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Mit Sicherheit Liebe

1. KAPITEL

Garrett King kam sich vor wie in der Hölle.

Dutzende Kinder tobten um ihn herum, lachend, kreischend, lärmend. Am liebsten hätte er sich die Hände auf die Ohren gepresst. Dieser Ort sollte ein „Paradies für Groß und Klein“ sein? In seinen Augen nicht.

Warum hat er sich nur zum Besuch dieses Freizeitparks überreden lassen?

Wahrscheinlich werde ich auf meine alten Tage zu nachgiebig, dachte er und stützte sich mit der Hand an dem Metallgeländer ab. Doch sofort zog er sie angeekelt wieder zurück. Als er seine Handfläche betrachtete, sah er, dass sie mit Zuckerwatte verschmiert war. Seufzend säuberte er sie mit einem Taschentuch.

Eigentlich sollte ich im Büro sitzen, dachte er, während er das Papiertaschentuch zusammenknüllte und in einen Abfalleimer warf. Ich könnte Rechnungen überprüfen oder mich um den neuen Kunden kümmern. Aber nein, ich musste ja unbedingt meinem Cousin einen Gefallen tun.

Jackson King hatte einfach nicht lockergelassen; er hatte Garrett bei diesem Familienausflug unbedingt dabeihaben wollen. Offenbar nur, weil Jacksons Frau Casey meinte, dass Garrett zu oft allein war. Eigentlich fand er Casey sogar ganz nett. Aber sie begriff anscheinend nicht, dass manche Männer gerne allein waren.

Casey und Jackson ihre Bitte abzuschlagen – das hätte Garrett vielleicht sogar noch geschafft. Aber dann hatte sein Cousin einen schmutzigen Trick angewandt.

Er hatte seine Töchter dazu gebracht, ihren „Onkel Garrett“ zu fragen, ob er nicht mitkommen wollte. Bitte, bitte. Und als die drei süßesten Kinder der Welt Garrett erwartungsvoll angeblickt hatten, war es natürlich ganz unmöglich gewesen, Nein zu sagen. Das hatte Jackson wirklich geschickt eingefädelt!

„He, Cousin!“ Das war Jacksons Stimme. Garrett wandte sich um und schaute ihn böse an.

Jackson lachte nur. „Casey-Schatz“, sagte er zu seiner umwerfend hübschen Frau, „hast du nicht auch den Eindruck, dass Garrett ein bisschen unglücklich wirkt? Als ob er in diesem Kinderparadies überhaupt keinen Spaß hätte.“

„Vielleicht bin ich für so etwas einfach zu erwachsen“, erwiderte Garrett mit lauter Stimme, um den Kinderlärm zu übertönen. „Ich glaube, ich verdünnisiere mich jetzt. Dann könnt ihr euren Familienausflug besser genießen.“

„Aber du gehörst doch auch zur Familie, Garrett“, stellte Casey fest.

Gerade als Garrett etwas erwidern wollte, spürte er, wie jemand von unten an seinem Hosenbein zog. Es war die kleine Mia, die erwartungsvoll zu ihm hochsah. „Onkel Garrett, fährst du mit uns Achterbahn?“

Mia King war fünf Jahre alt und schon eine kleine Herzensbrecherin. Wenn sie einen mit ihrer Zahnlücke so anlächelte, konnte man ihr einfach nicht widerstehen. Und das schien sie ganz genau zu wissen.

„Äh, na ja …“ Hinter Mia standen ihre beiden jüngeren Schwestern Molly und Mara. Molly war drei, Mara lernte gerade laufen. Diesem niedlichen Trio habe ich nichts entgegenzusetzen, dachte Garrett.

Nein, früher abzuhauen, daraus würde wohl nichts werden. Einem kleinen Mädchen, das eine Schnute zog, war schon schwer zu widerstehen. Aber dreien auf einmal – das war völlig aussichtslos.

„Ich könnte ja auch einfach hier stehen bleiben und auf eure Sachen aufpassen, während ihr Achterbahn fahrt.“

Garrett ignorierte Jacksons Lachen. Fast fühlte er sich gedemütigt. Er leitete die angesehenste Sicherheitsfirma des Landes, und jetzt stand er hier und verhandelte mit einer Fünfjährigen.

