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Mit dir fängt mein Leben an

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1. KAPITEL

Bess Ryland spürte die Blicke des großen Fremden mit dem südländischen Einschlag und wurde unsicher und nervös. Sie kam sich völlig schutzlos vor und registrierte beunruhigt das flaue Gefühl im Magen.

Jetzt reiß dich aber zusammen, ermahnte sie sich insgeheim. Auf deinem eigenen Verlobungsfest solltest du dich wahrlich nicht so von einem anderen Mann in den Bann ziehen lassen.

„Schatz“, flüsterte ihr Bräutigam Tom Clayton ihr da ins Ohr, „wir sollten uns wieder unter die Gäste mischen und die Neuankömmlinge begrüßen.“ Schon ließ er sie los.

Ängstlich umfasste sie seine Schultern, und ihr Blick fiel einen Moment auf den glitzernden Verlobungsring, den er ihr heute geschenkt hatte. „Müssen wir das wirklich?“

Bess wusste, dass sie sich kindisch anhörte und auch so benahm. Es war absolut lächerlich, nicht die Tanzfläche verlassen zu wollen, weil sie sich davor fürchtete, dem gut aussehenden Fremden vorgestellt zu werden, den ihre Schwester Helen zum Fest mitgebracht hatte.

„Natürlich müssen wir das“, antwortete Tom mit einem schiefen Lächeln, während er ihre Hände von seinen Schultern löste. „Heute Abend gehören wir unseren Gästen. Aber es besteht kein Grund, schüchtern zu sein.“ Er klang nicht im Mindesten ungeduldig, doch das war er ohnehin auch nie mit ihr.

Bess kannte ihn bereits ihr ganzes Leben lang. In den vierundzwanzig Jahren hatte er sie immer beschützt und liebevoll geneckt wegen ihrer „Schüchternheit“, wie er es nannte. So sehr, dass sie manchmal dachte, er hätte ihr selbst dann beharrlich eingeredet, ein schüchternes Pflänzchen zu sein, wenn sie der extrovertierteste Mensch der Welt gewesen wäre.

Aber es war zu einfach, zu sagen, sie sei von Natur aus schüchtern und zurückhaltend. Sie hatte nur schon früh gelernt, sich nie in den Vordergrund zu spielen oder zu versuchen, sich ins Rampenlicht zu drängen, in dem ihre Schwester zeitlebens gestanden hatte. Es zahlte sich einfach nicht aus.

Zwei Jahre älter als sie und genauso alt wie Tom, war Helen schon immer die Hübsche und Geistreiche gewesen, diejenige, die es stets verstanden hatte, sich mit Charme, Witz und Verwirrtaktik aus jeder Klemme und jedem Streit in eine für sie vorteilhafte Position zu manövrieren. Sie, Bess, hingegen war immer die Normale, Alltägliche gewesen, die man in Helens strahlender Gegenwart kaum wahrgenommen hatte, und so hatte sie still und leise ihr Leben gelebt.

Unbewusst seufzte sie auf, und Tom legte ihr sogleich einen Arm um die schmale Taille. „Habe ich dir schon gesagt, wie hübsch du heute Abend aussiehst?“

Bess lächelte. Er hatte eher pflichtschuldig geklungen als wirklich beeindruckt. Aber dann kam sie zu der Ansicht, dass sie das Kompliment verdiente. Sie hatte sich nämlich sehr sorgfältig gekleidet, um ihm zu gefallen.

Mit Bedacht hatte sie das schlichte beigefarbene Seidenkleid ausgewählt, wusste sie doch, dass sie damit absolut seinen Geschmack traf. Tom mochte es, wenn sie nett und adrett aussah, das lockige kupferrote Haar hinten ordentlich zusammengesteckt hatte, nur einen Hauch von Make-up und keinen auffälligen Schmuck trug – nur die kurze Goldkette, die er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Er hasste jede Form von Extravaganz, weshalb er Helen und ihren Lebensstil wohl auch so entschieden ablehnte.

