Logo weiterlesen.de

Jennifer Benkau wurde im April 1980 in der Klingenstadt Solingen geboren und lebt heute mit ihrem Mann, einem Haufen Kindern und zwei Hunden im Rheinland. Nachdem sie in ihrer Jugend Geschichten in eine anachronistische Schreibmaschine hämmerte, verfiel sie pünktlich zum Erwachsenwerden in einen literarischen Dornröschenschlaf, aus dem sie im Dezember 2008 von ihrer ersten Romanidee stürmisch wachgeküsst wurde. Gut ausgeschlafen widmet sie sich seitdem Romanen für Erwachsene und Jugendliche.

»Guten Abend, gute Nacht

mit Rosen bedacht

mit Näglein besteckt

schlüpf unter die Deck’

Morgen früh, wenn Gott will

wirst du wieder geweckt

Morgen früh, wenn Gott will

wirst du wieder geweckt.«

»Mami? Und was, wenn Gott einmal nicht will?«

1

»Morgen früh, wenn Gott will

wirst du wieder geweckt.«

Johannes Brahms

Ich bekam dieses alte Kinderlied und die Frage, die ich mir dazu gestellt hatte, einfach nicht aus dem Kopf.

An die Antwort, die meine Mutter mir damals gegeben hatte, konnte ich mich nicht mehr erinnern; ich wusste nicht einmal, ob sie mir überhaupt geantwortet hatte. Ich war erst vier Jahre alt gewesen, höchstens fünf. Aber ich wusste noch, dass meine Mutter beim Zubettgehen fortan andere Lieder gesungen hatte. Nie wieder hatte ich von ihr Guten Abend, gute Nacht gehört.

Jetzt sehnte ich mich nach der tröstenden Melodie, den mir immer noch vertrauten Zeilen. Doch alles blieb still, niemand sprach ein Wort, das mir etwas gegeben hätte; erst recht keinen Trost. Eine Krankenschwester bat mich Platz zu nehmen und berührte meine Schulter, ehe sie ging, eine hilflose Geste der Anteilnahme, an der ich nicht Anteil nehmen konnte. Meine Welt schien stumm und starr geworden zu sein. Weißes Rauschen, ohne Inhalt.

Das ist der Schock, dachte ich.

Ich bin doch die Braut.

Das Leder knirschte unter meinen Oberschenkeln, wann immer ich hin und her rutschte, weil mir das Stillsitzen so schwerfiel. Ich schwitzte, die Feuchtigkeit klebte mir die Hose an den Po. Hinter den geschlossenen Fenstern bewegten sich sattgrüne Bäume in der Sommerbrise. Im Zimmer regte sich kein Lüftchen. Ich nahm ein gefülltes Wasserglas vom Tisch und stellte es, ohne einen Schluck getrunken zu haben, genau dorthin zurück, wo ein feuchter Kreis auf dem Tisch war. Ich hätte keinen Tropfen runterbekommen, selbst das Atmen fiel mir mit jedem Zug schwerer.

Es klopfte. Im gleichen Moment wurde die Tür geöffnet, und ein Arzt kam herein. Er nickte mir ernst zu, ehe er um den Schreibtisch herumging und sich dort auf einem Drehsessel niederließ. Auf meiner Seite des Tisches standen dieselben Sessel, bequem und teuer. Untypisch, dass man in einem städtischen Krankenhaus auf hochwertigen Lederstühlen wartete. Vermutlich war das nur in dem Raum der Fall, der für die schlechten Nachrichten reserviert war. Wir ruinieren Ihr Leben – aber Sie sitzen bequem dabei. Das ist doch schon mal was! In den verschlossenen Hängeschränken und penibel abgestaubten Kommoden war sicher eine unzählbare Menge an Informationsbroschüren über alle möglichen Krankheiten und Therapieformen. Und Beruhigungsmittel. Für die armen Tröpfe, die hier saßen. Wie ich.

Auf dem Tisch befanden sich eine Flasche Mineralwasser, weitere kopfstehende Gläser und eine Schale mit Bonbons. An den Wänden hingen ein paar gerahmte Kinderzeichnungen, frühes Grundschulkinderalter, alle zeigten Motive ohne Hintergrund. Es war Nachmittag, und ich fragte mich, wie die Vertretung mit meiner Klasse zurechtgekommen war; eine Frage, die im Moment so unpassend war, dass ich mich in Grund und Boden schämte und mich aufrechter hinsetzte, aus Angst, jemand könnte mir meine Gedanken ansehen. Im Hintergrund meines Denkens lief Guten Abend, gute Nacht in Dauerschleife. Das Lied drängelte gegen mein Bewusstsein, als wollte es, dass ich es sang. Jetzt sofort. Für Karim.

Wie albern. Karim würde mich nicht hören.

»Guten Tag, Frau Kirsch. Ich bin Dr. Hannes Laumann, der behandelnde Arzt Ihres Lebensgefährten.« Der Doktor hatte eine tiefe, angenehme Stimme, die nicht zu seinem Äußeren passte. Optisch erinnerte er mich an einen Totengräber im weißen Kittel, was vielleicht an den Ringen unter seinen Augen lag oder an dem unglücklichen Zug um seine Lippen. »Entschuldigen Sie bitte, dass wir Sie so lange haben warten lassen.«

Ich korrigierte mich: Der Zug um seine Lippen war nicht unglücklich. Todtraurig war er. Ich sah es Menschen an, wenn sie selten lachten. Dieser Arzt hier, der lachte nie.

»Frau Kirsch?« Ich zuckte zusammen. Sprach er mit mir? Natürlich.

Ich war die Braut.

Der Arzt streckte einen langen, weißen Arm über den Tisch und tätschelte meine Hand. Hilflos kam mir auch das vor, und plötzlich tat er mir leid. Es musste hart sein, Menschen immer wieder mit schlimmen Wahrheiten zu konfrontieren. Kein Wunder, dass er nie lachte.

»Fühlen Sie sich nicht gut?«, fragte er.

Wie sollte ich mich fühlen – was hatte er gesagt? Gut? Sollte ich mich gut fühlen? Wer bitte fühlte sich gut in einer solchen Situation? »Es geht schon.« Musste ja.

Trotzdem holte ich vorsichtshalber die Rescue-Tropfen aus meiner Umhängetasche und stellte das Glasfläschchen auf den Tisch. Meine Mutter hatte mir die Tropfen regelrecht aufgedrängt, weil ich in den letzten Tagen so nervös gewesen war, dass ich kaum noch schlafen, geschweige denn mich auf meine Arbeit konzentrieren konnte und vor Aufregung ständig meine Schlüssel oder den Einkaufszettel vergaß. Die Hochzeitsvorbereitungen hatten meinen dummen, verliebten Kopf nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Tropfen sollten mich ein wenig entspannen. Bisher hatte mir ihre bloße Anwesenheit geholfen, ich hatte noch nie welche genommen. Solange ich mich hin und wieder daran erinnerte, dass sie da waren, fiel mir das Entspannen leichter.

Heute bewirkte die Anwesenheit der Bachblüten nichts. Keine Entspannung, aber ich wollte auch nicht entspannen. Ich war zu ruhig. Phlegmatisch, fast komatös, als gehörte ich selbst in ein Krankenzimmer. Ich spielte mit dem Gedanken, um einen doppelten Espresso zu bitten, damit ich endlich Herzrasen bekam und hysterisch wurde, wie es wohl sein sollte. Nichts kam aus meinem Mund, und mein Körper blieb vollkommen unbeeindruckt. Auf dem Monitor des Arztes setzte der Bildschirmschoner ein. Seifenblasen, die von unten nach oben stiegen, wie die Kohlesäurebläschen in meinem Glas.

Dr. Laumann verdrehte kaum merklich die Augen, als er den Schriftzug auf dem Etikett meiner Tropfen erkannte. »Ich kann Ihnen ein wirksames Mittel geben, wenn Sie etwas zur Beruhigung brauchen.«

Ein wirksames Mittel, sagte er. Nicht wirksamer. Ich schüttelte wortlos den Kopf, steckte das Fläschchen zurück in meine Tasche mit dem leisen Gedanken, dass er mich nun vermutlich für eine Spinnerin hielt, die an diese Naturheilkunde glaubte, von der er überhaupt nichts hielt. Toll, Wanda.

