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Mit dir an Ziel meiner Träume

PROLOG

Beim Anblick der erschütternden Fotografie stockte Sadie der Atem. Bis eben noch war sie umringt von schillernden High-Society-Gästen durch die vornehme New Yorker Galerie geschlendert.

Doch jetzt nahm Sadie weder die Stimmen noch das Klirren der Champagnergläser im Hintergrund wahr. Sie stand wie gefesselt vor dem Bild, das als Herzstück der Ausstellung gehandelt wurde.

Sterblichkeit.

Natürlich hatte sie es bereits im Time Magazine gesehen, doch aus nächster Nähe wirkte es noch viel erschreckender. Fast, als ob sich die Tragödie unmittelbar vor ihren Augen abspielte.

Sadie hatte das Gefühl, selbst in der beängstigenden Wüstenlandschaft zu stehen und von der sengenden Hitze erdrückt zu werden, deren deutliches Flimmern auf dem Foto so perfekt eingefangen war. Beinahe konnte sie das auslaufende Kerosin und den Qualm des Hubschrauber-Wracks riechen.

Und es war, als hörte sie den jungen Soldaten schreien, der einen Arm auf seinen blutigen Bauch drückte, während er mit der anderen Hand, in der er einen Rosenkranz hielt, nach dem tiefblauen Himmel zu greifen schien. Er rief nach jemandem. Gott vielleicht? Oder seiner Freundin?

Sadie sah die Tränen des Jungen, die den Schmutz auf seinem Gesicht in schlammige Spuren verwandelt hatten. Sie fühlte die Verzweiflung, die in seinem vom Tode gezeichneten Blick lag.

Der neunzehnjährige Unteroffizier Dwayne Johnson erlag seinen schweren Verletzungen, bevor Hilfe kommen konnte, lautete die Bildunterschrift.

Die Gänsehaut, die sich auf ihrem Körper ausbreitete und die Tränen, die ihr in den Augen brannten, holten Sadie wieder in das Hier und Jetzt zurück. Sie setzte ihren Weg durch die Galerie fort und wünschte sich, sie hätte die Einladung zur Eröffnung von Kent Nelsons Fotoausstellung 10 Jahre Kriegsfotografie niemals erhalten. Alle Bilder dieses vielfach ausgezeichneten Fotografen waren beklemmend, doch dieses Foto war besonders grausam.

Ein junger Mann im Angesicht des Todes.

Ein Augenblick voller Qual.

Und obwohl sich die Künstlerin in Sadie von der absurden Schönheit des Rosenkranzes unter der tiefblauen Himmelskuppel angesprochen fühlte, schien dieses Bild zu intim – sie fühlte sich wie ein Störenfried.

Sadie drängte sich durch die Menschenmenge, um die Galerie zu verlassen. Sie musste ein paar Minuten alleine sein.

1. KAPITEL

Vier Monate später …

Kent Nelson starrte schweigend aus dem Fenster auf Sydneys berühmtes Hafenviertel Darling Harbour. Sein Blick haftete an der Silhouette des Opernhauses. Er hatte der Frau, die ungeduldig in ihrem Bürostuhl schaukelte, den Rücken zugewandt und drückte sein gesundes Bein schützend vor das andere, während er sich an die raumhohe getönte Fensterscheibe lehnte.

„Also, nochmal zum Mitschreiben“, sagte Tabitha Fox und klopfte mit einem Kugelschreiber so heftig auf die Schreibtischoberfläche, dass ihre Armreifen klimperten. Auch sie genoss den Ausblick. Nicht den gewohnten Blick aus dem Fenster, sondern auf das, was die Sicht versperrte. „Du willst mehrere tausend Kilometer in deinem Auto fahren, um diese paar Fotos zu schießen?“

Kent drehte sich zu ihr um und spürte einen stechenden Schmerz im rechten Knöchel. Schnell kreuzte er die Arme vor seinem Brustkorb.

„Ja.“

Tabitha runzelte die Stirn. Sie kannte Kent schon, seit sie vor einer Ewigkeit zusammen zur Uni gegangen waren. Eine Zeit lang waren sie sogar ein Paar gewesen. Doch seit dem Unfall in Afghanistan hatte er sich praktisch unsichtbar gemacht.

