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Mit der Liebe einer Löwin

Christina Hachfeld-Tapukai

Mit der Liebe
einer Löwin

Roman

Wie ich die Frau eines
Samburu-Kriegers wurde

BASTEI ENTERTAINMENT

Ein Wort vorweg

Afrika geisterte schon früh durch meine Träume, ausgelöst und angeregt durch Fotos und Berichte aus Missionszeitschriften, die meine Eltern bezogen. Folgerichtig hieß mein Berufswunsch in Kinderjahren dann: Missionsschwester im Kongo!

Die Träume verblassten, andere Realitäten verdrängten sie, wie Schule, Studium, Beruf und eine glückliche Ehe, aus der zwei prächtige Söhne hervorgingen. Nach dem frühen, plötzlichen Tod meines Mannes kehrten auf einmal, erst zaghaft, dann heftiger, die Träume der Kindheit zurück und verlangten nach Erfüllung.

So reiste ich Ende der achtziger Jahre mit meinen Kindern nach Afrika, nicht in den Kongo meiner Träume, denn er war politisch zu unsicher, aber in das friedlichere Kenia.

Hier wartete ein neuer Traum auf mich, ein Traum, der Wirklichkeit wurde: Ich gewann das Herz eines schönen Kriegers der Samburu, wurde seine Frau und lebe noch heute mit ihm im unwirtlichen, weitgehend wilden Norden Kenias, fernab von der Zivilisation.

Wir führen ein glückliches Leben, das, geprägt von Entbehrungen, Gefahren, einer ungebändigten Natur, fremdartigen Traditionen und Mystik, nie eintönig werden kann, das Liebe und oft ein Abenteuer ist.

Wie besondere Glanzpunkte in meinem Leben verteilen sich Flüge nach Deutschland, um meine Familie und Freunde wiederzusehen, allen voran meine geliebten Söhne, und willkommene Abwechslung bringen mir auch die Wochen, in denen ich in den schönen Küstenhotels bei Mombasa musizieren kann. Von dem so verdienten Geld überleben wir, wenn länger anhaltende Trockenzeiten unsere Nahrungsquellen reduzieren.

Es ist – trotz des Verzichts auf viele Annehmlichkeiten – ein schönes, ein lebenswertes Leben, ein verwirklichter Traum.

Ich sitze unter einer Dornenakazie vor unserem kleinen Blockhaus, unweit von Maralal im Samburu-Distrikt, im nördlichen Hochland von Kenia, seit längerer Zeit einmal wieder satt, und meine Gedanken schweifen zurück zu der Zeit, in der alles begann.

Noch einmal durchlebe ich all die Abenteuer, die aufregenden, die schönen, die schrecklichen, und die Gefahren, in denen ich mich manchmal befand. Ich erinnere mich auch an die Stunden voller Glückseligkeit und Leid, denke an die Begegnungen mit besonderen Menschen und viele seltsame Begebenheiten, die mein weiteres Leben prägten.

Meine Geschichte entstand aus dieser undefinierbaren Sehnsucht nach Liebe, Erfüllung und Zufriedenheit, die in uns allen schlummert – und auch aus der Frage nach mir selbst.

Die Sehnsucht führt uns oft auf seltsame Wege, denen wir dennoch zwanghaft folgen oder auch ganz bewusst, wenn wir den Mut dazu haben.

In meinem Fall hatte die Sehnsucht nach einigen Afrika-Reisen exotische Gestalt angenommen, und ich habe die Antwort auf die Frage nach mir selbst gefunden. Es ist die Geschichte einer großen Liebe geworden, eine spannende und alles andere als alltägliche Geschichte, die Ende der achtziger Jahre in Kenia ihren Anfang nahm und die immer noch weiterlebt.

Begonnen hat sie wie viele Urlaubsgeschichten: Ich unternahm eine Reise, war fasziniert von einem fremden Ort, einem fernen Land, ich lernte einen Mann kennen …

Nur bis dahin gleicht meine Geschichte unzähligen anderen, aber dann ist sie eine ganz besondere geworden. Ich erzähle sie, damit sie Meinungen korrigiert und zurechtrückt und weil mir das gegenseitige Verstehen-Können und Verstehen-Wollen von anderen Kulturen und Menschen wichtig ist – zumal es, um endlich in Frieden miteinander leben zu können, immer wichtiger wird. Wir alle sind in der Natur gleichberechtigt, wenn auch die Hautfarben, Sprachen und Ansichten, die Religionen und Lebensumstände unterschiedlich, oft gar schockierend, aber auch wunderbar anders sind. Medien und Verkehrsmittel bringen selbst die entferntesten Winkel der Erde und deren Bewohner immer enger zusammen. Das sollten wir gedanklich und gefühlsmäßig als eine Chance sehen und wirklich stabile Brücken bauen zu anderen Völkern, mit denen wir uns diese Erde teilen. Niemand von uns ist gefragt worden, wo er auf die Welt kommen möchte.

Einander zu akzeptieren, zu respektieren und zu tolerieren – das ist menschliche Größe.

In der Abendsonne leuchtet rot

die warme Samburu-Erde.

Die Karisia Hills wölben sich blau

gegen den fahlgelben Himmelsbogen.

Leichtfüßig setze ich meinen Weg fort,

an Giraffen und Zebras vorbei.

Noch bevor der Gesang der Zikaden beginnt,

werde ich heimgekehrt sein

zu dir und unserer Herde.

Bedauern

Vor mir liegt wieder das Meer. Ich sitze auf der Strandmauer des Neptun-Beach-Hotels und denke an einige besondere Stationen meiner Reise ins Landesinnere mit Lekaitik. So aufregend und viel versprechend hatte sie begonnen – so enttäuschend geendet, durch die von mir selbst herbeigeführte Wendung in unserer Beziehung.

Mit wie viel Hoffnungen und Erwartungen war ich meinem lieben kenianischen Freund wiederbegegnet, und wenn es hätte sein sollen, wäre ich bei ihm geblieben. Lekaitik hatte mir viel bedeutet.

Ich hatte ihn während meiner ersten Kenia-Reise nach dem plötzlichen und frühen Tod meines Mannes zusammen mit meinen Söhnen bei einer Folklore-Veranstaltung in Watamu am Indischen Ozean kennen gelernt – ihn, den stolzen Samburu-Krieger aus dem fernen Norden des Landes. Er hatte einige kunsthandwerkliche Dinge aus seiner Heimat zum Kauf angeboten, und meine Söhne hatten sich für ein kleines Messer erwärmt, das in einer reich mit winzigen Perlen verzierten Lederhülle steckte. Aus dem Verkaufsgespräch war dann eine längere Unterhaltung geworden.

Durch diese Begegnung war es zur ersten Konfrontation mit einer gänzlich fremden Kultur gekommen, die mich völlig fasziniert hatte. Vorsichtig hatten der Samburu-Krieger und ich uns einander genähert, hatten Fragen und Adressen ausgetauscht und waren bald sehr voneinander gefesselt und füreinander eingenommen gewesen, obwohl die Verständigung auf Englisch Lekaitik Schwierigkeiten bereitete.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland beschäftigte ich mich intensiv mit Kenia und begann sogar Kisuaheli zu lernen. Ich wollte noch einmal nach Kenia – allein wegen des exotischen Kriegers.

Zweimal war ich Lekaitiks Einladung gefolgt, mit ihm zusammen sein Heimatdorf in einer wildromantischen Gebirgsregion zu besuchen, ohne meine Söhne, da ihnen die Reise ins Ungewisse zu riskant erschienen war.

Doch jetzt, bei einem dritten gemeinsamen Besuch, hatte mir Lekaitik eröffnet, dass er heiraten werde, ein Samburu-Mädchen und etwas später auch mich, als Zweitfrau, und dass seine Familie und seine Braut dem bereits zugestimmt hätten und er darüber sehr glücklich sei.

Ich war viel zu überrascht gewesen, um bedacht reagieren zu können, und restlos überfordert von diesem Ansinnen. Zwar hatte ich mir ein Gespräch mit Lekaitik über unsere Beziehung gewünscht, aber nie im Traum wäre mir die Idee gekommen, dass er mich als seine Zweitfrau vorgesehen hatte. Natürlich wusste ich, dass ich als Freundin willkommen war, und ich hatte öfter mit dem Gedanken gespielt, mehr als nur eine Freundin zu sein.

Aber zu erfahren, dass bereits eine Braut existierte, hatte plötzlich die ganze Situation für mich verändert. Wohl verstand ich, dass Lekaitiks Wunsch eine große Auszeichnung für mich darstellte, und ich war glücklich, dass er sich offen zu mir bekannte, dennoch verletzte es mich sehr.

Ich versuchte, die Erklärungen von Simon, einem Lehrer und Lekaitiks bestem Freund, der Englisch sprach und häufiger zwischen uns vermittelte, zu beherzigen. Doch immer wieder kam ich zu dem Schluss, dass ich einen Mann nicht wissentlich mit einer anderen Frau teilen konnte. Nein, eine Zweitfrau wollte ich nicht sein. Mit diesem Status würde ich nie zurechtkommen. Zudem würde eine Ehe zu dritt meinerseits nicht funktionieren, weil meine christlich-konservative Erziehung sowie meine eingefleischte Vorstellung von Moral, Recht und Unrecht dies nicht zuließen – die ich aber, damals noch undenkbar, geraume Zeit später über Bord werfen und unbeachtet lassen sollte.

Lehrer Simon hatte sich viel Mühe gegeben, um meine europäische Denkweise infrage stellen zu können. Doch er hatte mich eher verwirrt.

Dank seiner Erläuterungen verstand ich immerhin inzwischen Lekaitiks Handlungsweise: Er würde eine Samburu heiraten, die ihm die Clan-Ältesten – sie haben das Sagen in jedem Samburu-Dorf – zugedacht hatten, um das Versorgungsproblem in seiner Familie zu lösen. Lekaitik hatte keinen Vater mehr, jedoch vier jüngere Geschwister und eine kränkelnde Mutter, so oblag ihm als ältestem Sohn, für die Familie zu sorgen. Allerdings war er in seiner Eigenschaft als Krieger nicht für häusliche Dinge zuständig. Seine zukünftige Frau dagegen war automatisch dazu verpflichtet, sich um seine Angehörigen zu kümmern.

Als einer Fremden, Weißen, wurde mir wohl, was das anging – außer von Lekaitik selbst –, weder sehr vertraut noch etwas zugetraut. Auch hätte mich eine solche Aufgabe mit Sicherheit damals überfordert.

Ich dachte an Lekaitiks glückliches Gesicht vor wenigen Tagen auf dem Viehmarkt in Maralal, an sein überwältigt gestammeltes »Du weißt nicht, wie sehr ich dich liebe«, als ich den jungen, sandfarbenen Stier für ihn gekauft hatte – mein Hochzeits- und Abschiedsgeschenk für ihn. Damit nahm ich Abschied von einer wunderschönen Zeit, in der mein Herz zwischen Afrika und Europa gependelt war, von einer Zeit, in der ich zum ersten Mal nach dem Tod meines Mannes wieder Pläne geschmiedet, Veränderungen in meinem Leben bereitwillig zugelassen, wenn nicht sogar bewusst herbeigeführt und den Mut gefunden hatte, unbekannte, neue Wege zu beschreiten.

