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Mit dir ist alles anders

1. KAPITEL

Allmählich verlor Steel Landry die Geduld. Er war ein Mann, der hohe Ansprüche an andere stellte. Fast den gesamten Vormittag hatte er nun mit Schadensbegrenzung verbracht.

Seine Immobilienfirma hatte expandiert, und inzwischen gab es Zweigstellen in mehr als zehn Großstädten in Großbritannien. Daher musste er viele der Aufgaben notgedrungen an seine zahlreichen Mitarbeiter verteilen.

Einer seiner leitenden Angestellten hatte sich jedoch nicht an die Vertragsbedingungen gehalten und den guten Ruf des Unternehmens aufs Spiel gesetzt. Steel hatte die Angelegenheit zwar persönlich regeln können, doch es blieb ein bitterer Nachgeschmack.

Zudem hatte er schlecht geschlafen. Und vor einer Stunde hatte sein Schwager dann angerufen und ihn darüber informiert, dass seine Schwester wegen einer drohenden Fehlgeburt ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Darüber hinaus hatte seine Sekretärin – eine hervorragende Kraft – gekündigt, um mit ihrem Mann in die USA zu gehen. Kurzum: Es war der perfekte Montag.

Finster betrachtete Steel die Lachssandwiches, die seine Sekretärin ihm zum Mittagessen geholt hatte. Währenddessen rief er zum zweiten Mal innerhalb von zwanzig Minuten in der Klinik an. Erneut erhielt er die Auskunft, dass es Mrs Wood den Umständen entsprechend gehen würde. Was auch immer das heißen mochte.

Gleich nach dem Gespräch mit seinem Schwager hatte er sich mit dem Krankenhaus in Verbindung gesetzt und seiner Schwester ein Einzelzimmer besorgt. Nun beschloss er, für diesen Tag Feierabend zu machen. Er wollte zu ihr fahren und sich vergewissern, dass sie die bestmögliche medizinische Versorgung bekam. Sein Schwager Jeff war ein prima Kerl, und er liebte Annie über alles. Als Astronom, der bei einem Unternehmen für Luftfahrttechnik tätig war, entsprach er allerdings dem Klischee des weltfremden Wissenschaftlers.

Steel warf einen Blick in seinen Terminkalender. Es stand nichts Wichtiges auf der Tagesordnung. Dann runzelte er die Stirn. Er hatte gegen Abend noch ein Vorstellungsgespräch mit der Frau, die sich auf die Stelle als Innenarchitektin beworben hatte. James hatte sie ihm persönlich empfohlen. Wie war gleich ihr Name? Toni George. Steel sah auf seine goldene Rolex. Es war kurz vor drei. Mrs George würde um halb sechs eintreffen.

Er hob die Schultern und ließ langsam den Kopf kreisen, um die verspannten Muskeln zu lockern. Das Krankenhaus lag in der Nähe seines Apartments. Er hatte keine Lust, nach seinem Besuch dort noch einmal in die Firma zurückzukehren. Also drückte er auf den Knopf der Sprechanlage. „Joy, setzen Sie sich mit Toni George in Verbindung. Bitten Sie sie, in meine Wohnung zu kommen. Ich gehe direkt vom Krankenhaus dorthin.“

Weniger als zwei Minuten später klopfte es, und seine blonde Sekretärin schaute zur Tür herein. „Alles erledigt“, verkündete Joy. „Zuerst hat sie etwas komisch reagiert. Aber ich habe ihr erklärt, dass Sie den Treffpunkt geändert haben, weil Sie Ihre Schwester im Krankenhaus besuchen. Das hat sie beruhigt.“

Amüsiert sah er sie an. Er war gar nicht auf die Idee gekommen, dass Mrs George ihm irgendwelche Hintergedanken unterstellen könnte. „Danke“, erwiderte er, während er seine Anzugjacke von der Stuhllehne nahm und aufstand. „Oh, und gratulieren Sie Stuart bitte von mir zu seiner Beförderung.“

„Mache ich.“ Mitfühlend musterte Joy ihren Chef. Wie immer ließ er sich nichts anmerken. Doch sie wusste, wie sehr er an seiner Schwester hing und wie stark ihn die Nachricht mitgenommen hatte. Inzwischen arbeitete sie seit vier Jahren für ihn. Steel war nicht nur der großzügigste, sondern auch der attraktivste Chef, den sie je gehabt hatte. Wenn sie ihren Mann nicht so sehr lieben würde, hätte er ihr bestimmt irgendwann gefährlich werden können. Vielleicht war sie sogar tatsächlich ein wenig in ihn verliebt. Aber er gab sich ihr gegenüber stets geschäftsmäßig, sodass sie ihre Gefühle leicht verbergen konnte.