Bis heute, als er aufgetaucht war und sich für einen Job anbot, den jeder Porträtfotograf übernehmen konnte.

„Okay … warum?“

Ihrem neugierigen Blick begegnete Kent mit betont leerem Gesichtsausdruck. „Ich bin Fotograf – dafür werde ich bezahlt.“

Tabitha unterdrückte ein Seufzen. Laut Vertrag war er zwar freiberuflicher Fotograf für das Hochglanzmagazin Sunday On My Mind, doch sie beide wussten, dass er in den letzten Jahren jeden Job abgelehnt hatte, den man ihm bot. Tabitha hätte ihr nicht unbedeutendes Gehalt auf die Tatsache verwettet, dass er seit dem Unfall kein einziges Foto mehr gemacht hatte.

Sie blickte Kent durchdringend an und versuchte, den unergründlichen Ausdruck auf seinem markanten Gesicht zu durchschauen. „Es gibt diese Dinger, die man Flugzeuge nennt. Sie sind groß, aus Metall, fliegen in der Luft und bringen dich sehr schnell an jeden Ort, an den du willst.“

Kent fühlte einen Nerv in seinem Kiefer zucken und ballte seine Hände zu Fäusten. „Ich fliege nicht“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Seine Stimme war ganz ruhig, doch auf Tabitha wirkten seine Worte wie eine eisige Druckwelle. Kalt genug, um Wodka gefrieren zu lassen. Sie betrachtete Kent für einen Moment, während ihr Verstand versuchte, die Situation zu ihrem Vorteil auszunutzen. Dann trommelte sie ihre beringten Finger gegen ihren Schreibtisch.

Eine Autofahrt ins Outback. Begegnungen mit Einheimischen. Und Einsamkeit. Momente voller Glück. Und Schwierigkeiten. All das eignete sich hervorragend für eine Reisereportage.

Zweifellos würde sie atemberaubende Bilder bekommen, die die Schönheit und den Schrecken hautnah zeigten. Aufgenommen von einem bekannten, vielfach ausgezeichneten Fotografen. Sein erster Job seit der Rückkehr aus Afghanistan.

Allein deshalb würde sich diese Geschichte spielend verkaufen lassen.

„Okay.“ Tabitha nickte zustimmend. „Zwei Jobs für den Preis von einem. Du fährst bis ins Zentrum des Outbacks und schießt die sensationellsten Fotos, die nur möglich sind.“

„Und zusätzlich die Porträts von Leonard Pinto?“

Tabitha nickte wieder. „Ich muss deinen Vertrag mit uns zu Geld machen. Wer weiß, ob du uns noch mal etwas von deiner Zeit gewähren wirst.“

Kent schnaubte verächtlich. Tabitha Fox war die härteste Geschäftsfrau, die er kannte. In nur fünf Jahren hatte sie Sunday On My Mind von einer inhaltslosen sechsseitigen Beilage zu einem dynamischen und sachlichen Hochglanzmagazin mit großartigen Berichten gemacht.

Er lehnte sich für einen Moment wieder gegen die Fensterscheibe. „Sagst du mir, wie du an ihn rangekommen bist? An Pinto? Er lebt sehr zurückgezogen.“

„Er kam zu mir.“

Kent zog eine Augenbraue hoch. „Ein Mann, der die Medien meidet und mitten im Nirgendwo haust, kam einfach so zu dir?“

Tabitha lächelte. „Er sagte, dass er uns sein Zuhause zeigen wollte – so etwas kommt vor.“

Kent sah sie durchdringend an. „Wenn Schweine fliegen können. Was steckt dahinter?“

„Kent, Kent, Kent.“ Tabitha schüttelte den Kopf. „So zynisch.“

Kent zuckte mit den Schultern. Nachdem er zehn Jahre lang fast ununterbrochen an Kriegsreportagen gearbeitet hatte, war Zynismus sein zweiter Vorname. „Was ist der Grund?“, fragte er noch einmal.

„Sadie Bliss.“

Kent runzelte die Stirn. Es lag an der Journalistin? „Sadie Bliss?“

Tabitha nickte. „Er wollte ausdrücklich sie.“

Kent sah sie fragend an. „Und du hast zugestimmt?“ Die Tabitha, die er kannte, ließ sich von niemandem etwas sagen. Vor allem nicht in Bezug auf ihre Arbeit als Redakteurin.

