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Mit dir kommt das Glück

Marie Ferrarella

Mit dir kommt das Glück

PROLOG

„Du siehst heute so wütend aus“, sagte Theresa Manetti mit einem besorgten Blick auf Maizie Sommers. „Was ist los?“

Die drei Freundinnen Cecilia Parnell, Maizie und Theresa saßen gerade bei ihrem wöchentlichen Pokerspiel zusammen. Das Dreiergespann hielt diese Tradition schon seit Jahren aufrecht, selbst wenn es stürmte oder schneite.

Maizie legte ihre Karten mit dem Bild nach unten auf den Tisch und schüttelte so heftig den Kopf, dass ihr kinnlanges silberblondes Haar um ihr Gesicht flog. „Mir ist gerade nicht nach Pokern zumute“, sagte sie gereizt.

„Okay“, antwortete Theresa vorsichtig, „wonach ist dir dann?“

„Nach Schreien!“, erwiderte Maizie kurz.

Theresa und Cecilia wechselten einen vielsagenden Blick. Sie ahnten schon, worum es ging.

Die drei Frauen waren seit ihrer dritten Schulklasse beste Freundinnen. Alles hatte damit angefangen, dass der schlaksige Michael Fitzpatrick Theresa mit einem Kuss schockierte und daraufhin von Cecilia und Maizie über den Schulhof gejagt wurde. Der Übeltäter, die Unglückliche und ihre Retterinnen mussten zur Strafe eine Woche lang nachsitzen. Danach waren die Mädchen ein eingeschworenes Team, während Michael mit dem Gedanken spielte, den Jesuiten beizutreten.

Maizie, Theresa und Cecilia besuchten dieselben Schulen und gingen gemeinsam zum College. Sie luden sich gegenseitig zu ihren Junggesellinnenpartys ein und nahmen an freudigen Ereignissen wie den Geburten ihrer Kinder Anteil. Als eine nach der anderen frühzeitig Witwe wurde, standen sie sich gegenseitig bei. Und als Theresa, damals junge Mutter von zwei Kindern, an Brustkrebs erkrankte, sprangen Maizie und Cecilia bei ihr zu Hause ein.

Die drei kannten sich nach all den gemeinsam verbrachten Jahren besser als sich selbst. Theresa und Cecilia fiel es daher nicht schwer zu erraten, dass Maizies Tochter Nicole die Ursache für Maizies schlechte Stimmung war.

Cecilia sprach das heikle Thema als Erste an. „Es ist wegen Nikki, nicht wahr?“

„Natürlich ist es wegen Nikki! Wisst ihr, was sie zu mir gesagt hat?“, rief Maizie aufgebracht.

„Nein“, antwortete Cecilia, „aber du wirst es uns bestimmt gleich erzählen.“

„Sie hat doch tatsächlich behauptet, dass es ihr nichts ausmachen würde, nie zu heiraten. Ist das zu fassen?“

Theresa seufzte. „Kate hat neulich in etwa das Gleiche gesagt.“

„Das scheint ansteckend zu sein“, bemerkte Cecilia. „Bei meinem letzten Gespräch mit Jewel meinte sie, sie sei ‚glücklich‘ mit ihrem Leben. Natürlich sollte ich mich für sie freuen, aber …“

„Ihr wisst ja wohl, was das bedeutet?“, fiel Maizie ihr ins Wort.

„Ja, wir werden niemals Enkelkinder haben.“ Theresas Stimme zitterte angesichts dieser schrecklichen Aussicht.

Maizie lehnte sich über den Tisch und ergriff die Hände ihrer Freundinnen. „Und was wollen wir dagegen tun?“

„Tun?“, fragte Theresa verwirrt. „Was können wir schon tun? Die Mädchen sind schließlich keine Kinder mehr.“

„Natürlich nicht“, antwortete Maizie spöttisch. „Sonst würden wir uns schließlich nicht solche Sorgen um ihr Beziehungsleben machen, oder?“

„Theresa will damit sagen, dass unsere Töchter inzwischen erwachsen und selbstständig sind“, sprang Cecilia ihrer Freundin bei.

