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Mit dir im Himmel auf Erden

1. KAPITEL

„Entschuldigen Sie bitte, aber das hier ist ein Privatstrand.“

Zögernd ging Roane Elliott ein Stück weiter. Der Schein des Vollmonds tauchte die Umgebung in Silber- und Grauschattierungen. Schwarze Schatten bewegten sich im Rhythmus von Ebbe und Flut. Das machte ihr nichts aus, schließlich kannte sie hier jeden Fels, jede Düne, jedes Sandkorn. Doch die Anwesenheit des Fremden verunsicherte sie. Diese Gegend war sehr einsam. Es würde ewig dauern, bis hier Hilfe einträfe, falls sie einen Notruf absetzte.

Unvermittelt blieb sie stehen. Nicht der Gedanke an einen Notruf ließ sie verharren, sondern …

Der Mann war splitterfasernackt!

Und er sah aus wie ein griechischer Gott. Im silbrig schimmernden Mondlicht erkannte sie breite Schultern, eine schmale Taille und … Ihr stockte der Atem.

In diesem Moment drehte der Mann sich um. Schnell wandte Roane den Blick ab. „Sieh ihm ins Gesicht“, ermahnte sie sich flüsternd.

Doch das war leichter gesagt als getan! Hingerissen ließ sie die Zunge über die Lippen gleiten. Am liebsten hätte sie die Hand ausgestreckt und ihn berührt.

Sie riss sich zusammen. „Das ist ein Privatstrand“, wiederholte sie energisch. „Sie haben hier nichts zu suchen.“

„Der Ozean gehört uns allen.“ Sogar seine Stimme klang magisch – tief, wohlklingend, und sehr, sehr männlich …

Roanes Pulsschlag katapultierte sich in ungeahnte Höhen. Angesichts des athletischen Körpers dieses Adonis’ wurde ihr heiß. Der Mann schien körperlich zu arbeiten, oder er trieb viel Sport. Vielleicht war er auch ein Profisportler? Nein, dazu war er nicht schlank genug. Dick war er natürlich auch nicht, jedenfalls nicht, soweit sie es beurteilen konnte. Und das konnte sie. Schließlich stand er splitterfasernackt vor ihr. Und es schien ihn nicht einmal zu stören. Jetzt stützte er sogar die Hände in die Hüften und musterte sein Gegenüber herausfordernd.

Diese arrogante Haltung brachte Roane wieder in die Gegenwart zurück. Statt den Blick weiter nach unten gleiten zu lassen, wie sie es am liebsten getan hätte, sah sie dem unverschämten Fremden in die Augen.

„Sie befinden sich aber nicht im Ozean, sondern am Strand. Und der ist in Privatbesitz. Bitte verschwinden Sie, bevor der Wachdienst Sie entdeckt.“

Es gab gar keinen Wachdienst, aber woher sollte er das wissen?

Er lächelte amüsiert. „Dann ist das Ihr Strand, oder?“

„Nein, er gehört der Familie, bei der ich angestellt bin. Ich …“ Beinahe hätte sie ihm verraten, dass sie selbst in einem Strandhaus ganz in der Nähe wohnte. „Ich darf mich hier aufhalten.“

Instinktiv wich sie zurück, als er näher kam. „Keinen Schritt weiter! Ich habe einen schwarzen Gürtel in Ju-kwando.“

Der Mann lachte leise, nahm die Hände von den Hüften und machte einen Schritt nach vorn. „Meine Sachen liegen hinter Ihnen. Ach ja, nur zu Ihrer Information: Die korrekten Bezeichnungen für Selbstverteidigungssportarten lauten Ju-Jutsu und Taekwondo. Aber keine Angst, ich beiße nicht.“

Roane machte ihm den Weg frei und errötete, als er ihr im Vorbeigehen vertraulich zuraunte: „Nur wenn Sie mich darum bitten.“

Was für eine Vorstellung! Ihre Fantasie schlug Purzelbäume. Welche heißblütige Frau hätte bei dieser Bemerkung keine erotischen Bilder vor ihrem geistigen Auge gesehen? Noch dazu, wenn ihr Gegenüber nackt und unglaublich sexy war. Die eher unerfahrene Roane konnte kaum fassen, was mit ihr passierte.

