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Mit den scharfen Waffen einer Frau

Maureen Child

Mit den scharfen Waffen einer Frau

1. KAPITEL

Da kommt was auf uns zu.“ Wenn Jericho King für etwas ein Gespür hatte, dann für Schwierigkeiten, die in der Luft lagen. Fünfzehn Jahre bei den Marines, einer Truppe der US-Streitkräfte, hatten seinen sechsten Sinn geschult – auf den konnte er sich verlassen. Er witterte Probleme, selbst wenn sie noch meilenweit entfernt waren.

Gerade war allerdings eines direkt vor seiner Nase. Genau genommen in der Auffahrt zu seinem Haus.

Jericho blinzelte in die Nachmittagssonne und starrte auf eine kleine, kurvige braun gelockte Schönheit, die sich in ein neongrünes Auto beugte.

„Nicht schlecht, was?“, murmelte der ältere Mann neben ihm.

Jericho lachte. Da hatte Sam tatsächlich nicht ganz unrecht. Wer immer die Brünette sein mochte, ihr Po war wirklich hübsch anzusehen. Langsam ließ er den Blick über ihre nicht minder attraktiven Beine wandern. Sie trug leuchtend rote High Heels, deren Absätze im weichen Kies versanken.

„Wieso zwängen sich Frauen eigentlich in so was?“, fragte Jericho, erwartete aber nicht wirklich eine Antwort.

„Schätze“, murmelte Sam Taylor, „um die Aufmerksamkeit von Männern auf ihre Beine zu lenken.“

„Aber dafür müssen sie sich doch nicht anstrengen.“ Jericho schüttelte den Kopf. „Was soll’s. Wer immer sie ist, ich frage sie mal, wohin sie will. Ich wette mit dir, sie hat sich auf dem Weg zu diesem Wellnesstempel auf der anderen Seite vom Berg verfahren.“

Er wollte gerade zu ihr gehen, da hielt Sam ihn zurück. „Warte mal, ich glaube, sie hat sich nicht verfahren. Sie ist bestimmt die, mit der ich wegen der Stelle als Köchin gesprochen habe. Du weißt hoffentlich noch, dass du mich gebeten hast, mich um einen Ersatz für Kevin zu kümmern?“

„Klar, aber eine Köchin?“ Mit zusammengekniffenen Augen musterte Jericho die Frau, die immer noch in ihrem Wagen suchte. Was machte sie dort bloß so lange? „Meinst du wirklich?“

„Wenn das Daisy Saxon ist“, sagte Sam, „dann schon.“

„Saxon, Saxon …“ Plötzlich erschrak Jericho, und er warf Sam einen scharfen Blick zu. „Sagtest du gerade Saxon?“

„Genau. Beruhigend, dass dein Gehör immer noch funktioniert“, erwiderte sein Freund trocken. Dann fügte er hinzu: „Warum? Was ist das Problem?“

Was das Problem ist?

„Wo soll ich da anfangen?“, murmelte Jericho, während die Frau sich endlich aufrichtete und sich zu ihnen umdrehte.

Schwungvoll hob sie eine riesige Tasche hoch, schlang den Riemen über die Schulter und ging mit wehendem Haar auf sie zu. Die vollen Lippen hatte sie resolut zusammengepresst, den Blick ihrer braunen Augen entschlossen auf ihn und Sam gerichtet.

Während er sie ebenfalls nicht aus den Augen ließ, wurde Jericho von einem unguten Gefühl übermannt. Diese Frau wird auf keinen Fall hierbleiben, schwor er sich. Wenn das wirklich Daisy Saxon war, dann hatte sie hier nichts verloren. Zum Teufel, dachte er, sieh sie dir nur mal an. Wenn das nicht die verführerischste Frau auf Erden ist! Wenn Frauen zum Training in sein Survival-Camp King Adventure kamen, waren sie für gewöhnlich entsprechend ausgerüstet, trugen Jeans und Wanderstiefel. Dieses Exemplar wirkte allerdings, als wäre es einem Lifestyle-Magazin entsprungen. Die Frau war anmutig und hübsch. Doch Anmut war etwas, was nicht in Jerichos raue Männerwelt passte.

