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Mit Killern muss man teilen: Thriller Sammelband 11 Krimis

Mit Killern muss man teilen: Thriller Sammelband 11 Krimis

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2020.

Inhaltsverzeichnis

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Mit Killern muss man teilen: Thriller Sammelband 11 Krimis

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Mit Toten muss man nicht teilen

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Glanzlos ist der Ruhm

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Die Waffe

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Bount Reiniger jagt die Killer-Crew: N.Y.D. - New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Einer stört dauernd

Der Tod hält Einzug

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Prolog

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Mörder in Bern: Drei kurze Krimis und ein sehr langer Thriller

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Der Weihnachtszwerg

Der vierte König

Verbrechen zur Weihnachtszeit

DER SCHLÄCHTER VON BERN

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Trevellian - der Geisel-Gangster

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Further Reading: 10 Urlaubskrimis Juli 2020 - Thriller Hochspannung

Also By Alfred Bekker

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Also By Guy Brant

Also By Ursula Gerber

About the Author

About the Publisher

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Mit Killern muss man teilen: Thriller Sammelband 11 Krimis

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Von Alfred Bekker, Klaus Tiberius Schmidt, Ursula Gerber, Horst Bieber, Theodor Horschelt, Bernd Teuber, Richard Hey, Lynda Lys, Guy Brant, A.F.Morland

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Lynda Lys/Guy Brant: Mit Toten muss man nicht teilen

Bernd Teuber/Richard Hey: Glanzlos ist der Ruhm

Alfred Bekker: Die Waffe

Klaus Tiberius Schmidt: Bount Reiniger und die Killer-Crew

Horst Bieber: Einer stört dauernd

Theodor Horschelt: Der Tod hält Einzug

Ursula Gerber: Der Weihnachtszwerg

Ursula Gerber: Der vierte König

Ursula Gerber: Verbrechen zur Weihnachtszeit

Ursula Gerber: Der Schlächter von Bern

A.F.Morland: Trevellian – der Geisel-Gangster

––––––––

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Gangs bekriegen sich im erbarmungslosen Kampf um Anteile im Drogengeschäft. Aber die Hintermänner sitzen ganz woanders... Eine Waffe spielt die Schlüsselrolle, denn die Ermittler wissen genau: Nur über diese Waffe führt die Spur zum Killer...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Mit Toten muss man nicht teilen

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von Lynda Lys und Guy Brant

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

Carrie Hill, eine junge, ehrgeizige FBI-Agentin aus New York, wird aus ihrem freien Wochenende gerissen, um einen Bankraub aufzuklären. Mit viel Cleverness und Mut versucht sie, zusammen mit ihrem Partner Rayn Taylor, den Kriminalfall zu lösen. Bei ihren Ermittlungen stößt sie auf einen mysteriösen CIA-Agenten und eine kriminelle Organisation, die ihr nach ihrem Leben trachten.

Auf dem Weg zur Auflösung des Falls begegnen ihr Morde, Gier und Machtkämpfe...

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Die Sonne strahlte an diesem Morgen vom blauen Himmel lachend herunter, mein kurzes schwarzes Haar wurde durch den Wind kräftig durcheinandergewirbelt. Ich stand an der Reling der Staten Island Ferry und war auf dem Weg zu meiner besten Freundin Anne. Endlich hatte ich ein paar freie Tage und nutzte die Gelegenheit, um Anne, ihren Ehemann Cliff sowie die beiden kleinen Rabauken Sam und Joel wiederzusehen.

Anne und ich kennen uns bereits seit unserer Kindheit. Sie wohnte mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder in dem Haus gegenüber von uns. Sie war knapp zwei Jahre älter, dennoch verband uns eine lange Freundschaft. Über all die Jahre hinweg verloren wir uns nie aus den Augen. Unsere beruflichen, wie auch privaten Wege verliefen völlig unterschiedlich. Mit achtzehn verließ Anne die Highschool, um Krankenschwester zu werden, während ich, Tochter eines pensionierten Police-Officers und einer Lehrerin, nach der Ausbildung in Quantico die Laufbahn einer FBI-Agentin einschlug. Seit einem Jahr arbeite ich in New York als solche und ich bin stolz, dass ich es bis dahin geschafft habe.

Anne und ich hatten uns lange nicht gesehen, denn die Arbeit als FBI-Agentin ließ es zeitlich einfach nicht zu. Doch nun war es endlich so weit.

Anne war seit fünf Jahren mit einem Chirurgen verheiratet, ihre Zwillinge Sam und Joel waren mittlerweile vier Jahre alt. In ihrer Ausbildung zur Krankenschwester lernte sie den jungen, erfolgreichen Chirurgen Cliff Barker kennen und lieben. Kurz vor der Geburt ihrer beiden Jungs war es Cliff möglich gewesen, ein schickes Haus im Grünen auf Staten Island zu erwerben.

Bewusst hatte ich meinen silbernen Audi TT in der Garage stehen lassen und mich für den kostenlosen Transfer der Staten Island Ferry von der Südspitze Manhattans nach Staten Island entschieden.

Auf dem Weg dorthin passierte die Fähre das berühmte Wahrzeichen New Yorks, die Freiheitsstatue. Ich machte etwas Platz an der Reling, denn Touristen aller Welt ließen sich die Gelegenheit nicht nehmen, ein Foto von ihr zu machen.

Die Überfahrt dauerte knapp fünfundzwanzig Minuten. Als ich auf der anderen Seite ankam,  schnappte ich mir ein Taxi und ließ mich zu Annes Haus fahren.

Die Gegend ist von historischen Anwesen geprägt, viele viktorianische Häuser und Reihenhäuser befinden sich in den hügligen Straßenzügen rund um den Hamilton Park Neighborhood.

In der Midland Avenue hielt das Taxi vor einem wunderschönen weißen Haus. Ich bezahlte den Fahrer, nahm meine kleine Reisetasche und stieg aus.

Ich schritt über den weißen Kiesweg, wobei meine Schuhe bei jedem Schritt knirschten.

An der Tür angekommen, betätigte ich die Klingel, doch keiner öffnete mir.

Von Weitem hörte ich Annes Gelächter und das wilde Gekreische der Jungs. Ich ging um das Haus herum und sah Anne, die lachend auf dem Rasen lag. Obendrauf saßen die Zwillinge und kitzelten sie mit ihren kleinen Händen am ganzen Körper ab. Die Szene sah rührend aus, und plötzlich stellte sich mir die Frage, ob ich nicht auch den Weg einer Mutter hätte einschlagen sollen.

Sofort wischte ich den Gedanken beiseite und rief laut: „Hey ihr kleinen Monster, kitzelt eure Mutter...“ Weiter kam ich nicht. Die beiden Jungs sprangen von ihrer Mutter herunter und riefen wie aus einem Mund: „Tante Carrie, Tante Carrie“, und liefen auf mich zu.

Ich hockte mich hin, breitete die Arme aus und fing fast gleichzeitig beide Jungs auf. Von ganzem Herzen wurden die beiden fest von mir gedrückt und es freute mich wahnsinnig, sie so gesund und munter wiederzusehen.

„Hast du uns was mitgebracht?“, fragte Joel neugierig.

„Aber klar doch. Bin ich jemals, ohne eine Kleinigkeit mitzubringen, euch besuchen gekommen?“, lachte ich. Sam sprang vor Aufregung von einem Bein auf das andere und klatschte dabei in die Hände.

„Mom“, rief er zu Anne. „Tante Carrie hat uns was mitgebracht.“

Anne kam langsam auf mich zu. Sie trug ein helles Sommerkleid, was ihre gebräunte Haut besonders gut zur Geltung brachte und strich sich die langen blonden Haare zurecht.

„Carrie, ich freue mich, dass du da bist“, lachte sie und fiel mir um den Hals.

„Wie lange ist es her, dass wir uns gesehen haben? Im Winter letzten Jahres?“

„Ich weiß nicht genau, aber ja, es muss so um diese Zeit gewesen sein. Jedenfalls war es sehr kalt“, sagte ich.

„Komm, lass uns erst einmal reingehen, damit du deine Sachen im Gästezimmer ablegen kannst“, sagte Anne.

Die Zwillinge ließen es sich nicht nehmen, meine Reisetasche zu tragen. Sam fasste den rechten Henkel, Joel den linken, und so wackelten sie ins Haus. Die Tasche war zum Glück nicht schwer, denn für ein verlängertes Wochenende hatte ich nicht viele Sachen eingepackt.

Oben im Gästezimmer angekommen, schmissen sie meine Tasche auf das Bett und schauten mich erwartungsvoll an. Ich wusste genau, was sie wollten und beschloss, sie nicht länger warten zu lassen. Die Tasche wurde von mir geöffnet und zum Vorschein kamen zwei kleine Polizeimützen. Ich kramte weiter in meiner Tasche und holte noch zwei goldene Blechmarken hervor, auf den stand: Special Police.

Ich überreichte sie den Jungs und es brach ein Jubel aus.

„Danke, Tante Carrie“, sagte Joel.

„Du bist die beste Tante der Welt“, schob Sam hinterher.

Sie stoben nach draußen, rannten in ihr Zimmer und schlossen die Tür.

„Jetzt werden wir sicher erst einmal Ruhe vor den Wirbelwinden haben“, bemerkte Anne.

