens gezeigt. Der Jüngere, dessen Gesicht mit Dreck und Tränen verschmiert war, schluchzte. Der Ältere zog ihn am Hemdkragen hoch; dann rannten beide Jungen weiter, genau in Michelles Richtung, die Gesichter vor Angst und Anstrengung gerötet.

Michelle steckte ihre Waffe ins Halfter, trat hinter dem Baum hervor und hob eine Hand. »Halt, ihr beiden!«

Die Jungen schrien vor Schreck und huschten in panischem Entsetzen rechts und links an ihr vorbei. Michelle wirbelte herum und griff nach einem der Jungen, verfehlte ihn aber. »Was ist denn?«, rief sie ihnen nach. »Ich will euch helfen!«

Sie überlegte kurz, ob sie die Verfolgung aufnehmen sollte, war aber nicht sicher, ob sie die Jungen, deren Beine offensichtlich von nackter Angst angetrieben wurden, trotz ihrer olympischen Vergangenheit einholen konnte. Sie drehte sich wieder um und blickte zur Hügelkuppe hinauf. Was konnte den beiden einen solchen Schrecken eingejagt haben? Oder wer?

Michelle schaute sich noch einmal in die Richtung um, in die die Jungen geflüchtet waren. Dann bewegte sie sich vorsichtig zum Hügel. Okay, jetzt wird es riskant. Sie überlegte, ob sie per Handy Hilfe herbeirufen sollte, beschloss dann aber, sich die Sache zuerst genauer anzusehen. Sie wollte nicht die Polizei alarmieren, wenn sich herausstellte, dass die Jungen bloß einen Bären gesehen hatten.

Oben auf dem Hügel erkannte Michelle sofort, welchen Weg die Jungen genommen hatten. Sie folgte dem schmalen Pfad durch den Wald, den die zwei sich bei ihrer panischen Flucht gebahnt hatten. Nach etwa dreißig Metern stieß Michelle auf eine kleine Lichtung. Von hier aus war die Spur nicht mehr so deutlich zu erkennen; dann aber entdeckte sie einen Fetzen Stoff, der am untersten Ast eines Hartriegelstrauchs hing. Also drang sie an dieser Stelle wieder in den Wald ein. Nach fünfzehn Metern kam eine weitere Lichtung, größer als die erste, auf der sich die Reste eines erloschenen Lagerfeuers befanden.

Michelle fragte sich, ob die Jungen hier gelagert hatten und von einem Tier aufgeschreckt worden waren. Aber sie hatten keine Campingausrüstung dabeigehabt, und auch hier auf der Lichtung war nichts zu sehen. Außerdem hatte das Feuer schon vor längerer Zeit gebrannt.

Nein, hier geht etwas anderes vor sich.

Unvermittelt änderte sich die Windrichtung und trieb Michelle den Geruch tief in die Nasenhöhlen. Sie würgte, und ein Ausdruck des Entsetzens erschien in ihren Augen. Sie kannte diesen unverwechselbaren Geruch genau.

Es war verwesendes Fleisch.

Menschenfleisch.

Michelle zog sich ihr T-Shirt über Mund und Nase und konzentrierte sich darauf, ihren eigenen Schweißgeruch einzuatmen, um den üblen Gestank einer in Fäulnis übergegangenen Leiche zu überdecken. Sie hatte die Lichtung zu ungefähr einem Drittel umrundet, da fand sie es. Beziehungsweise sie. Im Gestrüpp am Rand der Lichtung sah sie die ausgestreckte Hand, als würde die Tote ihr zur Begrüßung winken – oder in diesem Fall zum Abschied. Selbst aus dieser Entfernung konnte Michelle erkennen, dass die grünliche Haut bereits ein Stück vom Armknochen heruntergerutscht war. Sie bewegte sich zur Windseite der Leiche und füllte ihre Lungen wieder mit frischer Luft.

Dann sah sie sich die Leiche genau an, hielt dabei jedoch die Waffe bereit. Obwohl der Gestank sowie die Verfärbung und Auflösung der Haut erkennen ließen, dass die Frau schon seit einiger Zeit tot war, konnte es sein, dass sie erst vor kurzem hier deponiert worden war und der Mörder sich noch in der Nähe aufhielt. Und Michelle legte keinen Wert darauf, dass ihr das gleiche Schicksal widerfuhr wie dieser Frau.

Das Sonnenlicht spiegelte sich auf etwas, das sich am Handgelenk der Toten befand. Michelle ging einen Schritt näher heran und sah, dass es eine Armbanduhr war. Sie schaute auf ihre eigene Uhr: Es war halb drei. Sie ging in die Hocke und vergrub ihre Nase in der Armbeuge. Dann rief sie die 911 an und erklärte dem Mitarbeiter der Notrufzentrale, was sie gefunden hatte und wo genau sie sich befand. Anschließend wählte sie die Nummer von Sean King.

»Kannst du die Frau erkennen?«, fragte er.

»Ich glaube, nicht einmal ihre eigene Mutter würde sie wiedererkennen, Sean.«

»Bin schon unterwegs. Pass auf dich auf. Wer das getan hat, könnte zurückkehren, um sein Werk zu bewundern. Ach ja, noch was, Michelle.«

»Ja?«

»Wäre es nicht besser, wenn du im Fitnessstudio auf dem Laufband joggen würdest?«

Michelle trennte die Verbindung und suchte sich eine Stelle, möglichst weit von der Leiche entfernt, von der aus die Tote aber immer noch zu sehen war. Sie behielt die Umgebung aufmerksam im Auge. Der schöne Tag, der Endorphin spendende Lauf in der malerischen Hügellandschaft – alles hatte plötzlich eine düstere Stimmung angenommen.

Seltsam, wie sehr ein Mord die Wahrnehmung verändern konnte.

KAPITEL 3

Auf der kleinen Lichtung herrschte ungewöhnliche Aktivität. Ein großer Bereich war von der Polizei mit gelbem Plastikband abgesperrt worden, das sich zwischen den Bäumen hindurchschlängelte. Ein zweiköpfiges Spurensicherungsteam suchte in unmittelbarer Umgebung des Tatorts nach Hinweisen und analysierte Dinge, die viel zu klein erschienen, um irgendeine Bedeutung besitzen zu können. Andere Ermittler beschäftigten sich mit der Frauenleiche, während wieder andere den Wald und das Unterholz durchkämmten, da der Mörder auf dem Weg zum Tatort und zurück möglicherweise irgendetwas zurückgelassen hatte. Ein Polizist in Uniform hatte die gesamte Umgebung zuerst fotografiert und dann auf Video aufgenommen. Alle Polizeibeamten trugen Masken, die sie vor dem Gestank schützten. Trotzdem wechselten sie sich damit ab, tiefer in den Wald zu flüchten, um ihren Magen zu entleeren.

Alles wirkte geordnet und eingespielt, doch für einen erfahrenen Beobachter wurde rasch deutlich, dass es eins zu null für den Täter stand. Bislang war kein Hinweis gefunden worden.

Michelle schaute sich alles aus einiger Entfernung an. An ihrer Seite stand Sean King, ihr Partner in der Detektei King & Maxwell. King war in den Vierzigern, einen halben Kopf größer als Michelle, gut gebaut und breitschultrig, mit kurzem schwarzem Haar, das an den Schläfen bereits ergraut war. Er hatte ein steifes Knie und eine Schussverletzung in der Schulter, wo ihn vor Jahren eine Kugel getroffen hatte, als bei einer Verhaftung etwas schief gegangen war, während er als Agent des Secret Service in einem Fälschungsfall ermittelt hatte. Eine Zeit lang hatte er als Deputy Sheriff in Wrightsburg gearbeitet, dann aber gekündigt und dem bewaffneten Polizeidienst ein für alle Mal abgeschworen.

Sean King war im Laufe seines Lebens von mehreren Tragödien heimgesucht worden. Er war in Ungnaden aus dem Secret Service entlassen worden, nachdem jemand, dem man King als Personenschützer zugeteilt hatte, vor seinen Augen ermordet worden war. Dann war seine Ehe gescheitert und nach einem erbitterten Prozess geschieden worden. Und erst vor kurzem war er zum Opfer einer Verschwörung geworden, als man ihm eine Serie von Morden in die Schuhe schieben wollte, wobei einige unangenehme Einzelheiten aus seinen letzten Diensttagen beim Secret Service ans Licht gekommen waren. Nach diesen Ereignissen war King zu einem vorsichtigen und misstrauischen Menschen geworden – bis das Leben ihm Michelle Maxwell vor die Füße geworfen hatte. Obwohl ihre Beziehung unter ziemlich ungünstigen Bedingungen ihren Anfang genommen hatte, war sie mittlerweile der einzige Mensch, auf den er sich zu hundert Prozent verlassen konnte.

Michelle hatte ihr Leben mit Vollgas gestartet. Sie hatte in drei Jahren das College absolviert, eine olympische Silbermedaille im Rudern gewonnen und war in Tennessee, ihrem Heimatstaat, Polizistin geworden, bevor sie zum Secret Service gewechselt war. Genau wie bei King war ihr Ausstieg aus dem Service unerfreulich verlaufen, nachdem sie bei einer hinterhältigen Entführung einen Schützling verloren hatte. Damals war sie zum ersten Mal im Leben gescheitert, und diese neue und bittere Erfahrung hätte sie beinahe aus der Bahn geworfen.

Während der Ermittlungen in dem Entführungsfall war sie Sean King begegnet. Anfangs war er ihr unsympathisch gewesen; dann aber hatte sie Kings Stärken erkannt. Von allen Ermittlern, mit denen sie je zu tun gehabt hatte, war er mit Abstand der klügste Kopf. Mittlerweile war er ihr Partner und bester Freund.

Doch es gab kaum zwei Menschen, die unterschiedlicher hätten sein können. Während Michelle adrenalinsüchtig war und ihren Körper durch physische Anstrengungen immer wieder bis an seine Grenzen trieb, zog King es vor, seine Freizeit mit der Suche nach guten Weinen für seine Sammlung zu verbringen, die Werke von Künstlern aus der näheren Umgebung zu erwerben, gute Bücher zu lesen und mit seinem Boot zum Angeln auf den See hinter seinem Haus hinauszufahren. Er war von Natur aus ein in sich gekehrter Mann, der erst gründlich nachdachte, bevor er handelte. Michelle hingegen neigte dazu, sich mit Warpgeschwindigkeit zu bewegen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Diese Partnerschaft zwischen einer Supernova und einem Gletscher hatte sich als äußerst fruchtbar erwiesen.

»Hat man die beiden Jungen gefunden?«, fragte Michelle nun.