Die Zeit mit Lekaitik wollte ich nicht missen. Sie hatte mich sensibel gemacht für andere Völker, verständnisvoller und neugierig auf fremde Kulturen.

Es war, als hätte ich mich seit der Begegnung mit diesem schönen Samburu-Krieger aus einem tiefen Tal in lichtdurchflutete Höhen aufschwingen können. Ich war längst nicht mehr die trauernde Witwe und auch zu jung, um allein zu bleiben, viel zu jung, um nicht noch von ganz neuen Dingen zu träumen, von Abenteuern, die ich bestehen, und von Ländern, die ich sehen wollte.

Eines wusste ich schon damals ganz sicher, ich spürte es einfach: Mein weiteres Leben würde mit Afrika verknüpft sein, obwohl im Moment nicht viel darauf hindeutete.

Wie viele Fremde hatte es mich nach Kenia gezogen, und auch ich war auf unerklärbare Weise von Afrika gefesselt worden. In meinem Herzen brannte ein stilles Feuer für diesen geheimnisvollen Erdteil, und mein gesamtes Denken und Fühlen wurde von einem undefinierbaren Zauber heimgesucht, dem ich mich nicht entziehen konnte.

Viele Afrika-Reisende unterlagen dem Zwang, zurückkommen zu müssen, immer wieder, oder gar zu bleiben. Es war fast unheimlich, welche Kraft da in einem arbeitete, zerrte und für Unruhe sorgte, bis man endlich erneut Afrika betreten durfte und konnte.

War etwa die vielfach noch ungezähmte Urwüchsigkeit die Zauberformel für eine zwingende Wiederkehr? War es der Drang nach Abenteuer und Freiheit, der Wunsch, sich Unbekanntem zu nähern?

Der Schwarze Kontinent barg ein tiefes Geheimnis in sich. Es gab hier etwas, das kein anderer Erdteil für sich beanspruchen konnte. Der Schlüssel dazu lag in Afrika selbst.

Vielleicht war es nichts anderes als die ewige Suche nach dem Ursprung allen Seins, sich dem Anfang der Menschheit nähern zu müssen, zurückzukehren zum Ausgangspunkt menschlichen Herzschlags, ein Paradies dort aufzuspüren, wo eines verloren ging – kein Paradies des Überflusses, sondern ein Paradies des Reinen, des Ursprünglichen.

Ich war fest davon überzeugt, dass es in Afrika etwas Einmaliges gab, das – ohne Spekulationen darüber Vorschub zu leisten – irgendwo in seinem Dunkel eine fesselnde Macht besaß, die von allen sensiblen Menschen erspürt wurde.

Afrika war ein wundervoller Kontinent – im wahrsten Sinne des Wortes!

Auf Lekaitik zu verzichten tat mir weh. Ich dachte an die Träume, die ich gehegt hatte, wenn Lekaitiks Briefe in Simons Handschrift Deutschlands grauen Winterhimmel für mich erhellt hatten. Jedes Mal hatte ich aufgeregt nach Formulierungen in dem Geschriebenen gesucht, die mir Hoffnung gaben.

Ich wünschte mir sehr, dass Lekaitik und ich trotz der veränderten Situation Freunde blieben, und hatte ihm das auch gesagt.

»Pakiteng«, hatte er geantwortet und dabei genickt.

Die Bedeutung dieses Wortes erfuhr ich jedoch erst viel später.

Lpetati

Am Wochenende erwartete ich meine beiden Söhne, die ihre Ferien mit mir in Kenia verbringen wollten. Daher blieb ich an diesem Vormittag im Hotelgarten, setzte mich in den Schatten und plante diverse Unternehmungen.

Als dicht neben mir eine Fahrradklingel ertönte, wurde ich aufgeschreckt. Einer der Hotelangestellten hielt eine Holztafel hoch, auf der mit weißer Kreide eine Zahl geschrieben war, und klingelte unentwegt, um die Aufmerksamkeit der Hotelgäste auf die Tafel zu lenken. Es dauerte einen Moment, ehe ich erkannte, dass es sich bei der Zahl um meine Zimmernummer handelte.

»Come to the reception, please«, forderte er mich auf, als ich mich bei ihm meldete.

Verwundert eilte ich zur Rezeption. Sollte etwas mit meinen Söhnen sein? Kämen sie doch nicht oder später oder gar schon früher?

»Your husband is waiting«, teilte die junge Frau am Empfang mir mit.

Husband? Welcher Ehemann? Ich hatte doch gar keinen. Etwa Lekaitik? Ungläubig sah ich die Suaheli mit der ausgefallenen Zöpfchenfrisur an. Doch sie deutete nur mit dem Kopf zu den Eingangsstufen.

Und da sah ich ihn: Lpetati.

Er stand am Eingang, fast theatralisch zwischen den beiden mannshohen hölzernen Massai-Figuren. Genauso groß, genauso dunkel, genauso würdevoll wie diese – aber so überaus lebendig und atemberaubend schön: hoch gewachsen, mit langen Beinen, nacktem Oberkörper und verführerisch makelloser, samtig brauner Haut. Um die schmalen Hüften hatte er ein rotes und ein hellblaues Baumwolltuch geschlungen. Bunte Lederbänder, Perlenschnüre und -ketten schmückten Hals, Stirn, Ohren und Gliedmaßen.

Über die Schultern bis zur Taille verliefen diagonal mehrere Perlenstränge in Rot, Orange, Blau und Schwarz. Aufgemalte ockerfarbene Muster zierten Wangen und Stirn. Die künstlich bis zur Taille verlängerten Haare waren rotbraun eingefärbt und hingen ihm in unzähligen dünn gezwirbelten Zöpfen über den Rücken. Was für ein Anblick.

Den hübschen Samburu-Krieger Lpetati hatte ich schon viele Male zuvor gesehen – schließlich gehörte er zu Lekaitiks Clique – und hin und wieder auch mit ihm gesprochen. Neben seinem guten Aussehen war mir besonders sein heiteres Wesen aufgefallen, aber ich war stets zu sehr auf Lekaitik fixiert gewesen, um anderen Männern Beachtung schenken zu können. Doch nun verschlug mir Lpetatis Erscheinung die Sprache, fesselte mich und erhöhte Herz- und Pulsschlag, ich war einfach unfähig, gelassen zu bleiben.

Nach einigen beunruhigenden Minuten, in denen auch er mich eingehend gemustert hatte, brach er das Schweigen. »Ich möchte mit dir reden, wenn es möglich ist«, sagte er auf Kisuaheli und lächelte ein wenig, fast verschämt.

Ich nickte zustimmend, und wir gingen langsam über den großen Hotelparkplatz bis zu einem riesigen Bambus und stellten uns in den Schatten. In den rosa Blumenrabatten darunter tollten drei niedliche schwarze Kätzchen umher.

Was hatte Lpetati wohl mit mir zu bereden, das es erforderlich machte, in mein Hotel zu kommen und sich dort als mein Ehemann auszugeben?

Ich sah mein exotisches Gegenüber fragend an. »Nun, husband

Er lachte und zeigte dabei gesunde, sehr weiße Zähne. »Was sollte ich sagen? Ich muss dich unbedingt sprechen, und ich dachte, wenn ich dein Mann bin, wird man mich an der Rezeption nicht abweisen.«

Eines der Kätzchen knabberte an meinen Sandalen, und ich nahm es auf den Arm.

»Paka ndogo ni nzuri sana, die kleine Katze ist sehr hübsch«, sagte Lpetati und strich zaghaft über ihren schwarzen Rücken.

Dabei näherte sich sein Gesicht dem meinen, und als sich unsere Finger auf dem Fell des schnurrenden Tieres berührten, schob er seine Hand behutsam über meine und drückte sie leicht.

»Deshalb bin ich gekommen.«

Mein Herz schlug plötzlich schneller, ich musste öfter schlucken, fühlte seine kühlen Finger über meine warmen gleiten, zart und vorsichtig. Ich zog meine Hand nicht fort, weil ich das schöne Gefühl, das mich auf einmal überkam, nicht beenden wollte. Ich war entsetzlich aufgeregt – und hilflos.

Lpetati musterte mich, freundlich, eindringlich. Der Druck seiner Hand verstärkte sich kurz, dann nahm er sie zurück. »Lekaitik hätte dir vor eurer Fahrt nach Maralal sagen müssen, dass er dort heiraten wird. Für uns Samburu ist das nichts Besonderes, es gibt viele Männer mit zwei oder drei Frauen, aber wazungu, Weiße, verstehen das nicht. Die haben nur eine Frau, das weiß ich.«

Die Katze auf meinem Arm gähnte, und Lpetatis Hand schob sich wieder auf meine. Kühl und doch irgendwie brennend strich sie darüber, und ich fand immer mehr Gefallen an dieser Berührung.

Über uns sprangen einige Meerkatzen in die Palmen der angrenzenden Gartenanlage der Severin Sea Lodge. Wir schauten ihnen zu und erfreuten uns an ihren gekonnten Sprüngen und ihrem possierlichen Gerangel in den Zweigen.

Lpetati stand dabei so dicht neben mir, dass mich sein Atem streifte, wenn er lachte. Das erregte mich, und zwar mehr und mehr. Was war nur mit mir los? Was machte sich da selbstständig in mir? Woher kam diese Hilflosigkeit, dieser innige Wunsch, die Zeit möge stehen bleiben?

»Lass mich dein Mann sein«, sagte Lpetati plötzlich.

Ich begriff erst gar nicht und brachte dann nur ein »Oooh« heraus, nichts als ein albernes »Oooh«, das dazu noch ziemlich heiser klang.

»Ich liebe dich schon lange«, fuhr Lpetati fort. »Jetzt kann ich es dir sagen, weil du nicht die zweite Frau von Lekaitik werden willst. Ich will dein Mann sein. Ich möchte dich heiraten und keine andere Frau.«

Ich fühlte, wie ich über und über rot wurde, und stand da wie gelähmt. Hatte ich den exotischen Krieger richtig verstanden? Verwirrung breitete sich in mir aus, verunsicherte mich. Was geschah hier?

Lpetati kramte in einem braunen Lederbeutel, den er an einer roten Kordel um die Taille trug, und entnahm ihm ein breites, mit roten, gelben, weißen und schwarzen Perlen verziertes Lederarmband und eine ebensolche Kette. Er legte mir beides auf die Hände, mit denen ich immer noch die Katze hielt.

