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Mit dir wird ein Märchen wahr

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Diana Hamilton

Mit dir wird ein Märchen wahr

Ein neuer Haarschnitt, verführerisches Make-up, schicke Kleider: Gekonnt lässt die unscheinbare Mercy sich von ihrer Freundin in eine schöne junge Frau verwandeln. Ob ihr geliebter Chef, der umschwärmte Millionär Andreo Pascali, sie jetzt immer noch für eine unattraktive graue Maus hält? Als er sie in sein Ferienhaus an der wunderschönen italienischen Amalfiküste einlädt, entdeckt sie plötzlich ein völlig neues, verführerisches Funkeln in seinen Augen…

1. KAPITEL

Andreo Pascali verwünschte den Tag, an dem die supertüchtige Mrs. Knox in den Ruhestand getreten und zu ihrer kürzlich verwitweten Schwester nach Kent gezogen war. Ärgerlich überflog er das letzte Bewerbungsschreiben und schob es gereizt beiseite.

„Nicht gerade sehr aussagekräftig.“ Er warf seiner derzeitigen Geliebten Trisha einen missmutigen Blick zu. Sie ahnte zwar noch nichts, aber für ihn war sie bereits Vergangenheit. Denn obwohl er ihr seine Spielregeln von Anfang an unmissverständlich klargemacht hatte, war sie in letzter Zeit sehr anhänglich und besitzergreifend geworden und hatte seine Toleranzgrenze weit überschritten.

Der gestrige Abend war das beste Beispiel dafür gewesen. Andreo war von seiner Werbeagentur nach Hause gekommen, um dort weiter über der Idee für einen TV-Werbespot zu brüten. Irgendwie musste er einen genialen Einfall aus dem Hut zaubern. Etwas, das den unverwechselbaren Pascali-Qualitätsstempel trug, der das angepriesene Produkt garantiert zu einem Verkaufsschlager machen würde. Dass es dabei um etwas so Banales wie eine neue Serie Fertiggerichte ging, erleichterte ihm die Aufgabe nicht gerade.

Dementsprechend hatte es ihn ziemlich genervt, bei seiner Rückkehr Trisha vorzufinden. Sie war nicht nur unangemeldet hereingeschneit, sondern hatte ihm auch noch ein Essen vom Chinesen serviert, das sie offensichtlich seit Stunden im Ofen warm gehalten hatte. Sie hatte sich das Haar zu einem modischen Wuschelkopf frisiert und die Lippen zu einem Schmollmund verzogen, woraufhin sich Andreo verwundert gefragt hatte, ob er sie wirklich einmal amüsant und sexy gefunden hatte.

„Du brauchst dringend eine Ehefrau“, hatte sie ihm allen Ernstes mitgeteilt. „Dann musst du deine kostbare Zeit auch nicht mit diesen langweiligen Vorstellungsgesprächen verschwenden.“

Als er daran dachte, verfinsterte sich Andreos Miene. Mittlerweile sollte Trisha wirklich begriffen haben, dass er nicht das geringste Bedürfnis nach einer Ehefrau hatte. Ihm fehlte lediglich eine tüchtige, unaufdringliche Haushälterin. Doch zurzeit sah es nicht so aus, als würde er je eine finden.

Bei der Erinnerung an die erste Kandidatin, die sich vorgestellt hatte, schauderte es ihn. In ihrer Bewerbung hatte sie ihr Alter mit fünfzig angegeben, doch sie musste mindestens achtzig gewesen sein. Außerdem hatte sie sich geradezu manisch exaltiert verhalten. Nach knapp zehn Minuten hatte Andreo ihr ein Taxi bestellt und sie hinauskomplimentiert. Sie hatte dem Fahrer die Adresse eines Altersheims in der Nähe genannt und Andreo beim Wegfahren begeistert zugewinkt.