Sie winkte ab. „Sie ist jung und unerfahren. Aber sie kann schreiben. Und ich …“, sagte sie lächelnd, „… kann das zu meinem Vorteil nutzen.“

Kent strich mit der linken Hand über sein Kinn. „Warum? Kennt er sie?“

„Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber er wollte sie. Also bekommt er sie. Und du bekommst sie auch. Sie wird deine Beifahrerin.“

Kent kniff die Augen zusammen. „Warte. Du willst, dass sie mit mir fährt?“

Dreitausend Kilometer im Auto, zusammen mit einer Frau, die er nicht kannte? Lieber würde er sich mit seinem eigenen Ka­merariemen erwürgen.

Er schüttelte vehement den Kopf. „Nein.“

Tabitha verschränkte die Arme. „Doch.“

„Ich bin keine gute Gesellschaft.“

Tabitha musste bei dieser Untertreibung laut lachen. „In diesem Fall wird es positiv für dich sein.“

„Ich fahre allein. Ich fahre immer allein.“

„Schön“, seufzte Tabitha und blickte angestrengt auf ihre Fingernägel. „Sadie und ein Porträtfotograf können zu Pintos Haus fliegen und den Auftrag in einem Bruchteil der Zeit und zur Hälfte der Kosten ausführen, und du kannst in deine Höhle zurückgehen und so tun, als würdest du für mein Magazin arbeiten.“

Kent biss die Zähne zusammen. In den letzten Jahren hatte er zu viele Brücken hinter sich abgebrochen. Er konnte von Glück reden, dass Tabitha überhaupt noch mit ihm sprach, nachdem sie so oft Ausreden für ihn hatte erfinden müssen.

Aber mehrere Tage mit einer Frau im Auto zu fahren, die Sadie Bliss hieß? Sadie war das hebräische Wort für Prinzessin und Bliss bedeutete Seligkeit. Dieser Name klang nach einer Traumtänzerin, die von ihrer Mutter nach einem Fruchtcocktail benannt worden war.

„Du weißt selbst …“, sagte Tabitha und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, bevor sie ihre Trumpfkarte ausspielte, „… dass ich einiges gut bei dir habe.“

Kent schloss die Augen. „In Ordnung“, sagte er ärgerlich. Er wollte und musste diesen Auftrag annehmen. Es sollte ein Neuanfang sein.

Und Tabitha hatte viel bei ihm gut.

Sie grinste ihn an wie eine Katze, die gerade Sahne bekommen hatte.

„Danke.“

Kent schnaubte verächtlich und ging langsam auf Tabithas Schreibtisch zu, wobei er sein rechtes Bein kaum merklich nachzog. Dann setzte er sich.

„Magst du Pintos Aktporträts?“

Tabitha nickte. „Ich finde, er ist großartig. Und du?“

Kent schüttelte den Kopf. „Die Frauen sind alle zu dünn. Sie wirken gar nicht weiblich.“

Tabitha verdrehte die Augen. „Sie sind Balletttänzerinnen.“

Das Aktporträt von Marianna Daly, der australischen Primaballerina, hatte Leonard internationalen Beifall für seine Arbeit eingebracht. Es hing mittlerweile in der Nationalgalerie von Canberra.

„Sie entsprechen nicht gerade dem Schönheitsideal der Renaissance, so viel steht fest.“

Tabitha hob ihre elegant gezupften Augenbrauen. „Du stehst auf Rubensfiguren?“

„Ich mag Kurven“, antwortete Kent mit einem Schulterzucken.

Tabitha strahlte. Das traf sich gut. Sie ließ Kent nicht aus den Augen, als sie zum Telefonhörer griff. „Ist Sadie schon hier?“ Tabitha nickte zweimal, bevor sie Kent ein Mona-Lisa-Lächeln zuwarf. „Können Sie sie reinschicken?“ Sie hatte den Hörer aufgelegt, bevor die Empfangsdame antworten konnte.

Kent blickte sie argwöhnisch an. „Ich traue deinem Lächeln nicht.“

Tabitha lachte. „Nicht nur zynisch, sondern auch misstrauisch.“

Kent stand von dem Besucherstuhl auf und ging zum Fenster, um sich wieder ganz und gar dem Ausblick zu widmen, als vorsichtig die Tür geöffnet wurde.