»Lass mich dein Mann sein, bitte«, hörte ich aus nebulöser Ferne. »Du sollst darüber nachdenken, ich komme heute Abend wieder oder morgen Früh.«

Seine Hand berührte meinen Arm wie eine Liebkosung, dann drehte er sich um und ging in aufrechter Haltung auf den Schlagbaum an der Hoteleinfahrt zu.

Ich sah ihm nach, machtlos, sprachlos. ›Schlanke Gestalt in Rot‹ – das hatte bisher immer nur Lekaitik für mich bedeutet. Wie konnte diese Gestalt jetzt Lpetati heißen?

Lange stand ich reglos da, das inzwischen eingeschlafene Kätzchen auf dem Arm. Ich drückte mein Gesicht auf das Fell und die kühlen Plastikperlen in meiner Hand, die irgendwie nach Lpetati rochen. Es war, als würden Kette und Armband mir die Haut versengen. Das zunehmende seelische Durcheinander setzte mir arg zu.

Und dann begann es in mir zu hämmern, fest und hart und rhythmisch: Lass mich dein Mann sein, bitte. Lass mich dein Mann sein, bitte.

Erst nach endlos langer Zeit fühlte ich mich imstande, an der Rezeption vorbei in mein Zimmer zu gehen, wo ich mir Wasser ins Gesicht schüttete und kurz darauf tropfend am Fenster stand. In der hohen Spitze eines mächtigen Mangobaumes ließen sich zwei Reiher vom Seewind schaukeln. Ich beobachtete sie eine Weile, nahm dann meine Gitarre auf, klimperte ein wenig lustlos vor mich hin, legte sie wieder fort und schaute einige Safari-Angebote durch, die für meine Söhne und mich infrage kamen. Aber eine innere Unruhe hatte mich gepackt, und ich war überhaupt nicht bei der Sache.

Eingehend betrachtete ich die Kette und das Armband. »Ich will dein Mann sein. Ich möchte dich heiraten.« Lpetatis Worte nahmen langsam Besitz von mir. »Lass mich dein Mann sein« war für den Rest des Tages um mich, beim Strandspaziergang, beim Tee im Hotelgarten, beim Schwimmen in der aufkommenden Flut.

Lpetati war allgegenwärtig, ich spürte ihn regelrecht, ich wurde seinen Blick nicht los, und seine Worte nisteten sich ein in meinem Kopf, in meinem Herzen. »Ich liebe dich schon lange. Ich möchte dich heiraten.«

Nach dem Abendessen saß ich noch auf der Terrasse, wo eine Band spielte. Die Luft war nur leicht vom Seewind bewegt, die Frangipani dufteten betörend, und das besondere afrikanische Flair mit seinem Zauber bewirkte, dass ich Sehnsucht verspürte, unbestimmte Sehnsucht nach Liebe, nach den Armen eines Mannes, nach einem Menschen, dem ich mich mitteilen konnte.

Die Nachtluft machte mir das Herz schwer, es war wie in einem Kitschroman, aber doch alles real, denn der Duft war da, der Wind, die Musik, die unzähligen Sterne des Äquatorhimmels.

Plötzlich wusste ich, dass Lpetati in der Nähe war. Fast warf ich den Sessel um, so abrupt stand ich auf und lief durch die hohe Halle zum Eingang. Ich weiß nicht, was mich in jenem Moment geleitet, was mich so sicher gemacht hatte.

Lpetati war tatsächlich da!

Mit einem breiten Lächeln registrierte er, dass ich das Armband trug und auch die Kette, die er mir am Morgen geschenkt hatte, und fasste nach meiner Hand.

Später sagte er mir, dass das Tragen dieser besonderen Geschenke in diesem Fall auf die wichtigste Frage zwischen Mann und Frau ein Ja bedeutet.

Kurz darauf saßen wir vor dem Hotel am Strand. Eine braune Hand hielt die meine, sie war schmal und kühl, mit heller Innenfläche und langen Fingern. Ich war erfüllt von der Nähe eines Menschen aus dem fernen Land, in dem ich mich zurzeit befand, von einem fremden Geruch und einem vertrauten Lächeln.

Die Brise vom Indischen Ozean wehte meine langen blonden Haare vor sein dunkles Gesicht. Er reckte den Kopf ein wenig vor, als würde er das sanfte Streicheln meiner Haarspitzen auf seinen Wangen genießen und noch ein wenig fortsetzen wollen.

Die afrikanische Nacht hüllte uns ein wie ein weiches, schmeichelndes Tuch, erzeugte Herzklopfen und wohlige Schauer, vermischt mit Spannung und ängstlicher Erwartung.

Wir hörten das Lala salama der Band, die sich mit diesem Gutenachtlied von den Hotelgästen verabschiedete.

Lpetati erhob sich. »Ich komme morgen Früh wieder, und deine Antwort kenne ich schon«, sagte er und zog mich vom feuchten Sand, in dem wir gesessen hatten, zu sich hoch. Nach einem liebevollen Blick und einem hoffnungsvollen »tutaonana kesho, wir sehen uns morgen« verließ er mich.

Etwas Besonderes war heute geschehen, ich fühlte und wusste es und trug den denkwürdigen Tag für alle Fälle in mein kleines rotes Notizbuch unter »Aussprache mit Lekaitik« ein. Dann schrieb ich »Lpetati« mit zwei Frage- und einem Ausrufezeichen darunter und »Was für ein 11. November«.

Lange lag ich in der Nacht wach. Ich dachte an den vergangenen Abend, an Lpetati und auch an Lekaitik. Gedanken quälten mich, ich musste irgendwie meine Bedenken loswerden, sie ignorieren. Es war hinderlich, gut erzogen und bürgerlich zu sein, zumindest half es mir kein bisschen in meinen Entscheidungen auf dem fremden Terrain, auf das ich mich so unüberlegt und überstürzt begeben hatte, geleitet von Neugier, Sehnsucht, Lebensfreude und Lebenshunger.

Mit dem sonnigen Morgen sah es auch in mir heller aus, ich war frei von Skrupeln und konnte die unbequemen Gedanken, die mich in der Nacht geplagt hatten, euphorisch beiseite schieben.

Es kam mir vor, als wäre ich über Nacht eine andere geworden. Ich fühlte mich befreit, irgendwie erlöst – doch wovon? Schwung war in mir, dazu eine unbändige Freude und Lust zu leben. Ich sang, spielte auf der Gitarre, kleidete mich dann in Hochstimmung in einen kanga, ein typisch afrikanisches Gewand, und posierte übermütig vor dem Spiegel. Als ich Lpetatis Perlenschmuck anlegte, überkam mich ein Prickeln, das mich wohlig durchrieselte. Es war, als würden mir die Plastikperlen Kraft verleihen.

Da war etwas um mich herum, das ich nicht greifen konnte und das dennoch greifbar schien, so, als müsste ich nur zupacken. Mein Ich zerfloss in tropischer Helligkeit und Farbenpracht, kehrte zurück, sammelte Seligkeit in mir an.

Einige Meerkatzen sorgten für Lärm und Bewegung, als ich in den gemütlichen Speisesaal mit der angegliederten Veranda trat. Die Tiere hatten es auf die großen Obstplatten und die Zuckerdosen abgesehen, von denen sie geschickt die Deckel abnahmen und hineingriffen – sehr zur Erheiterung der Gäste und zum Ärger des Personals.

Ein Ober schlug mit einem Handtuch nach den Tieren, die verärgert danach griffen und ihre kräftigen Gebisse entblößten, bevor sie unter Gezeter in die angrenzenden Baumwipfel sprangen. Eine frische Brise wehte durch den Raum, es roch nach Meer und feuchter Erde, weil Rasen und Blumen künstlich bewässert wurden.

Nach dem Frühstück wartete ich auf Lpetati, ich erwartete ihn mit allen Sinnen. Ich erwartete den Mann, der mich und den ich noch gar nicht richtig kannte und der mich unbedingt heiraten wollte, jedoch nicht als Zweitfrau. Was für ein abenteuerlicher Gedanke, einen Samburu-Krieger zu heiraten – wollte ich das denn überhaupt? Wollte ich es wirklich? Ich? Einen afrikanischen Krieger?

Wie würde wohl so eine Hochzeit aussehen bei einem Volk, das so sehr mit seinen Traditionen lebte? Wie würde ich da hineinpassen? Würde man mich überhaupt akzeptieren? Meine Fantasie entführte mich als Samburu-Frau in den Busch, und für Minuten machte ich dort in meinen unrealistischen Gedanken eine gute Figur, erfasste jedoch gleich danach mein Tun und meine Unwissenheit und kam schnell wieder in die Wirklichkeit zurück. Ein seltsames Verlangen aber blieb, es nagte ganz vorsichtig in mir, verführte mich immer wieder dazu, mich mit Lpetatis Geständnis zu beschäftigen.

Als ich in die Halle kam, leuchtete mir sein rotes Hüfttuch vom Eingang entgegen. Lpetati selbst hob sich wegen seiner dunklen Hautfarbe nur wenig vom Schatten des Hotelgebäudes ab. Ich beobachtete ihn eine Zeit lang, wie er geduldig wartete, gelassen, in graziöser Haltung, und wurde beim Betrachten dieses schönen, exotischen Mannes immer fahriger, bis mir vor Aufregung fast schlecht war. Mein Hals schnürte sich zusammen, ebenso meine Brust, und der Puls beschleunigte sich erheblich.

Da Lpetati nicht hersah, huschte ich zum Fahrstuhl und verharrte vor der Tür ein wenig. Ich zählte bis fünfzig, erst schnell, dann noch einmal langsam, und ging wieder ins Zimmer. Warum benahm ich mich nur so kindisch? Ahnte ich, dass mit diesem Wiedersehen eine Entscheidung fallen würde, nach der es kein Zurück mehr gäbe? Hatte ich Angst vor diesem großen, alles verändernden Schritt? Spürte ich die Tragweite meines Vorhabens, nämlich Lpetati wiederzusehen, eher noch, ihm sehr bewusst zu begegnen, und spürte ich das Besondere, das seit dem vergangenen Tag um uns war – vielleicht immer schon gewesen war?

Wenn ich jetzt auf ihn zuginge, würde etwas Unabsehbares beginnen, etwas, das unabdingbar und ausschließlich mit Lpetati und mir zu tun hätte.

Und dann rannte ich in die Halle, an deren Ende Lpetati auf mich wartete. Er richtete sich auf, begrüßte mich mit strahlendem Gesicht, in seinen dunklen Augen lagen Wärme und Zärtlichkeit. Seine Erscheinung fesselte mich erneut, seine Nähe betörte alle Empfindungen in mir. Willenlos überließ ich ihm meine Hand.

»Wir könnten an der Strandseite etwas trinken. Unakubali, bist du einverstanden?«, hörte ich mich, wie von weit her, sagen.

Meine Stimme gehorchte mir kaum.

»Sana, ahsante, sehr, danke«, sagte er mit einem Nicken und ließ die Augen nicht von mir.

Wir durchschritten die ungewöhnlich hohe, angenehm kühle Hotelhalle und standen kurz darauf im gleißenden Sonnenlicht. Unter dem luftigen Makuti-Dach der kleinen Poolbar tranken wir Ingwerlimonade.

»Ich bin sehr glücklich, denn du sagst Ja zu mir. Ich sehe es. Du sollst meine Frau werden und nur für mich sein. Ich werde dich heiraten.«

»Ich … ich glaube, ich bin älter als du«, stotterte ich verwirrt, ärgerte mich aber im selben Moment über meine Worte und darüber, wie ich es gesagt hatte.

Er ignorierte meinen Einwand. »Ich will dich, wewe tu. Nakutaka wewe, nakupenda sana. Kitu kingine si muhimu. Ich will nur dich, ich liebe dich sehr, alles andere ist nicht wichtig.«

Mein Kopf war völlig leer, ich wäre gern vom Barhocker in irgendeine Erdspalte gerutscht, um unsichtbar zu sein.

Da fühlte ich Lpetatis kühle Hand auf meinem Arm. »Ich will dich«, wiederholte er, »ich will dich so sehr, dass es in mir wehtut. So etwas habe ich noch nie gehabt. Ich weiß nicht, was du mit mir gemacht hast. Aber ich weiß, dass ich dich heiraten muss. Du wirst Lekaitik vergessen, weil ich da sein werde.«

Ich begann, seine Hand, die immer noch auf meinem Arm ruhte, zu streicheln, zuerst noch unsicher und zaghaft, dann fordernder. Plötzlich wollte ich immer mehr von ihm streicheln, mehr von dieser schönen, glatten braunen Haut berühren und spüren. Ich verstand überhaupt nichts mehr, konnte mich nur mit großer Mühe beherrschen und an der Bar sitzen bleiben. Meine Verwirrung wuchs, denn da gab es etwas in mir, das ich nicht zu steuern vermochte.

»Ich will dir nahe sein«, hörte ich Lpetati ganz dicht neben mir sagen, und ich sah in dunkle Augen mit langen Wimpern. »Ich will dir ganz nahe sein, so nah, wie es nicht näher geht – heute Nacht. Wenn du das auch willst, warte heute Abend auf mich!«

Damit drückte er noch einmal meinen Arm und machte Anstalten zu gehen. Wie in Trance folgte ich ihm. Kurz vor dem Ausgang stellte er sich in Positur, lachte und drehte sich langsam vor mir um die eigene Achse. »Kannst du zu dem, was du siehst, Nein sagen?«

Er war sich seiner Wirkung sehr bewusst und ziemlich von sich eingenommen – oder aber nur ehrlich und völlig frei von falscher Bescheidenheit.

Wie benommen und mit dem Gefühl, überrumpelt worden zu sein, ging ich zurück in die Hotelhalle. Ich betrachtete die Auslagen der kleinen Boutique, ohne jedoch etwas wahrzunehmen, lief den Strand entlang, aufgeregt, glücklich. Der Nachmittag schleppte sich dahin, während der Gezeitenwechsel ständig neue Farben auf Meer und Strand malte. Ich schwamm weit hinaus, saß später im Schatten hoher Palmen, war unruhig und voller innerer Spannung. Immer wieder sah ich auf die Uhr, ertappte mich dabei, dass ich den Abend herbeisehnte und gleichzeitig hinausschieben wollte.

Irgendwann wurde mir bewusst, dass Lpetati, wenn auch hübsch umschrieben, die Absicht geäußert hatte, mit mir schlafen zu wollen. Als ich das richtig begriff, wurde mir brennend heiß, ich fühlte, wie ich rot wurde, und wagte kaum, mir vorzustellen, wie es wäre, wenn ich ihn am Abend treffen und mit ihm allein sein würde. Meine Unruhe wuchs ins Unermessliche. Wie hatte es Lpetati so treffend formuliert? »Ich will dich so sehr, dass es in mir wehtut.«

Ja, es tat weh. Es tat auf einmal sehr weh. Es war ein Schmerz, der sich gar nicht lokalisieren ließ, der sich ausbreitete und alle anderen Gefühle verschlang. Da war nur noch diese eine Sehnsucht, der innige Wunsch nach Erfüllung.

Die Palmen im Wind, mein Liebling,

sie rascheln so hart.

Ich spür deinen Blick, mein Liebling,

deine Hände, so zart.

Ich hab etwas Angst, mein Liebling,

vor dem Tag, vor der Nacht,

vor den Stimmen im Dunkeln, mein Liebling,

vor dem Tag, der erwacht.

Ich bin deine Frau, mein Liebling,

für den Traum, für die Zeit,

für den Lauf der Gestirne, mein Liebling,

eine Ewigkeit.

Es wurde die Nacht. Eine Nacht zwischen Himmel und Erde, eine Nacht zwischen Frangipaniduft und Bougainvilleablüten, eine Nacht zwischen dem Silberlicht des Mondes und seiner Schatten, eine Nacht voller süßer, fremder Worte, eine Nacht voller neuer Zärtlichkeiten, voller geflüsterter Geständnisse und Versprechungen, eine Nacht voller Glückseligkeit.

Auch das gleißende Licht des neuen Tages schmälerte die nächtlich gewonnenen Empfindungen nicht. »Meine liebe Frau«, nannte mich Lpetati, und ich hatte nicht mehr gewusst, wie zärtlich das klingen konnte, besonders in einer fremden Sprache.

Während ich träumend und zufrieden neben ihm lag, stieß er mich sehr vorsichtig in die Seite. »Nun sag schon ›mein lieber Mann‹ zu mir!«, forderte er mich auf. Seine Wärme und Fröhlichkeit machten es sehr leicht, ihn lieb zu haben.

An diesem Morgen blieb mir nicht viel Zeit, über die Konsequenzen der vergangenen Nacht nachzudenken. Ich wusste nur: Das Leben ist schön! Lpetati hatte es mir deutlich genug gezeigt, und nichts würde nun mehr sein wie vorher.

»Komm mit nach Maralal«, bat er. »Ich möchte, dass du meine Familie kennen lernst und sie dich. Zwei meiner Brüder sind in Mtwapa. Du kannst sie heute oder morgen sehen, wenn du willst.«

»Wann gehst du nach Hause?«

»Nicht ich allein. Du sollst mitkommen. Von mir aus sofort, heute noch, heute Abend.«

»Ich erwarte meine Kinder. Ich weiß gar nicht, ob du weißt, dass ich zwei Söhne habe. Sie sind schon ziemlich groß.«

»Ich weiß es. Lekaitik hat davon gesprochen. Und Mutter zu sein, ist etwas Gutes. Ich würde sie gerne treffen, wenn es geht. Es werden schöne Söhne sein – wie du.«

»Vielleicht siehst du sie ja. Sie werden ebenfalls hier im Hotel wohnen, aber wir gehen auch auf Safari.«

Er holte tief Luft. »Und wann kommst du mit mir nach Maralal? Es ist wichtig, dass meine Familie dich kennen lernt und dass du mein Dorf siehst. Wann können wir gehen?«

»Wenn ich das nächste Mal nach Kenia komme.«

Er war enttäuscht. »Wann ist das? Wann kommst du wieder?«

»Vielleicht im Januar, so schnell wie möglich.«

Plötzlich schmerzte es mich, Lpetati verlassen zu müssen, Kenia verlassen zu müssen.

Es hatte sich in nur einer Nacht so viel getan und verändert. Ich begriff es noch gar nicht richtig. Da war ich nun nach Afrika gekommen, um Urlaub zu machen und mit meinem Freund Lekaitik seine Familie und sein Dorf in Nordkenia zu besuchen. Ich hatte mich sehr auf diese Reise gefreut und mir viel davon versprochen, auch eine Vertiefung unserer Beziehung. Dann aber hatte ich lernen müssen, mit einer unvorhergesehenen Wahrheit umzugehen, und ich hatte mit der Trennung von Lekaitik eine Entscheidung getroffen, die ich am liebsten gar nicht getroffen hätte.

Noch während ich wegen Lekaitik völlig niedergeschlagen und auf der Suche nach meinem neuen Selbst war, tauchte der strahlende Lpetati auf, der mir seine Liebe gestand und gab und der mich unbedingt heiraten wollte. Mit ihm verbrachte ich kurz darauf wie selbstverständlich eine Nacht, die mich vollständig umkrempelte.

So gesehen war es ein ungeheuerlicher Urlaub!

»In Malindi habe ich dich das erste Mal gesehen«, sagte Lpetati bedeutungsvoll und riss mich aus meinen Gedanken. »Da hat es einen Ruck hier drin gegeben.« Er zeigte auf sein Herz. »Du hattest nur Augen für Lekaitik, und ich musste sein Anrecht auf dich respektieren. Aber ich habe oft versucht, mit dir ins Gespräch zu kommen. Hast du es nicht gemerkt? Ich habe mich zu denselben Tanzveranstaltungen in den Hotels eingetragen wie Lekaitik, nur um dich zu sehen. Überall, wo ihr wart, war auch ich: in Kilifi, in Watamu, in Malindi, in Mombasa, überall. Ich habe sofort gewusst, dass du für mich gemacht bist. Bei Gott, ich habe Lekaitik verwünscht und beneidet. Aber ich konnte ihn als meinen Bruder nicht bloßstellen.«

»Als deinen Bruder?«

»Ja. Er ist ein korroro, wie ich. Fast alle Krieger, die zurzeit in Mtwapa wohnen, sind korroro und in meiner Altersgruppe.«

»Korroro? Was ist das?«

»Der Name für meine Kriegergeneration. Nach einem bestimmten Zeitraum werden neue Krieger geweiht. Das sind immer recht viele, und jede neue Kriegergruppe erhält einen Namen. Ich gehöre zu den korroro, und alle Krieger, die zur selben Zeit wie ich geweiht worden sind, sind auch korroro und dadurch meine Brüder. Ich kann dir das alles erklären, wenn wir zu Hause sind, falls es dich interessiert.«

»Mich interessiert alles von dir, von euch. Ich möchte viel darüber wissen. Wie ist das eigentlich mit der Altersgruppe?«

Ich konnte Lpetatis Alter, wie schon bei Lekaitik, kaum einschätzen und war neugierig. Sie mussten beide mindestens sieben oder acht, wenn nicht gar zehn Jahre jünger sein als ich.

»Eine Kriegergeneration geht normalerweise über fünfzehn Jahre. Zu Beginn dieser fünfzehn Jahre, aber auch noch später, werden neue Krieger geweiht, die alle zu einer Altersgruppe gehören. Dann gibt es wieder verschiedene Stufen, die die moran, die Krieger, durch besondere Zeremonien erreichen. Es kann also einer noch junger Krieger sein oder schon ein Junior-Ältester und doch immer noch zu einer Generation zählen. Da gibt es noch Untergruppen.«

Lpetati hatte voller Stolz und Emotion über das Thema gesprochen, und ich hatte wahrlich Mühe, seinen Ausführungen zu folgen. Da tat sich eine völlig fremde Welt auf, angesichts derer die Altersfrage überhaupt nicht mehr wichtig war. Mich interessierte jetzt mehr das faszinierende Leben dieses Samburu-Mannes.