Garrett und Jackson waren nicht nur verwandt, sie waren auch eng befreundet. Die meisten Cousins aus der Familie King verstanden sich gut, aber er und Jackson kooperierten obendrein geschäftlich, wenn es sich einrichten ließ. Jackson war Inhaber der Firma King Jets, die Luxusflugzeuge an schwerreiche Kunden vermietete. Auch Garrett hatte vorwiegend wohlhabende Kunden, und denen empfahl er die Dienste seines Cousins, wenn sie mal auf die Schnelle ein Privatflugzeug brauchten.

Weil Jacksons Frau Casey in ihrer Ehe so glücklich war, fühlte sie sich berufen, jeden Junggesellen – ob er sich nun als Single wohl fühlte oder nicht – zu verheiraten.

Jackson nahm Mara auf den Arm. „Na, du bist für so eine wilde Fahrt noch etwas zu klein, was?“ Als das Kind ihn spielerisch in die Wange kniff und dabei lachte, schmolz der stolze Vater förmlich dahin. Wenn es um seine Familie geht, ist Jackson weich wie Wachs, dachte Garrett versonnen. Komisch, dabei ist er im Geschäftsleben ein harter Hund, dem man besser nicht in die Quere kommt.

„Machen wir’s so“, schlug Garrett vor und nahm seinem Cousin das Kind ab. „Ich passe auf die Kleine und euer ganzes Zeug auf, während ihr Achterbahn fahrt.“

„Aber willst du denn gar nicht mit mir fahren?“, fragte die kleine Mia enttäuscht und verzog den Mund.

„Sie kann schon sehr professionell schmollen“, kommentierte Jackson lachend.

Garrett bückte sich und sah ihr in die Augen. „Irgendjemand muss ja auf dein Schwesterchen aufpassen. Erzähl mir hinterher einfach, wie es gewesen ist, okay?“

Offenbar war sie es nicht gewohnt, dass man ihr eine Bitte abschlug, aber schließlich willigte sie ein. „Okay.“

Casey nahm die beiden größeren Mädchen an die Hand, lächelte Garrett zu und machte sich auf den Weg zur Warteschlange.

„Eigentlich habe ich dich nicht gebeten mitzukommen, damit du nur tatenlos in der Gegend rumstehst“, kommentierte Jackson.

„Ja, warum hast du mich überhaupt gebeten? Und warum habe ich da mitgespielt?“

Jackson lachte und blickte über die Schulter zu seiner Frau hinüber. „Warum ich dich gebeten habe? Casey zuliebe. Sie glaubt, du wärst einsam. Und ich habe keine Lust, mir ihr Gejammer über dich ständig allein anzuhören.“

Mara patschte Garrett mit ihrem kleinen Händchen ins Gesicht. Er lächelte die Kleine an. „Dein Daddy hat Angst vor deiner Mommy.“

„Stimmt genau“, gab Jackson lachend zu. Dann wandte er sich um, um seiner Familie zu folgen, und rief Garrett aus der Ferne zu: „Falls sie unruhig wird – in der Tasche ist ihr Fläschchen.“

„Mit einem Baby werde ich schon noch fertig“, rief Garrett zurück, aber Jackson war schon in der Menge verschwunden.

„Jetzt sind wir beide ganz allein, Kleines“, sagte Garrett. Mara fing an zu strampeln, als wollte sie lieber auf ihren eigenen Beinchen stehen. „Nichts da, ich lasse dich lieber nicht runter“, murmelte Garrett. „Wenn du mir abhaust, bringt deine Mommy mich um.“

„Runter.“ Aufsässig blickte Mara ihn an.

„Nein.“

Statt zu quengeln, strahlte sie ihn jetzt übers ganze Gesicht an.

„Oh Mann“, murmelte Garrett. „Männer um den Finger zu wickeln – das ist euch Frauen wohl schon in die Wiege gelegt.“

Plötzlich ertönte Musik; die Parade der berühmten Fantasiefiguren des Parks zog in der Nähe vorbei. Die Menge jubelte, als ein Hund mit Zylinder mit der Märchenprinzessin Cinderella einen Walzer tanzte. Garrett hielt das Baby auf dem Arm und fühlte sich hier völlig fehl am Platze.

