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Mit einem Traummann nach Paris

1. KAPITEL

Media News:

Zuverlässige Quellen berichten, dass Channel 16 der Produktionsfirma MediaOchre einen Auftrag über eine Dokumentation mit dem Arbeitstitel „Romantik: Fakt oder Fiktion“ erteilt hat. Spannende Unterhaltung soll ein Team aus zwei gegensätzlichen Moderatoren garantieren. Während Stella Holt, Exfußballerfrau und Gastgeberin diverser Talkshows, ihre Teilnahme bereits bestätigt hat, hüllte sie sich über die Identität ihres Co-Moderators in Schweigen.

Für diese Position wird hinter vorgehaltener Hand Simon Valentine gehandelt, ein Wirtschaftswissenschaftler, der mit seiner kritischen Reportage über das Bankensystem und dessen Einfluss auf die Ärmsten der Armen einen regelrechten Boom bei der Vergabe von Mikrokrediten ausgelöst hat. Derzeit begeistert der Prominente wider Willen seine zumeist weiblichen Fans in der Nachrichtenschau mit kurzen, verständlichen Analysen zur aktuellen Finanzlage.

Eine Stellungnahme von MediaOchre steht bislang aus, selbst Vorstand Roland Richards, der ansonsten das Rampenlicht nicht scheut, gibt sich ungewöhnlich schweigsam.

„Nein“, beharrte Simon Valentine. „Nein, nein und noch mal nein.“

Clara lächelte unbeirrt weiter, obwohl ihre Wangen bereits schmerzten, und er ihr Lächeln nicht sehen konnte. Irgendwo hatte sie gelesen, dass ein Lächeln selbst bei einem Telefonat den Gesprächspartner zu beeinflussen und ihm eine positive Reaktion zu entlocken vermochte.

In diesem Fall schien es leider nicht zu funktionieren.

„Natürlich ist es schwierig, eine Entscheidung zu fällen, ohne sämtliche Fakten zu kennen“, signalisierte sie ihm Verständnis. In ihrem Lieblingsmusical ‚The Sound of Music‘ war es Julie Andrews in ihrer Rolle als Gouvernante auf diese Weise gelungen, den Baron von Trapp und seine sieben Kinder zu bändigen. Daher würde sie sich auch nicht von einem ungefälligen Wissenschaftler entmutigen lassen.

„Gerne beantworte ich Ihnen bei einem persönlichen Treffen Ihre Fragen zu der geplanten Sendung.“

„Ich habe keine Fragen.“ Sie meinte förmlich zu hören, wie er mit den Zähnen knirschte. „Und ich werde definitiv nicht dabei mitwirken.“

„Vielleicht möchten Sie meinen Vorschlag zunächst in aller Ruhe überdenken?“

„Hören Sie, Ms … wie auch immer Sie heißen …“

„Sterne, aber bitte nennen Sie mich Clara.“

Er ignorierte ihre freundliche Aufforderung. „Muss ich mich noch deutlicher ausdrücken?“

Nachdenklich betrachtete sie das Foto auf dem Computermonitor, auf dem Simon Valentine ausgesprochen steif und konservativ wirkte. Sie hatte ihn in der Hoffnung gegoogelt, eine Gemeinsamkeit zu entdecken, über die sie mit ihm ins Gespräch kommen konnte. Statt der erhofften Informationen über sein Privatleben fanden sich im Internet jedoch ausschließlich Angaben zu seinem beruflichen Werdegang. Er hatte an der weltbekannten Harvard-Universität einen Doktortitel in Entwicklungsökonomie erworben und arbeitete derzeit als Chefanalyst bei Stanhope Harding, einem renommierten Finanzinstitut in London.

Das alles half ihr leider nicht weiter. Für ein Gespräch über die aktuellen Entwicklungen am Finanzmarkt fehlten ihr die nötigen Kenntnisse, und sie wusste immer noch nicht, ob er verheiratet war, in seiner Freizeit ein Instrument spielte oder andere persönliche Interessen hatte, an die sie anknüpfen konnte.