»Ich habe mit Lekaitik gesprochen«, sagte Lpetati nach einer Pause, »weil ich wusste, dass seine Hochzeit bevorstand. Ich habe ihm gesagt, dass er vorher mit dir darüber reden muss. Er meinte, du würdest das schon verstehen, aber das hast du nicht. Ich will nur dich heiraten und keine andere Frau.«

Ich küsste seine Schulter, die er gegen mich drückte. »Was wird deine Familie dazu sagen, sie weiß doch gar nichts von mir? Kannst du mich einfach so mitnehmen und verkünden, dass du mich heiraten willst?«

»Nicht ganz. Meine Familie soll dich kennen lernen. Sie werden dich lieben, das weiß ich. Danach werde ich mit meinen Eltern und Großeltern sprechen, mit dem Zeremonienmeister, dem l’oiboni, und den Ältesten. Sie müssen der Hochzeit mit dir zustimmen.«

»Und du glaubst wirklich, sie werden das tun?«

»Wenn Ngai, unser Gott, das will, werden sie es tun.«

»Wie heiratet man bei euch?«

»Nach alter Tradition, mit vielen verschiedenen Zeremonien. Wir werden noch darüber sprechen. Vielleicht müssen wir auch einiges ein bisschen anders machen mit dir. Es ist anders, als wenn ich eine Samburu heiraten würde. Natürlich sind deine Eltern wichtig. Und … du wirst wohl teuer sein.«

»Wie? Teuer?«

»Deine Eltern wollen sicher viele Geschenke für dich. Kühe und Ziegen und Schafe.«

»Meine Mutter lebt nicht mehr. Und wie viele Kühe und andere Geschenke mein Vater für mich will, weiß ich noch nicht«, ging ich auf das Gespräch ein. Es amüsierte mich eher, und ich wusste noch nichts von der Wichtigkeit, die dieses Thema für Lpetati darstellte.

»Was ist noch anders?«, wollte ich wissen.

Er wand sich ein wenig.

»Was ist?«

»Nun, du warst schon verheiratet und bist trotzdem nicht beschnitten. Ich habe es bemerkt.«

»Beschnitten? Wo denn beschnitten? Was meinst du überhaupt?«, fragte ich ahnungslos. (In den achtziger Jahren war in Europa kaum etwas über die Beschneidung von Mädchen bekannt, und ich konnte mir keinen Reim darauf machen.)

»Das weißt du nicht?«

»Nein.« Mir wurde unbehaglich, und auf einmal stellte sich ein dumpfes Angstgefühl ein.

»Na, hier«, sagte Lpetati und fasste sich zwischen die Beine.

Ich blickte ihn verständnislos an. »Wie denn? Bei mir? Bei einer Frau?«

Natürlich hatte ich festgestellt, dass Lpetati beschnitten war, und ich hatte von Beschneidungen der Männer gehört. Was aber sollte eine Beschneidung bei einer Frau bewirken? Ich war sicher, dass es da nichts gab, das man hätte ändern müssen. Irgendwie wurde mir unsere Unterhaltung unheimlich, und einmal mehr spürte ich den dunklen Hauch Afrikas, spürte die geheimnisvolle, unbekannte Welt um mich, im Augenblick verkörpert durch den schönen Krieger eines stolzen Stammes, der nackt und braun neben mir lag und in einer fremden Sprache fremde Dinge sagte.

»Was wird denn bei der Beschneidung von Mädchen gemacht?«, fragte ich, beunruhigt und verunsichert zugleich.

Lpetati machte eine streichende Handbewegung. »Da schneidet man etwas weg. Und dann ist ein Mädchen eine Frau und darf geheiratet werden.«

Ich verlor fast die Beherrschung. »Aber was denn wegschneiden?«

Er sah mich kurz an, dann auf meine Schenkel und schließlich an die Decke. »Was bei dir etwas übersteht.«

»Oh Gott, nein. Warum denn nur?« Mir wurde schlecht. Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte.

»Desturi, Sitte«, gab Lpetati lapidar zurück.

Irritiert blickte ich an mir herunter. »Ich … ich würde nie zulassen, dass man an mir herumschneidet, schon gar nicht da! Niemals! Das ist doch absurd!« Ich regte mich entsetzlich auf.

Lpetati betrachtete mich, wie mir schien, ein wenig abschätzend und mit ernstem Gesicht. »Das muss auch nicht sein. Ich weiß, wie du bist, und mich stört es nicht.«

»Na, danke!«

»Nein, ol tau, es ist schön, wie du bist. Für mich ist es sehr schön.« Er lächelte wieder. »Aber vielleicht nicht für meine Familie. Hab keine Angst, ich mache das. Wir werden einfach sagen, dass du beschnitten bist. Jeder wird es glauben, wenn sie erfahren, dass du schon verheiratet warst. Und dass du zwei Kinder hast, wird ihnen gefallen. Genau so machen wir es.«

Mir gefiel das ganz und gar nicht. »Deine Familie soll ruhig wissen, dass ich nicht beschnitten bin. Du kannst ihnen sagen, dass man das in meinem Land nicht tut. Oder würdest du dann Schwierigkeiten bekommen?«

»Das weiß ich nicht. Die Beschneidung ist eine der wichtigsten Zeremonien. Und Zeremonien müssen eingehalten werden.«

»Dann heiraten wir wohl besser nicht?«

Lpetati setzte sich erschrocken auf. »Ich heirate dich, e sanja ai, wir werden heiraten. Ich werde mit meinen Eltern sprechen und mit den Ältesten. Wenn sie dich erst kennen lernen und wissen, dass ich dich zur Frau möchte, werden sie ihre Erlaubnis dazu geben. Deshalb möchte ich auch, dass wir so schnell wie möglich nach Maralal gehen, deshalb ist es so wichtig, mpenzi, Liebling. Ich will nur eines: dass du meine Frau wirst.«

Ein seelenvoller, dunkler Blick umfing mich, dann legte Lpetati sich wieder neben mich. Über sein Gesicht huschte ein verschämtes Lächeln. »Weißt du, ich habe in dieser Nacht das erste Mal mit einer unbeschnittenen weißen Frau geschlafen. Ich wusste nicht, wie es sein wird, aber jetzt weiß ich, dass es sehr schön ist. Ich möchte es immer so haben. Und du sollst diese schönen Sachen mit mir machen. Woher weißt du so was?«

»Das ist einfach Liebe. Ich möchte, dass du glücklich bist mit mir.«

Lpetati war, wie ich unschwer feststellen konnte, in Liebesdingen ein unerfahrener, wenn auch sehr gefühlvoller Mann. Auf manche Liebkosungen hatte er überrascht reagiert, fast ungläubig, oder auch gar nicht, um sie dann aber mutig zu erwidern. Er war dabei liebevoll vorgegangen, ganz und gar nicht dominant, und im Gegensatz zu seinem kriegerischen Äußeren war er ein wohltuend zärtlicher Liebhaber, der mir Wärme und scheue, von seinem Instinkt eingegebene Berührungen geschenkt hatte.

Entdeckerfreude und beiderseitige tiefe Zufriedenheit hatten unsere erste gemeinsame Nacht zu einem einmaligen Erlebnis gemacht. Wir brauchten uns gegenseitig nichts zu beweisen, nichts zu verhehlen, nichts zu beschönigen. Wir brauchten nur wir selbst zu sein, um in ein wogendes Meer von Wohlgefühl eintauchen zu können.

Lpetati tat mir einfach gut. Das inzwischen starke Gefühl für ihn wuchs ständig, je mehr ich mich mit seiner Person beschäftigte. Dennoch dachte ich mit gemischten Empfindungen daran, was alles bei einer Hochzeit mit ihm auf mich, auf uns zukommen könnte.

Ich wusste, dass es Konflikte in unserem Miteinander geben würde. Sie waren vorprogrammiert bei zwei Menschen, die aus völlig verschiedenen Lebensbereichen und Kulturkreisen stammten, allein durch die mannigfaltigen Unterschiede, die sich durchaus auch positiv auswirken konnten. Es würde ganz bei uns liegen. Wir hätten beide genug damit zu tun, störende Unterschiede zu überbrücken, akzeptable Kompromisse zu suchen, wenn die Kluft zwischen unseren Ansichten und Empfindungen zu groß werden sollte. Da lag ein komplexes Feld vor uns, auf dem tiefe Gefühle wuchsen, aber auch Unwissenheit, Unverständnis und Befremden keimten, ein großes, unbearbeitetes Feld, ein weitgehend unbekanntes Gebiet.

Ob mein schöner Krieger wirklich wusste, worauf er sich mit mir einließ? Würde er mich – bei ersten auftretenden Unstimmigkeiten – immer noch so heftig wollen, wie er vorgab?

Den wichtigsten Beitrag zur Verständigung hatte ich schon vorab geleistet, indem ich dank Lekaitik die Landessprache gelernt hatte. So konnten Lpetati und ich uns über alles unterhalten, obwohl Kisuaheli auch für ihn eine Fremdsprache war, die er erst als älterer Junge in sehr unregelmäßig besuchten Schulstunden erlernt und an der Küste vervollkommnet hatte. Lpetatis Muttersprache war das Kisamburu, das auf dem Maa der Massai basierte und fast damit identisch war, aber im Laufe der Zeit doch viele eigene Ausdrücke entwickelt hatte. Beide zählen zu den kuschitischen Sprachen, gebildet aus dem Hamitischen der oberen Nilvölker, und sind reine Lautsprachen. Es gibt sie – bis auf einige Anleitungen für Missionare und Entwicklungshelfer – nicht geschrieben, und sie werden auch nicht einheitlich ausgesprochen.

Zwischen uns gab es jedenfalls keine Sprachbarriere, und darauf kam es an.

»Es ist schön, dass wir miteinander reden können. Sprechen mehrere Leute in deiner Familie Kisuaheli?«

»Ja, du wirst mit vielen von ihnen reden können. Sie werden sich freuen.«

»Und du meinst tatsächlich, dass deine Leute mit mir einverstanden sind, mit einer unbeschnittenen Ausländerin?«

»Es kann sein, dass ich viel reden muss. Weißt du, es gibt in Maralal Freundschaften von Kriegern mit europäischen Frauen, auch Ehen. Das hast du sicher auch in Mtwapa gesehen. Dabei geben die wazungu immer viel Geld, das ist natürlich gut, und deshalb sagen auch viele Krieger nicht Nein, wenn sie zu ihrer Samburu-Frau noch eine weiße Frau haben können. Aber mit den wazungu gibt es oft Ärger. Die sind so anders. Und mit vielen dauert eine Verbindung nicht lange, weil keiner dabei glücklich ist. Die wazungu wissen nicht, wie wir leben, was bei uns richtig oder falsch ist, was man machen muss. Sie wissen nichts von den Samburu, nichts von unserer Kultur und können auch nicht mit uns reden, außer auf Englisch, und sie wollen Dinge, die für uns gar nicht gut sind. Vielleicht sagt meine Familie, dass sie so was nicht will. Aber mit uns wird es gut, ich weiß es. Das kann ich fühlen. Früher gab es so etwas nicht. Samburu haben nur Samburu geheiratet oder höchstens Massai.«

»Dann ist die Angelegenheit also nicht einfach für dich. Wir müssen wohl sehr stark sein und zusammenhalten.«

»Ich werde stark sein wie ein Löwe.«

»Und du wirst ein besonderer Löwe sein, mein Löwe, mein simba

Lpetati fühlte sich geschmeichelt.