Er würde einfach höflich sein, kurz mit ihr reden, sich wegen des Durcheinanders mit der Stellenausschreibung entschuldigen und sie wieder fortschicken. Das wäre für alle das Beste – vor allem für sie. Denn sie gehörte nicht hierher. Um das zu erkennen, genügte Jericho ein einziger Blick.

„Hübsches Ding“, stellte Sam fest.

Jericho erwiderte darauf zwar nichts, gab seinem Kumpel aber stillschweigend recht.

Dann sah er, wie die Frau in den hohen Schuhen über den Rasen auf sie zustakste, über einen Sprenklerkopf stolperte, der Länge nach hinfiel und ihre übergroße Tasche auf das Gras flog.

„Herrgott noch mal.“ Jericho lief sofort zu ihr.

Genau in diesem Moment sprang eine kleine wollige Kreatur aus der Tasche und raste mit der Geschwindigkeit eines Pitbulls auf ihn zu. Obwohl das Gras nicht besonders hoch war, konnte Jericho gerade einmal die flatternden Ohren des rotbraunen Minipudels sehen.

Mit dünnem Gebell und gefletschten Zähnchen stürzte der kleine Hund auf Jericho zu und wollte ihn zweifellos in die Flucht schlagen.

Was ihm nicht gelang.

Sam brach in schallendes Gelächter aus.

„Oh mein Gott“, murmelte Jericho.

Vorsichtig versuchte er, den kleinen Kläffer mit einem Fuß beiseitezuschieben. Doch der Hund blieb dichter hinter ihm, während er sich der Brünetten näherte, die gerade langsam aufstand.

Das Haar hing ihr in langen Strähnen vor der Nase, ihre Bluse war mit Grasflecken übersät. Und ihr stand ins Gesicht geschrieben, wie unendlich peinlich ihr die Situation war.

„Alles in Ordnung?“, fragte er und streckte die Hand aus, um ihr aufzuhelfen.

„Bestens“, murmelte sie, während sie seine Hand ergriff und sich hochzog. „Es geht doch nichts über eine Blamage, um eine Frau zum Erröten zu bringen.“ Nachdem sie wieder halbwegs sicher stand, beugte sie sich hinunter und schnappte sich den kleinen Hund. „Oh, Nikki, Liebling, du tapfere kleine Heldin! Was für ein gutes Mädchen, Mommy zu beschützen.“

„Ja. Scheint, sie ist die geborene Kampfmaschine.“

Für die Bemerkung warf Mommy ihm einen vernichtenden Blick zu. „Wenigstens ist sie mir gegenüber loyal. Ich weiß Loyalität sehr zu schätzen.“

„Ich auch“, entgegnete er und starrte in ihre braunen Augen. Ihr Farbton glich dem eines erstklassigen bernsteinfarbenen Whiskeys, wenn man ihn gegen das Licht hielt. „Wenn Sie allerdings einen Beschützer brauchen, sollten Sie sich vielleicht einen echten Hund zulegen.“

„Nikki ist ein echter Hund“, protestierte sie und drückte das Hündchen eng an ihre Brust. „Mein erster Eindruck auf Sie ist wohl nicht so gut geworden wie gedacht. Trotzdem würde ich gern mit Ihnen sprechen.“

„Kenne ich Sie?“

„Noch nicht“, antwortete sie. „Aber Sie sind doch Jericho King?“

„Ja“, sagte er knapp und begegnete ihrem Blick.

„Na toll“, murmelte sie leise, mehr zu sich als zu ihm. Dann hob sie den Kopf und sagte: „Ich bin Daisy Saxon. Persönlich sind wir uns noch nicht begegnet. Aber Sie haben mir vor einem Jahr geschrieben, nachdem …“

„Nachdem Ihr Bruder gefallen ist“, beendete er den Satz. Jericho musste wieder an den Moment denken, in dem Brandon Saxon gestorben war. Es war während eines gefährlichen Einsatzes auf feindlichem Gebiet geschehen.

