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Mit dir im Palast der Leidenschaft

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1. KAPITEL

Ein Schauer überlief Laylah al Shalaan.

Kein Frösteln, das sie auf die Minustemperaturen des Chicagoer Dezemberabends hätte zurückführen können. Nein, im Gegenteil, heiße Schauer durchrieselten ihren ganzen Körper.

Das war ihr während der vergangenen Wochen auffallend häufig passiert. So stellte sie sich Hitzewallungen vor. Im Alter von siebenundzwanzig? Kaum wahrscheinlich. Andererseits hielt sie auch schon andere Rekorde. Wie den, nach zwei Genera­tionen der einzige weibliche Nachkomme in ihrer Familie zu sein.

Natürlich glaubte sie nicht wirklich, dass ein abnormaler Hormonspiegel hier am Werk war. Nein, des Rätsels Lösung war ganz einfach:

Sie wurde beobachtet.

Woran sie allerdings von früher gewöhnt war, als Bodyguards jeden ihrer Schritte überwacht hatten. Damit war Schluss, seit sie vor zwei Jahren von Zohayd nach Chicago übergesiedelt war.

Außerdem fühlte es sich anders an.

Normalerweise ging Laylah abends immer in Begleitung von Mira nach Hause, ihrer Geschäftspartnerin und Mitbewohnerin. Nur heute nicht. Miras Vater war ins Krankenhaus eingeliefert worden, und sie war zu ihm geflogen. Zum ersten Mal seit zwei Jahren trat Laylah ganz allein aus dem verlassenen Bürogebäude und durch die Hintertür auf eine menschenleere Nebenstraße hinaus.

Nicht der Umstand, dass sie allein war, verursachte ihr eine Gänsehaut. Nein, schuld war das elektrisierende Kribbeln, das deutliche Gefühl, beobachtet zu werden, das sie auch schon beim Betreten des Gebäudes heute Morgen irritiert hatte.

Seltsam, sie empfand gar keine Angst, nur Neugier … und eine Art freudiger Erregung. Wirklich eigenartig …

Auf der anderen Straßenseite entdeckte Laylah drei Autos. Das erste entfernte sich gerade, während der Motor des zweiten gestartet wurde. Der dritte Wagen, ein Mercedes mit getönten Scheiben, stand scheinbar verlassen da.

Plötzlich heulte der Motor des zweiten Wagens auf. Dann ging alles ganz schnell. Mit quietschenden Reifen kam der Wagen direkt vor Laylah zum Stehen und spuckte vier Männer aus. Bullige Gestalten mit grobschlächtigen Gesichtern, die grimmige Entschlossenheit ausdrückten.

Laylah hatte keine Chance. Von eiskalter Panik gepackt, spürte sie, wie sich Hände mit eisernem Griff um ihre Arme schlossen. Entsetzt trat sie um sich, während einzelne Gesprächsfetzen in ihr Bewusstsein drangen.

„Hey, is ja nur eine, Mann! Tom sagte, es sind zwei.“

„Ja, aber die, die wir wollen.“

„Diese Wildkatze – hat mir fast das Schienbein zertrümmert!“

„Hör auf zu flennen, Mann, und sieh zu, dass du sie ins Auto kriegst!“

Das war kein Raubüberfall und sie kein zufälliges Opfer, begriff Laylah mit wachsendem Grauen. Die Kerle hatten es auf sie abgesehen, sie kannten ihren Tagesablauf.

Nein! So sehr konnten ihre Gefühle sie nicht getäuscht haben. Die Anwesenheit dieser Typen hatte sie nicht gespürt.

Mit brutaler Gewalt zerrten sie Laylah Richtung Wagen.

Die Verzweiflung verlieh ihr enorme Kräfte, wild entschlossen wehrte sie sich gegen die Übermacht ihrer Angreifer. Da traf ein Schlag wie mit dem Presslufthammer ihr Kinn. Der Schmerz ließ weiße Blitze vor ihren Augen aufzucken.

Im nächsten Moment wurde einer ihrer Angreifer regelrecht von ihr weggesogen und gegen die Wand des Bürogebäudes geschleudert. Der Blick des zweiten Angreifers bohrte sich geschockt in ihren, als Blut über sein Gesicht strömte. Im Fallen riss er sie mit sich und begrub sie unter sich.