»Meine Kollegen haben Ihnen ja bereits erklärt, dass Ihr Verlobter bei dem Unfall vielfältige Verletzungen davongetragen hat. Am problematischsten ist wohl das offene Schädel-Hirn-Trauma – können Sie mit dem Begriff etwas anfangen?«

Ich nickte, ganz mechanisch, ohne es zu wollen. Man hatte mich stundenlang warten lassen, allein mit meinem Smartphone und einer Liste medizinischer Begriffe, die mir alle unsagbar fremd waren und die ich trotzdem ganz nah an mich heranlassen musste, weil es der einzige Weg zu Karim war – seine Diagnosen. Inzwischen wusste ich, was die Worte bedeuteten. Handy-Akkus und Internetverbindungen stoßen oft an ihre Grenzen, aber selten, wenn es angebracht wäre. Nie, wenn man mit dem Stichwort »offenes Schädel-Hirn-Trauma« nach Bildern sucht.

»Das Hirntrauma führte dazu, dass Ihr Verlobter ins Koma fiel. Sein Hirnstamm hat zu schwere Verletzungen davongetragen, als dass sein Gehirn den Körper noch kontrollieren könnte. Der Zustand ist mit tiefem Schlaf zu vergleichen, aus dem der Patient nicht aus eigener Kraft erwachen kann.« Er setzte ein unsicher klingendes »vorläufig« hinzu und seufzte fast lautlos, als hätte er das Wort gegen seinen Willen gesagt. »Vermutlich haben Sie Fragen.«

Ach ja? Welche? In meinem Kopf rotierten tausend Gedanken und Millionen Erinnerungen. Karim, der mich mit farblich sortierten M&Ms füttert, Karim, mit unserem Katzenbaby in der Tasche seines Hoodies, Karim, konzentriert an einem Werbetext feilend.

Fragen? Nein, Fragen schienen nicht dabei zu sein.

Karim auf dem Fahrrad – 400 Kilometer Strecke hinter uns. Karim, wie er kritisch und genüsslich zugleich an einem Glas Wein schnuppert. Karim, nackt und bis zur Hüfte im Meer stehend.

Die Fragen waren alle abgesoffen.

»Wir versichern Ihnen, dass wir alles tun, was in unserer Macht steht, Frau Kirsch. Leider lässt sich die Entwicklung bei Patienten wie Herrn Hozouri nicht zuverlässig vorhersagen. Er befindet sich momentan auf dem dritten von vier Graden, mit denen wir die Komatiefe bemessen, und kommt in der sogenannten Glasgow-Koma-Skala auf fünf Punkte.«

Fünf. Nur fünf.

»Eine Leiche bringt es auf drei Punkte«, sagte ich leise. »Ich hab das gegoogelt.«

Dr. Laumann senkte den Blick, und ich stellte mir vor, irgendwo anders zu sein. Mit Karim in diesem Zimmer auf der Intensivstation, wenn es sein musste. Mit Karim in einem Sarg. Alles besser als dieser Raum; als dieser Körper, der einfach nicht reagierte.

»Tatsächlich ist es so, dass sich nicht mit Gewissheit beantworten lässt, ob er die Verletzungen überstehen wird. Ich würde Ihnen gerne etwas anderes sagen. Aber ich möchte ehrlich sein. Herr Hozouris Kopfverletzungen sind sehr schwer. Die Schäden vermutlich irreparabel. Dass er aus dem Koma erwacht, ist leider nicht sehr wahrscheinlich. Momentan stehen seine Chancen nicht besonders gut.«

»Nicht besonders gut«, wiederholte ich tonlos. »Was heißt das? Geben Sie mir eine Zahl.« Verwundert erkannte ich, dass ich flüsterte, obwohl ich laut hatte sprechen wollen.

»Lassen Sie uns in ein paar Tagen noch einmal darüber sprechen, wenn er es bis dahin geschafft hat. Wenn ich Ihnen jetzt eine Prognose gäbe, wäre sie geraten.«

»Dann raten Sie, bitte.« Ich wollte eine Zahl. Ich mochte Zahlen, nein, ich liebte sie; Zahlen waren etwas Sicheres, Zuverlässiges, auch wenn sie sich später änderten. Ich brauchte eine Zahl, um die nächsten fünf Minuten zu überstehen, dann konnte ich weitermachen. Ich brauchte eine Zahl, um zu weinen und zu schreien, was ohne diese Zahl einfach nicht gelingen wollte.

»Die Chancen, dass er die nächsten Wochen überlebt«, sagte Dr. Laumann mit sichtbarem Unbehagen, »stehen zum derzeitigen Moment nicht höher als zehn Prozent. Und selbst dann ist noch lange nicht gesagt, dass er –«

»In Ordnung«, unterbrach ich ihn. Ich wollte nicht hören, dass Karim ewig ein Pflegefall bleiben könnte. Wenn es so weit war, würden wir schon damit klarkommen, aber vorstellen wollte ich es mir nicht. Nicht jetzt. Entscheidend war, dass er überlebte. Er durfte ewig schlafen, wenn er wollte, solange er nur nicht starb.

Fünf Punkte. Zehn Prozent. Das war beides wenig, furchtbar wenig. Zehn von hundert leben. Neunzig sterben. Aber …

»Zwei von tausend Frauen werden schwanger, obwohl sie die Pille korrekt einnehmen.«

»Wie bitte?« Dr. Laumann runzelte die Stirn. Die Sonne schien durch die Aluminiumjalousien und malte Streifen auf seine Nase und Stirn, die die Hautfalten betonten. Er sah aus wie eine Karikatur. Nicht echt.

»Die Wahrscheinlichkeit ist winzig«, beharrte ich, »aber aus der Uni kenne ich gleich drei Kommilitoninnen, bei denen es so war. Sie nennen ihre Kinder Tropis – Trotz-Pille-Kinder.«

Herrgott, warum erzählte ich diesen geistigen Durchfall? In Dr. Laumanns Gesicht war eindeutig zu erkennen, dass er von Tropis so viel hielt wie von Bachblütentropfen. Er war bodenständig, durch und durch, und zählte vermutlich zu den Ärzten, die an nichts anderes als ihre Pillen und Spritzen glaubten, deren Wirkungsweisen durch Doppelblindstudien abgesichert waren. Ich kam mir lächerlich und kindisch vor mit meinem Glauben an alternativen Firlefanz, der sich nicht beweisen ließ und keinem der Tests standhielt, die ein Dr. Laumann zweifellos verlangte, ehe er ein Heilmittel als sinnvoll erachtete.

»Nun«, sagte der Doktor schließlich, »es ist schon richtig, dass Sie die Hoffnung nicht aufgeben. Das ist von großer Bedeutung. Die Patienten spüren das.«

Er stand auf, wandte sich ab und ließ nicht zu, dass ich ein weiteres Mal in seine Augen sah, um dort nach Hinweisen zu suchen, dass er an seine eigenen Worte nicht mehr glaubte als an Rescue-Tropfen. Es war auch nicht nötig, ich wusste, dass es so war. Als er zurückkam, eine Broschüre in den Händen, war sein Gesicht wieder professionell neutral mit dem unglücklichen, nein, todtraurigen Zug um den Mund. Er reichte mir das Heft.

Informationen für Angehörige von Schädel-Hirn-Verletzten und Menschen im Koma.

Das Deckblatt war weiß mit großen, pinkfarbenen scheußlichen Lettern. Die Hobby-Grafikerin in mir wand sich, und der Rest von mir fand das schrecklich unpassend. Eine solche Broschüre brauchte kein professionelles Layout, das Budget reichte vermutlich nicht mal für Farbfotos. Ich schlug die Broschüre in der Mitte auf. Bingo, richtig geraten. Schwarzweißbilder, aus den frühen 80ern, wie die Schnurrbärte der Männer und die Dauerwellen der Frauen vermuten ließen.

