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Mit den Augen der Liebe …

Cathy Williams

Mit den Augen der Liebe …

1. KAPITEL

„Ich habe vor fünf Minuten angerufen. Warum bist du nicht ans Telefon gegangen?“

Luc Laughton schob seinen Hemdsärmel zurück, um demonstrativ auf die Uhr zu schauen. „Ich halte nichts davon, wenn meine Mitarbeiter nur ihren pünktlichen Feierabend im Kopf haben. Sie bekommen aus gutem Grund ein großzügiges Gehalt.“

Kalt blickte er die kleine Blondine an, die einen dicken Mantel von undefinierbarer Farbe trug, der aussah, als stamme er aus einer Altkleidersammlung. So wie er sie kannte, hatte er mit seiner Vermutung wahrscheinlich nicht mal unrecht.

Auf Agathas Wangen zeichneten sich kreisrunde rote Flecken ab. Natürlich hatte sie das Telefon klingeln hören. Aber sie hatte es nun mal eilig gehabt. Es war ja auch nicht so, dass sie nicht länger blieb, wenn es viel zu tun gab. Außerdem war es bereits Viertel vor sechs. Man konnte also kaum behaupten, dass sie es nicht hatte erwarten können, sich um Punkt fünf in die Freitagabend-Rushhour zu stürzen.

„Bloß weil ich dich eingestellt habe, um meiner Mutter einen Gefallen zu tun …“, fuhr Luc mit diesem schneidenden Unterton in der Stimme fort, für den er in der unbarmherzigen Finanzwelt so gefürchtet war, „… heißt das nicht, dass du dir hier einen faulen Lenz machen kannst.“

„Es ist fast sechs Uhr, und ich mache mir keinen faulen Lenz.“ Agatha schaffte es nicht, Luc Laughton dabei in die Augen zu sehen. Das würde nur wieder dazu führen, dass ihr Herz bis zum Hals schlagen und ihr ganzer Körper von diesem unerwünschten Kribbeln heimgesucht würde. So war es bereits, seit sie dreizehn und er achtzehn Jahre alt war, verdammt gut aussah und diese geheimnisvolle Ausstrahlung hatte, die Frauen vollkommen in seinen Bann zogen.

Wie hätte sie also nicht für ihn schwärmen können? Alle Mädchen im Dorf waren in ihn verliebt, auch wenn er ihnen kaum Beachtung schenkte. Er war der Sohn reicher Eltern und lebte in einer Villa auf dem Hügel. Er besuchte ein Nobelinternat, in dem seine scharfsinnige Intelligenz gefördert wurde und er sich ein Selbstbewusstsein aneignete, das auf Agatha gleichzeitig beängstigend und seltsam anziehend wirkte.

„Wenn es sich um etwas Wichtiges handelt, kann ich natürlich etwas länger bleiben“, murmelte sie und starrte weiterhin angestrengt auf den Teppich.

Luc seufzte übertrieben laut und lehnte sich gegen den Türrahmen. Er hatte von Anfang an gewusst, dass der Vorschlag seiner Mutter keine gute Idee war. Doch er hatte ihr den Gefallen nicht verweigern können.

Vor sechs Jahren war sein Vater unerwartet gestorben und hatte ihnen einen Haufen Schulden hinterlassen. Ohne seinen Vater darüber in Kenntnis zu setzen, hatte dessen Geschäftspartner das Unternehmen in den Ruin geführt. Während Luc sein Studentenleben in vollen Zügen genossen hatte und der Wechsel nach Harvard für einen Master-Studiengang in Wirtschaft und Geschichte kurz bevorstand, war von dem Wohlstand, den er und seine Familie so lange genossen hatten, nichts geblieben.

Als Luc direkt nach dem Tod seines Vaters nach Hause kam, teilte ihm seine vor Kummer am Boden zerstörte Mutter Danielle mit, dass ihre Villa versteigert würde, um die Schulden begleichen zu können.

