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Mit dir, für immer

1. KAPITEL

Rio Blaylock, der Frauenheld.

Paloma Forbes wusste, wer der hochgewachsene, schlanke Cowboy war, der an diesem Januartag auf sie zuging. Der scharfe Wind, der in Missouri wehte, zerrte an seinem langen schwarzen Haar. Kurz vor der Morgendämmerung war Rio hier auf dem Parkplatz erschienen – wie ein Jäger, der hinter seiner Beute her ist.

Und diese Beute war sie.

Rios strahlendes Lächeln und seine aufregend lässige Art zogen Frauen an. Er ähnelte darin allen Blaylocks, an die Paloma sich von ihren Besuchen bei Boone Llewlyn erinnerte. Die Blaylocks waren Männer aus den Bergen, kräftig und zäh, groß und muskulös. Das glatte schwarze Haar wies auf ihre indianische Abstammung hin, die dunkle Haut auf die spanischen Eroberer unter den Vorfahren. Doch auch Schotten und Engländer gehörten zu den Ahnen der Blaylocks.

Paloma war erst dreizehn gewesen, als sie Rio das erste Mal beim Tanz im Gemeindesaal gesehen hatte. Er war ein sehr attraktiver Siebzehnjähriger gewesen und hatte seinen ganzen Charme eingesetzt, um ein Mädchen zu bezaubern, das nach dem Tanz dann auch mit ihm wegging.

Ein anderes Mal hatten sich die Mädchen bei einem Rodeo um ihn gedrängt. Er hatte Tricks mit dem Lasso vorgeführt. Eines der Mädchen war schließlich in seinen Armen gelandet und hatte einen heißen Kuss erhalten.

Im selben Jahr war Paloma hinter einem jungen Hund hergelaufen und hatte dabei Rio mit einem anderen Mädchen im Gras überrascht.

“Verschwinde von hier, Kleine”, hatte er gesagt und ihr einen finsteren Blick zugeworfen, während er das kichernde Mädchen mit seinem schlanken Körper vor neugierigen Blicken schützte. Er selber hatte nur Jeans getragen.

Die anderen Blaylock-Männer – Roman, James, Dan und Tyrell – waren ebenfalls toll, aber in Jasmine, Wyoming, hieß es, Rio hätte den größten Charme von allen. Mittlerweile wirkte Rio härter als damals mit siebzehn, als er immer von einem Schwarm von Mädchen umringt war. Er hatte das Gesicht eines zielstrebigen Mannes, als er aus dem schmutzigen Pick-up stieg. Wangen und Kinn waren von dunklen Bartstoppeln bedeckt. Rio hatte sich sehr beeilt, um Paloma einzuholen, und keine Pause gemacht.

Paloma wollte nicht, dass jemand ihr im Nacken saß. Als Kind hatte sie genug Druck von ihrer Mutter erlebt, die ständig neue Forderungen an sie gestellt und sie in einen dunklen Schrank gesperrt hatte, wenn sie nicht brav auf dem Klavier übte. Und brav hieß, bis zur absoluten Perfektion. Paloma hatte das überlebt, und mittlerweile ließ sie sich von niemandem mehr bedrängen. Sie war erwachsen und nicht länger ‘Moms kleine Geldmaschine’, und sie wollte nichts mehr mit Musik zu tun haben. Und mit Männern?

Stirnrunzelnd blickte sie Rio entgegen. Sie hatte einmal mit einem Frauenhelden zu tun gehabt, und das reichte ihr fürs ganze Leben. Mit zwanzig hatte sie noch nicht gewusst, dass die meisten Männer bloß Spielchen trieben. Doch heute wusste sie, dass ihr Verhältnis mit Jonathan nur in ihren Träumen romantisch gewesen war.

Ziemlich naiv hatte sie sich als Jungfrau in diese Affäre gestürzt, weil sie um ihrer selbst willen und nicht wegen ihrer Bühnenauftritte geliebt werden wollte. Irgendwann hatte sie dann einsehen müssen, dass sie für Jonathan nur eine Trophäe gewesen war, mit der er vor seinen Kumpels hatte angeben können. Jonathan hatte sich einem anderen unerfahrenen Mädchen zugewandt und es umworben. Und Paloma hatte sich gegen weitere Enttäuschungen gewappnet, indem sie keinem Mann mehr vertraute.

