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Mit dir im Paradies auf Erden

1. KAPITEL

Die Winterlandschaft hätte stimmungsvoller nicht sein können. Vorsichtig bahnte sich Fleur ihren Weg durch das Unterholz des weitläufigen Geländes von Pengarroth Hall. Die Dezembersonne warf ihre letzten Strahlen durch die kahlen Äste der alten Bäume und ließ den Raureif an den Ästen und auf dem Boden funkeln und glitzern. Wie herrlich musste es erst im Frühjahr und Sommer hier sein, wenn alles grünte und blühte?

Das Gittertor, vor dem sie ihr Auto geparkt hatte, war verschlossen gewesen, und so hatte sie sich entschieden, zu Fuß zum Haus zu gehen. Doch der anfangs recht breite Weg war immer schmaler geworden, bevor er sich schließlich ganz im Gebüsch verlor. Fleur hatte schnell begriffen, dass dies nicht die eigentliche Zufahrt zu Pengarroth Hall sein konnte. Der Friede der Landschaft und die klare Winterluft hatten sie jedoch nach der langen Autofahrt von London zu einem kleinen Spaziergang verleitet.

Noch etwas weiter, dann wollte sie umdrehen und zum Auto zurückgehen. Wahrscheinlich war sie aufgrund Mias ungenauer Wegbeschreibung zu früh abgebogen und würde noch ein Stück weiter fahren müssen. Ihre alte Freundin hatte sie nach Pengarroth Hall eingeladen, um das Weihnachtsfest auf dem alten Familiensitz zu verbringen, den sie sich mit ihrem Bruder Sebastian teilte.

Plötzlich spürte Fleur das bekannte Kribbeln im Nacken, ein Vorbote akuter Erschöpfung. Sie riss sich zusammen. Obwohl ihr die Ärzte Schonung verordnet hatten, hatte sie sich in der ohnehin schon hektischen Vorweihnachtszeit zu viel zugemutet und die letzten zwei Wochen im Labor Überstunden gemacht. Es wäre vernünftiger gewesen, sich vor der langen Fahrt nach Cornwall erst noch einmal richtig auszuschlafen, doch Mia hatte sie überredet, schon am Tag vor Heiligabend anzureisen.

„Dann ist nämlich noch keiner der anderen Gäste da und mein Bruderherz auch nicht“, hatte sie gemeint. „Wir haben das Haus dann ganz allein für uns, und es wird wie früher sein.“ Mia und Fleur kannten sich vom Internat her, wo sie sich ein Zimmer geteilt hatten. Obwohl sie seit jener Zeit eng befreundet waren, war Fleur noch nie in Pengarroth Hall gewesen.

Vorsichtig ließ sie sich auf einem Baumstumpf nieder, um sich etwas auszuruhen. Lange würde sie in der Kälte hier nicht sitzen können, außerdem war es schon vier Uhr, und es würde bald dunkel werden. Erschöpft schloss sie die Augen.

Eine männliche Stimme ließ sie erschreckt aufspringen.

„Guten Tag. Kann ich Ihnen helfen?“

Ein großer Mann in derben Stiefeln und einer mit Schlamm bespritzten Wachsjacke, das Gewehr über die Schulter, stand vor ihr. Selbst seine abweisende Miene konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie gut aussehend er war. Der Blick seiner dunklen Augen war beunruhigend, Furcht einflößend und … aber darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Mutig hielt sie der abschätzenden Musterung stand, streckte sich und lächelte.

„Vielen Dank, ich benötige keine Hilfe“, antwortete sie dem Fremden, offensichtlich ein Wildhüter oder Jagdaufseher von Pengarroth Hall. „Dieser wunderschöne Wald hat mich lediglich zu einem Spaziergang verlockt, das ist alles.“

Einen Moment lang schwieg er, so faszinierte ihn der Anblick der Fremden. Eine so begehrenswerte Frau hatte er lange nicht mehr gesehen. „Leider muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass dies ein Privatgrundstück ist“, erklärte er schließlich. „Der öffentliche Weg befindet sich weiter oben und ist eindeutig als solcher ausgewiesen.“

Was für ein Wichtigtuer! Fleur war empört. Selbst wenn sie nicht Gast des Hauses gewesen wäre, rechtfertigte das nicht ein derart überhebliches Benehmen. Es fiel ihr nicht ihm Traum ein, ihn darüber aufzuklären, wer sie war.

