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Mit einem Kuss fing alles an …

1. KAPITEL

Endlich habe ich sie gefunden!

Principe Massimo D‘Aquila parkte sein schnittiges schwarzes Mercedes Coupé unter einer defekten Straßenlaterne direkt vor der Tankstelle und spähte aufmerksam zum Shop. Grelles Licht drang aus den Fenstern und erhellte die verschneite Nacht wie ein Leuchtfeuer in der Finsternis. Die Frau, die an der Kasse arbeitete, war deutlich zu erkennen.

Lucia Ferrazzi.

Die Enkelin seines privaten Erzfeindes und dazu die Exgeliebte seines schärfsten geschäftlichen Rivalen.

Il destino …

Das Schicksal musste eingegriffen haben. Wie sonst sollte er es sich erklären, dass er sie nach all den Jahren der vergeblichen Suche plötzlich gefunden hatte?

Sein Handy klingelte. Er klappte es auf.

Ermanno, sein Chef-Bodyguard, der in einem anderen Wagen direkt hinter dem Mercedes saß, sagte nur ein einziges Wort. „Signore?“

„Warten Sie auf mein Signal“, erwiderte Massimo auf Italienisch und klappte das Handy wieder zu.

Geduldig blieb er sitzen und beobachtete die Frau mit großem Interesse. Es war zehn Uhr am Silvesterabend. Eigentlich hätte der Shop überquellen sollen vor Kunden, die Nachschub an Wein oder Bier brauchten. Aber das heruntergekommene Viertel von Chicago Süd lag fast verlassen da. Es wirkte wie ausgestorben und geradezu unheimlich düster im dichten Schneefall.

Die Frau bediente ihren einzigen Kunden mit einem schüchternen Lächeln. Das ungeschminkte Gesicht wirkte jünger als einundzwanzig. Ein dunkles Brillengestell mit dicken Gläsern in Form von Katzenaugen verlieh ihren blassen Zügen den Anschein eines faden Bücherwurms.

Es wird ein Kinderspiel, sie für mich zu gewinnen, dachte Massimo siegessicher.

Der einsame Kunde ging hinaus und verschwand in der Nacht. Kurz darauf schlitterte ein graues Auto über den vereisten Vorplatz und kam in der Nähe einer Zapfsäule zum Stehen. Ein dünner Mann stieg aus. Mit unverkennbar lüsternem Blick spähte er zu der Frau an der Kasse hinüber, sprühte sich Atemfrisch in den Mund und eilte zur Eingangstür des Shops.

Das Gesicht der Frau verriet Beunruhigung, als sie den Besucher kommen sah. Nervös presste sie die vollen rosigen Lippen zusammen. Offensichtlich fürchtete sie sich vor dem dünnen Mann.

Massimo lächelte grimmig vor sich hin. Noch wusste sie nicht, wie sehr sich ihre Welt ändern sollte. Denn von nun an stand sie unter seinem persönlichen Schutz.

Noch bevor die Uhr Mitternacht schlug, sollte sie seine Braut werden.

Und damit wird meine Rache vollendet sein. Und was die andere Sache angeht …

Entschieden verdrängte er diesen quälenden Gedanken. Er wollte sie zur Frau nehmen, um in drei Monaten endgültig frei zu sein. Frei von allem.

„Oh nein“, flüsterte Lucy Abbott mit einem frustrierten Stöhnen.

Sie lehnte die Stirn an die Glasscheibe, die den Kassenbereich vom Verkaufsraum trennte, und beobachtete, wie Darryl, der schmierige Geschäftsführer, zum Eingang eilte. Sie hatte inständig gebetet, dass er an diesem Abend nicht auftauchen möge, um „den Shop zu checken“, wie er es beschönigend nannte. Dass er ein Date hatte oder zu einer Silvesterparty eingeladen war.

Es ist ja bloß noch eine Woche, rief sie sich mit einem tiefen Atemzug in Erinnerung. Nur noch eine Woche lang musste sie wohl oder übel Belustigung über Darryls derbe Witze vortäuschen, seine lüsternen Blicke auf ihren Busen über sich ergehen lassen und die „versehentlichen“ Zusammenstöße seiner Lenden mit ihrem Po erdulden, die er in den schmalen, mit Chips und Süßigkeiten gefüllten Gängen des Shops zu inszenieren pflegte.