Ich glitt mit dem Blick über die Zeilen, suchte hastig nach Informationen, die ich noch nicht hatte. Fehlanzeige.

Dr. Laumann räusperte sich, er wirkte ein wenig unzufrieden, weil ich keine von den Fragen stellte, deren Antworten er zuvor sicher gewissenhaft vorbereitet hatte. Ich hätte gerne etwas gefragt, allein aus Höflichkeit und weil ich nicht wollte, dass er mich für uninteressiert hielt. Das war ich nicht.

Ich war die Braut. Karims Braut.

Aber mein Verstand ließ mich im Stich, und mir fiel nichts ein; zumindest keine Frage, von der ich glaubte, die ehrliche Antwort ertragen zu können.

»Sie möchten sicher nun zu Ihrem Verlobten?«

Erschrocken verharrte ich in der Zeile, heftete die Augen auf ein Wort in der Broschüre, als könnte es mir Sicherheit geben. Gerüche, stand da. Ich roch gar nichts, nicht mal Desinfektionsmittel oder Raumduft. Das Sprechzimmer schien von allem akribisch befreit. Ein vollkommen neutraler Raum für all die schlechten Nachrichten.

»Darf ich das? Jetzt?« Endlich?

Ich hatte nicht mehr daran geglaubt, dass ich ihn heute noch sehen könnte. Dass ich ihn überhaupt noch irgendwann sehen würde. In all den Stunden des Ausharrens in Warteräumen und vor geschlossenen Schiebetüren war mir die Aussicht, irgendwann zu Karim gelassen zu werden, vollkommen abhandengekommen. Ich war nicht mal mehr sicher, ob er wirklich hinter diesen Krankenhauszimmertüren lag.

»Selbstverständlich«, antwortete Dr. Laumann, als wäre es das.

Ich hielt mich an meiner Broschüre fest und war plötzlich dankbar, dass er sie mir gegeben hatte.

»Schwester Astrid wird Ihnen zeigen, worauf Sie zu achten haben. Machen Sie sich keine Sorgen. Noch wird Ihnen alles sehr fremd erscheinen, aber bald …«

Was – bald? Würde ich mich daran gewöhnen, dass Karim hier war und nichts anderes tat, als in einem Bett zu liegen und in Windeln zu pinkeln? War es das, was er sagen wollte?

Mir schwindelte. Ich atmete langsam aus, aber es half nicht. In meinen Ohren rauschte es, und ich war erleichtert, dass mein Körper endlich eine Reaktion zeigte.

»Gehen Sie bitte nach rechts den Gang entlang, klingeln Sie an der Tür zur Intensivstation, und fragen Sie nach Schwester Astrid. Sie ist bereits instruiert. Wenn Sie Fragen haben oder Ihnen irgendetwas am Patienten auffällt, zögern Sie nicht, jemanden anzusprechen. Ich werde unverzüglich informiert, sollte etwas vorfallen. Und ich werde Sie sofort benachrichtigen, falls sich an seinem Zustand etwas ändert.«

»Ich werde mein Handy immer dabeihaben«, sagte ich. Nie wieder wollte ich es vergessen. Hätte ich es bei mir getragen, wäre ich gestern Nachmittag bereits informiert worden. Nur meiner Unachtsamkeit wegen hatte ich erst ganze vierundzwanzig Stunden später erfahren, dass Karim auf dem Weg zu seinem Arbeitskollegen mit dem Fahrrad verunglückt war. Mit meinem Fahrrad, weil ich das Auto gebraucht hatte. Warum war ich nur zu diesem verdammten Klassentreffen gefahren und hatte mit unwichtigen Leuten aus meiner Vergangenheit Wein getrunken, während Karim einen Unfall hatte? Tränen brannten in meinen Augen, scharf von Schuldgefühlen, aber sie wollten nicht geweint werden, sondern klebten auf meiner Netzhaut fest.

Ich erinnerte mich genau an die letzten Worte, die er zu mir gesagt hatte: Ich liebe dich, Wanda! Mach sie alle fertig, lad noch hundert Leute mehr zur Hochzeit ein und hab viel Spaß, aber komm bloß allein nach Hause, hörst du?!

Er hatte es mir durch die geschlossene Badezimmertür zugerufen, wo ich mir die Beine rasiert hatte, um im Cocktailkleid zwischen meinen ehemaligen Klassenkameraden eine gute Figur zu machen. Wie banal!

Warum hatte ich die Tür nicht aufgerissen und ihn zum Abschied geküsst, wie es sich gehörte? Dann wäre er eine Minute später über die Kreuzung gefahren. Ein paar Meter nach dem BMW X5, in dem eine gestresste Frau beim Rechtsabbiegen mehr auf die streitenden Kinder auf der Rückbank geachtet hatte als auf den Radfahrer neben dem SUV.

Die Welt würde nie wieder dieselbe sein, wenn Karim nicht mehr wäre.

Wenig später drückte ich die Klingel der Intensivstation. Milchweiße Glaswände trennten mich von der Welt dahinter. Nichts war zu erkennen. Das Weiß machte mir Angst, und ich verstand den Grund nicht.

»Ja bitte?« Blechern und künstlich tönte die Stimme aus der Sprechanlage.

»Wanda Kirsch«, sagte ich, während ich ein Informationsposter über Impfungen anstierte, ohne es richtig wahrzunehmen. »Ich soll mich bei Schwester Astrid melden.«

»Bin gleich bei Ihnen.«

Wieder hieß es warten. Das Krankenhaus sah vollkommen anders aus als in meiner Erinnerung. Es herrschte Stille. Alle Türen in dem langen Gang waren geschlossen, hinter keiner war ein Laut zu vernehmen. Niemand war zu sehen, seit Dr. Laumann in die entgegengesetzte Richtung verschwunden war.

Zuletzt war ich in diesem Krankenhaus gewesen, als meine Cousine Melanie ein Baby bekommen hatte. Noel ging inzwischen zur Schule. Ich wusste noch, dass auf der Etage unter uns, wo sich die Kreißsäle und die Mutter-Kind-Zimmer befanden, immer geschäftiges Treiben geherrscht hatte. Auf den Gängen wuselten Schwestern, Ärzte, Besucher und aufgeregte Geschwisterkinder durcheinander und wichen den Bettchen mit gläsernen Wänden aus, die langsam gehende Frauen vor sich herschoben. An gläserne Särge hatten sie mich erinnert, und schon seit Jahren, lange, ehe ich selbst einen Kinderwunsch verspürt hatte, war für mich festgestanden, dass ich in ein alternatives Geburtshaus gehen würde, in dem es diese schaurigen Glassarg-Bettchen nicht gab. In den letzten Monaten waren diese Überlegungen konkreter geworden. Ich berührte meinen Bauch. Wenn meine Periode, die ich in einer Woche erwartete, ausblieb, würde Karims und mein Wunsch in Erfüllung gehen … Die Vorstellung ließ meinen Speichel tranig schmecken. Dann würde ich allein mit dem Kind dastehen.

Und wenn ich meine Tage bekam? Würde Karim vermutlich niemals Vater werden. Ein Traum – zerplatzt wie ein Tierkörper unter Autoreifen.

Ich grub mir die Fingernägel in die Handfläche, bis es wehtat, und drückte dann fester. Strafte mich für diese Gedanken. Ich durfte Karim nicht aufgeben. Er brauchte Hoffnung, und ich würde mir alle Mühe geben, ihm welche zu machen.

Denn das, was ich brauchte, das war Karim.

Ein Summen ertönte, und die Milchglastüren glitten wie Vorhänge zur Seite. Alles ging plötzlich zu schnell. So musste sich ein Sänger fühlen, der auf der Bühne steht und mit einem Mal erkennt, dass er nicht weiß, welches Lied er singen soll. Sofort erklangen Geräusche. Eine Kakophonie aus Tönen grub sich in die Stille wie ein Pflug durch lockere Erde. Fiepen, Piepen, Klingeln, puckernde Laute wie fallende Tropfen, regelmäßige Aufs und Abs von Geräuschen, die wie Windböen in den Bäumen klangen, flüsternde Stimmen.