„Wirklich?“, erwiderte sie. „Da werde ich mich wohl in Zukunft vorsehen müssen, wohin ich meine Füße setze.“ Sie betrachtete die Flinte. „Werde ich jetzt standrechtlich erschossen?“

Er biss sich auf die Lippe und strich sich eine Locke seines dunklen Haars aus der Stirn. „Ich zeige Ihnen jetzt den Weg zurück, es gibt nämlich mehrere Möglichkeiten, und Sie könnten sich verirren.“

Fleur betrachtete ihn herablassend. Glücklicherweise besaß sie genügend Verstand und Orientierungssinn, um nicht auf die Hilfe dieses arroganten Typen angewiesen zu sein. „Bemühen Sie sich nicht, ich komme allein zurecht.“

„Wie Sie möchten. Bitte gehen Sie sofort zur Straße zurück, denn es wird gleich dunkel.“ Er sah ihr tief in die grünen, feindselig blickenden Augen. „Zu Ihrer Information, dieser Teil des Waldes wird gerade nach einem Sturmschaden mit erheblicher Mühe neu aufgeforstet. Wenn Besucher abseits der Wege das Gelände durchstreifen und dabei die empfindlichen Setzlinge zertreten, ist das äußerst ärgerlich.“ Der Fremde nickte ihr kurz zu, drehte sich um und ging.

Fleur sah ihm nach, wie er in der Dämmerung verschwand. Ein pflichtbewusster Mann, der offen seine Meinung sagte – ein Mensch ganz nach dem Geschmack ihres Vaters. Sie schüttelte den Kopf, als sie an ihre Eltern denken musste. Dies war das erste Weihnachtsfest, das sie ohne sie verbrachte. Ihr Vater Professor Philip Richardson, ein berühmter Mathematiker, hatte die Einladung zu einem Gastvortrag in Boston mit einem Urlaub verbunden und verbrachte die Feiertage mit ihrer Mutter Helen in den Staaten.

Fleur machte kehrt und achtete genau darauf, wohin sie trat. Bis auf die unerfreuliche Begegnung mit dem kleinlichen Jagdaufseher hatte sie den Spaziergang aus vollem Herzen genossen.

Nachdem sie die Straße einen knappen Kilometer weiter talwärts gefahren war, tauchte die eigentliche und hell beleuchtete Einfahrt in der Dunkelheit auf. Die Flügel des Tors waren einladend geöffnet, und Fleur verspürte eine prickelnde Vorfreude, als sie sich Pengarroth Hall langsam auf der kurvigen Zufahrt näherte. Sie würde es genießen, Weihnachten einmal anders und mit Menschen zu feiern, die sie noch nie getroffen hatte.

„Von den Freunden, die ich eingeladen habe, kennst du nur Mandy“, hatte Mia am Telefon gesagt. „Erinnerst du dich noch an sie? Sie ist ein richtiges Partygirl.“

Und kein Mann ist vor ihr sicher, ergänzte Fleur im Stillen.

„Die anderen sind Kollegen von mir, aber Bürotratsch werde ich nicht zulassen, das verspreche ich dir“, redete Mia weiter.

Fleur und Mia lebten beide in London, doch ihr Leben sah grundverschieden aus. Mia arbeitete in einer bekannten Werbeagentur, Fleur dagegen war mit medizinischer Forschung im Labor des städtischen Krankenhauses beschäftigt. Dennoch hatte sich an ihrer Freundschaft seit der Schulzeit nichts geändert. Fleur hatte Mia um ihr freies Leben, das nicht von ehrgeizigen Eltern beeinflusst wurde, stets beneidet.