Doch so leicht würde sie es dem Fremden ganz sicher nicht machen. Er soll endlich verschwinden, dachte sie – nicht sehr überzeugt.

Bei dem Geräusch eines hochgezogenen Reißverschlusses riskierte sie einen weiteren Blick. Der Mann grinste sie unverschämt an. „Wohnen Sie hier in der Nähe?“

„Die Frage sollte ich wohl besser nicht beantworten.“

„Es gibt einiges, was Sie nicht hätten tun sollen. Beispielsweise halte ich es für keine gute Idee, mitten in der Nacht einen Fremden anzusprechen.“

Als er jetzt aufs Meer hinausblickte, konnte Roane sein Gesicht im Mondschein etwas besser erkennen. Ihr stockte der Atem. So ein schönes Männergesicht hatte sie noch nie gesehen. Haar- und Augenfarbe ließen sich bei der Beleuchtung nicht ausmachen, aber sein Gesicht war symmetrisch und wirkte wie gemeißelt. Er hatte große Augen, eine gerade Nase und einen Mund, so sinnlich, dass sie ihn am liebsten sofort geküsst hätte.

Der Typ schien genau zu wissen, was ihr durch den Kopf ging, denn er lächelte nun sexy. Wahrscheinlich liefen ihm die Frauen in Scharen nach. Auf dem Weg zum Strand hatte sie ein schweres Motorrad entdeckt. Vermutlich tourte der Adonis durch die Lande und hinterließ überall gebrochene Herzen. Er nahm sich, was ihm gefiel, schwamm nackt im Ozean, hielt sich unbefugt auf Privateigentum auf und tat so, als hätte er das Recht dazu, und wenn er Lust dazu hatte, verführte er eine Frau im Mondschein …

Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, sie mit einer Handbewegung an sich zu ziehen, sie zu küssen und sie behutsam auf den weichen Sandstrand zu legen, sich auf sie zu schieben und …

Heißes Verlangen durchflutete sie bei dieser erotischen Vorstellung. Die Sehnsucht nach diesem Mann schmerzte sie fast körperlich.

Roane hörte förmlich sein erregtes Atmen, spürte den feuchten Körper an ihrem … Sie riss sich zusammen. „Bitte gehen Sie jetzt.“

„Plötzlich ängstlich, Kleine?“

Diese tiefe, raue Stimme klang erregend sexy. Roane empfand ein süßes Ziehen in ihren Brüsten. Dieses ungewohnte Gefühl hatte sie einen Moment lang abgelenkt. Doch jetzt ließ sie die Worte in sich nachklingen. Sie waren ihr seltsam vertraut. Wer war dieser Mann? „Kennen wir uns?“, fragte sie erstaunt.

„Niemand kennt mich hier.“ Er bückte sich und hob Hemd, Jacke und Stiefel auf. Keine Boxershorts, wie Roane sofort bemerkte. Dann sah er sie wieder an. „Ziemlich riskant, mitten in der Nacht einen nackten Fremden am Strand anzusprechen, oder, Kleine?“

Wieso nannte er sie so? Okay, verglichen mit seiner geschätzten Körpergröße von knapp einem Meter neunzig war sie mit ihren einsfünfundsechzig eher klein. Neben diesem Muskelpaket kam sie sich vor wie eine Nymphe. Aber immerhin war sie kein Teenager mehr, sondern eine erwachsene Frau von siebenundzwanzig Jahren. Eigentlich war die Anrede eine Beleidigung, aber aus seinem Mund klang sie fast verführerisch. Dessen war er sich offensichtlich bewusst.

„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass es hier einen Wachdienst gibt.“

„Den gibt es nicht.“

Erschrocken sah sie ihn an. „Das können Sie gar nicht wissen.“

„Aber ich weiß es.“

Wer um alles in der Welt war der Typ? In diese Ecke von Martha’s Vineyard verirrte sich nur selten mal ein Motorradfahrer. Leute, die fremd auf der Insel waren, würden diesen versteckten Strand gar nicht finden. Die große Villa auf den Klippen erregte allerdings vermutlich das Interesse von Einbrechern. Vielleicht hatte der Typ das Grundstück der Bryants ausgespäht, war dann zum Strand gegangen, um zu schwimmen und sich die Zeit zu vertreiben, bis alle sich zu Bett gelegt hatten, um dann unbemerkt ins Haus einzubrechen.