Das ist einfach nicht meine Welt, dachte er. Dieser Kinderkram. Ich bin ein Mann der Gefahr. Wenn ein Attentäter hinter seinem Opfer her ist, wenn jemand gekidnappt wurde, wenn es einen Juwelenraub gegeben hat – dann bin ich in meinem Element.

Vergnügungsparks, glückliche Menschen, Kinderlachen – das konnte ihn nicht begeistern.

So war das wohl, wenn man die erfolgreichste Sicherheitsfirma des Landes leitete. Wenn man ständig mit Gefahr und Verbrechen zu tun hatte, sah man die Welt eben mit anderen Augen. Zu den Kunden der Firma zählten reiche Industrielle, Computermilliardäre, Adlige, Politiker. Weil die King-Brüder selbst ungeheuer reich waren, konnten sie sich als Sicherheitskräfte in diesen Kreisen bewegen, ohne aufzufallen. Mit ihrer Erfahrung war auch ihr Renommee gewachsen. Wahrscheinlich waren sie inzwischen sogar die erfolgreichste Sicherheitsfirma weltweit. Die King-Zwillinge flogen im Auftrag ihrer Kunden um die ganze Welt. Ja, in ihrem Geschäft, ihrem Tätigkeitsbereich, waren Garrett und sein Zwillingsbruder Griffin unschlagbar. Um den Preis, dass sie nicht besonders entspannt, ausgeglichen und optimistisch waren. Aber es musste ja auch Menschen wie ihn und Griff geben. Menschen, die sich um die Drecksarbeit kümmerten.

Ja, er brauchte einfach Risiko und Gefahr, um sich wohl zu fühlen. Nachdenklich blickte er zu Jackson und seiner Familie hinüber. Sie standen immer noch in der Warteschlange. Casey hielt Molly an der Hand, Jackson trug Mia auf den Schultern. Sie sahen glücklich aus – die vollkommene Familie. Garrett freute sich für seinen Cousin. Er freute sich ehrlich für alle Mitglieder der Familie King, die in letzter Zeit den Schritt ins Eheleben gewagt und eine Familie gegründet hatten. Aber er würde es ihnen nicht nachtun.

Männer wie er waren für so eine Art Happy End nicht geschaffen.

„Aber das ist schon in Ordnung so“, murmelte er und küsste die kleine Mara auf die Stirn. „Dafür verbringe ich hin und wieder Zeit mit euch. Ist doch auch was.“

Sie brabbelte etwas, das er als Zustimmung deutete, dann wies sie mit ihrem kleinen Händchen zum Ballonverkäufer, der in der Nähe stand. „Ball … Ballon!“

Garrett wollte ihr gerade einen kaufen, als er die Frau bemerkte.

Alexis Morgan Wells genoss den Tag. Disneyland erfüllte nicht nur ihre Erwartungen, es übertraf sie sogar. Es war einfach wunderschön hier. Die Musik, das Lachen. Die als Zeichentrickfiguren verkleideten Schauspieler, die überall herumliefen und mit den Besuchern Späße machten. Es war wie Kindheit, Träume und Zauberei – alles zusammen in einer großen, bunten Wundertüte.

Doch ihre gute Laune verschlechterte sich schlagartig, als sie den Mann auf sich zukommen sah. Den lästigen Kerl, der sie vorhin schon einmal bedrängt und versucht hatte, ihr ein Gespräch aufzuzwingen.

Und nun probierte er es wieder.

„Jetzt sei doch nicht so zickig, Kleines. Ich bin doch kein Stalker oder so. Ich will dich nur zum Essen einladen. Was ist denn daran so schlimm?“

Sie zwang sich zu einem höflichen Lächeln. „Ich habe Ihnen doch schon gesagt, ich möchte das nicht. Würden Sie mich bitte in Ruhe lassen?“

Er ließ sich nicht entmutigen und grinste. „Was für einen süßen Akzent du hast. Kommst du aus England?“

An meiner Aussprache muss ich noch arbeiten, dachte sie. Wenn ich mich nicht konzentriere, merkt man sofort, dass ich nicht von hier bin.

Allerdings stammte sie nicht aus England, sondern aus dem kleinen Land Cadria.