Und vermutlich verfolgt mich ihr Begleiter deshalb so mit den Blicken, weil er nicht glauben kann, dass ich zu diesem attraktiven blonden Mann gehöre, überlegte Bess unglücklich und rief sich sogleich zur Vernunft. Das war doch völlig unwichtig, und außerdem hatte sie schon öfter solche Reaktionen erlebt. Tom mag mich so, wie ich bin, und nur das zählt, sagte sie sich energisch, während sie ein Lächeln auf ihr Gesicht zauberte und die Glückwünsche der Gäste entgegennahm. Die waren erst eingetroffen, nachdem Tom sie auf die Tanzfläche in der angemieteten eleganten Suite des besten Hotels am Platz entführt hatte.

„Irgendwann in den nächsten zwölf Monaten, vermutlich um diese Zeit, denn wir haben uns praktisch schon entschieden, an Ostern zu heiraten. Natürlich müssen wir zuerst ein passendes Haus finden …“

Noch immer lächelnd, verfolgte sie, wie Tom die unvermeidlichen Fragen nach dem Hochzeitstermin beantwortete, aber dann gefroren ihre Gesichtszüge, denn Helen kam auf sie zu. Ihre Schwester trug ein hautenges goldfarbenes Kleid, das ihre fantastische Figur vortrefflich zur Geltung brachte, und sie hatte ein Lächeln aufgesetzt, das jedes Feuerwerk in den Schatten gestellt hätte.

„Ich freue mich, dass du kommen konntest“, sagte Bess pflichtschuldig, war sich aber keineswegs sicher, ob sie das wirklich meinte. Angestrengt vermied sie es, Helens Begleiter anzusehen, spürte aber deutlich seinen Blick und merkte, wie ihr Blut in den Adern zu kochen begann, sodass sie ihn am liebsten geohrfeigt hätte. Was zum Teufel war nur mit ihr los? Das sah ihr überhaupt nicht ähnlich.

„Um nichts in der Welt hätte ich dieses erste große Ereignis im Leben meiner kleinen Schwester versäumen wollen.“

Noch vor einigen Wochen hatte sich das ganz anders angehört. Da hatte ihr Helen, ein viel gefragtes Model, am Telefon kurz angebunden erklärt, dass sie vermutlich zu beschäftigt sei, um zu dem traditionellen Familientreffen an Ostern zu kommen. Sie hatte zwar auch gesagt, dass es ihr leidtue, nicht bei der Verlobung dabei zu sein, aber ziemlich desinteressiert geklungen.

„Wir haben schon eine Ewigkeit darauf gewartet, dass der gute alte Tom endlich eine ehrbare Frau aus ihr macht“, fuhr sie dann, an ihren Begleiter gewandt, fort. „Stell dir vor, die beiden sind schon seit Jahren zusammen. Die Eltern fanden das romantisch, aber mir graute es, wenn ich nur daran dachte, was sich hinter dem Fahrradschuppen der Schule abgespielt haben muss.“

„Es ist nie etwas Unschickliches passiert“, begann Tom steif, und Bess spürte, wie sie in einem seltenen Anfall von Wut rot wurde. Aus irgendeinem ausgesprochen fragwürdigen Grund wollte sie, dass der Unbekannte sie beide nicht für so seriös und langweilig hielt, wie sie wirkten.

„Es scheint, dass ich mich selber vorstellen muss“, meinte der Fremde plötzlich mit sonorer Stimme, die Bess sogleich elektrisierte. „Luke Vaccari.“ Er streckte Tom die Hand hin. „Herzlichen Glückwunsch zur Verlobung, Clayton.“

Wie hypnotisiert beobachtete sie, wie sich die beiden Männer die ungleichen Hände schüttelten. Die eine war dunkel und stark, die andere hell und feingliedrig.

„Sie sind Anwalt, hat mir Helen erzählt.“ Er redete noch immer mit Tom, und sosehr sich Bess auch dagegen wehrte, sie konnte nicht anders, als ihn genauer zu betrachten.