Sie lächelte flüchtig. Rios lange Beine steckten in schwarzen Jeans. Den Kragen der schwarzen Lederjacke hatte er hochgeschlagen. Der dunkelrote Pullover verstärkte noch seine düstere Ausstrahlung.

Paloma wusste, was Rio von ihr wollte. Er wollte ihr das Letzte entreißen, das ihr von Boone Llewlyn geblieben war. Boone lebte nicht mehr, und sie hatte seine Hälfte eines Ladens in Jasmine geerbt. Die andere Hälfte gehörte Rio, der hartnäckig versuchte, ihr ihren Anteil abzukaufen. Und Rio war ein Mann, der stets bekam, was er wollte.

Aber diesmal nicht! Paloma wollte behalten, was Boone ihr hinterlassen hatte, der Mann, dem sie so ähnlich sah, dass sie sich irgendwann zu fragen begonnen hatte, ob er ihr Vater war.

Boone – groß und stark, sanft und liebevoll. Immer wieder hatte er sie in ihrer Kindheit vor ihrer selbstsüchtigen Mutter geschützt. Auf keinen Fall ließ sie sich dazu drängen, die letzte Bindung zu ihm aufzugeben – den Futtermittelladen in Jasmine.

Paloma atmete tief die kalte Luft ein. Der Motor des Busses, den sie gemietet hatte, tuckerte im Leerlauf. Ihre Fahrgäste, alles ältere Damen, unterhielten sich aufgeregt. Die Frauen wollten für zwei Tage zum Bingospielen nach Oklahoma fahren, und sie freute sich mit ihnen auf diesen Ausflug.

Mit der Erfahrung einer Frau, die oft genug schlecht gewartete Fahrzeuge gemietet hatte, trat Paloma prüfend gegen einen der Reifen. Luftdruck und Profil waren in Ordnung.

Als ihr jemand auf die Schulter tippte, drehte sie sich um. “Ja?” Sie wusste natürlich, wer es war und worum es ging.

“Ich bin Rio Blaylock und möchte mit Ihnen sprechen.”

Er sprach leise, und seine Stimme klang rau. Es ärgerte Paloma, dass dieser Mann etwas von ihr wollte. Oder ärgerte sie sich über seinen intimen Tonfall, dem er den Ruf eines gewandten Verführers verdankte? Rio Blaylock gab sich als aufregender Cowboy, der wusste, wie man mit einer Lady umgeht.

Doch sie war keine Lady. Sie war hart und schroff, weil man sie um ihre Kindheit gebracht hatte, und auch die Freuden einer Frau hatte sie nie kennengelernt. Ihre Mutter hatte sie in die Rolle des Wunderkindes gedrängt, während sie selbst häufig genug ihrem Vergnügen nachgegangen war. Jetzt, mit vierunddreißig, wollte Paloma nichts mit Männern wie Rio zu tun haben. Dafür hatte ihre Mutter diesen dunklen, rauen Typ zu sehr bevorzugt.

Paloma straffte sich und wandte sich dem Mann zu, den sie ablehnte.

Rio wiederum war froh darüber, dass er Paloma Forbes endlich persönlich vor sich hatte. Von mir aus kann sie so viel Feuer spucken, wie sie will, dachte er. Ich gehe erst, wenn alles zu meiner Zufriedenheit geklärt ist.

“Der Motor meines Busses läuft bereits und verbraucht sinnlos Treibstoff”, erklärte sie ungeduldig. “Ich habe keine Zeit für Geplauder. Einmal im Jahr fahre ich mit diesen Damen zum Bingospielen nach Oklahoma. Heute ist es soweit. Wenn Sie mich jetzt also entschuldigen wollen.” Sie drängte sich an ihm vorbei und half einer Seniorin in den Bus.