„Wenn du deine Sachen ausgepackt hast, komm in den Garten, wir machen es uns da gemütlich bis Cliff von der Arbeit kommt.“

Ich räumte meine Sachen in den Schrank, zog eine kurze Shorts an und tauschte meine Bluse gegen ein lockeres T-Shirt. Ich versuchte mit einer Bürste mein wildes Haar etwas zu ordnen und verließ das Gästezimmer.

Auf dem Weg nach unten in den Garten waren die Stimmen der Jungen aus dem Kinderzimmer zu hören. Sie spielten Polizei, ihre Kuscheltiere waren die Bösewichte.

Wir saßen auf der Terrasse und hatten uns eine Menge zu erzählen, die Zeit verging wie im Flug.

„Wie ist denn dein Kollege Rayn Taylor so?“, fragte sie augenzwinkernd. Anne wusste, dass ich keinen festen Freund hatte.

„Anne, er ist nur mein Arbeitskollege. Zwar ein gutaussehender, aber eben nur ein Kollege. Zwischen uns läuft nichts. Das wäre auch schlecht für unsere Zusammenarbeit. Lieben und zusammen arbeiten..., das kann nicht gutgehen. Vierundzwanzig Stunden rund um die Uhr beisammen sein, das hält sicher keine Beziehung aus.“

Anne lachte laut und herzlich, als sie erwiderte: „Bei mir und Cliff hat es hervorragend geklappt. Wir sind seit fünf Jahren verheiratet und es läuft bestens zwischen uns. Wir sind sogar am Überlegen, ob wir uns nicht noch eine kleine Prinzessin anschaffen sollten.“

Anne schaute zur Uhr und stellte fest, dass es schon Mittag war.

„Lass uns reingehen und das Essen vorbereiten. Cliff hat sich heute etwas früher frei genommen und wird bald nach Hause kommen. Er freut sich dich wiederzusehen. Heute gibt es das Leibgericht der Jungen. Spaghetti mit italienischer Tomatensoße.“

Cliff kam vierzig Minuten später zur Tür herein und wurde stürmisch von seinen beiden Knirpsen begrüßt.

Er war groß und schlank. In mehr als achtunddreißig Jahren hatte er es sich nicht gestattet, auch nur ein Gramm überflüssiges Fett anzusetzen. Er hatte die sensiblen und doch kräftigen Finger des Chirurgen und die sonore, angenehme Stimme eines Schauspielers. Er war genau der Typ, der Patienten Ruhe und Vertrauen einflößt. Anne hatte schon am Anfang ihrer Ausbildung ein Auge auf ihn geworfen.

Cliff klemmte sich beide Jungs unter die Arme und wirbelte sie so lange herum, bis ihm die Puste ausging. Mit einem Klaps auf den Hintern wurden sie nach oben zum Händewaschen geschickt. Völlig außer Atem betrat er die Küche, hauchte Anne einen Kuss auf die Wange und begrüßte mich mit einer Umarmung.

„Ich freue mich dich zu sehen, liebe Carrie. Du siehst gut aus, deine Arbeit beim FBI scheint dir bestens zu bekommen“, sagte er und streckte mich mit beiden Armen von sich. „Erzähle mal, wie ist es dir in letzter Zeit ergangen, hast du schon viele böse Ganoven verhaftet?“

„Ach Cliff, du weißt doch, dass ich über die Fälle des FBI nicht reden kann, aber es sei so viel gesagt: Wenn du über große Verbrechen in den Zeitungen liest, bin ich meist mit von der Partie.“

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Es war am Mittagstisch eine lustige Runde. Es herrschte ein heilloses Durcheinander, jeder wollte seine Geschichte erzählen, manchmal redeten sogar alle gleichzeitig.

Ich genoss es einfach, wie ein Familienmitglied mit dabei zu sein. Nach dem Essen, Anne räumte den Tisch ab, die Kinder gingen in ihr Zimmer, zog ich mich mit Cliff bei einem Glas Wein auf die Terrasse zurück.

„Und, mein Lieber“, fragte ich, „was macht dein Job, schnippelst du immer noch mit Freude an Menschen herum?“

Cliff lachte. „Aber ja, und dabei sind durchaus ab und zu interessante Fälle dabei“, schmunzelte er. „Ich habe zum Beispiel gestern einem kleinen Mädchen die rechte Hand gerettet. Sie wollte bei einem Rasenmäher-Roboter, der gerade den Rasen im Vorgarten mähte, mal schauen, wie er das Gras abschneidet. Der Rasenmäher zog seine Bahnen und sie lief immer hinter ihm her. Plötzlich schob sie ihre kleine Hand darunter, um ihn hochzunehmen.

Der Vater konnte gar nicht so schnell reagieren, wie sie ihre Hand runter schob. Die Klingen schnitten ihr den Handrücken auf. Es sah schlimmer aus als es war, aber dennoch musste ich an dem kleinen Händchen nähen.“

Der Tag näherte sich dem Ende. Wir saßen beim Abendbrot und die Zwillinge bettelten darum, dass ich Ihnen noch eine spannende Kriminalgeschichte aus meinem Polizeileben erzählen sollte. Anne runzelte die Stirn, als ich lachend zusagte.

„Anne, keine Angst“, raunte ich ihr zu, „ich werde natürlich eine Geschichte von dem entführten Hund erzählen und dass ich ihn mit meinem Partner aus den Händen böser Ganoven gerettet habe. Du weißt doch..., Fantasie hatte ich schon immer.“

Am nächsten Tag, Cliff ging schon sehr früh ins Krankenhaus, saßen wir mit den Jungs am Esstisch und kneteten kleine bunte Figuren, als das Telefon klingelte. Cliff war am Apparat. Er sprach kurz mit Anne, die mir anschließend mit einer stummen Geste den Hörer reichte.

Ich sah sie erstaunt an und meldete mich.

„Carrie Hill am Apparat.“ Ich erkannte an der Stimme, dass es Cliff war, der mich bat, nach Brooklyn in seine Klinik zu kommen. Auf seiner Station liegt ein Zeuge eines Bankraubes, aber Näheres wollte er mir erst im Krankenhaus erklären.

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Leise zog ich die Tür hinter mir ins Schloss. Der Patient lag mit geschlossenen Augen im Bett. Er rührte sich nicht. Sein Gesicht wirkte grau und verfallen, wie eine Totenmaske. Ich trat näher und sagte halblaut: „Hallo, Mr. Turner!“ Er gab keine Antwort. In diesem Moment sah ich das Blut. Mit zwei Schritten war ich am Telefon. Ich riss den Hörer von der Gabel. Die Stationsschwester meldete sich. „Zimmer 113“, sagte ich. „Schicken Sie sofort Dr. Barker her!“

Ich ließ den Hörer fallen und nahm einen Taschenspiegel aus meiner Handtasche. Ich beugte mich über Turner und hielt den Spiegel vor seine leicht geöffneten Lippen. Auf der polierten Fläche schlug sich nicht der leiseste Hauch nieder.

Ich wusste plötzlich, dass Turner tot war. Er war nicht an den Kugeln gestorben, die der Gangster bei dem Banküberfall auf ihn abgefeuert hatte, das stand fest. Cliff hatte mir versichert, dass die Operation zufriedenstellend verlaufen wäre. „Der Patient ist außer Gefahr“, hatte er mir bei meinem Eintreffen im Krankenhaus erklärt. „Du kannst mit ihm sprechen.“

Die Tür öffnete sich. Ein junger bebrillter Arzt stürmte herein. Er warf mir einen flüchtigen Blick zu. Am Bett blieb er abrupt stehen. Dann wandte er langsam den Kopf und schaute mich prüfend und misstrauisch an. „Wer sind Sie?“, wollte er wissen.

„Carrie Hill vom FBI“, stellte ich mich vor.

Der Arzt schlug die Bettdecke zurück.

In Turners Körper steckte ein Messer mit extrem kurzem Griff. Es war nur wenige Millimeter unterhalb des Verbandes in Turners Herz gedrungen.

„Dann sind Sie genau die Richtige“, meinte der Arzt grimmig. „Für mich gibt es hier nichts mehr zu tun!“

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Dr. Cliff Barker betrat mit wehendem Kittel das Zimmer und starrte auf die Leiche.

„Es war keine leichte Operation“, erinnerte er sich. „Wir mussten buchstäblich um Turners Leben kämpfen. Drei Stunden lang. Ich will dich nicht mit medizinischen Details der Operation langweilen. Ich möchte nur sagen, dass wir stolz und zufrieden waren, als wir es geschafft hatten.“

Er sah plötzlich sehr müde aus.

„Warum hat man es getan?“, fragte Barker.

„Auf der Fahrt hierher habe ich in der Hauptzentrale angerufen und mich nach dem Bankraub erkundigt. Die Gangster trugen bei dem Überfall auf die Bank schwarze Gesichtstücher“, erklärte ich. „Einem der Gangster rutschte das Tuch beim Geld einsacken bis auf das Kinn herab. Sekunden später hatte er die Maske wieder gerichtet, aber diese wenigen Sekunden genügten dem Bankangestellten Turner, sich das Gesicht des Banditen genau einzuprägen. Deshalb musste Turner sterben.“

„Ich verstehe“, murmelte Cliff.