Jericho hatte schon viele Männer sterben gesehen. Zu viele, nachdem er in die Armee eingetreten war. Doch zu Brandon hatte er ein besonderes Verhältnis gehabt. Er war jung und euphorisch gewesen. Der Tod des Jungen hatte Jericho tief getroffen und letztlich dazu geführt, dass er um seine Entlassung gebeten hatte. Danach war er hierher, in die Berge, auf seinen Berg, gezogen.

Und plötzlich stand er Brandons Schwester gegenüber, die auf ihn wie die personifizierte Stimme des Gewissen wirkte. Durch sie kam das quälende Gefühl zurück, schuld am Tod ihres Bruders zu sein.

Schmerz flackerte in ihren Augen auf. „Ja.“

Deutlich sah Jericho das Gesicht von Brandon Saxon vor sich, wie er ausgesehen hatte, kurz bevor er gestorben war. Erst hatte der Junge mit seinem Schicksal gehadert, es dann aber akzeptiert. Jericho erinnerte sich auch an das Versprechen, das er seinem Kameraden auf dem Sterbebett gegeben hatte. Er hatte ihm sein Ehrenwort gegeben, dass er sich um seine Schwester kümmern würde, wenn sie Hilfe brauchte.

Aber hatte er etwa nicht sein Bestes gegeben, um sein Versprechen zu halten? Was war mit dem persönlichen Kondolenzbrief, den er an sie geschrieben hatte? Was mit seinem Anruf, um ihr seine Hilfe anzubieten? Doch sie hatte höflich abgelehnt, ihm für seinen Anruf gedankt und aufgelegt. Für Jericho war die Sache damit erledigt gewesen. Bis jetzt.

Wieso zum Teufel tauchte sie plötzlich auf seinem Berg auf, obwohl sie seine Unterstützung abgelehnt hatte?

„Ich weiß, es ist viel Zeit seit unserem letzten Telefonat vergangen“, sagte sie und riss Jericho aus den Gedanken. „Aber als Sie mich damals nach Brants Tod angerufen haben, sagten Sie, ich könne mich jederzeit an Sie wenden.“

„Ja“, erwiderte er und verschränkte die Arme vor der Brust. „Da ich aber nichts mehr von Ihnen gehört habe …“

„Es hat eine Weile gedauert, bis ich über Brants Tod hinweggekommen bin“, erklärte sie. Dann warf sie Sam, der immer noch auf dem Rasen stand und sie beobachtete, einen kurzen Seitenblick zu. „Könnten wir vielleicht drinnen weiterreden?“

Einen Moment lang war Jericho verunsichert. Er wollte nicht in ihrer Schuld stehen, wusste aber, dass er es tat. Denn er hatte sein Wort gegeben, und zwar nicht nur ihrem Bruder, sondern auch ihr. Und Jericho King würde sein Wort niemals brechen. Also musste er sich wohl oder übel Zeit für sie nehmen.

Wie sie dort stand und im kühlen Wind der Pinienbäume fröstelte. Sie hatte nicht einmal daran gedacht, dass sie hier in den Bergen eine Jacke brauchte. Selbst in Kalifornien hatte der Herbst in den höheren Lagen seine tückischen Seiten. Und das war jedenfalls klar: Sie gehörte bestimmt nicht zum Typ Frau, der für das Leben in der Natur gemacht war.

Natürlich wollte sie lieber ins Warme. Dort gehörte sie ja auch hin. Wahrscheinlich war sie eine von denen, die ganz verrückt nach dem Abenteuer Natur waren – solange sie es mit einem Glas Wein in der Hand vom Fenster aus verfolgen konnten. Frauen wie sie kannte er zur Genüge.

Vielleicht musste er sie ja auch gar nicht hinauswerfen. Vielleicht kam sie von allein auf die Idee, dass hier nicht der passende Arbeitsplatz für sie war. Netterweise konnte er ihr eine Tasse Kaffee anbieten, bevor sie wieder verschwand. Sie ein bisschen herumführen, ihr alles zeigen. Damit sie begriff, dass sie nicht hierher passte und nicht bleiben konnte.