Maizie fegte das Argument mit einer Handbewegung beiseite. „Heißt das etwa, dass wir keine Mütter mehr sind, nur weil unsere Töchter mehr als einundzwanzig Kerzen auf der Geburtstagstorte haben?“

„Natürlich nicht“, protestierte Theresa. „Ich werde immer Kates Mutter sein, aber …“

Maizie ließ sie nicht ausreden. „Wir haben viel zu lange untätig herumgesessen. Es ist höchste Zeit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen!“

„Worauf willst du eigentlich hinaus, Maizie?“, fragte Theresa.

„Sie ist einfach frustriert …“ Weiter kam Cecilia nicht.

„Selbstverständlich bin ich frustriert! Ihr doch auch, oder etwa nicht?“ Maizie sah ihre Freundinnen herausfordernd an. „Als wir so alt waren wie unsere Töchter, waren wir schon längst unter der Haube.“

„Die Zeiten haben sich aber geändert, Maizie“, entgegnete Theresa.

„So sehr nun auch wieder nicht“, beharrte Maizie. „Liebe regiert noch immer die Welt, oder etwa nicht? Wollt ihr denn nicht, dass eure Töchter die große Liebe finden?“

„Natürlich wollen wir das“, antwortete Cecilia. „Aber wenn der liebe Gott kein Wunder geschehen lässt, wird daraus wohl nichts werden.“

„Lies die Zeitung, Cecilia. Gott hat gerade anderes zu tun. Und außerdem …“, Maizie warf Theresa einen Beifall heischenden Blick zu, „… hilft Gott nur denen, die sich selbst helfen, stimmt’s?“

„Da hast du natürlich recht“, stimmte Theresa ihr zu. „Aber was willst du uns eigentlich sagen?“, fragte sie nervös.

„Ich kenne dieses Lächeln!“ Cecilia zeigte mit dem Finger auf Maizie. „Es ist das gleiche wie das von Bette Davis in ‚Alles über Eva‘, als sie ihren Partygästen rät, sich gut anzuschnallen.“

Maizie lachte. „Niemand braucht sich anzuschnallen. Ich will nur zu bedenken geben, dass vor gar nicht allzu langer Zeit noch die Eltern die Ehen ihrer Töchter arrangiert haben.“

Theresa runzelte skeptisch die Stirn.

„Warum siehst du mich so an?“, fragte Maizie.

„Wenn du mich fragst, wird das nie funktionieren, Maizie. Ich weiß nicht, wie Nikki ist, aber Kate ist schon fast krankhaft unabhängig.“

„Jewel auch“, stimmte Cecilia zu. „Sie will auf keinen Fall mit jemandem verkuppelt werden. Glaubt mir, ich habe es versucht! Was auch immer du vorhast, Maizie, es ist zwecklos.“

„Wer sagt denn, dass wir unseren Töchtern von unserem Plan erzählen müssen?“, fragte Maizie unschuldig.

„Also gut, heraus mit der Sprache“, verlangte Cecilia. „Was hast du für einen Plan?“

„Kommt schon, meine Lieben, denkt doch mal nach! Wir sind alle selbstständige Geschäftsfrauen und begegnen in unseren Jobs täglich den unterschiedlichsten Menschen“, betonte sie. „Ich habe ein Maklerbüro, Theresa hat einen Catering Service, und du betreibst eine Reinigungsfirma …“

„Das wissen wir doch alles“, unterbrach Cecilia sie ungeduldig. „Was hat das mit Nikki, Kate und Jewel zu tun?“

„Wir sind alle drei in der Lage, unsere Augen nach passenden Kandidaten aufzuhalten“, erklärte Maizie enthusiastisch.