„Ah Sadie, kommen Sie rein.“ Tabitha lächelte. „Ich möchte Ihnen gern jemanden vorstellen.“ Sie deutete mit dem Kopf zu Kent. „Das ist Ihr Fotograf, Kent Nelson.“

Sadie fielen seine breiten Schultern auf, noch bevor sie den bekannten Namen einordnen konnte. Sie blinzelte.

Der Kent Nelson?“, fragte sie und starrte immer noch auf den Rücken. Sie dachte an das Foto, das sie vor ein paar Monaten so tief erschüttert hatte.

Kent schloss kurz die Augen. Fantastisch. Ein Groupie. Er drehte sich um, als Tabitha sagte: „Der einzig wahre.“

Sadie war sprachlos. Der mehrfach ausgezeichnete, weltweit umjubelte Fotojournalist Kent Nelson sollte mit ihr zusammen ins Nirgendwo fahren, um Aufnahmen von einem zurückgezogen lebenden Maler zu machen?

Sadie hätte ihn am liebsten gefragt, wofür ihn das bestrafen sollte, doch sie schaffte es, ihren Sarkasmus unter Kontrolle zu halten.

Auch Kent war ein wenig sprachlos: ein Blick auf Sadie Bliss hatte ihn völlig aus dem Konzept gebracht. Und so etwas kam nicht sehr oft vor. Aus dem Augenwinkel nahm er war, dass Tabitha in angrinste, und er hoffte schwer, dass er sie nicht an eine Zeichentrickfigur erinnerte, der gerade die Augen aus dem Kopf sprangen. Denn so sehr er sich auch bemühte, er schaffte es nicht, seinen Blick von Sadies Kurven abzuwenden.

Kurven, die mit ihrem Schmollmund anfingen und nicht enden wollten.

Zwar hatte sie versucht, ihre Weiblichkeit unter einem schrecklichen Nadelstreifenanzug zu verbergen, doch es sah aus, als ob dieser gleich bersten würde. Es war, als hätten ihre Kurven einen eigenen Willen.

Seligkeit? Sehr passend. Ein Mann konnte sich in all diesen Rundungen verlieren und zu Tode hungern. Doch der Anblick wäre es wert.

Großartig. Das fehlte ihm gerade noch. Drei Tage Autofahrt mit einer Reporterin, die noch grün hinter den Ohren war und deren Kurven mit einem neonfarbenen Warnsignal versehen sein sollten.

Sadie blickte Tabitha verwirrt an. „Es tut mir leid, aber ich verstehe das nicht … Kent Nelson ist der Fotograf für meine Reportage?“

„Nun ja …“, Tabitha kostete den Moment aus. „Meine Pläne haben sich ein wenig geändert.“

Sadie konnte ihren Puls durch jede Zelle ihres Körpers schlagen fühlen. Ein Anflug von Niedergeschlagenheit überfiel sie.

Tabitha wollte den Auftrag jemand anderem geben.

Sadie räusperte sich. „Geändert?“ Sie war entschlossen, unerschrocken und professionell zu wirken.

„Wir möchten, dass Sie zwei Artikel schreiben. Die Reportage über Leonard und eine weitere.“

Tabitha blickte kurz zu Kent, bevor sie sich wieder ihrer dunkelhaarigen Mitarbeiterin zuwandte. Dieses vollbusige, höchst ehrgeizige Mädchen hatte sie drei Monate lang mit E-Mails bombardiert, in denen sie um ein Vorstellungsgespräch gebeten hatte. „Eine Reisereportage.“

Sadie blieb kerzengerade stehen, obwohl sie bei der Bestätigung, den Auftrag behalten zu dürfen, beinahe innerlich zusammenbrach. Sie erlaubte sich nicht einmal ein winziges triumphierendes Lächeln, als sie die Worte zwei Artikel hörte.

„Eine Reisereportage?“

Sie sah hinüber zu Kent, der sie mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck beobachtete. Sie wurde oft angestarrt. Seit sie dreizehn war, hatte sie Körbchengröße E getragen, und so war sie sehr früh zur Zielscheibe anzüglicher Männerblicke geworden.

Aber Kents Blick war anders. Nachdenklich. Intensiv.

Dieser Mann war intensiv.