Die Fantasie ging mal wieder mit ihr durch.

Der Fremde streckte die Hand nach ihr aus. Roane wich zurück. Irritiert versprach er: „Ich tu dir nichts.“

„Woher soll ich das wissen?“

„Wenn du es nicht instinktiv spüren würdest, wärst du längst davongelaufen. Komm her.“

„Warum?“

„Ich will dich anschauen.“

„Warum?“

Er machte eine ungeduldige Handbewegung, kam näher, umfasste ihr Kinn und drehte das Gesicht zum Mondlicht. Überrascht sah sie ihn von der Seite an, hielt aber ganz still.

Langsam und gründlich ließ er den Blick über ihre Züge gleiten. Dabei streichelte er geistesabwesend mit dem Daumen das Kinn. Dann ließ er sie unvermittelt wieder los.

„Du bist erwachsen geworden, Kleine.“

Roane blinzelte, als er sich abwandte und über die Holzplanken Richtung Motorrad ging. „Wer sind Sie?“, fragte sie rau.

Er sah sich nicht einmal um, sondern sagte nur mit dieser sexy Stimme: „Nacht, Roane.“

„Morgen, Jake.“

Roane joggte quer über den Rasen, als sie ihren Freund auf dem Weg zwischen der großen Villa und dem Gästehaus erblickte. „Warte mal!“

Erfreut lächelnd wandte er sich um. „Guten Morgen, meine Sonne.“

„Morgen“, erwiderte sie fröhlich seinen Gruß und passte sich Jakes Schritttempo an. Sie kannten sich seit ihrer frühesten Kindheit. Die meisten Frauen hätten sich wohl sofort in den großen, dunkelhaarigen, gut aussehenden Mann verliebt, aber für Roane war er eher so etwas wie ein älterer Bruder.

„Habt ihr einen Gast? Ich habe gestern Abend auf dem Heimweg einen Mann gesehen.“

Jake zog die dunklen Brauen hoch. „Tatsächlich?“

„Ja. Es war sehr seltsam.“ Sie schob die Hände in die Hosentaschen ihrer Jeans und schilderte die Begegnung in groben Zügen. Die anzüglichen Details ließ sie aus. Man konnte schließlich seine erotischen Fantasien nicht mit seinem Bruder teilen, oder? „Er schien mich zu kennen.“

Jake hob das Kinn und blickte Richtung Gästehaus. „Wirklich? Dann wollen wir mal sehen, ob er da ist. Ich habe da so eine Vermutung, wer es sein könnte.“ Freundschaftlich legte er ihr den Arm um die Schultern und flüsterte: „Wir haben tatsächlich Besuch.“

Und warum wusste sie nichts davon? Verärgert verzog sie das Gesicht, ließ sich aber bereitwillig von Jake zum Haus ziehen, das die Größe ihres Strandhäuschens um mindestens das Zwölffache übertraf. Gäste der Bryants wurden hier so verwöhnt wie in einem Fünfsternehotel.

Der Blick vom Designerhaus aus über den Ozean war spektakulär. Hinzu kam, dass es sich auf einem weitläufigen Grundstück mit altem Baumbestand befand und in einer Bucht lag, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Das großzügig geschnittene Haus verfügte über ein geräumiges Wohnzimmer mit hohen Decken und einem riesigen Kamin, fünf Gästezimmer mit eigenem Badezimmer, Gourmetküche und sogar über ein Schlafzimmer, dessen angrenzender Badetempel mit einem Whirlpool ausgestattet war.

So einen Luxus waren wohl nicht einmal königliche Hoheiten aus Europa gewohnt.

„Hallo?“, rief Jake, als sie das Haus durch die Küchentür betraten. Die Buchenholzküche war in gleißenden Sonnenschein getaucht. „Jemand zu Hause?“

Er blieb so unvermittelt stehen, dass Roane fast gegen seinen Rücken geprallt wäre. Ärgerlich schob sie sich an ihm vorbei und wollte ihn zur Rede stellen. Doch dann stockte ihr der Atem.