Sie hatte sich nämlich bei einem nahe gelegenen Geschäft als Assistentin des Filialleiters beworben und brauchte gute Referenzen, damit der Arbeitsvertrag, der in der kommenden Woche unterzeichnet werden sollte, wirklich zustande kam. Danach konnte sie Darryl für immer Adieu sagen. Vor allem aber stand ihr eine saftige Gehaltserhöhung bevor, die es ihr ermöglichte, zum ersten Mal seit der Geburt ihrer Tochter mit einer einzigen Anstellung über die Runden zu kommen. Somit brauchte sie künftig nur noch vierzig statt sechzig Wochenstunden zu arbeiten. Sie konnte die beiden Nebenjobs kündigen und tagtäglich kostbare Zeit mit ihrem Baby verbringen.

Baby? Chloe ist ja fast kein Baby mehr. Morgen ist schon ihr erster Geburtstag …

Sie konnte es kaum fassen. Weil sie so schuften musste, um die Kosten für Miete, Arztbesuche und Kinderhort aufzubringen, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr Baby sehr häufig in fremde Obhut zu geben, und dadurch versäumte sie viel von dessen Entwicklung. So wusste sie nur aus Erzählungen der Babysitterin Mrs. Plotzky, wann Chloe sich zum ersten Mal im Bett umgedreht, sich allein aufgesetzt und zu krabbeln begonnen hatte, was sie plapperte, wie oft sie weinte oder lachte.

Das schrille Läuten der Glocke über dem Eingang riss Lucy aus den trübsinnigen Gedanken, bevor sie in Tränen ausbrechen konnte.

Darryl stürmte, begleitet von einem Schwall eisigen Winds und Schnee, in den Shop. „Hey, Luce! Frohes neues Jahr!“

„Frohes neues Jahr“, murmelte sie missmutig. Sie hasste es, dass er sie mit „Luce“ ansprach, weil es höchst unliebsame Erinnerungen an einen anderen Mann weckte.

„War heute Abend viel los?“

„Ja, sehr“, log sie mit einem Kloß in der Kehle.

„Lass mich mal sehen.“

Obwohl sie sich ganz dünn machte, schaffte er es, ihren Po zu streifen, als er hinter den Ladentisch trat. Er drückte einige Tasten an der Registrierkasse, sah die spärlichen Geldscheine in den Fächern und wollte in vorwurfsvollem Ton wissen: „Was soll denn das, du kleiner Scherzbold?“

„Es war wirklich viel Betrieb. Guck doch mal, wie nass der Fußboden vom geschmolzenen Schnee ist!“ Lucy wandte sich ab. „Ich hole lieber einen Wischmopp …“

„Immer die kleine fleißige Biene“, höhnte er und hielt sie mit einer knochigen Hand zurück. „Du glaubst wohl, dass du was Besseres bist als ich, wie?“

„Nein, natürlich nicht. Ich …“

Er packte sie an dem blauen Arbeitskittel, starrte gierig auf ihren Busen und atmete keuchend. „Ich bin es leid, ganz umsonst so nett zu dir zu sein.“

Die Glocke über der Tür läutete.

Doch ehe Lucy sich darauf konzentrieren konnte, umfasste Darryl ihren Hinterkopf und näherte ihr seine roten schwammigen Lippen. „Was soll das? Lass mich gefälligst los!“, rief sie angewidert.

„Tu doch nicht so prüde!“, höhnte er. „Ich weiß doch, dass du mit jedem schläfst. Du hast ja sogar einen unehelichen Balg! Ich weiß, dass du mich willst …“

„Nein“, wimmerte sie und versuchte, das Gesicht abzuwenden.

Plötzlich stieß er einen erschrockenen Schrei aus, als sich ihm ohne Vorwarnung eine große Hand auf die Schulter legte und ihn mit einem Ruck zurückzerrte – wie einen Hund an der Leine.

Mit angehaltenem Atem beobachtete Lucy die Szene. Eine dunkle hochgewachsene Gestalt wirbelte Darryl zu sich herum und packte ihn an den Jackenaufschlägen.