Wenn sie sich Mühe gab, bekam sie auch die amerikanische Aussprache hin, schließlich stammte ihre Mutter aus Kalifornien. Beim Gedanken an ihre Mutter kamen Schuldgefühle in ihr auf, aber sie versuchte, sie zu unterdrücken. Darum würde sie sich später kümmern. Sie würde ihrer Mutter erklären, warum sie „ausgerissen“ war, und ihre Mom würde Verständnis dafür haben, da war sie sich sicher. Allerdings würde sie ihr auch Vorwürfe machen: „Kind, wir haben uns Sorgen gemacht“ und so weiter. Und darauf hatte sie im Moment so gar keine Lust.

Schließlich bin ich erwachsen, dachte Alex trotzig. Da darf ich mir doch wohl mal spontan einen kleinen Urlaub gönnen. Ihre Schuldgefühle schwanden, und sie fühlte sich wieder besser. Bis ihr bewusst wurde, dass ihr hartnäckiger Verehrer immer noch auf sie einredete. Er war nicht nur lästig, er zog auch die Aufmerksamkeit der anderen Menschen auf sich und sie – und das war etwas, was Alex um jeden Preis vermeiden wollte.

Sie versuchte, den Mann zu ignorieren, und beschleunigte ihre Schritte. Sie trug eine lange weiße Bluse im Tunika-Stil, Jeans und blaue hochhackige Schuhe. Turnschuhe wären jetzt besser, dachte sie. Dann könnte ich dem Kerl davonlaufen.

Aber nein, das ging ja auch nicht. Wenn sie inmitten all dieser entspannten und vergnügten Menschen plötzlich wie eine Wahnsinnige zu rennen begann, würde sie erst recht Aufmerksamkeit erregen. Und das durfte sie nicht.

„Jetzt komm schon, Kleine. Einen Happen mit mir zu essen, da ist doch nichts dabei.“

„Tut mir leid, ich bin gerade auf Radikaldiät“, gab sie kühl zurück. „Ich ernähre mich nur von Luft und Wasser.“

„Was?“, fragte der Mann verständnislos. Er war nicht nur lästig, er verstand nicht einmal einen Scherz.

„Ach, nichts“, erwiderte sie und ging hastig weiter. Ich darf nicht mit ihm reden, sagte sie sich, sonst ermutige ich ihn nur. Am besten ignoriere ich ihn völlig, dann wird er schon irgendwann aufgeben.

Schnellen Schrittes ging sie auf die nächste Attraktion zu, den schneebedeckten Berg mitten im heißen Anaheim, Kalifornien. Wahrscheinlich einer der bekanntesten Berge der Welt – jedenfalls der bekannteste künstliche. Auch für das Fahrgeschäft hier gab es lange Warteschlangen. Als sie ihren Blick über die Menschenmenge schweifen ließ, sah sie ihn. Er schien sie zu beobachten. Ein großer schwarzhaariger Mann, der ein niedliches Baby dabeihatte.

Merkwürdigerweise hatte sie das Gefühl, ihn zu kennen. Als hätte sie instinktiv schon immer nach ihm, genau ihm, gesucht. Doch nach dem Baby zu urteilen, hatte eine andere Frau ihn schon vor ihr gefunden.

„Jetzt lauf doch nicht so schnell, Kleines“, prustete der lästige Verfolger hinter ihr.

Alex fixierte den Mann mit dem Baby und bemerkte, dass er ihren Blick erwiderte. Als er den Mann hinter ihr sah, schien er die Situation sofort zu verstehen.

„Da bist du ja, Liebling“, rief er laut und lächelte Alex zu. „Wo hast du denn gesteckt?“

Erleichtert nahm sie seine spontane Hilfe an und lief ihm entgegen. Lächelnd legte er ihr einen Arm um die Schulter und zog sie an sich. Dann warf er einen prüfenden Blick auf den enttäuschten Verfolger.

„Haben Sie irgendein Problem?“, fragte er den Mann herausfordernd.

„Nein, nein“, murmelte der Mann eingeschüchtert und schüttelte den Kopf. „Kein Problem. Es … es ist alles bestens. Ich muss dann mal. Wiedersehen.“

Blitzschnell war er verschwunden.