Hätten in dieser verzweifelten Lage nicht der Pastor und seine Frau, Agathas Eltern, Danielle ein Zimmer in ihrem Haus angeboten, hätte seine Mutter kein Dach mehr über dem Kopf gehabt. Ein gutes Jahr kümmerte sich das Paar um Danielle, bis sich deren finanzielle Situation wieder so weit stabilisiert hatte, dass sie es sich leisten konnte, ein kleines Haus am Dorfrand zu mieten. Statt sein Studium abzuschließen, investierte Luc nun all seine Energie darin, die Firma wieder aufzubauen und die Villa zurückzukaufen.

Als seine Mutter ihm nun vor acht Monaten mitteilte, dass die kleine Agatha Havers ihren Job verloren hatte, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als ihr eine Stelle in seinem Unternehmen anzubieten. Er und seine Mutter standen tief in der Schuld ihrer Eltern. Ihnen hatte er es zu verdanken, dass er die Freiheit gehabt hatte, diesen fulminanten Aufstieg zu schaffen, während sie sich um seine Mutter kümmerten.

In dem supermodernen Bürogebäude aus Glas wirkte Agatha zwischen all den hoch qualifizierten und motivierten Mitarbeitern jedoch vollkommen deplatziert. Die Pastorentochter vom Lande, deren berufliche Kenntnisse sich auf das Umtopfen von Pflanzen beschränkten, war in dieser Bürowelt, in der sich alles um Geschäfte und Akquisitionen drehte, ganz offensichtlich verloren.

„Ist Helen schon gegangen?“

Helen war Lucs persönliche Assistentin. Sie tat Agatha leid. Agatha nahm er bloß hin und wieder mit seinen scharfen Adleraugen aufs Korn. Helen hingegen war ihm den ganzen Tag lang ausgesetzt, und Luc entging auch nicht der kleinste Fehler.

„Ja, aber das spielt keine Rolle. Ich möchte, dass du die Informationen zum Garsi-Geschäft zusammenfasst und sicherstellst, dass alle Dokumente vorbereitet sind. Wir haben hier einen sehr engen Zeitplan, also brauche ich dringend deine Hilfe.“

„Sollte das nicht lieber jemand … ähm … mit etwas mehr Erfahrung in dem Bereich übernehmen?“, presste Agatha zögernd hervor.

Unfähig, weiter auf den Boden zu starren, sah sie auf in sein schön geschnittenes Gesicht mit dem markanten Kinn und hatte plötzlich Schwierigkeiten zu atmen. Er hatte die olivfarbene Haut und das schwarze Haar von seiner französischen Mutter geerbt, die grünen Augen von seinem sehr aristokratischen englischen Vater. Die Kombination ergab eine unglaublich attraktive Mischung.

„Ich bitte dich doch nicht darum, das Geschäft abzuschließen, Agatha.“

„Das ist mir klar, aber ich bin nicht so schnell am Computer wie … nun ja …“

„Wie der Großteil der Angestellten in diesem Gebäude?“, warf Luc ein, kaum fähig, den Sarkasmus in seiner Stimme zu unterdrücken. „Du hattest jetzt fast acht Monate Zeit, dich einzuarbeiten. Und du hast einen Computerkurs besucht.“

Agatha schauderte, als sie an diesen Kurs zurückdachte. Nach der Kündigung in der Gärtnerei hatte sie drei Monate lang bei ihrer Mutter gewohnt. Ihr war bewusst, dass sie deren Geduld, so liebevoll und fürsorglich ihre Mutter auch war, bis zum Äußersten strapaziert hatte.

„Du kannst dich einfach nicht für den Rest deines Lebens hier verkriechen und im Garten Unkraut jäten, Schatz“, hatte sie Agatha sanft ermahnt. „Es ist schön, dich bei mir zu haben, denn die vergangenen zwei Jahre, seit dem Tod deines Vaters, waren schon manchmal einsam. Aber du brauchst eine Arbeit. Wenn du hier im Dorf nichts findest, warum suchst du dir nicht woanders einen Job. Vielleicht sogar in London? Ich hab mich neulich mit Lucs Mutter unterhalten, und sie hat gesagt, dass er vielleicht eine Stelle für dich in seinem Unternehmen hätte. Du weißt ja, er ist sehr erfolgreich. Du müsstest bloß einen kleinen Computerkurs absolvieren …“

Agatha war bewusst, dass selbst Zehnjährige besser mit Computern umgehen konnten als sie. Doch während dieses Kurses hatte nicht nur ihr Desinteresse für Computer zugenommen, mehr noch, sie hatte angefangen, sie zu hassen. Es schien, als warteten diese Geräte nur darauf, dass sie eine falsche Taste drückte.