»Hallo, ich bin Schwester Astrid, die Stationsschwester«, sagte eine ältere Frau in Kittel und weißen Crocs. Die Art, wie sie im Eingang stand, erinnerte mich an Frau Holle aus dem Märchen in ihrem kleinen Haus im Brunnenland, das sie nie verließ. Sie schien nicht in die Welt außerhalb dieser Station zu gehören. Vom ersten Moment an strahlte sie eine unwirkliche Herzlichkeit aus, die mich noch ruhiger zu machen schien, als ich bereits war. Ich bekam Angst, im Stehen einzudösen.

»Sie müssen die Freundin sein?«

»Ja, Wanda Kirsch.« Meine Stimme klang gelangweilt, und ich glaubte, dass die Schwester irritiert die Augen verengte. »Ich bin etwas durcheinander.« Nein, ich schlafe gleich ein.

»Das verstehe ich. Gut, dass Sie gekommen sind. Folgen Sie mir bitte, ich zeige Ihnen alles.«

Schwester Astrid führte mich in einen kleinen Raum, der als Schleuse fungierte. Drei Waschbecken befanden sich an der linken Seite, eine Ablage mit Pappschachteln auf der anderen und eine Garderobe neben der Tür.

»Erste Regel: Handy abschalten«, sagte die Schwester mit einem Lächeln. »Dann müssen Sie Ihre Jacke ausziehen und sich die Hände waschen und danach desinfizieren.« Ich hatte keine Jacke dabei. Ich hängte meine Handtasche an einen Haken und tat, was man mir sagte.

»Sehr gut.« Frau Holle lobte mich, als sei ich fünf Jahre alt. Viel älter fühlte ich mich auch nicht. »Nun nehmen Sie sich aus den Boxen bitte eine Haube, Überzieher für die Schuhe und einen Überkittel von diesem Haken hier. Einen Mundschutz und Handschuhe brauchen Sie nur, wenn sie eine leichte Infektionskrankheit haben. Wenn die Wundheilung weiter fortgeschritten ist, wird das meiste nicht mehr nötig sein.«

Ich hätte gerne einen Mundschutz gehabt, dann hätte ich meine Mundwinkel nicht unter Kontrolle halten müssen.

»Grundsätzlich«, erklärte Frau Holle in mütterlichem Ton, »dürfen Sie, als seine Freundin, jederzeit zu Besuch kommen. Melden Sie sich einfach vorne an. Beim Patienten sollten allerdings nicht mehr als zwei Besucher gleichzeitig sein, und wir bitten darum, dass nur nahe Verwandte oder enge Freunde mitgebracht werden. Kinder unter vierzehn Jahren sind nur in besonderen Ausnahmen gestattet.«

Kein Problem, Verwandte gab es nicht, Freunde nur wenige und Kinder überhaupt nicht. Ob ich den Kater, den einzigen, der vielleicht helfen konnte, herbringen durfte, musste ich wohl gar nicht erst fragen.

»Gegenüber von diesem Raum finden Sie das Wartezimmer. Sollten Pfleger oder ein Arzt bei Ihrem Freund sein, möchten wir Sie bitten, dort Platz zu nehmen, damit die Gänge frei bleiben. Das war es schon – wenn Sie Fragen haben, sprechen Sie uns einfach an. Wollen wir dann nun?«

Ja. Ja … und nein.

Angst machte meine Kehle eng.

Auf der Intensivstation schien es keine verschlossenen Türen zu geben. Jede war weit offen wie ein Schlund und ließ den Blick frei auf still daliegende Gestalten, nur geschützt von dünnen, weißen Decken. Die meisten schienen mit ihrem Bettzeug und der Matratze verschmolzen zu sein, man sah sie kaum. Nur in wenigen Zimmern gab ein Vorhang ein wenig Schutz vor meinen Blicken. An einigen Betten saßen Besucher, manche murmelnd, viele schweigend. Kaum jemand sah auf.

Das Fiepen und Piepen war allgegenwärtig.

»Hier ist es«, sagte die gütige Frau Holle und blieb neben der Tür stehen, sodass ich das Zimmer als Erste betreten durfte. Musste.

Zwei Betten, am hinteren, halb verdeckt von einem Plastikvorhang, saßen zwei ältere Leute, die ich noch nie gesehen hatte. Also musste das vordere Bett Karims sein. Einen Augenblick lang war ich sicher, dass wir im falschen Zimmer waren. Der Mensch … die Gestalt in diesem Bett konnte nicht Karim sein. Ich erkannte ihn nicht. Das musste ein Irrtum sein. Ich wandte mich zu Frau Holle um. Sie lächelte aufmunternd. »Nur zu.«

Zaghaft trat ich einen Schritt näher. Am Fußende des Bettes stand sein Name auf einem Schild. Da war ein Fehler in seinem Nachnamen, Al Hozouri stand da, die Vorsilbe war zu viel. Doch der kurze Gedanke, dass es nur eine zufällige Ähnlichkeit der Namen sein konnte und mein Karim gar nicht verunglückt war, schien nicht sehr wahrscheinlich.

Bis zur Brust hatten sie ihn zugedeckt. Der linke Arm war eingegipst und hing in einer Schlaufe. Um den Hals trug er einen watteartigen Verband, und sein Kopf war bandagiert. Und darunter kahl. Natürlich, sie hatten ihm die Haare abrasieren müssen, um die Schädelfraktur zu richten. Er würde sie dafür hassen, Karim war so eitel und stylte seine Haare jeden Morgen länger, als ich für mein ganzes Make-up brauchte. Unter den Verbänden waren Stahlplatten und Schrauben, die den Knochen zusammenhielten, das hatte mir ein Arzt schon vor Stunden erklärt.

Karims Gesicht sah wächsern aus. Wären die Schrammen an Wange und Schläfe nicht gewesen, hätte man glauben können, dort läge eine bemalte Puppe auf dem Kissen. Die linke Gesichtshälfte war ein einziges Hämatom in Nachtblau und Lila. Unter seinen Augen, nein, über seinen Augen lagen dunkelgraue Schatten. Seine Lippen waren halb geöffnet und farblos, in Mund und Nase führten auf der Haut festgeklebte Schläuche. In Abständen, die mir viel zu groß vorkamen, blies eine Maschine Luft in seine Lungen. Sie pumpte seinen Brustkorb auf, ließ ihn wieder zusammensinken, machte eine lange Pause und begann von vorne. Das ging viel zu langsam! Wussten die nicht, dass Karim selbst im Ruhezustand oder im Schlaf die Atemfrequenz eines Rennpferdes hatte, oder war das hier nicht von Bedeutung?

Ich sah ihn vor mir, wie er bis gestern gewesen war. Karim, der trotz zwei linker Füße mit mir den langsamen Walzer lernt, und dann, nachdem wir erfahren, dass es sich bei unserem Hochzeitslied Somebody von Depeche Mode nicht um einen Walzer, sondern um eine Rumba handelt, auch noch die.

»Karim?«, wisperte ich und hielt inne, als müsste nun irgendetwas Dramatisches passieren. Nichts geschah.

Es piepte bloß andauernd aus drei Geräten, enervierende Töne, die sich jeder Logik zu entziehen schienen. Sie wollten mir etwas sagen, aber ich verstand es nicht; sie stressten mich bloß, wie hysterisch auf mich einredende Fremde, die meine Hilfe brauchen, doch deren Sprache ich nicht verstehe.

Mir wurde schwindelig. Es war kein Irrtum, egal wie sehr ich mir das wünschte. Der Mann in dem Bett, dieser Mann, der nicht aussah wie Karim, das war Karim. Was von ihm übrig war.

Schwester Astrid trat neben mich, und für einen Moment wünschte ich, sie könnte erkennen, dass ich vollkommen überfordert war und gleich zusammenbrechen würde. Ich wünschte, sie würde mich an der Hand nehmen und hinausführen. Gleichzeitig wusste ich, dass ich mich nicht hinausbringen lassen würde. Ich würde mich wehren – ich wollte mich wehren. Ich sehnte mich danach, gegen irgendetwas zu protestieren.

Aber da war nichts.