Alex atmete erleichtert auf. Der lästige Verehrer hatte ihr zwar keine Angst gemacht, aber sie hatte auch keine Lust gehabt, sich ihren ersten Tag in Disneyland von ihm verderben zu lassen. Noch immer hatte ihr Retter den Arm um ihre Schulter gelegt, und sie stellte fest, dass es ihr gefiel. Er war groß und stark, ein richtiger Beschützertyp. Es beeindruckte sie, dass er ihr so spontan geholfen hatte.

„Bon… Ballon.“

Die Stimme des kleinen Kindes riss Alex aus ihren schwärmerischen Gedanken. Schlagartig wurde ihr wieder bewusst, dass ihr Held offenbar Vater eines Babys und damit sicherlich auch verheiratet war. Aufseufzend schlüpfte sie aus seiner Umarmung. Dann lächelte sie das Baby an. „Du bist ja ein süßer kleiner Wonneproppen. Dein Vater ist sicher mächtig stolz auf dich.“

„Das ist er allerdings“, bestätigte ihr Retter. „Und er hat noch zwei von der Sorte.“

„Oh, noch zwei? Das ist ja toll.“ Dabei fand sie es in Wirklichkeit gar nicht so toll. Irgendwie enttäuschend, dass dieser hilfsbereite Prachtkerl schon Vater dreier Kinder war.

„Ja, nicht? Mein Cousin und seine Frau machen mit den anderen beiden gerade die Achterbahn-Bergfahrt. Ich passe solange auf die Kleine hier auf.“

„Oh.“ Sie lächelte. Das war mal eine gute Nachricht. „Sie … Sie sind also nicht ihr Vater?“

Er erwiderte ihr Lächeln, als ob er ihre Gedanken erraten hätte. „Um Himmels willen, nein. So etwas würde ich einem süßen kleinen Kind doch nicht antun wollen. Mich als Vater.“

Alex sah ihm in die Augen. Humor hatte er also auch. Sehr gut! „Wieso denn nicht?“, fragte sie lächelnd. „Ein Held ist doch bestimmt auch ein guter Vater.“

„Ein Held?“, fragte Garrett geschmeichelt. „Nun übertreiben Sie mal nicht.“

„Doch, für mich sind Sie ein Held. Ich konnte diesen aufdringlichen Kerl einfach nicht loswerden, und dann sind Sie als Retter in der Not gekommen und …“

„Ach, das habe ich doch gerne getan. Aber Sie hätten auch einfach zu einem der Wachleute gehen können, der hätte sich den Kerl geschnappt und mit sanfter Gewalt nach draußen befördert.“

Nein, genau das hätte sie nicht tun können. Denn dann hätte sie mit Sicherheit eine Aussage machen und irgendwelche Papiere ausfüllen müssen – und schon hätte man gewusst, wer sie war, und ihr geplanter schöner Tag wäre ruiniert gewesen.

Sie schüttelte den Kopf und strich sich eine Strähne ihres langen blonden Haars aus dem Gesicht. „Ach, der Mann war ja nicht gefährlich. Nur lästig.“

Ihr Beschützer lachte, und es klang wie Musik in ihren Ohren.

„Bon… Ballon“, brabbelte das kleine Mädchen fordernd. Wenn so ein kleines Kind sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte …!

„Ach ja, dein Ballon, du kleiner Quälgeist.“ Er gab dem Ballonverkäufer ein Zeichen, und der Mann eilte herbei und band dem Baby die Schnur eines Ballons ums Handgelenk. Während Garrett den Verkäufer bezahlte, bewegte die Kleine den Arm auf und ab und beobachtete glucksend vor Begeisterung, wie der Ballon nach ihrem Willen tanzte.

„Ich glaube, wir sollten uns einander erst einmal vorstellen“, sagte der Retter mit seiner tiefen, sympathischen Stimme. „Diese anspruchsvolle junge Dame heißt Mara, und ich bin Garrett.“

„Ich heiße Alexis, aber Sie dürfen ruhig Alex sagen“, erwiderte sie und streckte ihm die Hand entgegen.

Als er ihre Hand ergriff, durchrieselte es sie warm und wohlig. Es tat ihr richtig leid, als er sie wieder losließ.