King nickte. »Sie sind traumatisiert.«

»Traumatisiert? Wahrscheinlich brauchen sie eine Dauertherapie, mindestens bis zum College.«

Michelle hatte bereits eine ausführliche Aussage gemacht, die von Todd Williams aufgenommen worden war, dem Polizeichef der Stadt. Williams’ Haar war sichtlich weißer geworden, seit Michelle und King ihr erstes Abenteuer in Wrightsburg erlebt hatten. Heute lag ein resignierter Ausdruck auf Williams’ Gesicht, als hätte er sich damit abgefunden, dass in seiner kleinen Stadt Mord und Totschlag nun an der Tagesordnung waren.

Michelle beobachtete, wie eine schlanke, attraktive rothaarige Frau Ende dreißig eintraf. Sie hatte einen Arztkoffer dabei. Die Frau kniete sich vor der Leiche hin und begann mit der Untersuchung.

»Das ist die Rechtsmedizinerin, die für diese Gegend zuständig ist«, erklärte King. »Sylvia Diaz.«

»Diaz? Sie sieht eher wie Maureen O’Hara aus.«

»George Diaz, ein bekannter Chirurg, war ihr Ehemann. Er ist vor ein paar Jahren gestorben. Ein Autounfall. Sylvia war früher Professorin für Rechtsmedizin an der UVA. Jetzt führt sie eine private Arztpraxis.«

»Und nebenbei ist sie Rechtsmedizinerin. Eine sehr beschäftigte Frau. Hat sie Kinder?«

»Nein. Ich glaube, die Arbeit ist ihr Leben«, sagte King.

Michelle hielt sich die Nase zu, als der Wind wieder die Richtung wechselte und den Leichengestank zu ihnen trug. »Ein tolles Leben«, sagte sie. »Mein Gott, sie trägt nicht mal eine Maske, und ich halte es schon in dieser Entfernung kaum aus.«

Zwanzig Minuten später erhob sich Diaz, unterhielt sich mit den Polizisten, zog ihre Gummihandschuhe aus und machte Fotos von der Leiche und der Umgebung. Als sie damit fertig war, verstaute sie die Kamera und wollte gehen, als sie King bemerkte. Sie lächelte und kam zu ihm und Michelle herüber.

»Hast du vergessen, mir zu sagen, dass ihr mal was miteinander hattet?«, flüsterte Michelle.

King warf ihr einen überraschten Blick zu. »Wir sind vor längerer Zeit ein paar Mal zusammen ausgegangen. Woher weißt du davon?«

»Wenn jemand sich einige Zeit in unmittelbarer Nähe einer Leiche aufgehalten hat und dann so strahlend lächelt, muss eine frühere Beziehung im Spiel sein.«

»Danke für die scharfsinnige Beobachtung. Aber sei nett zu ihr. Sylvia ist eine wunderbare Frau.«

»Davon bin ich überzeugt. Aber erspar mir nähere Einzelheiten.«

»Zu diesem Thema wirst du kein Sterbenswörtchen von mir hören, solange ich atme.«

»Der typische Virginia-Gentleman, was?«

»Nein, ich möchte nur keine Kritik hören.«

KAPITEL 4

Sylvia Diaz begrüßte King mit einer Umarmung, die für Michelles Geschmack ein bisschen inniger ausfiel als zwischen bloßen Freunden. Dann machte King die beiden Frauen miteinander bekannt.

Sylvia bedachte Michelle mit einem Blick, den diese als ausgesprochen unfreundlich empfand.

Dann wandte sie sich wieder King zu. »Wir haben uns lange nicht gesehen, Sean.«

»Michelle und ich haben bis über beide Ohren in Aufträgen gesteckt, aber jetzt hat die Lage sich ein wenig beruhigt.«

»Haben Sie schon einen Hinweis auf die Todesursache?«, meldete Michelle sich zu Wort.

Erstaunt blickte Sylvia sie an. »Ich glaube nicht, dass ich mit Ihnen darüber reden sollte.«

»Es hat mich nur interessiert«, sagte Michelle mit Unschuldsmiene, »da ich zufällig die erste Person am Tatort war. Ich nehme an, Sie können es erst mit Sicherheit sagen, wenn Sie die Obduktion vorgenommen haben?«

»Machst du die Autopsie?«, fragte King.

Sylvia nickte. »Ja. Obwohl verdächtige Todesfälle früher immer von den Kollegen in Roanoke übernommen wurden.«

»Warum jetzt nicht mehr?«, fragte Michelle.

»Früher gab es vier offizielle Einrichtungen, die in diesem Staat Autopsien vornehmen durften: Fairfax, Richmond, Tidewater und Roanoke. Aber dank der Großzügigkeit von John Poindexter, einem sehr wohlhabenden Gentleman, besitzen wir hier jetzt ein weiteres forensisches Zentrum.«

»Ein bisschen seltsam, ein Leichenschauhaus zu stiften«, sagte Michelle.

»Poindexters Tochter wurde hier vor Jahren ermordet. Wrightsburg liegt genau auf der Grenze zwischen der Zuständigkeit des Rechtsmediziners in Richmond und der Verwaltung des westlichen Distrikts in Roanoke. Deshalb kam es zum Streit, welche Stelle die Autopsie vornehmen sollte. Schließlich setzte Roanoke sich durch. Aber während der Überführung der Leiche wurde das Fahrzeug in einen Verkehrsunfall verwickelt, und wichtige Spuren gingen verloren, was zur Folge hatte, dass der Mörder des Mädchens nie gefasst wurde. Wie Sie sich vorstellen können, war Poindexter gar nicht glücklich darüber. Deshalb verfügte er in seinem Testament, nach seinem Tod eine hochmoderne Einrichtung zu bauen, was dann auch geschehen ist.« Sylvia blickte kurz zu der Leiche. »Aber selbst mit den modernsten Geräten dürfte es schwierig sein, in diesem Fall die Todesursache zu ermitteln.«

»Hast du eine Ahnung, wie lange sie schon tot ist?«, fragte King.

»Das hängt sehr von individuellen Faktoren, Umwelteinflüssen und dem Verwesungszustand ab. Wenn der Todeszeitpunkt schon so lange zurückliegt wie in diesem Fall, können wir durch die Obduktion nur einen ungefähren Zeitrahmen erhalten.«

»Ich habe gesehen, dass der Toten ein paar Finger fehlen«, sagte King.

»Eindeutig von Tieren abgenagt.« Nachdenklich setzte Sylvia hinzu: »Trotzdem hätte die Leiche schlimmer zugerichtet sein müssen. Die Kollegen versuchen gerade, Identifikationsmerkmale zu ermitteln.«

»Was hältst du von der Position, in der die Hand fixiert wurde?«, fragte King.

»Ich fürchte, das ist nicht mein Metier, sondern Sache der offiziellen Ermittler. Ich sage denen nur, wie das Opfer starb, und sammle während der Obduktion weitere Beweise, die nützlich sein könnten. Zu Anfang habe ich mal Sherlock Holmes gespielt, wurde aber schnell in meine Schranken verwiesen.«

»Es kann doch nicht falsch sein, wenn Sie Ihr Fachwissen einsetzen, um bei der Aufklärung eines Verbrechens zu helfen«, bemerkte Michelle.

»Das sollte man meinen, nicht wahr?« Sylvia wandte sich wieder der Toten zu. »Nun, der Arm wurde absichtlich auf dem Ast in dieser Position fixiert. Mehr kann ich nicht dazu sagen.« Sie wandte sich an King. »Es hat mich gefreut, dich wiederzusehen, auch wenn die Begleitumstände nicht gerade angenehm waren.« Dann reichte sie Michelle die Hand, die den Händedruck erwiderte.

Als Sylvia davonging, sagte Michelle: »Hast du nicht gesagt, du hättest vor einiger Zeit etwas mit ihr gehabt?«

»Ja. Das ist jetzt über ein Jahr her.«

»Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Botschaft bei ihr angekommen ist.«

»Vielen Dank für diese Erkenntnis. Vielleicht könntest du mir als Nächstes aus der Hand lesen. Kommst du mit? Oder möchtest du deine Joggingrunde fortsetzen?«

»Ich glaube, das war für heute Anregung genug.«

Als sie an der Leiche vorbeikamen, blieb King plötzlich stehen und starrte auf die Hand, die immer noch in den Himmel zeigte.

»Was ist?«, fragte Michelle, der Kings angespannte Miene nicht entgangen war.

»Die Uhr«, sagte er.

Erst jetzt erkannte Michelle, dass der Zeiger auf ein Uhr eingestellt und offenbar stehen geblieben war. »Was ist damit?«

»Es ist eine Zodiac-Uhr.«

»Zodiac?«

»Irgendetwas sagt mir, dass wir nicht das letzte Mal mit diesem Täter zu tun haben«, sagte King.

KAPITEL 5

Die abgelegene Stelle an der Böschung über einem der Hauptzuflusskanäle des Cardinal Lake war schon seit längerer Zeit ein bevorzugter Treffpunkt für die Teenager Wrightsburgs. Hier konnten sie Dinge tun, mit denen ihre Eltern gar nicht einverstanden gewesen wären. An diesem Abend war der Himmel bedeckt, Wind rauschte durch die Bäume, und gelegentlich nieselte es. Deshalb stand heute nur ein einziger Wagen an der Böschung, doch die Insassen trieben es umso lebhafter.

Das Mädchen war bereits nackt. Ihr Kleid und die Unterwäsche lagen ordentlich zusammengelegt neben den Schuhen auf dem Rücksitz. Der junge Mann war hektisch damit beschäftigt, sich das Shirt über den Kopf zu ziehen, während das Mädchen seine Hose öffnete, was in der Enge nicht leicht war. Endlich hatte er das Hemd ausgezogen, während ihm von der schwer atmenden jungen Dame gleichzeitig Hose und Slip heruntergerissen wurden. Geduld schien – zumindest in dieser Situation – nicht ihre Stärke zu sein.

Er schob sich zur Mitte des Vordersitzes, nachdem er sich ein Kondom übergestreift hatte; dann hockte das Mädchen sich auf ihn. Rasch beschlugen die Wagenfenster vom keuchenden Atem der Teenager. Der Blick des Jungen schweifte ganz kurz hinaus in die Nacht hinter der Windschutzscheibe, bis er vor Lust die Augen schloss. Es war sein erstes Mal; seine Partnerin dagegen schien bereits über mehr Erfahrung zu verfügen. Der junge Mann stöhnte, als das Mädchen nun keuchend auf ihm ritt.

Dann öffnete er die Augen – und erstarrte.

Die Gestalt unter der schwarzen Sturmhaube blickte ihn durch die beschlagene Windschutzscheibe an. Verschwommen sah der junge Mann, wie der Lauf der Schrotflinte sich hob. Er wollte das Mädchen von sich herunterstoßen, um den Wagen zu starten, schaffte es aber nicht mehr. Das Glas explodierte nach innen. Die Schrotladung traf das Mädchen in den Rücken und schleuderte es auf den jungen Mann, der durch ihren Körper vor den Kugeln abgeschirmt wurde. Sein Nasenbein brach, als ihr Kopf gegen sein Gesicht prallte. Ihm wurde schwarz vor Augen, doch er blieb bei Bewusstsein. Feucht vom Blut des Mädchens, aber nicht ernsthaft verletzt, drückte er die Tote an seine Brust, als wäre sie ein Schutzschild, stark genug, um den Tod von ihm fern zu halten. Er wollte schreien, brachte aber keinen Laut hervor. Schließlich ließ er das Mädchen los und schob sich auf die Fahrerseite. Er war benommen, seine Bewegungen unbeholfen. Er wusste nicht, ob er selbst angeschossen war, hatte aber einen Schock erlitten, sodass sein Blutdruck verrückt spielte und seinen Körper zusätzlich unter Stress setzte.