Rio rührte sich nicht von der Stelle und beherrschte sich. Zuletzt hatte er Paloma gesehen, als sie sich an Boone lehnte, als wäre er ihr Rettungsanker. Damals war sie ein hoch aufgeschossenes, ungelenkes Mädchen gewesen. Ihre niedergeschlagene Miene hatte Else Sorgen bereitet. Else war seine Schwester und jetzt das Oberhaupt der großen Blaylock-Familie.

Rios Nerven waren zum Zerreißen angespannt. Er hatte einen langen Weg hinter sich, um Paloma Forbes zu erreichen. Und überhaupt, er war es leid. Schon sein ganzes Leben lang war er hinter etwas her, stets war er auf der Suche nach etwas, das er nicht zu fassen bekam.

Und dann war da noch der tote Junge. Der dünne Körper des Zehnjährigen verfolgte ihn in seinen Albträumen.

Vielleicht hatte er von seinen Vorfahren aus den Bergen mehr geerbt, als er ahnte – diesen Drang zu jagen und etwas oder jemanden zu suchen. Was sollte er da machen? Gegen diese Rastlosigkeit richtete er nichts aus, aber er konnte den alten Futtermittelladen sichern. Diese Frau würde sich nicht gegen ihn durchsetzen. Paloma Forbes wich seit anderthalb Jahren seinen geschäftlichen Angeboten aus, doch jetzt hatte er sie in die Enge getrieben.

Rio half einer gebrechlichen alten Dame beim Einsteigen und lächelte ihr zu, bevor er seinen Blick wieder auf Paloma richtete.

Vielleicht entwickelte Paloma Forbes Anmut, wenn sie irgendwo auf der Welt ein Klavierkonzert gab. Im Moment merkte er nichts davon. Ungefähr eins achtzig groß, trug sie einen dicken schwarzen Sweater, schwarze Jeans und schwere Stiefel.

Von weiblichen Formen war nichts zu sehen. Sie wirkte eher wie ein schlaksiger Jugendlicher, als sie nun schwungvoll prall gefüllte Taschen in den Laderaum des Busses hob. Und das sollte eine Pianistin von Weltklasse sein? Allerdings schützte sie ihre Hände mit Lederhandschuhen und hatte die Handgelenke bandagiert.

Rio wollte wegen seines angeblichen “Geplauders” nicht beleidigt sein, war es aber doch. “Ich bin nicht hier, um zu plaudern”, erklärte er. “Ihnen gehört die eine Hälfte des Ladens, mir die andere. Ich will Sie auszahlen. So einfach ist das.”

Er stand neben dem Reisebus und betrachtete eine grauhaarige alte Dame, die im Vorbeigehen seinen Po getätschelt hatte. Es hatte wieder zu schneien begonnen. Rio bemühte sich, den mit künstlichen Rosen geschmückten Hut, den ihm eine der Seniorinnen unter den Arm geklemmt hatte, während sie nach irgendetwas in ihrer Tasche kramte, nicht zu zerdrücken. Eine rundliche alte Dame schob ihm nun ein rosa Satinkissen unter den freien Arm. Rio atmete ein paarmal tief durch, um nicht die Ruhe zu verlieren.

“Haben Sie meine Briefe erhalten?”, fragte er Paloma, damit sie, was den Laden betraf, endlich Stellung bezog. Soviel er wusste, lebte sie aus dem Koffer. Sie war nach ihrer Kindheit nie wieder in Jasmine gewesen und hatte Boone, dem Mann, der sie geliebt hatte, noch nicht einmal die letzte Ehre erwiesen. Alles deutete darauf hin, dass sie weder für das Land noch für Traditionen etwas übrig hatte.

“Die Briefe kamen nicht zu Ihnen zurück, nicht wahr?”, entgegnete sie schroff und schob ihn mit der Schulter zur Seite. “Das heißt vermutlich, dass ich sie erhalten habe.”

Rio hatte kaum geschlafen und hielt sich nur mit Kaffee und eisernem Willen wach. In diesem Zustand reizte es ihn gewaltig, von Paloma Forbes herumgeschubst zu werden. Er trat einen Schritt zurück, damit eine der Seniorinnen in den Bus steigen konnte. Und er lächelte flüchtig, als die alte Dame ihm eine Kusshand zuwarf.

Dann wandte er sich wieder an Paloma. “Ich wollte mich nur vergewissern …”

“Ich habe Ihre Briefe erhalten, aber ich habe jetzt keine Zeit.”

“Es geht bei dem Laden um eine historische Sehenswürdigkeit, die unbedingt erhalten …”

“Aber natürlich, und für Sie springt bestimmt ein schöner Gewinn dabei heraus. Gehen Sie mir aus dem Weg.” Paloma schlug einen viel freundlicheren Ton an, als sie einer Lady zulächelte, die eine Dolly-Parton-Perücke trug. “Hi, Vandora! Freut mich, dass Sie dieses Jahr wieder mitfahren.”

Vandora musterte Rio aufmerksam, und ihre braunen Augen funkelten. “Gehört der tolle Kerl Ihnen, Paloma?”

“Er ist nicht mein Typ.”

Die glatte Absage reizte Rio noch mehr. Dabei wollte er dieser superschlanken hochgewachsenen Frau von eins achtzig, die ihn soeben erneut mit der Schulter angerempelt hatte, gar nicht gefallen.

Abschätzig fügte sie hinzu: “Ich lasse mich zu nichts drängen. Und ich mache mir nichts aus Frauenhelden.”

Auf diese Herausforderung ging Rio nicht ein. Ihn interessierte nur das Geschäftliche. “Sie haben vor über anderthalb Jahren Boones Hälfte des Ladens geerbt. Seitdem versuche ich, mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen.”

“Ich melde mich später bei Ihnen. Und jetzt gehen Sie mir aus dem Weg.”

“Wenn ich dazu bereit bin”, erwiderte Rio entschieden. Er mochte es nicht, wenn man ihn herumkommandierte. Beim Militär hatte er mehr als genug befolgen müssen. “Es ist doch nur vernünftig zu verkaufen. Sie verstehen nichts vom Geschäft.”

Paloma blitzte ihn mit ihren blauen Augen zornig an. Gut, dachte er, es geht los. Endlich hatte er sie aus der Reserve gelockt.

Eine rundliche alte Dame zog das rosa Satinkissen unter seinem Arm hervor und tätschelte ihm die Wange. “Vielen Dank, mein Bester. Sie sehen hinreißend aus. Hoffentlich fahren Sie mit. Sie könnten mein Glücksbringer sein. Ich liebe große, dunkelhaarige und gefährliche Cowboys. Je wilder sie aussehen, desto mehr bringen sie mich auf Touren.”

Paloma hob eine schwere Reisetasche in den Laderaum. Offenbar hatte sie nicht die Absicht, Rio weiter ihre Aufmerksamkeit zu schenken.

Er betrachtete die Frau genauer, die Boones Hälfte des historischen Futtermittelladens in Jasmine geerbt hatte. Kein einziges Mal hatte Paloma Forbes sich die Mühe gemacht, sich diese Sehenswürdigkeit auch nur anzuschauen.

Ihre verspiegelte Sonnenbrille, die auf ihrem Kopf saß, rutschte herunter, als sie nun zu ihm hochblickte, und verbarg ihre durchdringenden blauen Augen. Überlegte sie, wie sie notfalls mit einem Mann seiner Größe, die ihre noch übertraf, fertig würde? Das sanfte Licht der Morgendämmerung fiel auf ihre ausgeprägten Wangenknochen. Unwillig warf sie das Zopfende ihres seidigen schwarzen Haares zurück, das vor ihr energisches Kinn gefallen war.

Die erstaunlich vollen Lippen hatte sie fest zusammengepresst, was zwei Grübchen in den Wangen verursachte. Hätte Rio in Paloma eine Frau und keinen Widersacher gesehen, hätte ihm der Gegensatz von Härte und Sanftheit in ihren Zügen gefallen – auch die leicht schräg stehenden Augen.

Paloma verlor keine Zeit und trat auf die erste Stufe des Busses, der voller Frauen war, die sich auf ihre Bingo-Tour in den Nachbarstaat freuten. Sie schob die Sonnenbrille wieder hoch. “Wir fahren hin, spielen und fahren zurück. Wir haben keine Hotelzimmer gebucht, weil wir rund um die Uhr Bingo spielen wollen. Wenn Sie mit mir reden wollen, Blaylock, müssen Sie mitfahren. Wenn nicht, verschwinden Sie.”