Natürlich hatte Sadie schon Bilder von ihm gesehen. Bei der Eröffnung seiner Ausstellung hatte eine gerahmte Fotografie gehangen, die ihn während irgendeines Einsatzes zeigte. Sadie erinnerte sich, dass er Cargohosen und ein Kaki-Shirt getragen hatte. Und obwohl diese Art von Kleidung keineswegs eng anliegend war, hatte das Shirt Kents wohlgeformten Oberkörper sowie seine festen Oberarm- und Bauchmuskeln betont.

Sein hellbraunes Haar war auf dem Foto halblang und verstrubbelt gewesen und hinter seine Ohren gestrichen. Damals hatte er auch einen lässigen Spitzbart getragen. Er hatte direkt in die Kamera gelacht und man konnte seine ebenmäßigen Zähne erkennen.

In seinen Händen hatte er einen Fotoapparat mit einem massiven Objektiv gehalten. Wie eine untrennbare Einheit. Die Kamera schien zu ihm zu gehören wie eine Waffe zu einem Soldaten.

So ein unerschrockener Mann der Tat war nie Sadies Traumtyp gewesen. Sie bevorzugte gebildete Künstler wie Leo. Doch während der Ausstellung in New York hatte sie mit ihrer Meinung offensichtlich die weibliche Minderheit dargestellt.

Wäre Kent Nelson damals dort gewesen, hätte er bestimmt nicht alleine nach Hause gehen müssen.

So wie er heute aussah, hätte Sadie ihn auf der Straße jedoch nicht einmal erkannt. Seine Haare waren kurz geschoren, und Sadie bemerkte sofort die vollkommen symmetrische Form seiner Stirn sowie seines gesamten Gesichts. Auch das lässige Spitzbärtchen, das ihn auf dem Foto der Ausstellung sehr jung und sorglos wirken ließ, war abrasiert. Stattdessen trug er einen Dreitagebart, der seine markanten Wangenknochen und seinen Kiefer betonte, sowie seinen ebenmäßigen Mund. Und sicher auch die perfekten Zähne, wenn er lächelte.

Falls er lächelte.

Denn das konnte man sich im Moment an ihm nur schwer vorstellen. Mit verschränkten Armen hielt er Sadies Musterung stand, und ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie wohl ein wenig zu lange auf seinen Mund gestarrt hatte.

Schnell senkte sie den Blick.

Leider blieb dieser sofort an etwas anderem haften. An dem Stoff von Kents grauem Rollkragenpullover, der sich durch das Verschränken der Arme über seinem muskulösen Oberkörper spannte. Und seine Unterarmmuskeln blieben dank hochgekrempelter Ärmel ebenfalls nicht verborgen.

„Ja“, sagte Kent leise und unterbrach damit Sadies Musterung. „Eine Reportage über eine Autoreise.“

Er blickte in Sadies Augen, als er sie mit der Wahrheit konfrontierte. Diese waren wohl ebenso bemerkenswert wie der Rest von ihr. Dunkelgrau, riesengroß und eingerahmt von langen Wimpern. Sie bedurften keines geschickt aufgetragenen Lidschattens oder dunklen Kajalstifts, um Wirkung zu erzielen. Sie taten es einfach.

Sein Blick fiel auf die weiße Haut ihres Halses, an dem ebenfalls keinerlei Verzierung zu entdecken war. Kent bemerkte, dass Sadie überhaupt keinen Schmuck trug. Weder Ketten, noch Ringe oder Ohrringe.

Im Gegensatz zu Tabitha hatte Sadie nichts an sich, das darauf aus war, irgendetwas zu betonen.

Nicht einen Hauch von Make-up oder Parfüm.

Sogar ihr üppiger roter Mund schien von ganz allein so zu sein.

Sadie räusperte sich. Kents Blick verunsicherte sie. Er traf sie bis ins Innerste und ließ ihren Puls schneller schlagen. Hilfesuchend blickte sie zu Tabitha hinüber.

„Von Darwin nach Borroloola? Das müssen ungefähr eintausend Kilometer sein.“ Sadie schluckte. Ihr bekamen lange Autofahrten nicht gut.