»Das ist nicht leicht für Sie, nicht wahr?«, fragte die Schwester leise, fast geflüstert. »Das ist es nie. Es ist völlig in Ordnung, dass Sie fühlen wie Sie fühlen. Für Ihren Freund ist es nun aber wichtig, dass Sie versuchen, offen damit umzugehen. Wir wissen nicht, was er miterlebt. Und wir wollen ihn doch nicht verunsichern, nicht wahr?«

»Nein.« Ich versuchte zu schlucken, aber es ging nicht. Die Schwester legte mir eine Hand auf die Schulter und drängte mich behutsam ein kleines Stück nach vorne.

»Herr Al Hozouri«, sagte die Schwester. »Ich habe Besuch für Sie mitgebracht. Hören Sie, hier ist Wanda, Ihre hübsche Freundin.«

Nun musste ich noch näher herantreten. Neben dem Bett stand ein Stuhl. Ich schob ihn ein wenig zurück, die Stuhlbeine scharrten über den Boden. Ich erzitterte. War es zu laut gewesen? Hatte ich ihn erschreckt?

Nichts passierte, Schwester Astrid lächelte so breit, dass ich ihre Backenzähne sah, einer war golden. »Reden Sie ruhig mit ihm. Sagen Sie ihm, dass Sie da sind.«

Das weiß er doch. Oder nicht?

Vorsichtig streckte ich meine Hand aus. Sie bebte, und das ärgerte mich, weil ich gleichzeitig vorsichtig mit ihm sein und Zuversicht und Sicherheit übertragen musste. Trotzdem schob ich sie weiter, näher an Karims Arm, der schwach und blass auf der Decke ruhte.

»Ganz langsam«, sagte Schwester Astrid. »Nichts überstürzen. Berühren Sie ihn erst, wenn Sie einschätzen können, ob er das möchte.«

Er möchte.

Ich zog meine Hand zurück. Was, wenn mein Gefühl mich trog? Was bildete ich mir denn ein? Ich hatte keine Ahnung, was Karim wollte und was er nicht wollte und ob er mir so sehr vertraute, dass er sich jetzt, wo er hilflos und uns allen vollkommen ausgeliefert war, gerne von mir anfassen ließ. Würde ich es an seiner Stelle wollen? Ich war nicht sicher. Wo war er noch verletzt – was tat ihm weh? Ich wusste ja nicht einmal, was ich ihm sagen sollte. Mit den Kuppen von Zeige- und Mittelfinger strich ich über das blendend weiße Betttuch. Mehr wagte ich nicht.

In mir quoll ein Schwall Tränen hoch. Sie waren überall, in meinen Augen, meiner Nase, selbst in meiner Kehle. Das Luftholen fiel mir schwer. Und dann, mit einem Schluchzer, brachen sie sich Bahn. Die Tränen flossen mir über Wangen, Kinn und den Hals, versickerten in meinem Shirt und tropften auf das weiße Betttuch, wo sie gräuliche Flecken hinterließen. Ich wischte hektisch daran herum, als würden diese Flecken die Bettwäsche ruinieren und stammelte eine Entschuldigung.

»Na na na, Kindchen.« Schwester Astrid fasste mich am Arm und führte mich behutsam vom Bett weg. »Ist schon gut. Ist gut. Ist gut.«

Das Weinen fand kein Ende. Ich fühlte mich schrecklich unzulänglich. Nicht wegen der Tränen, sondern weil ich das Gefühl hatte, alles falsch zu machen. In meinem Kopf war kein Trost und keine Zuversicht, die ich Karim hätte vermitteln können. Nur Zweifel, so viele Zweifel, Angst und Sorgen und immer wieder das Lied Guten Abend, gute Nacht. Morgen früh, wenn Gott will …

Aber was, wenn er nicht wollte?

Was dann?

Vier Jahre zuvor

»Das macht dann genau fünfzehn Euro, bitte.«

Die junge Tankstellenkassiererin blickt an mir vorbei, als gäbe es hinter meinem Rücken etwas Spannendes zu sehen. Ich klappe mein Portemonnaie auf. Und erstarre. Das Fach, in dem normalerweise meine EC-Karte steckt, ist leer.

»Das gibt’s doch nicht, Moment bitte.« Blut steigt mir in den Kopf. Ich krame das Fach für die Scheine durch – nichts außer alten Kassenbons. Münzen sind noch da – knapp sechs Euro – viel zu wenig. Verdammt!

»Entschuldigen Sie. Ich muss meine Karte irgendwo vergessen haben.«

Die Kassiererin rollt mit den Augen, was meine Schweißdrüsen aktiviert. »Homebanking?«

Ja, genau. Am Morgen hatte ich über eBay gebrauchte Fachbücher ersteigert und das Geld überwiesen. Für den neuen TAN-Generator hatte ich die Karte gebraucht – und nun liegt sie noch auf meinem Schreibtisch. Es beruhigt mich nur geringfügig, dass ich weder beklaut wurde noch meine Karte verloren habe. Peinlich ist die Situation ohne Frage.

»Sie können das Geld holen gehen«, sagt die Kassiererin und macht eine Kunstpause, in der sie dreimal herzhaft und mit offenem Mund auf ihrem Kaugummi herumkaut. »Aber Ihren Roller müssen Sie solange hierlassen.« Sie hält die Hand auf und deutet mit dem Kinn in Richtung des Schlüssels in meinen Fingern.

Ich schließe meine Hand darum, denn das geht beim besten Willen nicht. Ich brauche den Roller, ich muss in dreißig Minuten an der Astrid-Lindgren-Grundschule sein, das schaffe ich mit den Öffentlichen nicht, und ohne EC-Karte kann ich mir kein Taxi bestellen. »Kann ich Ihnen vielleicht meinen Ausweis als Pfand dalassen?« Ich versuche ein möglichst seriöses Lächeln, das allerdings reichlich nervös gerät. Gott, ist das unangenehm. »Ich wohne knappe zwanzig Kilometer von hier.«

»Da vorne ist ’ne Bushaltestelle.«

»Bitte. Ich hole das Geld gleich. Ich habe in einer halben Stunde ein Vorstellungsgespräch hier in der Nähe.«

»Nee, tut mir leid. Ich hab gleich Schichtwechsel, und mein Chef zieht mir das vom Lohn ab.«

Das ist bestimmt nicht rechtens, will ich antworten. Doch bevor ich ein Wort sagen kann, schiebt sich jemand zwischen mir und dem Zeitschriftenständer vorbei und drängt mich ein Stück zur Seite. Ich blicke auf einen breiten Rücken in einem weinroten Hemd, dessen Kragen in einen sorgsam ausrasierten Nacken übergeht. Darüber schwarzes, halblanges Haar, zu einem Mann gehörend, der nun einen Zwanzigeuroschein über den Tresen reicht und – meine Röte intensiviert sich spürbar – meine Tankfüllung zahlt.

»Das … das ist doch nicht nötig«, stammle ich.

»Nicht?« Der Mann dreht sich um, und ich weiche zurück und stoße mit dem Hintern gegen die Frauenzeitschriften. In seinem Gesicht spielt Spott mit Verständnis. Er schielt ein winziges bisschen durch seine schmale Brille und sieht mich aus dunklen Augen an, während er das Wechselgeld entgegennimmt, obwohl die Kassiererin mit einem strahlenden Lächeln um seine Aufmerksamkeit buhlt. Offenbar findet sie ihn attraktiv.

»Ich zahle Ihnen das natürlich zurück.«

»Kein Problem.«

»Das … ist mir sehr peinlich.«

»Ach was. Mir ist das auch schon passiert. Mehrmals, um ehrlich zu sein, und ich war jedes Mal heilfroh, dass man sich bei mir«, er wirft der Kassiererin einen vielsagenden Blick zu, »nicht so pingelig angestellt hat.«

Er zahlt seine eigene Rechnung und nimmt noch ein Päckchen Kaugummi und eine Tüte M&Ms mit. Die Tankstellenlady schmollt still, und ich überlege, ob ich ihn attraktiv finde. Ich stehe nicht auf den südländischen Typ, nicht auf Männer mit Brille und nicht auf Kerle, die ihr gutes Aussehen und ihren Charme einsetzen, um Menschen dazu zu bringen, sich schlecht zu fühlen. Und die Kassiererin fühlt sich schlecht.