Draußen war es ziemlich warm und staubig an diesem Juninachmittag. Sobald Steel jedoch in seinem klimatisierten schwarzen Aston Martin saß, entspannte er sich etwas. Er fuhr gern, und in dem luxuriösen Sportwagen machte es ihm selbst im schlimmsten Londoner Feierabendverkehr Spaß. Wieder dachte er an Annie.

Seit ihrer Hochzeit vor drei Jahren hatten Jeff und sie versucht, ein Baby zu bekommen. Seine Schwester war sechsundzwanzig, zwölf Jahre jünger als er. Nachdem ihre Eltern vor zwanzig Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren, hatte Steel für sie gesorgt. Statt zu studieren, hatte er sich nach der Schule einen Job gesucht. Mit dem Gehalt und seinem Erbteil hatte er die Miete für das Haus weitergezahlt. Annie hatte ihren Teil bekommen, als sie volljährig geworden war.

Steel dachte an Annies Kindheit. Ihre Großeltern väterlicherseits waren bereits verstorben gewesen. Doch die Eltern ihrer Mutter hatten sich nach der Schule immer um Annie gekümmert, bis Steel nach Hause gekommen war. Auch Freunde und Nachbarn hatten sie unterstützt. Und nun war Annie zu einer wunderschönen, ausgeglichenen jungen Frau herangewachsen. Auch Steel selbst führte ein gutes Leben, denn er war eigenständig und finanziell unabhängig.

Ja, er hatte sich um seine Schwester gekümmert, weil er es so gewollt hatte. Allerdings hatte er in der langen Zeit, bis sie mit einundzwanzig Jeff kennengelernt hatte, eins gelernt: Nie wieder wollte er für einen anderen Menschen verantwortlich sein. Er wollte ein Leben ohne emotionale und sonstige Bindungen führen und niemandem mehr Rechenschaft ablegen müssen. Das hatte er fünfzehn Jahre lang getan. Und nun genoss er seine Freiheit in vollen Zügen.

Seit seiner Pubertät hatte er immer Beziehungen gehabt, von denen allerdings nur wenige länger als einige Monate gehalten hatten. Mittlerweile suchte er sich gezielt Karrierefrauen, die genauso bindungsscheu waren wie er. Und es funktionierte – meistens jedenfalls. Seine letzte Freundin hatte plötzlich beschlossen, bei ihm einzuziehen.

Steel sah Barbara vor sich: die sinnliche Anwältin mit den Katzenaugen, die jeden Mann um den Finger wickeln konnte. Ihre Trennung vor wenigen Wochen war alles andere als harmonisch verlaufen. Er vermisste den Sex mit ihr. Trotzdem zweifelte er nicht daran, dass es richtig gewesen war, das Ganze zu beenden.

Unwillkürlich fasste er sich in den Nacken, als er sich an ihre schallende Ohrfeige erinnerte. Und dabei hatte diese Frau am Anfang ihrer Beziehung nie einen Hehl aus ihrer Bindungsscheu gemacht!

Frauen … Für einige Sekunden presste Steel die Lippen zusammen. Aber in neun von zehn Fällen ging es gut. Die meisten seiner Beziehungen endeten ohne Tränen, Szenen und Schuldzuweisungen. Mit vielen seiner Exfreundinnen war er noch gut befreundet, und das sollte etwas heißen.

Er machte keiner Frau etwas vor und legte die Bedingungen grundsätzlich gleich beim ersten Rendezvous fest. Keine leeren Versprechen, keine Blumen – nur zwei vernünftige Menschen, die für eine Weile das Bett und ihr Leben miteinander teilten.

Der Straßenverkehr war ein Albtraum. Steel brauchte fast eine Stunde zum Krankenhaus. Als er den Wagen endlich auf dem Parkplatz abstellte, krampfte sich sein Magen zusammen – ein deutliches Zeichen dafür, dass kein anderer Mensch außer Annie einen Platz in seinem Herzen haben durfte. Natürlich hätte Steel keinen weiteren Beweis gebraucht, um sich darüber im Klaren zu sein.