„Klar. Gehen wir rein.“

„Danke“, sagte sie. „Es ist wirklich kalt hier. Als ich heute Morgen in L.A. losgefahren bin, waren es fünfundzwanzig Grad.“

„Wir sind hier auch etwas höher“, entgegnete er trocken. Dann griff er auf, was sie gerade gesagt hatte. „Sie sind schon heute Morgen losgefahren? Und gerade erst angekommen? Normalerweise ist das ein Dreistundentrip. Sagen wir vier, bei starkem Verkehr.“

Sie drückte dem kleinen Hund auf ihrem Arm einen Kuss auf die Stirn und zuckte mit den Schultern. „Es war ja auch eine Menge Verkehr. Aber die Wahrheit ist: Ich habe mich verfahren.“

Jericho starrte sie entgeistert an. „Haben Sie denn kein Navigationsgerät?“

„Doch. Aber …“

„Vergessen Sie es.“ Er drehte sich um, winkte Sam zu, wies mit dem Arm einladend in Richtung Haus und ging voran. Als sie ihm nicht folgte, drehte er sich um und sah sie an. „Wo liegt das Problem?“

Verlegen hob sie ihr Bein etwas an. „Meine Absätze versinken im Boden.“

„Natürlich tun sie das.“ Er ging wieder zu ihr, zeigte auf ihre Schuhe und sagte schlicht: „Ziehen Sie sie aus!“

Nachdem sie es getan hatte, hob er das Paar auf und reichte es ihr. „Dieses Schuhwerk taugt hier nichts.“

Barfuß balancierte sie hinter ihm über den Rasen, in der einen Hand Tasche und Hund, in der anderen das Paar Schuhe. „Aber dafür sind sie schick.“

„Und wozu soll das gut sein?“

„Na ja“, erwiderte sie halb lachend, „den ersten Eindruck, den ich auf Sie gemacht habe, werden Sie bestimmt nicht vergessen.“

Jericho kam nicht umhin zuzugeben, dass ihre Schlagfertigkeit ihn beeindruckte. So leicht ließ sie sich wohl doch nicht unterkriegen. Er blieb stehen und betrachtete sie. Ihre Wangen waren gerötet, aus ihren Augen blitzte es fröhlich, und auf ihrer Nasenspitze war etwas Schmutz. Sie sah viel zu gut aus.

„Was?“, fragte sie. „Ist etwas in meinem Gesicht?“

„Um genau zu sein …“ Er beugte sich vor, schnappte sie sich und hörte deutlich ihren überraschten Aufschrei.

„Hey, Sie müssen mich nicht tragen!“

„Mit diesen Schuhen werden Sie auf dem Kiesweg auch nicht weiterkommen, außerdem sind Sie barfuß, Ms Saxon.“

Er musste feststellen, dass ihr Körper für ihre Größe ziemlich viele Kurven hatte. Als sie sich in seinen Armen wand, spürte er eine körperliche Regung, die wahrscheinlich jeder lebendige Mann gespürt hätte. Die Sache war bloß, es gefiel ihm nicht. Alles, was er von ihr wollte, war, dass sie endlich wieder verschwand.

„Richtig. Ich erinnere mich. Hohe Absätze, ganz schlecht. Und bitte nennen Sie mich Daisy“, entgegnete sie. „Wenn Sie mich schon an Ihre Brust drücken, gibt es keinen Grund mehr, förmlich zu sein.“

„Wahrscheinlich nicht“, meinte er kurz.

Da knurrte der kleine Hund auf ihren Armen. „Dieser Hund ist lächerlich.“

Sie sah ihn an. „Brant hat ihn mir geschenkt, kurz bevor er mit seiner Truppe aufgebrochen ist.“

„Oh.“ Was für eine unbedachte Äußerung von ihm!

Jericho hörte weder auf das Kläffen des Hundes noch auf Daisys Gerede über das Grundstück, das Wetter und die Leute, die ihr geholfen hatten, nachdem sie sich verfahren hatte. Als er die Eingangstür seines Hauses erreichte, dröhnte ihm von ihrem pausenlosen Geschnatter fast der Schädel. Für einen Mann, der die letzten Jahre das unstete Leben eines Marines geführt hatte, war es ungewöhnlich, ein Haus zu besitzen. Aber dieser Ort war sehr speziell.