»Entschuldigen Sie bitte die Umstände«, rufe ich der Kassiererin zu, als ich nach draußen gehe. In meiner Tasche findet sich ein Kugelschreiber und ein zerknitterter Zettel. Der Mann folgt mir, nachdem er sein Wechselgeld eingesteckt hat, und ich schreibe hastig, damit sich das nicht alles noch mehr in die Länge zieht. »Meine Telefonnummer«, erkläre ich, als er mich fragend ansieht.

»Wow.« Er grinst, es wirkt jungenhaft. Wie alt mag er sein? Vermutlich nicht viel älter als ich, auch wenn ich ihn zuerst sicher auf dreißig geschätzt hatte. »Ich hab mir also umsonst den Kopf zerbrochen, wie ich darankomme, danke.« Er nimmt mir den Zettel ab, klappt ihn auf und streicht den Falz mit Zeigefinger und Daumen glatt.

»Ich habe doch gesagt, dass ich Ihnen das Geld auf jeden Fall zurückzahle.« Obwohl ich mich um kühle Distanz bemühe und ihm keine falschen Hoffnungen machen will – immerhin muss ich gleich einen Praktikumsplatz bekommen und habe keine Zeit, mir Gedanken um irgendwelche Dates zu machen –, lächelt mein Gesicht. Einfach so, ohne dass ich es will.

Er zuckt mit den Schultern. Und lächelt dann auch. »Wenn Sie drauf bestehen. Mein Name ist Karim.« Er streckt mir die Hand hin. »Nur, damit Sie wissen, wer Sie anruft. Oder darf ich du sagen?« Er wirft einen Blick auf den Zettel. »Wanda?«

»In … Ordnung.«

»Schön.« Er lehnt sich lässig an die Gefriertruhe mit dem gecrushten Eis und reißt die Tüte mit den M&Ms auf. »Möchtest du ein paar? Beruhigen die Nerven. Kann ja nicht schaden, für dein Vorstellungsgespräch.«

»Sehe ich so nervös aus?«

Er mustert mich kritisch von oben bis unten und widmet meinen Füßen dabei ebenso viel Zeit wie meinen Brüsten im anliegenden Pullover. »Knapp vor hysterisch, fürchte ich.«

Das ist nicht wahr, aber ein gutes Argument für etwas Süßes. Er kippt sich einige der Schokokugeln in die Handfläche und bietet sie mir an. Ich picke mir, ohne darüber nachzudenken, die beiden grünen heraus, er nimmt die drei gelben, isst sie schneller als ich meine und fischt dann gezielt nach allen blauen.

»Ich esse sie auch immer nach Farben sortiert«, gestehe ich, als ich die roten nehme.

»Anders schmecken sie auch nicht. Mich nerven nur die Braunen. Sie müssten lila sein. Primär- und Sekundärfarben. Aber nie gibt’s Lilafarbene, nur diese Braunen, das stört mich bei jeder Tüte aufs Neue.« Er sagt das mit einem solchen Ernst, dass ich lachen muss, und die Art, mit der er still Irritation über mein Amüsement ausdrückt, erheitert mich so sehr, dass ich mich beinah an einer Erdnuss verschlucke.

»Entschuldige.« Ich muss noch immer kichern. »Aber ich kenne niemanden, der älter als zehn ist und seine M&Ms wie ich nach Farben sortiert.«

»Das tun viele. Die meisten über zehn geben es nur nicht zu.«

»Sehr beruhigend. Und ich dachte immer, ich sei ein Freak.«

Er nickt verständnisvoll. »Das ist okay. Menschen ohne Macken sind doch nicht ganz normal, oder? Die machen mir Angst.« Der Hauch von Silberblick hinter seiner Brille ist eigentlich nicht hässlich. Er hat schöne Hände, lange Finger mit leichten Schwielen, die darauf hindeuten, dass er körperliche Arbeit zu verrichten weiß. Außer meinem Roller stehen nur noch zwei Autos an der Tankstelle: ein BMW, aus dem zwei Frauen steigen, und ein Ford an der Zapfsäule, wo es Autogas gibt. Mit Autogas fahren Ökos, sagt meine Freundin Sarah immer und meint das absolut anerkennend, denn in unseren Augen gibt es zu wenig Menschen, die sich Gedanken um die Umwelt machen. Die letzte Schokokugel, eine braune, hat die Wärme seiner Handfläche angenommen, als ich sie nehme und ihn von der unpassenden Farbe erlöse. Sie schmilzt süß in meinem Mund.

»Sortierst du auch deine Wäscheklammern?«, fragt er in einem Tonfall, als erkundige er sich nach meiner Arbeit.

»Meine … was?«

»Wäscheklammern. Wenn du ein T-Shirt auf die Leine hängst, nimmst du dann irgendwelche Klammern, oder müssen sie farblich zueinander passen?«

»Bei dir müssen sie also zueinander passen?«

»Immer. Außer orange und rot, die sehen auch kombiniert gut aus. Dann aber –«

»Abwechselnd oder in Mustern«, unterbreche ich ihn. Der Mann ist ein bisschen verrückt. Aber genau das verleiht ihm einen ganz eigenen Charme – auch wenn ich eigentlich gar nicht auf südländische Männer stehe. Die beiden BMW-Frauen gehen an uns vorbei in die Tankstelle. Sie schauen ihm auf den Hintern und wechseln dann diesen »Hast du den gesehen – was sagst du?«-Blick. Ihre hohen Stiefel klappern auf dem Asphalt und erinnern mich daran, dass ich zutiefst seriös aussehende, flache Schuhe von Think! trage, die meine Füße noch größer aussehen lassen, als sie mit Größe 41 ohnehin sind. Warum trägt man immer hässliche Schuhe, wenn man einen interessanten Mann trifft, oder ist es Männern nicht sowieso egal, ob Frauen große oder kleine Füße haben? Ich sehe heute leider nicht nur unterhalb meiner Knöchel wie eine langweilige Spießerin aus, die in einer christlichen Grundschule arbeiten will.

»Jetzt komm.« Er kippt sich mehr M&Ms in die hohle Hand und hält sie mir hin. »Verrat mir das Geheimnis deiner Wäscheklammern.«

Ich feixe. »Tut mir leid. Einfarbig. Sie sind aus Holz.«

»Heimisches Holz? Unbehandelt?«

»Genau die.«

»Heirate mich!«

Ich pruste los. Bei jedem anderen wildfremden Mann wäre mir der Scherz zu weit gegangen. Aber er lehnt so lässig an der Gefriertruhe und grinst dabei, sich seiner Unverschämtheit absolut bewusst, dass ich das Gefühl bekomme, ihn schon lange zu kennen; zumindest gut genug für einen Heirate-mich-Scherz.

»Bis eben«, sage ich, »hatte ich das Gefühl, du wolltest mit mir flirten.«

»Ehrlich?« Er wird nach außen ganz ernst, aber ich weiß sofort, dass das zum Spiel gehört. »Wann hab ich’s versaut?«

»Seit den Wäscheklammern bewegen wir uns in skurrile Richtungen.«

»Aber ich habe doch recht, oder? Wenn du farbige Wäscheklammern hättest, dann würdest du sie passend aufhängen.«

Ich muss an meine farblich sortierten Haargummis denken und an meine Bücherregale, in dem sich dröge Fachbücher über Pädagogik an perverse Psychothriller schmiegen, weil der Umschlag dieselbe Farbe hat. »Höchstwahrscheinlich in Mustern.«

»Ich wusste es.« Er nickt, es wirkt entrückt, als hätte er soeben etwas von unfassbarer Bedeutung herausgefunden. »Und ich glaube, ich habe mich eben geirrt, oder? Ich hab’s gar nicht versaut. Magst du mit mir essen gehen?« Er sieht auf seine Handflächen, in denen die Schoko-Kugeln die Werbeslogans Lügen gestraft und bunte, kreisförmige Schatten auf seiner Haut hinterlassen haben. »Mehr als M&Ms, meine ich?«

»Die nächste Stufe«, sage ich, »wäre dann wohl, gemeinsam ein Bounty zu schälen.«

Und das bedeutet Ja.