„Okay, die erste Bewerberin war ungeeignet“, gab er zu. „Aber ich wüsste nicht, was gegen die beiden anderen spricht.“ Von einem plötzlichen Bewegungsdrang getrieben, sprang er vom Stuhl auf und begann, mit großen Schritten sein Arbeitszimmer zu durchqueren. „Beide sind bestens qualifiziert und verfügen über erstklassige Referenzen. Was, zum Teufel, hast du also gegen sie einzuwenden?“

„Schon gut, Darling.“ Trisha lächelte versöhnlich. „Ich wollte dir lediglich meinen Rat und meine Hilfe anbieten. Schließlich hast du selbst gesagt, dass du keine Zeit für Haushaltsangelegenheiten erübrigen kannst. Die beiden letzten Bewerberinnen würden meiner Ansicht nach beide nicht lange bleiben. Erfahrungsgemäß kündigen so junge Frauen nach wenigen Wochen, weil sie sich verliebt haben und heiraten wollen. Besonders wenn sie so hübsch und aufgeweckt sind. Nein, du brauchst eine gesetzte Dame mittleren Alters.“ Sie lächelte ihm aufmunternd zu. „Vielleicht klappt es ja mit der letzten Kandidatin. Wir haben übrigens keine Einzelheiten zu ihrer Person, weil sie sich nicht schriftlich beworben, sondern erst gestern Nachmittag telefonisch um ein Vorstellungsgespräch gebeten hat.“ Und dabei ziemlich herrisch geklungen, ergänzte Trisha im Stillen, wohl wissend, dass Andreo rechthaberische Frauen überhaupt nicht sexy fand.

Die ist goldrichtig!, war es Trisha durch den Kopf gegangen, als sie Mercy Howard vorhin ins Empfangszimmer geführt hatte. Ein weiterer prüfender Blick beim Hinausbegleiten der dritten Bewerberin hatte ihren ersten Eindruck bestätigt.

Gerade zweiundzwanzig Jahre alt, konnte Mercy Howard zwar nicht als ‚Dame mittleren Alters‘ gelten, aber mit ihrem reizlosen Outfit und der rundlichen Figur stellte sie keine Gefahr für Trisha dar. Ein Pluspunkt, denn Trisha war Andreos schwindendes Interesse nicht entgangen. Eine potenzielle Rivalin unter seinem Dach hätte ihr gerade noch gefehlt!

Von Anfang an hatte Andreo betont, dass er keine langfristige Beziehung wolle und noch weniger eine Ehe. Trisha hatte sich aus taktischen Gründen darauf eingelassen. Insgeheim war sie jedoch davon überzeugt, dass er mit der Zeit seine Meinung ändern und in ihr die ideale Ehefrau erkennen würde. Dann würde endlich ihr Traum von einem sorglosen Luxusleben in Erfüllung gehen.

Bis dahin musste sie allerdings dafür sorgen, dass sie ihn fest an der Angel behielt. Denn die Frau musste erst noch geboren werden, die gegen Andreo Pascali mit seinem schlanken, durchtrainierten Körper und der Ausstrahlung eines Latin Lover immun war. Ganz zu schweigen von seinem millionenschweren Bankkonto. Diese Howard machte da bestimmt keine Ausnahme. Doch nach dem wenigen, was Trisha von ihr gesehen hatte, würde Andreo ihre plumpen Versuche, ihn auf sich aufmerksam zu machen, nicht einmal zur Kenntnis nehmen.

„Da sie schon einmal hier ist, solltest du sie dir wenigstens ansehen.“ Trisha trat dicht neben Andreo und strich ihm sanft über das nachtschwarze Haar. „Wer weiß, vielleicht ist sie genau das, was wir suchen.“

Andreo wich der Berührung aus und konnte seinen Ärger über das vertrauliche Wir kaum verhehlen. Unwirsch setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch. Es wurde höchste Zeit, dass er die Affäre mit Trisha beendete. Er würde seine Privatsekretärin bitten, ein angemessen teures Schmuckstück zu besorgen und es gleich morgen früh in Trishas Apartment zu schicken. Sie sollte einige Zeilen zum Abschied verfassen und seinen Wunsch übermitteln, dass man nach der gemeinsamen Zeit nun ohne Bedauern auseinandergehen sollte.