„Ja, habe ich“, antwortete sie mürrisch. „Aber ich war nicht gerade erfolgreich.“

„Du wirst es nie zu etwas bringen im Leben, wenn du dich so hängen lässt und immer nur negativ denkst. Ich gebe dir hier eine Chance, dich weiterzuentwickeln, damit du nicht immer nur Akten ablegen musst.“

„Ich bin zufrieden mit meinem Job“, entgegnete Agatha schnell. „Ich meine, ich weiß, es ist nicht besonders anspruchsvoll, aber ich habe auch nie erwartet …“

„Dass die Arbeit in meinem Unternehmen Spaß machen könnte?“ Luc hatte Mühe, sich zu beherrschen. Agatha irritierte ihn einfach mit ihrer schüchternen, verklemmten Art. Er konnte sich noch daran erinnern, wie sie sich als Teenager immer in irgendwelchen Ecken herumgedrückt hatte und nicht in der Lage gewesen war, auch nur eine einfache Unterhaltung mit ihm zu führen. Angeblich hatte sie diese Probleme mit anderen Menschen nicht, das hatte ihm jedenfalls seine Mutter versichert. Er bezweifelte es jedoch, angesichts der Tatsache, dass sie gerade versuchte, sich in den Falten ihres übergroßen Mantels zu verstecken.

„Nun?“, fragte er ungeduldig.

„Also, ich denke, Büroarbeit ist einfach nichts für mich“, gab Agatha ehrlich zu. „Es ist nicht so, dass ich nicht dankbar wäre, dass ich hier arbeiten darf …“ Beziehungsweise in einer Besenkammer sitzen, hin und wieder ein Anschreiben tippen und gelegentlich eine Akte ablegen darf, dachte sie bei sich. Den Großteil der Arbeitszeit verbrachte sie damit, Lucs Anzüge in die Reinigung zu bringen und dafür zu sorgen, dass der Kühlschrank seines Apartments im Londoner Nobelviertel Belgravia gefüllt war. Außerdem hatte Helen ihr den Job abgetreten, seine verflossenen Geliebten mit angemessenen Geschenken, von Blumensträußen bis Diamanten, zu entschädigen. Im Laufe der letzten acht Monate hatten immerhin fünf exotische Supermodels von ihm den Laufpass bekommen.

„Mir ist auch klar, dass dir wahrscheinlich nichts anderes übrig blieb, als mich einzustellen.“

„Da hast du recht“, entgegnete Luc matt.

Insgeheim hatte Agatha fast gehofft, er würde ihr widersprechen und ihr sagen, dass sie auf ihre ganz eigene Art eine sehr wertvolle Mitarbeiterin für das Unternehmen sei. „Ja, Danielle und meine Mutter können ziemlich überzeugend sein, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben.“

„Agatha, warum setzen wir uns nicht für einen Moment? Ich hatte mich eigentlich schon viel früher mit dir unterhalten wollen. Aber du weißt ja, wie beschäftigt ich bin.“

„Ich weiß.“

Sie zögerte einen Moment, um dann wieder an ihrem Schreibtisch Platz zu nehmen und Luc zu beobachten, wie er sich auf der Tischkante niederließ, bevor er ihr einen dieser strengen Blicke zuwarf. Sicher würde er nun auf ihre schlechten Computerkenntnisse zu sprechen kommen.