Immerhin hatte sie erfahren, dass er sechsunddreißig Jahre alt war und seine plötzliche Popularität dazu nutzte, die Vergabe von Mikrokrediten weiter zu fördern. Zahlreiche Links verwiesen zu Artikeln über kleine Projekte in Afrika, Südamerika und Südostasien, aber auch über angeschlagene Firmen in den wirtschaftlich schwächsten Gegenden Großbritanniens, die ihm ihre Rettung verdankten.

Schnappschüsse von einem Einkaufsbummel mit einer Freundin oder beim Verlassen eines Klubs in den frühen Morgenstunden existierten ebenso wenig wie eine Fotostrecke in einem Klatschmagazin, die ihn in den eigenen vier Wänden zeigte. Nicht einmal ein Foto von ihm mit einem Glas in der Hand auf einem Empfang gab es.

Sie musste sich mit dem offiziellen Porträt auf der Homepage seiner Firma begnügen, auf dem er, in einen korrekten Business-Anzug gekleidet, überaus ernst und steif dreinblickte. Seiner versteinerten Miene ließ sich nichts entnehmen – höchstens der eiserne Wille, das Heft nicht aus der Hand zu geben.

„Hören Sie mir überhaupt zu?“, unterbrach Simon Valentine in diesem Moment ihre Überlegungen.

Erschrocken riss sie sich zusammen. „Natürlich.“

„Gut, denn ich sage es hiermit zum letzten Mal: Mit mir dürfen Sie nicht rechnen.“ Er sprach mit Nachdruck und betonte jede Silbe, als wäre sie ein begriffsstutziges Kind. „Ich brauche keine Bedenkzeit, genauso wenig wie nach Ihrer ersten E-Mail oder nach Ihrem vierten Anruf. Meine Antwort damals lautete nein, genau wie jetzt. Dabei bleibt es. Nein. Ein einfaches Wort, dessen Bedeutung selbst Ihnen klar sein sollte.“

Das war es durchaus, wenngleich sie sich nicht mit akademischen Würden schmücken konnte, wie ihre Eltern und ihre Brüder.

Der Einzige, der Verständnisschwierigkeiten hatte, war Simon Valentine. Er begriff einfach nicht, wie wichtig diese Sendung für sie persönlich war.

„Darf ich Ihnen kurz erklären …“, setzte sie verzweifelt an, doch er schnitt ihr kurzerhand das Wort ab.

„Wagen Sie nicht, mich noch einmal anzurufen.“ Mit diesen Worten legte er auf.

Clara klappte ihr Handy zu und ließ niedergeschmettert den Kopf auf die Schreibtischplatte sinken. Was soll ich jetzt nur machen? fragte sie sich verzweifelt.

„Und? Was hat er gesagt?“

Erschrocken fuhr sie hoch und wirbelte herum. Hinter ihr stand der Regisseur von ‚Romantik: Fakt oder Fiktion?‘

„Es tut mir leid. Er weigert sich.“

„Aber wir brauchen ihn!“ Ted rang verzweifelt die Hände, was häufig geschah, seit Simon Valentine ihnen zum ersten Mal eine Abfuhr erteilt hatte. „Roland hat Stella fest versprochen, dass er mit von der Partie ist.“

„Das weiß ich doch. Sonst würde ich ihn nicht ständig belästigen“, erwiderte sie so gefasst wie möglich. Ted war einer ihrer besten Freunde, und sie wusste, welche Sorgen ihn quälten: Gerade erst hatte er gemeinsam mit seinem Lebensgefährten ein teures Apartment erworben, und die monatliche Belastung war hoch.

„Wie können wir ihn umstimmen?“

„Keine Ahnung.“ Sie seufzte tief und wandte sich wieder dem Monitor zu, von dem ihr noch immer Simon Valentine entgegenblickte, mit undurchdringlicher Miene, die Lippen fest zusammengepresst.

Frustriert stieß sie den Atem aus und streckte ihm die Zunge heraus.