Und sofern die letzte Bewerberin nicht über achtzig und senil war, gehörte der Job ihr. Schließlich erwartete man kreative Arbeit von ihm, die nicht länger aufgeschoben werden konnte.

Seit Mercy die Adresse gefunden hatte, plagten sie zunehmend Zweifel. Tat sie wirklich das Richtige? Das umgebaute Kaufhaus in einem der gefragtesten Viertel Londons an der Themse schien ihr kaum die richtige Umgebung für ein einfaches Mädchen vom Lande zu sein. Unvermittelt musste sie an Carlys amüsierte Kommentare denken, wenn sie zugab, dass das brodelnde Leben dieser Riesenmetropole sie geradezu in Panik versetzte. Obwohl Mercy seit zwei Jahren in London lebte, war und blieb sie die Tochter eines Landpfarrers. Und dazu gehörten ihre soliden Wertvorstellungen und eine tiefe Sehnsucht nach dem beschaulichen Lebensrhythmus, den sie gewöhnt gewesen war.

Doch Mercy nahm sich fest vor, ihren Ängsten nicht nachzugeben. Also presste sie die große, vom vielen Tragen schon leicht abgewetzte Tasche an sich, ging die Stufen zu der edlen Holztür hinauf und drückte energisch auf den Klingelknopf. Eine Stimme aus der Gegensprechanlage forderte sie auf, ihren Namen und ihr Anliegen zu nennen. Mercy gehorchte. Kurz darauf öffnete sich die Tür wie durch Zauberhand.

Mercy betrat ein riesiges Foyer, von dem aus man drei Stockwerke nach oben blicken konnte. Eine breite, geschwungene Treppe führte zu den oberen Etagen. Die Blondine, die Mercy empfing, hatte eine Modelfigur, die durch eine pinkfarbene Caprihose und ein eng anliegendes Glitzertop noch betont wurde. Augenblicklich kam sich Mercy wie eine graue Maus vor. Sie war nur knapp einssechzig groß und fühlte sich in diesem Moment noch kleiner als sonst.

Die Blondine warf einen flüchtigen Blick auf ihre Notizen. „Sie müssen Miss Howard sein.“ Nachdem sie Mercys unvorteilhaftes graues Kostüm, die soliden Schuhe und die unförmige Tasche gemustert hatte, schenkte sie ihr ein strahlendes Lächeln. „Ich bin eine gute Freundin von Mr. Pascali“, verkündete sie mit rauchiger Stimme. „Im Augenblick führt er ein Bewerbungsgespräch. Wenn Sie einen Moment Platz nehmen wollen …“ Sie deutete auf eine moderne Sitzgruppe mit einem Glastisch. „Es dauert sicher nicht lange.“

Der Ledersessel mit Chromgestell war erstaunlich bequem. Dennoch konnte Mercy sich nicht entspannen. Erste Bedenken waren ihr an diesem Morgen gekommen, als Carly sie über ihren potenziellen neuen Arbeitgeber aufgeklärt hatte.

„Ich bin die halbe Nacht im Internet herumgesurft, um etwas über ihn herauszufinden“, hatte sie erklärt. „Anscheinend ist er schon so etwas wie eine Legende, obwohl er erst einunddreißig ist. Als Besitzer und kreativer Kopf der Werbeagentur Pascali hat er Millionen gemacht, von dem Familienvermögen ganz zu schweigen. Neben einem Haus in London besitzt er eine Villa in der Nähe von Amalfi und ein Apartment in Rom. Er interessiert sich für moderne Kunst und hat weder Frau noch Kinder. Das heißt, du wirst kaum mehr zu tun haben, als regelmäßig seine Picassos und Hockneys abzustauben.“

Carly schlüpfte in die marineblaue Jacke, auf deren Revers diskret das Logo der weltberühmten Kosmetikfirma aufgestickt war, für die sie arbeitete. Der dunkle Farbton unterstrich ihren beneidenswert glatten aschblonden Bob. Sie warf Mercy eine Kusshand zu. „Ich muss los, sonst komme ich wieder zu spät. Denk daran, dass du ein wunderschönes Lächeln hast. Also nutze die Gelegenheit und mach hemmungslos Gebrauch davon! Viel Glück!“

Dunkle Schatten lagen unter Mercys Augen. Sie hatte den größten Teil der Nacht damit verbracht, Büros zu putzen. In letzter Zeit wies ihr die Agentur für Haushaltspersonal zunehmend solche Tätigkeiten zu. Laut Aussage ihrer Arbeitskollegen war sie zuverlässig und gründlich, außerdem meldete sie sich nie krank. Nach der Arbeit hatte sie kaum ein Auge zugetan, da sie ständig an das bevorstehende Bewerbungsgespräch denken musste.

Sie war auf die Anzeige gestoßen, während sie im Wartezimmer beim Zahnarzt Zeitschriften durchgeblättert hatte. Als Mercy sie in einem Hochglanzmagazin entdeckt hatte, hatte sie das Gefühl gehabt, dass ihr Schutzengel Überstunden für sie machte. Ein gewisser Andreo Pascali suchte eine Haushälterin. Sie sollte im Haus wohnen und ein Gehalt beziehen, bei dem Mercy fast die Augen übergegangen waren.

Mit einem solchen Einkommen und ohne Lebenshaltungskosten, da Kost und Unterkunft mit inbegriffen waren, würde sie ihren Bruder James viel effektiver bei seinem Medizinstudium unterstützen können als zurzeit. Hoffnungslos unbeholfen in finanziellen Dingen, würde James am Ende seines Studiums Unsummen an Studiengebühren zurückzahlen müssen. Außerdem erwog er schon jetzt, danach noch seinen Facharzt in Chirurgie zu machen.

Daher stand für Mercy fest, dass der Himmel ihr diese Anzeige geschickt hatte. Sofort hatte sie dort angerufen und um ein Vorstellungsgespräch gebeten. Genau genommen hatte sie es eher gefordert, wie sie sich eingestehen musste. Aber es schien einfach die perfekte Lösung zu sein, nachdem Carly gestern Abend die Bombe hatte platzen lassen.

Nach zwei gemeinsamen Jahren in der winzigen Wohnung würde Carly demnächst ausziehen, um mit ihrem Freund zusammenzuleben. Die beiden schmiedeten schon eifrig Hochzeitspläne.

Mercy freute sich aufrichtig für Carly, zumal sie ihr viel zu verdanken hatte. Vor zwei Jahren, nur wenige Tage nach ihrem zwanzigsten Geburtstag, war Mercy am Ende ihrer Kraft gewesen, als wenige Jahre nach dem Tod ihres Vaters auch ihre Mutter gestorben war. Mercy hatte nicht gewusst, wie sie ihrem Bruder helfen sollte, die langen Studienjahre finanziell zu überstehen, und sich auch noch selbst durchzubringen. Denn mit dem Tod ihrer Mutter war von der Kirche auch die Zahlung der Pension eingestellt worden.

Nach dem Ableben ihres Vaters hatte Mercy mit sechzehn die Schule verlassen. Sie war sich mit ihrer Mutter einig darüber gewesen, dass sie Geld verdienen musste, um ihren Beitrag zur Ausbildung ihres hochbegabten Bruders zu leisten. Sie hatte jede Arbeit angenommen, nachdem sie vom Pfarrhaus in das kleine Cottage gezogen waren, das die Kirche ihrer Mutter auf Lebenszeit zur Verfügung gestellt hatte.

Es war eine harte Zeit, aber sie waren zufrieden. Mercy plante, eine Ausbildung in Catering und Haushaltsführung zu machen, um dann als Haushälterin zu arbeiten. Oder vielleicht sogar einen eigenen Partyservice aufzuziehen und private Feiern und Hochzeiten auszurichten. Doch dann musste sie ihre ehrgeizigen Pläne zurückstellen und jede Aufgabe annehmen, die sich bot, ganz gleich, ob es sich um Putzen, Gartenpflege, Einkaufen oder das Ausführen von Hunden handelte.