Aus der Nähe sah er noch umwerfender aus als aus der Ferne. Sein perfekt geschnittenes schwarzes Haar hatte einen seidigen Glanz, sein markantes Gesicht spiegelte Selbstvertrauen, Autorität und Intelligenz, zeigte aber auch schon einige Spuren des Lebens, die es noch interessanter wirken ließen.

„Toms Vater und Daddy sind Partner. Die Kanzlei gibt es schon seit Jahrhunderten.“ Helen konnte es nicht ertragen, an einem Gespräch nicht beteiligt zu sein. „Es handelt sich hier eher um eine nette kleine Fusion als um eine romantische Verbindung. Wenn unsere alten Herren am Krückstock gehen, wird die liebe Bess ihre Pflicht erfüllt und die nächste Generation von Anwälten hervorgebracht haben. Ich habe zwar versucht, sie zu überzeugen, sich erst einmal etwas in der Welt umzusehen und das Leben kennenzulernen, aber sie will einfach nicht auf mich hören.“

Was für eine faustdicke Lüge, dachte Bess und presste die Lippen zusammen. Ihre Schwester hatte sich noch nie für sie interessiert. Schon wollte sie sich entschuldigen und mit Tom auf die Tanzfläche zurückkehren, als sie von Luke Vaccaris samtweicher, melodiöser Stimme förmlich paralysiert wurde.

„Bess ist also gern zu Hause. Daran kann ich nichts Schlechtes finden.“ Lächelnd wandte er sich ihr zu. „Braylington scheint mir ein typisch englisches Städtchen zu sein. Es überrascht mich nicht, dass es Sie nicht von hier fortzieht. Ich freue mich schon darauf, die Gegend etwas näher kennenzulernen.“

„Eigentlich wohne und arbeite ich in London“, erwiderte sie. Sie brauchte von niemandem Schützenhilfe. Doch zuzugeben, dass ihr Job als Assistentin des Zweigstellenleiters eines Reisebüros in South Kensington in keiner Hinsicht anspruchsvoll oder glamourös war, danach stand ihr auch nicht der Sinn. Und bevor Helen das an ihrer Stelle tun konnte, zog sie Tom buchstäblich mit sich fort. Das war nicht weiter schwierig, denn offenbar hatte auch er genug von der Gesellschaft ihrer Schwester.

„Wie ist sie nur an den gekommen?“, fragte er leise. „Ich verstehe nicht, was die Leute an ihr finden. Und Vaccari wirkt viel zu intelligent, um sich von ihr blenden zu lassen.“

„Ist das wichtig?“ Um sich mit Helen Ryland, dem Supermodel, sehen lassen zu können, musste ein Mann mindestens Millionär sein. Sein Aussehen spielte – jedenfalls bisher – keine Rolle. Hauptsache, er hatte Geld, je mehr, desto besser. Aber Luke Vaccari war der erste Freund, den sie ihrer Familie vorgestellt hatte.

Und das war nicht nur ihr, Bess, aufgefallen, wie sie gleich darauf feststellte, als ihre Mutter zusammen mit Barbara Clayton auf sie zukam.

„Zeit zu essen, ihr beiden. Barb hat uns einen Tisch reserviert, und eure Väter haben sich schon mit Tellern bewaffnet. Ich würde ja auch Helen und Luke dazu animieren, aber die zwei sind so miteinander beschäftigt, dass es schade wäre, sie zu stören.“ Jessica Ryland hakte sich bei ihrer Tochter ein und zog sie mit sich in den angrenzenden Raum, wo das kalte Buffet und die Bar aufgebaut waren. Barbara Clayton entfernte noch einige imaginäre Fusseln vom Jackett ihres Sohnes und schickte ihn dann los, damit er seinem Vater half.

„Wenn du und Tom die Verlobung noch ein klein wenig hinausgeschoben hättet, wäre es vielleicht eine Doppelfeier geworden“, sagte Jessica leise.