Tabitha schüttelte den Kopf, doch Kent rückte schnell mit den restlichen Fakten heraus. „Wir fahren von Sydney nach Borroloola. Sie können dann von Borroloola nach Darwin fliegen und von dort zurück nach Sydney, sobald das Interview abgeschlossen ist.“

Sadie vergaß augenblicklich ihren rasenden Puls, Kents Berühmtheit und den guten Eindruck, den sie auf Tabitha machen wollte. „Sind Sie wahnsinnig?“, fragte sie und sah Kent direkt ins Gesicht. „Das sind doch mindestens …“, sie rechnete schnell noch einmal nach, „… dreimal so viele Kilometer!“

Ihr Gefühlsausbruch ließ Kent unbeeindruckt. „Dreitausenddreihundert und dreizehn Kilometer, um genau zu sein.“

Sadie wurde beim bloßen Gedanken daran schlecht. „Und wir können nicht fliegen, weil …?“

„Ich fliege nicht“, sagte Kent mit eisiger Stimme.

„Es wird großartig werden“, unterbrach Tabitha den Dialog. „Sie und Kent. Ein Auto. Eine Reisereportage. Das Outback. Das wahre Landesinnere. Journalismus in seiner reinsten Form.“

Sadie blickte Tabitha an, als zweifelte sie auch an ihrer geistigen Gesundheit. „Aber das wird Tage dauern!“

„Lassen Sie mich raten“, sagte Kent betont langsam. Sadies Entsetzen amüsierte ihn. „Sie sind ein Großstadtkind, nicht wahr?“

Sadie sah wieder zu ihm. „Nein“, bestritt sie die Tatsache, dass die Großstadt ihr Leben war. Straßen voller Menschen, helle Lichter, Cocktailbars und Filmfestspiele.

„Mir wird bei Autofahrten nur unheimlich schlecht.“ Und das war nicht nur eine lahme Entschuldigung. Der große Kent Nelson würde sicher nicht alle zwei Minuten das Auto anhalten, damit sie sich übergeben könnte.

Wieder biss Kent die Zähne zusammen. Hervorragend. Drei Tage im Auto mit einem Stadtküken in schwächlicher Verfassung.

Das wurde ja immer besser.

„Ich schätze, genau deshalb hat man Medikamente gegen Reiseübelkeit erfunden“, kommentierte er sachlich.

Sadie schüttelte heftig den Kopf. „Oh, glauben Sie mir, Sie möchten mich nicht in Ihrer Nähe haben, wenn ich so etwas einnehme. Ich drehe danach völlig durch. Das ist nicht schön.“

Kent hob eine Augenbraue. Erbrechen oder Durchdrehen. Es klang nach einer Reise in die Hölle.

Wahrscheinlich wäre er zu jeder anderen Zeit und an jedem anderen Ort überglücklich gewesen, eine kurvenreiche Schönheit zum Durchdrehen zu bringen. Aber jetzt waren derartige Gedanken einfach nur störend.

„Danke für die Warnung“, entgegnete er.

„Das Ganze könnte eine große Gelegenheit für Sie sein, Sadie“, unterbrach Tabitha. „Sie würden an zwei wichtigen Reportagen mitwirken. Aber wenn Sie denken, dass es zu viel für Sie ist, können wir natürlich jederzeit jemand anderen verpflichten.“

Sadie hätte bei diesen Worten am liebsten mit dem Fuß gestampft. Doch sie hielt sich zurück. Tabitha hatte recht. Das hier war wie ein Geschenk.

Wie hätte ihre Chefin auch ahnen können, wie nervös Sadie angesichts des bevorstehenden Wiedersehens mit ihrem Exfreund war? Oder dass sie gehofft hatte, bei diesem Wiedersehen umwerfend schön auszusehen statt wie ein vollgesaugter Wattebausch?

Zumindest würde die fürchterliche Autoreise die Crash-Diät unterstützen, die Sadie begonnen hatte, als sie von dem möglichen Treffen mit Leo erfuhr. Das letzte Mal, als sie ihn gesehen hatte, war sie extrem dünn gewesen und ihre Kurven waren einer strengen Fastenkur zum Opfer gefallen.

Da Sadie von Natur aus eher vollschlank war, hatte sie zu Beginn ihrer Beziehung mit Leo eine Weile gebraucht, um abzunehmen. Aber Leos Liebe und sein Zuspruch waren ein unwahrscheinlicher Ansporn gewesen.