Er straffte die Schultern, griff auf den Beifahrersitz und nahm den großen Strauß gelber Rosen, den er unterwegs gekauft hatte. Dann stieg er aus.

Tonis Hände zitterten. Das würde bei einem potenziellen Arbeitgeber sicherlich nicht gerade Vertrauen erwecken. Und so wie sie Steel Landry einschätzte, legte er großen Wert auf ein professionelles Auftreten.

Sie atmete einige Male tief durch, um sich zu beruhigen. Es bewirkte jedoch genau das Gegenteil. Jetzt geriet sie richtig in Panik.

Sie stand von dem Sofa auf und blickte aus dem großen Erkerfenster auf die dicht befahrenen Straßen im Londoner Stadtteil Kensington drei Stockwerke tiefer. Da die Scheibe mehrfach verglast war, drangen kaum Geräusche zu ihr herauf.

Dann wandte sie sich um und ließ das luxuriöse Ambiente auf sich wirken. Vor zehn Minuten hatte Steel Landrys Putzhilfe – so hatte die grauhaarige kleine Frau sich selbst bezeichnet – sie in diesen Raum geführt. Das Zimmer war ganz in Grau- und Cremetönen gehalten und mit Ledersofas, Glastischen und einem von hohen Bücherregalen aus Ahornholz gesäumten Marmorkamin möbliert.

So elegant der Raum auch war: Für ihren Geschmack wirkte alles ziemlich unpersönlich. Anscheinend wollte der Mensch, der hier lebte, nichts von sich preisgeben. Und obwohl sie nicht viel über Steel Landry wusste, schätzte sie ihn so ein.

Toni hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. In diesem Moment wurde die Tür geöffnet, und ein großer dunkelhaariger Mann kam herein. „Tut mir leid, dass Sie warten mussten. Ich musste leider noch etwas Dringendes erledigen. Steel Landry … Und Sie sind sicher Toni George, oder? Setzen Sie sich bitte. Maggie bringt uns gleich Kaffee.“ Er schüttelte ihr die Hand.

Sie war froh, dass sie auf einem der Sofas Platz nehmen konnte. Ihr ehemaliger Chef James hatte ihr Steel als attraktiv beschrieben – sie musste ihm recht geben. Noch mehr als sein dunkles Haar und seine maskulinen Züge faszinierten sie allerdings seine silbergrauen, von dichten dunklen Wimpern gesäumten Augen.

Bevor sie mit einer Höflichkeitsfloskel reagieren konnte, verblüffte er sie noch mehr. „Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?“, fragte er.

So musste sie erneut aufstehen. Als er ihr beim Ablegen behilflich war, stieg ihr der herbe Duft seines Aftershaves mit der leichten Zitrusnote in die Nase. Unwillkürlich erschauerte sie, doch Steel Landry merkte es zum Glück nicht. Gerade drehte er sich um und legte ihren Mantel über die Lehne einer Couch. Im Stillen schätzte sie, dass Steel etwa eins neunzig groß war. Damit überragte er sie um gut fünfzehn Zentimeter, was sie beunruhigte. Er beunruhigte sie …

Als er sich ihr gegenüber hinsetzte, hatte sie sich jedoch wieder gefangen. „Vielen Dank, dass Sie mich heute empfangen, Mr Landry“, sagte sie ruhig. „Ich weiß, wie beschäftigt Sie sind. Hoffentlich geht es Ihrer Schwester besser.“

Er runzelte die Stirn. „Sie ist schwanger, und es sieht nicht so gut aus.“ Sein Tonfall machte deutlich, dass dieses Thema damit für ihn beendet war.