Panikartig kämpfte sie gegen das Gewicht, das sie zu ersticken drohte. Ihre Gedanken überschlugen sich. Wer hatte ihre Angreifer überwältigt? War sie gerettet? Oder hatte der Kerl es auch auf sie abgesehen?

Jemand zog den leblosen Körper von ihr weg. Keuchend versuchte Laylah, auf die Beine zu kommen … und dann entdeckte sie ihn.

Ihn, einem gefallenen Engel gleich. Groß, düster, charismatisch.

Laylah kannte ihn – schon seit frühester Kindheit.

Das war unmöglich. Er konnte es nicht sein.

Hm, er sah irgendwie völlig verändert aus … Und was hatte er überhaupt hier zu suchen? Wo sie doch sicher gewesen war, ihm nie mehr wiederzubegegnen?

Spielte ihr benebeltes Bewusstsein ihr einen Streich und präsentierte ihr ein bekanntes Gesicht als glorreichen Retter?

Aber ausgerechnet Rashid al Munsoori?

Benommen schüttelte sie den Kopf, schaute noch mal genauer hin. Kein Zweifel, es war Rashid. Der Mann, in den sie verliebt gewesen war, seit sie denken konnte.

Mit atemberaubender Präzision wehrte er die Angreifer ab, die allmählich wieder zu sich gekommen waren und ihn nun von zwei Seiten attackierten. Jeder Fausthieb, jeder Fußtritt traf scheinbar mühelos das Ziel. Wie ein rächender Dämon, den Schädel kahl rasiert, stand Rashid da und schaltete die beiden Kidnapper zum zweiten Mal aus.

Nachdem es Laylah endlich gelungen war, sich hochzurappeln, sank einer der Männer bewusstlos gegen die Häuserwand, während der andere wild zappelnd in der Luft hing.

Ein dumpfes Grollen kam aus Rashids Brust. Ein Geräusch, das klang, als sei es nicht von dieser Welt.

Vielleicht ist es das auch nicht, dachte Laylah einen verrückten Moment lang. Es schien, als sei ein Wesen aus der Unterwelt in ihn gefahren, ein Wesen, dessen Blutdurst erst durch den Tod der beiden Männer gestillt wäre …

Das löste ihre Erstarrung. „Hör auf, du bringst sie noch um!“

In diesem Moment sah er sie an. Ya Allah, was war mit ihm geschehen? Rashid besaß kaum noch Ähnlichkeit mit dem Mann, für den sie ihr ganzes Leben lang geschwärmt hatte. Diese schaurige Leere in seinem Blick, der kalte, harte Zug um den entschlossenen Mund.

Und dann diese Narbe …

„Na und?“

Ein eiskalter Schauder überlief sie. Seine Stimme. Die Kälte darin machte das Grauen komplett. Der Mann, der einmal Rashid gewesen war, meinte seine Frage ernst. Zweifellos hätte er kein Problem damit, den beiden Männern das Leben aus dem Leib zu pressen.

Zwecklos also, an sein Mitgefühl zu appellieren. Er hatte keins. Ebenso wenig fürchtete er die Konsequenzen seines Handelns. Die einzigen Gefühle, die er zu kennen schien, waren mörderische Wut und Rachsucht. Wichtiger als ihre Rettung war es ihm, die Schuldigen zu bestrafen.

Da blieb nur eins, sie musste an seine Logik appellieren.

„Nicht nötig, sich an den beiden Kerlen die Hände schmutzig zu machen“, krächzte Laylah. „Die werden so schnell keinem mehr auflauern.“

„Welche unglaubliche Verschwendung, diesen Abschaum wieder zusammenzuflicken. Das sollte man der Gesellschaft ersparen.“ Mit loderndem Blick betrachtete er den Mann, der in seinen Händen zappelte wie ein Fisch an Land und um Gnade flehte. „Solche Stinktiere verdienen es nicht, am Leben gelassen zu werden.“

„Ein hartes Urteil für ihr Verbrechen.“ Vorsichtig kam Laylah näher.