Rio dachte gar nicht daran zu verschwinden. Er hatte erst gestern in Wyoming zwei verwöhnte jugendliche Snowmobil-Fahrer aus einer Lawine ausgegraben und ihnen damit das Leben gerettet. Das hatte ihn Kraft gekostet, ihn aber nicht davon abgehalten, wie geplant nach Missouri zu fahren.

Sein Bruder, Roman, der Boones Nachlass verwaltete, hatte über Palomas Agenten herausgefunden, wo sie sich gerade aufhielt.

Ohne vorher zu schlafen, hatte Rio sich in seinen Pick-up gesetzt und war trotz des Schnees achtzehn Stunden gefahren, um mit Paloma zu sprechen. Wegen des schlechten Wetters hatte er sich nicht auf ein Flugzeug verlassen wollen, das womöglich nicht landen konnte. Dann wäre Paloma ihm wieder entkommen, und sie war ohnedies schwierig aufzuspüren, weil sie ständig unterwegs war. Jetzt hatte er sie in Fleisch und Blut vor sich und musste sich nicht mit einem Anrufbeantworter begnügen. Und er wollte das Geschäft nun hinter sich bringen.

“Wir müssen miteinander reden”, sagte er und schenkte ihr sein charmantestes Lächeln.

Paloma musterte ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Er erkannte die kaum verhohlene Verachtung in ihrem Blick. Sie dachte wohl, er würde so müde aussehen, weil er sich in Bars mit Frauen herumtrieb.

Das traf Rio, obwohl es ihm hätte egal sein können, und es fiel ihm schwer, unbefangen weiterzulächeln. Er spürte die lange Fahrt von Jasmine in Wyoming bis in diese Kleinstadt in Missouri in allen Knochen. Und er war zornig auf die Frau, die auf seine Briefe und Anrufe nicht geantwortet hatte.

“Sind wir komplett?”, fragte sie, setzte sich ans Steuer und streckte die Hand nach dem Türgriff aus. “Machen Sie es uns beiden leicht und fahren Sie nach Hause, Blaylock. Sobald ich Zeit habe, sehe ich mir die Briefe an … wo immer die auch sein mögen.”

Rio stieg in den Bus. “Ich will nur wissen, ob Sie Ihre Hälfte des Ladens verkaufen oder nicht. Sie wollen mir Schwierigkeiten machen, nicht wahr?” Ihr Lächeln, als er das sagte, ärgerte ihn. Ganz offensichtlich genoss sie es, dass er gezwungen war, mitzufahren, oder sie entwischen lassen musste. Und er mochte es gar nicht, von einer Frau, die ihn ablehnte, herausgefordert zu werden.

“Wenigstens das haben Sie begriffen, Blaylock. Ja, ich behalte meinen Anteil. Finden Sie sich damit ab. Und jetzt setzen Sie sich.”

Rio fand erneut, dass Paloma Forbes mit ihrer barschen Art, dem dicken, hüftlangen Haarzopf, dem schwarzen Sweater, der engen Jeans und den derben Stiefeln nicht im Geringsten wie eine Konzertpianistin wirkte.

“Na schön.” Er zog die Lederjacke aus, steckte sie ins Gepäckfach unter der Decke und machte sich auf dem Sitz hinter der Fahrerin breit.

Sie blickte auf seine Beine hinunter, die er neben ihrem Sitz ausgestreckt hatte, und schob sie mit dem Fuß weg. “Haben Sie es bequem?”

Er freute sich, dass sie sich ärgerte, verschränkte die Hände hinter dem Kopf, lehnte sich zurück und lächelte ihr im Rückspiegel zu. “Ich bin zu allem bereit.”

Fahren konnte sie, das musste er ihr lassen. Geschickt steuerte sie den Bus über die kurvenreiche Bergstraße und dann auf den Highway.

Der Morgen zog langsam herauf, während die aufgeregten Fahrgäste plauderten, sangen und über Bingo sprachen.