Seit fast einhundert Jahren war das Anwesen in Familienbesitz. Einer seiner Vorfahren hatte hier einst eine kleine Waldhütte errichtet. Im Laufe der Jahrzehnte war daraus der Erholungssitz der King-Familie geworden. In ihrer Kindheit hatten Jericho und seine Brüder hier fast jeden Sommer verbracht.

Das Haus lag, inmitten von Wäldern, Bächen und Flüssen, auf einem Berg. Wo einst eine Hütte gestanden hatte, war inzwischen ein kleines Waldschlösschen aus Holz und Glas geschaffen geworden, das durch seine Bauart perfekt mit der natürlichen Umgebung verschmolz. Für Jericho war es fast wie eine gelungene Tarnung. Etwas, was er nur allzu gut kannte.

Jahre zuvor hatte er seinen Brüdern ihre Anteile abgekauft, um das Anwesen mithilfe eines Architekten umzugestalten. So war aus dem schlichten Haus allmählich ein fantastischer Bau mit unzähligen Winkeln, vielen Räumen und Ecken geworden. Wenn Jericho es nicht wollte, musste er hier keinem über den Weg laufen. Er hatte dafür gesorgt, dass die Fertiggestellung vor seinem Austritt aus der Armee abgeschlossen worden war. Damit er sofort nach Verlassen seiner Einheit hierherkommen konnte. Dieser Ort symbolisierte für ihn die Verbindung zwischen seiner Vergangenheit und seiner Zukunft.

Er öffnete die bogenförmige dunkle Holztür, trat ein und setzte Daisy sofort ab. Denn er wollte diesen Körper, der sich so gut anfühlte, schleunigst nicht mehr berühren.

Sie schlüpfte wieder in ihre Schuhe und sah sich neugierig in der Halle um.

„Wow“, flüsterte sie. „Das ist wirklich …“

Die kathedralenartige Decke wurde von hell lackierten Holzstelen getragen, die streng geometrische Rauten bildeten. Die letzten Strahlen der Nachmittagssonne brachen sich ihren Weg durchs Glas und zauberten goldene Muster auf die dunklen Holzböden.

„Ja, ich mag es auch.“ Er führte sie von der Halle durch den Flur ins Wohnzimmer. Während sie ihm folgte, hörte er das Klackern ihrer Absätze durch die Gänge hallen.

„Es hallt hier ja sogar“, stellte sie fest.

Jericho kniff die Augen zusammen und drehte sich zu ihr um. „Es ist ja auch ein sehr großes Zimmer.“

„Und so gut wie leer.“ Während sie sich kopfschüttelnd umsah, folgte er ihrem Blick. Die Einrichtung war eher zweckmäßig als schön. Es gab Sofas, Stühle, einige Tische und Lampen und eine lange Bar an einer der Wände. Außerdem war da der steinerne Kamin, in dem ein ausgewachsener Mann praktisch stehen konnte. Und das Bergpanorama, das sich einem bot, wenn man aus dem großen Fenster blickte, war phänomenal.

„Es sieht aus wie in einer Kaserne.“

Er blickte sie scharf an. „Ich glaube kaum, dass Sie jemals in einer Kaserne gewesen sind.“

„Stimmt“, gab sie zu. Während sie durch das Wohnzimmer ging, kraulte sie ihren Hund, den sie fest im Arm hielt. „Trotzdem, ein so wunderbarer Ort, aber eine Einrichtung, die …“ Sie beendete den Satz nicht und lächelte entschuldigend. „Tut mir leid, das geht mich nichts an.“

Jericho sah sie skeptisch an. Was zum Teufel hatte sie an diesem Zimmer auszusetzen? Bis jetzt hatte sich noch niemand beschwert. Dann rief er sich wieder ins Gedächtnis, dass sie ja ein Stadtmensch war, der sowieso von nichts eine Ahnung hatte.