Toni spürte, wie sie errötete. „Ich habe meine Mappe mitgebracht“, fuhr sie tapfer fort. „Falls Sie weitere Informationen brauchen, werden Ihnen meine Kunden gerne Auskunft über meine Arbeit geben. Ich …“

Mit einer Handbewegung brachte er sie zum Schweigen. Er beugte sich vor und betrachtete sie forschend. „Ich habe schon Erkundigungen über Sie eingeholt, bevor ich Ihnen den Termin gegeben habe. James ist der beste Architekt, den ich kenne. Allerdings ist das hier nicht sein Fachgebiet. Er sagte, Sie wären eine verdammt gute Innenarchitektin. Sie haben sechs Jahre für sein Büro gearbeitet und vor etwa vier Jahren aufgehört, um eine Familie zu gründen. Ist das richtig?“

„Ich … Ja, das ist richtig.“

„Und jetzt möchten Sie wieder in Ihren alten Beruf einsteigen?“

„Ja.“ Sie fühlte sich wie in einem Kreuzverhör.

„Warum?“, hakte er kühl nach.

„Wie bitte?“

„Hatten Sie es von vornherein so geplant, oder langweilen Sie sich? Tun Sie es aus finanziellen Gründen? Und sind Sie sicher, dass Sie kein Baby mehr haben wollen?“

Toni traute ihren Ohren nicht. Dabei waren es nicht so sehr seine Worte, sondern die Art, wie er es sagte. Sein letzter Satz hatte richtig feindselig geklungen.

Energisch hob sie das Kinn. „Ganz sicher, Mr Landry. Und meine Beweggründe gehen nur mich etwas an.“

„Falsch“, entgegnete er ruhig. „Bestimmt hat James Ihnen erzählt, dass ich mit meinem Unternehmen eine neue Richtung einschlagen will. Ich möchte auch Büro- und Lagergebäude und Ähnliches in mein Programm aufnehmen. Bei unserem neuesten Projekt sollen aus einem alten Fabrikgebäude Luxusapartments entstehen, und unsere potenziellen Kunden erwarten das Beste vom Besten: die modernste Technologie, aber auch einen hohen Wohlfühlfaktor. Und da weitere solcher Projekte folgen sollen, möchte ich von Anfang an die richtigen Mitarbeiter im Boot haben.“

Toni nickte. Sie wusste, dass er seine anfangs kleine Firma schnell aufgebaut hatte und zu einem der gefragtesten Anbieter von Luxusimmobilien geworden war. Außerdem hatte James ihr anvertraut, dass Steel Landry sich schnell langweilte – dass er ein unruhiger Geist und ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen war. Sein hervorragender Geschäftssinn war offenbar Segen und Fluch zugleich.

„Die Person, die ich einstelle, wird in einigen Jahren ihr eigenes Team leiten und die entsprechenden Verantwortungen zu tragen haben. Daher ist es meiner Ansicht nach mein gutes Recht, mich nach Ihren Beweggründen zu erkundigen. Ich muss mich vergewissern, dass Sie sich nicht nur aus einer Laune heraus bewerben.“

Das leuchtete ihr ein. Erneut nickte sie. „Ich kann Ihnen versichern, dass das nicht der Fall ist, Mr Landry“, erwiderte sie beherrscht. „Ich muss aus finanziellen Gründen wieder arbeiten.“

Daraufhin kniff er die Augen zusammen. „Und Ihr Mann hat nichts dagegen? Was ist mit Ihren Kindern?“

„Er … Ich …“ Reiß dich gefälligst zusammen! mahnte sie sich selbst verzweifelt. Schließlich hatte sie mit solchen Fragen gerechnet, oder nicht?

Ja. Allerdings hatte sie nicht erwartet, dass ein Mann wie Steel Landry sie stellen würde. Dies war das erste Mal, dass sie mit einem Fremden über die schmerzlichen Ereignisse der letzten Monate sprach. Trotzdem musste sie ihre Gefühle aus dem Spiel halten.

Sie atmete tief durch. „Mein Mann ist gestorben und hat mir einen Berg Schulden hinterlassen“, erklärte sie ausdruckslos. „Und wir – meine Kinder und ich – wohnen momentan bei meinen Eltern. Meine Mutter kümmert sich um sie.“

Im nächsten Moment klopfte es. Die Putzhilfe kam mit einem Tablett herein, das sie auf einen der Tische stellte. „Ich habe einen Obstkuchen für Sie gebacken, Mr Landry. Joy meinte, Sie hätten noch nicht zu Mittag gegessen. Das Abendessen wird außerdem nicht vor acht fertig sein.“

Steel lehnte sich zurück und lächelte seiner Angestellten zu. Sofort schlug Tonis Herz schneller. Er war umwerfend, doch sein Lächeln verstärkte seinen Sex-Appeal um ein Vielfaches.