Der junge Mann wollte gerade den Zündschlüssel drehen, als die Fahrertür aufgerissen wurde und die schwarze Sturmhaube wieder auftauchte. Hilflos beobachtete der Teenager, wie sich der Lauf der Schrotflinte auf ihn zuschob, einer tödlichen Schlange gleich. Der Junge flehte, schrie und jammerte, während ihm das Blut aus der gebrochenen Nase lief. Er wich vor dem Mann mit der Waffe zurück, bis er gegen die Leiche des Mädchens stieß.

»Bitte nicht. Bitte, bitte nicht!«

Die Schrotkugeln schlugen mit der Wucht eines Vorschlaghammers in seinen Kopf, und er wurde neben das tote Mädchen geschleudert. Die Vorderseite ihres Körpers war völlig unversehrt. Ein Betrachter hätte keinen Hinweis entdeckt, wodurch die junge Frau zu Tode gekommen war. Bei ihrem Freund dagegen war es offensichtlich: Er hatte kein Gesicht mehr.

Der Mörder lehnte die Schrotflinte gegen den Wagen, befestigte eine Armbanduhr am Handgelenk des jungen Mannes und klemmte den Arm des Toten zwischen Armaturenbrett und Tür fest. Als Nächstes fummelte er an der Uhr des toten Mädchens herum. Dann zog er ihr den billigen Amethystring vom Finger und steckte ihn sich in die Tasche. Dort verschwand auch der Christophorus-Anhänger, den er vom Hals des Jungen nahm.

»Tut mir Leid«, sagte er dann zu der Leiche des Jungen. »Dich persönlich trifft keine Schuld, aber du warst Teil der ursprünglichen Sünde. Dein Tod war nicht umsonst. Du hast einen Fehler wieder gutgemacht, der vor langer Zeit begangen wurde. Das ist ein Trost für dich, nicht wahr?«

Er machte sich nicht die Mühe, auch ein paar Worte an das Mädchen zu richten. Stattdessen nahm er einen Gegenstand aus der Tasche und legte ihn in den Fußraum des Wagens. Dann schlug er die Tür zu und stapfte davon. Als der Regen durch die zerborstene Windschutzscheibe drang, schien es, als würden sich die beiden nackten, toten Teenager aneinander klammern.

Auf dem Boden des Wagens lag der Gegenstand, den der Mörder zurückgelassen hatte.

Es war ein Hundehalsband.

KAPITEL 6

Todd Williams hielt vor dem Büro von King & Maxwell, das sich in einem zweistöckigen Klinkerhaus im Herzen der kleinen, aber feinen Innenstadt von Wrightsburg befand. In diesem Haus hatte auch Kings Anwaltskanzlei ihren Sitz gehabt, bevor er die Juristerei an den Nagel gehängt hatte. Der Polizeichef setzte sich, legte seine Mütze in den Schoß und informierte King und Michelle mit verquollenen Augen und abgespannten Gesichtszügen über die grausigen Einzelheiten des Doppelmordes.

»Ich bin aus der Polizeitruppe von Norfolk ausgeschieden, weil ich nicht mehr mit dieser Scheiße zu tun haben wollte«, fügte Williams hinzu. »Meine Exfrau hat mich überredet, hierher zu ziehen, wo es ruhig und friedlich ist. Eine ziemliche Fehleinschätzung, was? Kein Wunder, dass unsere Ehe kaputtgegangen ist.«

King reichte ihm einen Becher Kaffee und nahm ihm gegenüber Platz, während Michelle auf der Kante einer Ledercouch sitzen blieb. »Warten Sie mal ab, bis die Zeitungen Wind von der Sache bekommen«, fuhr Williams fort. »Und die arme Sylvia. Kaum hat sie die Autopsie der Toten aus dem Wald abgeschlossen, bekommt sie zwei neue Kunden auf den Tisch.«

»Wer waren die beiden?«, fragte King.

»Sie gingen zur Wrightsburg High School. Steve Canney und Janice Pembroke. Dem Mädchen wurde in den Rücken geschossen, der Junge hat eine Ladung ins Gesicht gekriegt. Mit einer Schrotflinte. Kaum hatte ich die Wagentür aufgemacht, hab ich mein Frühstück ausgespuckt. Verdammt, ich werde noch Monate von diesem Anblick träumen.«

»Keine Zeugen?«

»Zumindest sind uns keine bekannt. Es war eine Regennacht. Die einzigen Reifenspuren stammten von dem Wagen der Teenager.«

Michelle wurde hellhörig. »Ja, stimmt, es hat geregnet. Wenn es also keine weiteren Reifenspuren gibt, muss der Mörder zu Fuß gekommen sein. Haben Sie Spuren von ihm gefunden?«

»Das meiste wurde vom Regen weggespült. Im Fußraum des Wagens stand das blutige Wasser drei Zentimeter hoch. Ich begreife das nicht. Steve gehörte zu den beliebtesten Jungen der Schule. Mädchenschwarm, viele Kumpels, Star der Footballmannschaft…«

»Und das Mädchen?«, fragte Michelle.

Williams zögerte. »Janice Pembroke hat sich einen ziemlichen Ruf bei den Jungs erworben.«

»War sie leicht zu haben?«, fragte King.

»Ja.«

»Wurde irgendetwas mitgenommen? Könnte es Raubmord gewesen sein?«

»Unwahrscheinlich, obwohl tatsächlich zwei Gegenstände vermisst werden. Ein billiger Ring, den Janice die meiste Zeit trug, und Steves Christophorus-Anhänger. Aber wir wissen nicht, ob der Mörder beides mitgenommen hat.«

»Sie sagten, Sylvia wäre mit der Autopsie fertig. Ich nehme an, Sie waren dabei.«

Williams wirkte verlegen. »Ich hatte ein kleines Magenproblem, als die Tote aus dem Wald obduziert wurde. Und als Sylvia mit den anderen beiden beschäftigt war, hatte ich zu tun«, sagte er. »Ich warte auf Sylvias Bericht. Tja, wir haben keinen offiziellen Mordspezialisten in unserer Truppe, deshalb dachte ich mir, dass ich mal vorbeischaue und Sie frage.«

»Gibt es weitere Hinweise?«, wollte Michelle wissen.

»Nicht zum ersten Mordfall. Wir haben die Tote noch nicht mal identifizieren können, obwohl es uns gelungen ist, Fingerabdrücke zu nehmen, die zurzeit überprüft werden. Und wir haben ihr Gesicht am Computer rekonstruiert. Das Bild wird gerade rausgegeben.«

»Gibt es Hinweise, dass eine Verbindung zwischen beiden Morden besteht?«, fragte Michelle.

Williams schüttelte den Kopf. »Bei Janice Pembroke und Steve Canney werden wir vermutlich bald auf irgendeine Dreiecksgeschichte stoßen. Heutzutage ballern die Kids los, ohne sich was dabei zu denken. Zu viel Mist im Fernsehen.«

King und Michelle tauschten einen Blick. Dann sagte King: »Im ersten Fall hat der Mörder die Frau entweder in den Wald gelockt oder sie gezwungen, ihn dorthin zu begleiten. Oder er hat sie anderswo getötet und anschließend in den Wald gebracht.«

Michelle nickte. »Wenn Letzteres stimmt, ist er ein kräftiger Mann. Bei dem Mord an den Teenagern könnte der Täter den beiden gefolgt sein oder auf der Böschung gewartet haben.«

»Die Stelle ist allgemein als Knutschecke bekannt, falls man so was heute noch so nennt«, sagte Williams. »Beide Opfer waren nackt. Der Täter könnte ein Junge gewesen sein, den Janice abserviert hatte oder der auf Steve eifersüchtig war. Die Unbekannte aus dem Wald ist vermutlich der schwierigere Fall. Deshalb könnte ich Ihre Hilfe gut gebrauchen.«

King überlegte einen Moment; dann sagte er: »Haben Sie sich die Uhr im ersten Mordfall mal genauer angeschaut, Todd?«

»Sie kam mir zu klobig für eine junge Frau vor.«

»Sylvia sagte, der Arm, an dem sich die Uhr befand, wäre absichtlich in diese ungewöhnliche Stellung gebracht worden.«

»Das kann sie doch nicht mit Sicherheit wissen.«

»Ich habe gesehen, dass die Zeiger auf ein Uhr eingestellt waren«, fuhr King fort.

»Richtig, aber die Uhr ist stehen geblieben, oder das Rädchen wurde herausgezogen.«

King warf Michelle einen kurzen Blick zu. »Ist Ihnen die Marke der Uhr aufgefallen?«

William sah ihn neugierig an. »Die Marke?«

»Es war eine Zodiac. Ein Kreis mit Fadenkreuz.«

Williams hätte beinahe seinen Kaffee verschüttet. »Zodiac!«

King nickte. »Außerdem war es eine Männeruhr. Ich glaube, der Mörder hat sie der Frau angelegt.«

»Zodiac«, wiederholte Williams. »Wollen Sie damit sagen…?«

»Der ursprüngliche Zodiac-Killer hat 1968 und 1969 in der Bay Area gemordet, in San Francisco und Vallejo«, sagte King. »Dieser Täter dürfte inzwischen viel zu alt sein. Aber es hat mindestens zwei Nachahmer gegeben, einen in New York und einen weiteren in Kobe, Japan. Der Zodiac-Killer von San Francisco trug eine schwarze Henkerkapuze oder Sturmhaube, die mit einem weißen Fadenkreuz im Kreis versehen war – das gleiche Symbol wie auf einer Zodiac-Uhr. Auch er ließ bei seinem letzten Opfer, einem Taxifahrer, eine Uhr zurück, obwohl es eine andere Marke war. Doch der Mann, der als Killer von San Francisco verdächtigt wurde, besaß eine Zodiac-Uhr. Die Psychologen vermuten, dass diese Uhr ihn dazu angeregt hatte, das Fadenkreuz-Symbol zu benutzen, dem er seinen Spitznamen ›Zodiac-Killer‹ verdankte. Der Fall wurde nie gelöst.«

Williams beugte sich vor. »Das alles ist ziemlich weit hergeholt.«

Michelle blickte ihren Partner an. »Glaubst du wirklich, dass es ein Nachahmungstäter ist, Sean?«

King zuckte mit den Schultern. »Wenn zwei Personen das Original kopiert haben, warum nicht auch ein Dritter? Der Zodiac-Killer von San Francisco schrieb kodierte Nachrichten an die Zeitungen, bis der Kode schließlich geknackt wurde. Die Briefe zeigten, dass der Mörder sich durch einen Film mit dem Titel Graf Zaroff, Genie des Bösen inspirieren ließ. In dem Film geht es um die Jagd auf Menschen.«

»Ein Massenmörder, der auf Menschenjagd geht«, sagte Michelle leise.