Der geheimnisvolle Fremde nickte ihr kurz zu und fragte dann Jake: „Kaffee?“

„Ja, bitte.“

Er drehte sich um und schenkte zwei Tassen ein. Roane hatte sich noch immer nicht von ihrem Schock erholt. Im Sonnenschein war der Mann noch attraktiver als bei Mondlicht. Sein Haar war dunkelblond, durchzogen von helleren Strähnen, für deren Farbe die Sonne verantwortlich war. Jetzt schob er sich lässig einige der hellblonden Strähnen aus dem Gesicht. Die Augenfarbe konnte sie nicht erkennen.

„Du hast den Schlüssel also gefunden“, sagte Jake.

„Sieht so aus.“ Er reichte ihnen die Tassen. „Milch und Zucker stehen auf dem Tresen. Bedient euch.“

Schon im Umdrehen bemerkte er Roanes Blick und hielt inne. Ein wissendes Aufleuchten in seinen unglaublich grünen Augen, in denen kleine braune Punkte tanzten, verriet, was er dachte. „Morgen, Roane.“

Und plötzlich wusste sie, wer da vor ihr stand. „Adam?“

Während Jake zum Küchentisch ging, lächelte Adam lässig, neigte den Kopf und flüsterte: „Jetzt erinnert sie sich an mich.“

Bevor sie reagieren konnte, hatte er sich schon abgewandt und setzte sich seinem Bruder gegenüber an den Tisch. „Findest du es nicht etwas übertrieben, einen Privatdetektiv zu beauftragen?“

Jake zuckte die Schultern. „Du hast uns ja nicht gerade zu jedem Weihnachtsfest eine Karte mit Absender geschickt. Woher sollten wir wissen, wie du zu erreichen bist?“

„Ich hatte meine Gründe.“

Roane setzte sich neben Jake. Sie spürte, wie angespannt er war und versuchte, ihn aufzuheitern. „Hast du wirklich einen Privatdetektiv angeheuert, um ihn zu finden? War das so ein Typ mit verknittertem Trenchcoat?“

Jake lächelte. „Nein, da muss ich dich leider enttäuschen.“

„Warum hast du mich nicht eingeweiht? Es hätte sicher Spaß gemacht, den richtigen Mann zu engagieren.“ Sie ließ sich nicht anmerken, wie verletzt sie war, dass Jake ihr nichts von seiner Suche nach Adam erzählt hatte.

Der verlorene Sohn lehnte sich lässig zurück. Im Sonnenlicht schimmerte sein Teint goldfarben. Roane war sicher, dass die Lässigkeit nur gespielt war. Tatsächlich wirkte Adam angespannt, als er dem Geplänkel zwischen ihr und seinem Bruder lauschte.

Als er sie direkt anschaute, blieb ihr fast die Luft weg. Wie machte er das nur? Ein Blick von ihm, und sie war hin und weg.

Jetzt wandte Adam sich wieder seinem Bruder zu. „Wie krank ist er wirklich?“

„Er hat gute und schlechte Tage.“ Jake drehte die Tasse in den Händen. „Wir versuchen, stets den gleichen Tagesablauf einzuhalten. Das ist ganz hilfreich.“

Leise sagte Roane: „Er wird sich freuen, dich zu sehen.“

Adam bedachte sie mit einem kurzen Blick. „Ist er bei klarem Verstand?“

„Das Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht mehr. Manchmal ist er verwirrt, dann wieder wütend. Seine Stimmungen wechseln ständig.“

Adam sah aus dem Fenster. „Dann hat sich ja nicht viel geändert“, sagte er ironisch.