„Es ist etwas Ernstes, nicht wahr?“

Sie nickte. „Eine Mutter spürt das“, antwortete sie, während sie sich setzte. „Und er ist eine gute Partie. Ein angesehener Finanzier. Sein Vater ist Italiener und seine Mutter eine geborene Dermot aus dem Gloucestershire-Clan.“ Sie lehnte sich etwas vor. „Und wann hat Helen schon einmal einen Freund mit nach Hause gebracht, noch dazu für ein langes Familienwochenende!“

Deshalb hat er also gesagt, er freue sich, Braylington näher kennenzulernen, dachte Bess beklommen. Seine Anwesenheit heute Abend bereitete ihr schon genug Schwierigkeiten, und jetzt musste sie ihn auch noch morgen und übermorgen ertragen. Der Gedanke, er könnte ein ständiges Familienmitglied werden, erfüllte sie plötzlich mit maßloser Angst.

„Sie ist so bezaubernd, dass sie sich ihren Zukünftigen wahrlich aussuchen kann“, meinte Barbara mit einem wehmütigen Klang in der Stimme, der Bess daran erinnerte, dass sich ihre Schwiegermutter in spe eigentlich ihre Schwester als Frau für ihr einziges Kind gewünscht hatte.

„Das Aussehen hat sie von mir“, erklärte Jessica stolz. „Und unsere kleine Bess ist fast das Ebenbild ihres Vaters.“

„Ich habe mich schon immer gewundert, dass ich mich zweimal am Tag rasieren muss“, erwiderte Bess trocken. Sie war an solche Abfuhren gewöhnt und wusste, dass ihre Mutter sie nicht absichtlich verletzen wollte. Bei Helen war das schon etwas anderes.

„Amüsierst du dich gut, Bessie?“, fragte Arnold Ryland, der gerade mit den anderen an den Tisch kam und ihren traurigen Blick bemerkte.

Sie nickte – was sollte sie auch anderes tun – und lächelte Tom an, der sich auf den freien Stuhl neben ihr setzte. „Sehr, Dad. Du hast uns ein so schönes Fest ausgerichtet.“

Dabei hätte sie ihre Verlobung viel lieber im kleinen Kreis zu Hause gefeiert oder allein mit Tom in einer gemütlichen Gastwirtschaft auf dem Land. Aber ihre Mutter hatte davon nichts hören wollen, und wann immer Jessica beschloss, es besser zu wissen, konnte nichts und niemand mehr sie davon abbringen.

„Ist da noch Platz für zwei? Luke organisiert mir gerade etwas zu essen. Er ist ein Schatz und weiß, was ich mag.“ Lächelnd blickte Helen in die Runde, ohne jedoch wirklich jemanden wahrzunehmen. Sie genoss einfach nur die Reaktion auf ihre strahlende, dominante Erscheinung.

„Zwei Salatblätter und drei Tomatenscheiben sollten ihn nicht überfordern“, erwiderte Tom und errötete unter ihrem eisigen Blick.

„Gehen wir zurück und tanzen“, schlug Bess eilig vor. Die beiden waren wie Hund und Katze und konnten keine Minute Frieden geben.

„Es wäre mir ein Vergnügen“, sagte Luke hinter ihr.

Wie erstarrt saß sie da, während ihr Herz wild klopfte. Sie beobachtete, wie er den goldgeränderten Salatteller vor Helen hinstellte, sah, wie diese ungläubig die Augenbrauen hochzog, und wusste, dass sie aus dieser misslichen Lage nicht mehr herauskommen würde. Es sei denn, Tom nahm ihre Aufforderung zum Tanz an.

Aber darauf hoffte sie vergebens. Denn ihr Verlobter hatte sich mit noch immer rotem Kopf über den Teller gebeugt und widmete sich angelegentlich den Köstlichkeiten darauf. Schon spürte sie Lukes Arm um ihrer Taille und sah sich gezwungen aufzustehen.

Sie fühlte sich der Situation hilflos ausgeliefert. Helen saß mit versteinerter Miene da, während Barbara Clayton ihrem Sohn etwas zuflüsterte, der darauf leise und unwirsch antwortete und sich dann wieder seinem Essen zuwandte. Und die beiden Väter diskutierten übers Golfen. Verdammt, dachte Bess unglücklich und fügte sich in ihr Schicksal.

Die Tische im anderen Raum waren jetzt ziemlich verwaist, da das kalte Buffet eröffnet worden war. Auch die mit Treibhauspflanzen gut abgeschirmte Tanzfläche war so gut wie leer. Nur ein einziges Paar bewegte sich eng umschlungen zu den langsamen, romantischen Klängen, die die Kapelle gerade spielte. Und natürlich war die Beleuchtung gedämpft.

Unaufhaltsam schob Luke sie vorwärts, und plötzlich spürte sie, wie ihre Ergebenheit ins Unvermeidliche in Ärger umschlug. Nichts und niemand konnte sie zwingen, etwas zu tun, das sie nicht wollte. Sie hatte auch dieses pompöse Verlobungsfest nicht gewollt, aber ihrer Mutter zuliebe nachgegeben. Doch es gab keinen Grund, warum sie mit diesem Mann tanzen sollte. Sie verstand sich selbst nicht mehr. Bei dem Gedanken, dass er sie in seinen Armen halten und an sich drücken würde, wurde ihr ganz anders.

„Ich möchte nicht tanzen“, erklärte sie unverblümt.

Aufmerksam schaute er sie an. „Natürlich möchten Sie das“, erwiderte er dann und zog sie an sich.

Bess versteifte sich sofort.

„Entspannen Sie sich. Sie brauchen keine Angst zu haben.“

Angst? Das Wort traf sie wie ein Schlag. „Ich weiß nicht, was Sie meinen“, sagte sie energisch. „Und ich glaube, Sie wissen das ebenso wenig.“ Instinktiv ballte sie die Hände zu Fäusten und drückte sie gegen seine Brust. Immer deutlicher spürte sie die Wärme seines athletischen Körpers und merkte, wie Panik in ihr aufstieg, denn das Schwächegefühl in den Beinen wuchs von Sekunde zu Sekunde. „Warum, in aller Welt, sollte ich Angst haben?“, fragte sie mit heiserer Stimme.

„Sagen Sie mir das.“

Er wiegte sich mit ihr zu den sanften Klängen der Musik, und Bess spürte jede einzelne, noch so kleine, langsame Bewegung und Anspannung seiner Muskeln und Sehnen. Das Gefühl war unerträglich – und schockierend.

Sie versuchte, etwas auf Abstand zu gehen, doch seine starke Hand auf ihrem Rücken drängte sie nur noch näher, während er sich zu ihr beugte. „Wenn eine Frau einem alleinstehenden Mann gegenüber mit Feindseligkeit und Angst reagiert, gibt es dafür nur einen Grund“, sagte er ihr leise ins Ohr. „Finden Sie ihn selbst heraus.“

Sie erschauerte unwillkürlich. Finden sie ihn selbst heraus? Wie erniedrigend! Er hatte das instinktive Aufflammen von Angst und Feindseligkeit aufgegriffen und daraus einen Rückschluss gezogen, der ihr immer ein Rätsel bleiben würde. Und er war kein alleinstehender Mann. Er und Helen waren ein Paar.

Bess konnte nicht mehr klar denken, kam sich vor wie benebelt, denn sie hatte sich unbewusst an ihn geschmiegt, sodass sie jetzt praktisch eine Einheit bildeten. Sie hatte die Augen geschlossen und spürte plötzlich seine Hand in ihrem Haar, merkte, wie er die Nadeln aus ihrer Frisur entfernte und die Lockenpracht über ihre Schultern fiel.

„Das ist besser. Sie haben wunderschönes Haar, das Sie nicht verstecken sollten“, meinte er leise, und sie fühlte sich einen Moment ausgesprochen weiblich, fast hemmungslos und frei …

Doch dann spürte sie seine Lippen auf ihrem Hals, atmete seufzend ein und öffnete die Augen. Sie sah die schummrige, lauschige Umgebung – und sofort rührte sich wieder die Angst.

Angst vor dem, was er sie empfinden lassen konnte. Ein ursprüngliches, primitives Gefühl war in ihr erwacht, drängte sie zu diesem Mann, der aus zwei sehr guten Gründen für sie tabu war. Panik überfiel sie, und sie wollte ihn schon aus reinem Selbstschutz auffordern, zusammen mit ihr zu den anderen zurückzukehren.

Doch stattdessen ließ sie sich von seinen Lippen betören, die ihr schier die Sinne raubten. Sie wurde von einem Strudel blinder Leidenschaft erfasst, in dem nur noch Lust und Verlangen existierten und alle Willenskraft und jegliches Gefühl für Anstand untergingen.

Nie hätte sie sich träumen lassen, dass es solche überwältigenden Empfindungen überhaupt gab. Wie sollte sie auch! Toms Küsse waren immer …

Angewidert von sich selbst, schluchzte Bess auf und schaffte es endlich, den Kopf zur Seite zu drehen. „Nicht. Oh, wie konnten Sie nur?“, stieß sie von Panik und Scham erfüllt hervor. Mit wildem Blick schaute sie Luke an und wusste, dass sie ihn hasste.

Bestimmt sind seine italienischen Gene an seinem schändlichen Verhalten schuld, dachte sie. Er glaubte offenbar, es mit jeder leidlich aussehenden Frau unter vierzig machen zu können – selbst wenn er Gast auf deren Verlobungsfeier war.

Aber was nur hatte sie dazu bewogen, sich so aufzuführen? Bess konnte jetzt nicht daran denken. Allein schon der Gedanke daran verwirrte sie total.

„Ganz leicht und mit großem Vergnügen“, antwortete er da leise, während ein geheimnisvolles, sündhaftes Lächeln seinen sinnlichen Mund umspielte. „Und Ihre Reaktion war …“, nachdenklich zog er die Augenbrauen hoch, „… vielversprechend.“ Er legte ihr einen Finger auf die bebenden Lippen. „Nehmen Sie diese Tatsache zusammen mit meiner Feststellung von eben, und Sie lernen vielleicht etwas zu Ihrem Besten daraus.“

Bess atmete scharf ein. Was meinte er nur? Sie wusste es nicht und wollte es auch überhaupt nicht wissen. Sie drehte sich um und ging davon, während sie verzweifelt versuchte, mit noch immer bebenden Händen ihre Haare wieder etwas in Ordnung zu bringen.

Sie würde ihm nie verzeihen. Niemals.

2. KAPITEL

„Bist du sicher, dass es dir nichts ausmacht, den Gottesdienst zu versäumen?“, fragte Jessica und zog die Handschuhe an.

„Es macht mir wirklich nichts aus, zu Hause zu bleiben und mich um das Mittagessen zu kümmern“, antwortete Bess. Denn nur darum ging es eigentlich. „Tom kommt von der Kirche aus gleich hierher. Du und Dad, ihr könnt also ohne schlechtes Gewissen euren Sherry mit dem Vikar trinken und über eure Arbeit im Ausschuss reden.“

„Du bist ein Schatz“, meinte ihre Mutter und rückte vor dem großen Spiegel in der Diele noch schnell ihren Hut zurecht, als Arnold draußen im Wagen auch schon ungeduldig hupte. „Und lass Helen nicht zu lange schlafen. Ihre Augen schwellen so leicht an, wenn sie das tut. Sie wird dir das nicht danken, nicht bei diesem tollen Mann im Haus.“

Bess wollte nicht an ihn erinnert werden. Sie war wegen der Ereignisse vom Vorabend noch immer durcheinander und fühlte sich entsetzlich schuldig. Momentan machte er einen Spaziergang, wie ihre Mutter gesagt hatte.