Mein Magen knurrte laut, und wir lachten. Lange hatten wir nebeneinander gelegen und erzählt, was ich als gutes Zeichen deutete. Das Frühstück hatten wir darüber ganz vergessen. In der kleinen Lodge, in der wir am vergangenen Abend auf der Suche nach einer Bleibe für uns gelandet waren und auf deren blütenumrankten Terrasse wir genächtigt und uns geliebt hatten, gab es keine Bewirtung.

»Wir könnten zu mir ins Hotel fahren und zusammen frühstücken, wenn du magst. Die Zeit reicht gerade noch.«

Lpetati war sofort einverstanden. So duschten wir zusammen, und nach einigen neugierigen Blicken sah er an die Decke und seifte sich fast andächtig mit erhobenem Gesicht ein.

Nach dem Abtrocknen dauerte es ein wenig, bis er seinen Kriegerschmuck angelegt hatte.

Interessiert beobachtete er, wie ich Eyeliner und Lippenstift benutzte, und bat darum, mir die langen Haare kämmen zu dürfen, für die er voller Bewunderung war.

Schon an der Tür, hielt er mich zurück. »Ngoja, warte.« Er nahm seine breite Kette ab, die eng und hoch am Hals getragen wurde und die ihn mit ihren gelben, roten, schwarzen und weißen Perlen als Krieger kennzeichnete. »Nimm die Haare hoch«, sagte er und legte mir seine Kette um, die gerade ein wenig seine Körperwärme angenommen hatte. »Es ist das wichtigste Teil von meinem Kriegerschmuck. Du sollst sie tragen, weil du mir wichtig bist. Das sollst du wissen und nie vergessen, dass ich jetzt dein Mann bin.«

Gerührt stand ich vor ihm, fühlte seine Hände, die im Nacken Bänder verknoteten, und dann spürte ich ganz deutlich, dass dieses Geschenk ein stummes Versprechen besiegelte. Nun trug ich zwei Ketten von ihm, beides bedeutungsvolle Symbole.

»Nketok«, sagte er das erste Mal zu mir, »nketok ai.«

»Was heißt das?«

»Meine Frau.«

»Und wie sage ich zu dir in deiner Sprache?«

»Lpayan, lpayan lai.«

Im Neptun Beach war man Lpetati gegenüber sehr freundlich. Nach kurzer Information konnten wir zusammen in den Speisesaal. Die Meerkatzen lagen wieder auf der Lauer, und Lpetati brach bei ihren Streichen mehrmals in schallendes Gelächter aus.

Erwartungsvoll stand er mit mir am Büfett. Das meiste von dem, was er sich auf den Teller tat, hatte er, wie er mir leise gestand, noch nie gesehen, geschweige denn gegessen.

»Ich nehme alles, was du nimmst und was schön aussieht«, sagte er.

Das reichhaltige Frühstück war ein ganz besonderes Vergnügen für uns beide, und für mich kam die Befriedigung dazu, dass ich nicht verleugnen musste, wie Lpetati und ich zueinander standen. Es war ein gutes Gefühl, mit meinem »Mann in spe« in einem renommierten Hotel unbehelligt sitzen zu können.

Die Morgensonne beschien Lpetatis Gesicht, während er den ersten Schnittkäse seines Lebens testete und gleich darauf eine Salamischeibe. Hinter ihm tanzten die Zweige der hohen Mangobäume im Wind, und es roch sehr würzig nach dem Indischen Ozean, der nur einige Meter von unserem Tisch entfernt war. Ich schwelgte in wilden, schönen Gedanken.

»Ich kann alles noch gar nicht so richtig begreifen, das mit uns«, sagte ich.

Aus dunklen Augen, groß und ein wenig mandelförmig, sah Lpetati mich über den Rand der weißen Kaffeetasse an. »Es sollte alles so kommen – ganz einfach. Das ist unsere Bestimmung. In Afrika glauben wir daran, dass alles über uns schon geschrieben steht. Niemand entkommt dem. Wir tun alle nur, was wir tun müssen, damit das Geschriebene wahr wird. Alles, was wir tun, ist vorherbestimmt.«

Ich dachte einen Moment darüber nach und fand, dass diese Vorstellung recht bequem sein konnte: tröstend in Krisenzeiten, versöhnlich bei begangenen Fehlern, bestärkend bei Dingen, die gut oder auch weniger gut liefen – schließlich war es so gewollt.

Es lebte sich jedenfalls ruhiger mit dieser Vorstellung, und vielleicht machte genau das einen Großteil dieser einmaligen und herrlichen Gelassenheit so vieler Afrikaner aus, die ich bewunderte. Die Gewissheit, dass alles längst geschrieben stand, enthob die Menschen davon, sich in irgendwelche Richtungen auf ein Ziel hin »abzustrampeln«. Vielleicht war das auch eine Erklärung für die afrikanische Mentalität.

Ich freute mich, so nebenbei recht viel von exotischer Lebensart zu hören und zu lernen. Was würde da noch alles auf mich zukommen! Zwischendurch war ich geradezu aufgeregt bei all den Gesprächen, in denen deutlich wurde, wie unterschiedlich unsere Welten waren. Und längst akzeptierte ich meine so schnell und heftig entflammte Liebe zu Lpetati ohne jegliche Einschränkung.

Nach dem Tod meines Mannes hatten große Gefühle lange Zeit keine Bedeutung für mich gehabt – auf einen Mann bezogen. Mit meinen Söhnen, der übrigen Familie und meinem Arbeitsplatz bei einer großen Zeitung war ich dennoch glücklich gewesen, und meine vielen Hobbys hatten für genügend Ausgleich gesorgt. Dann hatten die Afrika-Reisen begonnen. In Kenia war Lekaitik in mein Leben getreten und hatte neue Empfindungen und Wünsche in mir geweckt. Und nun war ich durch und mit Lpetati in einen Taumel von Glück und Seligkeit geraten.

Während wir nach dem Frühstück noch dasaßen, bewunderte Lpetati meine Armbanduhr.

»Die ist sehr schön. Ich habe noch nie eine Uhr besessen, aber ich kann die Zeit ablesen. Bei uns zu Hause braucht man keine Uhr, da geht nichts nach Stunden. Uns reicht die Sonne. Und auch der Mond. Zeit ist überhaupt nicht wichtig bei uns, nicht so, wie hier in Mombasa. Niemand arbeitet nach der Uhr, man braucht sie nicht.«

Auch das hatte ich nicht gewusst. »Möchtest du denn so eine Uhr haben? Soll ich dir eine mitbringen, wenn ich aus Deutschland wiederkomme? Wann hast du denn Geburtstag?«

»Das weiß ich nicht. Ich kann dir auch nicht genau sagen, wie alt ich bin. Neunundzwanzig, glaube ich. Ist das wichtig?«

»Nein.«

Ich erinnerte mich an ein Gespräch mit Simon. Lekaitiks Freund hatte mir einmal erklärt, dass es in Kenia nicht üblich sei, Geburten und Sterbefälle amtlich registrieren zu lassen. Im Grunde genommen kannte man nicht einmal annähernd die genaue Bevölkerungszahl. So war es auch unmöglich, ein soziales Netz aufzubauen, falls die Regierung das überhaupt je im Sinn haben sollte, Steuern einzuführen, ausreichend und gezielt bei staatlichen Einrichtungen zu planen oder etwa schulpflichtige Kinder zu erfassen, ebenso wenig Arbeitslose, Wahlberechtigte, oder festzustellen, wie viele Mitglieder zu den einzelnen, über vierzig verschiedenen Stämmen gehörten.

Immer wieder faszinierten mich die vielen interessanten und unglaublichen Dinge, die über dieses wunderschöne Land zu erfahren waren und über seine Menschen. Vielleicht würde ich auch Lpetati nie ganz ergründen können, aber ich wollte mich sehr bemühen, ihn und seine Welt verstehen zu lernen. Er war eine schicksalhafte Begegnung für mich, und ich wusste, dass auch ich eine solche für ihn war. Ich zweifelte weder an seiner Aufrichtigkeit noch an seinen Gefühlen für mich, denn all die kleine Gesten und Zärtlichkeiten verrieten ihn immer wieder. Manchmal legte er selbst seinen Stolz ab und ergab sich mir.

Und ich wusste inzwischen: Der Stolz afrikanischer Männer war viel ausgeprägter als der ihrer Geschlechtsgenossen in Europa. In den meisten Stämmen Kenias wurden schon kleine Jungen zu einem ganz anderen Verhältnis Frauen gegenüber erzogen als etwa in Deutschland. Ihr Dasein war sozusagen auf höherer Warte angesiedelt, was auch das Devote im Verhalten vieler kenianischer Frauen erklärte. Dabei besaßen gerade die Frauen eine besondere Stärke, Tatkraft und Begabung, einen auch trostlosen Alltag meistern zu können. Ohne diese starken Frauen liefe in ganz Afrika nichts.

Am Wochenende standen Massai-Tänze auf dem Unterhaltungsprogramm des Hotels. Eine Gruppe von schlanken Samburu-Kriegern in roten Tüchern, unter ihnen Lpetati und Lekaitik, erschien auf der Hotelterrasse. Die Gesänge mit unnatürlich hohen und dann tiefen, gutturalen Stimmen, das abgehackte laute Ausstoßen des Atems bei manchen Liedern und die leichtfüßigen Schritte, die graziösen Bewegungen faszinierten mich diesmal besonders. Nach der Darbietung kamen Lpetati und Lekaitik an meinen Tisch.

Es war mir eine Genugtuung und in gewisser Weise auch erregend, meinen lieben Freund aus den Tagen in Watamu und meinen zukünftigen Mann nebeneinander zu sehen, nicht gerade einträchtig, aber doch nach außen hin freundlich.

»Hast du gehört, was Lpetati und ich beschlossen haben?«, fragte ich Lekaitik, auch wenn es mich Überwindung kostete.

»Ja«, sagte er einfach, und nach einer Pause und sehr leise: »Ich bin überrascht und sehr traurig darüber.«

Ich sah in seine dunklen Augen, die mich so oft verfolgt hatten, die so lange Zeit der Inbegriff Afrikas für mich gewesen waren und denen ich mich gewaltsam und schmerzhaft entzogen hatte, weil es sein musste.