»Trug eine der Leichen im Auto eine Armbanduhr?«, fragte King.

Williams runzelte die Stirn. »Moment mal, Sean. Wie ich bereits sagte, sind es zwei völlig unterschiedliche Morde. Einmal mit einer Schrotflinte und… Okay, wir wissen immer noch nicht, wie die Unbekannte gestorben ist, aber es war keine Schrotladung, so viel steht fest.«

»Und was ist mit den Uhren?«

»Beide Jugendliche trugen Armbanduhren. Na und? Ist das ein Verbrechen?«

»Und Sie haben nicht darauf geachtet, ob es Zodiac-Uhren waren?«

»Nein. Bei der Unbekannten habe ich auch nicht darauf geachtet.« Plötzlich wurde er nachdenklich. »Obwohl Steve Canneys Arm ein bisschen seltsam am Armaturenbrett lehnte…«

»Als wäre der Arm absichtlich so fixiert worden?«

»Schon möglich«, sagte Williams. »Andererseits wurde der Junge mit einer Schrotflinte erschossen. Niemand kann vorhersagen, in welcher Körperhaltung ein Opfer liegen bleibt, wenn es eine volle Ladung ins Gesicht bekommt.«

»Liefen beide Uhren?«

»Nein.«

»Wie spät war es auf Janice Pembrokes Uhr?«

»Zwei.«

»Punkt zwei?«

»Ich glaube, ja.«

»Und auf Steves Uhr?«

Williams zog seinen Notizblock hervor und blätterte darin, bis er gefunden hatte, wonach er suchte. »Die stand auf drei«, sagte er nervös.

»Hat die Uhr etwas von der Schrotladung abbekommen?«

»Da bin ich mir nicht sicher«, erwiderte Williams. »Ich nehme an, Sylvia kann es uns sagen.«

»Und die Uhr von dem Mädchen?«

»Es scheint, als wäre sie von einem Splitter der Windschutzscheibe getroffen worden.«

»Trotzdem steht ihre Uhr auf zwei und Steves auf drei«, sagte Michelle. »Wenn Janices Uhr um zwei stehen geblieben ist, als das Mädchen getötet wurde, wie kann die Uhr des Jungen dann um drei stehen geblieben sein, obwohl sie nicht getroffen wurde?«

»Kommen Sie«, sagte Williams, »bis auf diese Uhrensache, die nicht besonders überzeugend klingt, gibt es nicht die geringste Verbindung.«

Michelle schüttelte störrisch den Kopf. »Das erste Mordopfer war die Unbekannte, Janice Pembroke das zweite, und Steve Canney war Nummer drei. Das kann kein Zufall sein.«

»Sie müssen unbedingt nachsehen, ob auch Steve und Janice Zodiac-Uhren getragen haben«, sagte King eindringlich.

Der Polizeichef machte ein paar Anrufe per Handy. Als er die Verbindung schließlich unterbrach, wirkte er verwirrt.

»Die Uhr, die an Janices Arm gefunden wurde, war ihre eigene – eine Casio. Ihre Mutter hat bestätigt, dass es die Armbanduhr ihrer Tochter war. Steve Canneys Vater sagte mir, dass sein Sohn überhaupt keine Uhr getragen hat. Tja, und gerade erfahre ich, dass an Steves Leiche eine Timex gefunden wurde.«

King legte die Stirn in Falten. »Also keine Zodiac. Aber die Uhr wurde Steve möglicherweise vom Mörder angelegt, vermutlich genauso wie beim ersten Fall. Und ich kann mich erinnern, dass auch der Killer von San Francisco ein Liebespaar im Auto ermordet hat. Und die meisten seiner Morde fanden in der Nähe von Gewässern statt oder an Orten, die nach Gewässern benannt sind.«

»Canney und Pembroke wurden am Ufer des Cardinal Lake ermordet«, sagte Williams widerstrebend.

»Und die Unbekannte lag auch nicht weit vom See entfernt«, sagte Michelle. »Man muss nur den Hügel hinaufsteigen, und man kann eine der Buchten sehen.«

»An Ihrer Stelle«, sagte King zu Todd Williams, »würde ich an dieser Zodiac-Sache weiterarbeiten. Der Mörder muss sich die Uhr ja irgendwo besorgt haben.«

Williams blickte auf seine Hände und runzelte die Stirn.

»Was gibt’s?«, fragte Michelle.

»Im Fußraum von Steve Canneys Wagen haben wir ein Hundehalsband gefunden. Wir sind davon ausgegangen, dass es Steve gehört. Aber sein Vater sagte mir, dass sie keinen Hund haben.«

»Könnte es von Janice stammen?«, fragte King.

Williams schüttelte den Kopf. »Nein, auch nicht…«

Das Klingeln des Bürotelefons unterbrach ihn. King nahm den Anruf entgegen und kehrte mit zufriedener Miene zurück. »Das war Harry Carrick, der Anwalt. Er hat einen Mandanten, der schwerer Vergehen angeklagt wird, und braucht unsere Hilfe. Er hat nicht gesagt, um wen oder was es geht.«

Williams stand auf und räusperte sich. »Es dürfte sich um Junior Deaver handeln.«

»Junior Deaver?«, fragte King.

»Ja. Er hat gelegentlich für die Battles gearbeitet. Der Fall liegt außerhalb meines Zuständigkeitsbereichs. Junior sitzt im Bezirksgefängnis in Untersuchungshaft.«

»Was hat er angestellt?«, fragte King.

»Das müssen Sie Harry fragen.« Williams ging zur Tür. »Ich werde die State Police um Unterstützung bitten.«

»Sie sollten sich überlegen, ob Sie nicht auch das FBI einschalten«, sagte Michelle. »Wenn es sich wirklich um einen Serienmörder handelt, kann VICAP ein Profil erstellen.« Die Abkürzung stand für Violent Criminal Apprehension Program, das Fahndungsprogramm der Bundespolizei für Gewaltverbrecher.

»O Mann. Ich hätte nie gedacht, dass ich in Wrightsburg mal ein VICAP-Formular ausfüllen muss.«

»Die Bürokratie wurde erheblich vereinfacht«, versuchte Michelle ihn zu trösten.

Nachdem der Polizeichef gegangen war, wandte Michelle sich an King. »Und wer sind Junior Deaver und die Battles?«

»Junior ist im Grunde ein prima Kerl, der sein ganzes Leben hier verbracht hat. Leider ist er auf die schiefe Bahn geraten. Die Battles sind eine ganz andere Geschichte. Sie sind die bei weitem reichsten Leute in der Gegend. Eine alteingesessene Südstaatenfamilie.«

»Und was genau bedeutet das?«

»Sie sind ein bisschen eingebildet, ein bisschen verschroben, ein bisschen exzentrisch…«

»Du meinst, ein bisschen verrückt«, sagte Michelle.

»Nun ja…«

»Jede Familie ist verrückt. Manche zeigen es nur deutlicher als andere.«

»Ich glaube, du wirst feststellen, dass die Battles in dieser Hinsicht ganz oben auf der Liste stehen.«

KAPITEL 7

Harry Lee Carrick lebte auf einem großen Anwesen am östlichen Rand von Wrightsburg. Als sie zu ihm fuhren, erzählte King seiner Partnerin alles, was sie über ihn wissen musste.

»Er hat schon vor Jahren hier als Anwalt gearbeitet. Dann ging er an das hiesige Berufungsgericht und später zum Obersten Gericht des Bundesstaates, wo er die letzten zwanzig Jahre verbracht hat. Er hat mir sogar den Eid abgenommen, als ich in Virginia als Anwalt zugelassen wurde. Seine Familie nimmt seit gut dreihundert Jahren eine wichtige Stellung ein. Nachdem er das Richteramt aufgegeben hatte, kehrte er in unsere Stadt zurück und ließ sich auf dem Anwesen der Familie nieder.«

»Und dieser Junior? Du hast gesagt, er sei auf die schiefe Bahn geraten.«

»Sagen wir mal, er hat gelegentliche Ausflüge in die Illegalität gemacht. Aber er war lange nicht mehr in Schwierigkeiten.«

»Bis jetzt.«

Sie passierten ein gusseisernes Tor, dessen zwei Flügel mit dem Buchstaben C geschmückt waren.

Michelle blickte sich auf dem weitläufigen Grundstück um. »Nettes Plätzchen.«

»Harry hat sich ganz gut durchs Leben geschlagen, und seine Familie hat sowieso genug Geld.«

»Verheiratet?«

»Seine Frau starb in jungen Jahren. Er hat sich nie auf eine neue Ehe eingelassen und hat keine Kinder. Er ist der letzte Carrick, soviel ich weiß.«

Sie sahen aus der Ferne ein großes Ziegelhaus mit weißen Säulen zwischen den hohen Bäumen. Doch King bog ab und fuhr einen schmalen Kiesweg entlang, bis er vor einem kleinen, weiß gestrichenen Schindelgebäude hielt.

»Was ist das?«, fragte Michelle.

»Das feudale Anwaltsbüro von Harry Lee Carrick.«

Sie klopften an. Eine angenehme Stimme sagte: »Herein!«

Der Mann erhob sich hinter dem großen Schreibtisch und streckte ihnen die Hand entgegen. Harry Carrick war eins achtzig groß und schlank, hatte gepflegtes silbriges Haar und eine rötliche Gesichtsfarbe. Er trug eine graue Hose, einen blauen Blazer, ein weißes Button-down-Hemd und eine rot-weiß gestreifte Krawatte. Seine Augen hatten die Farbe von Immergrün und strahlten Verschmitztheit aus. Die Augenbrauen waren buschig und von der gleichen Farbe wie das Haar. Sein Händedruck war fest, und sein melodischer Südstaatenakzent war so angenehm wie eine freundliche Umarmung oder ein Schluck Whisky, den man in einem bequemen Sessel genießt. Er hatte die Energie und Beweglichkeit eines Mannes, der mindestens zwanzig Jahre jünger war, als er an Jahren zählte. Kurz, er war die Hollywood-Version des Idealbildes, das man von einem Richter hatte.

»Ich hatte mich schon gefragt«, sagte Harry zu Michelle, »wann Sean dazu kommt, Sie mir vorzustellen. Also fühlte ich mich genötigt, diese Angelegenheit persönlich zu übernehmen.«

Er führte sie zu einer Sitzecke. Stabile Bücherregale nahmen fast die gesamte Wandfläche des kleinen Raumes ein. Die Möbel sahen antik und häufig benutzt aus. Wie Miniaturzirruswolken schwebte Zigarrenrauch im Zimmer, und Michelle entdeckte eine alte Remington-Schreibmaschine auf einem kleinen Tisch, obwohl Harrys kunstvoll geschnitzter Schreibtisch mit PC und Laserdrucker ausgestattet war.