„So gesehen wohl nicht“, erwiderte Jake traurig. „Aber es ist nur eine Frage der Zeit, wann es weiter bergab geht und er sich nicht mehr artikulieren kann. Wir müssen damit rechnen, dass er auch das Langzeitgedächtnis verliert und sich völlig in sich zurückzieht. Vor zwei Jahren haben die Ärzte ihm noch sieben Jahre gegeben. Wenn du also deinen Frieden mit ihm schließen willst, dann solltest du nicht allzu lange damit warten.“

Roane fand es merkwürdig, dass Adam nicht darauf einging. Aber er wäre doch nicht nach Hause gekommen, wenn er nicht vorhätte, sich mit seinem Vater zu versöhnen, oder? Sie wusste nicht genau, warum Jakes rebellischer älterer Bruder damals fortgegangen war. Er war ihr ohnehin immer ein Rätsel gewesen, und mit ihren fünfzehn Jahren hatte sie nicht verstehen können, dass Adam Martha’s Vineyard einfach so den Rücken kehrte. Jake, damals wie heute ihr bester Freund, der ein Jahr älter als sie war, hatte auch dazu geschwiegen.

Jake wagte einen erneuten Vorstoß. „Wenn du dir die Geschäftsbücher ansehen möchtest, bevor du dich entscheidest …“

„Es ist also dringend?“

Wie kühl er ist! Roane lief ein eisiger Schauer über den Rücken. Wenn ihn seine Familie nicht interessierte, warum hatte er sich dann die Mühe gemacht, herzukommen? Wieso tauchte er nach zwölf Jahren Abwesenheit wieder auf, wenn ihn das alles nicht interessierte?

„Ja“, antwortete Jake.

Verwundert musterte sie ihn. Was ging hier eigentlich vor?

Adam schien Bescheid zu wissen. „Du willst mich auszahlen, oder?“

„Wenn es nicht anders geht.“ Jake nickte.

Roane ließ den Blick zu dem älteren Bruder gleiten. Er sah wirklich blendend aus, aber offensichtlich besaß er kein Herz. Fühlte er sich denn überhaupt nicht schuldbewusst, seinem Bruder all die Jahre die Verantwortung für alles überlassen zu haben? Die Bürde, einen Konzern wie Bryant zu führen, hatte Spuren bei Jake hinterlassen. In letzter Zeit wirkte er ständig angespannt, und er war sichtlich gealtert.

Adam schien zu ahnen, was ihr durch den Kopf ging. Er bedachte sie mit einem raschen Blick, dann wandte er sich wieder Jake zu. Roane hatte das Gefühl, zu stören. Aber wieso hatte Jake sie mit ins Haus genommen? Offensichtlich wollte er sie bei dem Gespräch dabeihaben.

„Ich sehe mir die Zahlen mal an“, sagte Adam.

„Um fünfzehn Uhr findet eine Vorstandssitzung in Manhattan statt. Roane kann dich hinfliegen, oder?“

Musste das sein? Sie ließ sich nichts anmerken. „Selbstverständlich.“

Adam wich ihrem Blick aus. „Ich kann auch fahren.“

„Du bist mindestens fünfeinhalb Stunden unterwegs und müsstest spätestens in einer Stunde losfahren“, gab Roane zu bedenken. „Mit dem Flieger bist du in knapp zwei Stunden da. Du brauchst dich also erst gegen Mittag auf den Weg zu machen. Du möchtest sicher zu deinem Vater, bevor du aufbrichst.“

Jetzt hatte sie seine Aufmerksamkeit für sich.

„Du bist Pilotin?“

„Ja.“ Insgeheim erwartete sie jetzt eine Bemerkung, dass sie es weiter gebracht hatte, als ihr Vater, der einige Jahrzehnte als Chauffeur und Mädchen für alles bei den Bryants beschäftigt gewesen war.

Doch Adam ging kommentarlos darüber hinweg. Schließlich atmete er tief durch, wobei sich das dunkelgrüne T-Shirt über der breiten Brust spannte, und konzentrierte sich wieder auf seinen Bruder. „Wann ist die nächste Vorstandssitzung?“

„In zwei Wochen.“

„Aha.“ Nachdenklich sah Adam aus dem Fenster. Dann nickte er zustimmend. „Also gut, ich nehme den Flieger.“

„Okay, dann melde ich uns jetzt an“, sagte Roane. „Kommst du mit, Jake?“

„Nein, ich fliege früher los. Angemeldet ist der Flug bereits.“

Dann war Adam also ihr einziger Passagier. Das konnte ja heiter werden. Körperlich fühlte sie sich sehr zu ihm hingezogen, aber sein Wesen war ihr unsympathisch.