Irritiert runzelte Luc die Stirn. „Was soll das heißen, du weißt es?“

„Weil deine Mutter immer davon redet, wie viel du zu tun hast und wie selten du zu Hause bist.“

Luc glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. „Heißt das, ihr drei setzt euch zusammen und tratscht über mich?“

„Nein! Natürlich nicht.“

„Kannst du mit deinem Leben wirklich nichts Besseres anfangen?“

„Selbstverständlich!“ Zumindest hatte sie Besseres zu tun gehabt, bis ihr der Job im Gartencenter gekündigt wurde. Oder meinte er ihr Privatleben? „Ich habe viele Freunde, und überhaupt, nicht jeder träumt davon, nach London zu ziehen und das große Geld zu verdienen.“

„Soll das eine versteckte Kritik sein? Falls du es vergessen haben solltest, meine Mutter hat in einer kleinen Hütte, in der die Tapete von den Wänden fiel, vor sich hin vegetiert. Du wirst mir doch wohl zustimmen, dass jemand die Sache in die Hand nehmen und sich um die Finanzen kümmern musste, oder nicht?“

Agatha senkte die Lider und nickte. Als sie wieder aufsah, trafen sich für einen kurzen Moment ihre Blicke, und ihr blieb das Herz stehen – Kristallblau gegen tiefes Moosgrün. Auch wenn sie alles versucht hatte, diese Schwärmerei für ihn zu unterdrücken, es war kaum möglich, sich Luc Laughtons Anziehungskraft zu entziehen. Selbst jetzt, wo er sie so ungeduldig ansah, dass es fast schon feindselig wirkte.

Ihr schnelles Einlenken machte ihn wütend. „Das hier …“, er schwenkte seinen Arm durch das Büro, „… ist das, was zählt. Und nur deswegen kann ich meiner Mutter den Lebensstil bieten, den sie gewohnt ist. Mein Vater hat eine Menge Fehler gemacht, wenn es um Geld ging. Daraus habe ich gelernt. Lektion Nummer eins ist: erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“

Er stand auf und ging in dem kleinen Raum auf und ab. Er hatte ihr bewusst dieses Zimmer zugewiesen, das weit entfernt von den anderen Büros lag, weil er wusste, dass sie mitten zwischen all den geschäftigen Mitarbeitern, die vor Energie nur so strotzten, noch verlorener wirken würde.

„Warum siehst du den Job nicht als Chance anstatt als bloßen Lückenfüller, bis du die nächste Gärtnerstelle bekommst?“

„Ich suche keine neue Gärtnerstelle.“ Es wurde auch gar nichts angeboten in London, sie hatte sich bereits umgesehen.

„Du musst wirklich versuchen, dich hier zu integrieren, Agatha. Und bitte fühl dich nicht angegriffen von dem, was ich dir sagen möchte.“

„Dann sag es nicht!“ Sie sah ihn mit ihren großen blauen Augen flehend an. Ihr war bewusst, dass er für Menschen, die weniger offensiv und zupackend durchs Leben gingen als er, keinerlei Toleranz aufbrachte.

„Er kann einem schon etwas Angst einjagen“, hatte Danielle, kurz bevor Agatha nach London ging, zugegeben. Agatha wurde erst, als sie anfing, für ihn zu arbeiten, klar, was seine Mutter damit gemeint hatte. Normalerweise bekam sie von Helen Rückmeldungen zu ihrer Arbeit. Wenn sie Tippfehler in Agathas Briefen fand, so tat die Kollegin diese bloß mit einem freundlichen Schulterzucken ab. Kam es jedoch einmal zu dem seltenen Fall, dass sich Luc aus seiner Chefetage bis zu ihr verirrte, so stellte er sie erbarmungslos zur Rede, sollte sie etwas falsch gemacht haben.

„Du kannst nicht ständig den Kopf in den Sand stecken, Agatha.“ Er schwieg und wartete, bis er ihre volle Aufmerksamkeit hatte. „Wenn du etwas engagierter gewesen wärst, hättest du dich rechtzeitig um einen neuen Arbeitsplatz kümmern können. Dein Gartencenter hat seit zwei Jahren nur Verluste gemacht. Du hättest nicht warten müssen, bis die Pleite kommt und du ohne Job dastehst, weißt du, was ich meine?“

Entrüstet presste Agatha die Lippen aufeinander.

„Aber gut, nun bist du hier und beziehst ein großzügiges Gehalt dafür, dass du absolut kein Interesse an deiner Arbeit zeigst.“

„Ich werde mich mehr bemühen“, murmelte sie und wunderte sich, wie sie jemanden so attraktiv finden und gleichzeitig so verabscheuen konnte. Schwärmte sie vielleicht nur aus Gewohnheit für ihn? Konnte sie nicht anders, weil sie ihn bereits seit ihrer Teenagerzeit anhimmelte?