Darryl wehrte sich vergeblich. Wie eine Marionette wurde er von dem weitaus größeren und stärkeren Mann hochgehoben, bis seine dünnen Beine ein gutes Stück über dem Boden zappelten.

Die Augen des Fremden wirkten hart und unergründlich dunkel. In unerbittlich kaltem Ton knurrte er: „Raus! Verschwinden Sie!“

„Jawohl“, säuselte Darryl. Im nächsten Moment plumpste er auf den Fußboden. Wie ein Krebs krabbelte er zum Ausgang. Er raffte sich auf, stolperte in seinem Fluchteifer über seine eigenen Füße. Aus sicherer Entfernung von seinem Widersacher rief er Lucy zu: „Du bist gefeuert!“, bevor er in die Nacht hinauslief.

Gefeuert!, hallte es in ihrem Kopf wider, und Panik stieg in ihr auf. Ihr Herz sank, klopfte ihr jedoch schlagartig bis zum Halse, als sie ihren Retter im kalten Neonlicht ansah. Obwohl sie mehr als einen Meter siebzig maß, überragte er sie um ein gutes Stück. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm richtig ins Gesicht sehen zu können.

Die ausdrucksvollen Augen des dunklen Fremden fesselten sie. Er berührte sie nicht. Es war nicht nötig. Allein die Glut in seinem Blick schien tief in ihr etwas zu entfachen und ließ sie zittern.

„Sind Sie verletzt, signorina?“

Seine Stimme klang tief und melodisch. Sein Oberkörper war unwahrscheinlich kräftig, der lange schwarze Mantel elegant und teuer. Das Gesicht mit römischer Nase, hohen Wangenknochen und blauen Augen, die sich leuchtend von dem südländischen Teint abhoben, wirkte faszinierend. Er hatte schwarzes lockiges Haar, Bartschatten am markanten Kinn und Fältchen um die Augen. Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig.

Er raubte ihr den Atem. Wie souverän er sie gerettet hatte, wie er sie nun ansah! Es war für sie eine völlig neue Erfahrung, dass ein so wundervoller starker Mann ihr unverhohlen seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. Er wirkte wie ein schöner Prinz aus einem lang vergessenen Märchen.

„Signorina?“ Eindringlich musterte er sie und berührte dabei ihre Wange. „Wenn er Ihnen etwas angetan hat …“

Sie empfand den flüchtigen Körperkontakt wie eine Explosion der Sinne. Ihr Körper erschauerte, als wenn sie sich soeben nackt in den Schnee geworfen hätte. „Nein, es geht mir gut. Aber ich bin …“ Sie rang nach Atem. „Ich bin gefeuert!“

Damit war es ihr unmöglich, Mrs. Plotzky weiter zu beschäftigen. Ohne Babysitter wiederum konnte sie die beiden Teilzeitjobs nicht mehr ausführen. Zudem war sie mit einer Monatsmiete in Verzug, weil sie sämtliche Arztkosten aus eigener Tasche zahlen musste und Chloe erst kürzlich wegen einer Kehlkopfentzündung in der Notaufnahme behandelt worden war. Die Vermieterin drohte bereits, sie auf die Straße zu setzen, wenn sie den Rückstand nicht bald ausglich.

Kalte Tage standen bevor, verschärft von Chicagos stürmischem Winterwind, der unerbittlich um die Häuser zu heulen pflegte. Im Geiste malte Lucy sich voller Entsetzen aus, wie sie in eiskalten Nächten verzweifelt – bettelarm, ohne Job, ohne Geld, ohne Dach über dem Kopf – mit ihrem Baby durch die Straßen zog und die Obdachlosenheime nach einem freien Bett abklapperte.

Ihre Lippen formten lautlos den Namen ihrer Tochter. Ihre Knie zitterten heftig, und ringsumher versank alles in Finsternis …

Der Mann fing sie auf, bevor sie zu Boden fiel. Er hob sie hoch, als wäre sie leicht wie eine Feder, und hielt sie an seine Brust gedrückt. „Sie brauchen diese Arbeitsstelle nicht mehr“, ließ er sie knapp wissen und trug sie zur Tür.