Theresa sah Cecilia verwirrt an. „Weißt du, wovon sie spricht?“

„Ich meine geeignete Heiratskandidaten für unsere Töchter, Theresa“, erklärte Maizie. „Da draußen laufen mehr alleinstehende Männer herum als je zuvor. Und wir haben die Berufe, bei denen wir sie finden können.“

„Und was ist, wenn wir einen gefunden haben? Fangen wir ihn dann mit dem Lasso ein und bringen ihn zu den Mädchen?“, fragte Cecilia sarkastisch.

„Das ist verboten“, ergänzte Theresa.

„Es verstößt aber nicht gegen das Gesetz, unseren Verstand zu gebrauchen und gewisse Situationen einzufädeln“, beharrte Maizie. „Betrachtet eure männlichen Kunden von jetzt an einfach nicht mehr nur als Kunden, sondern als Männer. Als potenzielle Schwiegersöhne.“

„Na schön, angenommen, wir machen mit“, sagte Cecilia. „Was passiert, wenn eine von uns tatsächlich einen ‚potenziellen Schwiegersohn‘ sieht?“

Maizies Augen begannen zu funkeln. „Dann improvisieren wir eben. Das schaffen wir schon. Verzweifelte Situationen erfordern eben verzweifelte Maßnahmen.“ Zufrieden lächelnd lehnte sie sich zurück. „Also?“ Sie rieb sich die Hände und sah ihre Freundinnen herausfordernd an. Ihre Stimmung war inzwischen eindeutig gestiegen. „Was haltet ihr von einer kleinen Runde Poker? Ich habe das Gefühl, gleich auf eine Glückssträhne zu stoßen.“

Theresa und Cecilia wechselten einen Blick. Maizies Idee war verrückt genug, um zu funktionieren. Einen Versuch war es zumindest wert.

1. KAPITEL

Bevor sie ihren Plan in die Tat umsetzte, wollte Maizie ihrer Tochter noch eine letzte Chance geben.

Sie wusste genau, wie beschäftigt Nikki in ihrer eigenen Kinderarztpraxis und mit den ehrenamtlichen Einsätzen im Krankenhaus war. Also hatte sie das Lieblingsessen ihrer Tochter gekocht und sich damit auf den Weg zu ihrem Haus gemacht.

Aber offensichtlich war Nikki mal wieder beruflich aufgehalten worden. Maizie wartete fast eine Stunde, bis ihre Tochter endlich mit ihrem Auto in die Einfahrt bog.

Nikki war überrascht, ihre Mutter mit einer blauen Auflaufform zu Füßen vor ihrer Haustür anzutreffen. Sie kurbelte die Fensterscheibe herunter, und prompt blies der Wind ihr das blonde Haar ins Gesicht. Sie fischte eine feucht gewordene Strähne aus dem Mund. „Waren wir heute verabredet?“, rief sie Maizie zu, stellte den Motor ab und stieg aus dem Wagen.

Maizie bückte sich und hob die Form auf. „Nein, das ist ein Spontanbesuch“, rief sie fröhlich.

Nikki sah Maizie prüfend an. Ihre zusammengekniffenen Augen hatten das gleiche Blau wie die ihrer Mutter. Schon seit Nikkis Studienabschluss war Maizie nicht mehr unangemeldet bei ihr aufgetaucht. Dieser Überraschungsbesuch hatte bestimmt nichts Gutes zu bedeuten. „Tut mir leid, dass ich so spät komme“, entschuldigte sie sich. „Wartest du schon lange hier?“

„Nein, nicht besonders“, log Maizie.

Nikki warf einen Blick auf die Schmorpfanne. Vorsicht vor Müttern mit Geschenken!

Sie schloss die Haustür auf, und Maizie begab sich schnurstracks in die Küche. Für Nikkis Geschmack wirkte sie ein kleines bisschen zu gut gelaunt. Dann kam ihr plötzlich ein Gedanke.

„Hast du gestern etwa wieder mit Tante Cecilia und Tante Theresa gepokert?“, fragte sie, während sie die Tür hinter sich ins Schloss fallen ließ.

„Wir spielen doch jede Woche“, antwortete Maizie unschuldig.

Nikki wusste, dass das Pokerspiel der drei Frauen nur ein Vorwand für den Austausch von Klatsch und Informationen war. „Du brauchst mir nichts vorzumachen, Mom. Ich weiß genau, was ihr in Wirklichkeit tut.“

Maizie stellte den Bräter auf den Tisch und legte sich mit einer dramatischen Geste die Hand auf die Brust. „Großer Gott, ist das wahr? Ich möchte wirklich nicht schuld sein, wenn diese armen Männer verhaftet werden.“

„Männer?“, fragte Nikki. Rasch holte sie zwei Teller aus dem Schrank. „Was für Männer?“ Anschließend nahm sie Besteck aus einer Schublade und warf ihrer Mutter über die Schulter einen fragenden Blick zu. „Wovon um alles in der Welt redest du?“

Maizie hob den Deckel von der Pfanne. „Die Männer, die mit uns Strippoker spielen natürlich“, antwortete sie trocken. „Wovon sollte ich wohl sonst reden?“

Nikki griff sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. „Mom, du bist völlig verrückt, weißt du das eigentlich?“

„Das bin ich nicht! Aber selbst wenn, könnte mir niemand einen Vorwurf daraus machen. Einsame Menschen werden nun einmal verrückt“, antwortete Maizie, während sie ihrer Tochter die Wasserflasche aus der Hand nahm.

„Einsam? Jeder Wildfremde schüttet dir doch sofort sein Herz aus.“ So war es, seit Nikki denken konnte. Ihre Mutter strahlte etwas aus, das selbst völlig Unbekannte zum Reden ermunterte. Und Maizie unternahm nichts, um sie daran zu hindern.

Maizie zuckte die Achseln. „Das zählt nicht.“

„Was zählt denn dann?“ Aber Nikki wusste schon, worauf ihre Mutter hinauswollte. Denn darauf liefen alle ihre Gespräche hinaus. „Kinder?“, fragte sie.

„Allerdings!“, sagte Maizie mit Nachdruck.

„Schön“, antwortete Nikki mit ausdrucksloser Miene. „Du kannst mich ja morgen zur Arbeit begleiten und dich nach Herzenslust unter meine Patienten mischen.“

Maizies Lächeln erstarb. „Das sind die Kinder anderer Leute.“

„Trotzdem sind es Kinder.“ Nikki legte Servietten auf den Tisch.

„Das ist nicht das Gleiche.“ Maizie blieb stur. „Bist du etwa damit zufrieden, dich immer nur um den Nachwuchs anderer Leute zu kümmern? Willst du denn nie ein eigenes Kind?“

Nikki verdrehte die Augen. Nicht schon wieder! „Doch, ich hätte sehr gern eigene Kinder. Und so Gott will, werde ich auch welche bekommen“, versicherte sie Maizie. „Aber in der Zwischenzeit mache ich etwas Sinnvolles mit meiner Zeit. Mom, ich liebe dich mehr als alles auf der Welt, aber ich wünschte, du würdest mich endlich mit dem Kinderthema in Ruhe lassen.“

Maizie schüttelte traurig den Kopf. „Ich fürchte, ich habe dich viel zu lange damit in Ruhe gelassen.“

„Das sehe ich anders“, antwortete Nikki energisch, fest entschlossen, das Thema zu wechseln. „Komm schon, Mom“, drängte sie. „Lass uns einfach essen und über etwas anderes unterhalten.“ Sie zeigte auf den Topf. „Der Braten duftet köstlich.“

„Er ist längst abgekühlt“, widersprach Maizie. „Ich habe eine Stunde lang auf dich gewartet.“

„Ich dachte, du bist gerade erst gekommen?“

„Das war gelogen. Aber nur ausnahmsweise“, fügte Maizie hastig hinzu.