„Also gut. Sam hat mir gesagt, dass Sie für uns kochen wollen?“

„Ja.“

Als sie ihm ein umwerfendes Lächeln schenkte, stieg in Jericho wieder dieses Verlangen auf. Diese Frau benutzte offenbar unsichtbare Waffen, die sehr gefährlich waren. „Darüber sollten wir …“

Beim Blick in Jerichos stahlblaue Augen wusste Daisy sofort, dass er ihr einen Korb geben wollte. Dass er versuchen würde, sie abzuwimmeln. Doch das würde sie nicht zulassen. Sie ergriff das Wort, bevor er weitersprechen konnte. „Ich habe mit Sam gesprochen, Ihrem Mitarbeiter. War er das eigentlich vorhin?“

Nikki auf dem Arm, ging sie zu der breiten Fensterfront. „Ich hätte auf jeden Fall Hallo sagen sollen. Wahrscheinlich denkt er jetzt, ich bin nicht ganz richtig im Kopf. Komme einfach hierher und falle auf die Nase.“

Sie zwang sich, sich nicht zu Jericho umzuwenden. Noch nicht.

Seine Gegenwart verunsicherte sie. Er war so groß und attraktiv und so, nun ja, schroff. Wahrscheinlich lacht er nicht sehr oft, dachte sie. Aber letztlich war das auch gar nicht so schlecht. Denn seine Wirkung auf sie war so stark, dass sie beim ersten Lächeln bestimmt weiche Knie bekommen hätte.

Komisch, das hatte sie nicht erwartet. Sie hätte nicht gedacht, dass ihr Herz bei seinem Anblick zu klopfen beginnen und Hitze sie durchströmen würde. Er war so schlank. So stark. Als er sie auf die Arme gehoben hatte, hätte sie vor Wonne fast geseufzt.

Sie hatte sich an ihn gewandt, weil sie wusste, dass er ihrem Bruder sehr nahegestanden hatte. Damit allerdings, dass dieser Mann sie sofort in seinen Bann ziehen würde, hatte sie nicht gerechnet. Aber auch das war vielleicht gar nicht so schlecht. Vielleicht würde es dem, was sie vorhatte, zugutekommen. Sie durfte nur nicht zulassen, dass er sie wieder wegschickte, bevor sie ihren Plan in die Tat umgesetzt hatte.

Denn wenn sie ginge, wie könnte sie dann von Jericho ein Kind bekommen?

2. KAPITEL

„Also“, fragte Daisy und schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln. „Wann kann ich anfangen?“

Ihr fiel auf, dass er sie beobachtete, und sie fragte sich, was ihm gerade durch den Kopf ging. Doch die Tiefen seiner blauen Augen waren unergründlich. Trotzdem, sie würde ihn schon noch für sich gewinnen. Auch wenn das sicher nicht leicht werden würde.

„Ms Saxon – Daisy“, korrigierte er sich, bevor sie fortfahren konnte. „Da ich die letzten Tage in der Stadt war, habe ich gerade erst von Sam erfahren, dass Sie sich für den Job beworben haben.“

„Ich hatte gar nicht vor, ein Geheimnis daraus zu machen“, erwiderte sie und sah ihn direkt an. „Auch wenn Sie mir Ihre Unterstützung angeboten haben, wollte ich dieses Angebot natürlich nicht missbrauchen, um diese Stelle zu bekommen. Ich würde Ihnen gern beweisen, dass ich unabhängig davon durchaus für diese Arbeit geeignet bin, wissen Sie? Auf keinen Fall wollte ich, dass Sie sich mir gegenüber verpflichtet fühlen. Deshalb habe ich mich an Sam gewandt, als ich von der offenen Stelle gehört habe.“ Und das stimmt sogar, dachte sie. Obwohl sie auch gehofft hatte, dass Jericho sich verpflichtet genug fühlen und sie einstellen würde. „Übrigens bin ich eine sehr gute Köchin. Sam hat sich bereits meine Referenzen angesehen. Als wir uns unterhalten haben, hat er gesagt, dass ich gut hierher passen würde.“

„Das sehe ich anders“, entgegnete Jericho knapp. „Denn ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, dass Sie hier arbeiten.“

Daisy schluckte. Das war hart. Sie hatte gehofft, Jericho würde einwilligen. Schließlich hatte er ihr ein Versprechen gegeben. Er, das Idol ihres kleinen Bruders. Irgendwie war sie davon ausgegangen, dass „der große Jericho King“ ein bisschen mehr Verständnis zeigen würde. Aber noch war sie ja hier.