»Ich habe dich gern, sehr gern. Du weißt es, und Lpetati darf es auch wissen. Deine Freundschaft bedeutet mir viel. Aber ich kann nur einen Mann heiraten, der noch nicht verheiratet ist.«

Lpetatis Stirnrunzeln vertrieb ich mit einem festen Händedruck.

Meine Söhne treffen ein

Am nächsten Morgen war ich früh wach und drückte mich aufgeregt am Hoteleingang herum. Endlich kam der Bus, der die Gäste vom Flughafen brachte. Meine Söhne stiegen aus, einer blond, der andere brünett, in einem lila Kapuzenshirt und einem blauen Sweatshirt, in farbenfrohen Bermudas und bunten Sportstiefeln – mit einer riesigen blau gemusterten Reisetasche. Alles an ihnen war fröhlich, wie ihr Lachen.

Ich war selig, dass meine Kinder, die Kenia fast so sehr mochten wie ich, mir hatten nachreisen können, und freute mich auf schöne, unbeschwerte Ferientage. Besonders die dreitägige Safari, ein Erlebnis ganz besonderer Art, sollte für uns unvergesslich bleiben.

Für Lpetati – meinen Kindern gegenüber hatte ich ihn nur so nebenbei erwähnt – reservierte ich ebenfalls einen Tag. Schon frühmorgens tauchte er auf und frühstückte ausgiebig mit uns. Meine Söhne akzeptierten den gut gelaunten exotischen Krieger sofort und glänzten mit ihren Englischkenntnissen.

Als wir beide wieder allein waren, sprachen wir fast den ganzen Tag nur von Maralal und vom Heiraten. Lpetati schien es immer eiliger zu haben, mich seiner Familie vorstellen zu können. Mir schmeichelten sein unverhohlenes Interesse an mir, seine Begeisterung für meine Person, mein Aussehen, meine Ansichten – und eben dieser beständige Heiratswunsch. Ich muss zugeben, dass es mich sogar in höchstem Maße befriedigte.

Nachdem ich mich in den folgenden Tagen mehr und eingehender mit der Möglichkeit, einen Samburu-Krieger zu ehelichen, auseinander setzte und Lpetati seinerseits mich mit Bitten und Vorschlägen für einen Blitzbesuch bei ihm zu Hause regelrecht bombardierte, gab ich schließlich – kurz vor unserem Rückflug nach Deutschland – seinem Drängen nach. Ohne noch recht zu wissen, wie ich diesen Abstecher in den Norden Kenias zeitlich und finanziell regeln und überhaupt alles Erforderliche dafür in die Wege leiten konnte, fand ich mich in Lpetatis Begleitung in Mombasa am Fahrkartenschalter, wo wir zwei Tickets für den Malindi-Bus nach Nairobi erstanden. Glückstrahlend band sie Lpetati in einen Zipfel seines roten Wickeltuches ein.

Hätten wir nicht mitten in dem geschäftigen Treiben unter glühender Sonne auf der Abdel-Nasser Road gestanden, wären wir uns wohl um den Hals gefallen. So aber respektierten wir die kenianische, fast an Prüderie grenzende Wohlerzogenheit, die Liebesbeweise in der Öffentlichkeit nicht guthieß. Erlaubt hingegen, und daher oft demonstriert, war das Hand-in-Hand-Gehen bei Paaren – und noch häufiger bei Männern.

Schweigend, glücklich und ergeben schritt ich auf dem Rückweg neben ihm her. Mit einem Mal war mir klar, dass ich an seine Seite gehörte, und ich freute mich immer mehr auf die bevorstehende Abfahrt.

Wie schon für die Reise mit Lekaitik packte ich dieselben Sachen in den Rucksack: Leichtes für die Hitze, Wärmendes für kalte Nächte und feste Schuhe für unebene Wege. Dazu stellte ich meine Gitarre bereit, weil Lpetati mich gebeten hatte, das Instrument mitzunehmen.

Meine Söhne fanden mein Vorhaben »etwas unüberlegt« und »reichlich riskant«, und sie nahmen mir das Versprechen ab, gut auf mich aufzupassen.

Erste Reise mit Lpetati

Pünktlich am frühen Abend tauchte Lpetati am Hoteleingang auf, wie üblich in ein rotes und ein blaues Tuch gehüllt. Er hatte eine dunkle Reisetasche bei sich und trug weiße Frotteesocken mit rot-blau geringelten Bündchen – sein einziges Zugeständnis an die bevorstehende Reise.

An der Bushaltestelle in Mombasa herrschte das reinste Chaos. Es war laut und eng, und alle riefen durcheinander. Ein geistig verwirrter Mann sagte jedem mit hoher Fistelstimme »auf Wiedersehen«, ein Admiral der Heilsarmee sammelte Geld, die unzähligen Verkäufer machten lautstark auf ihre Waren aufmerksam. Der Gehweg war belagert von Reisenden und voll gestellt mit Gepäckstücken: Frauen saßen auf ausgedienten großen Autoreifen und blockierten den Durchgang, frachtfertige Jutesäcke türmten sich entlang des Bordsteins, daneben lagerten Pyramiden von Kokosnüssen und Kohlköpfen.

Kurz vor der Abfahrt, die unter wildem Gehupe stattfand, band Lpetati seine langen Haare in ein gelb-rot gemustertes Tuch, das er über der Stirn und im Nacken verknotete.

Ergeben ließen wir uns durch die Nacht rütteln. Die Fensterscheiben ratterten, hin und wieder wurden wir wegen der zahlreichen Schlaglöcher auf der Straße gegeneinander geworfen. Ich sah in den dunklen Himmel und dachte an meine zurückgelassenen Söhne. Es war irgendwie verrückt, was ich da tat, vielleicht sogar riskant, aber es schien mir das einzig Richtige und wichtig zu sein. Mein Gefühl stimmte der Reise nach Nordkenia zu, da war kein Bangen, kein Zweifeln, kein Misstrauen.

Etwa auf halber Strecke, nachts um ein Uhr, steuerte der Busfahrer eine große Raststätte an, auf der bereits etliche andere Busse und Lastwagen standen. Wir tranken Tee und suchten die unglaublich verwahrlosten Toiletten auf. Ich musste regelrecht durch einen See von Urin waten – es blieb mir nichts anderes übrig. Vor dem Schnellrestaurant saß eine blinde Frau auf der kalten, schmutzigen Erde, betätigte eine Art Rassel und sang dazu eine monotone Weise. Das grelle Neonlicht verlieh der Frau etwas Gespenstisches.

Ihr Lied berührte mich seltsam und verfolgte mich noch, als wir durch die Nacht nach Nordwesten fuhren. Inzwischen war es empfindlich kühl geworden. Ich zog meinen Pullover über und gab Lpetati die Wetterjacke. Da er auch an seinen nackten Beinen fror, kramte ich meinen pinkfarbenen Jogging-Anzug aus dem Rucksack. Als das Licht eines entgegenkommenden Autos in den Bus fiel, war Lpetati entzückt von der Farbe des Anzugs. Er lachte glücklich und fand sich wunderschön. Sein Anblick war wirklich umwerfend: halb Krieger, halb Sportler.

Noch vor Tagesanbruch erreichten wir das neblige Nairobi, warteten auf unseren Sitzen den Sonnenaufgang ab, wie es die meisten anderen Mitreisenden auch taten, weil dann die Sicherheit auf den Straßen größer war. Die Fahrgäste wagten nicht, auszusteigen, es sei denn, sie wurden abgeholt oder konnten sich ein Taxi leisten. Die Gegend, in der die Überlandbusse ankamen, galt als gefährlich. Ich hatte wahre Horrormärchen darüber gehört, von Überfällen und Diebstählen und gar davon, dass Ganoven einem die Hand abhackten, wenn man goldene Ringe trug.

Beim ersten Lichtstrahl, der verkommene Häuserfronten um uns herum in milde Farben tauchte, strebten wir achtsam dem verwahrlosten Platz zu, an dem die zahlreichen Sammeltaxis, die matatus, nach Nakuru, Kisii, Eldoret, Gilgil oder Nyahururu bereitstanden – es war wirklich ein bedrückendes, heruntergekommenes Stadtviertel.

Im fahlen Sonnenschein durchfuhren wir das Kernland der Kikuyus mit seinen fruchtbaren Feldern und Gärten, saftigen Weiden, Heckengehölzen und kleinen Wäldchen. Hier sah es eher aus wie in den Mittelgebirgen Deutschlands und nicht wie am Äquator, den wir später, kurz vor Nyahururu, überquerten. An den Straßen wurden Kohl, Karotten, Kartoffeln und Rhabarber sowie gelbe und dunkelrote Pflaumen und Orangen angeboten, außerdem helle und braune Schaffelle, alles nach Farben sortiert und kunstvoll aufgebaut. Ab und zu beantwortete Lpetati eine meiner vielen Fragen, manchmal musste er passen, und im Übrigen machte er einen recht schläfrigen Eindruck.

Über dem Rift Valley zogen dunkle Wolken auf, und Bündel von Sonnenstrahlen tauchten die ohnehin zauberhafte Szenerie in ein unwirkliches Licht. Der Naivasha- und der Nakuru-See wurden minutenlang sichtbar. Unser Fahrer legte ein enormes Tempo vor, und mir war nicht gerade behaglich dabei. Trotz des leichten Regens leuchteten die Stämme der Akazien gelb, die Blätter in zartestem Grün, und ich verspürte große Lust, diesen Wald bei Naivasha mit Lpetati zu durchstreifen. Als wir von der Schnellstraße nach Gilgil abbogen, wechselten Buschland und Gebirgszüge sich ab, mächtige Baobabs, Schirmakazien und riesige Euphorbien säumten die schmaler gewordene hügelige Straße.

Nach einigen Stunden erreichten wir Nyahururu, wo wir noch einmal umsteigen mussten. Bis jetzt hatte ich nur wenige Orte in Kenia gesehen, an denen es dermaßen laut und chaotisch war wie an dieser matatu-Endstation. Lpetati und ich drängten uns durch die Menschenmassen. Überall standen hupende Busse und matatus mit laufendem Motor, Gedudel erscholl aus unzähligen Radios und Rekordern, Verkäufer versuchten die Prediger und einen Heilsarmee-Chor zu übertönen, der ebenfalls sein Bestes gab, um gegen den Lärmpegel anzusingen. Ständig hielt uns jemand Socken, gekochte Eier, glänzende Armbanduhren, bunte Kämme, glitzernde Ketten, Scheren, Musikkassetten, Bonbons, Orangen, Kekse, Taschentücher oder Zeitungen vor die Nase und versuchte, uns mit ausschweifenden Tiraden zum Kauf zu überreden, was zu einer Zerreißprobe für meine Nerven wurde.

