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Mit dir werden Märchen wahr

1. KAPITEL

Merrick Montgomery nahm sich Zeit, die Frau genau zu betrachten. Er wusste, dass er kurz davor stand, ihr Leben zu zerstören. Und es war durchaus möglich, dass auch sie sein Leben zerstörte.

Alyssa Sutherland war eine atemberaubende Frau – jung und schön. Sogar in dem mit Silber durchwirkten Hochzeitskleid, das ihren Körper wie eine Wolke einhüllte, sah sie sexy aus. Durch sein Fernglas konnte er sie ganz nah sehen. Äußerlich unbewegt, saß sie da, während Hofdamen und Zofen sie wie ein Libellenschwarm geschäftig umschwirrten. Alyssa Sutherlands Züge waren so anmutig und makellos, wie es sich ein Mann nur wünschen konnte. Die Frühjahrssonne warf einen schwachen rötlichen Schimmer auf ihre hellblonden Locken. Und alles andere? Merrick konnte nur erahnen, was sich unter den unzähligen Lagen aus Seide, Spitze und Tüll verbarg.

Zu gerne hätte Merrick gewusst, ob der Körper dieser Frau ebenso schön und vollkommen war wie ihr Gesicht. Er konnte es sich gut vorstellen. Denn nicht selten beschenkt die Natur gerade diejenigen Frauen mit außerordentlicher Schönheit, die im Herzen kalt und berechnend sind, als ob sie es darauf anlegte, die Männer zu blenden. Merrick stellte sich vor, wie diese zarte, seidige Haut sich anfühlte, wenn man sie streichelte. Und sonst? War sie eher das Ebenbild einer antiken Göttin mit weichen, weiblichen Formen, oder verbarg das weite Kleid einen mehr knabenhaften Körper, jenes Typs von Frauen, die trotz ihrer äußerlichen Zerbrechlichkeit ungeheure Energien freisetzen können – nicht zuletzt im Bett?

Verärgert merkte Merrick, dass seine Gedanken abschweiften. Ob Göttin oder nicht – diese Frau würde Bernard Dombret heiraten, und deshalb musste unverzüglich etwas geschehen.

Dass er sich ablenken ließ, passierte ihm sonst nie, schon gar nicht, wenn er im Einsatz war. Seit Jahren war er Befehlshaber der königlichen Sicherheitskräfte, der Royal Security Force, und galt überall als ein Muster an Tatkraft und Disziplin. Durch das Fernglas betrachtete er ein letztes Mal die Braut. Sie war eine Sünde wert, das musste er zugeben. Aber darauf kam es jetzt nicht an. Ihre auffällige Schönheit war bei seinem Vorhaben eher von Nachteil. Sie erregte Aufmerksamkeit und die konnte er absolut nicht gebrauchen.

Merrick suchte mit dem Feldglas langsam die Umgebung ab und verschaffte sich somit einen Überblick. Auf dem Vorplatz der kleinen Hofkapelle machte er acht Wachen aus, die es zu überwinden galt, sechs in unmittelbarer Nähe und zwei weitere rechts und links des Eingangs zur Kapelle. Nach einem kurzen Blick auf seine Uhr gab er seinen Leuten das Zeichen zum Aufbruch. Noch einmal dachte Merrick an das Gesicht, das er eben angeschaut hatte. Wie erstarrt hatte es gewirkt. Da sie den Blick gesenkt hielt, konnte er den Ausdruck in ihren Augen nicht sehen. Nur um den Mund herum war ihm ein ganz leichtes, kaum wahrnehmbares Zucken aufgefallen. Nervosität? Skrupel vielleicht? Nein, nicht bei dieser Frau. Dann wohl eher ein stilles Dankgebet angesichts ihres bevorstehenden Triumphes.