»Ich habe mich völlig den Notwendigkeiten des modernen Zeitalters ergeben«, sagte er, als seine wachsamen Augen die Richtung ihres Blickes verfolgten. »Ich habe mich so lange wie möglich gegen Computer gewehrt, um mich dann bedingungslos ihrer Macht zu unterwerfen. Die Remington habe ich für die Korrespondenz mit Freunden in fortgeschrittenem Alter behalten, die es als entwürdigend betrachten würden, ein Schreiben zu bekommen, das nicht mit einer manuellen Schreibmaschine auf Büttenpapier mit Monogramm verfasst wurde, oder besser noch von Hand, obwohl meine Klaue bedauerlicherweise kaum noch zu entziffern ist. Deshalb würde ich empfehlen, immer jung und schön zu bleiben, so wie Sie, Michelle.«

Michelle lächelte. Harry war ein Gentleman und Charmeur der alten Schule.

Er bestand darauf, einen Tee für sie zuzubereiten, und servierte das Getränk in hauchdünnen, abgenutzten Porzellantassen. Dann nahm er zwischen ihnen Platz.

»Junior Deaver«, gab King das Stichwort.

»Und die Battles«, sagte Harry.

»Klingt wie eine ziemlich exzentrische Band«, bemerkte Michelle.

»Äußerst exzentrisch«, pflichtete Harry ihr bei. »Bobby Battle war ein bemerkenswerter Mensch. Zäh wie Leder. Sein Vermögen hat er sich im Schweiße seines Angesichts und mit viel Grips erworben. Seine Frau Remmy ist eine wirkliche Dame. Auch sie ist ein ziemlich zäher Brocken. Das muss sie auch sein, wenn sie mit Bobby verheiratet ist.«

Michelle warf ihm einen neugierigen Blick zu. »Sie sagten war. Ist Bobby Battle gestorben?«

»Nein, aber er hat vor nicht allzu langer Zeit einen schweren Schlaganfall erlitten. Kurz bevor es zu dem Vorfall kam, für den Junior verantwortlich gemacht wird. Es ist immer noch nicht klar, ob Bobby sich jemals erholen wird.«

»Gibt es noch weitere Familienangehörige?«, fragte Michelle.

»Ja, einen Sohn, Edward Lee Battle, der von allen nur Eddie genannt wird. Er ist um die vierzig. Es gab noch einen zweiten Sohn, Bobby junior, Eddies Zwillingsbruder. Er starb als Jugendlicher an Krebs.«

»Dann gibt es noch Eddies Frau Dorothea und seine jüngere Schwester Savannah«, fügte King hinzu. »Sie hat soeben das College abgeschlossen, wie ich hörte.«

»Eddie ist um die vierzig, und Savannah hat gerade ihren College-Abschluss gemacht?«, wunderte sich Michelle.

»Nun, Savannah war so etwas wie eine Überraschung«, sagte Harry. »Remmy war schon über vierzig, als sich unverhofft der neue Nachwuchs einstellte. Ironischerweise waren Remmy und Bobby eine Zeit lang getrennt, bevor Savannah geboren wurde, und schienen geradewegs auf die Scheidung zuzusteuern.«

»Was hatten sie für ein Problem?«, fragte King.

»Remmy hatte Bobby mit einer anderen Frau erwischt, einer Prostituierten. Es war nicht das erste Mal. Bobby hatte eine Vorliebe für solche Frauen. Aber dann ist es ihnen gelungen, ihre Ehe wieder zu flicken.«

»Ein Baby kann manchmal Wunder bewirken«, sagte King.

»Leben sie alle noch zusammen?«, fragte Michelle.

Harry schüttelte den Kopf. »Bobby, Remmy und Savannah wohnen im Herrenhaus. Eddie und Dorothea sind nebenan ins ehemalige Kutschenhaus eingezogen, das heute ein eigenständiger Teil des Anwesens ist. Ich habe Gerüchte gehört, dass Savannah demnächst vielleicht auszieht.«

»Ich könnte mir vorstellen, dass ein Teil ihres Treuhandvermögens nach dem College-Abschluss fällig geworden ist«, sagte King.

»Was sie vermutlich kaum erwarten konnte«, sagte Harry.

»Wie meinen Sie das?«, fragte Michelle. »Versteht sie sich nicht mit ihren Eltern?«

»Ich möchte es mal so ausdrücken: Bobby war als Vater oft nicht da, und Remmy und Savannah sind starke, unabhängige Frauen, die nur selten einer Meinung sind.«

»Was machen Eddie und Dorothea beruflich?«, fragte Michelle.

»Eddie ist Künstler und passionierter Teilnehmer an historischen Wiederaufführungen des Bürgerkriegs. Dorothea hat ein Immobilienbüro, das recht gut läuft.« Harry sah Michelle mit einem schelmischen Grinsen an. »In den gesellschaftlichen Kreisen der Battles wechseln die Lebenspartner mit besorgniserregender Schnelligkeit, sodass ein großer Bedarf an neuen und noch luxuriöseren Wohnungen besteht. Das dürfte nicht nur gut für Dorotheas Brieftasche sein, sondern ihr auch einen aktuellen Überblick geben, wer gerade mit wem zusammen ist.«

»Klingt ein bisschen nach Peyton Place«, sagte Michelle.

»Das haben wir schon lange hinter uns«, sagte Harry. »Wir nähern uns eher den Zuständen in Twin Peaks.«

»Und jetzt reden wir über Junior«, sagte King.

Harry stellte seine Teetasse ab und holte sich eine Akte vom Schreibtisch. »Junior hatte verschiedene Bauarbeiten für die Battles erledigt, insbesondere im Ankleideraum neben Remmys Schlafzimmer. Junior ist ein tüchtiger Bursche. Er hat auch hier für mich einiges getan, und für viele andere Leute in der Gegend.«

»Und was wirft man ihm vor?«, fragte King.

»Einbruchdiebstahl. In Remmys Ankleidezimmer gibt es einen versteckten Wandschrank, in dem sie ihren Schmuck, Bargeld und andere Wertgegenstände aufbewahrt. Er wurde aufgebrochen und ausgeräumt. Auch in Bobbys Ankleidezimmer gab es ein Geheimfach. Es wurde ebenfalls ausgeraubt. Der Schaden beträgt etwa zweihunderttausend Dollar, wie ich hörte. Bedauerlicherweise befindet sich unter den geraubten Gegenständen auch Remmys Ehering.« Harry blätterte in der Akte. »Was ist die Hölle gegen den Zorn einer Frau, die ihres Eherings verlustig ging?«, fügte er hinzu.

»Und nun wird Junior verdächtigt, weil er dort gearbeitet hat?«, fragte Michelle.

»Es gibt gewisse Hinweise, die ihn mit dem Verbrechen in Verbindung zu bringen scheinen.«

»Zum Beispiel?«, fragte King.

Harry zählte die Punkte an den Fingern ab. »Der Einbrecher ist durch ein Fenster im dritten Stock eingestiegen. Das Fenster wurde aufgebrochen, und man hat Werkzeugspuren sowie einen Metallsplitter gefunden, der zu einem Brecheisen passt, das Junior gehört. Außerdem besitzt er eine Leiter, die lang genug ist, um an das Fenster heranzukommen. Und man hat Glasscherben im Aufschlag seiner Hose gefunden. Sie lassen sich nicht eindeutig dem Glas zuordnen, aus dem das Fenster der Battles besteht, aber die Beschaffenheit ist sehr ähnlich. Beide Glassorten sind gefärbt.«

»Sie sagten, das Fenster wurde aufgebrochen. Woher kamen dann die Glassplitter?«, fragte King.

»Ein Teil des Fensters ist beim Aufbrechen zersplittert. Wahrscheinlich nimmt die Polizei an, dass die Splitter an Juniors Hose kamen, als er durch die Fensteröffnung stieg. Außerdem wurden Schuhabdrücke auf dem Holzfußboden in Remmys Schlafzimmer entdeckt. Sie passen zu einem Paar Stiefel, das bei Junior gefunden wurde. Auf dem Fußboden in Remmys Ankleidezimmer waren Spuren von Rigips-Pulver, Zement, Sägespänen – all das, was ein Mann wie Junior an Kleidung und Schuhen haben müsste, wegen seines Jobs. Und es wurde etwas Erde gefunden, die vom Boden vor Juniors Haus stammen könnte. Ähnliche Spuren gab es in Bobbys Schlaf- und Ankleidezimmer.«

»Die beiden schlafen getrennt?«, fragte Michelle.

Harry hob eine buschige Augenbraue. »Ich bin überzeugt, dass Remmy es vorziehen würde, wenn Sie diese Information vertraulich behandeln.«

»Nun, das alles sind belastende Fakten«, sagte King, »aber letztlich nur Indizien.«

»Es gibt da noch ein weiteres Beweisstück. Beziehungsweise zwei Stücke. Ein Handschuhabdruck und ein Fingerabdruck, der von Junior stammt.«

»Ein Handschuhabdruck?«, fragte Michelle.

»Es war ein Lederhandschuh«, erwiderte Harry, »und die haben individuelle Linienmuster, ähnlich wie bei einem Fingerabdruck. Hat man mir zumindest so erklärt.«

»Wenn Junior Handschuhe getragen hat, wie kann er dann einen Fingerabdruck hinterlassen haben?«, fragte King.

»Offenbar war ein Loch in einem der Finger. Und genau einen solchen Handschuh besitzt Junior.«

King sah Harry an. »Was sagt Junior selbst dazu?«

»Er beteuert energisch seine Unschuld. Er hat drüben in Albemarle County bis in die frühen Morgenstunden am neuen Haus für seine Familie gearbeitet. Leider hat er niemanden gesehen, und niemand hat ihn gesehen. Also hat er kein Alibi.«

»Wann wurde der Einbruch entdeckt?«, fragte King.

»Gegen fünf Uhr morgens, als Remmy vom Krankenhaus zurückkam. Sie war am Vorabend bis acht Uhr in ihrem Schlafzimmer, und bis gegen elf waren Leute im Haus. Also wurde der Einbruch wahrscheinlich zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens verübt.«

»In der Zeit, als Junior allein an seinem Haus gearbeitet haben will«, murmelte King.

»Trotz allem halten Sie ihn für unschuldig, nicht wahr?«, sagte Michelle.