Professor Philip Richardson hatte immer konkrete Pläne für das Leben seines einzigen Kindes gehabt – dass Fleur vielleicht lieber eigene Vorstellungen verwirklichen wollte, war ihm nie in den Sinn gekommen. Gehorsame Tochter, die sie war, hatte Fleur Chemie studiert und ihren Eltern nur ausgewählte Freunde vorgestellt. Ihre Mutter hätte bestimmt nichts gegen Beziehungen oder eine Ehe gehabt, doch wie ihre Tochter verharrte sie in Ehrfurcht vor der Intelligenz und der gesellschaftlichen Position des Familienoberhauptes, der das für Verrat an der Karriere hielt. Helen sowie Fleur waren stets darauf bedacht, nicht mit ihm aneinanderzugeraten.

Kaum hatte Fleur den altmodischen Klingelzug betätigt, wurde die Tür von einer schlicht gekleideten, gut fünfzigjährigen Frau geöffnet, die freundlich lächelte.

„Ich bin Pat, die Haushälterin“, stellte sie sich vor. „Sie müssen Fleur Richardson sein, unser einziger Gast für heute. Schön, dass Sie uns gefunden haben. Bitte treten Sie ein. Mia wird sofort kommen – Sie wäscht sich gerade die Haare.“

Fleur kam der Aufforderung nach. Der Zauber des Hauses nahm sie sofort gefangen. Es war über zweihundert Jahre alt, und vier Generationen Conways hatten es zu einem wirklichen Familiensitz werden lassen. Neben der Freitreppe in der Halle stand ein riesiger, mit Kerzen, Lametta und Kugeln geschmückter Weihnachtsbaum. In einer Ecke befand sich eine altmodische Standuhr, an den Wänden standen gemütliche Polstermöbel, und auf einem alten Tisch mit deutlichen Gebrauchsspuren lagen stapelweise Zeitungen und Illustrierte.

In einem Ohrensessel, den stark ergrauten Kopf auf ein verschlissenes blaues Samtkissen gelegt, hatte es sich ein betagter schwarzer Labrador bequem gemacht, der hörbar schnarchte. Als er Fleur hörte, öffnete er kurz die Augen, seufzte und schlief sofort weiter.

Fleur musste lächeln. Was für ein Unterschied zu dem stilvollen Haus ihrer Eltern in Surrey oder den nüchternen Designermöbeln ihrer Wohnung in London! In Pengarroth Hall würde sie sich wohlfühlen und jeden Augenblick ihres Besuchs genießen, das wusste sie sofort.

In diesem Moment erschien Mia oben auf der Treppe, nur mit Höschen und BH bekleidet und ein Handtuch wie einen Turban um den Kopf gewickelt.

„Hallo Fleur, komm hoch, ich bin sofort fertig. Ist das nicht alles toll? Ich liebe Weihnachten!“

Fleur folgte ihrer Freundin in deren Zimmer und setzte sich aufs Bett, während Mia sich energisch das nasse Haar frottierte. „Ich hoffe, es macht dir nichts aus, mit mir in einem Raum zu schlafen, auch die anderen sind zusammen untergebracht.“ Sie ließ die Hände kurz ruhen. „Wir haben zwar unbenutzte Gästezimmer genug, aber ich wollte es Pat nicht zumuten, sie für die kurze Zeit herzurichten. Die Jungs werden nichts dagegen haben, da bin ich mir sicher. Gus und Tim kennen sich schon ewig, und Rupert und Matt sind völlig unkompliziert.“ Mia hängte das Handtuch über eine Stuhllehne und griff zum Föhn.

„Natürlich macht es mir nichts aus, ganz im Gegenteil, es wird wieder wie in alten Zeiten im Internat sein.“ Fleur betrachtete ihre Freundin. „So langes Haar hast du noch nie gehabt, Mia.“

Mias dichtes braunes Haar reichte fast bis zu den Schulterblättern und ließ sie noch größer erscheinen, als sie ohnehin schon war.

„Das hat Matt zu verantworten.“ Sie zwinkerte Fleur zu und schaltete den Föhn ein. „Er findet das schön.“

„So? Darf ich daraus schließen, dass Matt zurzeit der Mann in deinem Leben ist?“

„Das könnte man so sagen.“ Mia lächelte vage. „Nichts Ernstes natürlich, wir gehen nur zusammen aus. Deshalb hielt ich es auch für klüger, Weihnachten nicht allein mit ihm zu verbringen – die Gefahr, falsche Hoffnungen zu wecken, war mir zu groß. Und was ist mit dir? Gibt es da jemanden, von dem ich wissen sollte?“

„Nein“, antwortete Fleur leise. Und höchstwahrscheinlich wird das auch immer so bleiben, setzte sie im Stillen hinzu.