In dieser sorgenvollen Zeit schlug ihr Carly, die als Kosmetikerin in einer exklusiven Londoner Parfümerie arbeitete, vor, bei ihr einzuziehen. „Du tust mir einen Gefallen, wenn du die Kosten für die Miete mit mir teilst“, sagte sie. „Die Wohnung ist zwar kaum größer als ein Schuhkarton, aber wir kommen schon zurecht. In der Nähe gibt es viele Agenturen für Haushaltspersonal, die händeringend Nachwuchs suchen. Ich könnte einige Vorstellungsgespräche für dich arrangieren. Was hältst du davon?“

So fand Mercy ein neues Zuhause und einen Job, und ihre Großtante nahm James während der Semesterferien bei sich auf. Sie lebte in einem Dorf in Cornwall, wo er sich in Ruhe seinen Büchern widmen konnte, bevor er an das namhafte Londoner Ausbildungskrankenhaus zurückkehrte, an dem er seine Ausbildung machte.

Nun begleitete das blonde Gift eine große, hübsche Brünette hinaus. Vermutlich befand sich ein ganzer Stapel Qualifikationen in ihrer schicken Schultertasche.

„Wir geben Ihnen in den nächsten Tagen Bescheid, ob Sie in die engere Wahl gekommen sind.“

Entmutigt ließ Mercy sich noch tiefer in den Ledersessel sinken. Plötzlich fühlte sie sich gänzlich fehl am Platz. Was hatte sie denn für Aussichten, wenn schon diese selbstbewusste Frau möglicherweise nicht in die engere Wahl kam?

Mercy saß wie auf Kohlen, doch man ließ sie noch zehn Minuten schmoren. Am liebsten hätte sie sich klammheimlich hinausgeschlichen. Schließlich konnte sie per Zeitungsannonce eine Mitbewohnerin suchen und so weiterleben wie bisher. Immerhin war sie es gewohnt, sparsam zu leben. Doch dann sagte sie sich, dass sie außer der Fahrkarte für die U-Bahn nichts zu verlieren habe.

Nach einiger Zeit erschien die Blondine wieder und bat Mercy, ihr zu folgen. Mit klopfendem Herzen stand diese auf. In diesem Moment hätte sie viel für ein eindrucksvolleres Outfit gegeben als das nüchterne, praktische Kostüm, das sie vor Jahren zur Beerdigung ihres Vaters gekauft hatte.

Doch dann tröstete sie sich mit dem Gedanken, dass „nüchtern und praktisch“ genau die Qualitäten waren, die jeder Arbeitgeber an seiner Haushälterin schätzte. Also würde sie dementsprechend auftreten. Schließlich brauchte man keine Schönheitskönigin zu sein, um Geschirr abzuwaschen und Fußböden zu bohnern.

Und war der legendäre, superreiche Andreo Pascali nicht auch nur ein Mensch? Andererseits gab es solche Menschen und solche. Das wurde Mercy umgehend klar, als sie den Mann erblickte, der sie über seinen ausladenden, mit Papieren übersäten Schreibtisch hinweg musterte.

Er sah einfach umwerfend aus. Sein schmales, markantes Gesicht verbarg kaum seine Ungeduld, und er strahlte eine ungeheure Energie aus. Mercy kam er so vor, als würde er sich wie ein gefährliches Raubtier auf jeden stürzen, der sich ihm in den Weg stellte. Sie fand ihn dominant und beinahe furchterregend.

Unter seinem durchdringenden Blick wurde Mercy immer unbehaglicher zumute, bis sie sich im Erdboden zu versinken wünschte. Allerdings verriet etwas in Signor Pascalis silbergrauen Augen ihr, dass er unberechenbar und eher sprunghaft war, und das beruhigte Mercy seltsamerweise ein wenig. Wenn er tatsächlich so kreativ und genial war, wie man es ihm nachsagte, fiel ihm wahrscheinlich gar nicht auf, dass ihre hellbraunen Korkenzieherlocken aussahen, als wäre sie gerade in einen Orkan geraten. Was immer sie auch anstellte – es gelang ihr einfach nicht, ihre wilde Lockenmähne zu bändigen. Aber vermutlich war Signor Pascali in Gedanken ganz woanders.