Es klopfte. Die Stationsschwester trat ein. Das junge Gesicht strahlte Strenge und Autorität aus. Bei meinem Kommen hatte ich mich in ihr Besucherjournal eingetragen.

Ich erhob mich. Cliff sagte: „Bleib ruhig sitzen, Carrie. Für Förmlichkeiten ist jetzt keine Zeit“

Ich setzte mich wieder, und Cliff sagte zu der Schwester: „Mr. Turner ist ermordet worden. Der Täter muss vor etwa einer Stunde, also gegen dreizehn Uhr, in das Krankenzimmer eingedrungen sein. Um diese Zeit hatten Sie Ihren Dienst bereits angetreten. Wer hat Turner besucht?“

„Niemand außer Mrs. Hill, Sir.“

„Welche anderen Besucher haben die Station zur fraglichen Zeit betreten?“, erkundigte sich Dr. Barker.

„Nur zwei, Sir. Eine junge Dame, die zu dem Patienten in Nummer 109 wollte, und ein Mann, der Mr. Collin in 118 zu besuchen wünschte.“

Dr. Barker griff schweigend nach dem Telefonhörer. „Verbinden Sie mich mit Zimmer 118“, sagte er. Er musste einige Sekunden warten, dann sagte er mit seiner biegsamen, modulationsfähigen Stimme: „Hallo, Mr. Collin! Hier spricht Dr. Barker. Wie geht es Ihnen? Gut? Das freut mich zu hören! Ich hoffe, der Besucher hat Sie nicht zu sehr angestrengt?“

Ich beobachtete Cliffs schmales, klar profiliertes Gesicht und hörte, wie er halblaut fortfuhr: „Niemand ist bei Ihnen gewesen? Ich verstehe. Offenbar bin ich falsch unterrichtet worden. Wir sehen uns bei der Abendvisite!“

Er legte auf. „Da haben wir es!“, meinte er.

Ich blickte die Schwester an. „Hat der Besucher sich ausgewiesen?“

„Nein. Das ist bei uns nicht üblich.“

„Wozu dann das Besucherjournal?“, fragte ich.

„Es dient zur Kontrolle. Für manche Patienten gilt ein Besuchslimit. Wir müssen darauf achten, dass diese Beschränkungen genau eingehalten werden.“

„Wie sah der Mann aus?“, fragte ich. „Können Sie ihn beschreiben?“

„Er war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt und gut gekleidet“, sagte die Schwester. „Er trug eine ungewöhnlich große Sonnenbrille, ein Pilotenmodell. Ich konnte seine Augen also nicht erkennen. Mir fielen vor allem seine Lippen auf. Sie waren blass, schmal und beinahe farblos, Er hatte ziemlich großporige Haut und eine schmale. Nase. Seine Stimme war etwas heiser, aber sie klang nicht unangenehm. Es war eine interessante Stimme. Der Mann wirkte selbstsicher und kühl, er war ein fesselnder Typ...“ Die Schwester unterbrach sich und wurde rot. Ihr war klargeworden, dass die Beschreibung einen von persönlichen Sympathien gefärbten Akzent bekommen hatte.

„Größe?“, fragte ich.

„Knappe eins achtzig. Er hatte schmale Hüften und breite Schultern. Ich würde sagen, dass er viel Sport treibt.“

„Hatte er etwas bei sich? Ein Paket, eine Tasche?“

„Nein, nichts. Nicht einmal Blumen.“

„Irgendwas anderes auffälliges an ihm?“

„Ja, er trug dünne Lederhandschuhe. Ich wunderte mich, dass er die Handschuhe trug und auch nicht abstreifte, als er den Namen in das Journal eintrug.“

„Wie lautet der Name?“

„Kenneth.“

„Würden Sie ihn wiedererkennen?“

„Ganz bestimmt.“

„Auch ohne Sonnenbrille?“

Die Schwester zögerte mit der Antwort. „Das hängt davon ab, was er auf dem Kopf haben wird. Er trug eine helle Schirmmütze, dessen Schirm tief in die Stirn gezogen war. Vielleicht, wenn ich die Stimme wieder höre.“

Dr. Barker räusperte sich und schaute mich an. „Kommst du da mit?“, fragte er.

„Die Gangster töten den Banker, um einen Tatzeugen aus dem Wege zu räumen. Gleichzeitig machen sie die Existenz eines anderen Tatzeugen möglich! Die Schwester gibt doch eine sehr präzise Beschreibung des Burschen ab, nicht wahr?“

Die Schwester wurde um einige Nuancen blasser. „Glauben Sie, dass ich gefährdet bin?“, fragte sie.

„Nein“, erwiderte ich überzeugt.

Dr. Barker stülpte skeptisch die Unterlippe nach vorn. „Natürlich liegt es mir fern, der Schwester Angst einzuflößen“, meinte er dann, „aber ich muss doch zugeben, dass ich in Sorge bin. Das bisherige Verhalten des Gangsters lässt auf eine Bande äußerst brutaler und skrupelloser Verbrecher schließen.“

„Das sind sie ohne Zweifel. Trotzdem halte ich die Schwester für nicht gefährdet, zumindest nicht im Moment. Zwischen den beiden Tatzeugen besteht meiner Ansicht nach ein grundlegender Unterschied.“

„Allerdings“, warf Cliff ein, „der eine ist nämlich schon tot!“ Er zuckte leicht zusammen, als ihm bewusst wurde, dass diese Feststellung im Beisein der Schwester zumindest unnötig war.

Er suchte nach einigen abschwächenden Worten. Ich kam ihm zuvor und sagte: „Das meinte ich nicht. Ich glaube eher, dass Turner sterben musste, weil er den Gangster erkannt hat. Das erklärt auch, dass Turner vor der Bank niedergeschossen wurde.“

Cliff hob die Augenbrauen. „Du vermutest, es könnte sich um einen Bankkunden gehandelt haben?“

„Vielleicht ja, vielleicht nein. Hast du nach der Operation mit Turner gesprochen?“

„Selbstverständlich.“

„Äußerte Turner irgendetwas, das meine Vermutung bestätigen könnte?“

„Er war schwach, entkräftet und apathisch“, erklärte der Arzt. „Seine körperliche Verfassung war so, dass er weder Furcht noch Hass empfinden konnte. Ich fragte ihn, ob er bereit und in der Lage sei, das FBI zu empfangen. Er schien etwas zu zögern, ehe er mir antwortete, dass ihm das recht sei. Mit großem Enthusiasmus schien er dem Besuch freilich nicht entgegenzusehen. Deswegen rief ich dich an“

Ich blickte die Schwester an. „Wie lange hielt sich der Mann mit der heiseren Stimme in der Station auf?“

„Genau zehn Minuten.“

„Haben Sie ihn beim Betreten oder Verlassen des Zimmers beobachtet?“

„Nein.“

„Welchen Eindruck machte er, als er ging?“

„Er sah mich nicht einmal an. Er schritt sehr aufrecht an mir vorbei. Ganz ohne Eile. Das ist alles, was ich dazu sagen kann.“

„Wir nehmen das noch zu Protokoll, Schwester“, sagte ich. „Mit Hilfe des Polizeizeichners und Ihrer Erinnerung werden wir versuchen, eine möglichst genaue Skizze des vermutlichen Täters anzufertigen. Sie sind doch bereit, uns zu helfen?“

„Selbstverständlich!“, sagte sie. Dann ging sie hinaus.

„Wie viel Geld ist bei dem Bankraub gestohlen worden?“, fragte Dr. Barker.

„Naja, es war zwar nicht der größte Coup in der amerikanischen Bankraubgeschichte, aber dennoch waren es Vierzehn Millionen Dollar.“

„Aber es handelte sich doch nur um eine Privatbank, so viel mir bekannt ist?“

Ich nickte. „Normalerweise bewahren sie nur einen Bruchteil dieser Summe in ihren Tresoren auf, aber der größte Kunde der Bank, die King Food Company, hatte die Jahresgewinne für ihre siebentausend Angestellten in bar fertig machen lassen. Eine Stunde später, und das Geld wäre abgeholt gewesen! Es ist anzunehmen, dass die Gangster von einem der Bankangestellten einen entsprechenden Tipp bekommen haben.“ Dr. Barker betrachtete das Glas in seiner Hand. „Eins verstehe ich nicht, Carrie“, sagte er.

„Nämlich?“

„Turner war für das FBI der Hauptzeuge, nicht wahr? Wie konnten man zulassen, dass er ermordet wurde?“

„Du fragst mich, weshalb wir keinen Posten vor die Tür des Krankenzimmers setzten?“

„Ja, das würde mich interessieren.“

In diesem Moment klopfte es. Ein mittelgroßer, untersetzter Mann trat ein. Er hatte ein rotes, verschwitztes Gesicht und war etwas außer Atem. „Entschuldigen Sie“, sagte er und hob einen bandagierten Arm in die Höhe. „Auf dem Weg zum Krankenhaus wurde ich in einen Autounfall verwickelt. Ich musste mir eine ambulante Behandlung gefallen lassen. Der Zwischenfall hat mich fast drei Stunden Zeit gekostet.“

„Ich verstehe, Cooper“, nickte ich. „Es lässt sich nicht ändern. Sie haben drei Stunden Zeit verloren und Turner sein Leben.“ Dann schaute ich Cliff an. „Jetzt hast du die Antwort auf deine Frage.“

„Das ist der Mann?“, fragte der Arzt. „Er sollte Turner beschützen?“

Ich wurde einer Antwort enthoben, da in diesem Moment das Telefon klingelte. Dr. Barker nahm den Hörer ab und meldete sich. Er sagte: „In Ordnung“, dann legte er auf und blickte mich an.