„Oh, hätten sie dich in ihre Gewalt gebracht, hätten sie ganz sicher nicht gezögert, dich zu ermorden …“

„Nein, Mann …“, brachte der Mann erstickt hervor, die Augen blank vor Entsetzen. „Wir wollten sie doch nur gegen Lösegeld festhalten. Hey, das ist eine reiche Ölprinzessin, da hätten wir echt abräumen können. Wir wollten ihr nichts tun, ehrlich, Mann, das schwöre ich.“

Als Rashid den Druck um seine Kehle verstärkte, winselte er: „Die kleine Wildkatze hat Danny geschlagen, da ist er durchgedreht. Dafür haben Sie ihn ja auch fast kaltgemacht. Aber ich hab ihr nix getan … bringen Sie mich nicht um, bitte.“

Gegen ihren Willen tat ihr diese wimmernde Ratte leid. Laylah musste handeln, bevor es zu spät war. Vorsichtig legte sie Rashid die Hand auf den Arm. Und zuckte wie elektrisiert zurück. Selbst durch den Stoff seiner Kleidung spürte sie die Hitze seines Körpers – eine Berührung, die ganz ungeahnte Gefühle in ihr auslöste.

Laylah schluckte. „Du hast die beiden so fertiggemacht, dass sie bestimmt etliche Narben zurückbehalten. Wahrscheinlich verkriechen sie sich für den Rest ihres Lebens in irgendeinem Loch und trauen sich nicht mehr heraus. Eine sehr viel süßere Rache, als sie zu töten, findest du nicht?“

Es schien, als nähme Rashid sie erst jetzt richtig wahr. Er öffnete die Fäuste und ließ den Mann unsanft zu Boden krachen, wo er bewusstlos in sich zusammensackte.

Erleichterung durchflutete sie, während ihre Lungen sich mit eiskalter Nachtluft füllten. Rashid war Soldat gewesen, hatte zwangsläufig töten müssen. Dies hier jedoch wäre etwas anderes gewesen. Laylah wollte kein Menschenleben auf ihr Gewissen laden.

Der blutrünstige Dämon in ihm schien drauf und dran, wieder die Oberhand zu gewinnen. Aber Rashid bezwang ihn, das spürte Laylah. Im nächsten Moment war er wieder der ultramoderne Wüstenkrieger, den sie von früher kannte. Unbezähmbar und daran gewöhnt, dass die Welt ihm zu Füßen lag.

Gelassen zog er sein Mobiltelefon hervor, um die Polizei zu verständigen. Anschließend rief er einen Krankenwagen. „Bist du verletzt?“, erkundigte er sich besorgt.

Plötzlich meinte sie, die Hände dieser Kerle wieder überall auf ihrem Körper zu spüren. Die linke Seite ihres Kinns sandte scharfe Schmerzimpulse aus. Instinktiv legte sie die Hand an ihre Wange.

Rashid zog sie ins Licht der Straßenlaterne, sah Laylah prüfend an. Ganz sanft betastete er ihr Kinn. Welch ein Kontrast zu der Brutalität, mit der er gerade eben noch ihre beiden Angreifer überwältigt hatte.

„Vielleicht bringe ich sie doch noch um“, zischte er.

Laylah zuckte zusammen. „Als Strafe für einen rechten Haken?“

„Hätten sie ihr Ziel erreicht, wärst du fürs Leben gezeichnet, wenn nicht körperlich, auf jeden Fall psychisch. Dafür verdienen sie den Tod.“ Ohne sich von ihr aufhalten zu lassen, kehrte er zielstrebig zu den beiden Männern am Boden zurück. Genauso gut hätte Laylah versuchen können, einen Hurrikan zu stoppen. „Entspann dich. Ich bringe sie nicht um. Sie sollen nur wünschen, ich hätte es getan.“

Laylah folgte ihm eilig. „Wie wär’s, wenn du es dem Gericht überlässt, über ihr weiteres Schicksal zu entscheiden?“

Seine dunklen Augen funkelten missbilligend. „Du willst sie einfach so davonkommen lassen?“

„Ganz sicher nicht. Aber ich glaube an das Gesetz, an eine gerechte Strafe.“

„Aha. Und welche Strafe findest du gerecht dafür, eine junge Frau auf offener Straße brutal zu überwältigen mit dem Ziel, sie zu entführen? Und diese junge Frau durch die Hölle zu schicken, sie in Todesangst zu versetzen und zu schlagen?“