„Und warum nicht?“ Sie schob die Finger in Nikkis rotbraunes Fell, damit er nicht sah, wie ihre Hand zitterte. Selbst als ihr Magen zu flattern begann, riss sie sich zusammen. Auf gar keinen Fall würde sie sich vor ihm kleinmachen. Erst recht nicht vor sich. Sie musste positiv denken. Das Ziel war der Weg!

Mit diesem und noch einigen anderen Gedanken sah Daisy ihn auffordernd an. Was immer er als Argument vorbringen würde, sie würde es entkräften. Sie würde dafür kämpfen, hierbleiben zu können! Damit er begriff, wie sehr er sie hier brauchte und wie viel sie zum Leben im Survival-Camp beisteuern konnte. Und zwar auf der Stelle.

„Dieser Platz ist anders als die Wellnessoase auf der anderen Seite des Berges.“

„Wenn Sie meinen“, bemerkte sie, während sie die beigefarbenen Sofas und Stühle betrachtete. „Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber haben Sie etwas gegen Farbe?“

„Wie bitte?“

„Beige“, sagte sie und deutete auf die Möbel. „Beige ist keine Farbe. Beige ist ein Mangel an Farbe.“

„Eigentlich“, erklärte er, „sollte es Schwarz werden.“

„Na ja, da ist Beige ja schon nahe dran“, entgegnete sie trocken. „So einem Raum tut Industriecharme nicht gut. Hier fehlt Wärme. Außerdem würden ein paar Teppiche den Hall dämpfen.“

„Das macht mir nichts aus.“

„Ich schätze, dass das Essen, das Sie Ihren Gästen servieren, genauso fantasievoll ist wie das Dekor.“

„Ich habe kein Dekor“, widersprach er.

„Eben.“

„Was ich damit sagen will“, brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, „ich habe nicht vor, hieraus ein Vorzeigedomizil zu machen.“

„Oh, da bin ich ganz Ihrer Meinung. Das wäre völlig unangemessen. Immerhin geht es in erster Linie um wahren Kampfgeist und Überlebenskraft, nicht wahr? Man muss nicht übertreiben“, konterte Daisy, während sie sich bereits ausmalte, was sie hier anders machen würde. Ein paar Kissen hier, einige bunte Teppiche da … „Sie wollen doch bestimmt, dass sich Ihre Gäste wohlfühlen?“

„Das hier ist kein Kurhaus. Die Leute, die herkommen, tun das, weil sie Führungsqualitäten erlernen und trainieren wollen. Indem sie versuchen, den Berg und Mutter Natur zu bezwingen.“

„Und wenn sie danach siegreich heimkehren, sollen sie es sich bloß nicht bequem machen?“

Als er scharf einatmete, befürchtete Daisy, zu weit gegangen zu sein. Dehalb beeilte sie sich hinzuzufügen: „Ich sage ja nur, dass man diesen Raum etwas … behaglicher machen könnte. Kann ja nicht schaden, mal darüber nachzudenken, oder?“

„Wieso reden wir überhaupt darüber?“, fragte er laut.

„Weil wir darüber gesprochen haben, wie ich Ihnen helfen könnte“, antwortete Daisy und sprach beruhigend auf Nikki ein, die wieder zu knurren begonnen hatte.

Er warf dem Hund einen ablehnenden Blick zu, bevor er sie wieder ansah. „Falsch, ich habe Ihnen lediglich zu verstehen gegeben, dass es keine gute Idee wäre.“

„Aber Sie irren sich.“

„Das glaube ich nicht.“

„Sie geben mir ja nicht einmal eine Chance“, sagte sie und versuchte, nicht auf das Funkeln in Jerichos Augen und das Flattern ihres Magens zu achten. „Sie kennen mich ja nicht einmal. Geschweige denn meine Kochkünste. Sie haben noch nie mein Brathühnchen oder meine Buttercremetorte …“

„Reden wir hier gerade wirklich über … Buttercremetorte?“

Daisy grinste, als sie seine skeptische Miene betrachtete.

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