„Soeben sind deine Kollegen von der Mordkommission eingetroffen“, informierte er mich.

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Die nächsten zwanzig Minuten verbrachte ich damit, Lieutenant Hoover vom 3. Morddezernat zu erklären, was sich ereignet hatte. Dann verließ ich das Hospital. Die Kleinarbeit war Hoovers Sache.

Vor dem Haupteingang blieb ich kurz stehen. Ich ließ die Geruchsmischung von Karbol, Bohnerwachs und Medizin hinter mir und atmete tief durch. Es nützte nichts. Der Druck blieb.

Ich dachte an die Beschreibung, die die Schwester von dem mutmaßlichen Täter gegeben hatte. Es war ein Mann mit heiserer, aber anziehender Stimme. Kühl und selbstsicher. Ein Mörder mit Gelassenheit, der selbst nach der Tat keine Eile hatte.

Ich musste diesen Mann finden. Um jeden Preis. Ihn und die anderen. Das ganze skrupellose Team und die vierzehn Millionen dazu!

Ich setzte mich in Bewegung. Gerade als ich auf dem sonnenüberfluteten Parkplatz in meinen Flitzer springen wollte, kam ein heruntergekommener Ford angesaust. Der Fahrer stoppte so scharf, wie es die altersschwachen Bremsen zuließen, und kletterte hastig heraus. Es war ein stämmiger, rotköpfiger Bursche, um dessen Hals zwei Kameras baumelten, eine Nikon mit Weitwinkelobjektiv und eine Leica mit Standardobjektiv. Im Nu war ich bei ihm.

„Hallo, Wilson“, sagte ich. „Wieder mal auf heißer Fährte?“

Wilson grinste, wie nur er es fertigbrachte. Es war, als liefe eine Flasche Salzsäure aus. Wilson war hart, zynisch und tüchtig. Er war in Journalistenkreisen nicht beliebt, aber Beliebtheit war wohl das letzte, was er anstrebte. Wilson hatte den Ehrgeiz, der heißeste Sensationsreporter der Stadt zu sein. Es gab nur wenige, die ihm dieses Prädikat streitig machten.

Wilson war dreißig Jahre alt. Sein Gesicht war sommersprossig. Die platt geschlagene Nase bewies, dass er gelernt hatte, in Ausübung seines Jobs gewisse Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen.

„Sieh mal einer an! FBI höchstpersönlich!“, sagte er und nahm den Objektivdeckel von der Nikon. „Wie wäre es mit einem Konterfei? Weiß man schon, wer Turners tüchtiges Kassiererherz mit der Messerbremse zum Stillstand gebracht hat?“

In mir klickte etwas. Ich bezwang den aufwallenden Zorn und fragte: „Sie haben den Polizeifunk abgehört?“

Wilson schüttelte den Kopf. Sein Grinsen vertiefte sich.

„Keine Spur“, erwiderte er. „Ich lag zu Hause und röchelte einen kleinen Rausch aus, als plötzlich das Telefon zirpte. Jemand gab mir einen Tipp. Leute meines Schlages leben davon, wissen Sie. Ich muss Sie bitten, mich jetzt zu entschuldigen. Ist die Konkurrenz schon da?“

Er sah sich um und wollte an mir vorbei, aber ich trat ihm in den Weg.

„Nur noch einen Moment, Wilson. Wer hat Sie angerufen?“

Sein Grinsen wurde spöttisch. „Mensch, Hill! Sie wissen genau, dass wir nicht verpflichtet sind, unsere Informanten preiszugeben!“

„Wann haben Sie den Anruf bekommen?“

„Vor einer halben Stunde. Ich habe mich sofort auf die Socken gemacht, aber bei diesem verdammten Verkehr hätte ich einen Hubschrauber haben müssen, um früher zur Stelle zu sein!“

„Wissen Sie denn, wer der Anrufer war?“, fragte ich.

„Ein Mann, der es gut mit mir meint“, sagte Wilson. „Dank der Information bin ich als erster am Drücker. Wieder einmal! Halten Sie mich nicht auf, Hill, es wird Zeit.“

„Der Anrufer war der Mörder, Wilson.“

Er starrte mich an. „Weshalb sollte er daran interessiert sein, die Story so schnell loszuwerden?“

„Das ist doch klar! Er will möglichst schnell in der Zeitung lesen, was wir wissen.“

„Verstehe. Na und? Seine Motive sind mir piepe. Mir geht es nur um den Artikel“

„Beschreiben Sie mir seine Stimme!“

„Mensch, Hill das führt doch zu nichts!“, sagte Wilson ungeduldig.

„Wir müssen den Mörder finden, Wilson. Schnellstens! Er hat Sie angerufen. Aus einem Anruf lässt sich eine Menge entnehmen, wenn man sich darauf versteht. Geräusche im Hintergrund, ein paar Worte am Rande, der Klang der Stimme. Sie haben doch eine Nase dafür, nicht wahr?“

Er starrte mich an und begriff. „Vielleicht“, sagte er leise. „Ja, vielleicht habe ich diese Nase!“

Ich begriff, was in ihm vorging. Er sah die Chance für eine sensationelle Story. Er, Ronny Wilson, würde den Mörder suchen und finden!

„Los, packen Sie aus, Wilson!“, drängte ich, aber er schüttelte den Kopf und sagte: „Ich werde auspacken, Hill. In der Zeitung. Mit fetten Schlagzeilen, auf der Frontseite. Ich bin zwar kein FBI-Mensch wie Sie, aber wäre es nicht ein Knüller, wenn ich Ihnen einmal den Rang abliefe? Mensch, das wird wie eine Bombe einschlagen!“

„Kennen Sie das Risiko, Wilson?“, fragte ich ernst.

Er grinste. „Risiko ist mein Geschäft!“, meinte er. Im nächsten Moment war er auf und davon.

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6

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Rayn und ich musterten die Vergrößerung.

Das Foto von der Überwachungskamera war groß genug, um gerahmt zu werden, aber die Qualität der Aufnahme ließ zu wünschen übrig. Daran waren verschiedene Faktoren schuld. Die automatischen Kameras der Bank waren veraltet. Sie arbeiteten mit uraltem Equipment. Wir ließen immer wieder die Bänder durchlaufen, doch es gab nicht viel her, und die Tatsache, dass es sich um einen Schwarzweißfilm handelte, wirkte sich in der Vergrößerung durch besonders grobes Korn aus.

Es war eine einzige Aufnahme, die von dem Banküberfall so halbwegs brauchbar war. Man erkannte darauf den Schalterraum und die an der Fensterwand zusammengedrängten Kunden. Sie hatten die Arme erhoben und die Gesichter weisungsgemäß der Wand zugekehrt. Drei maskierte, mit Maschinenpistolen ausgerüstete Gangster hielten die Kunden und die Angestellten in Schach. Ein vierter Gangster war gerade dabei, das Geld in einen Sack zu stopfen.

Dieser Gangster war es, der kurz darauf geschossen hatte.

Turner war auf dem Standbild am deutlichsten zu erkennen. Man sah seine weit aufgerissenen Augen und die vom Schreck verzerrten Gesichtszüge.

Alle vier Banditen trugen dunkle Anzüge älterer Machart und breitkrempige Hüte. Nur der Gangster am Schalter hatte auf dem Kopf eine Mütze aus Drillich, eine von denen, wie sie oft von Anglern getragen wurden. Von keinem der Gangster war das Gesicht zu erkennen.

„Diese Anzüge“, meinte Rayn. „Ich finde, sie haben ihre Sicherheitsvorkehrungen ein wenig übertrieben. Um nicht identifiziert zu werden, haben sie sich diese alten Klamotten beschafft. Sie müssen die Dinger beim Trödler erstanden haben.“

Ich wusste, worauf er hinauswollte. „Eine schwache Chance“, räumte ich ein. „Du weißt wie viele Trödler es allein in Brooklyn gibt Viele von denen arbeiten als Hehler. Sobald die Polizei aufkreuzt und ein paar Fragen stellt, schnappen die Münder dieser Leute zu wie Rattenfallen.“

„Egal, wir müssen die Läden systematisch abklappern“, meinte Rayn. „Ich übernehme das. Vielleicht kommt doch etwas dabei heraus. Schließlich arbeiten einige der Trödler mit uns zusammen.“

Ich tippte mit dem Finger auf die Vergrößerung. „Sieh mal an. Fällt dir an den Schuhen dieses Mannes etwas auf?“

„Hm“, machte Rayn. „Er hat kleine Füße.“

„Für einen Mann seiner Körpergröße sind sie sogar auffällig klein“, sagte ich.

Rayn machte sich Notizen. Der Mann mit den kleinen Füßen und der Anglermütze schoss auf Turner, das war eindeutig auf dem Überwachungsfilm zu sehen. Ich schaute auf die Uhr.