Ein Zittern durchlief ihren Körper, als sie daran dachte, was ihr bevorgestanden hätte, wäre Rashid nicht plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht, um sie zu retten. „So gesehen, muss ich dir recht geben. Zum Glück ist ja nichts passiert.“

„Nur, weil ich sie rechtzeitig aufgehalten habe.“

„Wir können diese Männer nicht für etwas bestrafen, was hätte passieren können.“

„Hier in diesem Land nicht, nein. Wo ich herkomme, gelten andere Gesetze.“

Rashid drehte sich zu den beiden Männern um, die immer noch bewusstlos waren. Und da sah sie es. Einen dunklen Fleck unter seinem Mantel.

Erschrocken griff sie nach seinem Am, um Rashid zurück ins Licht zu ziehen. Er riss sich so abrupt von ihr los, dass sie fast gestolpert wäre und sich an ihm festhalten musste. Die warme Flüssigkeit, die sie an ihren Händen spürte, konnte nur Blut sein …

Rasch zog sie die Hände zurück, starrte auf ihre blutroten Handflächen. „Du bist verwundet!“

Gleichmütig blickte er an sich hinunter. „Das ist nichts.“

„Nichts?“ Sie stand kurz vor einem hysterischen Anfall. „Nichts? Du blutest! Ya Allah!

Verärgerung flackerte in seinem Blick auf. „Nur ein Kratzer.“

„Ein Kratzer? Deine ganze linke Seite ist blutgetränkt.“

„Na und? Sei nicht so zimperlich. Du wirst doch wohl nicht etwa ohnmächtig, oder?“

„Zimperlich?“, konterte sie aufgebracht. „Ich mach mir doch nur Sorgen um dich!“

In Anbetracht der starken Blutung musste er ziemlich schwer verletzt sein. Adrenalin und die Eiseskälte waren wahrscheinlich das Einzige, was ihn auf den Beinen hielt. Bis zum Eintreffen des Krankenwagens könnte es schon zu spät sein …

Um Zeit zu gewinnen, musste sie die Blutung stillen.

Kurz entschlossen riss Laylah sich den Schal herunter und presste das cremefarbene Kaschmirgewebe gegen den sich rasch ausbreitenden Fleck. Rashid versteifte sich, packte ihre Hände, als wollte er sie zurückstoßen. Da warf Laylah sich mit ihrem ganzen Gewicht auf ihn, drückte ihn keuchend gegen die Hauswand. „Wir müssen einen Druckverband improvisieren.“

Reglos, das Gesicht eine undurchdringliche Maske, sah Rashid sie an. Er würde doch wohl nicht das Bewusstsein verlieren?

„Ich mach das.“ Energisch schob er ihre Hände weg und entwand ihr den Schal.

Konnte sie ihm trauen? Ja. Er würde es tun. Nicht, weil er es für nötig hielt, sondern um sie sich vom Leib zu halten. „Du kannst jetzt gehen“, sagte er streng.

Oh. Er schickte sie weg? Entschlossen schüttelte sie den Kopf. Ihre blutverschmierten Hände bebten. „Ich muss warten, bis die Polizei hier ist.“

Mit einem Ende des Schals wischte er ihre Hände sauber. „Ich behaupte einfach, der Angriff galt mir. Diese Hunde werden nicht widersprechen. Das Urteil gegen sie wird milder ausfallen, wenn der Richter glaubt, dass es sich um einen ganz normalen nächtlichen Raubüberfall gehandelt hat.“

„Aber du wolltest, dass sie hart bestraft werden.“

„Keine Sorge, das werden sie. Ich fühle mich nicht an die Gesetze dieses Landes gebunden und werde dafür sorgen, dass sie so etwas nie wieder einem anderen Menschen antun.“

Frustriert warf sie die Arme in die Luft. „Was redest du bloß für einen Mist? Vergiss diese Kerle jetzt mal, und konzentrier dich lieber auf dich selbst. Du bist verletzt. Und ich gehe nirgendwohin, sondern begleitete dich in die Notaufnahme.“