Harry erwiderte ihren Blick. »Ich habe schon mehrere Mandanten vertreten, die schuldig waren. Das gehört zu meinem Job. Als Richter habe ich erlebt, wie Schuldige freigesprochen wurden und Unschuldige hinter Schloss und Riegel kamen, und meist konnte ich nichts dagegen tun. Im Fall von Junior gründet sich meine feste Überzeugung, dass er dieses Verbrechen nicht begangen hat, auf einen simplen Grund: Der arme Kerl würde überhaupt nicht wissen, was er mit Bargeld, Inhaberschuldverschreibungen und Schmuck im Wert von zweihunderttausend Dollar anfangen sollte, genauso wenig, wie ich in einem Vierer mit Steuermann zur olympischen Silbermedaille rudern könnte.«

Michelle sah ihn überrascht an, weil ihr genau das gelungen war.

»Ja, meine Liebe«, sagte Harry, »ich habe mich über Sie informiert. Ich hoffe, das stört Sie nicht.« Er tätschelte ihre Hand. »Auf jeden Fall ist unzweifelhaft erwiesen, dass Junior als Dieb ein Stümper ist. Vor Jahren hat er Autobatterien für Lastwagen aus einer Werkstatt gestohlen, ließ sie aber dummerweise auf der Ladefläche seines Pick-ups stehen, als er zu derselben Werkstatt fuhr, um das Fahrzeug reparieren zu lassen. Dieser kleine Patzer brachte ihm sechs Monate Haft ein und beweist seinen Mangel an Begabung für das Diebstahlgewerbe.«

»Vielleicht hat er im Laufe der Jahre dazugelernt«, sagte King.

»Als selbstständiger Handwerker geht es ihm so gut wie nie. Auch seine Frau verdient ordentlich. Sonst könnten sie sich das neue Haus in Albemarle gar nicht leisten. Warum also sollte er versuchen, die Battles auszurauben?«

»Vielleicht sind ihm die Kosten für sein neues Haus über den Kopf gewachsen. Aber selbst wenn Junior es nicht war, gibt jemand sich alle Mühe, ihn zu belasten. Warum?«, sagte King.

Harry war auf diese Frage vorbereitet. »Er hat dort gearbeitet, also würde der Verdacht ohnehin sofort auf ihn fallen. Die betreffende Person hätte sich jederzeit sein Werkzeug, seine Schuhe, seine Arbeitshose und die Handschuhe aus dem Wohnwagen besorgen können, in dem Junior mit seiner Familie lebt. Der Wohnwagen steht mitten im Nirgendwo, und häufig ist keiner zu Hause.« Nachdenklich setzte er hinzu: »Allerdings ist der Fingerabdruck beunruhigend. Nur ein Routinier konnte so etwas fingieren.«

»Wie groß ist seine Familie?«, fragte Michelle.

»Drei Kinder, das älteste zwölf, soviel ich weiß. Seine Frau heißt Lulu Oxley.«

»Lulu Oxley?«, wiederholte Michelle.

»Sie leitet einen Nachtclub namens Aphrodisia. Sie hat mir gesagt, dass sie inzwischen sogar einen Anteil an dem Etablissement besitzt.«

»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?«, sagte Michelle. »Das Aphrodisia

»Ich selbst war natürlich noch nie dort, aber es soll keine schmuddelige Bar mit Nackttänzerinnen, Separées und dergleichen sein. Angeblich ist es dort recht nett.«

»Stimmt«, sagte King.

Michelle sah ihn an. »Du warst schon mal dort?«

Er wand sich. »Nur ein einziges Mal. Bei einer Junggesellenparty für einen Freund.«

»Aha«, sagte Michelle.

King beugte sich vor. »Junior kann die Aktion also nicht allein bewältigt haben. Aber was ist, wenn jemand anders die Planung übernommen hat? Jemand, der wusste, dass Junior Zugang zum Haus der Battles besitzt, und der ihn dazu angestiftet hat? Die Beweise sind eindeutig.«

Harry ließ sich nicht beirren. »Viele Beweise sprechen gegen ihn. Zu viele.«

King wirkte nicht überzeugt. »Okay. Also, was sollen wir für Sie tun?«

»Reden Sie mit Junior. Hören Sie sich seine Geschichte an. Besuchen Sie die Battles.«

»Und wenn wir nichts Entlastendes finden?«

»Dann rede ich selbst mit Junior. Wenn er dann immer noch behauptet, unschuldig zu sein, bleibt mir keine andere Wahl, als die Sache durchzuziehen. Aber wenn die Staatsanwaltschaft ein vernünftiges Angebot zur Strafminderung macht, werde ich mit Junior darüber sprechen müssen. Er war schon einmal im Gefängnis und möchte diese Erfahrung nicht wiederholen.«

Er gab King eine Aktenmappe mit sämtlichen Unterlagen. Sie besiegelten den Auftrag, und Harry nahm Michelles Hand. »Dass ich endlich diese reizende junge Frau kennen gelernt habe, Sean, rechtfertigt jedes Honorar, das Sie mir in Rechnung stellen.«

»Wenn Sie so weitermachen, werde ich rot, Harry.«

»Das fasse ich als Kompliment auf.«

»Ich liebe diesen Mann«, sagte Michelle, als sie das Büro verließen.

»Sehr gut. Denn die Begegnung mit ihm könnte das einzig Angenehme sein, das wir von diesem Fall zu erwarten haben.«

Kings Handy klingelte. Nachdem er die Verbindung getrennt hatte, sagte er: »Das war Todd. Fahren wir.«

»Wohin?«, fragte Michelle.

»Zu einem Ort, an dem uns jede Menge Spaß erwartet – zum Leichenschauhaus.«

KAPITEL 8

Der blassblaue VW-Käfer, Baujahr 1969, tuckerte über eine der Zubringerstraßen, die ins Zentrum von Wrightsburg führten. Der Fahrer trug ein weißes Button-down-Hemd, Jeans und Halbschuhe. Außerdem hatte er sich eine Baseballkappe tief in die Stirn gezogen, und seine Augen wurden von einer dunklen Sonnenbrille verdeckt. Er wusste, dass er es höchstwahrscheinlich übertrieb, denn die meisten Leute waren so sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, dass sie nicht einmal hätten sagen können, was sie zehn Sekunden vorher im Vorbeigehen gesehen hatten.

Aus der Gegenrichtung kam ein Lexus-Cabrio. Als Sean King und Michelle Maxwell den Mann auf dem Weg zum Leichenschauhaus passierten, warf er ihnen nicht einmal einen flüchtigen Blick zu. Er fuhr in seinem VW weiter, der schon über 300000 Kilometer auf dem Tacho hatte. Der Käfer war seinerzeit in Kanariengelb ausgeliefert worden, hatte aber mehrere Farbwechsel über sich ergehen lassen, seit er vor Jahren zum ersten Mal gestohlen worden war, und hatte schon mindestens zehn verschiedene Nummernschilder getragen. Irgendwann hatte jemand die Fahrgestellnummer professionell verändert, sodass die wahre Herkunft des Wagens nun praktisch nicht mehr zu bestimmen war. Der Mann liebte den VW.

Auch der Serienmörder Theodore »Ted« Bundy hatte am liebsten Käfer benutzt, wenn seine Mordzüge ihn von Küste zu Küste führten. Er hatte oft von der großen »Frachtmenge« gesprochen, die man im Käfer transportieren konnte, wenn die Rückbank ausgebaut war – Fracht, die zuvor gelebt hatte und menschlich und weiblich gewesen war. Bundy hatte auch den günstigen Benzinverbrauch des Volkswagens gelobt. Nach einem Mord konnte er sich mit einer Tankfüllung sehr weit vom Tatort entfernen.

Der Mann bog nach rechts auf den Parkplatz des mondänen Einkaufszentrums ab, das von vielen Einwohnern des kleinen, aber recht wohlhabenden Wrightsburg besucht wurde. Es hieß, dass Bundy und ähnliche Serienmörder vierundzwanzig Stunden am Tag damit zubrachten, ihren nächsten Mord zu planen. Für Menschen seines Schlages musste das ein Kinderspiel gewesen sein. Bundy hatte angeblich einen IQ von 120 gehabt. Bei dem Mann hinter dem Lenkrad des VW lag er deutlich über 160.

Doch in Wirklichkeit musste man kein Genie sein, um geeignete Opfer ausfindig zu machen. Sie waren überall. Und heutzutage war es noch viel leichter als zu Bundys Zeiten, aus Gründen, die für die meisten Menschen nicht offensichtlich waren.

Er beobachtete, wie ein altes Ehepaar aus dem Supermarkt kam und sich in einen Mercedes-Kombi setzte. Er notierte sich das Nummernschild. Später würde er im Internet nachsehen und ihre Adresse ermitteln. Sie tätigten ihre Einkäufe selbst, also hatten sie wahrscheinlich keine Hilfe durch Betreuer oder Kinder, die in der Nähe wohnten. Ihr Wagen war ein verhältnismäßig neues Modell; offenbar ging es ihnen finanziell ziemlich gut. Der Mann trug eine Mütze mit dem Logo des städtischen Country Clubs. Das war eine weitere potenzielle Goldmine, die er später für Informationen nutzen konnte.

Der Mann lehnte sich zurück und wartete geduldig. In diesem gut besuchten Einkaufszentrum liefen mit Sicherheit noch weitere aussichtsreiche Kandidaten herum. Er konnte ausgiebig konsumieren, ohne ein einziges Mal seine Brieftasche zücken zu müssen.

Wenige Minuten später verließ eine attraktive Frau in den Dreißigern eine Apotheke. Sie trug eine große Tüte. Sein Blick wurde von ihr angezogen, und sein Mordinstinkt erwachte. Die Frau blieb am Geldautomaten neben der Apotheke stehen, hob Bargeld ab und beging anschließend die Todsünde des Tages: Sie warf den Auszahlungsbeleg in den Müll, bevor sie in ein nagelneues rotes Chrysler-Sebring-Cabrio stieg. Auf dem Nummerschild stand »DEH JD«.

Er erkannte sofort, dass es sich um ihre Initialen handelte und dass sie Anwältin war, da »JD« für »Juris Doctor« stehen musste. Ihre Kleidung verriet ihm, dass sie großen Wert auf ihre äußere Erscheinung legte. Gesicht, Arme und Beine waren tief gebräunt. Wenn sie Rechtsanwältin war, hatte sie entweder vor kurzem Urlaub gemacht oder im Winter regelmäßig das Solarium besucht. Sie wirkte sehr sportlich; vermutlich trainierte sie regelmäßig oder joggte in den Wäldern der Umgebung. Während sie in den Wagen stieg, fixierte sein Blick die goldene Fußkette, die sie am linken Knöchel trug. Ein faszinierendes Detail, dachte er.

Der Wagen trug einen Aufkleber der amerikanischen Anwaltsvereinigung aus dem laufenden Jahr, was darauf hindeutete, dass sie tatsächlich Juristin war. Und sie war Single, da sie keinen Ehering trug. Und gleich rechts neben dem Aufkleber befand sich die Parkerlaubnis für ein sehr teures Wohnviertel, das etwa drei Kilometer von hier entfernt lag. Er nickte zufrieden. Diese Aufkleber waren äußerst informativ.