„Wilson dürfte den Artikel inzwischen geschrieben haben“, sagte ich und schraubte mich in die Höhe. „Ich hänge mich jetzt an Wilsons Fersen. Ich wette, er wird seine Recherchen schnellstens beginnen. Ich möchte sehen, wohin er sich wendet.“

„Schnapp dir einen Dienstwagen“, riet Rayn. „Wilson kennt deinen Audi TT. Wenn du ihm folgst, würde er versuchen, dir ein Schnippchen zu schlagen. Hältst du Wilson im Ernst für fähig, die Fährte des Mörders zu finden?“

„Er ist ein alter Fuchs. Als ich ihn nach Einzelheiten des Anrufs fragte, schien etwas in ihm einzurasten. Ich spürte, dass er einen wichtigen Anhaltspunkt gefunden hatte. Eine Kleinigkeit, von der er hoffte, dass sie ihn voranbringen wird. Es wird sich zeigen, ob er damit etwas anfangen kann.“

Ich ging zur Tür. In diesem Moment klingelte das Telefon. Rayn nahm ab und meldete sich. Er streckte mir den Hörer entgegen. „Für dich.“

Lieutenant Hoover war am Apparat. Ich deutete Rayn mit einer Kopfbewegung an mitzuhören.

„Ich habe eine sehr interessante Entdeckung gemacht“, sagte Hoover.

„Schießen Sie los“, meinte ich. „Was ist es?“

„Ich habe mit der Narkoseschwester gesprochen. Sie stand während der Operation neben Turner. Er machte während der Narkose nur einmal den Mund auf und äußerte ein Wort, das sich wie Babyface anhörte. Ich habe mich erkundigt. Turners Frau ist eine knochig geratene Enddreißigerin. Sie behauptet, dass er sie niemals so genannt hat. Bleibt also die Möglichkeit, dass Turner während der Operation von dem Überfall träumte und an den Gangster dachte, den er erkannt hatte. Babyface kann der Spitzname des Burschen sein!“

„Babyface“, wiederholte ich. „Wissen Sie, wie viele Leute so genannt werden?“

„Weiß ich“, meinte der Lieutenant, „aber es kann nicht schaden, im Computer die Datei mit den gesammelten Nicknamen in der der Zentrale daraufhin durchzusehen.“

„Gut. Wird erledigt. Vielen Dank für den Tipp!“ Ich legte auf.

„Ist es nicht denkbar, dass Turner Babyfeet gesagt hat? Das klingt ganz ähnlich!“

Rayn starrte mich an und stieß einen dünnen Pfiff aus.

„Klar, Babyfeet! Der Kerl mit den kleinen Füßen! Mensch, da bietet sich uns eine reelle Chance! Leute, die man Babyface nennt, gibt es wie Sand am Meer, aber mit Babyfeet ist das etwas anderes!“ Er nahm den Hörer ab und wählte eine Nummer. „Ich rufe die EDV-Abteilung an“, sagte er.

„Danke“, sagte ich. „Es wird höchste Zeit, dass ich Wilsons Mörderjagd verfolge.“

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7

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Ich hatte Glück. Wilsons fast schrottreifer Ford stand auf dem Parkplatz der New York Post. Ich klemmte den unauffälligen, dunkelblauen Chevy der Dienststelle zwischen zwei aufgeblasene Cadillacs und wartete. Ich hatte den Polizeifunk eingestellt. Es war nichts dabei, was den Bankraub betraf. Genau zwanzig Minuten später kam Wilson aus dem Redaktionsgebäude. Es war kurz vor neunzehn Uhr. Er hatte sich in Schale geworfen und trug einen dunkelblauen Anzug mit knallroter Krawatte.

Wilson ging zu seinem Wagen und stieg ein. Er kurbelte das Fenster herab und ließ einen Arm im Freien baumeln. Der Verkehr machte es notwendig, dass ich dicht hinter ihm blieb, denn ich hatte keine Lust, ihn nach der ersten Ampel aus den Augen zu verlieren. Ich war sicher, dass er gar nicht an die Möglichkeit einer Verfolgung dachte. Außerdem war die Windschutzscheibe des Dienstwagens bläulich eingefärbt, so dass Wilson kaum eine Chance hatte, mich in seinem Rückspiegel zu erkennen.

Die Fahrt ging durch den Brooklyn Battery Tunnel und die langgestreckte Hamilton Avenue südwärts. Dann ließen wir den Prospekt Park links liegen und durchquerten Flathbush.

Ich hatte den Abstand zu seinem Wagen inzwischen beträchtlich erweitert, weil der Verkehr weit geringer geworden war.

Wilson verlangsamte das Tempo, und dann ließ er den Ford über die Schlaglöcher einer wenig vertrauenerweckend aussehenden Allee schwanken. Dann sah ich die Bremslichter des Ford aufleuchten. Ich fuhr zwanzig Meter weiter und parkte vor einem hinfällig aussehenden Lastwagen.

Die Dämmerung ließ die Gegend weniger trostlos aussehen, als sie in Wirklichkeit war. Pilgrim Lane zeichnete sich durch baufällige, schmalbrüstige Kästen aus, und Schmutz und Armut wurden durch die Dunkelheit zugedeckt.

Ich stieg aus und stellte mich so, dass der parkende Lastwagen mir als Sichtschutz diente. Wilson hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben und schlenderte ohne Eile die Straße entlang. Er kam direkt auf mich zu. Ich ging um den Lastwagen herum, als Wilson daran vorbei spazierte.

Dann sah ich, wie er ein Lokal betrat. Über dem Eingang leuchtete eine giftgrüne Neonreklame: Navy Bar. Mir fiel ein, dass sich ganz in der Nähe einige Stützpunkte der Kriegsmarine befanden. Vielleicht gehörten die Matrosen zum Stammpublikum des Lokals. Wenn das Lokalinnere der Hausfassade entsprach, konnte es sich allerdings nur um eine drittklassige Kneipe handeln.

Ich überquerte die Straße und postierte mich in einem Hauseingang, der der Bar genau gegenüber lag. Ich kam mir dabei ziemlich nutzlos vor. Was tat Wilson in der Kneipe? Mit wem versuchte er Kontakt aufzunehmen? Ich musste mich zunächst in Geduld fassen, eine andere Möglichkeit gab es nicht. Wilson durfte mich nicht sehen, sonst wäre meine Mission zu schnell beendet gewesen.

In der Mansardenwohnung wurde Licht gemacht. Ein Fenster stand offen. Ein Mann ging am Fenster vorbei. Es war Wilson.

Wie konnte ich der Unterhaltung folgen, die jetzt dort oben geführt wurde? Das Problem packte mich. Rings um das Dach lief ein Steinsims. Es war breit genug, um einen Menschen aufzunehmen. Aber wie kam man hinauf?

Ich überquerte die Straße. Im Haus neben der Navy Bar war eine offene Autodurchfahrt. Ich stellte fest, dass sie auf den Lagerplatz einer Baustoffhandlung führte. Der Lagerplatz war durch einen Zaun vom Nachbargrundstück getrennt. Ich hatte keine Mühe, ihn zu überklettern.

Als ich auf dem Hof stand, nahm ich den säuerlichen Geruch schalen Biers wahr. Er entströmte einem Stapel leerer Bierdosen, die genau unter der Feuerleiter lagen. Es war noch nicht ganz dunkel, das Haus war vier Stockwerke hoch, und die Feuerleiter führte an vielen Fenstern vorbei.

Erfahrungsgemäß liegen stets die Küchen- und die Schlafzimmer zur Hofseite hin. Es war nicht anzunehmen, dass die Leute um diese Zeit im Schlafzimmer waren, und wer in der Küche arbeitete, musste Licht machen. Ich fackelte nicht lange und reckte meine Arme, um die unterste Sprosse zu nehmen und mich hochzuziehen.

Ich bedauerte, helle Kleidung tragen. Dadurch hob ich mich ziemlich deutlich von dem Hintergrund ab. Egal, jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich kletterte die Leiter hinauf, immer darauf bedacht, möglichst schnell und lautlos an den Fenstern vorbeizukommen.

Drei Minuten später stand ich auf dem Dach. Es war nach hinten abgeplattet und eingezäunt. Die Dachluke stand offen, und an einer Leine hingen mehrere Wäschestücke. Ich musste jedoch, um nach vorn zu gelangen, den Außensims benutzen. Ich hatte ein flaues Gefühl im Magen, als ich mich darauf zubewegte, denn der Sims war sicherlich nicht dazu bestimmt, eine ausgewachsene Person zu tragen.

Behutsam setzte ich einen Fuß vor den anderen. Dann sah ich die Pilgrim Lane unter mir, sie wirkte wie ein dunkler, trister Schacht. Ich ging weiter, auf das nur wenige Meter entfernte erleuchtete Mansardenfenster zu.

Ich hörte Stimmen. Jetzt sprach Wilson.

„Das ist doch alles Quatsch“, sagte er unwirsch. „Ich brauche Fakten, keine Märchen!“

Dann erklang eine andere Stimme. Ich hatte sie noch nie gehört, aber ihr Klang bewirkte, dass sich meine Nackenhärchen sträubten. Es war eine heisere, sehr flexible Stimme; sie entsprach genau der Beschreibung, die die Schwester von der Stimme des mutmaßlichen Mörders gemacht hatte!