„Da ich nicht beabsichtige, mich in eine Klinik einliefern zu lassen, bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als nach Hause zu fahren.“ Sie schüttelte den Kopf, und er befahl barsch: „Nimm meinen Wagen, und fahr ein paar Blocks weiter. Meine Bodyguards werden sich an dich hängen und dich sicher nach Hause begleiten.“

Da sie nichts darauf erwiderte, fuhr er gereizt fort: „Verschwinde jetzt, bevor die Cops hier auftauchen. Für heute hast du genug durchgemacht. Fahr nach Hause und vergiss, dass das hier je passiert ist.“

„Das kann ich nicht. Ich denke gar nicht daran, dich allein zu lassen. Und du wirst dich schön brav in der Notaufnahme vorstellen.“ Sie deutete auf den Mercedes. „Ist das dein Wagen?“

„Ja. Ich hatte kurz angehalten, um eine Datei von meinem Smartphone zu senden.“

„Und in dem Moment wurdest du zufällig Zeuge des Überfalls auf mich.“

Rashid erwiderte nichts darauf, sein Blick verschloss sich.

„Gib mir die Autoschlüssel. Ich bringe dich ins Krankenhaus.“

Seine spöttisch hochgezogenen Brauen machten deutlich, was er von ihrem Vorschlag hielt. „Die Cops werden jeden Moment hier sein. Na los, fahr endlich!“

„Die können unsere Aussagen auch in der Notaufnahme aufnehmen. Hey, du stirbst mir noch unter den Händen weg! Die Unterkühlung und der Blutverlust …“

„Ich habe nicht die Absicht zu sterben. Glaub mir, ich habe schon weit ernstere Verletzungen überlebt, und zwar unter Bedingungen, wogegen das hier ein Waldspaziergang ist.“

Er übertrieb nicht, das wusste Laylah. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, woher diese fürchterliche Narbe stammte, die sich wie eine bösartige Schlange von seinem linken Auge über seine Wange den Nacken hinunter und tiefer schlängelte.

Rashid hatte ihren Blick bemerkt, meinte gepresst: „Wie du siehst, habe ich nicht übertrieben. Schlimmer als das hier …“, er deutete auf die Narbe, „kann’s nicht werden. Mach dir also um mich keine Sorgen.“

Jetzt wurde sie aber wirklich wütend. Wofür hielt er sie denn? Für eine selbstsüchtige, feige Ziege, die ihn in einer solchen Situation im Stich lassen würde?

Na, da kannte er sie aber schlecht … „Sag mal, bist du sicher, dass du weißt, wen du vor dir hast?“

Wieder dieses gleichmütige Hochziehen der Augenbrauen. „Natürlich, Prinzessin Laylah. Was soll diese alberne Frage?“

Also hatte sie sich geirrt. Nach so langer Zeit wäre es allerdings gut möglich gewesen, wenn er sie nicht erkannt hätte. Außerdem hatte sie früher eine Brille getragen. Und er hatte immer so durch sie hindurchgesehen, als existierte sie gar nicht. Auch jetzt wirkte er distanziert wie ein Fremder. Der zurückhaltende Rashid von damals hatte sich nicht geändert, höchstens war er noch undurchschaubarer geworden.

„Tatsächlich habe ich dich schon ziemlich oft in der Stadt gesehen“, eröffnete er ihr jetzt.

Der Mann hatte es wirklich drauf! Wie viele Überraschungen hielt er noch für sie parat? „Ach ja? Wo denn?“

„Mir gehören ein paar Büros in diesem Gebäude. Außerdem bevorzugst du dieselben Restaurants wie ich.“

Er war es also gewesen, dessen Anwesenheit sie die ganze Zeit gespürt hatte!

Das ergab Sinn. Ebenso wie die Tatsache, dass er sich erst zu erkennen gegeben hatte, als es wirklich nicht mehr anders ging, weil sie in höchster Gefahr schwebte.

Rashid, Laylahs Traummann … Mehr als anschmachten aus der Ferne war allerdings nie drin gewesen. Völlig unerreichbar wurde er in dem Moment, als er sich vom engsten Freund ihrer Lieblingscousins in deren tödlichen Feind verwandelt hatte.