Jake stupste sie an, damit sie aufstand und er von der Sitzbank rutschen konnte. „Ich bringe Adam jetzt zur Villa.“

„Ich kenne den Weg.“

Roane verzog missfällig die Miene über Adams Antwort, stand auf und goss den Kaffee ins Spülbecken.

„Ich muss sowieso gehen.“ Jake gesellte sich zu ihr an die Spüle. Besorgt fragte Roane leise: „Alles in Ordnung?“

„Klar.“ Beruhigend zwinkerte er ihr zu.

Sie nahm ihm die Tasse ab und spülte sie mit dem anderen benutzten Geschirr. Als sie damit fertig war, wandte sie sich um. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass Jake schon zur Tür gegangen war und prallte gegen Adam. Geistesgegenwärtig umfasste er ihren Arm, als sie erschrocken zurückwich und dabei gegen den Tresen stieß. Verwundert betrachtete Roane Adams Hand auf ihrem Arm.

Ein Stromschlag schien sie zu durchzucken – vom Arm aus direkt ins Blut und zum Herzen, das plötzlich raste. Dann spürte sie am ganzen Körper ein Prickeln. Die harten Brustspitzen zeichneten sich unter ihrem T-Shirt ab.

Adam ließ sie so plötzlich los, dass sie ihn erschrocken ansah.

Auch er hatte das Knistern gespürt. Aber wie konnte so etwas passieren? Wie war es zu erklären, dass sie beide so auf die kurze Berührung reagierten?

„Kommst du, Roane?“ Jake wartete am Ausgang auf sie.

„Ja, klar.“ Geistesabwesend rieb sie sich den Arm, wo Adam ihn berührt hatte und wollte Jake folgen. Adam verstellte ihr den Weg. „Bis später, Kleine.“

Sie blieb stehen und lächelte zuckersüß. „Was hattest du gesagt, wie lange du bleibst?“

„Ich habe nichts gesagt.“

Plötzlich wurde sie nervös. Zumal Jake inzwischen das Haus verlassen hatte. Auch Adam hatte es bemerkt.

„Dann hast du ihn dir jetzt also geschnappt.“

„Wie?“ Im ersten Moment hatte sie keine Ahnung, was er meinte. Dann fiel der Groschen. „Unsinn! Ich war nie …“ Sie verstummte. Wieso verteidigte sie sich eigentlich? „Meine Beziehung zu Jake geht dich nichts an.“

Als sie nun endlich gehen wollte, nahm Adam ihre Hand und zog sie dicht zu sich heran. „Ich sehe keinen Ring.“

„Lass mich sofort los!“

Er dachte gar nicht daran. „Wieso nicht?“

Roane hatte wenig Erfahrung mit Männern, aber so einem unverschämten Kerl war sie noch nie begegnet!

Erneut versuchte sie, sich zu befreien. Die Schmetterlinge im Bauch ignorierte sie geflissentlich. „Auch das geht dich nichts an.“

Adam begann, ihre Hand zu streicheln und lächelte wissend. Seine grünen Augen waren dunkel geworden, und dieses sexy Lächeln … Roane schmolz förmlich dahin, bis ihr bewusst wurde, worüber er lächelte.

Der Schuft hatte gefühlt, wie ihr Puls raste! Und die verräterische Reaktion ihres ungehorsamen Körpers freute ihn. Dieser arrogante …

Er ließ sie los.

Roane floh aus dem Haus. Sollte er doch denken, sie wäre mit Jake zusammen. Aber das machte ihre Reaktion auf ihn nur noch schlimmer. Doch wenigstens war sie nun sicher vor ihm. Er würde doch nicht versuchen, die Freundin seines Bruders zu verführen, oder?

Eigentlich war es feige, sich hinter Jake zu verstecken. Aber das war ihr egal. Sie machte sich nichts aus hinterhältigen Kerlen. Obwohl … Adam Bryant war eigentlich genau der Typ Mann, von dem jedes Mädchen heimlich träumte.