„Es gibt Dinge im Leben“, sagte er, „die sich wie Märchen anhören und trotzdem wahr sind. Sie als Reporter sollten das besser wissen als irgendein anderer!“

„Okay. Kommen Sie endlich zur Sache!“

„Ich wiederhole, dass ich nicht darüber sprechen darf, aber der Anruf erfolgte im Auftrag des CIA.“

„Ich habe Turners Vergangenheit ziemlich genau durchforscht“, sagte Wilson unwirsch. „Es war nichts darin zu entdecken, das Anlass zu der Vermutung geben könnte, Turner habe mit dem CIA zusammengearbeitet.“ Er lachte kurz auf. „Turner als Geheimagent! Das ist absurd!“

„Was ist so absurd daran?“

„Turner war ein kleiner Bankangestellter“, erklärte Wilson. „Ein Kassierer. Ein nüchterner Zahlenmensch, ein Mann ohne Dynamik, Phantasie und Elan. Eine Buchhalternatur! Womit hätte er dem CIA nützen oder schaden können? Ich will Ihnen etwas sagen, mein Junge: Sie haben sich rasch eine Geschichte ausgedacht, um mich bluffen zu können, stimmt das? Aber damit kommen Sie bei mir nicht durch! Solche Ammenmärchen kaufe ich Ihnen nicht ab.“

„Was wollen Sie denn hören?“

„Das wissen Sie verdammt genau! Wer hat Turner umgelegt? Los, heraus mit der Sprache!“

„Ich war es nicht. Ich gebe zu, dass ich im Krankenhaus gewesen bin, aber...“

„Was wollten Sie dort?“, forschte Wilson.

„Ich hatte den Auftrag, Turner einige Anweisungen zu geben.“

„Auf Befehl des CIA, nehme ich an?“ Wilsons Stimme klang höhnisch.

„Allerdings!“, sagte der Fremde. „Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen?“

„Wenn Sie Mitglied des CIA sind, bin ich Putins Vertrauensmann in Amerika!“, spottete Wilson.

„Moment“, sagte der Fremde. „Ich zeige Ihnen den Ausweis.“

„Woher haben Sie das Ding?“

„Sehen Sie ihn sich genau an“, riet die heisere, keineswegs unangenehme Stimme selbstzufrieden. „Er ist echt. Ich muss Sie allerdings bitten, das alles vertraulich zu behandeln. Die Öffentlichkeit darf nicht das geringste davon erfahren.“

„Sie machen mir Spaß!“, meinte Wilson. „Wofür halten Sie mich eigentlich? Ich bin nicht an Ihre komischen Geheimhaltungsvorschriften gebunden! Ich bin Reporter. Ich lebe davon, Knüller aufzuspüren und darüber zu schreiben! Das hier ist ein Reißer ganz besonderer Art. Was hat die CIA mit dem Bankraub zu tun? Wäre eine Schlagzeile nach meinem Geschmack. Musste Turner sterben, weil es die CIA so wollte? wäre eine andere Möglichkeit. Hm, lieber nicht. Das würde uns in Schwierigkeiten bringen. Bestimmt findet sich etwas anderes, ähnlich zugkräftiges. Fest steht, dass der Bericht wie eine Bombe einschlagen wird.“

„Sie werden nichts dergleichen bringen“, sagte die belegte Stimme ruhig.

„Niemand kann mich daran hindern, die Wahrheit zu schreiben!“, erklärte Wilson entschlossen.

„O doch“, meinte der Fremde, ohne die Stimme zu heben. „Ich kann es.“

„Sie?“

„Sagen wir, meine Dienststelle, die CIA.“

„Die Abwehr hat eine Menge Einfluss, aber sie hat nicht die Macht, die Öffentlichkeitsarbeit der freien Presse zu beeinträchtigen“, meinte Wilson.

Der Fremde lachte kurz und spöttisch.

„Ich kann verstehen, dass Sie sich ärgern, Wilson. Sie sind einer sensationellen Sache auf die Spur gekommen und dürfen nichts darüber bringen. Das nagt an Ihrem Reporternerv, das haut Sie förmlich um. Aber so ist es nun einmal. Der Fall ist Staatsgeheimnis. Darauf weise ich Sie hiermit ganz offiziell hin. Okay?“

„Eine Bank wird überfallen“, sagte Wilson bitter. „Der Kassierer wird niedergeschossen. Die Täter entkommen mit einer Beute von vierzehn Millionen Dollar. Der niedergeschossene Kassierer wird ins Hospital eingeliefert und operiert. Die Operation gelingt. Stunden später wird der Kassierer ermordet. Ich werde davon durch einen Anruf in Kenntnis gesetzt und erinnere mich, die Stimme schon einmal gehört zu haben. Ich spüre sie auf und erfahre, dass Sie Turner im Krankenhaus besucht haben. Angeblich war er zu diesem Zeitpunkt schon ermordet. Sie fragen bei Ihrer Dienststelle an, was zu tun sei, und man befiehlt Ihnen, mich anzurufen. Angeblich lag es im Interesse des CIA, Turners Tod rasch bekannt werden zu lassen. Fantastisch! Wollen Sie mir bitte erklären, wo da ein innerer Zusammenhang besteht? Es dreht sich noch immer um den Bankraub, es geht um die gestohlenen vierzehn Millionen, und es geht um den Mord an Turner! Um nichts weiter, klar? Ich wäre nicht Ronny Wilson, wenn ich darauf verzichtete, die sensationelle, reichlich undurchsichtige Story auf der Frontseite der New York Post zu bringen!“

„Mensch, Wilson in dieser Stadt vergeht kein Tag ohne Mord, Verbrechen, Sensationen. Es heißt, dass früher in Amerika das Geld auf der Straße lag. Heute sind es die Knüller, die Sensationen, die man nur aufzuheben braucht. Sie wissen das doch am besten! Suchen Sie sich einen anderen, weniger explosiven Stoff. Der Fall Turner und alles, was damit zusammenhängt, ist für Sie ab sofort tabu. Verstanden?“

„Sie werden Ihr blaues Wunder erleben!“, verkündete Wilson grimmig.

Ich hörte das Rücken von Stühlen. Schritte entfernten sich, eine Tür knarrte. Dann fiel sie ins Schloss.

Sekunden später fiel etwas anderes. Ein Schuss.

Er war nicht sehr laut. Offenbar kam er aus einer mit Geräuschdämpfer versehenen Waffe. Ganz sicher war der Schuss in der Mansardenwohnung abgefeuert worden. Ich bewegte mich so rasch auf das offene Fenster zu, wie es mit meiner Sicherheit in Einklang zu bringen war. Ich sprang ins Innere des erleuchteten Zimmers. Ich nahm mir nicht viel Zeit, die schäbige Einrichtung zu mustern. Mit wenigen Schritten war ich an der Tür. Ich wollte sie öffnen, aber die klemmte. Von außen drückte etwas gegen die Tür. Ich stemmte mich dagegen und hatte Erfolg. Ich sah, was ich beiseitegeschoben hatte. Es war Ronny Wilson.

Er lag auf dem Rücken, mit weit aufgerissenen Augen. Eine Hand hatte er in Höhe des Herzens in den Anzug verkrallt.

Er lebte noch.

Der Ausdruck seiner Augen und die Lage der Schusswunde ließen mich vermuten, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb.

Ich kniete neben ihm nieder. Er wandte den Kopf und erkannte mich. Irgendetwas zerrte an meiner Kehle, als ich sah, dass er matt lächelte.

„Sie haben mich gewarnt, Hill“, brachte er mühsam und kaum hörbar hervor. „Es ist nicht Ihre Schuld!“

„Sprechen Sie kein Wort zu viel!“, sagte ich und beugte mich zu ihm hinab. „Wer war es?“

Ein dumpfes Stöhnen war die einzige Antwort. Er schien plötzlich Schmerzen zu empfinden. Ich streifte meine Jacke ab, rollte sie zusammen und schob sie unter seinen Kopf. Als ich den Kopf losließ, rollte er zur Seite. Ich sah, dass der Ausdruck der Augen sich verändert hatte. Sie sahen so starr und gläsern aus, als wären sie aus bemaltem Porzellan.

Ich begriff, dass diese Augen nichts mehr sahen. Ronny Wilson war tot.

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Im Haus war alles still. Ich stürmte durch das Wohnzimmer ans offene Fenster. Unten, auf der Straße, entzündete sich ein gelbroter Feuerblitz. Dicht neben mir klatschte etwas in die Wand. Ich zog meinen Kopf zurück, aber es bestand keine Gefahr. Die Entfernung zwischen Straße und Mansarde war zu groß für eine Pistole.

Ich hörte Schritte und das Klappen einer Wagentür. Fenster wurden geöffnet. Neugierige steckten die Köpfe ins Freie. Ein paar Rufe wurden laut, Fragen nach der Ursache des Knalls.

Dann heulte ein Wagenmotor auf. Ich versuchte das Dunkel der Straßenschlucht mit den Blicken zu durchdringen, sah aber nur das höhnische Leuchten der roten Wagenschlusslichter, die mir wie die Augen eines feixenden Teufels vorkamen.