Scheich Rashid … wie lange hatte sie ihn nicht mehr gesehen? Es waren Jahre, die ihr wie eine halbe Ewigkeit erschienen. Und doch waren alle Gefühle sofort wieder präsent, Gefühle, die ihre Mutter immer als „böses Leiden“ abqualifiziert hatte. Laylah war davon überzeugt gewesen, sie sei endlich über ihn hinweg, hätte ihre alberne Verliebtheit unter Kontrolle. Ein Irrtum, wie sie erkennen musste.

Na gut, es war nicht zu ändern. Was er heute für sie getan hatte, konnte sie sowieso nie wiedergutmachen.

„Wenn du der Polizei erzählst, dass die Angreifer es auf mich abgesehen hatten, dann bin ich bereit, mich in einem Krankenhaus behandeln zu lassen“, kam Rashid aufs eigentliche Thema zurück.

Netter Versuch, er wollte ihr den Stress einer Befragung ersparen. Doch das kam gar nicht infrage. „Ich will nicht, dass du diesen Schlamassel allein ausbadest.“

Er zuckte die breiten Schultern. „Ist doch ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, womit ich mich sonst herumschlage.“

Das konnte sie sich gut vorstellen. Rashid hatte sein IT-Imperium gewissermaßen aus dem Nichts aufgebaut. Vermutlich war es ein ständiger harter Kampf, sich oben an der Spitze zu halten. Und er hatte natürlich recht. Für sie käme es einer Katastrophe gleich, jetzt in polizeiliche Ermittlungen verwickelt zu werden.

„Okay.“ Die Atmosphäre zwischen ihnen entspannte sich, aber nur so lange, bis Laylah fortfuhr: „Unter einer Bedingung. Du erlaubst mir, dich ins Krankenhaus zu bringen.“

„Hast du etwa Angst, ich breche mein Wort?“

„Nein. Du hältst Wort, auch wenn es dich das Leben kostet.“

Er musterte sie fragend, in seinem Blick lag ein Anflug von Spott. „Warum dann dieses Theater? Ah, du denkst, ich kann nicht selbst fahren.“

„Sagen wir, ich möchte kein Risiko eingehen“, erwiderte sie achselzuckend.

Seine grimmige Miene ließ sie mit einem barschen Nein rechnen.

Plötzlich drückte er Laylah wortlos den blutdurchtränkten Schal in die Hand. Rashid zog einen Notizblock und einen Schreiber aus seiner Jackentasche, kritzelte ein paar Zeilen auf ein Blatt, das er anschließend herausriss und einem der noch immer bewusstlosen Männer an die Schulter pappte.

Dann nahm ihr Rashid den Schal aus den klammen Fingern, drehte sich um und marschierte zu seinem Wagen.

Was sollte das denn jetzt?

Anstatt sich hinters Steuer zu setzen, wie Laylah es schon halb erwartet hatte, öffnete er die Beifahrertür und wandte sich auffordernd zu ihr um. „Kommst du?“

Aufatmend stolperte sie zum Wagen. Die Absätze ihrer Stilettos klapperten laut auf dem Asphalt. Sekunden später saß sie auf dem Fahrersitz. Aus der Ferne kündigte Sirenengeheul die Ankunft der Polizei an.

Am liebsten wäre Laylah ihm vor lauter Erleichterung um den Hals gefallen. Am ganzen Körper bebend, sah sie ihn an. „Danke.“

„Willst du etwa doch noch auf die Cops warten?“

„Oh, nein.“ Mit fliegenden Fingern drehte sie den Schlüssel im Zündschloss und startete den Wagen. Der Motor schnurrte so leise, dass er kaum zu hören war. Überhaupt war der Wagen ein Traum. Er ließ sich leicht lenken und lag sicher auf der Straße, sodass Laylah es selbst in ihrer aufgelösten Verfassung schaffte, ohne weiteren Zwischenfall die nächste Notaufnahme anzusteuern.

Nachdem er ausgestiegen war, sagte Rashid: „Fahr jetzt nach Hause. Ich stelle dir einen Wagen mit Chauffeur zur Verfügung.“

Das war nicht der Deal! Rasch sprang sie aus dem Wagen und rannte ihm hinterher. „Warte, ich begleite dich.“

„Wir hatten abgemacht, dass du mich herfährst, nicht, dass du mit reinkommst.“ Sein Blick ging ihr durch und durch.