Merricks Lippen wurden schmal. Bete du ruhig, dachte er, es wird dir nichts helfen. In wenigen Minuten bist du in meiner Gewalt. Dann würde dieser Tag anders ausgehen, als sie es sich erträumt hatte. Er blickte sich nach seinen Männern um, die ihm folgten. Ziel dieser Operation war es zu verhindern, dass Bernard Dombret diese Frau heiratete. Merricks Mannschaft bestand aus handverlesenen Leuten, die ihm treu ergeben waren und auch den kleinsten Wink verstanden. Es waren nicht gerade die feinsten Methoden, zu denen Merrick sich gezwungen sah. Aber es war für eine gerechte Sache.

Alyssa Sutherland konnte es kaum noch ertragen. Es kostete sie all ihre Selbstbeherrschung, sich zusammenzunehmen und alle, die geschäftig um sie herumschwirrten, nicht anzuschreien oder davonzujagen. Sie brauchte Zeit für sich allein, zwei Minuten wenigstens, um sich den Luxus zu erlauben, ein paar Tränen über ihre hoffnungslose Lage zu vergießen. Oder um ein wenig davon zu träumen, dass gleich jemand käme und sie aus diesem Albtraum befreite. Die Ereignisse hatten sich im Laufe der letzten Woche überschlagen und ihr keine Zeit gelassen, über ihre missliche Lage nachzudenken, geschweige denn, Kräfte zu sammeln, um sich gegen diese Flut von bösen Überraschungen zu wehren.

„Prinzessin Alyssa, es wird Zeit.“ Die Frau, die sie ansprach, hatte einen etwas harten Akzent, obwohl sie Englisch wie alle, die Alyssa bisher in diesem Land getroffen hatte, fast wie ihre Muttersprache beherrschte. „Sie sollten jetzt hineingehen.“

Alyssa warf der Frau – eine Lady Bethany Soundso, wenn sie sich richtig erinnerte – einen kurzen Blick zu. „Sparen Sie sich die Anrede. Ich bin keine Prinzessin.“

„Gewiss, Hoheit.“

Alyssa tat ihr Bestes, um Haltung zu bewahren. Trotzdem merkte sie, wie ihre Unterlippe zu zittern begann. „Ich brauche noch einen Moment“, sagte sie.

„Ich fürchte, das wird nicht möglich sein, Hoheit.“

Wie oft schon hatte sie diesen Satz im Laufe der letzten sieben Tage gehört? Jedes Mal genau dieselben Worte, jedes Mal dieselbe förmliche Unterwürfigkeit und immer dieselbe Botschaft: Du hast keine Wahl. Seit einer Woche hatte Alyssa keinen Augenblick für sich gehabt, keine Minute, in dem sie nicht auf Schritt und Tritt beobachtet und bewacht worden war wie eine Gefangene.

Man nannte sie Prinzessin, Prinzessin Alyssa. Jeder katzbuckelte vor ihr und spulte seine Komplimente herunter. Wie ein rohes Ei wurde sie behandelt. Dabei war diese Ehrerbietung nicht einmal gespielt. Es war echter, selbstverständlicher Respekt, der den Menschen hier von klein auf anerzogen wurde und ihnen offenbar in Fleisch und Blut übergegangen war.

Alyssa überlegte kurz, und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft sah sie eine Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen, auch wenn es höchstens ein kurzes Atemholen sein konnte. Sie straffte die Schultern und sah Lady Bethany so hoheitsvoll und durchdringend an, wie sie nur konnte. „Ich brauche einen Moment für mich allein.“

Lady Bethany wurde unsicher und blickte nervös über die Schulter: „Ich bin der Meinung …“

„Ich habe Sie nicht nach Ihrer Meinung gefragt, lediglich erklärt, dass ich fünf Minuten für mich allein brauche, um meine Gedanken zu sammeln. Ich möchte meinem künftigen …“, Alyssa schluckte, ehe sie das Wort aussprach, „Gatten in angemessener Weise entgegentreten.“

Das Unbehagen der Hofdame wuchs. „Seine Hoheit, der Prinz, wird das nicht gutheißen. Er trug uns ausdrücklich auf, Sie nicht allein – ich meine, stets bei Ihnen und zu Ihrer Verfügung zu sein.“

„Die Wache ist ja da.“ Alyssa spürte, dass sie auf dem richtigen Weg war.

„Aber Seine Hoheit, der Prinz …“

„… wird mir das an diesem besonderen Tag sicherlich zugestehen.“ Alyssa hatte nicht die geringste Erfahrung darin, sich wie eine Hoheit aufzuführen. Sie konnte nur hoffen, dass sie den richtigen Ton traf. „Sonst fragen Sie ihn einfach.“

Volltreffer! Der Bluff funktionierte. Lady Bethany wurde blass, wich einen Schritt zurück, indem sie einen Hofknicks andeutete, und beeilte sich zu versichern: „Das wird gewiss nicht nötig sein, Hoheit. Ich werde der Wache sagen, sie soll Sie zur Kapelle geleiten, sobald Sie bereit sind. Erscheinen Ihnen fünf Minuten ausreichend?“

„Gewiss, danke“, gab Alyssa mit der Andeutung eines Nickens zu verstehen.

Fünf Minuten, fünf kurze, kostbare Minuten. Welch eine lächerliche Spanne, um sich auf das vorzubereiten, was ihr bevorstand.

Der Schwarm der Hofdamen und Zofen versammelte sich. Die Frauen und Mädchen tuschelten miteinander in ihrer Muttersprache, die Alyssa nicht verstand. Verstohlen blickte die eine oder andere zu ihr herüber. Dann zogen sie sich zum Eingang der Kapelle zurück.

Aufatmend ging Alyssa vom Hof hinüber in den angrenzenden Garten. Der Längste von den Wachleuten folgte ihr in respektvollem Abstand und stellte sich so auf, dass er Alyssa gegen die niedrige Außenmauer abschirmte, hinter der ein Stück weiter der Wald begann. Alyssa zog sich auf eine Steinbank in den äußersten Winkel des Gartens zurück, möglichst weit weg von der Kapelle und neugierigen Blicken.

Früh am Morgen hatte es geregnet, doch jetzt war die Sonne wieder hervorgekommen, und an den wärmenden Strahlen, die durch das noch frühlingshaft lichte Eichenlaub fielen, merkte sie erst, wie kalt ihr geworden war. Als die Wolkendecke nach dem Regen aufgerissen war, hatte sie einen Regenbogen entdeckt. Als kleines Mädchen hatte die Mutter ihr oft erzählt, dass der Regenbogen ein Zeichen des Himmels sei, ein Bote, der wieder bessere Zeiten versprach.

Natürlich hatte Angela Barstow ihrer Tochter auch von dem Topf voller Gold berichtet, den man am Ende des Regenbogens finden kann. Alyssa schüttelte traurig den Kopf. „Nein, Mom, dieses Mal wird es sicherlich nicht so kommen“, sagte sie leise vor sich hin.

Denn dieses Mal konnten ihre Mutter und sie nicht einfach vor ihren Problemen davonlaufen wie sonst. Dieses Mal genügte es nicht, die Stadt zu verlassen, sein Glück woanders zu suchen und seine Zelte anderswo aufzuschlagen. Dafür steckten sie jetzt beide zu tief in der Patsche.

Alyssa unterdrückte die aufkommende Panik. Die Zeit, die ihr hier draußen blieb, war knapp. Unerbittlich verstrichen die Sekunden. Sie spürte die Unruhe des Wachsoldaten, der ihr zugeteilt war. Aber auch davon durfte sie sich jetzt nicht ablenken lassen. Sie wollte noch einmal unbeschwert die leichte, frische Frühlingsluft einatmen, noch einmal die Stille und den Frieden genießen, die jetzt noch herrschten.

Sehr wenig hatte sie von diesem fremden Land Verdonia gesehen, in das sie vor einer Woche aus ihrer Heimat in den USA gereist war. Wäre sie unter anderen Umständen hierhergekommen, wäre sie nicht gleich in all diese Machenschaften, die sie nicht verstand, verstrickt worden, sie hätte die Schönheit und die Fremdheit dieses Landes genießen können. Nun aber saß sie hier allein und voller Angst, und der Albtraum, in den sie geraten war, wollte kein Ende nehmen.

Begonnen hatte alles mit einem Expressbrief von ihrer Mutter Angela, der recht verworren, aber eindeutig ein verzweifelter Hilferuf war und dem ein bezahltes Flugticket nach Verdonia beilag. Alyssa hatte alles stehen und liegen lassen und auch den Antritt ihrer neuen Anstellung, eines Spitzenjobs in der Wirtschaft, aufgeschoben. Womit sie nicht rechnen konnte, war, dass sie bei ihrer Ankunft gleich auf dem Flugplatz abgefangen und ins Landesinnere gebracht, das heißt, mehr oder weniger verschleppt wurde. Und hier wurde sie nun zu einer Heirat gedrängt, die sie nicht wollte. Da das Druckmittel aber das Wohl und Wehe ihrer Mutter war, die sich in der Hand ihrer zudringlichen Gastgeber befand, musste Alyssa notgedrungen dem Drängen nachgeben.

Ohne zu wissen, wie ihr geschah, war sie in den Strudel der Politik eines Landes geraten, dessen Sitten und Gebräuche sie nicht kannte und dessen Sprache sie nicht verstand. Ihre Mutter hatte sie sehen dürfen, aber nur so kurz, dass Angela keine Zeit hatte, ihr die Zusammenhänge zu erklären. Dem kurzen Gespräch, das sie in aller Hektik und Bedrängnis führen mussten, hatte Alyssa nur entnehmen können, dass sie hierzulande als Prinzessin angesehen wurde und dass Prinz Bernard Dombret durch die Heirat mit ihr beabsichtigte, zwei der drei Herzogtümer des Königreichs zu vereinigen, um seine Vormachtstellung zu sichern. Ein absurdes Missverständnis.

„Ich bitte um Vergebung, Hoheit, aber es wird Zeit.“

Aus ihren Gedanken gerissen, hob Alyssa den Kopf und sah den Wachsoldaten neben sich stehen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. „Ist es schon so weit?“, brachte sie nur mit Mühe hervor.

„Ja, es ist so weit“, bestätigte der hünenhafte Mann. In dem ernsten Blick seiner braunen Augen, bildete Alyssa sich ein, lag eine Spur von Mitgefühl.

Bevor sie jedoch dazu kam zu überlegen, wie sie noch einen weiteren kleinen Aufschub erreichen könnte, hörte sie an einem leisen, durchdringenden Geräusch, dass etwas an ihrem Ohr vorbeischwirrte. Der Wachmann verzog das Gesicht und hob die Hand, als habe ihn ein Insekt am Hals gestochen. Im nächsten Augenblick sackte er mit einem erstickten Laut auf den Lippen in sich zusammen und blieb reglos am Boden liegen.

Mit einem Aufschrei des Entsetzens sprang Alyssa von der Steinbank auf, auf der sie gesessen hatte. Sie wollte einen Schritt auf den Bewusstlosen zugehen, aber da wurde sie auch schon von hinten von einem starken Arm gepackt, der sie fest umklammert hielt und bewegungsunfähig machte. Gleichzeitig verschloss eine kräftige Hand ihr den Mund. Sie fühlte sich gegen einen harten, muskulösen Körper gepresst. Noch während diese kraftvollen Arme sie hochhoben, als sei sie federleicht, nahm Alyssa einen Geruch wahr, einen überraschend angenehmen Duft, der sie an Zedernholz erinnerte, mit einer sehr männlichen Note.

Nachdem sie ihre anfängliche Erstarrung überwunden hatte, begann Alyssa, sich wie wild zu winden, zu strampeln und um sich zu treten, ohne damit das Geringste auszurichten. Sie spürte heißen Atem in ihrem Nacken, und der kräftige Körper hinter ihr erbebte in einem lautlosen Lachen.

„Ganz ruhig, Prinzessin“, flüsterte eine dunkle Stimme ihr zu. „Das Gezappel nützt Ihnen überhaupt nichts.“

Alyssa besann sich und gab ihren Widerstand auf, wenn es ihr auch schwerfiel. Im Augenblick schien er zwecklos, und Alyssa hielt es für klüger, erst einmal stillzuhalten und einen besseren Zeitpunkt abzuwarten.

Hinter sich hörte sie den Mann, der sie festhielt, leise einige Befehle rufen, die sie jedoch nicht verstand, da sie in der Landessprache erteilt wurden. Alyssa sah sich um und konnte eine kleine Zahl von Männern ausmachen, die offenbar zum gleichen Trupp gehörten wie ihr Widersacher. Es dauerte nur Sekunden, bis sich die Eindringlinge mit Alyssa ins Unterholz des nahen Waldes zurückgezogen hatten. Rasch, lautlos und perfekt organisiert war das ganze Unternehmen vonstatten gegangen.

Aus dem Augenwinkel konnte Alyssa drei der Männer sehen, die dazugehörten, bevor diese tiefer im Wald verschwanden. Sie waren schwarz gekleidet, hatten schwarze Masken mit Sehschlitzen über die Gesichter gezogen und bewegten sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit.

Welch eine Ironie! Hatte sich Alyssa nicht eben noch sehnlichst gewünscht, ein Retter möge aus dem Nichts auftauchen? Aber so hatte sie es sich nicht vorgestellt. Was wollten diese Menschen von ihr? Als Nächstes fiel ihr ihre Mutter ein. Was würde mit ihr geschehen, wenn die Hochzeit platzte, weil sie plötzlich verschwunden war? Von Entsetzen gepackt, versuchte Alyssa erneut sich zu befreien, jedoch genauso erfolglos wie zuvor. Gegen die muskulösen Arme, die sie festhielten, hatte sie keine Chance.

„Bitte nicht.“ Als der Fremde sich zu ihr beugte und seine stoppelige Wange sie streifte, rief dies bei ihr einen wohligen Schauer hervor. Die Annäherung eines Liebhabers hätte nicht zärtlicher sein können. Angsterfüllt begann sie wieder, sich aus Leibeskräften zu wehren und in seinen Armen zu winden. „Hören Sie auf damit“, ermahnte er sie. „Sonst muss ich Sie fesseln. Möchten Sie das?“

Heftig schüttelte Alyssa den Kopf, und dabei rutschte der Schleier ihr halb über die Augen, wodurch sie noch weniger sehen konnte, was um sie herum geschah. Sie fühlte sich hilflos ausgeliefert. Deshalb konzentrierte sie sich darauf, ruhig und tief zu atmen, um ihrer Aufregung Herr zu werden.

Dann ging es tiefer in den Wald hinein, wo sie nach etwa zehn Minuten auf einen Feldweg stießen, auf dem zwei Geländewagen sie erwarteten. Alyssas Entführer hatte sie getragen, ohne ihr die Hand vom Mund zu nehmen. Soweit Alyssa es ausmachen konnte, waren vier Männer an ihrer Entführung beteiligt, den Kidnapper mitgerechnet, der anscheinend das Kommando hatte. Bei einem der Fahrzeuge schien eine fünfte Person zu warten, die Alyssa aber kaum erkennen konnte.

„Wir müssen uns beeilen. Aber du musst das nicht tun. Du kannst es dir noch immer überlegen“, erklärte der Mann, der Alyssa in der Gewalt hatte, dieser Person. Er sprach glücklicherweise weiterhin Englisch, sodass Alyssa wenigstens verstehen konnte, was er sagte.

„Nein, ich werde es tun. Ich habe meine Gründe dafür.“

Alyssa horchte auf, als sie bemerkte, dass es eine Frauenstimme war, die antwortete. Sie versuchte, den Kopf in Richtung der Sprecherin zu drehen, aber die kräftige Hand auf ihrem Mund hinderte sie daran. Aus dem Augenwinkel erhaschte sie gerade noch den Blick auf eine Gestalt in einem langen, silbrigen Gewand ähnlich dem Hochzeitskleid, das sie trug.

„Schnell, Merrick“, sagte die Frau. Merrick. Alyssa merkte sich den Namen. „Ich muss zur Kapelle, bevor jemand etwas merkt.“

Der Entführer zog Alyssa den Schleier herunter und warf ihn der anderen zu. „Wird das gehen?“, fragte er.

„Ausgezeichnet. Die Kleider sind fast identisch. Die kleinen Unterschiede verdeckt der Schleier.“ Sie fügte etwas in ihrer Muttersprache hinzu, das der Mann, Merrick, mit einem kurzen Lachen und einer Bemerkung beantwortete, die unglaublich liebevoll und vertraulich klang, was so gar nicht in dieses mit militärischer Präzision durchgeführte Unternehmen passte. Dann hörte Alyssa nur noch ein Rascheln von Kleiderstoff und leichte Schritte, die sich rasch in die Richtung entfernten, aus der sie gerade gekommen waren.

Nun waren sie und Merrick offensichtlich allein. Er lockerte den Griff um ihren Körper, drehte sie um und brachte sie dazu, sich unter einen Baum zu setzen.

Zögernd sah Alyssa ihm ins Gesicht und musste unwillkürlich an einen Löwen denken. Der Mann vor ihr hatte dunkelbraunes, von helleren Strähnen durchzogenes Haar. Die Augen waren hellbraun mit kleinen goldenen Sprenkeln. Die Wirkung dieser Augen wurde noch durch die hohen Wangenknochen unterstrichen. Die Nase war scharf geschnitten, aber nicht ganz gerade, so als sei sie schon einmal gebrochen gewesen. Es war das Gesicht eines Mannes, der bereits manchen Kampf und manche Gefahr überstanden hatte.

„Ich lasse Sie jetzt los, wenn Sie mir versprechen, nicht zu schreien. Sollten Sie es dennoch tun, bekommen Sie ein Klebeband über den Mund, verstanden?“

Alyssa nickte.

Ganz langsam löste er seinen Griff. Sie hob den Kopf und sah ihm trotzig ins Gesicht. „Was wird hier eigentlich gespielt?“, fragte sie, als sie halbwegs wieder zu Atem gekommen war.

Merrick hob die breiten Schultern. „Gespielt? Wenn das ein Spiel ist, sind Sie darin nur eine kleine Figur, die von anderen hin und her geschoben wird. Meine Aufgabe ist es, das Spiel zu unterbrechen, indem ich Ihre Figur vom Brett nehme.“

Das Herz schlug Alyssa bis zum Halse. Was hatte dieser rätselhafte Vergleich zu bedeuten? Bedeutete „vom Brett nehmen“ sie … zu töten? „Gibt es keine andere – Lösung?“, brachte sie nur mühsam hervor. Sie hasste sich dafür, dass sie sich nun doch ihre Angst anmerken ließ.

Sein Gesicht blieb ohne eine Regung. Nein, er war gewiss nicht der Mann, der sich von den Tränen einer Frau erweichen ließ. Dessen war sich Alyssa sicher. „Ich weiß nicht, was Sie damit meinen“, sagte er dann. „Es geht vor allem darum, diese Hochzeit zu verhindern. Und jetzt möchte ich Sie bitten, das Kleid auszuziehen.“

„Wie bitte?“

„Ziehen Sie dieses Kleid aus“, wiederholte er im Befehlston.

„Wieso?“

„Keine Diskussion. Ziehen Sie es einfach aus.“

Erst verständnislos, dann energischer schüttelte sie den Kopf. Da er ihr so unsanft den Schleier abgenommen hatte, war ihre Frisur durcheinandergeraten. Jetzt löste sich das zusammengesteckte Haar vollends, und die langen blonden Locken fielen ihr auf die Schultern. „Da gibt es auch nichts zu diskutieren. Ich kann es nämlich nicht ausziehen.“

Die Falten um seinen Mund wurden schärfer. Zum ersten Mal zeigte der Löwe eine Reaktion. „Passen Sie mal auf, Prinzessin. Entweder Sie ziehen jetzt das Kleid aus, oder ich tue es. Sie haben die Wahl.“