Ich wandte mich um. Das Zimmer war etwa zwanzig Quadratmeter groß. Die Bettcouch stand an der Längswand. Auf dem runden Tisch in der Mitte des Zimmers verqualmte im Ascher eine Zigarette. Das Zimmer war so unpersönlich wie der Warteraum eines Arztes.

Ich öffnete den Kleiderschrank, der der Couch genau gegenüberstand. Er war leer.

Ich ging in die Diele.

Ich blickte den Toten an und spürte, dass sich in meinem Inneren etwas verschob. Ronny Wilson! Er war ein Zyniker gewesen, ein sensationsgieriger Reporter. Das war die eine Seite. Es gab noch eine andere. Ronny Wilson hatte seinen Beruf ernst genommen, er hatte den Lesern geliefert, was sie wollten. Es war leicht, sich über Sensationen zu mokieren; feststand, dass Ronny Wilson einer von denen gewesen war, die sie in meisterhafter Form brachten. Ich war manchmal mit ihm aneinander gerasselt, weil unsere Interessen kollidierten, aber ich hatte vor seinem Ehrgeiz, vor seinem journalistischen Können immer großen Respekt gehabt.

„Okay, Wilson“, sagte ich. „Ich verspreche dir, den Job zu Ende zu führen.“

Als ich meine heisere Stimme hörte, dachte ich wieder an den Mörder. Seine Stimme hatte ich mir fest eingeprägt. Ich würde sie wiedererkennen, wenn ich sie ein zweites Mal hörte, das war sicher.

Wo hatte Ronny Wilson diese Stimme zum ersten Mal vernommen?

Es gab in diesem Zusammenhang eine Menge Fragen, aber ihre Beantwortung musste warten, bis das Wichtigste erledigt war.

Auf dem kleinen Tisch neben der Schlafcouch standen eine halbvolle Flasche Whisky, ein Reisewecker und ein Telefon. Ich nahm den Hörer ab und wählte die Nummer von Lieutenant Hoovers Office.

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Danach schaute ich mich in der Wohnung um. In der Küche herrschte peinliche Sauberkeit; der Kühlschrank war leer bis auf eine Dose mit belgischem Bier.

Nirgendwo fand sich ein schriftlicher Hinweis; ich entdeckte nichts was konkrete Schlüsse auf Namen und Person des Mannes mit der heiseren Stimme gestattete.

Ich schaute mir die Wohnungstür an. Sie hatte kein Namensschild. Ich machte im Treppenhaus Licht und ging nach unten. Im Erdgeschoss führte eine Tür in das Lokal. Sie diente als Ausgang zu den Toiletten. Wilson war durch diese Tür vom Lokal ins Hausinnere gelangt. Ich öffnete sie und trat über die Schwelle.

Die Kneipe war größer, als ich erwartet hatte. An der Theke standen fünf Männer. Die Tische waren unbesetzt. Ein Deckenventilator bekämpfte ohne sichtbaren Erfolg die stickige verbrauchte Luft, die sich vielschichtig und zäh in der Luft hielt.

Ein Mann drehte sich um und starrte mich an, als sähe er einen Geist. An der Theke bediente ein junges Mädchen. Sie hatte ein leidlich hübsches Gesicht. Die Härte in ihren Augen und ein paar kaum auffallende dünne Kerben an den Mundwinkeln machten deutlich, dass sie gelernt hatte, sich in dieser sehr unweiblichen Umgebung zu behaupten.

Ich blickte das Mädchen an.

„Gehört Ihnen das Lokal?“

„Nein“, sagte sie. „Möchten Sie’s kaufen?“ Einige der Männer lachten.

„Wer ist der Besitzer?“, fragte ich.

„Johnny. Wollen Sie ihn sprechen?“

„Ja, wo finde ich ihn?“

„Er hat im Augenblick zu tun. Wer sind Sie überhaupt?“

Ich zeigte ihr meinen Ausweis. Sie betrachtete ihn sehr genau und gab ihn dann zurück. „Eine FBI-Agentin!“, sagte sie. Es war klar, dass die Information die Gäste aufklären sollte. Die Stimme des Mädchens klang verächtlich.

Die Männer an der Theke musterten mich, weder feindselig noch freundlich, eher neugierig. Es war schwer, ihre Gedanken zu erraten. Ob der Mann mit der heiseren Stimme oft hier unten getrunken hatte? Ob sie ihn kannten?

„Kommen Sie mit“, sagte das Mädchen. Als ich ihr folgte, stellte ich neidlos fest, dass sie lange, schlanke Beine und eine gute Figur hatte.  Durch eine Tür am hinteren Ende der Kneipe gelangten wir in einen Lagerraum. Zwischen gestapelten Bier und Flaschenkisten führte ein schmaler Zugang zu einer weiteren Tür, auf der Privat stand.

„Gehen Sie da hinein“, sagte das Mädchen. Sie blieb stehen, um mich vorbeizulassen.

„Wie heißt der Wirt mit Nachnamen?“

„Tiggers, er heißt Johnny Tiggers“, sagte sie. Ich ging an ihr vorbei. Sie machte mir keinen Millimeter Platz, so dass ich sie streifte. Ich ging auf die Tür zu und klopfte. Das brummige „Ja?“, das unmittelbar darauf ertönte, klang unwirsch. Ich öffnete die Tür und trat über die Schwelle.

Das Zimmer war ziemlich groß. Es enthielt eine seltsame Mischung von Büro, Wohnzimmer und Kneipenmöbeln. Die Lampe brannte nicht, aber ich erkannte die säuberlich aufeinander gelegten Chips in der Mitte des Tisches. Wahrscheinlich wurde hier oft gepokert.

Die einzige Lichtquelle des Raumes war eine Schreibtischlampe. Ihr Schein reichte bis zu dem kleinen eisernen Ofen, in dem ein flackerndes Feuer brannte. Es roch nach verbranntem Papier. Der Mann stand direkt vor dem Ofen. Er hatte einen Schürhaken in der Hand. Offenbar lag ihm viel daran, das verbrannte Papier zu Asche zu zerstoßen.

„Wer, zum Teufel, sind Sie?“, herrschte er mich an.

„Carrie Hill ist mein Name“, sagte ich. „Leiden Sie zufällig an Malaria?“

„Nein, warum?“

„Es ist ein bisschen ungewöhnlich, Feuer zu machen, wenn das Thermometer 25 Grad Celsius anzeigt.“

„Ich verbrenne Altpapier. Haben Sie was dagegen?“ Er kam auf mich zu, den Schürhaken in der Hand.

„Sie sind doch Mr. Tiggers?“, fragte ich.

„Wollen Sie ein Autogramm von mir?“, erkundigte er sich drohend. „Wenn Sie Wert darauf legen, schreibe ich’s mit dem Schürhaken.“

Johnny Tiggers war ein großer muskulöser Mann mit einem kurz geratenen Hals, einem runden Gesicht und kleinen, weit auseinander stehenden Augen, in denen es tückisch funkelte. Er sah nicht aus wie ein sehr jovialer Gesprächspartner. Seine Worte, seine Haltung und der Schürhaken in seiner Rechten trugen dazu bei, diesen Eindruck zu vertiefen.

„Carrie Hill“, knurrte er und blieb dicht vor mir stehen. Er roch nach Schweiß und Bier. Bekleidet war er mit einer Hose, die seinen vorstehenden Bauch unterstrich und einem Polohemd aus giftgrüner Baumwolle.

„Darf ich erfahren, was Sie von mir wollen? Fassen Sie sich kurz, Hill, ich habe noch eine Menge zu tun!“

„Viel zu verbrennen, meinen Sie?“

Er grinste. „Es geht Sie einen feuchten Dreck an, was ich tue! Beantworten Sie lieber meine Fragen, sonst setze ich Sie an die frische Luft!“

„Das Fragestellen besorge im Allgemeinen ich“, teilte ich ihm freundlich mit und holte meinen Ausweis hervor. Er blinzelte beim Lesen, als hätte er Mühe, die Beschriftung zu entziffern.

Dann machte er kehrt und trat an den Schreibtisch. Er legte den Schürhaken wie ein Lineal auf die Platte, griffbereit. Er setzte sich und drehte den Schirm der Lampe so, dass sein Gesicht weitgehend im Schatten blieb. Mir schien es so, als atmete er rascher und etwas gepresst

„Nehmen Sie Platz!“, knurrte er.

Ich ließ mich ihm gegenüber in einem alten Drehsessel nieder und schlug ein Bein über das andere. „Sind Sie der Hausbesitzer?“, fragte ich.

„Ja.“

„Wer hat die Mansarde gemietet?“

„Mr. Nelson.“

„Sagten Sie Nelson?“

„Bin ich so schlecht zu verstehen? Ja, ich sagte Nelson!“, schnappte er.

„Wie lange wohnt er schon hier?“

„Drei Monate.“

„Was treibt er beruflich?“

„Er hat ’ne Vertretung, glaube ich.“

„Was vertritt er?“, wollte ich wissen. „Das Verbrechen?“

„He, was sollen diese Anspielungen? Für Mr. Nelson lege ich die Hand ins Feuer.“

„Ich empfehle Ihnen, sich auch der kleinsten Details zu erinnern, die mit dem samt stimmigen Mr. Nelson zusammenhängen. Die Mordkommission interessiert sich ebenso sehr dafür wie ich. Aus diesen Worten können Sie ohne Mühe entnehmen, dass Nelson unter Mordverdacht steht.“

Tiggers schluckte. „Nelson ein Mörder? Jetzt nehmen Sie mich hoch!“

„Wilson war vorhin bei Ihnen, nicht wahr?“

„Bei mir? Nein. Wer ist Wilson? Ich kenne ihn nicht!“

„Ronny Wilson“, sagte ich. „Reporter der New York Post.“

„Ach der! Er ist nicht hier gewesen, jedenfalls nicht bei mir“, erklärte Tiggers.