Und sobald Jessica sich verabschiedet hatte, verbannte sie jeden Gedanken an Luke Vaccari aus ihrem Kopf und ging ins Wohnzimmer, um ein Feuer im Kamin anzuzünden. Das ehemalige Pfarrhaus hatte zwar Zentralheizung, aber es war heute ziemlich kühl draußen und ein Kaminfeuer so gemütlich. Wenn Tom nachher kam, konnten sie hier in aller Ruhe Kaffee trinken und über das Jobangebot sprechen, das sie kürzlich erhalten hatte.

Darüber hatte sie eigentlich schon am Abend zuvor mit ihm reden wollen. Aber als sie nach dem verflixten Tanz wieder an den Tisch zurückgekehrt war, hatten Helen und er eines ihrer üblichen Streitgespräche geführt und so ausgesehen, als würden sie sich am liebsten an die Gurgel fahren.

Und wie sie selbst ausgeschaut hatte – die Wangen rot, das Haar unordentlich –, musste ihm den Rest gegeben haben, denn er hatte kaum noch mit ihr gesprochen, und wenn, dann zumeist ziemlich mürrisch. Ob er wohl erraten hatte, was passiert war?

Mit schlechtem Gewissen ging Bess in die Küche, um sich den Essensvorbereitungen zu widmen. Roastbeef mit allem Drum und Dran und gedeckter Apfelkuchen zum Nachtisch, damit hatte sie mehr als genug zu tun. Eine gerechte Strafe, dachte sie schuldbewusst, während sie sich eine Schürze umband, um die cremefarbene Bluse und den braunen Rock vor Flecken zu schützen. Kochen war wahrlich nicht ihre Lieblingsbeschäftigung.

Als sie eine halbe Stunde später gerade den Teig ausrollte, kam Luke zur Tür herein. Bess hätte ihm nur zu gern das Nudelholz an den Kopf geworfen, beherrschte sich aber und sagte stattdessen ganz sanftmütig: „Helen ist noch nicht auf. Gehen Sie doch hinauf und wecken Sie sie.“

Er sah in dem schwarzen Sweatshirt und den eng sitzenden grauen Jeans umwerfend männlich aus. Ihre Schwester würde ihn bestimmt mit offenen Armen empfangen, und dann wäre sie, Bess, ihn glücklich los und könnte auch mit Tom gleich in Ruhe reden.

„Lassen wir sie noch etwas schlafen. Sie arbeitet so hart“, antwortete Luke zu ihrem Verdruss und nahm sich eine von den Apfelscheiben. „Hier duftet es aber gut. Sagt man nicht, dass Liebe durch den Magen geht? Haben Sie sich Tom auf diese Art geangelt?“

Er hatte ganz danach geklungen, als halte er sie für unfähig, auf andere Weise einen Mann zu finden. Und der spöttische Blick, mit dem er sie betrachtete, bestätigte sie nur noch in ihrer Vermutung.

Wütend begann sie, die Apfelscheiben auf dem Teig zu verteilen. „Hat Ihnen nie jemand Manieren beigebracht? Wenn Sie zu Helen genauso unhöflich sind wie zu mir, wundert es mich, dass sie Sie um sich duldet.“

„Ich hatte mir schon gedacht, dass Ihre Sanftmut nur gespielt war“, stellte er zufrieden lächelnd fest. „Die Feindseligkeit ist noch immer da.“ Er kam näher. „Und was ist mit der Angst?“ Jetzt stand er unmittelbar neben ihr und sah sie durchdringend an. „Sie ist auch noch da. Also besteht kein Grund, die Lektion von gestern zu wiederholen. Bei Helen“, fuhr er dann in deutlich freundlicherem Ton fort, „benehme ich mich tadellos. Sie braucht keine Bombe unter ihrem Hintern. Aber Sie.“

Bess wusste nicht, was er meinte. Er sprach absolut in Rätseln. Aber sie würde ihm nicht die Genugtuung geben, ihn um Erklärungen zu bitten. Sie wollte nur, dass er ging. Sie hasste es, wenn er im gleichen Raum war wie sie, vor allem wenn er so nah bei ihr stand wie jetzt.

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