Er suchte sich einen Parkplatz, stieg aus dem Käfer, ging zum Abfallbehälter, tat so, als würde er etwas hineinwerfen, und nahm mit der gleichen Handbewegung den Auszahlungsbeleg heraus. Die Frau hätte es eigentlich besser wissen müssen. Sie hätte genauso gut ihre Einkommenssteuererklärung herumliegen lassen können. Jetzt war sie völlig nackt. Er konnte alles über sie in Erfahrung bringen, was er wissen wollte.

Als er zu seinem Wagen zurückkehrte, warf er einen Blick auf den Beleg. Ihr Name war mit D. Hinson angegeben; aber das konnte er später im Telefonbuch nachschlagen. Sie musste auch im Branchenbuch stehen, wodurch sich herausfinden ließ, in welcher Anwaltskanzlei sie arbeitete. Damit hatte er bereits zwei potenzielle Angriffspunkte. Neuerdings ließen die Banken einen Teil der Kontonummer weg, weil sie wussten, dass ihre Kunden ständig die Dummheit begingen, ihre Belege fortzuwerfen, wodurch Leute wie er leichtes Spiel hatten. Doch das Geld der Frau interessierte ihn gar nicht; ihm ging es um etwas viel Persönlicheres.

Entspannt genoss er die zunehmend wärmere Sonne. Es schien ein angenehmer Tag zu werden. Er lehnte sich im Sitz zurück und blickte erst wieder auf, als rechts von ihm eine typische Ganztagsmutter ihre Einkäufe in einen Van lud. Er musste nicht lange raten, da sie ein T-Shirt trug, das unmissverständlich ihren Status verkündete. Ein Kleinkind saß auf dem Rücksitz. Ein grüner Sticker am Heck teilte aller Welt mit, dass die Besitzerin die Mutter eines Schülers war, der es auf die Bestenliste des laufenden Schuljahrs an der Wrightsburg Middle School geschafft hatte.

Gut zu wissen, dachte er. Ein Kind in der siebten oder achten Klasse und ein Baby. Er fuhr in die Parkbucht neben dem Van und wartete. Als die Frau den Einkaufswagen zurückbrachte, ließ sie ihren Säugling völlig unbeaufsichtigt.

Er stieg aus seinem Käfer, beugte sich durch das offene Fenster auf der Fahrerseite und sah das Kind lächelnd an, das zurückgrinste und gluckste. Im Van sah es ziemlich chaotisch aus. Wahrscheinlich herrschte im Haus dieser Frau eine ähnliche Unordnung. Wenn sie eine Alarmanlage hatte, war diese vermutlich nie eingeschaltet. Wahrscheinlich dachte die Frau auch nie daran, sämtliche Türen und Fenster zu verschließen. Es verwunderte ihn immer wieder, dass die Verbrechensrate in diesem Land, in dem Millionen Idioten genauso blind wie diese Frau durchs Leben tappten, nicht deutlich höher war.

Auf dem Rücksitz lagen ein Algebra-Lehrbuch, das ohne Zweifel dem Musterschüler gehörte, und ein Bilderbuch für Kinder. Also gab es zumindest noch ein drittes Kind. Diese Schlussfolgerung wurde durch ein Paar Tennisschuhe mit Grasflecken im hinteren Fußraum bestätigt. Die Schuhe schienen einem fünf- oder sechsjährigen Jungen zu gehören.

Der Mann sah sich auf dem Fahrersitz um. Da war es: eine Ausgabe der Zeitschrift People. Er blickte auf. Die Frau hatte soeben den Einkaufswagen in die Schlange zurückgeschoben und unterhielt sich jetzt mit jemandem, der gerade aus dem Geschäft kam. Der Mann griff nach der Zeitschrift. Auf dem Versandetikett waren Name und Adresse angegeben. Ihre Telefonnummer hatte er sich längst notiert, da die Frau sie freundlicherweise auf dem Zettel mit der Aufschrift »Zu verkaufen« angegeben hatte.

Noch ein Volltreffer. Ihre Schlüssel steckten im Zündschloss. Der Mann drückte die Hausschlüssel, die ebenfalls am Bund hingen, in ein Stück Kitt, um einen Abdruck zu erhalten. Ein Einbruch wurde viel einfacher, wenn man gar nicht einbrechen, sondern nur eintreten musste.

Und noch ein Hauptgewinn. Ihr Handy steckte in der Halterung. Der Mann schaute auf und sah, dass die Frau noch immer tratschte. Er hätte ohne Schwierigkeiten ihr Baby töten, ihre sämtlichen Einkäufe stehlen und den Wagen in Brand setzen können – die Frau hätte es erst bemerkt, wenn andere Leute die Flammen gesehen und geschrien hätten. Er blickte sich um. Die Leute in seiner Nähe waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ihn zu bemerken.

Er holte das Handy heraus, drückte den Knopf für die Menüauswahl und rief ihre Nummer auf. Dann öffnete er ihr privates Telefonbuch, zog eine fingergroße Digitalkamera hervor und fotografierte die Liste ab, bis er sämtliche Namen und Nummern ihres Bekanntenkreises besaß. Er steckte das Handy zurück, winkte dem Baby zum Abschied und setzte sich wieder in seinen Wagen.

Sofort sah er sich die Aufnahmen an. Er hatte jetzt ihren Namen und ihre Adresse und wusste, dass sie mindestens drei Kinder hatte und verheiratet war. Das Zeitschriftenabo lief auf Jean und Harold Robinson. Außerdem hatte er ihre Telefonnummern und die Namen und Nummern zahlreicher Leute, die von Bedeutung für sie waren, sowie einen Abdruck ihres Haustürschlüssels.

Sie und ihre reizende Familie gehörten jetzt ihm.

Die Frau kehrte zum Van zurück, stieg ein und fuhr los. Er beobachtete, wie sie den Parkplatz verließ, ohne zu ahnen, dass er binnen weniger Minuten einen tiefen Einblick in ihr Privatleben erhalten hatte. Er winkte ihr zum Abschied.

Vielleicht sehen wir uns wieder, wenn du großes Pech hast.

Er blickte auf die Uhr. Drei potenzielle Opfer in weniger als zwanzig Minuten. Tief atmete er die frische Luft des wohlhabenden Städtchens Wrightsburg ein, das in kürzester Zeit eine Serie von drei brutalen Morden erlebt hatte.

Die Menschen ahnten nicht, dass es erst der Anfang gewesen war.

KAPITEL 9

Das Leichenschauhaus von Wrightsburg lag an einer ruhigen, von Bäumen gesäumten Straße ungefähr drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Es war in einem kleinen, einstöckigen Gebäude untergebracht, das mit einer Bepflanzung aus dem Gartencenter versehen war; die Pflanzen waren im feuchten Wetter der letzten Zeit prächtig gediehen. Von außen wirkte das Gebäude völlig normal. Wer hier vorbeikam, wäre nie darauf gekommen, dass in diesem Haus Leichen geöffnet wurden. Ein Schild auf dem Platz neben dem Gebäude wies darauf hin, dass sich hier außerdem die Arztpraxis von Dr. Sylvia Diaz befand.

King steuerte seinen Lexus auf den Parkplatz; dann stiegen er und Michelle aus. Kurz darauf hielt neben ihnen ein Streifenwagen der Polizei, und Polizeichef Williams wuchtete seinen massigen Körper hinaus. Er machte keinen glücklichen Eindruck, als er sein Hemd in die Hose stopfte und den Sitz seiner Pistole überprüfte.

»Bringen wir’s hinter uns«, brummte er und marschierte voraus.

»Was ist mit ihm?«, flüsterte Michelle.

»Ich vermute, es gefällt ihm nicht, sich Leichen ansehen zu müssen.«

Sie fragten am Empfang nach Sylvia Diaz. Die Sekretärin telefonierte kurz, worauf ein schlanker Mann mit Brille erschien. Er war Ende zwanzig, trug einen Spitzbart und war in einen Medizinerkittel gekleidet. Er stellte sich als Kyle Montgomery vor, Sylvias Assistent.

»Sie ist gleich fertig«, sagte er mit gelangweilter Stimme, obwohl er Michelle mit Blicken verschlang. »Sie hat gesagt, ich soll Sie in ihr Büro bringen.«

»Wie lange arbeiten Sie schon hier?«, fragte King.

Montgomery sah ihn mit misstrauisch zusammengekniffenen Augen an. »Was spielt das für eine Rolle?«

»Ich bin bloß neugierig«, sagte er.

»Und ich habe das Recht auf meine Privatsphäre«, gab Montgomery zurück.

»Ich wette, Sie waren an der UVA«, sagte Michelle. »Eine ausgezeichnete Hochschule«, fügte sie lächelnd hinzu und trat ein Stück näher an ihn heran.

King beobachtete amüsiert, wie seine Partnerin ihren weiblichen Charme einsetzte, um Montgomery weitere Informationen zu entlocken. Das tat sie nur selten, aber es konnte sehr wirkungsvoll sein. Montgomery wusste vermutlich gar nichts Wichtiges, aber es war nicht verkehrt, Informationen über sämtliche Personen zu haben, die auf irgendeine Weise an den Ermittlungen beteiligt waren.

Montgomery wandte ihr sofort seine gesamte Aufmerksamkeit zu. »Ja, ich habe meinen Abschluss mit einem guten Schnitt gemacht«, prahlte er. »Ich wollte in der Gegend bleiben, also arbeitete ich ein paar Jahre lang am Uni-Krankenhaus, bis ich meine Zulassung als medizinischer Assistent bekam. Aber dann musste ich mit dem Onkologie-Praktikum aufhören und konnte meine Rechnungen nicht mehr bezahlen, als plötzlich diese Stelle angeboten wurde. Tja, und jetzt bin ich pathologischer Assistent. Dafür danke ich dir, Gott«, fügte er sarkastisch hinzu.

»Für diese Art von Arbeit muss man sehr spezielle Voraussetzungen mitbringen«, sagte Michelle.

»Das kann man wohl sagen«, erwiderte Montgomery großspurig. »Außerdem arbeite ich als Dr. Diaz’ Assistent in der Arztpraxis nebenan. Es ist ein ganz schöner Balanceakt, immer zwischen Leichenhalle und Praxis hin und her pendeln zu müssen, aber wenigstens liegen beide Arbeitsplätze direkt nebeneinander. Außerdem haben wir hier nicht viele Todesfälle, die eine Autopsie erforderlich machen. Aber das scheint sich ja zu ändern. Plötzlich gibt’s jede Menge Action. Wrightsburg wird endlich erwachsen!« Montgomery lächelte bei diesem Gedanken.

Michelle, Williams und King tauschten angewiderte Blicke, als sie ihm folgten.