2. KAPITEL

MVY TOWER … MERIDIAN five eight nin-er two November – ready to taxi with mike … right turnout southeast bound.“

Roane teilte dem Fluglotsen in Martha’s Vineyard mit, dass sie startklar war.

Erst als sie sich auf der Reiseflughöhe befanden, entspannte sie sich und genoss ihre Arbeit, eine Kombination aus Gelassenheit, Kontrolle und dem Hochgefühl, in der Luft zu sein. Um sie herum erstreckte sich der blaue Himmel, unter ihnen glitzerte der Ozean wie ein riesiger Aquamarin. Es herrschte eine völlig ruhige Wetterlage. Eigentlich hätte Roane auf Autopilot stellen können. Doch dann hätte sie Zeit gehabt, sich mit ihrem Passagier zu unterhalten. Er hatte sich zu ihr ins Cockpit gesetzt, statt auf einen der für Fluggäste vorgesehenen Plätze. Nun konnte sie sich nicht einmal einbilden, allein an Bord zu sein.

Bei einem kurzen neugierigen Seitenblick stellte sie fest, dass Adam nervös mit den Fingern auf seine wippenden Schenkel klopfte. Roane wusste sofort, was das zu bedeuten hatte.

„Du fliegst nicht gern, oder?“

Als sie sich ein Lächeln verkneifen musste, runzelte Adam die Stirn. „Mir geht’s gut, danke.“

„Aha.“ Sie nickte wissend. „Du bist völlig entspannt, deshalb tappst du mit dem Fuß auf den Boden.“

Er hörte sofort auf und ballte die Hand zur Faust. Nur die weißen Knöchel verrieten jetzt, wie angespannt er war. Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung am Strand fühlte Roane sich ihm überlegen. Das neue Machtgefühl war aufregend. Bisher hatten ihre Hormone verrückt gespielt, sobald sie nur einen Blick auf Adam erhaschte. Als er vorhin am Flugplatz eingetroffen war, wäre ihr bei seinem Anblick im dunklen Anzug vor Bewunderung fast der Atem weggeblieben. Offenbar war der Urinstinkt durchgebrochen, sich mit dem stärksten Männchen zu paaren, um die Art zu erhalten.

Momentan wirkte ihr Passagier allerdings alles andere als stark. Das hatte zur Folge, dass sie als Pilotin sich verpflichtet fühlte, ihn von seiner Flugangst abzulenken. Manchmal wünschte sie sich, ein weniger ausgeprägtes Pflichtgefühl zu haben.

„Wir haben eine völlig ruhige Wetterlage, von hier bis New York steht keine einzige Wolke am Himmel. Zu Turbulenzen kann es nicht kommen. Ehrlich nicht.“

„Gut.“

Roane musterte sein angespanntes Profil, atmete tief durch und beschloss, einfach zu sagen, was sie dachte. „Sehr gesprächig bist du nicht gerade.“

Adams gemurmelte Antwort war nur vernehmbar, weil Roane und er Kopfhörer mit Mikrofonen trugen. „Das Geheimnis zu langweilen besteht darin, alles zu sagen.“

Verblüfft sah sie ihn an. „Woher hast du denn diese Ausrede?“

„Von Voltaire.“

Ironisch zog sie die Augenbrauen hoch. „Zitat des Tages?“

Er rang sich ein flüchtiges Lächeln ab. „Nein.“

Das läuft ja großartig, dachte sie. Hätte sie es nicht besser gewusst, wäre sie auf den Gedanken verfallen, er spiele absichtlich den geheimnisvollen, rätselhaften Fremden. Bevor sie einen neuen Versuch wagen konnte, ihn aus der Reserve zu locken, atmete Adam laut aus, lehnte sich zurück und betrachtete interessiert das Armaturenbrett.

„Erzähl mir mal, wie das hier alles funktioniert.“

Erwartete er jetzt eine Flugstunde? Das war eine merkwürdige Reaktion von einem Passagier mit Flugangst. Vielleicht ging es ihm mehr um die Theorie des Fliegens. Die konnte sie ihm vermitteln.

„Eine Sekunde.“ Sie schaltete auf Autopilot, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Jetzt fliegt die Maschine von selbst.

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