Benommen musterte sie ihn. Sie fühlte sich schwindelig – nicht nur, weil sie vor lauter Aufregung und Überlastung beinahe in Ohnmacht gefallen wäre. Diesem Fremden so nahe zu sein, an seiner Brust zu liegen, bewirkte seltsame Dinge mit ihrem Herzschlag. Er war so attraktiv wie ein Romanheld.

Unwillkürlich blickte sie zu der aktuellen Lektüre, die aus ihrer Handtasche ragte: Wuthering Heights, die englische Originalausgabe von Sturmhöhe.

Doch dieser dunkle Fremde war nicht das sagenhafte Findelkind Heathcliff und sie ganz gewiss nicht die verwöhnte verhätschelte Cathy, seine Seelenverwandte.

Aus eigener Erfahrung wusste Lucy nur zu gut, dass romantische Dichtung nichts mit dem wahren Leben gemein hat.

Sie riss sich aus ihren Träumereien. „Wohin bringen Sie mich?“

„Weit fort von hier.“

Hatte es an diesem Abend denn jeder Verrückte in ganz Chicago darauf abgesehen, ihr Leben zu ruinieren? Sie trat und schlug wild um sich. „Lassen Sie mich sofort runter!“

Abrupt gehorchte er.

Sie glitt an seinem harten, makellos gekleideten Körper hinab.

Sobald sie zitternd auf ihren eigenen Füßen stand, brach ihr der kalte Schweiß aus. „Ich glaube, die Redewendung, nach der Sie suchen, lautet: ‚Danke schön‘.“

„Danke schön? Wofür das denn?“, konterte sie zornig. „Dass ich durch Ihre Schuld gefeuert wurde? Ich wäre schon allein mit Darryl klargekommen, wenn Sie sich nicht eingemischt hätten!“

„Naturalmente!“ Seine sinnlichen Lippen verzogen sich zu einem sarkastischen Lächeln. „Ganz offensichtlich hatten Sie die Situation hervorragend im Griff.“

„Ich verlange von Ihnen, dass Sie ihn jetzt sofort anrufen und ihm sagen, dass es Ihnen leidtut.“

„Mir tut nur leid, dass ich Ihren schmutzigen Fußboden nicht mit seinem Gesicht aufgewischt habe.“

„Aber ich will diesen Job unbedingt behalten! Er ist mir extrem wichtig.“

„Das glaube ich nicht. Ich bin sicher, dass Sie ihn nur aus purer Verzweiflung angenommen haben.“

Die akkurate Einschätzung ihrer Lage verblüffte Lucy. Seit Chloes Vater sie eine Woche vor der Entbindung sitzen gelassen hatte, verrichtete sie nun schon schlecht bezahlte niedere Tätigkeiten, weil sie weder Ersparnisse noch vermarktungsfähige Qualifikationen besaß. Denn dummerweise hatte sie ihm zuliebe auf ein hart erarbeitetes College-Stipendium verzichtet.

Das vergangene Jahr über war es ihr nur mit Mühe gelungen, sich über Wasser zu halten. Doch durch die heutige Entwicklung stand sie nun endgültig vor dem Ruin. Beschwörend flüsterte sie: „Sie ahnen ja nicht, was passiert, wenn ich diesen Job verliere!“

Er streckte eine kräftige Hand aus und hob sanft ihr Kinn. „Sie haben nie wieder etwas zu befürchten, Lucia. Sie gehören jetzt mir, und ich weiß mein Eigentum zu beschützen.“

Was redet er denn da für einen Unsinn?, fragte sie sich verdutzt. Dann erst wurde ihr bewusst, dass er sie mit der italienischen Version von „Lucy“ ansprach. „Woher kennen Sie meinen Namen?“

„Ich weiß mehr über Sie, als Sie sich vorstellen können. Und ich bin hier, um Ihre Träume wahr werden zu lassen.“

Ein behaglich warmes Häuschen im Sonnenschein. Ein kleiner Garten mit duftenden Blumen. Dass meine Tochter glücklich und behütet aufwächst. Jemanden zum Liebhaben an meiner Seite. Nie wieder allein sein. Nicht mehr ums nackte Dasein kämpfen müssen …

Verärgert verdrängte sie diese Visionen aus ihrem Kopf und wich vor der Berührung des Fremden zurück. „Ich träume nur davon, dass Sie Darryl anrufen und ihn um Verzeihung bitten.“

Er zog die dunklen Brauen hoch. „Mehr fällt Ihnen dazu nicht ein?“

„Was haben Sie denn erwartet? Dass es mein Traum ist, eine Nacht in Ihrem Bett zu verbringen und Zärtlichkeiten über mich ergehen zu lassen?“, bemerkte sie sarkastisch.