Entschlossen packte sie ihn am Arm. „Dann gibt es jetzt einen neuen Deal.“

„Du brauchst dich mir nicht verpflichtet zu fühlen, Prinzessin.“

„Tu ich auch nicht. Keine Angst, ich erspare dir überschwängliche Dankesbekundungen, weil ich weiß, wie allergisch du dagegen bist. Aber das ist noch lange kein Grund, jetzt den Superhelden zu markieren und allein in die finstere Nacht zu marschieren.“

Ungerührt ging er weiter.

Ihr Herz sank vor Enttäuschung. Sinnlos, ihn weiter zu bedrängen, das würde nur noch mehr Widerstand heraufbeschwören.

Doch dann überraschte er sie ein weiteres Mal. Vor dem Eingang zur Notaufnahme blieb er stehen und sah sie an.

Er wartete auf sie!

Mit wild klopfendem Herzen lief Laylah zu ihm. Seine sinnlichen Lippen verzogen sich andeutungsweise zu etwas, was man mit ein bisschen gutem Willen als Lächeln bezeichnen konnte.

Dann drehte er sich um und trat durch die Tür.

Laylah musste sich beeilen, um ihn einzuholen. Diese Demonstration seiner Unabhängigkeit war natürlich Absicht. Er würde es ihr nicht leicht machen, das stand fest.

Ha! Was er konnte, konnte sie schon lange! Auf keinen Fall würde sie zulassen, dass er wieder aus ihrem Leben verschwand. Nein, sobald sie sich davon überzeugt hatte, dass er nicht ernsthaft verletzt war, würde sie es ihm zeigen. Würde ihm beweisen, dass sie ihm bis ans Ende der Welt folgte, wenn er sie nur ließ.

2. KAPITEL

Die ganze Zeit spürte Rashid Laylahs Anwesenheit überdeutlich. Bei jedem Atemzug meinte er, ihren Duft, ihre Besorgnis, ihre Präsenz wahrzunehmen. Immer wieder vergaß er seinen Vorsatz, Stärke zu demonstrieren, sie zu ignorieren, und ertappte sich dabei, wie sein Blick zu ihr huschte. Ein Verhalten, was überhaupt nicht zu ihm passte. Er hatte sich sonst immer in der Gewalt, ließ sich von niemandem ablenken, schon gar nicht von einer Frau.

Aber Laylah al Shalaan war nicht irgendeine Frau. Rashid hatte sie heranwachsen sehen, hatte beobachten können, wie sie zu einer wunderschönen Blume erblühte. Sehr zu seinem Missfallen, das musste er zugeben. Wie ungerecht es doch war, dass das Schicksal sie mit außergewöhnlicher Schönheit beschenkte, während ihr Charakter sicher genauso hässlich war wie der aller Nachfahren ihrer Familie mütterlicherseits, dieser Schlangenbrut.

Trotzdem musste er Laylah wieder und wieder anschauen, studierte jedes noch so kleine Detail ihrer Erscheinung: Augen von der Farbe dunkler Schokolade, braune Haare mit mahagonirotem Schimmer. Zarte, honigfarbene Haut, ein straffer und gleichzeitig sehr weiblicher Körper, der vor Vitalität nur so strotzte. Das außergewöhnlich symmetrische Gesicht.

Und dann diese Aura süßer Aufrichtigkeit … wie konnte das sein? Die Frau entstammte schließlich einem Clan übelster Lügner und Verbrecher.

Auch wenn ihre Miene lediglich eine Maske war, um ihren wahren Charakter zu verbergen, ihre Sorge um ihn schien echt, das spürte Rashid.

Dafür gab es natürlich eine ganz rationale Erklärung. Zweifellos war sie ihm dankbar, dem Retter aus höchster Not. Sobald der erste Schock abgeklungen war, würde sie ihr wahres Gesicht zeigen.

Dann durfte er guten Gewissens wieder das Schlimmste von ihr annehmen. Und sie dementsprechend behandeln, ohne sich dabei schuldig zu fühlen.

Jetzt musste er erst einmal ihrer verwirrenden Nähe entkommen, musste die Kurve kriegen und sich voll und ganz darauf konzentrieren, seine nächsten Schritte zu planen.

„Ich komme mit rein“,

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