„Das hoffe ich, und anfangen könntest du mit deinem Kleidungsstil.“

„Wie bitte?“

„Ich sage dir das bloß zu deinem eigenen Besten“, erklärte er in diesem Ton, der nichts Gutes verhieß. „Dein Kleidungsstil hier im Büro ist unangemessen. Hast du dich schon einmal umgesehen und eine meiner Mitarbeiterinnen in langen Zigeunerröcken und schlabberigen Strickjacken gesehen?“

Agatha spürte, wie eine Welle aus Ärger und Scham sie überrollte. Dieser Mann war zwar unglaublich gut aussehend, aber auch Rosen waren nur so lange schön, bis man sich an ihren Dornen stach. Wie habe ich all die Jahre nur so verrückt nach diesem Typen sein können, fragte sie sich erneut. In ihrer Kindheit war er ihr Traumprinz gewesen. Selbst als Danielle bei ihren Eltern eingezogen war und Agatha die Möglichkeit gehabt hatte, Luc ganz aus der Nähe zu sehen, wenn er seine Mutter besuchte und bei ihnen übernachtete, hatte sie sich von seiner Art, sie zu ignorieren, nicht abschrecken lassen.

Sie war nun einmal keine atemberaubende Blondine mit meterlangen Beinen und Traummaßen. So einfach war das. Sie war schlichtweg unsichtbar für ihn.

Dennoch, er war immer sehr höflich zu ihr gewesen.

Doch jetzt hatte er eine Grenze überschritten.

„Meine Kleidung ist bequem“, erklärte sie mit zitternder Stimme. „Ich weiß, dass du mir einen großen Gefallen tust, indem du mir einen Job gibst, obwohl ich für Büroarbeit überhaupt nicht geeignet bin. Aber ich verstehe nicht, warum ich nicht tragen kann, was ich möchte. Ich habe weder Kundenkontakt, noch nehme ich an Konferenzen teil. Und wenn es dir nichts ausmacht, dann würde ich jetzt gern gehen. Ich habe noch eine wichtige Verabredung, ich hoffe also, du entschuldigst mich …?“ Damit erhob sie sich von ihrem Platz.

„Eine Verabredung? Du hast eine Verabredung?“ Luc war so erstaunt, dass er für einen Moment den Faden verlor.

„Warum überrascht dich das?“ Agatha ging hinüber zur Tür und spürte seinen Blick in ihrem Rücken.

„Weil du doch gerade erst ein paar Monate in London bist. Weiß Edith davon?“

„Meine Mutter muss nicht über jedes Detail meines Lebens Bescheid wissen!“

Schuldbewusst sah sie auf den Boden. Ihre Mutter war in dieser Hinsicht sehr altmodisch. Wenn sie wüsste, dass ihr kleines Mädchen mit einem Mann ausgehen würde, den sie gemeinsam mit ihren Freundinnen in einer Bar getroffen hatte, würde sich ihr wohl der Magen umdrehen. Sie würde nicht verstehen, dass so etwas in London ganz normal und Agatha dieses Date sehr wichtig war. Es hatte sie schließlich viel Überwindung gekostet, sich überhaupt darauf einzulassen. Mit ihren zweiundzwanzig Jahren brauchte sie endlich einen echten Mann, der echte Pläne für eine Zukunft mit ihr machte.

„Warte, Agatha – nicht so schnell!“ Blitzschnell fasste Luc sie am Arm und drehte sie zu sich herum.

„Also gut, ich werde morgen ganz früh ins Büro kommen, auch wenn es ein Samstag ist, und mich um den Papierkram kümmern.“ Das Gefühl seiner kräftigen Finger, die ihren Arm drückten, jagte ihr Hitzeschauer über den Rücken. Plötzlich wollte sie diese Verabredung umso mehr. Sie konnte es nicht mehr ertragen, wie ihr Körper auf Luc reagierte. „Ich muss jetzt aber wirklich nach Hause, sonst wird Stewart auf mich warten müssen.“

„Stewart? Heißt dein Date so?“ Er ließ sie los, doch seine Neugier war geweckt. Er hatte fast gedacht, sie hätte gar kein Privatleben. Eigentlich hatte er sich gar keine Gedanken über sie gemacht. Auch wenn seine Mutter hin und wieder anrief, um sich zu erkundigen, wie es Agatha ging. Er hatte ihr den Job gegeben, sichergestellt, dass sie ein gutes Gehalt erhielt, ein viel zu gutes Gehalt, wenn man bedachte, dass sie keinerlei Erfahrung hatte. Und damit hielt er seine Pflicht für erfüllt.