2

»Wie tief ist das Meer des Schlafes, meine Geliebte,

und wie weit entfernt ist der Morgen in dieser Welt!«

Khalil Gibran, Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr

Ich hörte O’Malley bereits miauen, als ich das Treppenhaus betrat. Ich beeilte mich, zu ihm in die Wohnung zu gelangen. Der große, rote Kater war ebenso durcheinander wie ich. Hektisch strich er um meine Beine, rammte den Kopf gegen meine Knie, lief von mir fort und kam schnell wieder zurück, um von vorne zu beginnen, bis ich meine Handtasche abgestellt und die Schuhe ausgezogen hatte und ihn mit beiden Händen streicheln konnte. Doch das Begrüßungsritual versagte an diesem Tag völlig, keiner von uns fand dadurch zur Ruhe. Seitdem ich das Krankenhaus verlassen hatte, nistete in meinem Bauch ein böser Schmerz, von dem ich wusste, dass er nur eingebildet war, was ihn kein bisschen erträglicher machte. Ich ließ mich auf den Boden sinken und nahm den verstörten O’Malley auf den Schoß.

»Du weißt genau, dass etwas passiert ist, oder?«, flüsterte ich ihm zu. »Wie könnte ich es dir nur erklären?« Er würde doch nicht denken, dass Karim ihn vergessen oder im Stich gelassen hatte, oder?

Karim hatte dem Kater das Leben gerettet. Die Tierärztin, zu der wir ihn als Kätzchen gebracht hatten, war der Meinung gewesen, man könne ihn nur noch einschläfern und von seinen Qualen erlösen. Ich erinnerte mich noch genau an das ruhige Gespräch, das Karim mit ihr geführt hatte. Die Tierärztin hatte ein wenig abfällig gemeint, wir würden ein Wunder brauchen, um die Katze zu retten, und Karim hatte erwidert, ein Wunder sei kein Problem. Und dann hatte er sein Wunder gewirkt.

Das winzige Tierchen war zu einem stattlichen Kater herangewachsen, dem wir alle paar Tage halbherzig eine Diät androhten. Normalerweise war er die Entspannung in Katzengestalt und liebte es, den Bauch gekrault zu bekommen. Heute allerdings zappelte er, als ich versuchte, ihn zur Ruhe zu bringen, und sprang schließlich von meinem Schoß, um genauso aufgewühlt in der Wohnung umherzulaufen, wie ich mich fühlte.

Ich stand auf und bereitete mir eine Kanne Tee zu – Melisse und Lavendel. Dann ging ich ins Schlafzimmer, schloss die Augen, öffnete den Schrank und zwang meine Lider wieder nach oben. Ratlos blieb ich stehen und atmete zu wenig Karim und zu viel Waschmittel. Unter einer Hülle hing mein Brautkleid wie ein in Folie gefesseltes Gespenst. Schwester Astrid hatte mich beauftragt, Karim ein paar Sachen mitzubringen. Bis eben hatte ich mich an dieser kleinen Aufgabe festgehalten. Sie hatte mir geholfen, die Nerven zu bewahren und nicht hysterisch zu werden; nicht, als ich das Krankenhaus verlassen und Karim dort zurücklassen musste, und nicht auf dem Weg, der mich zwang, über jene Kreuzung zu fahren, an der es passiert war. Ich hatte bloß an die Sachen gedacht. So ging es. Irgendwie.

Nun, angesichts von Karims Hemden, Sakkos und T-Shirts zwischen meinen Sachen, fühlte ich mich komplett überfordert. Was sollte ich mitbringen? Was würde er brauchen, wenn er doch nur in diesem Bett lag? Mein Blick streifte seine Radfahrerhosen, und ich sah schnell wieder weg. Sein heller Leinenhut erinnerte mich daran, dass in zwei Wochen Ferien waren und zugleich der erste Sommer, in dem wir nicht ans Meer fahren würden. Der Gedanke schmeckte wie Salz, wenn man mit Zucker rechnet. Grundfalsch.

Die Türklingel riss mich aus dem Sinnieren, urplötzlich schlug mir das Herz bis an die Kehle, und mir wurde übel. Vor meinem inneren Auge sah ich Dr. Laumann vor meiner kleinen Wohnung stehen. Wenn ich die Türe öffnete, würde er den Geruch von Duftkerzen und Kräutertee wahrnehmen, mich für hoffnungslos esoterisch halten und mir mit besonders großem Mitleid die Nachricht überbringen, dass Karim gestorben war. Herzliches Beileid.

Ich schlich zum Fenster und lugte nach draußen, suchte die kleine Nebenstraße, in der ich jeden parkenden Wagen einem Nachbarn zuordnen konnte, nach einem fremden ab, als wäre es eine Option, einfach vorzugeben, dass ich nicht daheim war. Doch draußen stand nur der Polo meiner besten Freundin Müller. Die Aussicht, sie zu sehen und mit ihr zu reden, beschwichtigte die beißenden Schmerzen, die ich mir in meinem Magen einbildete. Wenigstens ihr gegenüber würde ich Worte finden.

Ich ging zur Tür und drückte auf den Öffner, wenig später stand Müller mir gegenüber, sagte nichts und nahm mich stattdessen in den Arm. Ich fühlte mich kantig und viereckig, als passte ich nicht richtig in ihre runde Umarmung. Sie tat so, als würde sich das schon geben, und hielt mich fest.

Müller hieß natürlich nicht wirklich so, es war nicht einmal ihr Nachname. Eigentlich hieß sie Milla Gärtner, aber bei unserer ersten Begegnung im zarten Alter von dreieinhalb Jahren war ihre Aussprache noch nicht die genauste gewesen, und ich hatte schon damals größere Freude an Zahlen als an Buchstaben gehabt. Jedenfalls hatte ich mit dem seltenen Namen Milla nichts anfangen können und etwas mir Vertrautes daraus gemacht: Müller. Daraus erwuchs über die Jahre unserer Freundschaft ein Spitzname, den irgendwann selbst ihre Eltern übernahmen.

»Deine Mutter hat mich angerufen und mir gesagt, was passiert ist«, erklärte Müller leise, bevor ich fragen konnte, woher sie es wusste. Ich befürchtete, nun reden zu müssen. Befürchtete Fragen, deren Antworten ich nicht ausweichen konnte. Befürchtete, mich Wahrheiten stellen zu müssen, von denen ich nicht vermeiden konnte, sie auszusprechen.

Aber sie stellte nur eine Frage: »Kann ich irgendwas für dich tun?«

Ich schüttelte erst den Kopf, fand das jedoch voreilig und zuckte mit den Schultern. Müllers Gesicht spiegelte die Qualen, die ich spürte. Erst jetzt fiel mir auf, dass ihre Haare strähnig waren und ihr Make-up speckig. Ihr Lippenstift hatte sich in den feinen Fältchen ihrer Lippen gesammelt.

»Bist du gleich nach der Arbeit hergekommen?«, fragte ich ein wenig ungläubig. Sie nickte, was mir noch mal deutlich machte, wie ernst es ihr mit ihrem Beistand war. Es gab nicht viel, was Müller aus ihrem Bad fernhielt. Selbst als der Konzern, in dem sie arbeitete, wegen einer Bombendrohung einmal evakuiert werden musste, hatte Müller das Gebäude erst verlassen, nachdem sie ihr Aussehen im Spiegel überprüft hatte.

»Ich dachte, du könntest was zu essen vertragen«, sagte sie und zog die Bestellkarte eines italienischen Lieferservices aus der Handtasche. »Tee hab ich auch mitgebracht. Und Schokolade.«

Ich musste lächeln, auch wenn es kein glückliches Lächeln war. Pasta, Tee und Schokolade – so hatten wir schon vor Jahren gemeinsam unseren Liebeskummer zelebriert. Das, was heute in meinen Eingeweiden schwelte, war damit nicht zu vergleichen, aber allein, dass meine beste Freundin da war und alles tat, was in ihrer Macht stand, um mir den Schmerz ein wenig erträglicher zu machen, tröstete mich ein klein wenig.