Jedes Mal, wenn er von der Ebenmäßigkeit ihrer deutlich hervortretenden Schlüsselbeine, ihrer Handgelenk- oder Hüftknochen geschwärmt hatte, oder davon, wie sich ihre helle Haut zart über ihre Rippen spannte, hatte Sadie sich vollkommen gefühlt.

Er hatte ihr oft übers Haar gestrichen, wenn es über ihre knochigen Schulterblätter fiel. Er hatte es mit Seide verglichen, die in ein wohlgeformtes Tal floss. Und ihre weiche Haut als perfekten Hintergrund bezeichnet.

Das damals einzig Üppige an Sadie waren ihre Brüste gewesen. Nicht einmal die eisernste Diät hatte eine Wirkung auf ihre Größe gehabt, egal wie sehr Leo das auch bemängelt hatte. Er hatte sogar angeboten, für eine operative Verkleinerung zu zahlen, und Sadie hatte sich über diesen Vorschlag riesig gefreut. Weil ein hervorragender Künstler etwas Spezielles in ihrem Körper gesehen hatte und ihn als Kunststück, als eine leere Leinwand betrachtete.

Sie war außer sich vor Freude darüber gewesen, dass sie Leos Muse war und dass er stets ein fast zwanghaftes Bedürfnis verspürte, sie zu malen.

Sadie war sich der schmerzhaften Tatsache bewusst, dass sie nicht mehr die Frau war, die Leo weggeschickt hatte. Sie war nicht mehr die Frau, die er einst liebte.

All das stellte sie auf eine harte Probe.

„Nein. Es ist schon in Ordnung“, entgegnete sie betont fröhlich. „Ich schaffe das. Ich kann nur nicht versprechen, dass die Sitzbezüge des Mietwagens keinen Schaden nehmen.“

„Wir mieten kein Auto“, widersprach Kent. „Wir fahren in meinem Geländewagen.“

Sadie nickte ihm zu. Natürlich. Sein Geländewagen. Wahrscheinlich hatte er ein Batmobil in seiner Garage.

„Wann fahren wir los?“, seufzte Sadie.

„Ich hole dich morgen früh ab“, erklärte er lässig und verzichtete dabei auf das förmliche Sie. Nimm kein unnötiges Gepäck mit. Dort, wo wir hinfahren, werden keine Cocktails mit Schirmchen serviert.“

„Wow“, antwortete Sadie betörend. „Jetzt bin ich aber überrascht.“

Ihre Verteidigung gegen eine Welt, in der sie aufgrund der Größe ihrer Brüste immer wieder falsch eingeschätzt wurde, war unbändiger Sarkasmus. Wenn Kent Nelson also auf diese lächerliche Reise bestand, für die sie mehrere Tage zusammen im Auto verbringen mussten, dann konnte er sich hiermit gewarnt fühlen.

Sadie war abfahrtbereit, als Kent am nächsten Morgen an ihrer Haustür klingelte. Sie trug weite knöchellange Jeans und ein einfaches Poloshirt. Ein Paar schlichte Ballerinas vervollkommneten ihr Outfit. Neben der Tür standen ein mittelgroßer Rucksack und eine kleine Kühltasche.

Die Verwandlung von der ambitionierten Karrierefrau zu einem typischen Mädchen von nebenan verblüffte Kent. Auch diesmal hatte Sadie versucht, ihre Kurven durch locker sitzende Kleidung zu kaschieren.

Doch diese Kurven waren nicht kaschierbar.

So, wie sie heute angezogen war, immer noch ohne jegliche Accessoires, fiel es Kent leicht zu glauben, dass Sadie – wie Tabitha ihn gestern informiert hatte – erst vierundzwanzig Jahre alt war.

Und somit war sie genau zwölf Jahre jünger als er.

Sie war fast noch ein Kind.

„Was ist hier drin?“, fragte Kent und nahm Sadies Kühltasche und den Rucksack. Vor gut einer Stunde hatte er pfeifend seine eigenen Sachen ins Auto gepackt. Dabei hatte sich ein lange nicht gekanntes Glücksgefühl in ihm ausgebreitet. Und es war immer noch da.

Jetzt, in Gegenwart dieser Frau, war er allerdings nicht überzeugt, ob das Gefühl sich zu hundert Prozent auf die bevorstehende Reise bezog.

„Gingerale“,

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