Doch die Illusion wurde jäh zerstört, als er einen kritischen Blick auf Mercys derbe Schuhe warf. Dann wies er sie mit einer knappen Handbewegung an, auf dem Stuhl ihm gegenüber Platz zu nehmen.

„Ich brauche dringend einen Kaffee, Trisha“, wandte er sich an seine blonde Freundin. Er wollte dieses letzte Bewerbungsgespräch allein führen, ohne sich von ihr ständig mit Nachfragen bezüglich Qualifikationen, Berufserfahrung und Referenzen unterbrechen zu lassen. Diese leidige Angelegenheit hatte ihn ohnehin schon zu viel Zeit gekostet. Als er Trishas Widerstreben spürte, fügte er hinzu: „Und eine Tasse für …“, er warf einen Blick auf seine Unterlagen, „… Miss Mercy Howard.“

Andreo Pascali sprach mit einem leichten Akzent, und obwohl seine heisere Stimme sanft klang, handelte es sich zweifellos um einen Befehl.

Trisha verschwand.

Mercy meinte plötzlich Schmetterlinge im Bauch zu haben, als sie seine vollen, sinnlichen Lippen betrachtete. Noch nie hatte sie so auf einen Mann reagiert, und es war ihr absolut nicht geheuer.

Sobald seine zukünftige Exfreundin den Raum verlassen hatte, lehnte Andreo Pascali sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete unter leicht gesenkten Lidern die letzte Bewerberin. Er wollte nicht noch mehr seiner kostbaren Zeit verschwenden. Also gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder bot er den Job einer der beiden letzten Bewerberinnen an, oder er engagierte die, die jetzt vor ihm saß.

Normalerweise nahm er von niemandem Ratschläge an, aber in diesem Fall hatte Trisha vermutlich recht. Die beiden anderen Frauen waren selbstbewusst, gepflegt und gut zurechtgemacht gewesen. Stellte er eine von ihnen ein, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie irgendeinen armen Teufel dazu gebracht hatten, ihr einen Verlobungsring an den Finger zu stecken. Und dann musste er sich wieder eine neue Haushälterin suchen.

Mit Miss Howard würde er kein annähernd so großes Risiko eingehen. Abgesehen von ihrer seltsamen Frisur fand er nichts an ihr bemerkenswert. Mollig und unscheinbar, schien sie nicht viel Persönlichkeit zu haben. Der Job gehörte ihr.

„Haben Sie bereits Erfahrung in Haushaltsführung?“, erkundigte er sich. Insgeheim beglückwünschte er sich schon. Wenn kein ernsthaftes Hindernis auftauchte, hatte er nach zwei nervenaufreibenden Wochen endlich wieder eine Haushälterin. Sein Leben würde wieder seinen gewohnten Gang nehmen, und er konnte sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren. Ohne sich mit so ermüdenden Fragen herumzuärgern, wie zum Beispiel saubere Socken zu finden oder eine halbwegs anständige Tasse Kaffee zu bekommen.

Seine Frage entlockte Mercy einen Seufzer der Erleichterung. Bis dahin hatte Mr. Pascalis Art, sie anzusehen, als käme sie von einem anderen Stern, sie ernsthaft aus dem Konzept gebracht. „Ich habe vier Jahre lang den Haushalt meiner Mutter geführt und daneben verschiedene Teilzeitjobs gehabt“, antwortete sie schnell. „Außerdem habe ich an der Abendschule Hauswirtschaft studiert, musste aber wegen der Krankheit meiner Mutter die Ausbildung abbrechen und bin …“

„Wie steht es mit Männerbekanntschaften?“, unterbrach er sie unvermittelt.

Mercy sah ihn sprachlos an. Was hatte das mit ihren beruflichen Fähigkeiten zu tun? „Ich habe keinen Freund“, erwiderte sie spröde, weil er offensichtlich ungeduldig auf eine Antwort wartete.

„Wie steht es mit familiären Verpflichtungen?“

Sie schwieg verwirrt.

„Kinder? Betagte Verwandte mit Gesundheits- oder Alkoholproblemen, die von Ihnen erwarten, dass Sie bei Bedarf alles stehen und liegen lassen, um sich um sie zu kümmern?“, erläuterte er unwirsch.