»Der Kater ist fertig mit der Welt«, brach es aus mir heraus. Damit meinte ich längst nicht nur den Kater. »Ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll.«

Müller nahm mich erneut in den Arm. Diesmal fühlte ich mich nicht mehr hart und eckig, sondern irgendwie flüssig, als müsste sie mich festhalten, weil ich sonst einfach zerflossen und als Fleck auf dem Boden geendet wäre. Ihre Schulter wurde ganz nass von meinen Tränen.

Sie sagte: »Panna Cotta für den Kater«, und streichelte meinen Rücken.

Vier Jahre zuvor

Meine Mutter hat mir gesagt, ich solle mich nicht allein mit fremden Männern verabreden, denn wenn ich nur ein bisschen Pech habe, gerate ich an einen der vielen frei herumlaufenden Psychopathen, und der bringt mich dann um die Ecke. Daher mutet es schon etwas skurril an, dass das Restaurant, in das Karim mich bestellt hat, »Um die Ecke« heißt. Ich muss grinsen, und ich ahne, dass Karim diesen Umstand auf epische Weise missverstehen und auf sich beziehen könnte. Ich könnte das klarstellen, aber das will ich gar nicht.

Er zügelt sein Lächeln ebenfalls ein bisschen, zumindest vermute ich das, als wir uns ein wenig zurückhaltend begrüßen und er mich ein weiteres Mal von oben bis unten mustert. Diesmal steht keine fleißige Lehramtsstudentin vor ihm, die unbedingt mehr Seriosität vorspielen muss als vorhanden ist, sondern Wanda im Ausgeh-Outfit, wenn auch in dem gemäßigten, da ich keine Ahnung hatte, um was für eine Art von Restaurant es sich handelt. Auf den ersten Blick wirkt alles ausgesprochen rustikal und locker, aber auf elegante Art, ohne altmodisch zu sein, und das Essen hat den Ruf, exquisit zu schmecken, ohne Schnickschnack nötig zu haben. Mit der Röhrenjeans, Sandalen mit Absatz und einer Bluse mit Carmen-Ausschnitt, die die Schultern frei lässt, habe ich nichts falsch gemacht. Die Haare habe ich mir mit viel Mühe hochgesteckt, nur um einzelne Partien wieder herauszuzupfen, was zum einen lässig aussieht und zum anderen betont, dass jede Strähne meiner Haare einen individuellen Braunton besitzt, ohne dass ich sie je gefärbt hätte. Ich finde, dass ich ganz passabel aussehe, und Karim scheint mir da stillschweigend zuzustimmen. Er trägt wieder Jeans und einen dünnen Strickpullover, und er hat sich gerade eben erst rasiert, was an der winzigen frischen Wunde abzulesen ist, die er sich dabei zugezogen haben muss. Wir geben uns die Hand, und ich frage mich, wie er wohl riecht, aber obwohl ich tief einatme, kann ich keinen Geruch ausmachen und bedaure, dass ich nicht den Mut habe, ihn einfach freundschaftlich zu umarmen. Doch da bin ich eigen. Das Spielchen der scheinheiligen Umarmungen mache ich nicht mit. Nie. Ich umarme niemanden, mit dem ich nicht bedenkenlos die Unterwäsche tauschen würde, was den Kreis derer, die ich umarme, auf weniger Menschen reduziert, als ich Finger an einer Hand habe.

Wir setzen uns nach draußen auf die Terrasse, ein schmaler Streifen Wiese führt von hier zum felsigen Rheinufer, und der Fluss rauscht. Auf den Stühlen liegen Wolldecken, die jetzt noch nicht nötig sind, doch in einer Stunde, wenn die Sonne untergeht, werden wir sie brauchen. Karim rückt mir den Stuhl zurecht, sein Gesicht wirkt ein wenig linkisch, als sei er unsicher, ob diese Geste angebracht oder überzogen ist. Dass er mich das erkennen lässt, fühlt sich an wie ein persönliches Geständnis, und ich kann ihm das bestens nachfühlen.

Wir schweigen und schauen auf die Tischdecke oder aufs Wasser hinaus. Ich spiele an meinem Pandora-Armband und zähle die Perlen. Es ist ein wenig unangenehm, nicht zu wissen, was ich sagen soll, aber die Tatsache, dass er es auch nicht weiß, beruhigt mich wieder. Er ist viel nervöser als bei unserem Kennenlernen. Nicht mehr so überlegen. Und damit weniger unnahbar.

Als er aufsieht, meidet er den Blick in meine Augen. »Hätte nicht gedacht, dass du kommst.«

Ich lege den Kopf schief. »Warum nicht?«

Eine Kellnerin entbindet ihn der Antwort, indem sie uns die Karten hinlegt und uns fragt, was wir trinken möchten.

Ich bestelle eine Weißweinschorle und Karim ein alkoholfreies Bier. »Ich muss noch fahren«, sagt er, es klingt fast entschuldigend und beantwortet mir damit die ungestellte Frage, ob er gläubiger Muslim ist. Offenbar nicht.

Nachdem die Kellnerin wieder gegangen ist, wiederhole ich: »Warum hätte ich nicht kommen sollen?«, und er grinst und schaut in seine Karte, was sich anfühlt, als würde er mir auf irgendeine Weise, die ich nicht durchschaue, ausweichen.

»An der Tankstelle hattest du keine Möglichkeit, mich abzuweisen. Das wäre unhöflich gewesen, und unhöflich bist du nicht. Aber heute Abend hättest du dich mit Kopfschmerzen oder Überstunden sehr elegant aus der Affäre ziehen können.«

»Das hätte ich. Und du dachtest, das würde ich tun?«

»Wäre ich nicht so fest davon überzeugt gewesen, dass du mich versetzt, hätte ich dich vermutlich nicht eingeladen.«

Ich muss lachen. »Warum nicht?«

Er sagt ein ganzes Wort, und ich weiß sofort, dass es nur die halbe Wahrheit ist: »Schüchtern.«

»Ach was, das glaube ich dir nicht«, entgegne ich. Ich lüge miserabel, aber ich versuche es trotzdem. »An der Tankstelle warst du alles, aber nicht schüchtern.«

Er durchschaut mich mühelos, das sehe ich ihm an, aber er ist höflich genug, auf mich einzugehen. »Es ist keine Kunst, etwas zu riskieren, wenn man rein gar nichts zu verlieren hat.«

Ich spiele mit der Überlegung, ihn in die Ecke zu drängen und zu fragen: Und nun hast du was zu verlieren?, aber entscheide mich dagegen. Ich will ihn nicht in eine Ecke drängen – zumindest in keine, in die er nicht will.

Ein weiteres Mal breitet sich das Schweigen zwischen uns aus, in meinem Bauch fühlt es sich kribbelig und erwartungsvoll an, aber meinen Kopf erreicht nur Verunsicherung, weil ich gerne etwas sagen möchte. Etwas, das interessant ist, klug oder sexy. Aber was bitte schön ist interessant, klug oder sexy? Ich kämpfe gegen den Drang, aus Nervosität zu zählen. Mein Kopf möchte zählen, mein Bauch findet es unpassend. Der Bauch setzt sich durch, auch wenn der Kopf immer wieder aufmuckt.

Die Kellnerin bringt uns die Getränke, wir haben immer noch nicht mehr als einen oberflächlichen Blick in die Karte geworfen, und am Nebentisch lassen sich vier Frauen nieder, die in fünfzehn Sekunden mehr Sätze produzieren als wir in der letzten Viertelstunde. Karim scheint dasselbe zu denken wie ich, denn als wir einen kurzen Blick wechseln, müssen wir beide lachen.

Und dann scheint ein kleiner Knoten zu platzen, denn Karim fällt ein, dass er mein Vorstellungsgespräch gerettet hat, und er fragt mich danach, und ich vergesse, darüber nachzudenken, ob das Praktikum in der Grundschule besonders interessant, klug oder gar sexy ist, sondern erzähle, bis meine ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Mit Rosen bedacht" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen