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Mit dir kommt das Glück

1. KAPITEL

Als kleines Mädchen wollte Veronica Bing unbedingt blaue Augen und blondes Haar haben. Langes blondes Haar bis zur Taille und solche himmelblauen Augen, mit denen man als Mädchen alles bekommen konnte. Außerdem wollte sie eine Elfenprinzessin mit Flügeln sein – und eine Zahnspange sowie geschiedene Eltern haben, wie alle anderen Kinder in der Schule. Und dann wünschte sie sich auch noch ein knallrosa Auto. Das war doch eigentlich nicht zu viel verlangt, oder?

Doch leider bekam Veronica dichtes, lockiges dunkles Haar. Und nachdem sie sich mit knapp zwanzig einmal ein halbes Jahr lang den Traum vom Blondsein erfüllt hatte, war ihr klar geworden, dass dies nicht die vorteilhafteste Haarfarbe für sie war. Seitdem war sie wieder brünett. Ihre Augen waren ebenfalls braun, und so hatte sie andere Möglichkeiten gefunden, das zu bekommen, was sie wollte.

Auch auf die Flügel hatte Veronica vergeblich gewartet. Sie hatte sogar feststellen müssen, dass sie allergisch aufs Fliegen reagierte – sofern Übelkeit, feuchte Handflächen und Kurzatmigkeit als Anzeichen für eine Allergie gelten konnten. Merkwürdigerweise riefen Mangos, Aprikosen und große, dunkelhaarige attraktive Männer, die in ihr die Erfüllung all ihrer Eheträume sahen, in ihr dieselbe Reaktion hervor. Aus diesem Grund war sie noch immer prinzenlos – der Prinzessinnentraum hatte sich also nicht erfüllt.

Das knallrosa Auto hatte sie tatsächlich bekommen, und ein erfüllter Traum von sieben war doch kein schlechtes Ergebnis.

Mit ihrer sehr schicken, sehr rosafarbenen und sehr kostenintensiven Corvette fuhr Veronica durch die kleinen Seitenstraßen im Osten von Melbourne. Sie schaltete einen Gang runter, schob sich die Sonnenbrille ins Haar und bog geschickt und mit lautem Motorendröhnen in die High Street in Armadale.

Ihr Haar flatterte im Wind, während sie im Schneckentempo hinter einer Straßenbahn herfuhr, vorbei an historischen Ladenfronten, Antiquitätenläden, exklusiven Boutiquen und Kunstgalerien, dicht aneinandergereiht in der eleganten, von Eichen gesäumten Straße.

„Tja, Miss Bing, Sie sind nicht mehr an der Gold Coast“, sagte Veronica und schob sich die Sonnenbrille wieder vor die Augen.

Als die Straßenbahn quietschend vor ihr zum Stehen kam, lehnte Veronica den Kopf zurück und blickte nach oben in den knallblauen Himmel.

Sie atmete tief ein und nahm nach sechs Jahren Abwesenheit die Bilder und Geräusche ihrer Geburtsstadt Melbourne auf. Veronica war wegen eines Vorstellungsgesprächs für eine Stelle zurückgekommen, die geradezu perfekt klang: fest angestellte Auktionatorin in einer renommierten Kunstgalerie.

Es war eine zeitlich befristete Stelle, die sofort zu besetzen war. Außerdem würde sie mit einer guten Freundin zusammenarbeiten, die sie seit Ewigkeiten nicht gesehen hatte. Und das Beste: Die Galerie und damit ihr neuer Arbeitsplatz lag ganz am anderen Ende Australiens, so weit weg wie nur möglich von ihrer letzten Stelle – und damit auch so weit weg wie möglich von ihrem letzten Chef.

Veronica dachte daran, wie sie überstürzt von Queensland aufgebrochen war, mit nichts außer einem Koffer und ihrer rosafarbenen Corvette. Bei der Erinnerung an die frohlockende Kündigung, die sie Geoffrey auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte, stockte ihr ein wenig der Atem. Aber nicht etwa aus Angst, sondern weil sie nun frei war.

Sie hatte keine Arbeit und kein Zuhause, aber was machte das schon? Dass diese Stelle, die Kristin erst diese Woche beiläufig am Telefon erwähnt hatte, bisher die einzige Aussicht auf Arbeit war, machte Veronica ebenso wenig aus. Und dass die nächste Rate für das Auto in einer knappen Woche fällig war, ihr Bankkonto sich aber in einem desolaten Zustand befand, konnte ihren Optimismus auch nicht schmälern.

Veronica warf einen Blick in den Rückspiegel und überprüfte ihre geschminkten Lippen. „Keine Panik“, sagte sie und lächelte ironisch.

Als die Straßenbahn sich schwerfällig in Bewegung setzte, schob Veronica sich an ihr vorbei und sah sich nach einem Gebäude um, das Kristin als zweistöckiges, rotes Backsteinhaus beschrieben hatte, dessen Fassade an eine alte Feuerwache erinnerte: die Kunst- und Antiquitätengalerie „Hanover House“.

Mitch Hanover ging hinter dem überdimensionalen Empfangstresen des imposanten Hanover House hin und her, dem traditionsreichen Auktionshaus mit Galerie, das sich bereits seit vielen Generationen im Besitz seiner Familie befand.

„Wie spät ist es denn?“, fragte seine Assistentin Kristin.

Mitch sah von der Uhr auf, die er seit einer Weile starr betrachtet hatte, und blickte durch die Bogenfenster nach draußen. „Es ist spät. Sie ist zu spät. Hattest du deine Freundin nicht als sehr professionell beschrieben?“

Kristin warf ihm einen finsteren Blick zu. „Ich sagte, sie sei die Erfüllung all deiner Träume. Aber wenn das für dich ‚professionell‘ bedeutet …“

Mitch schnaufte missbilligend. „Dir ist aber schon bewusst, dass ich mit ihr das letzte Vorstellungsgespräch führen werde, stimmt’s? Wenn wir uns heute nicht für einen neuen Auktionator entscheiden, kann die Präsentationsveranstaltung für die Versteigerung nächste Woche nicht stattfinden.“

Er brauchte nicht zu erwähnen, dass in diesem Fall auch die Auktion selbst ausfallen würde – und damit würde das Unternehmen ebenfalls den Bach hinuntergehen. Alle im Haus wussten das, hatten Angst davor – und rechneten zugleich damit.

Doch Kristin lächelte. „Keine Panik, Mitch. Sie ist einfach perfekt für die Stelle geeignet. So perfekt, dass du ihr in einer Stunde aus der Hand fressen wirst.“

Mit zusammengekniffenen Augen sah Mitch sie an und überlegte angestrengt, wie viel er glauben konnte. „Wann ist mein nächster Termin?“

Kristin tippte etwas auf ihrem Blackberry. Als sie sich Mitch zuwandte, war sie die Unschuld selbst. „Du hast noch jede Menge Zeit. Entspann dich einfach.“

Entspannen? Als ob er dazu in der Lage wäre! Das offenbar kurz bevorstehende Scheitern der Galerie lastete schwer auf Mitch.

Als das Motorheulen eines schicken Sportwagens die angespannte Stille zerriss, hob Mitch den Kopf und sah eine leuchtend rosafarbene Corvette in eine winzige Lücke im Parkverbot direkt vor der Galerie fahren.

„Idiot“, fluchte er leise. Die Behörden waren in diesem Teil der Stadt so auf Zack, dass der Kerl innerhalb einer Stunde abgeschleppt sein würde. Mitch wusste das aus Erfahrung – es war ihm selbst zweimal passiert.

Als der Motor ausgestellt wurde, war scheußliche, schallend laute Achtziger-Jahre-Partymusik zu hören. Dann wurde auch diese ausgeschaltet, und der Raum wurde wieder von Stille erfüllt.

Plötzlich gab Kristin ein aufgeregtes Quietschen von sich und rannte an Mitch vorbei nach draußen. Sie lehnte sich so weit in das Cabrio hinein, dass Mitch hätte sehen können, ob sie eine Strumpfhose oder Strümpfe mit Haltern trug. Er wandte den Blick ab.

Dann ging ihm ein Licht auf. Der „Idiot“, der den Wagen fuhr, musste Veronica Bing sein, die zum Vorstellungsgespräch kam. Natürlich. Schon seit einiger Zeit war Mitch fest davon überzeugt, dass er vom Schicksal bestraft wurde. Er atmete tief ein und beschloss, das Vorstellungsgespräch mit dieser Frau zwar zu führen – aber dann einen der drei anderen geeigneten Kandidaten einzustellen.

Als Kristin sich wieder aufgerichtet hatte, versuchte Mitch einen besseren Blick auf die Bewerberin zu erhaschen, die nach Ansicht seiner Assistentin – die er bis zu diesem Moment mit äußerst heiklen Aufgaben betraut hatte, zum Beispiel mit dem Aussuchen eines Blumenstraußes, der die Worte „Es war wirklich toll, dich kennenzulernen, aber …“ begleitete – die Erfüllung all seiner Träume war.

Die „Erfüllung“ war groß, hatte dunkle Locken und eine noch dunklere riesige Sonnenbrille, die ihr halbes Gesicht bedeckte. Darunter waren sinnliche rote Lippen zu sehen, die strahlend lächelten und den Blick auf blendend weiße Zähne freigaben. Die Frau trug ein ärmelloses schwarzes T-Shirt, und ihre langen, schlanken Arme hatten deutlich mehr Sonne abbekommen, als es hier in Melbourne während des langen Winters gegeben hatte. Als Kristin sie leicht schüttelte, bevor sie sie erneut umarmte, konnte Mitch fast das Dutzend schwarze Armreifen an ihrem linken Handgelenk klappern hören.

Statt die Autotür zu öffnen, schwang die Besitzerin der erstaunlich roten Lippen ihre Beine hinüber, sodass die Sohlen ihrer Stiefel mit einem lauten Geräusch auf dem Bürgersteig landeten. Sie waren schwarz und reichten ihr bis zum Knie. Ihre Jeans, die engste dunkle Jeans, die Mitch je gesehen hatte, schmiegte sich eng um Kurven, bei denen jedem auch nur halb lebendigen Mann das Wasser im Mund zusammengelaufen wäre.

Auch Mitch war noch mindestens halb lebendig. Eigentlich hatte er nicht vorgehabt, irgendeiner Frau besondere Aufmerksamkeit zu schenken – und schon gar nicht einer, die er vielleicht einstellen würde. Doch jetzt war er wie gebannt von dem Wesen auf der anderen Seite des Fensterglases.

Er zog am Windsorknoten seiner Krawatte, die ihm plötzlich viel zu eng gebunden erschien. War sie aber nicht. Diesen Knoten band er schließlich schon, seit er mit fünf Jahren auf eine Privatschule gegangen war. Morgens war Mitch wie jeden Tag um Punkt fünf Uhr aufgewacht und war, auch wie jeden Tag, fünf Kilometer auf dem Laufband in seinem Apartment gejoggt, bevor er sein gewohntes ballaststoffreiches Frühstück mit niedrigem glykämischem Index gegessen hatte – wie jeden Tag …

Normalerweise verhinderte dieser asketische Tagesablauf, dass es allein aufgrund eines hübschen Hinterteils und einer engen Jeans zu Adrenalinschüben kam.

Er tröstete sich auch mit dem Gedanken, dass Veronica Bing ein Outfit trug, wie man es bei einem Vorstellungsgespräch wirklich gar nicht erwartete. Deshalb war sie auch ganz sicher nicht die Richtige für ihn beziehungsweise das Unternehmen. Hatte diese Frau denn noch nie etwas von dunkelblauen Kostümen und beigefarbenen Strumpfhosen gehört?

Als Miss Bing eine große silberfarbene Tasche aus dem Auto nahm und beim Vorbeugen eins ihrer langen Beine anwinkelte, schloss Mitch die Augen und wandte sich ab.

Die Glocke über der Doppeltür aus Eiche klingelte. Mitch machte die Augen wieder auf, atmete tief ein und betrachtete das Porträt seines Urgroßvaters Phineas Hanover, das hinter dem Empfang hing. Dann schickte er ein Stoßgebet zum Himmel und wandte sich um.

Da kam sie auch schon herein, und mit ihr eine Brise der warmen Frühlingsluft. Kristin ging neben ihr und schnatterte wie ein aufgeregter Teenager.

Mitch bereitete sich innerlich darauf vor, die Dinge nun in die Hand zu nehmen. Doch als sein Blick auf die Vorderseite von Veronicas T-Shirt fiel, blieben ihm die Worte im Hals stecken: glänzende rote Lippen im Großformat schmiegten sich um ihre weiblichen Kurven.

Sofort war seine Kehle wie zugeschnürt – keine Folge von Hyperventilation, so viel war klar. Ebenso wenig konnte es ein Herzinfarkt sein: Mitch war vierunddreißig und total fit. Er blinzelte kurz, atmete tief ein und blickte seiner Bewerberin lieber in die Augen.

Dabei stellte er fest, dass sie ohne die riesige Sonnenbrille einfach … entzückend aussah. Ihm fiel kein anderes Wort dafür ein, sosehr er sich auch den Kopf zerbrach. Durch die zerzausten Locken wirkte Veronica, als wäre sie gerade erst aufgestanden. Und mit ihren glänzenden dunklen Augen und der sonnengebräunten Haut sah sie so gesund aus, dass sie fast zu strahlen schien.

Mitch spürte schwach, aber dennoch unverkennbar eine spontane Reaktion tief in seinem Innern, die sich schnell ausbreitete. Seine Handflächen kribbelten, und die Haare im Nacken standen ihm zu Berge. Das heftige Gefühl, das von ihm Besitz ergriff, erschreckte ihn zutiefst.

Als Veronica den Blick von Kristins freudestrahlendem Gesicht ab- und ihm zuwandte, wappnete er sich innerlich …

Ihr Lächeln verschwand – das konnte Mitch trotz der Entfernung und der Sonne sehen, die ihr im Rücken stand. Er fühlte es einfach.

Dann ließ Veronica den Blick von seinem dunklen Haar über den konservativen Anzug zu den frisch geputzten Schuhen und wieder zu seinen Augen gleiten.

Mitchs Haut kribbelte, als hätte sie einen ihrer langen roten Fingernägel darüber gleiten lassen und ihn nicht lediglich mit ihren großen braunen Augen betrachtet.

Wie albern! Immerhin hatte er Erfahrung im Umgang mit Frauen, und zwar weitaus mehr, als er in vornehmer Gesellschaft zugeben würde. Eigentlich war er davon ausgegangen, dass er viel zu beherrscht für solche impulsiven körperlichen Reaktionen auf Frauen war. Dabei tat es nichts zur Sache, dass er seine Gleichgültigkeit so kultiviert hatte, dass man sie schon fast als Kunstform betrachten konnte.

Er rieb sich den Nacken und versuchte sich an seine letzte Mahlzeit zu erinnern. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Veronica Kristin etwas fragte, woraufhin beide Frauen in seine Richtung blickten.

„Ach ja“, sagte Kristin. „Den hatte ich ja ganz vergessen.“

Ich muss wohl noch einiges dafür tun, um als Autoritätsperson akzeptiert zu werden, dachte Mitch.

Er blickte Kristin so durchdringend an, dass sie sich auf die Lippe biss. Dann wandte er sich dem Neuankömmling zu, wobei der Geschäftsmann Mitch sich daran erinnerte, wie dringend er übergangsweise eine Lösung brauchte, um das Familienunternehmen zu retten. Der Mann Mitch redete sich ein, dass dieser Eindringling das absolute Gegenteil von den kühlen, leicht blasierten Blondinen war, die ihm normalerweise auf- und gefielen. Gleichzeitig hörte er im Hinterkopf Kristins Stimme, dass diese Frau die Erfüllung all seiner Träume war.

„Mitch Hanover“, stellte er sich vor, ging die zwei Schritte zu ihr und reichte ihr die Hand. „Und Sie müssen Veronica Bing sein.“

„Wodurch habe ich mich verraten?“ Sie schüttelte ihm energisch und fest die Hand, machte dabei einen neckischen kleinen Knicks und neigte respektvoll den Kopf.

Mitch zog seine Hand zurück – so langsam, dass es nicht verdächtig wirken würde, aber schnell genug, dass ihm das Gefühl, wie er Veronicas Haut berührt hatte, nicht unnötig lange in Erinnerung bleiben würde.

„Die anderen drei Kandidaten hatten keine Einwände, als ich ihnen Flugtickets für die Anreise angeboten habe“, sagte er und betrachtete ihren auffälligen Wagen. „Hin und zurück.“

Veronica zog eine dunkle Augenbraue hoch und fuhr sich mit der Zungenspitze über die sinnliche Unterlippe. „Sieht so aus, als hätte meine völlig irrationale Angst vor dem Fliegen mir einen Vorsprung vor meinen Mitbewerbern verschafft. Ich wusste doch, dass sie sich irgendwann als nützlich erweisen würde.“

Als sie leicht lächelte, hätte Mitch unwillkürlich fast ihr Lächeln erwidert, riss sich jedoch gerade noch rechtzeitig zusammen.

„Sicher hat Kristin Sie darüber informiert, was für eine Bedeutung der zu besetzenden Auktionatorstelle zukommt. Nächste Woche soll eine sehr wichtige neue Veranstaltung stattfinden. Die Zukunft des Unternehmens hängt also davon ab, dass diese Stelle mit dem richtigen Kandidaten besetzt wird.“

An dieser Stelle hatten die anderen Kandidaten mit Scheinheiligkeit, Blasiertheit beziehungsweise Entsetzen reagiert.

Veronica Bing lächelte nur. „Das ist mit Abstand der unerfreulichste und deprimierendste Verkaufsvortrag, den ich je gehört habe. Mitch Hanover, Sie brauchen mich ganz offenbar dringender, als Ihnen bewusst ist.“

Innerlich verfluchte Mitch den letzten Auktionator, der das Unternehmen so ruiniert hatte, und den tatterigen alten Kurator, der von aktuellen Marktentwicklungen keine Ahnung hatte. Er musste auch an seine Eltern denken, die er unmöglich enttäuschen konnte.

„Sehen Sie sich doch schon einmal in der Galerie um. Ich stoße dann gleich zu Ihnen.“ Er wies mit der Hand in Richtung des Büros im hinteren Teil.

„Wie Sie möchten, Chef.“ Sie schlenderte über den grauen Teppich ins großzügige Foyer, stieg die polierte Holztreppe hinauf und verschwand hinter der hohen Trennwand aus Ziegelsteinen, hinter der sich die Galerie verbarg.

„Sie ist wirklich etwas ganz Besonderes, findest du nicht auch?“, fragte Kristin.

„Allerdings. Nur was sie genau ist, da bin ich nicht sicher.“

Veronica nutzte die Gelegenheit, um sich zu beruhigen, denn ihre Knie schlotterten vor Nervosität.

„So weit, so gut“, flüsterte sie. „Du machst das prima. Kinn heben, Rücken gerade – und dann blickst du ihm in die Augen und beeindruckst ihn mit deinem Selbstvertrauen.“

Selbstvertrauen? Von wegen! Sie konnte sich kaum daran erinnern, was das Wort bedeutete. Noch vor einer Woche war sie von diesem Schritt begeistert gewesen – angesichts eines blinkenden Anrufbeantworters, auf dem ein Mann, der die klare Botschaft „Nein!“ einfach nicht verstehen wollte, ein Dutzend Nachrichten hinterlassen hatte.

Aber nun, in diesem großen, alten, leicht muffigen und edlen Gebäude, fühlte Veronica sich ziemlich eingeschüchtert.

Die grauen Tapeten waren verblasst, der riesige Kronleuchter im Eingang wirkte, als würde er schon seit einem Jahrhundert nicht mehr funktionieren, und das Zeug an den Wänden – goldgerahmte Bilder von etepetete wirkenden, übergewichtigen Königshausmitgliedern, die wohl Kunst sein sollten – entsprach absolut nicht ihrem Geschmack und hatte mit ihrem Leben rein gar nichts zu tun.

Und Kristin, die früher mehr Piercings gehabt hatte als Veronica Handtaschen, trug nun einen geschniegelten dunklen Bob und einen eleganten beigefarbenen Hosenanzug.

Veronica dagegen war in engen Jeans, kniehohen Stiefeln und T-Shirt erschienen – also genauso, wie sie sich für ihre letzte Stelle immer angezogen hatte, bei der sie Patente auf geistiges Eigentum an Computerspielen versteigert hatte.

Sie unterdrückte ein Stöhnen, als sie sich vorstellte, wie die Bank ihre heiß geliebte Corvette beschlagnahmte. Dann warf sie einen Blick zurück über die Schulter. Sie hatte sich in eine missliche Lage gebracht, und nun kam es allein auf Mitch Hanover an – dem Mann, der ihre Zukunft in seinen festen, schlanken Händen hielt.

Mehr als einmal hatte Kristin ihn als Sklaventreiber und Wichtigtuer bezeichnet, sodass Veronica ihn sich als übergewichtigen, aufgeblasenen, bleichen, verheirateten Mann mit beginnender Glatze und behandlungsbedürftigem Bluthochdruck vorgestellt hatte. Im Vergleich zu ihrem letzten Chef, dem sympathischen und letzten Endes in höchstem Grade indiskreten Geoffrey, hatte diese Beschreibung in Veronicas Ohren wie eine Erlösung geklungen.

Eine Erlösung, die sich dann als Mann herausgestellt hatte, dessen dunkelgrauer Anzug, die noch dunklere Krawatte und das edle, fein gestreifte Hemd so korrekt gebügelt waren, dass es ans Unerträgliche grenzte. Doch was darin steckte, hatte eine noch heftigere Wirkung auf Veronica.

Mitch Hanover war ein ausgesprochen attraktiver Mann. Ein Mann, bei dem junge Mädchen, die von Prinzen und Elfenflügeln und so weiter träumten, weiche Knie bekamen. Er war etwas über dreißig, ein bisschen größer als einen Meter achtzig und hatte die Gesichtszüge eines Filmhelden der Vierzigerjahre, dazu dunkles, korrekt frisiertes Haar, markante Kieferknochen und einen sinnlich geschwungenen Mund. Ein Mann, der die Vergleiche mit Cary Grant und Paul Newman in ihren jüngeren Jahren nicht zu scheuen brauchte.

Geradezu umwerfend jedoch hatte Veronica seine Augen gefunden: Mitch Hanovers dunkelgraue Augen machten den Eindruck, als könne man sie leicht zum Leuchten bringen. Was ihr jedoch leider nicht gelungen war – noch nicht. Doch da er nicht auf dem Absatz kehrtgemacht und sie wieder weggeschickt hatte, gab es für sie wohl noch eine Chance. Natürlich ging es nur darum, die Stelle zu ergattern. Allein aus diesem Grund war sie ja wieder nach Hause gekommen. Und nicht, um einen potenziellen Chef zu beäugen oder sich von ihm beäugen zu lassen, so beäugenswert er auch sein mochte.

Unten fing Kristin nun an, im Flüsterton, aber äußerst lebhaft auf ihren Chef einzureden. Errötend und heftig gestikulierend versuchte sie offenbar, ihre Freundin anzupreisen, während Mitch kühl, distanziert und ruhig blieb, was Veronica nicht gerade beruhigte.

Er stand dort, umgeben von all dieser vergoldeten Pracht, den Mund zu einem schmalen Strich zusammengepresst und mit undurchdringlicher Miene – wie jemand, der das Leben viel zu ernst nahm. Es machte Veronica zutiefst nervös, ihn zu beobachten. Sie spürte, wie kleine Schmetterlinge in ihrem Bauch zu flattern begannen, und schob sich eine Hand unters T-Shirt, um die Tierchen zu beruhigen.

Als würde Mitch spüren, dass sie ihn beobachtete, hob er genau in diesem Moment den Kopf. Beim eindringlichen Blick seiner grauen Augen schienen die Schmetterlinge außer Rand und Band zu geraden.

Ratenzahlungen für meine Corvette, wiederholte Veronica immer wieder in Gedanken. Wie beiläufig zog sie die Hand von ihrem Bauch und wies auf das erstbeste Bild, irgendein schwerfälliges grünes Ungetüm, das wirkte, als hätte ein Affe es mit verbundenen Augen gemalt. Sie schob die Unterlippe vor und nickte, um zu demonstrieren, wie beeindruckt sie war.

Mitch ließ den Blick kurz zu dem Gemälde und dann wieder zurück zu ihr gleiten. Wegen der Entfernung war Veronica sich nicht ganz sicher, aber sie glaubte zu erkennen, dass er ganz leicht die Augenbrauen hob und sich sein ohnehin schon äußerst verführerischer Mund zu einem feinen, ironischen Lächeln verzog – ganz so, als würde er sich so etwas auch nicht zu Hause aufhängen.

Doch dann war er plötzlich wieder die Professionalität in Person. Schade, dachte Veronica. Denn wenn er zuließ, dass sein Charme durch diese Fassade blitzte, konnte man mit ihm sicher viel Spaß haben.

Sie räusperte sich und dachte an den hervorragenden Plan, den sie geschmiedet hatte: vernünftig sein, hart arbeiten, gut auf sich aufpassen und mehr Gemüse essen. Solange sie sich an diese Regeln hielt, würde sich ihr Leben ganz sicher zum Besseren wenden.

Mitch gab Kristin blaffend irgendwelche Anweisungen, die daraufhin umgehend ein Telefonat führte und dabei sehr professionell und effizient klang. Er dagegen lief die Stufen hinauf zu Veronica. Ein Hauch eines sehr sinnlich duftenden Aftershaves umgab ihn, den sie tief einatmete – nur, um dann sofort mit sich zu schimpfen, weil sie so schwach war.

„Ich weiß ja nicht, was Kristin Ihnen über mich erzählt hat, aber Sie können nur etwa die Hälfte davon glauben“, sagte sie.

„Und welche Hälfte?“ Mitch blickte sie fragend an, während er an ihr vorbeiging.

Sofort begannen Veronicas Knie wieder zu zittern. Sie eilte ihm nach. „Die Hälfte, mit der Sie davon überzeugt werden sollen, dass ich nicht nur eine hinreißende Stilikone bin, sondern Ihnen viel ähnlicher, als Sie denken: nämlich weltgewandt, verantwortungsbewusst, gewissenhaft, fair und offen für neue Ideen und Herausforderungen.“

„Und wie kommen Sie darauf, dass irgendetwas davon auf mich zutrifft, Miss Bing?“, fragte Mitch Hanover.

„Weil mein Optimismus unerschütterlich ist?“

Er ging weiter vor ihr her, doch diesmal war Veronica ganz sicher, dass er lächelte. Die Schmetterlinge beruhigten sich, sodass sie nur noch eine angenehme Wärme im Bauch verspürte. Sie war ihrem Ziel, die Stelle zu erhalten und einen Neubeginn zu wagen, einen Schritt nähergekommen.

Und diesmal würde sie nicht wieder alles vermasseln.

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