Dot hatte bisher am das Meiste gewonnen. Mavis hatte vergessen, ihr Hörgerät einzuschalten. Martha war mit allem unzufrieden. Linda hatte das Glück bringende Gebiss mit dem Goldzahn vergessen. Totie hatte Nasenklemmen für alle mitgebracht, weil sie es hasste, wenn jemand im Bus schnarchte. Madeline musste versprechen, beim ersten Zwischenhalt ihr Parfüm abzuwaschen.

Rio lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er brauchte dringend Schlaf.

Irgendwann hob jemand seinen Kopf an und schob ein Satinkissen darunter. Eine dicke Decke senkte sich auf seine Brust und die Beine. Er blinzelte.

Eine der alten Damen wandte ihm die Kehrseite zu und zog ihm den rechten Stiefel aus, während ihm eine andere einen Kuss auf die Stirn drückte.

“Schlaf gut, mein Prinz”, flüsterte sie. “Du wirst uns allen Glück bringen.” Als er sich aufsetzen wollte, drückte sie ihn sanft, aber bestimmt auf den Sitz zurück. “Lass dir von Emily ruhig die Stiefel ausziehen, Schatz. Sie hat sieben Jungs. Übrigens, du hast ja gar kein Gepäck mitgenommen. Wir müssen für dich noch Unterwäsche kaufen. Schließlich kann man immer einen Unfall haben. Ich denke dabei nicht an Paloma als Fahrerin, aber in der heutigen Zeit genügt es, wenn man die Straße überquert. Und du willst doch mit sauberer Unterwäsche ins Krankenhaus kommen. Trägst du diese knappen Slips oder Boxershorts? Weiß oder schwarz?”

“Ich kaufe ein, während Sie Bingo spielen”, murmelte Rio und überlegte, ob alle Frauen es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatten, über seine Unterwäsche zu wachen. Seine Schwester, Else, hatte in dieser Hinsicht einen Röntgenblick entwickelt.

Paloma hatte die verspiegelte Sonnenbrille aufgesetzt, doch er sah im Rückspiegel, dass sie die Lippen zu einem amüsierten Lächeln verzog. “Finden Sie das etwa komisch?”, fragte er.

Sie antwortete ihm nicht, sondern hielt ihren Plastikbecher einer der Ladys hin, die ihn rasch aus einer Thermoskanne füllte. “Danke”, sagte Paloma und konzentrierte sich weiter aufs Fahren.

“Ich hab vergessen, wie es ist, einen Mann ohne Gebiss zu küssen”, murmelte Posey Malone und betrachtete Rio eingehend.

Susie gab ihm ihren Stock zu halten, während sie ein Foto “von diesem aufregenden Cowboy” machte.

Rasch zog Rio sich den linken Stiefel selbst aus, bevor Emily nun sein linkes Bein zwischen ihren Schenkeln festklemmen würde, und gab Susie den Stock zurück.

“Ich würde jetzt gerne schlafen”, verkündete er laut und vernehmlich und warf den hinter ihm sitzenden Frauen einen vielsagenden Blick zu. Daraufhin stimmten alle ein Wiegenlied an.

Sarah streckte die Hand über die Rückenlehne und strich ihm übers Haar. “Ja, ruh dich aus. Unser Glücksbringer muss schließlich erholt und bei Kräften sein.”

Paloma fuhr weiter, ohne eine Miene zu verziehen.

In der Frühstückspause stieg Rio als Erster aus und half den Seniorinnen aus dem Bus. Nach einem erneuten Klaps auf seinen Po lehnte er sich vorsichtshalber an die offene Tür des Busses.

Posey Malone holte einen Kamm hervor und fuhr ihm durchs Haar. “So ist es besser”, stellte sie zufrieden fest.

Paloma war die Letzte, die ausstieg. Sie ignorierte Rios Hand und betrachtete ihn über den Rand ihrer Sonnenbrille hinweg. “Unterhalten Sie sich gut?”, fragte sie, zog ihre Handschuhe aus und schob sie in die Gesäßtasche.