Mercy versteifte sich und presste die Lippen zusammen. Dieser Mann mochte wie ein Adonis aussehen, benahm sich aber wie die Axt im Walde. Obwohl sie wusste, dass sie dann garantiert nicht mehr in die engere Wahl für die Stelle kam, beschloss sie, ihm Kontra zu geben. „Mein Vater war Geistlicher, Mr. Pascali. Abgesehen vom Messwein hat er keinen Tropfen Alkohol zu sich genommen. Meine Mutter war die Sanftmut selbst und hätte niemals unangemessene Forderungen gestellt. Leider leben sie beide nicht mehr. Meine Großtante erfreut sich bester Gesundheit, und da sie in Cornwall lebt, werde ich wohl kaum an ihr Bett eilen, falls sie doch einmal eine Grippe bekommt. Ihr läge es auch fern, so etwas von mir zu erwarten. Kinder habe ich natürlich nicht. Ich bin ledig.“

„Das schließt Nachwuchs nicht zwingend aus“, stellte er fest.

Seine zynische Bemerkung ärgerte Mercy. Doch als er ihr gleich darauf unerwartet zulächelte, wirkte er so anziehend, dass ihr ganz schwach wurde. Gebannt beobachtete sie, wie übermütig seine Augen plötzlich funkelten, als er sich vorbeugte und noch einen Blick auf das vor ihm liegende Blatt Papier warf.

Als Pfarrerstochter hat sie vermutlich ziemlich antiquierte Moralvorstellungen, überlegte Andreo. Demnach nahm sie wahrscheinlich weder Drogen, noch würde sie wilde Partys veranstalten, wenn er gelegentlich verreiste.

„Falls Sie die Stellung annehmen, Miss Howard, steht Ihnen eine eigene Suite zur Verfügung. Dort halten Sie sich auf, wenn Sie Ihre Pflichten erledigt haben. Sie kümmern sich um sämtliche Angelegenheiten, die den Haushalt betreffen. Ich wünsche nicht, über Bagatellen informiert oder deswegen zu Rate gezogen zu werden. Sollte es zum Beispiel einen Rohrbruch geben, bestellen Sie einen Klempner und lassen die Sache in Ordnung bringen, ohne mich damit zu behelligen. Außerdem sind Sie für meine Wäsche zuständig. Ich brauche zwei Hemden pro Tag. Um sechs Uhr dreißig stehe ich auf und frühstücke um acht, nachdem ich gejoggt und geduscht habe. Meistens bin ich abends nicht zu Hause. Sollte es anders sein, wird man es Ihnen mitteilen, und dann erwarte ich, dass Sie mir um neun Uhr ein Essen servieren. Wenn ich einmal Gäste eingeladen habe, rufen Sie meinen Caterer an und treffen die notwendigen Arrangements. Falls ich über Nacht Besuch habe, gehört es zu Ihren Aufgaben, sich um die Wünsche der betreffenden Leute zu kümmern. Noch Fragen?“

Mercy sah ihn erstaunt an. Hatte er ihr tatsächlich soeben den Job angeboten? Das wäre ihre Rettung! In ihrem Kopf begann sich alles zu drehen, während sie verzweifelt versuchte, sich eine vernünftige Frage zu überlegen. Doch leider machte die Neugier ihr einen Strich durch die Rechnung: Am brennendsten interessierte sie, ob es sich bei dem Übernachtungsbesuch immer um die große Blonde handelte oder ob er die Abwechslung vorzog.

„Nein, ich glaube nicht“, flüsterte sie. „Sie haben sich völlig klar ausgedrückt.“

Ihre Reaktion war ganz nach Andreos Geschmack. Keine der üblichen Fragen nach Freizeit oder Urlaub. Sein Entschluss stand fest. Er lächelte seiner zukünftigen Haushälterin zu. Zum ersten Mal erwiderte sie seinen Blick direkt. Sie hatte erstaunlich blaue Augen. Andreo lehnte sich entspannt zurück, doch die lässige Pose trog.

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