„Wieso kann Stella nicht mit einem anderen Moderator zusammenarbeiten, mit jemandem, der den Job gerne übernimmt?“ Verzagt ließ sie den Kopf sinken. „Ehrlich, ich habe mein Bestes gegeben, aber er lässt sich nicht überreden.“

„Hast du ihm gesagt, dass Stella es gar nicht erwarten kann, mit ihm zu drehen?“

„Er hat keine Ahnung, wer sie ist.“

„Machst du Witze?“ Ted starrte sie entgeistert an. „Das kann selbst ihm nicht entgangen sein.“

„Ich fürchte, er sieht selten fern – ganz bestimmt nicht das Nachmittagsprogramm – und die Financial Times berichtet nicht über Fußballerfrauen und – Exfrauen. Obendrein interessiert ihn die ganze Promiszene kein bisschen.“

„Um Himmels willen! Wenn Stella das erfährt, geraten wir in Teufels Küche.“

„Wieso ist sie eigentlich dermaßen auf ihn fixiert ist? Er ist so gar nicht ihr Typ. Sie braucht einen Partner, der auch mit ihr ausgeht und nichts dagegen hat, anschließend sein Foto in der Klatschpresse wiederzufinden mit dem Untertitel: ‚Schwer verliebt?‘ Was sieht sie bloß in diesem verklemmten Gelehrten?“

Ted ließ sich auf einer Ecke ihres Schreibtischs nieder. „Wenn man Roland Glauben schenken darf, hofft sie, dass seine Seriosität auf sie abfärbt. Anscheinend will sie das Spielerfrauen-Image abstreifen, und als Moderatorin ernst genommen werden. Vielleicht ist sie auch einfach nur scharf auf ihn.“

Erneut studierte Clara das Foto. Gut, schlecht sah der Mann nicht aus. Dennoch verstand sie das Aufhebens nicht, das um ihn gemacht wurde.

„Hast du mitbekommen, dass die Einschaltquoten der Nachrichten in die Höhe geschossen sind, seit er die Finanzlage analysiert? Angeblich sehen sich Frauen im ganzen Land die Sendung nur seinetwegen an. Anschließend twittern sie aufgeregt herum, wie sexy sie ihn finden.“ Als sie ungläubig den Kopf schüttelte, fuhr Ted fort: „Man nennt ihn den Dow-Jones-Darling.“

Clara prustete laut los. „Für mich ist er das Nikkei-Nachtgespenst!“

„Sieh dir die Nachrichten an. Solange du ihn nicht in Aktion gesehen hast, kannst du seine Wirkung nicht verstehen.“

„Das mache ich ohnehin“, protestierte sie vehement. Auf seinen skeptischen Blick hin lenkte sie ein: „Gelegentlich. Vor dem ersten Telefonat mit ihm habe ich sie mir extra angeschaut. Ich wollte ihm sagen können, wie toll er ist. Leider ließ er mir keine Gelegenheit dazu. Er weiß, wovon er spricht, das merkt man. Allerdings ist mir entgangen, was die Frauen an ihm fasziniert, und gelächelt hat er auch nicht.“

„Es wäre auch unangebracht, Witze über die Rezession zu reißen. Seine Fans, in erster Linie intellektuelle Frauen, schätzen an ihm, dass er die Finanzlage auf eine überaus verständliche Weise erklärt – und vermutlich ebenfalls seine Ausstrahlungskraft. Seine Entdeckung verdankt er übrigens einem Zufall: Er sprang für einen verhinderten Kollegen ein, dabei fiel auf, wie telegen er ist.“

„Die Story kenne ich. Es ist seltsam, wie gut er auf dem Bildschirm rüberkommt, denn eigentlich ist er kein schöner Mann.“

„Das ist auch nicht der Punkt“, erklärte Ted mit der Autorität des Regisseurs. „Ihm geht jegliche Eitelkeit ab, sein Aussehen ist ihm gleichgültig, und auf seinem Spezialgebiet fühlt er sich absolut sicher. Aus diesem Grund tritt er ganz entspannt auf. Genau das liebt die Kamera. Es wundert mich nicht, dass die BBC seine Reportage gekauft hat. Er spricht mit einer Leidenschaft über Wirtschaft, die geradezu sexy wirkt.“

„Wenn du meinst.“

„Auch Roland verdankt es ihm, dass Channel 16 uns den Zuschlag für die Produktion gab. Unsere Idee, die Moderation gegensätzlichen Charakteren wie Simon und Stella zu übertragen, hat die Entscheidungsträger überzeugt.“

Das konnte Clara nachvollziehen. Stella Holt, Gastgeberin diverser Talkshows im Nachmittagsprogramm, war berühmt für seichtes Geplauder und offenherzige Kleidung. Sie stellte einen krassen Gegenpol zu Simon Valentine dar, dem nüchternen, scharfsinnigen Analysten.

Es war kein Wunder, dass die Direktoren von Channel 16 begierig nach diesem Angebot gegriffen hatten, und ein Glück für die kleine TV-Produktionsfirma, die andernfalls Pleite gegangen wäre. Dank Rolands erfolgreichem Coup schwamm MediaOchre jetzt förmlich in Geld – das Budget für die Produktion war großzügig bemessen. Ein hervorragendes Filmteam, bestehend aus dem preisgekrönten Regisseur Ted und ausgezeichneten Kamera- und Tonleuten, fieberte dem Beginn der Dreharbeiten entgegen. Die Drehorte waren festgelegt, Verträge mit Fluglinien und Hotels abgeschlossen. Stella Holt würde der Sendung den nötigen Glamour verleihen, einzig die Zusage von Simon Valentine stand noch aus – woran Roland seine Assistentin unablässig erinnerte:

„Du bist die Produktionsassistentin, Clara. Wie du es anstellst, ist mir egal, aber du musst ihn ins Boot holen, sonst können wir das Projekt vergessen. Dann muss ich Konkurs anmelden, und wir alle stehen auf der Straße.“

Allein der Gedanke ließ sie erschauern, und sie stützte mutlos den Kopf in die Hände. „Wie kann ich ihn nur zur Mitarbeit bewegen? Er nimmt meine Anrufe nicht mehr entgegen und beantwortet keine E-Mails. Ich muss ihn unbedingt persönlich sprechen … aber wie?“

„Kannst du ihm nicht ‚zufällig‘ bei einer Party über den Weg laufen?“, schlug Ted vor.

Sie hob den Kopf und deutete mit der Hand auf den Bildschirm. „Sieht er etwa aus wie ein Partylöwe? Soweit ich weiß, besteht sein Leben aus nichts als Arbeit. Sogar die Aufnahmen für die Nachrichten werden in seinem Büro gedreht. Dadurch entfällt die Möglichkeit, ihm bei der BBC im Lift zu begegnen.“

„Warte vor seinem Büro und folge ihm auf dem Nachhauseweg.“

„Um als Stalkerin verhaftet zu werden? Nur wenn sich gar keine andere Lösung findet.“

Ted rutschte vom Schreibtisch hinunter, setzte sich auf einen freien Bürostuhl und drehte sich gedankenverloren damit im Kreis herum, während Clara halbherzig im Internet nach weiteren Informationen über Simon suchte.

„Wir könnten ihm eine Überraschungstorte ins Büro schicken“, schlug er nach einer Weile vor.

„Und ich liefere sie dort ab.“ Sie hielt inne, die Finger über der Tastatur, den Kopf zur Seite geneigt, und dachte über die Idee nach. „Wahrscheinlich würde man mich bereits an der Rezeption aufhalten.“

„Du könntest auch aus der Torte springen.“

Ein vernichtender Blick traf ihn.

„Danach nimmt er mich bestimmt ernst! Ebenso gut könnte ich als Callgirl auftreten. Lass dir bloß nicht einfallen, Roland diesen Vorschlag zu unterbreiten!“, warnte sie, als sie bemerkte, dass Ted interessiert aufhorchte. „Er wäre imstande, mich dazu zu zwingen.“

Wieder wandte sie sich dem Computer zu. „Wenn er Kinder hätte, könnte ich mich als Nanny bei ihm einschleichen und ihn mit einem herzergreifenden Lied umstimmen.“

„Zweckmäßiger wäre es, irgendwo in der Dritten Welt eine Weberei zu eröffnen“, empfahl Ted, der an ihre Fantasien über ‚The Sound of Music‘ gewöhnt war. „Er unterstützt mit Begeisterung kleine Unternehmen in Existenznöten.“

„Diese Beschreibung trifft exakt auf MediaOchre zu, wenn er nicht bald einwilligt, den Moderatorenjob zu übernehmen.“ Sie überflog weiter die Informationen auf dem Monitor, auf der Suche nach dem rettenden Strohhalm. „Zu schade, dass er sich nichts aus Publicity macht. Ihm geht es … Hoppla!“

Ted sah sie erwartungsvoll an. „Was ist?“

„Er hält morgen Abend einen Vortrag in der Handelskammer, hinterher gibt es einen Umtrunk. Vielleicht gelingt es mir, mich einzuschmuggeln und ihn abzupassen.“

„Gute Idee. Zieh deinen kürzesten Rock an, damit er deine tollen Beine sieht.“

„Ich wollte ihn eigentlich mit meinem Intellekt beeindrucken“, erwiderte sie schnippisch.

„Versuch es lieber mit den Beinen!“

Ich hätte doch ein dezenteres Kleid anziehen sollen, dachte Clara und zupfte nervös an ihrem Rocksaum. Das pinkfarbene Minikleid, zu dem sie Pumps mit schwindelerregend hohen Absätzen trug, bildete einen krassen Kontrast zu den dunklen Anzügen der übrigen Gäste. Während ihrer Suche nach einem Platz im hinteren Bereich des Vortragssaals zog sie zahlreiche Blicke auf sich. Endlich fand sie einen freien Stuhl. Die Dame neben ihr, die immerhin gewagt hatte, in einem beigefarbenen Hosenanzug zu erscheinen, musterte sie missbilligend, während der beleibte Herr auf ihrer anderen Seite ihr unverhohlen auf die Beine starrte, bis Simon Valentine endlich zu sprechen begann.

Es war ihr nicht schwergefallen, sich ohne Einladung Zutritt zu der Veranstaltung zu verschaffen – vermutlich hatte das Minikleid seinen Teil dazu beigetragen. Im Saal fühlte Clara sich jedoch völlig fehl am Platz, daher beschloss sie, sich ganz auf Simon zu konzentrierten, der am Rednerpult eine komplizierte Power Point Präsentation erläuterte.

Das Publikum hing wie gebannt an seinen Lippen, Clara hingegen fühlte sich von seinen Ausführungen überfordert. Der eine oder andere Begriff kam ihr vage bekannt vor – das war es auch schon. Wenn die anderen Zuhörer begeistert lachten und klatschten, fragte sie sich, welche Pointe ihr entgangen war.

Schließlich kapitulierte sie und begann stattdessen, ihre weitere Vorgehensweise zu planen. Nach dem Referat wollte sie sich so schnell wie möglich Simon nähern, ihn in eine ruhige Ecke locken und ihn mit Witz und Charme bezaubern, um dann das Gespräch vorsichtig auf die geplante Sendung zu lenken. Oder sollte sie sich lieber Teds Rat zu Herzen nehmen und ihn mit ihren Beinen beeindrucken? Mittlerweile war ihr beinahe jedes Mittel recht, wenn sie nur am nächsten Tag ihrem Chef eine Erfolgsmeldung überbringen konnte.

Dann würde er sie befördern, und sie könnte sich, nachdem sie einige seriöse Dokumentationen produziert hatte, endlich ihrer großen Leidenschaft zuwenden: dem Film. Einen Moment lang träumte sie von einer steilen Karriere als ernst zu nehmende Produzentin fesselnder Dramen, dann riss stürmischer Beifall sie in die Realität zurück.

Ihre Zukunftspläne mussten warten, jetzt galt es, ihren Job zu retten.

Die Handelskammer befand sich in einem eindrucksvollen Gebäude mit hohen Decken und großzügigen Treppenhäusern. Zahlreiche Porträts wichtiger Handelsherren aus der Zeit König Edwards zierten die Wände. Clara hatte in Erfahrung gebracht, dass der an den Vortrag anschließende Empfang in der Bibliothek abgehalten wurde. Als sie sich endlich den Weg dorthin gebahnt hatte, war der Raum bereits voller Menschen. Sie nahm von einem Kellner ein Glas Weißwein entgegen und umkreiste missmutig die Menschenmenge. Einige der Gäste erkannte sie, berühmte Journalisten und Politiker, die sich angeregt unterhielten.

Wie soll ich Simon Valentine beeindrucken, wenn ich gar nichts von Finanzen verstehe? überlegte sie, von Selbstzweifeln ergriffen. Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre nach Hause gegangen. Doch dieser Abend war vermutlich ihre einzige Chance, ihn persönlich zu treffen. Das durfte sie sich nicht entgehen lassen.

Während sie nach ihrem Opfer Ausschau hielt, summte sie leise eine Melodie vor sich hin – ihre bewährte Methode, sich Mut zu machen. Schließlich entdeckte sie ihn inmitten einer Gruppe seriös wirkender Frauen in unifarbenen Hosenanzügen, die jedes seiner Worte mit beifälligem Nicken bedachten.

Was an diesem Mann bringt offensichtlich intelligente Frauen förmlich um den Verstand? wunderte sie sich.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, schien ihm jedoch nicht zu behagen. Immer wieder blickte er auf die Uhr, und als ein Kellner an ihm vorüberging, stellte er sein noch unberührtes Glas auf dessen Tablett ab, lächelte entschuldigend in die Runde und bahnte sich einen Weg aus dem Gedränge.

Er kann doch nicht schon gehen, dachte Clara erschrocken. Hastig nahm sie die Verfolgung auf, drängte sich durch die Menschenmenge und folgte ihm in die riesige Eingangshalle, die er in Richtung Garderobe durchquerte. Anscheinend wollte er tatsächlich seinen Mantel holen und die Veranstaltung verlassen.

Wenn es ihr nicht gelang, ihn zu sprechen, hatte sie den grässlichen Vortrag vergebens über sich ergehen lassen. Jetzt oder nie! dachte sie. Laut klapperten ihre Absätze über den Marmorboden, als sie ihm hinterherlief.

„Dr. Valentine?“, rief sie ganz außer Atem.

Nur mit Mühe unterdrückte Simon einen Fluch. Das Publikum hatte seinen Vortrag begeistert aufgenommen. Er hätte es jedoch vorgezogen, im Anschluss daran direkt nach Hause zu fahren, statt den Empfang zu besuchen. Kaum hatte er die Bibliothek betreten, war eine Schar von Frauen geradezu über ihn hergefallen. Schuld daran war das Fernsehen. Seit er in den Nachrichten auftrat, war er eine Berühmtheit – leider.

Dabei hatten sowohl er als auch seine Arbeitgeber die Idee begrüßt, breiten Bevölkerungsschichten tiefere Einblicke in das aktuelle wirtschaftliche Geschehen zu vermitteln und das Konzept der Mikrokredite zu fördern. Dass er dadurch zum Liebling der Damen aufsteigen würde, hatte er nicht vorhergesehen.

Es war ihm überaus peinlich, wie diese Frauen förmlich an seinen Lippen hingen, und er war froh, ihnen für einen Moment zu entkommen. Leider lief ihm bereits die nächste Verehrerin hinterher.

Einen Augenblick lang erwog er so zu tun, als hätte er nichts gehört, dann verwarf er den Gedanken wieder. Er hatte bereits erlebt, dass ihm ein weiblicher Fan bis auf die Herrentoilette gefolgt war. Also blieb er ergeben stehen, atmete tief durch und wandte sich um.

Zu seiner Überraschung ähnelte die junge Frau in keiner Weise seinen üblichen, zumeist intellektuellen Anhängerinnen.

Im ersten Moment nahm er nur leuchtendes Pink wahr, dann bemerkte er zwei atemberaubende Beine. Er blinzelte heftig.

Einen so kurzen Rock, dermaßen frivole Schuhe haben diese heiligen Hallen noch nie gesehen, schoss es ihm durch den Kopf.

Unwillkürlich richtete er den Blick erneut auf die spektakulären Beine, dann rief er sich zur Ordnung. Nur weil Astrid ihn verlassen hatte, würde er nicht beim Anblick der ersten hübschen Beine schwach werden.

„Ja?“, fragte er abweisend.

Die Frau ließ sich von seinem kühlen Tonfall nicht abschrecken und lächelte freundlich. „Ich wollte Ihnen unbedingt persönlich mitteilen, wie gut mir Ihr Vortrag gefallen hat. Sie haben einige brillante Argumente angeführt.“ Von der Verfolgungsjagd auf den absurd hohen Schuhen war sie noch ganz außer Atem.

„Welche genau meinen Sie?“, fragte er mit einem leichten Anflug von Boshaftigkeit nach. Vermutlich war es unfair, sie so festzunageln, aber ihm war gerade danach.

„Alle“, behauptete sie kess. Als ihre Blicke sich kreuzten, dämmerte ihr offenbar, dass ihre Antwort ihn nicht beeindruckte, und sie bemühte sich sichtlich, sich an Details zu erinnern.

„Das, was sie über qualitative Lockerung gesagt haben.“

„Seltsam. Ich habe nämlich über quantitative Lockerung gesprochen.“

„Ja, das auch“, erwiderte sie ungerührt.

Erwartet sie etwa, dass ich ihr zugutehalte, dass sie es überhaupt gewagt hat, mich anzusprechen? fragte er sich sarkastisch. Die meisten seiner Fans bereiteten sich intensiv auf eine Begegnung mit ihm vor, um ihm zu imponieren. Diese Mühe hatte sie sich eindeutig gespart.

„Interessieren Sie sich für Finanzpolitik?“

„Wahnsinnig“, log sie ungeniert und schenkte ihm einen unschuldsvollen Blick, der ihm beinahe ein Lachen entlockt hätte – ein seltenes Ereignis. Rasch presste er die Lippen fest aufeinander und betrachtete sie neugierig.

Sie war keine Schönheit im eigentlichen Sinn. Für sich genommen wirkten ihre Gesichtszüge durchschnittlich, auch das braune schulterlange Haar war wenig bemerkenswert. Doch sie verfügte über eine lebhafte Mimik und vermittelte den Eindruck von ungebändigter Energie. Etwas an ihr machte ihn nervös, und das gefiel ihm nicht.

„Haben Sie tatsächlich meinen Vortrag angehört?“

„Vom ersten Wort bis zum fesselnden Ende.“

„Und wie viel davon haben Sie verstanden?“

Wieder focht sie einen inneren Kampf mit sich aus – und entschied sich für Offenheit. „Na ja, nicht alles … nur wenig … ehrlich gesagt, überhaupt nichts. Aber ich bewundere Sie aufrichtig.“ Sie räusperte sich. „Wirtschaft ist eigentlich nicht mein Thema. Ich bin nur hier, weil ich Sie dringend sprechen muss.“

„Da ich mich ausschließlich mit wirtschaftlichen Belangen befasse, wird unsere Unterhaltung von kurzer Dauer sein.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab, doch sie griff nach seinem Arm und hielt ihn fest.

„Es dauert nicht lange, versprochen.“ Und noch ehe er sich aus ihrem Griff befreien konnte, begann sie: „Mein Name ist Clara Sterne und ich …“

Das genügte ihm. Er runzelte die Stirn. „Die Clara Sterne, die mich mit Anrufen und E-Mails belästigt und nicht versteht, was das Wort nein bedeutet?“

„Sie erinnern sich an meinen Namen? Ausgezeichnet.“

„Sparen Sie sich den Atem. Ich mache nicht mit bei Ihrer albernen Sendung. Ein für alle Mal: nein.“

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