“Es ist eine interessante Erfahrung. Können wir jetzt miteinander reden?” Rio betrachtete ihre Hände mit den langen, schön geformten Fingern. Die Haut sah so weich wie Seide aus. Am liebsten hätte er seine Finger mit ihren verschlungen. Im hellen Licht des Morgens wirkte Paloma überraschend zart und sehr feminin – eine Frau, die in den Armen eines Liebhabers liegen sollte. Trotz der Abgase der Autos und des Parfüms der anderen Frauen fing er ihren feinen betörenden Duft auf.

“Sie sind verdammt hartnäckig”, stellte sie fest und strich sich ungeduldig eine Strähne aus der Stirn.

“Ich heiße ja auch Blaylock, falls Sie das schon vergessen haben sollten.”

Paloma lehnte sich an den Bus. “Ich weiß über die Blaylocks Bescheid. Schließlich habe ich als Kind eine Weile bei Boone Llewlyn in Jasmine gelebt, und Jasmine ist voll von Blaylocks. Aber ich bin hartnäckiger als Sie. Warum geben Sie also nicht auf und fahren zurück?”

Plötzlich hatte Rio den Wunsch, ihren seidigen Zopf um seine Hand zu wickeln und Paloma zu küssen. Was für ein Unsinn, sagte er sich. Du bist nur übermüdet. Du kannst dich gar nicht zu ihr hingezogen fühlen. Diese Frau mag dich doch überhaupt nicht.

Er schob ihre Sonnenbrille hoch, um prompt ihrem misstrauischen Blick zu begegnen. “Warum sprechen wir nicht beim Frühstück darüber?”

“Den Satz haben Sie bestimmt schon oft gesagt”, erwiderte sie und betrat das Café.

Rio sah ihr nach. Nein, diese Frau war nicht feminin oder zart. Trotzdem fand er ihren Duft äußerst anregend und die Schönheit ihrer Hände faszinierte ihn ebenso wie ihr wundervolles Haar.

Verärgert stieß er sich vom Bus ab und folgte Paloma ins Café. Eigentlich mochte er sanfte, liebe Frauen mit hübschen Rundungen. Rio seufzte und dachte, ich solle mir was Festes suchen. Die Hochzeit seines Bruders Roman hatte ihn auf den Geschmack gebracht.

Denn im Grunde seines Herzens war Rio schon immer ein Romantiker gewesen und hatte sich mit Frauen getroffen, weil er eine echte Partnerin suchte. Bisher hatte er jedoch keine Frau gefunden, die ihm gleichzeitig den Atem raubte und seinen Wünschen nach Häuslichkeit entgegenkam. Mit den Jahren hatte er gelernt, den Unterschied zwischen purer Lust und gegenseitiger Zuneigung zu erkennen. Und mittlerweile wollte er lieben und geliebt werden. Mit weniger würde er sich nicht mehr zufrieden geben.

Paloma Forbes entsprach da bestimmt nicht seinen Wünschen.

Rio sah den alten Damen zu, die begeistert Bingo spielten. Paloma hatte auch sichtlich Spaß, spielte selbst aber nicht. Sie hatte sich zu den Frauen gesetzt, plauderte mit ihnen und half ihnen. Rio ignorierte sie dagegen völlig.

Er runzelte die Stirn. Paloma hatte ihren Zopf gelöst, und es wirkte viel zu sinnlich, wie ihr das schwarze Haar nun in einer wilden Wolke bis zur Taille über den Rücken fiel. Es müsste gezähmt und von der Hand eines Mannes gestreichelt werden. Er schob den Gedanken weit von sich. Nein, Paloma interessierte ihn nicht als Frau.

“Haben Sie die neuen Boxershorts bekommen, mein Lieber?”, fragte Lilli Dipper, als sie mit einem Teddybären, den sie beim Bingo gewonnen hatte, an ihm vorbeikam. Als er nickte, trat sie neben ihn und rief: “Mable, hast du die Kamera bei dir? Ich möchte ein Foto von unserem Schatz und mir. Er hat die neuen Boxershorts bekommen!”

Die anderen Ladys nickten zufrieden.

Rio holte tief Atem.

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