Die Antwort empörte Alyssa, und in ihr kochte Wut hoch, sodass sie für den Moment ihre Angst vergaß. Ruhig und mit einigermaßen fester Stimme erklärte sie ihm: „Wenn ich sage, ich kann es nicht ausziehen, dann meine ich das auch so. Das Kleid wurde mir regelrecht auf den Leib geschneidert. Ich bin praktisch darin eingenäht. Also komme ich auch nicht so ohne Weiteres da heraus. So, und wenn Sie mich jetzt umbringen wollen, dann machen Sie es wenigstens kurz.“

Er schaute sie an, einen merkwürdigen Ausdruck im Gesicht. „Umbringen? Wer redet denn davon? Ich will, dass Sie das ausziehen, weil das Kleid zu sehr auffällt, wenn wir gleich losfahren. Aber wenn Sie es allein nicht schaffen, aus dem verdammten Ding rauszukommen, dann helfe ich Ihnen gern.“

Alyssa war zu Tode erschrocken, als er sich zur Seite beugte und aus einer verborgenen Scheide, die er an einem Lederriemen unterhalb des Knies trug, ein Messer zog. Die über eine Handspanne lange Klinge blitzte gefährlich auf, als Merrick das Messer hob.

„Nein!“, rief Alyssa entsetzt.

Als er die Klinge senkte, spürte Alyssa an ihrer Brust für eine Sekunde die Kälte des Stahls, bevor die Schneide durch das Oberteil ihres Kleides glitt. Dann zerriss er mit beiden Händen den Seidenstoff bis hinunter zum Saum des Rockes. Anschließend steckte Merrick das Messer wieder weg und streifte ihr das Kleid, das jetzt wie ein offener Mantel an ihr herunterhing, von den Schultern. Einen Augenblick später lag es zu Alyssas Füßen auf dem Waldboden.

Kreidebleich geworden, rang Alyssa nach Atem.

Merricks Miene war wie versteinert. Er verabscheute selbst, was er tat, aber es blieb ihm nichts anderes übrig. Die ganze Unternehmung war widerlich, und Merrick hasste Bernard Dombret umso mehr dafür, dass dessen Machenschaften ihn zu solchem Vorgehen zwangen. Merrick beobachtete Alyssas Reaktion und bemerkte mit Erstaunen, wie schnell sie sich von ihrem Schock erholte.

Im Handumdrehen war ihre Furcht in helle Empörung umgeschlagen, die wie Funken aus den blauen Augen zu sprühen schien. Er bewunderte im Stillen ihre Courage. So leicht ließ diese Frau sich offenbar nicht unterkriegen, was allerdings auch bedeutete, dass sie ihm seine Mission nicht gerade leichter machte.

„Dreckiger Hundesohn!“, schrie sie ihn an.

„Das hat man mir schon häufiger gesagt, Prinzessin“, bemerkte er trocken.

Sie wich zurück und fühlte in ihrem Rücken die raue Baumrinde. Er betrachtete Alyssa von oben bis unten. Die Frage, die er sich gestellt hatte, als er sie durchs Fernglas ins Visier genommen hatte, war beantwortet. Eine knabenhafte Figur hatte sie jedenfalls nicht. Für ihren schlanken Körper hatte sie erstaunlich volle Brüste und sehr weibliche Formen, die ein tief geschnittener BH noch betonte, der vorn nur mit einer kleinen rosafarbenen Schleife zusammengehalten war.

Verschämt versuchte Alyssa ihre Blöße mit den Armen zu bedecken. Merrick juckte es in den Fingern, an dieser kleinen Schleife zu ziehen, um die ganze Pracht aus der reizvollen Verpackung zu befreien.

Auf Merricks Gesicht deutete sich ein Lächeln an. Schade, dass sie noch ihre weiten Unterröcke trug, die sich gerade in einer leichten Brise sanft bauschten. Sein Lächeln verschwand, und er griff erneut nach dem Messer.

„Rühren Sie sich nicht von der Stelle“, befahl er. Dann stieß er die Klinge durch die Röcke hindurch in den Baumstamm und heftete sie so daran fest. Darauf hob er das zerrissene Kleid vom Boden auf und schaffte es zu dem silberfarbenen Geländewagen. Als er die hintere Tür öffnete, um das Kleid hineinzuwerfen, kehrte er ihr kurz den Rücken zu.

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