Sylvias Büro war genauso, wie Michelle es sich vorgestellt hatte. Sehr ordentlich und geschmackvoll ausgestattet, jedenfalls im Vergleich zu anderen rechtsmedizinischen Einrichtungen. Sylvia hatte hier und dort warme, feminine Akzente gesetzt, um die kalte, antiseptische Atmosphäre zurückzudrängen, die das gesamte Gebäude beherrschte. An der Garderobe neben der Tür hingen eine Damenjacke, eine übergroße Tasche und ein Hut. Auf dem Boden stand ein Paar elegante Schuhe.

»Eine Frau mit Geschmack.«

Michelle blickte sich um und sah, dass Kyle Montgomery sie anlächelte. »In ihrer Arztpraxis sieht es genauso aus. Frau Doktor mag es nicht, wenn Schmutz in den Obduktionsraum gelangt, obwohl es da nicht gerade steril ist. Eher das Gegenteil. Wir haben hier einen Umkleideraum, wo wir Kittel und Mundschutz anlegen können, aber manchmal glaube ich, sie würde sich lieber hier umziehen, aus Angst, irgendein Beweisstück zu kontaminieren. Ich finde, sie könnte ein bisschen mehr Realitätssinn entwickeln.«

»Und ich finde es großartig, dass es noch Menschen gibt, die mit Leib und Seele an ihrem Beruf hängen«, sagte King steif.

Während Montgomery zurückblieb, um auf seine Chefin zu warten, ließ Michelle den Blick durchs Zimmer schweifen. Auf dem Regal hinter Sylvias Schreibtisch standen mehrere Fotos von einem Mann, der entweder allein oder zusammen mit Sylvia aufgenommen worden war. Michelle nahm eins der Porträts und zeigte es King mit fragendem Blick.

»Das ist George Diaz, ihr verstorbener Ehemann«, erklärte er.

»Sie hat immer noch Bilder von ihm an ihrem Arbeitsplatz?«

»Ich nehme an, sie hat ihn wirklich geliebt.«

»Wie kommt es, dass ihr euch nicht mehr trefft? Gab es Probleme?«, fragte Michelle.

»Du bist meine Geschäftspartnerin, nicht meine Psychiaterin«, gab er zurück.

Kaum hatte Michelle das Foto zurückgestellt, trat Sylvia durch die Tür.

»Vielen Dank, Kyle«, sagte sie knapp.

»Schon gut.« Montgomery entfernte sich zusammen mit seinem überheblichen Lächeln.

»Kann es sein, dass dein Assistent sich ein bisschen seltsam benimmt, oder liegt es an uns?«, fragte King.

Sylvia zog ihren Arztkittel aus und hängte ihn an einen Haken neben der Tür. Michelle nahm sich einen Moment Zeit, um die Frau eingehender zu betrachten. Sie war mittelgroß und mit einer schwarzen Hose und einem weißen Leinenhemd bekleidet. Sie trug keinen Schmuck, wahrscheinlich wegen ihrer Arbeit. Es wäre wohl nicht sehr günstig, wenn ein Ohrring im aufgeschlitzten Magen einer Leiche landete. Sylvias Haut war glatt, die Wangen mit ein paar Sommersprossen gesprenkelt. Ihr rotes Haar war zusammengebunden und legte die perfekt geformten Ohren und einen langen, schlanken Hals frei. Ihr Blick wirkte gedankenverloren, als sie nun hinter ihrem Schreibtisch Platz nahm.

»Kyle ist gerade dreißig geworden und hat sich seine berufliche Laufbahn ein bisschen anders vorgestellt«, sagte sie.

»Ich schätze, mit dem Spruch ›Willst du mal eine richtig tolle Leiche sehen?‹ dürfte es nicht einfach sein, in einer Bar Frauen aufzureißen«, sagte Michelle.

»Ich glaube, Kyle träumt eher davon, in einer berühmten Rockband zu spielen«, sagte Sylvia.

»So wie zwanzig Millionen andere Jungs«, sagte King. »Er wird darüber hinwegkommen. Ich hab’s mit siebzehn auch geschafft.«

Sylvia blätterte in Papieren auf ihrem Schreibtisch, unterschrieb sie, schloss die Akte, streckte sich und gähnte. »Tut mir Leid. Drei Autopsien nacheinander, das schlaucht. Außerdem grassiert derzeit wieder die Frühlingsgrippe, um die ich mich nebenan in der Praxis kümmern muss.« Sie schüttelte erschöpft den Kopf. »Es ist schon verrückt. Vor ein paar Minuten erst habe ich einer fünfzigjährigen Frau Halstropfen verschrieben, und gleich werde ich jemanden aufschneiden, um festzustellen, wie die Person ermordet wurde. Manchmal habe ich das Leichenschauhaus monatelang nicht betreten. In letzter Zeit ist das anders.«

Sie wandte sich an Todd Williams, der immer blasser zu werden schien. »Ich hoffe, Sie haben sich von der ersten Autopsie erholt.«

»Mein Kopf schon, aber mein Magen noch nicht.«

»Ich hatte damit gerechnet, Sie am Tatort zu sehen, wo das junge Pärchen gefunden wurde. Es ist hilfreich, wenn der leitende Ermittler dabei ist.« Ihr tadelnder Tonfall machte deutlich, was sie von seinem Verhalten hielt.

Todd Williams warf ihr einen leidenden Blick zu. »Ich wollte vorbeikommen, wurde dann aber zu anderen Pflichten gerufen.«

»Natürlich.« Sylvia blickte zu King und Michelle auf. »Ich hoffe, wenigstens ihr habt einen guten Magen.«

Michelle und King sahen sich an. »Gut genug«, antwortete King.

Sylvia wandte sich wieder an Todd Williams. »Haben Sie irgendwelche Einwände, dass die beiden die Leichen sehen, Todd? Außerdem möchte ich, dass auch Sie dabei sind, oder einer von Ihren Leuten. Vor Gericht könnte es einen merkwürdigen Eindruck machen, wenn kein Vertreter der Polizei die Leichen während oder nach der Autopsie begutachtet hätte.«

Williams seufzte tief. »Gehen wir. Ich kann’s kaum erwarten.«

KAPITEL 10

Der Obduktionsraum machte einen ähnlichen Eindruck wie Sylvias Büro. Alles war sauber und ordentlich. Auf der einen Seite des Raumes standen zwei Arbeitsplätze mit eingebauten Schreibtischen; auf der anderen Seite befanden sich zwei blitzblanke Untersuchungstische mit Abflusslöchern, Wasserhähnen und Schläuchen, einem kleinen Seziertisch, Schalen und Instrumenten.

Im Umkleideraum hatten Michelle und die anderen Kittel, Handschuhe und Gesichtsmasken angelegt. Nun sahen sie aus wie Statisten in einem zweitklassigen Spielfilm über Bioterrorismus.

Als Sylvia vorausging, um mit Montgomery zu sprechen, wandte Michelle sich flüsternd an King. »Ich kann verstehen, warum ihr zwei eine Affäre hattet. Ihr habt beide das Ordnungsfimmel-Gen. Aber mach dir keine Sorgen, es wird gerade eine Therapie entwickelt.«

»Und mach du dir keine großen Hoffnungen«, flüsterte King durch den Mundschutz zurück. »Ich werde niemals auf die dunkle Seite wechseln.«

Sylvia kam zu ihnen zurück. »Ich werde euch zuerst die Unbekannte zeigen«, sagte sie.

Eine große Stahltür schwang auf, und Montgomery schob eine Bahre herein, auf der die Tote unter einem Laken lag. Ein Schwall eiskalter Luft wehte aus dem Kühlraum.

Montgomery ging. Bevor Sylvia das Laken zurückzog, warf sie Todd Williams einen etwas freundlicheren Blick zu. »Tun Sie einfach, was ich Ihnen beim ersten Mal gesagt habe, dann wird’s schon gehen. Das Schlimmste haben Sie bereits gesehen. Ich verspreche Ihnen, dass es keine weiteren Überraschungen gibt.«

Williams nickte, zog sich die Hose hoch und schien den Atem anzuhalten, während er betete, dass sich eine Naturkatastrophe ereignete, damit er einen Grund hatte, fluchtartig von hier zu verschwinden.

Sylvia zog das Laken zurück.

Der lange Schnitt, der von der Brust der Toten bis zum Schambein verlief, erweckte den Anschein, als wäre die Leiche mit einem Reißverschluss geöffnet worden. Die Organe waren entfernt, gewogen und analysiert worden; dann hatte man den Haufen aus Eingeweiden, Muskeln und Gewebe in einen Beutel gepackt und formlos in die Körperhöhle zurückgedrückt. Den Schnitt, mit dem der Schädel geöffnet worden war, konnten sie von ihrem Standort aus nicht ohne weiteres sehen, obwohl das Gesicht merkwürdig erschlafft wirkte, wie bei einer Puppe, deren Nähte geplatzt waren.

»Der Y-Schnitt ist jedes Mal aufs Neue ein erhebender Anblick«, bemerkte King trocken.

»Ich bin beeindruckt, Sean«, sagte Sylvia.

Todd Williams starrte King an, als hätte er ihn am liebsten erdrosselt, hätte er nicht alle Energie dafür aufbringen müssen, gegen die Ohnmacht anzukämpfen.

Der Leichengeruch war in dem kleinen Raum sehr intensiv. Michelle wollte sich trotz ihrer Maske eine Hand auf Mund und Nase legen, doch Sylvia hielt sie rasch davon ab.

»Nein. Hier wimmelt es von Krankheitskeimen, also sollten Sie Ihr Gesicht auf keinen Fall berühren. Und versuchen Sie nicht, den Geruch zu unterdrücken. Damit machen Sie es nur schlimmer. In zwei Minuten werden Ihre Riechzellen den Gestank nicht mehr wahrnehmen. Atmen Sie einfach normal weiter.« Sie warf einen Blick zu Todd Williams, der vorbildlich tief und schnell ein- und ausatmete, während er sich eine Hand auf den Bauch hielt, als wollte er versuchen, dessen Inhalt festzuhalten. »Am Tatort sind Ihre Deputys ständig weggerannt, um frische Luft zu schnappen, mit dem einzigen Erfolg, dass ihr Geruchssinn sich immer wieder normalisieren konnte.«

»Ich weiß«, sagte Williams zwischen zwei keuchenden Atemzügen. »Sie haben sich sämtliche Uniformen voll gekotzt. Wir haben unser Wäschereibudget für einen ganzen Monat verbraten.« Der Polizeichef wurde vorübergehend grün im Gesicht, doch er hielt sich wacker.

Michelle bemerkte, dass auch sie schnell und unregelmäßig atmete. Doch wie Sylvia angekündigt hatte, wurde ihr Geruchssinn bereits schwächer. Sie warf einen neuerlichen Blick auf die Leiche.

»Ich sehe keine offensichtlichen Verletzungen. Wurde sie stranguliert?«

Sylvia schüttelte den Kopf. »Das habe ich zuerst überprüft. Ich habe mir den Hals im Laserlicht angesehen und nach Ligaturen gesucht, die im normalen Licht nicht zu erkennen sind.

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