„Und, gefällt es Ihnen hier, Alex?“

Sie lachte verlegen. „Und wie – von dieser kleinen Störung mal abgesehen. Es ist wirklich toll. Ich bin zum ersten Mal hier, aber ich hatte schon so viel davon gehört und …“

„Zum ersten Mal? Das erklärt einiges.“

„Was meinen Sie damit?“

„Beim ersten Mal ist man noch so begeistert, dass einen die Schlangen und Menschenmengen nicht stören.“

„Ach so, nein, das gehört doch dazu. Außerdem sind die Leute alle so nett, mal abgesehen von …“

„… gewissen hartnäckigen Verehrern?“

„Ja, genau.“ Widerstrebend trat Alex einen Schritt zurück. So schön sie es auch fand, mit einem attraktiven Mann zu reden, der keine Ahnung hatte, wer sie war – für sie wäre es besser, sich jetzt zu verabschieden. „Nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe, aber ich glaube, ich muss jetzt los …“

Nachdenklich und ein wenig enttäuscht sah er sie an. „Sind Sie mit jemandem verabredet?“

„Nein, aber …“

„Warum haben Sie es dann so eilig?“

Ihr Herz schlug schneller. Wie schön, er wollte nicht, dass sie schon ging. Er schien sie wirklich zu mögen.

Das niedliche kleine Mädchen spielte begeistert mit seinem Ballon und beachtete die beiden Erwachsenen kein bisschen.

Alex verlor sich in Garretts blauen Augen und dachte angestrengt nach. Sie durfte nicht auffallen, sicher. Aber das hieß doch nicht, dass sie während ihres Aufenthalts hier wie eine Einsiedlerin leben musste, oder? Und wenn sie schon Urlaub von allem machte, dann durfte ein unschuldiger kleiner Flirt wohl drin sein. Oder etwa nicht?

„Wenn Sie alleine hier sind“, fügte er hinzu, „können Sie uns doch Gesellschaft leisten. Mir würden Sie einen großen Gefallen damit tun. Sie würden mich gewissermaßen vor den Kindern schützen.“

„Sie brauchen jemanden, der Sie beschützt?“

„Und wie. Ich weiß zwar nicht, warum, aber die Mädels meines Cousins sind geradezu verrückt nach mir. Wer weiß, was passiert, wenn Sie mir nicht ein bisschen Rückendeckung geben?“

Das hört sich verlockend an, dachte Alex. Verflixt verlockend. Ich bin ja erst seit drei Tagen in Amerika, aber langsam fühle ich mich ein bisschen … isoliert. So interessant es ist, allein etwas zu unternehmen – man kommt sich doch ziemlich einsam vor. Ein paar Freunde habe ich zwar in den Vereinigten Staaten, aber die kann ich nicht anrufen. Denn dann würde meine Familie bestimmt erfahren, wo ich bin, und mit meiner Freiheit wäre es vorbei.

Was konnte es schon schaden, den Tag mit einem überaus attraktiven Mann und seiner Verwandtschaft zu verbringen? Nichts. Eben. Sie holte tief Luft. „Okay, einverstanden, danke. Sie haben mich gerettet – jetzt rette ich Sie.“

„Das freut mich wirklich. Mein Cousin und die ganze Bagage sollten gleich wieder hier sein. Während wir auf sie warten, können Sie mir ja erzählen, wo Sie herkommen. Sie haben so einen niedlichen Akzent. Hört sich ein bisschen wie britisches Englisch an – aber doch nicht so ganz.“

Erschrocken zuckte sie zusammen, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. „Sie haben ein sehr feines Gehör.“

„Man tut, was man kann“, erwiderte er lächelnd. „Aber das war noch keine Antwort.“

Nein, allerdings nicht. Schade, dass ihm das nicht entgangen war. Von Kindesbeinen an hatte Alex gelernt, wie man auf Fragen antwortete, ohne wirklich etwas zu sagen. Ihr Vater wäre stolz auf sie gewesen. Beantworte nie direkt eine Frage, Alexis. Halte dich immer im Ungefähren. Pass genau auf, was du sagst, Alexis. Du trägst gegenüber deiner Familie eine große Verantwortung. Gegenüber deiner Familie, gegenüber deinem Erbe, gegenüber deinem Volk …

„He, Alex …?“

Seine besorgte Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Das empfand sie fast wie eine zweite Rettung. Denn sie wollte jetzt nicht an ihre Pflichten denken. An die Rolle, die sie in der Geschichte spielte. Sie wollte einfach nur Alex sein.