„Ja“, gestand Agatha zögernd.

„Und seit wann kennst du ihn?“

„Ich wüsste nicht, was dich das angeht“, wagte sie einzuwenden. Entschlossen öffnete sie die Tür und verließ das Büro in dem unangenehmen Bewusstsein, dass Luc ihr zum Aufzug folgte. Da es Freitag war, hatte der Großteil der Angestellten auf ihrem Flur das Haus bereits verlassen.

„Es geht mich nichts an? Habe ich gerade richtig gehört?“

„Ja, hast du.“ Frustriert wandte Agatha den Kopf, um Luc anzusehen, und ballte ihre Hände in den Manteltaschen zu Fäusten. „Was ich außerhalb der Arbeitszeit mache, ist ganz allein meine Sache.“

„Ich wünschte, ich könnte dir zustimmen. Aber ob es dir gefällt oder nicht, ich bin hier für dich verantwortlich.“

„Weil meine Eltern vor hundert Jahren deiner Mutter einen Gefallen getan haben? Das ist doch verrückt! Mein Vater war Pastor. Es gehörte zu seinen Aufgaben, sich um seine Gemeinde zu kümmern, und er hat es gern getan. Abgesehen davon war deine Mutter eine Freundin der Familie. Sie hat schließlich unzählige Male bei Kirchenfesten ausgeholfen.“ Sie drückte den Knopf am Aufzug und sah Luc nicht mehr an.

„Jemanden ein Jahr lang bei sich zu beherbergen ist wohl kaum mit ein paar selbst gebackenen Kuchen gutzumachen.“

„Das sahen meine Eltern anders. Und meine Mutter wäre entsetzt, wenn sie wüsste, dass ich dir hier in London zur Last falle.“ Bei diesen Worten kreuzte Agatha schnell die Finger hinter ihrem Rücken. Ihre Mutter machte sich ständig Sorgen um sie und rief täglich an. Sie erinnerte Agatha daran, gesund zu essen und dass London ein sehr gefährliches Pflaster sei. Um dies noch zu bekräftigen, las sie ihr die neuesten Zeitungsartikel über Überfälle und Morde in der Hauptstadt vor. Agathas Versicherungen, dass sie weit von diesen Schauplätzen entfernt lebte, beruhigten ihre Mutter keineswegs. Wenn sie wüsste, dass Luc auf sie aufpasste, könnte sie sicher ruhiger schlafen.

Endlich öffneten sich die Aufzugtüren vor ihnen, und Agatha sah Luc alarmiert an, als er mit ihr in den Aufzug stieg. „Was … was hast du vor?“

„Ich fahre mit dir nach unten.“

„Aber ich dachte, du müsstest dieses dringende Geschäft abschließen, von dem du mir erzählt hast.“ Sie wollte gerade den Knopf für das Erdgeschoss drücken, als Luc seine Hand an ihr vorbeischob und auf Parkdeck drückte. Ärgerlich wirbelte sie zu ihm herum.

„Warum fahren wir zum Parkdeck?“

„Weil mein Auto dort steht und ich dich nach Hause bringen werde.“

„Bist du verrückt?“

„Willst du die Wahrheit hören?“

Agatha hatte eigentlich genug Wahrheiten von ihm gehört an diesem Tag, doch sie brachte kein Wort über die Lippen, um ihn aufzuhalten.

„Ich habe gestern mit meiner Mutter telefoniert“, begann Luc unverblümt. „Sie hat mir ziemlich klar zu verstehen gegeben, dass ich nicht genug Interesse an dir gezeigt habe, seit du hier bist.“

Der Gefallen, den er seiner Mutter getan hatte, forderte einen höheren Preis, als Luc zunächst angenommen hatte. Auch wenn ihn die Meinung anderer Leute normalerweise nicht interessierte, hatte er, weil es seine Mutter war, die Zähne zusammengebissen und ihr versprochen, sich mehr um Agatha zu kümmern.