„Ich biete Ihnen Rache. An dem Mann, der Ihnen wehgetan hat.“

„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Darryl mir nichts getan hat. Sie sind hereingeplatzt, bevor …“

„Ich rede von Alexander Wentworth“, unterbrach er sie grimmig.

Sämtliche Farbe wich aus Lucys Gesicht. „Wie bitte?“

„Ich will dafür sorgen, dass er den Tag bereut, an dem er Sie und Ihr Kind mittellos im Stich gelassen hat.“ Der Blick aus seinen blauen Augen schien sich in sie zu bohren. „Sie werden mit mir nach Italien kommen und den Rest Ihres Lebens in Luxus verbringen.“

2. KAPITEL

Italien.

Das warme wundervolle Land, von dem Lucy seit ihrem zwölften Lebensjahr träumte. Seit sie Zimmer mit Aussicht im Fernsehen gesehen hatte. Damals im Krankenhaus, am Bett ihrer Mutter, die in derselben Nacht gestorben war.

Geh nach Italien, Lucy … Geh …, so lauteten die letzten Worte ihrer Mutter, die Lucy nun im Geiste wieder hörte.

Doch sie war immer in Illinois geblieben. Bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr hatte sie in Pflegeheimen gelebt und sich danach durch Nebenjobs das Studium finanziert. Im dritten Semester, bei der Arbeit in einem Kaufhaus, hatte sie Bekanntschaft mit einem gut aussehenden, redegewandten Mann geschlossen, der zudem fließend Italienisch sprach. Er führte die amerikanischen Filialen eines bedeutenden italienischen Modehauses und erfreute sie mit Geschichten über Rom und dem Versprechen, sie eines Tages dorthin mitzunehmen.

Nie zuvor war ihr ein derart magischer, schillernder und exotischer Mann wie Alexander Wentworth begegnet. Schon bald ließ sie das College sausen und gab sämtliche Jobs auf, nur weil er sich beklagte, dass ihr Studium zu viel von ihrer Zeit in Anspruch nahm, die sie lieber ihm widmen sollte. Sie verfiel ihm mit Haut und Haaren.

Doch bereits nach wenigen Monaten sollte sie aus allen Wolken fallen. Der Traum von einer glücklichen kleinen Familie verwandelte sich in einen Albtraum, als Alexander gegen Ende ihrer Schwangerschaft nach Rom floh, um sich außerhalb des Geltungsbereichs der Chicagoer Gesetzgebung vor Unterhaltszahlungen zu drücken.

Dieser Albtraum war noch immer nicht vorbei. Die Briefe, die sie Alexander im Laufe des letzten Jahres geschickt hatte, waren ungeöffnet zurückgekommen – bis auf den allerersten mit der Geburtsanzeige. Seine kurze und bündige Antwort darauf lautete, dass er inzwischen eine andere Frau liebe, das Kind nicht von ihm stamme und Lucy entweder eine verrückte Stalkerin oder eine geldgierige Hure sei.

Sein herzloses Verhalten hatte sie damals zur Verzweiflung getrieben. Doch mittlerweile ging es ihr wieder gut. Sie konnte mit einem gebrochenen Herzen leben. Unbegreiflich war ihr, dass er sein Kind verleugnete. Wie konnte er in Luxus schwelgen, Champagner schlürfen, sich eine Geliebte nehmen, eine warme wunderschöne Stadt genießen, während sein unschuldiges Baby darbte?

Wenn ich nach Italien fahre, kann ich ihn danach fragen.