„Ach so“, ging Nikki über die Flunkerei hinweg. Sie erklärte stattdessen lieber, was sie aufgehalten hatte. „Mrs Lee hat vorzeitig Wehen bekommen. Es ist ihre erste Geburt. Sie hatte sich noch keine Kinderärztin gesucht, und Larry rief mich an, als ich gerade die Praxis verlassen wollte.“

Maizie wurde sofort hellhörig. „Larry? Meinst du etwa Larry Bishop?“

Nikki erkannte zu spät, dass sie mit ihrer Bemerkung ein Minenfeld betreten hatte. Sie und der Gynäkologe waren einige Monate lang ein Paar gewesen. Dann hatte sie einsehen müssen, dass Larrys Beziehungskonzept darin bestand, dass er sich mit jeder Frau traf, während sie zu Hause auf ihn wartete.

„Ja, Mom“, antwortete Nikki geduldig. „Larry Bishop.“

„Wie geht es ihm denn?“, bohrte ihre Mutter nach.

„Er ist inzwischen verlobt“, berichtete Nikki und stellte den Bräter in die Mikrowelle.

Maizie rutschte auf ihrem Stuhl herum. „Für immer?“, fragte sie.

„Nein, er wird es bestimmt irgendwann satthaben, verlobt zu sein, und dann wird er heiraten.“ Seine Frau tut mir jetzt schon leid, dachte sie bei sich. Sie drehte sich zu ihrer Mutter um und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. „Mach nicht so ein Gesicht, Mom. Hat Grandma dir nicht gesagt, dass Grimassen festwachsen können, wenn man nicht aufpasst?“, witzelte sie.

„Kann schon sein, aber ich war zu beschäftigt mit meinem Kind, um ihr zuzuhören“, antwortete Maizie gereizt. „Dir ist doch wohl klar, dass deine biologische Uhr tickt?“

Wie waren sie nur schon wieder bei diesem Thema gelandet? „Ich weiß, Mom. Ich verspreche dir hoch und heilig, dir noch rechtzeitig ein Enkelkind zu schenken, und wenn ich dafür eines stehlen muss.“

„Hervorragend – meine Tochter, die Kidnapperin!“

„Jeder braucht etwas, worauf er sich freuen kann“, erwiderte Nikki fröhlich. In diesem Augenblick klingelte die Mikrowelle. Nikki nahm ein Paar Topfhandschuhe, zog den Bräter heraus und brachte ihn zum Tisch. Dann setzte sie sich wieder. „Und? Was gibt es Neues in deinem Leben?“, fragte sie, während sie sich ein großes Bratenstück auf ihren Teller lud.

„Meinst du abgesehen von meiner respektlosen Tochter?“

„Das ist doch nichts Neues“, antwortete Nikki, schluckte den ersten Bissen hinunter und lächelte genießerisch. „Mmmh, schmeckt das lecker!“, rief sie begeistert. „Ich hatte ganz vergessen, wie gut dein Schmorbraten ist.“

Maizie witterte sofort ihre Chance. „Ich verspreche dir, jeden Abend für dich zu kochen, wenn du erst einmal verheiratet bist.“

Früher hätte Maizie ihre Tochter mit ihrer Hartnäckigkeit zur Weißglut gebracht, aber inzwischen hatte sie sich schon fast daran gewöhnt. Daher lachte Nikki nur. „Danke, nicht nötig. Außerdem bin ich beruflich viel zu eingespannt für einen Ehemann.“ Nach mehreren Missgriffen in Sachen Männer hatte sie sich inzwischen ganz gut damit arrangiert, allein zu sein. „Kein Mann will schließlich mit einer florierenden Praxis konkurrieren.“

„Deine Patienten werden irgendwann erwachsen“, beharrte ihre Mutter. „Dann ziehen sie einfach weiter.“

Nikki verstand Maizies Sorge, dass sie irgendwann allein zurückbleiben würde. „Dann kommen eben neue“, antwortete sie.

„Auch die werden irgendwann erwachsen.“ Maizie legte ihre Hand auf die ihrer Tochter. „Eigene Kinder sind immer für dich da, wenn du es nur richtig anstellst.“

„Nicht wenn man sie lange genug nervt“, konterte Nikki.

Maizie richtete sich würdevoll auf. „Willst du damit etwa andeuten, dass ich dich nerve? Ich gebe dir doch nur einen Rat.“

„Aber den immer und immer und immer wieder.“

Maizie nickte. „So lange, bis du ihn annimmst, Kleines.“

Nikki schob sich rasch einen weiteren Bissen in den Mund. Sonst hätte sie nämlich ihrer Mutter empfohlen, sich ihren Rat an den Hut zu stecken.

Auf die Frage nach ihrem Sternzeichen antwortete Maizie stets, dass sie Optimistin sei. Das tat sie aus gutem Grund, denn abgesehen von dem frühen Tod ihres Mannes verlief in ihrem Leben alles nach Wunsch. Gleich am Tag nach ihrem Besuch bei Nikki zum Beispiel schickte ihr das Schicksal den perfekten Schwiegersohn in ihr Maklerbüro.

Der große muskulöse und dunkelhaarige Fremde hatte das Gesicht eines Actionhelden. Er war der erste Kunde des Tages und zweifellos der attraktivste Mann, den Maizie je außerhalb einer Kinoleinwand erblickt hatte … Vielleicht war er sogar noch attraktiver als jeder Kinoheld. Sein Name war Lucas Wingate. Es stellte sich heraus, dass er neu in der Gegend und daher auf der Suche nach einem Haus für sich und seine sieben Monate alte Tochter war. Dank Maizies Hilfe wurde er schnell fündig.

Wie durch einen Wink des Schicksals fragte er nach der Vertragsunterzeichnung beiläufig, ob Maizie ihm nicht zufällig einen Kinderarzt empfehlen könne.

Maizie war überglücklich. Gott sei Dank hieß Nikki mit Nachnamen Connors, während sie selbst beruflich ihren Mädchennamen verwendete. Daher hatte sie auch keinerlei Hemmung, ein wahres Loblied auf Nikki anzustimmen. Lucas Wingate brauchte ja nicht gleich zu erfahren, dass die Ärztin ihre Tochter war.

Anschließend drückte sie nur noch die Daumen.

Es ist schon merkwürdig, wie rasch man sich an Neues gewöhnt, dachte Lucas einige Tage später im Wartezimmer von Nikkis Praxis.

Da waren zum Beispiel die Besuche beim Kinderarzt. Er fühlte sich dort inzwischen längst nicht mehr so fehl am Platz, obwohl er meistens der einzige männliche Anwesende über zehn Jahre war. Auch die neugierigen Blicke der Mütter ließen ihn mittlerweile kalt.

Und das war gut so, denn an dieser Situation würde sich so bald nichts ändern. Seit Heather drei Tage alt war, war er allein für sie verantwortlich. Das hieß, dass er auch lästige Pflichten übernehmen musste, die ihm früher nicht im Traum eingefallen wären.

Zumindest nicht vor Caroles aufgeregtem und unverständlichem Anruf aus der Praxis ihres Gynäkologen. Weil ihre Stimme sich damals vor Begeisterung derart überschlug, verstand er erst nach einer Weile, dass seine geliebte Frau binnen acht Monaten ein Baby zur Welt bringen würde.

Inzwischen kam es ihm so vor, als sei das alles Millionen von Jahren her. Verdammt, er durfte nicht mehr über Dinge nachgrübeln, die sich ohnehin nicht ändern ließen!

Angestrengt konzentrierte Lucas sich wieder auf die Gegenwart.

Jetzt, da er endlich ein Haus gefunden hatte und seine Tage im Hotel gezählt waren, wollte er seine Tochter vorsorglich einem Kinderarzt vorstellen.

Anders als früher hielt Lucas inzwischen nämlich viel von Organisation und weiser Vorausplanung. Den sorglosen Computerprogrammierer von vor sieben Monaten gab es nicht mehr. Innerhalb von zweiundsiebzig Stunden Vater zu werden und seine Frau zu verlieren veränderte schließlich jeden Mann.

Mit seiner zappelnden Tochter auf dem Arm füllte Lucas die Anmeldeformulare aus, was sich schwieriger gestaltete als gedacht. Seine Handschrift war auch unter idealen Bedingungen nicht besonders leserlich. Aber jetzt sah es so aus, als hätte er ein Huhn in Tinte getaucht und es anschließend mehrmals über die Formulare gescheucht. Da war wahrscheinlich sogar die Schrift des Arztes leichter zu entziffern.

„Tut mir leid“, entschuldigte er sich, als er der Arzthelferin die ausgefüllten Bögen reichte.

Lisa warf einen kurzen Blick darauf und lächelte ihn an. „Sie haben das besser erledigt als die meisten in Ihrer Situation“, beruhigte sie ihn. Sie heftete die Unterlagen in einer flachen rosa Mappe ab. „Setzen Sie sich bitte noch einen Augenblick.“ Sie nickte in Richtung des Stuhls, von dem Lucas gerade aufgestanden war. „Sie müssen nur noch kurz warten, bis Sie an der Reihe sind.“

Lisa verstand unter „nur noch kurz“ eindeutig etwas anderes als Lucas. Allmählich konnte er seine mehr als unruhige Tochter kaum noch bei Laune halten. Wie sich herausstellte, hieß „nur noch kurz“ in seinem konkreten Fall fünfzig Minuten. Zum Glück war er beruflich sein eigener Herr. Da er von zu Hause aus arbeitete, war er zeitlich relativ flexibel. Und Maizie Sommers hatte ihm diesen Kinderarzt wärmstens empfohlen.

„Mister Wingate?“, fragte schließlich eine tiefe und klangvolle männliche Stimme.

Na endlich! dachte Lucas.

Er sah zur Tür und stellte fest, dass die Stimme zu einem unscheinbaren Mann von mittlerer Größe und mit schütterem Haar gehörte. Sein voller Bariton passte überhaupt nicht zu ihm.

„Hier!“, antwortete Lucas rasch, um nicht womöglich noch übersehen zu werden. „Jetzt geht’s endlich los, Heather“, murmelte er.

Hastig durchquerte er das mit Spielzeug und Kindern überfüllte Wartezimmer zu dem Herrn im weißen Kittel, der Heathers Akte in der Hand hielt.

„Dr. Connors?“, fragte Lucas, als er bei ihm angekommen war.

Lachend schüttelte der Mann den Kopf. „Leider nein. Ich bin Bob Allen, Dr. Connors’ Assistent.“

„Oh.“ Bestimmt war Lucas nicht der Erste, der in dieses Fettnäpfchen trat. Männliche Assistenten waren ziemlich rar. Hoffentlich hatte er dem Arzthelfer damit nicht vor den Kopf gestoßen.

Lucas folgte Bob an zahlreichen geschlossenen Türen vorbei durch einen langen Flur. Die Praxis von Heathers altem Kinderarzt war erheblich kleiner gewesen. „Sind das alles Behandlungszimmer?“, fragte er.

Bob drehte sich zu ihm um. „Ja, Dr. Connors ist eine sehr beliebte Ärztin“, antwortete er stolz.

„Eine Ärztin?“, wiederholte Lucas überrascht. Er war wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Praxis von einem Mann betrieben wurde. Offensichtlich hatte er sich geirrt. „Dr. Connors ist eine Frau?“

„Als ich sie ...

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