„Danke, Maggie“, entgegnete er lässig. „Aber es besteht wohl kaum die Gefahr, dass ich verhungere.“

„Trotzdem sollte man keine Mahlzeit auslassen“, verkündete Maggie in mütterlichem Tonfall, bevor sie ihnen Kaffee einschenkte und ein großes Stück vom Kuchen abschnitt. Sie schnalzte missbilligend mit der Zunge, als Toni dankend ablehnte. „Die jungen Frauen heutzutage essen viel zu wenig.“ Verständnislos schüttelte sie den Kopf. „Wie wär’s mit einem ganz kleinen Stück?“

Toni willigte endlich ein: Es kam ihr so vor, als wäre das der leichtere Weg. Tatsächlich verließ Maggie daraufhin zufrieden lächelnd den Raum.

Dann schaute Toni zu Steel Landry – und stellte fest, dass er sie forschend musterte.

„Lassen Sie sich immer so leicht umstimmen?“, erkundigte er sich. „Sie sprachen von Kindern. Wie viele haben Sie?“

Toni merkte, wie ihre Wangen glühten. Rasch wandte sie sich ihrer Aktentasche zu und holte ihren Lebenslauf heraus. Sie hatte es nicht mehr geschafft, ihn früh genug per Post herzuschicken. Erst am Vorabend hatte James ihr erzählt, dass diese Stelle besetzt werden sollte und dass er ihr diesen Termin verschafft hatte.

„Hierin finden Sie alle Daten über mich“, sagte sie leise, während sie Steel die Bewerbungsmappe hinhielt.

Doch er nahm sie nicht entgegen. „Ich möchte es lieber von Ihnen hören.“

Na toll! „Ich habe zwei Töchter. Zwillinge.“

„Wie alt sind sie?“

„Fast vier“, gab sie zurück. Als sie die Mappe auf dem Tisch ablegte, musste sie an Amelia und Daisy denken.

Erneut kniff er die Augen zusammen. „Und Sie wären gern dazu bereit, abends und am Wochenende zu kommen, wenn es nötig ist?“, wollte er wissen. „Sie hätten keine geregelte Arbeitszeit.“

Eins war Toni klar: Wenn sie ehrlich darauf antwortete, konnte sie den Job abschreiben. „Nicht gern“, sagte sie. „Aber ich weiß, dass sie in guten Händen sind. Und ich muss eben arbeiten.“

Aufmerksam beobachtete er sie, während er einen Schluck Kaffee trank. „Noch eine persönliche Frage. Sie sprachen gerade von einem Schuldenberg. Was bedeutet das in Zahlen?“

Es war schlimmer, als sie es sich vorgestellt hatte. Da ihre Finger wieder zitterten, stellte Toni die Tasse ab und faltete die Hände im Schoß. „Achttausend Pfund“, erklärte sie sachlich.

Dann sah sie ihn an. Seine Miene war unergründlich. Für einen Mann wie ihn handelte es sich zweifellos um eine lächerliche Summe – für sie dagegen war es ein Vermögen.

Schweren Herzens beschloss sie, dass sie ihm genauso gut alles erzählen konnte. „Mein Mann hatte viele Kredite aufgenommen. Die meisten waren mit seinem Tod automatisch getilgt. Allerdings hatte er sich auch Geld von Freunden, Verwandten und sogar von Arbeitskollegen geliehen. Er hat mir so viele Geschichten aufgetischt …“ Sie musste schlucken. Auf keinen Fall durfte sie in Tränen ausbrechen. In letzter Zeit hatte sie oft genug Tränen vergossen, und kein Chef wollte eine hysterische Mitarbeiterin.

„Und wofür brauchte er das Geld?“

„Er hat gespielt“, erwiderte sie düster.

„Und Sie hatten keine Ahnung davon?“

Sie konnte ihm seinen ungläubigen Tonfall nicht verdenken. Schließlich war es auch für sie ein Schock gewesen. Mehr als vier Jahre hatte sie mit Richard zusammengelebt und ihn anscheinend überhaupt nicht gekannt.