Sie sah dem dunklen Fremden ins Gesicht und befeuchtete sich nervös die Lippen. „Habe ich richtig verstanden? Sie wollen mich nach Italien mitnehmen?“

„Sì“. Er schenkte ihr ein charmantes Lächeln. „Und Sie werden sich nie wieder um Geld sorgen müssen.“

Ihr stockte der Atem. Sein Angebot stellte tatsächlich die Erfüllung ihrer kühnsten Träume dar, wie von ihm versprochen. Nie wieder jeden Penny umdrehen müssen, nie mehr nachts in Panik aus Albträumen aufschrecken, Chloe für immer wohlbehütet wissen …

Und sie konnte Alexander aufsuchen. Ihre Briefe mochte er ignorieren. Wenn sie jedoch in seinem Büro auftauchte, musste er sich in irgendeiner Form mit ihr auseinandersetzen. Und sobald sie ihm ein Foto von Chloe zeigte, besann er sich ganz gewiss und konnte gar nicht umhin, seine Tochter ins Herz zu schließen.

Dass er zu einer anderen Frau weitergezogen war, das konnte Lucy akzeptieren. Dass sich ihr eigenes Schicksal wiederholen und Chloe vaterlos aufwachsen sollte, war jedoch eine unerträgliche Vorstellung.

„Sie stimmen also zu?“, wollte der Fremde wissen.

„Ich verstehe das alles nicht. Warum wollen Sie mich mit nach Italien nehmen? Inwiefern sollte das Alexander wehtun?“

„Er wird merken, wie töricht es von ihm war, Sie einfach gehen zu lassen.“

Ein bitteres, ersticktes Lachen stieg ihr in die Kehle. „Wieso das denn?“

„Er wird etwas verlieren, das er begehrt. Etwas, das rechtmäßig mir gehört.“ Der Mann legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Die Berührung ließ sie seine latente Macht und Sinnlichkeit spüren. Eine Hitzewelle strömte wie glühende Lava durch ihre Adern.

„Wir werden ihn bezahlen lassen, Lucia.“ Gebannt erwiderte sie seinen eindringlichen Blick. „Sie brauchen nur Ja zu sagen.“

Ja, dachte sie, völlig benommen von der unverhofften Schicksalswende, ja, ja, ja!

Schon öffnete sie die Lippen, um es laut auszusprechen. Da kam ihr eine Erkenntnis, die sie erstarren ließ: dass sie eine derart bizarre Situation nicht zum ersten Mal erlebte.

Fasziniert von einem umwerfend gut aussehenden Mann, der ihr Blut in Wallung brachte, der ihr das Blaue vom Himmel versprach, dem sie naiverweise ihr Herz, ihre Zukunft, ihr Vertrauen schenkte …

Und es hat mich alles gekostet, durchfuhr es sie. Heftig entzog sie sich seiner Hand. „Tut mir leid, ich bin nicht interessiert.“

„Wie bitte?“

Anscheinend hat ihm noch nie eine Frau etwas abgeschlagen, vermutete Lucy. Seine verblüffte Miene amüsierte sie beinahe, doch dazu war die Situation zu ärgerlich und verletzend. Sie griff nach ihrer Handtasche. „Sie spazieren hier einfach so herein, sorgen für meine Entlassung und erwarten auch noch, dass ich Ihnen – einem total Fremden – blind vertraue? Was bilden Sie sich eigentlich ein, wer Sie sind?“

Er verbeugte sich manierlich und knapp, in einer spöttischen Geste. Die leuchtend blauen Augen in dem dunklen Gesicht erinnerten sie an mediterrane Sonne und Olivenhaine. Er war eine romantische Fantasie, die Verkörperung all ihrer Träume von exotischen Ländern.

„Ich bin Principe Massimo D‘Aquila.“

Verwundert starrte sie ihn an. Sie traute ihren Ohren nicht, fühlte sich in einen der historischen Romane versetzt, die sie als Teenager verschlungen hatte. „Sie sind ein Prinz?“

„Vom Rang her bin ich kein Prinz, sondern ein Fürst. Aber die italienische Anrede lautet für beide Principe.“ Er holte sein Handy heraus, verschickte blitzschnell eine SMS und steckte es wieder in die Tasche. „Mein Titel beeindruckt Sie offensichtlich. Va bene.“ Triumphierend rieb er sich die Hände. „Jetzt geben Sie hoffentlich Ihren sinnlosen Widerstand auf und fügen sich in Ihr Schicksal.“

Principe Massimo D‘Aquila. Ein exotischer Name wie aus einem Märchen. Doch dieser Mann war keine Fantasiegestalt, sondern aus Fleisch und Blut. Er erinnerte sie an einen Gladiator aus dem antiken Rom, mit hartem kraftvollen Körper und gefährlichen Ecken und Kanten.

Das ist zu schön, um wahr zu sein.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich gehe nirgendwo mit Ihnen hin.“

Ungehalten entgegnete er: „Allmählich bin ich es leid. Ich habe keine Zeit zu verlieren. Wir wissen ohnehin beide, dass Sie mich begleiten werden. Entweder tun Sie es mit Würde …“, er trat näher, „… oder ich nehme Sie mir einfach.“

Sofort erkannte sie, dass es keine leere Drohung war. Er konnte sie nehmen – auf jede erdenkliche Weise. Wer sollte ihn aufhalten in dieser dunklen einsamen Nacht ohne Überwachungskamera, ohne Waffe, ohne Kunden?

Lucy atmete tief durch. Sie selbst war es, die ihm Einhalt gebieten musste. Wie konnte er einen derartigen Einschüchterungsversuch wagen! Glaubte er wirklich, dass sie sich herumkommandieren ließ, nur weil er attraktiv und reich, mächtig und von adliger Herkunft war? „Halten Sie mich für total verblödet?“

„Das frage ich mich langsam selbst.“

„Ihre Geschichte ist einfach lächerlich! Sie wollen ein Principe sein, mit dem ich nach Italien durchbrennen soll, um reich und glücklich zu werden? Was ist das für ein Trick? Wollen Sie mich an einen Harem in irgendeinem Wüstenstaat verkaufen?“

„Sie glauben, dass ein Scheich sich zu so etwas herablassen würde?“, konterte Massimo eisig.

„Ich weiß einfach nur eines: Wenn mir ein attraktiver Mann ein Angebot macht, das zu schön ist, um wahr zu sein, dann muss er wohl lügen.“

In trügerisch sanftem Ton entgegnete er: „Zuerst beschmutzen Sie meine Ehre. Und jetzt nennen Sie mich einen Lügner?“

Rebellisch ballte sie die Hände, die ein wenig zitterten. „Wenn Sie mich wirklich für dumm genug halten, um Ihnen das Märchen zu glauben, dass ich reich werde und Rache an Alexander üben kann, dann sind Sie nicht nur ein Lügner, sondern dazu ein Trottel.“

Er starrte sie so eindringlich an, dass ihr ganz heiß und schwindelig wurde. „Wenn Sie ein Mann wären, würde ich dafür sorgen, dass Sie diese Beleidigungen bereuen.“

Trotzig reckte sie das Kinn vor. „Da ich aber eine Frau bin …“

Sanft strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatte. „… wird Ihre Strafe ganz anders ausfallen.“

Plötzlich ertönte ein Läuten.

Es dauerte einen Moment, bis Lucy begriff, dass es von der Ladentür kam, so verwirrend wirkte das Prickeln, das von ihrer Kopfhaut bis in die Zehenspitzen ausstrahlte. Wie war es nur möglich, dass dieser Mann sie mit einer einzigen Berührung derart durcheinanderbringen konnte?

Ein stämmiger Mann – kleiner als Massimo, aber doppelt so kräftig gebaut – trat mit einer ehrfürchtigen Verbeugung zu ihm. „Mio Principe.“

Die beiden unterhielten sich auf Italienisch, wobei der eine leise Anweisungen gab und der andere mit einem Nicken zustimmte.

Nachdenklich musterte Lucy den überwältigend attraktiven, wohlhabenden und arroganten Fürsten, der von ihr verlangte, ihn nach Italien zu begleiten.

Ausgerechnet ich – ein Niemand.

Nein, widersprach sie sich entschieden. Sie war kein Niemand. Sie war Chloes Mutter, und sie durfte sich den Anordnungen des sogenannten Principe nicht unterwerfen. Die Tatsache, dass seine leiseste Berührung in ihr den Drang erweckte, sich ihm zu fügen, bewies hinreichend, wie wahrhaft gefährlich er war.

Sie musste die Flucht ergreifen. Sofort, während er abgelenkt war. Bevor er sie unter dem Deckmantel himmlischer Verheißungen in die Hölle entführte und sie ihre Tochter nie wiedersah.

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