Deshalb wollte sie auch nicht seiner Frage ausweichen, sondern schlug ihm vor: „Versuchen Sie doch zu erraten, woher ich stamme. Ich sage Ihnen dann, wenn Sie richtig liegen.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Da lassen Sie sich mit dem Falschen ein, aber schön, einverstanden. Wetten wir um fünf Dollar, dass ich es bis heute Abend herausbekomme.“

Hoffentlich nicht, dachte sie. Dann ist der Spaß nämlich vorbei. „Fünf Dollar?“, fragte sie. „Das ist ja nicht gerade ein großer Einsatz.“

„Ach, das reicht Ihnen nicht?“ Sein siegesgewisses Lächeln verzauberte sie. „Schön, ich bin für Vorschläge offen.“

Dieser Blick! Ihr wurde ganz heiß.

„Ach nein, lassen wir es dabei“, erklärte sie hastig. Warum machte er sie nur so nervös? War sie doch nicht bereit für einen kleinen Flirt? Oder war dieser tolle Garrett eine Nummer zu groß für sie? Sie versuchte, sich zu beruhigen. „Fünf Dollar sind schon okay. Also abgemacht.“

„Abgemacht“, bestätigte er und lächelte wieder. „Aber Sie sollten wissen, dass man mit mir lieber nicht wettet. Ich gewinne nämlich immer.“

„Sie sind ganz schön selbstbewusst, was?“

„Und wie.“

Es durchrieselte sie heiß. Wie gut das tat! Wie kam es nur, dass er sie so verzauberte?

„Das hat Spaß gemacht, Onkel Garrett.“

Ein kleines Mädchen war herangeeilt und schlang die Arme um Garretts Knie. Es lächelte zu ihm hoch und blickte misstrauisch Alex an. „Wer bist du denn?“

„Das ist Alex“, erklärte Garrett. „Alex, das ist die kleine Mia.“

Alex lächelte das Mädchen an, das etwas verunsichert wirkte.

„Mia, du sollst doch nicht weglaufen“, rief eine dunkle männliche Stimme. „In diesen Menschenmengen kannst du ganz schnell verloren gehen.“

Alex wandte sich um und sah, wie ein attraktives Paar auf sie zukam. Auf den Schultern des Mannes saß eine Miniaturversion der immer noch misstrauischen Mia.

„Alex“, sagte Garrett schnell, „das sind mein Cousin Jackson und seine Frau Casey, und das hübsche Mädchen heißt Molly.“

„Ich freue mich, Sie alle kennen zu lernen.“

Jackson musterte Alex kurz und zwinkerte dann seiner Frau zu. „Donnerwetter. Kaum lässt man Garrett ein paar Minuten allein, trifft er die schönste Frau in ganz Disneyland.“

Seine Frau stieß ihm scherzhaft den Ellenbogen in die Rippen.

„Von dir natürlich abgesehen, Schatz. Denn du bist die schönste Frau der Welt.“

„Geschickt aus der Affäre gezogen“, kommentierte Casey und lächelte Alex an.

„Du warst schon immer ein alter Schmeichler, Jackson“, stellte Garrett fest.

„Das hält die Liebe frisch“, erwiderte sein Cousin und gab seiner Frau einen Kuss auf die Wange.

Alex lächelte amüsiert. Alle in der Familie schienen sich wirklich zu lieben – das machte sie fast ein wenig eifersüchtig. Um endlich einmal ein bisschen Zeit für sich zu haben, hatte sie ihrer Familie davonlaufen müssen. Sie vermisste sie, sogar ihren herrischen Vater, das wurde ihr in Gegenwart dieser freundlichen Menschen erst so richtig bewusst.

„Schön, Sie kennen zu lernen, Alex“, sagte Casey und gab ihr die Hand.

„Danke. Ich muss gestehen, all die Eindrücke hier sind fast ein bisschen zu viel für mich. Ich bin nämlich zum ersten Mal in Disneyland und …“

„Zum ersten Mal?“, unterbrach die kleine Mia. „Dabei bist du doch schon so alt.“

„Mia, so was sagt man nicht“, tadelte Casey.

Garrett und Jackson lachten, und Alex stimmte in das Gelächter ein. Sie beugte sich zu ...

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