Mia nickte verständnisvoll, enthielt sich jedoch eines Kommentars, denn sie kannte Professor Richardsons Einstellung. „Verschwende deine Intelligenz und Karriere nicht an Ehe und Kinder“, hatte sie ihn zu Fleur oft sagen hören. „Dafür ist noch Zeit genug.“

„Im kommenden Jahr werden wir beide siebenundzwanzig“, überlegte Mia laut. „Das ist noch nicht wirklich alt, doch höchste Zeit, sich ernsthaft umzusehen.“ Sie schaltete den Föhn kurz aus und seufzte. „Ich finde die Vorstellung, einen Mann und Familie zu haben, durchaus verlockend, nur die Suche nach einem geeigneten Partner gestaltet sich für mich schwieriger als gedacht. Sobald ich nämlich herausgefunden habe, wie ein Mann tickt, verliere ich das Interesse an ihm.“ Sie lachte kurz. „Und wie geht es dir nach der Trennung von Leo?“

Fleur blickte zu Boden. „Ich unternehme ziemlich regelmäßig etwas mit Kollegen und gehe oft aus, meine Nächte verbringe ich jedoch immer allein, brav, wie ich nun einmal bin.“

Bei der letzten Bemerkung lächelte sie traurig. Leo hatte ihr sehr viel bedeutet, doch ihrem Vater war es gelungen, die Beziehung auseinanderzubringen. Drei Jahre war das jetzt her, und mittlerweile war Fleur zu der Überzeugung gekommen, dass ihr Vater nur zu ihrem Besten gehandelt hatte: Sie war einfach nicht zur Ehefrau geboren.

Dem Beispiel ihrer Mutter zu folgen und sich einem Ehemann in allem willig unterzuordnen schien für sie keine Alternative. Im Grunde seines Herzens war ihr Vater ein großzügiger und liebevoller Mann, das musste Fleur zugeben, doch einen eigenen Willen gestand er weder seiner Frau noch seiner Tochter zu. Es gab nur eine Meinung, die zählte, und das war seine eigene. Fleurs Auffassung nach jedoch besaß niemand den Stein der Weisen und damit auch nicht das Recht, anderen seine Meinung aufzuzwingen. An der Seite eines solchen Mannes ihr Leben zu verbringen kam für sie nicht infrage.

Sie stand auf, ging zum Fenster und blickte gedankenverloren in den Garten, von dem in der Dunkelheit kaum etwas zu erkennen war.

Mia spürte ihre Traurigkeit und versuchte, sie aufzumuntern. „Mir wird es stets ein Rätsel bleiben, wie es dir gelungen ist, so lange Single zu bleiben, Fleur. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie neidisch wir früher alle auf dich waren. Immer hast du uns die besten Typen vor der Nase weggeschnappt.“

Das war nicht übertrieben, denn über mangelnde Verehrer hatte sich Fleur nie beklagen können. Allein schon ihre zierliche Figur, das herzförmige Gesicht mit den grünen Augen und den langen, dichten Wimpern zogen die Blicke auf sich. Doch besonders ihr wacher Verstand in Verbindung mit ihrer Empfindsamkeit und Verletzlichkeit machten sie für Männer unwiderstehlich und weckten deren Beschützerinstinkt.