Agatha starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Sie merkte nicht einmal, wie sich die Aufzugtüren öffneten und Luc sie zu einem glänzenden Aston Martin führte, so beschämt war sie. „Das glaube ich dir nicht“, brachte sie mit gepresster Stimme hervor.

„Es ist aber so. Edith macht sich Sorgen. Sie meint, du klingst nicht glücklich am Telefon, du würdest kaum von deinem Job erzählen, und du hättest abgenommen, seit sie dich das letzte Mal gesehen hat.“

Soweit Luc es unter dem unförmigen Mantel erkennen konnte, wirkte sie allerdings ziemlich rund und gesund.

Agatha stöhnte und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen.

„Na los, schnall dich an, und sag mir, wo du wohnst.“

Während er, nachdem sie ihm zähneknirschend ihre Adresse mitgeteilt hatte, auf dem Navigationsgerät herumdrückte, ging Agatha noch einmal im Geiste die letzte Stunde durch – angefangen mit seinem plötzlichen Interesse daran, ihr anspruchsvollere Tätigkeiten zu geben.

„Ich fühle mich schrecklich.“ Sie kühlte ihre glühenden Wangen mit ihren eisigen Handrücken.

„Was soll ich denn sagen?“

„Hast du mir deswegen all diese neuen Aufgaben übertragen?“

„Ich möchte einfach, dass du dich mehr anstrengst, dann hast du vielleicht auch nicht mehr so viel Zeit, dich bei deiner Mutter am Telefon zu beschweren, wie gelangweilt und unglücklich du bist. Ich weiß wirklich nicht, wie ich plötzlich in diese Kindergärtnerrolle rutschen konnte. Anders kann man es wohl kaum nennen.“

„Ich will doch gar nicht, dass du dich um mich kümmerst!“, jammerte Agatha verzweifelt.

Das ist eigentlich mal etwas Neues, normalerweise wollen die Frauen nichts als meine Aufmerksamkeit, dachte Luc für einen Moment.

„Ich erweitere doch bloß deinen Arbeitsbereich. Interessantere Projekte, weniger Kopierjobs. Darum solltest du dir jetzt auch mal Gedanken über deine Garderobe machen. Wenn du demnächst Kundenkontakt hast, kannst du nicht in einem Sack und alten Schuhen herumlaufen.“

„Gut, ich denke darüber nach“, versprach sie, bloß um dieses furchtbare Gespräch endlich zu beenden.

„Und auch wenn es dir nicht passt, ich bringe dich jetzt nach Hause, weil ich mich davon überzeugen möchte, dass du dich nicht mit irgendeinem zwielichtigen Typen triffst. Das Letzte, was ich im Moment brauchen kann, ist meine Mutter, die wie ein Racheengel in meinem Büro auftaucht, nur weil du Mist gebaut hast.“

Agatha wollte am liebsten im weichen Leder des Autositzes verschwinden. Sie hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so gedemütigt gefühlt. In ihren Träumen hatte sie sich zwar schon viele Szenarien mit Luc ausgemalt, doch dass er mal Interesse an ihr zeigen würde, weil er quasi dazu gezwungen wurde, war wohl das Unangenehmste, was sie sich vorstellen konnte. Und dazu noch von ihm gesagt zu bekommen, dass sie wie eine Pennerin aussah, war an Peinlichkeit nicht zu überbieten.

Sie hätte diesen Job niemals antreten sollen. Es kam nie etwas Gutes dabei heraus, wenn man die Hilfe anderer annahm. Auch wenn seine Mutter damals bei ihnen in das Pfarrhaus eingezogen war, handelte es sich in Agathas Fall um eine völlig andere Situation. Luc war kein freundlicher, älterer Mann, der nichts lieber tat, als seinen Nachbarn in der Not zu helfen, sondern ein wildes Raubtier, das skrupellos seine Krallen in den Empfänger seiner Barmherzigkeit schlagen würde, wenn ihm danach war.

„Ich kann schon allein auf mich aufpassen“,

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