Als wir in dem Kleinbus nach Maralal saßen – ein altersschwaches, himmelblaues Gefährt mit rosaroten Sitzen –, fühlte ich mich wohler. Doch gut zwei Stunden mussten wir den Lärm und die Gerüche noch ertragen, bis sich der Bus endlich in Bewegung setzte. Hoffentlich würden wir unser Reiseziel Kisima noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Der Ort sagte mir nichts, denn Lpetati und alle anderen Krieger sprachen immer nur von Maralal, wenn sie ihr Zuhause meinten, das dann aber oft viele Stunden Fußmarsch entfernt irgendwo im Busch lag.

Bis Rumuruti folgten wir einer einigermaßen ebenen, asphaltierten Straße, danach ging es nur noch über eine steinige, unebene und holprige Piste mit zahlreichen Vertiefungen und Pfützen, die mitten durch eine Buschsavanne riesigen Ausmaßes führte. Ich erinnerte mich lebhaft an die Fahrt von Rumuruti nach Maralal mit Lekaitik, hoch oben auf einem wahren Ungetüm von Holzlaster, bei der wir wegen einer Reifenpanne nicht weit gekommen waren. Damals war mir der Ort seltsamerweise viel trostloser erschienen als heute, obwohl der Regen schwer in den vielen Pfefferbäumen hing, die das Zentrum des kleinen Ortes begrünten.

In Rumuruti legten die Busse eigens einen zweiten Halt ein, um den Reisenden die Gelegenheit zu geben, sich mit miraa, einem Aufputsch- und Rauschmittel, einzudecken, das hier von besonderer Qualität sein sollte, aber nicht aus dieser Region stammte. Der schwungvolle Handel damit erstaunte mich, denn gleich am Ortsausgang entdeckte ich an einer großen, mit weißen Felsblöcken markierten Einfahrt ein Schild mit der Aufschrift »The Kenya Police«. Aber vielleicht waren der miraa-Verkauf und dessen Genuss auch gar nicht strafbar, zumindest erweckte nichts diesen Anschein. Das Kauen von miraa wurde in ganz Ostafrika in aller Öffentlichkeit praktiziert. Bananenblätter, die an kleinen Kiosken und Verkaufsständen hingen, signalisierten den Eingeweihten: Hier gibt es miraa.

Während unseres Zwischenstopps schloss sich Lpetati den anderen Businsassen an und kaufte ebenfalls einige in Bananenblätter eingewickelte miraa-Bündel, nachdem er fachkundig die Schnittstellen der kleinen Zweige in Augenschein genommen hatte. Er war sehr wählerisch und verstand offenbar etwas davon. Unter miraa versteht man die jungen, saftigen Triebe des Catha-edulis-Strauches, im Orient bekannt unter dem Begriff kat.

Wenige Stunden später sah ich dem himmelblauen Kleinbus nach und die Insassen mir. Wir standen in Kisima – einem der trostlosesten Orte, die ich je gesehen hatte. Eine Hand voll flacher Häuser einfachster Bauweise, nichts Auffälliges, nichts Erfreuliches. Es gab nur einen breiten Weg – vielleicht zweihundert Meter lang, dann war Kisima auch schon zu Ende. Die regenschweren Wolken machten alles noch trister, und wegen des Matschs und der Pfützen konnten wir unsere schweren Reisetaschen und den Rucksack nicht einmal kurz absetzen.

Lpetati steuerte sofort einen der beiden Läden des Ortes an, neben denen es noch mehrere Verkaufsstellen für miraa gab. Wir erstanden für seine Familie einige Kilo Maismehl, Teeblätter, Zucker, Fett, Reis, Kautabak und Kernseife. Das meiste war nicht in der von uns gewünschten Menge vorhanden, und in Ermangelung mehrerer Tüten ließen wir uns den Reis in ein Handtuch schütten, das ich aus dem Rucksack zog, und verknoteten es sorgfältig. Lpetati erkundigte sich nach einem der zwei Autos, die es – wie er wusste – in Kisima gab. Aber eines davon war defekt, und das andere wurde »jeden Moment« aus Suguta zurückerwartet.

Wir tranken in dem Gastraum hinter dem größeren der beiden Läden chai, den vorzüglich schmeckenden kenianischen Milchtee, den es aus einer großen Thermoskanne gab und der unendlich gut tat. Wir waren müde, fühlten uns immer noch von der Fahrt über die steinige Piste durchgerüttelt und schwankten wie auf einem Schiff.

»Können wir hier nicht irgendwo bleiben? Ist es noch weit bis zu deinem Dorf?«, fragte ich.

»Es ist besser, wenn wir nach Hause gehen. Wir haben nur wenig Zeit, weil du pünktlich zurück sein musst.«

Inzwischen drängten sich immer mehr Neugierige in den Raum und betrachteten mich ungeniert. Einige Bekannte von Lpetati setzten sich zu uns an den Tisch und unterhielten sich angeregt mit ihm. Die Menschen schienen dankbar für ein bisschen Abwechslung.

Draußen wurde es dämmrig. Ein Regenschauer zog mit kurzem, monotonem Rauschen schnell vorüber. Ich wünschte, wir würden endlich weiterkommen, denn ich schlief fast im Sitzen ein. Dann hörten wir endlich ein Auto. Lpetati ging nach draußen, und ich folgte ihm. Es hatte etwas Unheimliches, ein einzelnes Auto in dieser Einsamkeit zu hören und seine umhertanzenden Scheinwerfer zu sehen. Als der Wagen anhielt, fiel der Fahrer vom Sitz. Er murmelte etwas von »Malaria«, aber ich hatte eher den Eindruck, dass er betrunken war. Lpetati versuchte, auf den Mann einzureden, doch er hatte wenig Erfolg.

Während wir ratlos herumstanden, noch immer von Neugierigen umringt, kam ein schmächtiger Junge in einem roten Anorak auf uns zu und sprach mit Lpetati. Ich sah, wie mein morani dem Knaben vier Fünfzig-Shilling-Scheine gab. Dann schleppte er Tasche, Tüten, meine Gitarre und den Rucksack aus der Gaststube und verstaute sie auf der triefend nassen Ladefläche des mit Dreckspritzern übersäten Pick-ups.

»Fährt der Mann uns nun doch?«, fragte ich verwundert.

»Er wird uns fahren«, antwortete Lpetati.

Verdutzt sah ich den Jungen an. »Er? Das ist doch ein Kind! Wie alt ist er denn überhaupt?«

»Vielleicht neun oder schon elf. Ist das wichtig? Jedenfalls kann er fahren.«

Ich wusste vor Überraschung nichts zu sagen.

»Steigen Sie ein«, sagte der Kleine mit seiner Kinderstimme.

Ich weigerte mich. »Ich werde fahren«, sagte ich dann, »ich muss mich nur eben mit dem Wagen vertraut machen.«

»Sie hat Angst«, sagte der Junge zu Lpetati, »sie braucht keine Angst zu haben.«

Widerwillig stieg ich ein. Es war inzwischen stockdunkel. Mit aufgeblendeten Scheinwerfern rumpelten wir querfeldein los, verjagten Kudus und Zebras und sogar eine Löwin – mir blieb fast das Herz stehen. Die Grasnarbe war hart, und viele dicke Horste machten das Steuern schwer.

»Wir wohnen da drüben an dem Berg, mlima ile«, erklärte Lpetati nach einer Weile. Er zeigte zur linken Seite, aber überall um uns herum waren Berge, die sich groß und schwarz kaum von dem ebenfalls dunklen Nachthimmel abhoben.

Irgendwann, nicht weit von Lpetatis Dorf entfernt, blieb der Wagen in einem Erdloch stecken. Wir halfen dem Jungen, das Auto wieder zu befreien, aber die vielen Startversuche hatten die Batterie belastet, und wir hatten kaum noch Sprit.

»Wir gehen zu Fuß weiter«, entschied Lpetati. »Gib uns fünfzig Shilling zurück.«

Der Junge kramte umständlich in seinen Hosentaschen.

»Da hast du das Geld eingesteckt«, half Lpetati und wies auf die Brusttasche der total verschmutzten Windjacke.

Widerwillig gab unser kleiner Fahrer Lpetati das verlangte Geld, der es im Scheinwerferlicht begutachtete. Ich hätte es dem Jungen gelassen, mischte mich aber nicht ein.

Wir schulterten unser Gepäck, packten die vielen einzelnen Tüten in das Tuch, das ein Geschenk für Lpetatis Mutter werden sollte, und banden es so zusammen, dass wir es bequem an zwei Zipfeln anfassen konnten. Hinter uns hörten wir den Wagen starten, sahen die Lichter zwischen Büschen und Bäumen umherirren, bis das Motorengeräusch verstummte.

»Schau, da vorn wohnen wir«, sagte Lpetati und zeigte in die Dunkelheit.

Er musste Adleraugen besitzen, denn ich sah nichts. Wir hatten Mühe mit der Überquerung eines Grabens, der voll Wasser gelaufen war und dessen Ränder glitschig waren. Zudem setzte plötzlich stärkerer Regen ein. Ich bangte um meine Gitarre, trotz der angeblich wasserdichten Tragetasche. »Der Zucker wird nass, die Teeblätter und der Reis auch«, sagte ich.

»Wir sind sofort zu Hause«, erwiderte Lpetati. Aber noch während er mich beruhigte, hielt er ruckartig inne und hinderte mich am Weitergehen. »Sssst«, machte er und murmelte etwas wie: »Ngai, ngai.«

»Was ist?«, fragte ich, alarmiert durch sein Verhalten.

»Elefanten«, sagte er leise, »dort drüben, viele Elefanten. Aouwene, komm her.« Damit schulterte er das Bündel mit den Tüten und fasste nach meiner Hand. »Da rauf.« Er deutete auf einen Berghang.

Der Regen rann über unsere Gesichter, tropfte aus unseren Haaren, und mir war sehr unbehaglich. Ich fühlte mich so verausgabt wie schon lange nicht mehr.

»Elefanten«, sagte ich, resigniert wegen all der Umstände, »sind die denn für uns gefährlich? Die fressen doch nur Grünzeug.«

Ich sah Lpetatis Gesicht nicht, hörte aber so etwas wie Unmut in seiner Stimme.

»Oh mzungu«, sagte er – bis jetzt hatte er mich noch nie als »Weiße« bezeichnet –, »Elefanten können uns umbringen.«

Ich horchte irritiert auf, und zum ersten Mal begriff ich, worauf ich mich eingelassen hatte.

Mit Herzklopfen folgte ich meinem morani, in dessen Gesellschaft ich mich sicher fühlte. Er war ein Kind der Wildnis, er kannte ihre Gefahren und wusste, wie man mit ihnen umzugehen hatte. Dennoch: erst eine Löwin, jetzt Elefanten. Ich wurde nervös.

Bald hatten wir den Berg erklommen, ich war ziemlich außer Atem, der Regen machte mir immer mehr zu schaffen, der kalte Nachtwind, ...

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