„Ich hatte viele Chancen, trotzdem ist nie etwas daraus geworden. Trotzdem bin ich zufrieden, ich habe mein Forschungsprojekt und das Labor, und über Langweile kann ich mich wirklich nicht beklagen.“ Sie machte eine kleine Pause. „Ich möchte mir in mein Leben nicht hineinreden lassen. Männer meinen stets, sie allein wüssten, wo es langgeht.“

„Das stimmt.“ Mia nickte. „Doch auch damit lässt sich leben. Mit etwas weiblicher Raffinesse kann eine Frau ihre Interessen meistens durchsetzen.“

„Wenn du meinst.“ Fleur blieb skeptisch. „Aber wozu der Umstand? Wenn ich mich nach niemandem richten muss und mein Leben selbst gestalten kann, vermeide ich Auseinandersetzungen von vornherein. Ich muss mir das Leben wirklich nicht kompliziert machen.“

„Das sagst du jetzt. Warte nur ab, bis du den Richtigen triffst, dann wirst du deine Meinung ändern, darauf wette ich.“ Mia betrachtete ihre Freundin mit wissenden Augen. Wie blass und zerbrechlich Fleur wirkte, sie hatte in letzter Zeit viel zu stark abgenommen.

Fleur zuckte die Achseln. „Wir werden sehen.“ Sie zögerte. „Um ehrlich zu sein, geht es mir in letzter Zeit nicht sehr gut, Mia. Ich habe keinen Appetit und bin nur noch müde. Der Arzt hält es für die Folgen von zu viel Stress – wie sehr ich dieses Wort hasse! Jedenfalls werde ich die Feiertage auf sein Anraten hin zu einer kleinen Auszeit nutzen und erst ab Mitte Januar wieder arbeiten.“

„Dann bleib doch einfach länger hier. Die anderen reisen sofort nach den Weihnachtsfeiertagen wieder ab, ich muss erst am zweiten Januar wieder nach London. Bis dahin hätten wir Zeit für uns, und danach könntest du es dir noch alleine gemütlich machen und dich von Pat nach Strich und Faden verwöhnen lassen. Wenn jemand deinen Appetit wieder zu wecken vermag, dann sie. Ausschlafen, spazieren gehen oder lesen. Tue einfach, was du möchtest – das ist doch dein Lebensideal, oder?“

„Das klingt verlockend. Doch ich kann von Pat nicht erwarten …“

„Zerbrich dir darüber nicht den Kopf“, unterbrach Mia sie lachend. „Pat wird begeistert sein, sich endlich wieder um Menschen kümmern zu dürfen und nicht um ein leer stehendes Haus.“ Sie öffnete den Kleiderschrank. „Was soll ich nur anziehen?“

Nach einigem Überlegen entschied sie sich für Jeans und einen grob gestrickten Pullover. „Wir holen jetzt dein Gepäck aus dem Auto, und dann lasse ich dich eine Stunde allein, damit du in Ruhe auspacken kannst.“ Sie zog sich an und bürstete ihr Haar in Form. „Ich bin auch erst vor zwei Stunden angekommen. Hat Pat den Baum nicht toll geschmückt? Diese Frau ist wirklich ein Schatz.“

„Wohnt sie hier im Haus?“, erkundigte sich Fleur.

„Nur, wenn wir oder unsere Gäste hier sind. Ansonsten lebt sie mit ihrer Mutter in einem eigenen kleinen Haus auf dem Anwesen und sieht von dort aus nach dem Rechten. Sebastian lebt leider auch nicht ständig hier, weil er zwischendurch immer noch für seine alte Kanzlei arbeitet.“ Mia biss sich auf die Lippe. „Natürlich ist er jetzt der Gutsherr.“

„Es muss schwierig für ihn sein, seinen Job und die Verwaltung der Ländereien unter einen Hut zu bringen“, warf Fleur eilig ein. „Bestimmt hat er nicht damit gerechnet, diese Aufgabe schon so früh übernehmen zu müssen.“

„Nein. Wer hätte auch gedacht, dass unsere Eltern vor vier Jahren so kurz hintereinander starben? Beide waren noch nicht einmal sechzig. Es war schrecklich.“

„Ich weiß.“ Fleur war über die Familienverhältnisse bestens informiert, kannte jedoch außer Mia niemanden persönlich.

„Sebastian war damals gerade dreißig und genoss sein Junggesellenleben in London in vollen Zügen, er war ein Playboy, wie er im Buche steht. Von heute auf morgen musste er dieses Leben zum Leidwesen seiner Clique und unzähliger Verehrerinnen aufgeben und erwachsen werden. Obwohl er für seine neue Rolle innerlich noch gar nicht bereit war, hat er sich erstaunlich gut und schnell mit den geänderten Bedingungen abgefunden – zur Freude und zum Stolz meiner Großmutter.“

„Wie alt ist sie eigentlich?“

„Mitte achtzig, und für Sebastian und mich ist sie immer noch der Mittelpunkt der Familie. Obwohl sie ihr Leben mit meinem Großvater hier verbracht und hier auch ihre Kinder großgezogen hat, ist sie im Grunde ihres Herzens stets ein Stadtkind geblieben. Gleich nachdem sie verwitwet war, hat sie sich in London eine elegante Eigentumswohnung gekauft. Dort residiert sie wie eine Herzogin, hat einen riesigen Bekanntenkreis und führt ein reges gesellschaftliches Leben. Trotzdem ist Pengarroth Hall auch für sie der eigentliche Sitz der Familie und Sebastian der große Hoffnungsträger. Sie vergöttert ihn regelrecht.“

Fleur fand das alles spannend. Ihre eigene Familie bestand nur aus ihren Eltern, und sie hatte noch nicht einmal ihre Großeltern gekannt.

Auf dem Weg zum Auto blieben Mia und Fleur in der Halle bei dem schnarchenden Hund stehen.

„Armer alter Benson.“ Mia streichelte liebevoll seinen Kopf. „Er schläft fast nur noch und ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Sebastian will ihm jedoch keinen jungen Konkurrenten vor die Nase setzen. Außerdem hat Frank, unser Aufseher, schon genug zu tun, ohne auch noch einen Junghund abrichten zu müssen.“

Fleur schnitt ein Gesicht. „Ich glaube, ich kenne Frank. Er hätte mich wohl am liebsten sofort wegen Hausfriedensbruchs verhaftet, weil ich versehentlich das erste Tor benutzt habe.“

„Was für eine Ungeheuerlichkeit!“ Mia verdrehte die Augen. „Wahrscheinlich war es meine Schuld, einen Weg genau zu beschreiben gehört leider nicht zu meinen Stärken. War er sehr unhöflich?“

„Er hat mich umgehend zurückgeschickt und strengstens ermahnt, in Zukunft nur öffentliche Wege zu benutzen.“

Mia kicherte. „Typisch. Frank ist meistens recht kurz angebunden und nimmt es mit seinen Pflichten äußerst genau, aber für uns ist er Gold wert. Er vertritt Sebastian während dessen Abwesenheit und betreut während der Saison unsere Jagdgäste.“

Nachdem Fleur und Mia die Koffer nach oben gebracht hatten, packte Fleur aus und zog sich um. Sie wählte Jeans und einen Pullover, dessen Grün die Farbe ihrer Augen auf das Wirkungsvollste unterstrich. Dann band sie sich das Haar im Nacken zusammen, schminkte sich ab und schlüpfte barfuß in ihre Clogs. Von Make-up und eleganten Schuhen befreit, fühlte sie sich herrlich beschwingt und freute sich auf einen gemütlichen Abend mit einer ihrer besten Freundinnen.

Beinahe wäre sie auf der letzten Stufe mit Pat zusammengestoßen, so schnell lief sie die Treppe hinunter.

„Da sind Sie ja. Mia verteilt im Dorf noch Weihnachtsgeschenke und bittet Sie, im Salon vorne links auf sie zu warten. Ich bringe Ihnen sofort einen Tee.“

Fleur tat, wie ihr geheißen, und setzte sich in einen Ohrensessel, der ganz nah am Feuer stand, das in dem offenen Kamin knisterte. Die Stimmung war so weihnachtlich, wie man sie sich nur wünschen konnte, die Möbel altmodisch und bequem, der Teppich weich und schon etwas ausgeblichen, und Fleur fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr. Sie streifte die Schuhe ab, lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen.

Sie streckte die nackten Füße der wohltuenden Wärme entgegen und spreizte genüsslich die Zehen. Vielleicht, aber auch nur vielleicht, nehme ich Mias Angebot ja doch an, dachte sie schläfrig. Mir geht es hier richtig gut, und was spricht gegen eine Woche Urlaub auf Pengarroth Hall, wenn ich dabei niemandem im Wege bin?