Es war eine stürmische Romanze gewesen. Richard und sie hatten sich auf der Hochzeit eines ehemaligen Studienkollegen kennengelernt und drei Monate später ebenfalls geheiratet. Er war charmant und witzig gewesen, und sie hatte sich sofort bis über beide Ohren in ihn verliebt. Als sie kurz nach den Flitterwochen an ihrer Entscheidung zu zweifeln begonnen hatte, war sie bereits mit den Zwillingen schwanger gewesen.

„Nein, das hatte ich nicht.“ Gequält blickte sie Steel an. „Trotzdem werde ich jeden Penny zurückzahlen.“

„Und wie viele Schuldner sind es?“

Bei dem Gedanken daran wurde ihr übel. „Eine Menge.“

„Und keiner von ihnen würde auf das Geld verzichten, weil Sie von der Spielsucht Ihres Mannes nichts wussten?“

„Das möchte ich auch gar nicht.“ Stolz hob sie das Kinn. „Ich werde die Schulden abtragen – egal, wie lange es dauert.“

Nach kurzem Schweigen trank er seinen Kaffee aus. Erst als er die Tasse weggestellt hatte, fügte er leise hinzu: „Selbst wenn Ihre Kinder darunter leiden müssen.“

Einen Moment lang fragte Toni sich, ob sie sich verhört hatte. Abrupt stand sie auf und funkelte ihn wütend an. „Meine Kinder werden für mich immer an erster Stelle stehen. Das heißt allerdings nicht, dass ich nicht tun kann, was richtig ist.“

„Sind Sie sich sicher, dass es Ihnen nicht vor allem um Ihren Stolz geht?“

Dieser Mistkerl! „Richard hat sich an unseren Freunden und Verwandten bereichert“, konterte sie aufgebracht. „Er hat sie belogen und betrogen. Vermutlich würde er das heute noch tun, wenn er nicht eines Abends beim Joggen einen Herzinfarkt erlitten hätte. Eine seiner Tanten hatte ihm ihre gesamten Ersparnisse zur Verfügung gestellt. Sie kommt heute gerade mal über die Runden.“

„Seine Schuldner sind wohl kaum alle alt und mittellos“, meinte Steel. Ihr Zorn schien ihn nicht weiter zu beeindrucken.

„Nein, aber sie haben meinem Mann vertraut und wurden von ihm ausgenutzt.“

„Genau wie Sie.“

Sie blinzelte. Noch vor wenigen Sekunden war sie fest entschlossen gewesen, zu gehen. Nun wusste sie plötzlich nicht mehr, was sie tun sollte. Durch seinen Ton bei den letzten Worten musste sie erneut mit den Tränen kämpfen.

„Setzen Sie sich und trinken Sie Ihren Kaffee“, forderte er sie ruhig auf und blickte sie unverwandt an, während sie wieder Platz nahm.

Seine Gedanken überschlugen sich. Zum ersten Mal wusste Steel nicht, wie er sich verhalten sollte. Das gefiel ihm gar nicht. Als er ins Wohnzimmer gekommen war, hatte er die tolle Figur der jungen Frau mit dem langen braunen Haar in dem pistazienfarbenen Mantel gleich bemerkt. Sein Körper hatte sofort darauf reagiert.

Toni George war sehr attraktiv. Zwar war sie keine Schönheit im herkömmlichen Sinne, doch sie hatte das gewisse Etwas. Als er ihr aus dem Mantel geholfen hatte, war ihm der Duft ihres Parfüms in die Nase gestiegen. Im selben Moment war sein Verlangen erwacht. So lächerlich es sein mochte: Er hatte sich gewünscht, sie wäre nicht verheiratet …

Es konnte nur in einer Katastrophe enden, sich mit einer Witwe mit zwei Kindern einzulassen. Noch dazu mit einer, die keine glückliche Ehe geführt und finanzielle Probleme hatte!

Steel musste sich zusammenreißen. Seine Fantasie ging mit ihm durch. Toni George hatte sich bei ihm beworben. Sicherlich war sie nicht im Entferntesten an einer romantischen Beziehung interessiert – vor allem nicht nach dem, was sie in den letzten Monaten durchgemacht hatte. Außerdem mochte sie sehr anziehend sein, aber eine Frau wie sie hatte keine Chance bei ihm.

Er nahm den Ordner vom Tisch, schlug ihn auf und überflog ihren Lebenslauf. Als er danach aufschaute, sah Toni ihn aus großen braunen Augen an. Unvermittelt wurde ihm klar, wie nervös sie war.