Plötzlich hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden, und öffnete abrupt die Augen. Sie blickte direkt in das Gesicht des Aufsehers. Er trug perfekt sitzende Designerjeans und ein dunkles Polohemd, die Hände hatte er in den Taschen – offensichtlich fühlte er sich hier ganz wie zu Hause.

„Hallo.“ Fleur kuschelte sich tiefer in den Sessel. „Da treffen wir uns ja schon wieder.“ Sie hoffte, die Erkenntnis, dass sie Gast des Hauses war, wäre ein heilsamer Schock für ihn.

Er kniff die Augen zusammen und musterte sie, ihre zierliche Figur und den Teint, der seine Zartheit offenkundig allein der Natur verdankte. Bevor er jedoch auch nur ein Wort sagen konnte, kam Mia ins Zimmer geeilt, blieb jedoch bei seinem Anblick unvermittelt stehen.

„Sebastian! Du hier?“

„Dies ist mein eigentliches Zuhause, falls du das vergessen haben solltest.“ Er umarmte sie herzlich. „Hallo, Schwesterlein.“

„Du wolltest doch erst morgen früh kommen!“

„Meine Pläne haben sich kurzfristig geändert. Ist das ärgerlich für dich?“

„Natürlich nicht! Du hast mich nur überrascht, das ist alles, Pat hat mir nämlich auch nichts verraten.“

„Sie wusste auch nichts davon. Als ich heute Vormittag angekommen bin, war sie nicht da. Statt auf sie zu warten und um das Tageslicht auszunutzen, habe ich sofort einen Rundgang über das Gut gemacht – Frank hat heute nämlich frei. Hier bin ich also und hoffe, meine Anwesenheit durchkreuzt nicht eure Pläne.“

„Dummkopf, wie kommst du denn auf die Idee?“ Mia boxte ihn freundschaftlich in die Seite und ging zu Fleur, die einen roten Kopf bekommen hatte. Wie hatte sie nur so schwer von Begriff sein können! Sebastian Conway ließ sich nun wirklich nicht mit einem Aufseher verwechseln.

„Habt ihr euch schon miteinander bekannt gemacht?“, erkundigte sich Mia. „Fleur, dies ist mein Bruderherz, und dies, Sebastian, ist meine alte Freundin Fleur Richardson.“

Fleur stand auf, obwohl sie am liebsten im Boden versunken wäre, und Sebastian schüttelte ihr die Hand. „Wir haben uns bereits getroffen.“ Er betrachtete sie nachdenklich. „Sie hätten mir wirklich sagen sollen, wer Sie sind.“

Mia war irritiert. „Könnte mir bitte jemand erklären …“

„Dies ist der Mann, den ich für Frank hielt“, bekannte Fleur zögernd, und Mia musste laut lachen.

„O Sebastian! Fleur hat mir berichtet, wie unmöglich du sie behandelt hast. Wie konntest du nur?“

„Wenn ich gewusst hätte, wer Fleur ist, hätte ich sie natürlich zum Auto zurückbegleitet und ihr den richtigen Weg gezeigt. Aber du weißt ja, wie Frank sich mit den Setzlingen anstellt, wofür ich ihm ja auch äußerst dankbar bin. Deshalb habe ich die Schonung sofort nach meiner Ankunft kontrolliert – und bin prompt deiner Freundin begegnet.“

„Dann lassen Sie mich die Gelegenheit nutzen und mich für mein rücksichtsloses Verhalten entschuldigen.“ Fleur täuschte eine Gelassenheit vor, die sie nicht fühlte.

„Und ich möchte mich für meine Unhöflichkeit entschuldigen“, erwiderte er.

In diesem Moment erschien Pat, um den Tee zu servieren. „Wie schön, endlich wieder Gäste hier zu haben.“ Glücklich blickte sie von einem zum anderen. „Das Abendessen ist in einer Dreiviertelstunde fertig“, verkündete sie strahlend, bevor sie sich wieder zurückzog.

Die drei tranken Tee und unterhielten sich, wobei sich Fleur Sebastians Anwesenheit stets bewusst war.

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