„Wie lange sind Sie schon verwitwet?“, erkundigte er sich interessiert.

Anscheinend war ihr die Frage unangenehm. Sie verlagerte ihre Position. „Seit fast vier Monaten.“

Ein Blick in ihr Gesicht verriet Steel, dass sie in diesen vier Monaten durch die Hölle gegangen sein musste. Zu seiner Überraschung hörte er sich fragen: „Waren Sie glücklich mit ihm?“

Sofort verspannte sie sich. Er rechnete damit, dass sie ihn zurechtweisen würde. Dass sie ihm sagen würde, er solle sich gefälligst um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Er hätte es ihr kaum verdenken können.

Stattdessen senkte sie den Kopf und erwiderte ruhig: „Nein, war ich nicht.“

Bei ihm schrillten sämtliche Alarmglocken, und so konzentrierte er sich wieder auf ihren Lebenslauf. Nachdem er einige Punkte mit ihr besprochen hatte, nahm er die andere Mappe zur Hand. Wie er nicht anders erwartet hatte, waren ihre Arbeiten beeindruckend. Ansonsten hätte er sie auch gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Sobald sie über ihren Beruf sprach, wirkte sie selbstsicherer und kam aus sich heraus. Sie war ein vollkommen anderer Mensch. So muss sie gewesen sein, bevor sie diesen Mistkerl kennengelernt hat, dachte Steel. Zu seinem Erstaunen spürte er Hass auf den Verstorbenen in sich aufsteigen. Sie kam ihm so energiegeladen und beherzt vor. Und er hatte sich geirrt: Sie war schön – auf eine ganz bezaubernde Art.

Es war beinahe halb sieben, als er sie fragte, ob sie die Zeichnungen und Fotos von seinem neuesten Projekt sehen wollte. Irgendwann fiel ihm auf, wie sie verstohlen auf die Uhr schaute. Erst dann stellte er überrascht fest, wie schnell die Zeit vergangen war. Fast eine Stunde. „Entschuldigen Sie, haben Sie noch einen Termin?“, erkundigte er sich, weil sie verlegen errötete.

„Nein, natürlich nicht.“ Toni hätte es dabei belassen sollen. Schließlich hatte sie Steel ja bereits versichert, dass ihre Mutter sich um die Zwillinge kümmerte. Dennoch fügte sie hinzu: „Aber die Mädchen gehen um diese Zeit ins Bett. Ich rufe sie immer an, wenn ich nicht da bin.“

Steel straffte die Schultern. Noch immer nahmen ihre Schönheit und ihr fantastischer Körper ihn gefangen, doch er wollte nicht die Mutter in Toni sehen. „Nur zu.“ Er rang sich ein Lächeln ab und deutete auf das Telefon, das neben einer Vase mit einem großen Blumenstrauß auf einem Tisch stand. „Ich muss mich sowieso noch einmal im Krankenhaus melden.“

„Ich habe mein Handy dabei …“

Als sie in ihrer großen Handtasche zu wühlen begann, fühlte er plötzlich Wut in sich aufsteigen. Den Grund dafür hätte er jedoch nicht benennen können. „Benutzen Sie ruhig mein Telefon. Ich nehme den Apparat in meinem Arbeitszimmer“, erklärte er kühl, bevor er den Raum verließ und die Tür hinter sich schloss. Im Flur blieb er einen Moment stehen und sammelte sich.

Was zum Teufel war bloß mit ihm los? Er atmete tief durch. Sie rief ihre Kinder an. Na und? Toni war keine Karrierefrau wie Barbara, rief er sich ins Gedächtnis. Sie hatte keine Eigentumswohnung, fuhr keinen teuren Sportwagen und lebte auch kein Leben auf der Überholspur, in dem sie immer an erster Stelle stand. Bis zum gestrigen Tag hatte er nicht einmal von Tonis Existenz gewusst. Sie bedeutete ihm nichts, sie war lediglich eine Angestellte. Falls er ihr den Job überhaupt gab.

Steel ging in sein Arbeitszimmer und nahm das Telefon von dem massiven Schreibtisch vor dem Fenster. In dem Moment wurde ihm klar, was er längst beschlossen hatte. Als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, war die Entscheidung bereits gefallen. Er würde sie einstellen.

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