„Wer ist das Mädchen, das im Lokal bedient?“

„Eine Nichte von mir, Nancy Summer. Sie macht ihre Sache gut.“  Er schüttelte den Kopf. „Mr. Nelson ein Mörder! Unglaublich. Wen soll er umgebracht haben?“

„Ronny Wilson unter anderem.“

Tiggers schluckte abermals. „Wo ist es passiert?“

„Hier im Hause. Kriegen Sie keinen Schreck, wenn die Sirenen in wenigen Minuten losheulen. Die Polizei ist schon auf dem Wege nach hier.“

„Ich bin nicht schreckhaft“, murmelte er. Er schielte den Schürhaken an. Ich fragte mich, was in Tiggers vorging. Er schüttelte abermals den Kopf, ohne etwas zu sagen.

„Ich möchte sichergehen“, meinte ich. „Beschreiben Sie mir Mr. Nelson, bitte!“

„Well... er sieht gut aus. Ich würde sagen, dass er fast vierzig ist. Sportlich athletische Figur, sicheres Auftreten, dunkles Haar, sehr helle Augen und eine heisere Stimme. Genügt das?“

„Das genügt“, nickte ich. „Empfing er viel Besuch?“

„Woher soll ich das wissen? Ich kümmere mich nicht um die Hausbewohner, solange sie pünktlich die Miete bezahlen.“

„Mischte sich Nelson gelegentlich unter die Gäste Ihres Lokals?“

„Das kam höchst selten vor. Er fand niemals den rechten Kontakt zu den Leuten, und wahrscheinlich wollte er das auch gar nicht. Er ist was Besseres.“

„Finden Sie?“, fragte ich bitter. „Wie haben Sie das festgestellt?“

„Ich setze natürlich voraus, dass er kein Mörder ist“, meinte Tiggers wie entschuldigend. „Nelson spricht und kleidet sich anders als die meisten Leute aus der Pilgrims Lane.“

„Welchen Wagen fährt er?“

„Einen Chevrolet, letztes Baujahr.“

„Haben Sie die Nummer im Kopf?“

„Nee. Ich bin doch kein Gedächtniswunder!“

„Hatte Mr. Nelson vor auszuziehen?“

„Nein, warum?“

„In der Wohnung befinden sich außer einigen Toilettensachen keine Hinweise darauf, dass jemand darin wohnt. Der Kleiderschrank ist leer, und im Kühlschrank ist nur noch eine Dose Bier.“

„Tatsächlich?“, wunderte sich Tiggers. „Das ist seltsam!“

„Offenbar hat Ihr seriöser Mr. Nelson sowieso die Absicht gehabt, diese, hübsche Gegend zu verlassen“, vermutete ich. „Kurz vor seiner Abreise kreuzte Ronny Wilson auf – und dieses Zusammentreffen endete mit einem Mord.“

„Wilson ermordet – hier, in meinem Haus!“, murmelte Tiggers. „Unglaublich!“

Ich erhob mich. „Ich werde jetzt ein paar Worte mit Ihrer Nichte wechseln“, sagte ich und ging zur Tür.

„Okay“, sagte er dumpf. Ich verließ das Zimmer. Als ich das Lokal betrat, war kein Gast mehr anwesend. Das Mädchen stand hinter der Theke und polierte Gläser. Sie schaute mich an und fragte: „Unterredung beendet?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nicht ganz. Wo sind die Gäste geblieben?“

„Gegangen, das sehen Sie doch!“

Ich setzte mich auf einen der Barhocker am Tresen. Es hatte keinen Sinn, sich aufzuregen. Die Burschen hatten verständlicherweise keine Lust gehabt, in eine FBI Ermittlung verwickelt zu werden.

„Möchten Sie was trinken?“, fragte das Mädchen und hielt ein Glas gegen das Licht, um zu sehen, ob es sauber war.

„Geben Sie mir einen Kaffee, bitte.“

„Kaffee?“, fragte sie. „Das muss ich auf dem Kalender vermerken. Kaffee schenken wir hier nur zweimal im Jahr aus.“ Sie stellte eine Maschine an. Die Maschine sah so stumpf und alt aus, dass ich geneigt war, dem Mädchen zu glauben. Der Qualität des Kaffees sah ich mit einiger Skepsis entgegen.

„Was taten Sie und Ihre Gäste, als auf der Straße der Schuss fiel?“, fragte ich.

„Gar nichts“, meinte sie, „Wir verhielten uns ganz still, um zu hören, was sich tat. Draußen war es fast schon dunkel. Hätte jemand von uns rausgehen und sich als Zielscheibe anbieten sollen?“

„Es hätte immerhin sein können, dass jemand Hilfe brauchte.“

„Niemand hat um Hilfe gerufen“, sagte sie kurz.

„In dieser Straße passiert wohl allerhand, was?“

„Die ganze Gegend ist ziemlich unruhig“, meinte sie ausweichend.

„Trotzdem arbeiten Sie hier?“

„Es ist ganz harmlos, wenn man sich an gewisse Grundsätze hält. Nach Eintritt der Dunkelheit gehe ich niemals ohne Begleitung auf die Straße. Das ist auch kaum notwendig. Ich arbeite hier und wohne im Hause. Wer hat denn geschossen?“

„Diese Frage erwartete ich eigentlich schon früher“, sagte ich. „Es war Ihr Mieter, Mr. Nelson.“

Die Kaffeemaschine fing an, merkwürdige Geräusche zu produzieren, aber Nancy Summer kümmerte sich nicht darum.

„Tatsächlich?“, fragte sie erstaunt. Sie stellte das Glas aus der Hand und legte das Wischtuch beiseite.

„Mr. Nelson!“ Sie blickte an mir vorbei ins Leere. „Seltsam!“

„Hätten Sie ihm das zugetraut?“

„Ich weiß es nicht“, murmelte sie. Ihr Blick kehrte zu mir zurück. „Auf wen hat er geschossen?“

„Auf mich.“

„Sind Sie denn hinter ihm her?“

„Und ob!“, sagte ich.

„Deshalb wohnte er also hier“, murmelte sie. „Ich habe mich oft darüber gewundert. Das war keine Gegend für ihn. Er hatte stets Geld und war gut gekleidet. Er musste sich also verstecken.“

„Sie sind ein hübsches Mädchen“, stellte ich fest. „Ist er mal mit Ihnen ausgegangen?“

„Ja, einmal.“

„Wann war das?“

„Vor drei Wochen.“

„Wo sind Sie mit ihm gewesen?“

„Wir sind hinausgefahren, über die Washington Bridge hinüber nach Jersey. Er führte mich in ein teures Speiselokal und später in eine schicke Bar. Dort tanzten wir zusammen und waren recht vergnügt. Mr. Nelson ist sehr charmant, wissen Sie.“

„Worüber haben Sie sich mit ihm unterhalten?“

„Oh, über alles Mögliche“, erinnerte sie sich. „Über einen Film aus Schweden, den wir beide gesehen hatten, über Baseball, und über tausend andere Dinge, die uns gerade in den Sinn kamen.“

„Seitdem hat er Sie nicht wieder ausgeführt?“

Das Mädchen griff wieder nach dem Glas. Sie polierte es ziemlich heftig. „Nein.“

„Bedauerten Sie das?“

„Ein wenig.“

„Sie werden es nicht mehr bedauern, wenn ich Ihnen sage, dass Mr. Nelson ein Mörder ist.“

Das Mädchen ließ das Glas fallen. Es zerbrach nicht, da es von dem trüben Wasser des Spülbeckens aufgefangen wurde. „Das ist nicht wahr!“, stieß sie hervor. „Das glaube ich nicht!“

„Ich habe ihn im Verdacht, dass er mindestens zwei Morde begangen hat.“

„Wen soll er umgebracht haben?“

„Heute Abend war es ein Mann namens Ronny Wilson. Ich nehme an, Sie haben schon von ihm gehört. Er war ein bekannter Reporter von der New York Post.“

„Ronny Wilson? Natürlich kenne ich ihn! Wo soll das denn passiert sein?“

„Hier im Hause. In Nelsons Wohnung. Wilson wusste, wer Nelson ist und wollte sich ein paar Informationen aus erster Hand besorgen. Natürlich zog Nelson sofort die Notbremse.“

„Sie müssen sich irren!“, sagte sie zitternd.

„Hat Nelson nie Besuch empfangen?“, fragte ich.

„Doch. Aber er hat mir keinen Besucher vorgestellt. Ich dachte, es seien Geschäftsleute.“

„Sahen sie so aus?“

„Ja, die meisten waren gut gekleidet.“

„Wie kam übrigens Mr. Tiggers mit Nelson aus?“

„Die beiden vertrugen sich gut miteinander.“

„Waren sie oft zusammen?“

„Hin und wieder.“

„Wo trafen sie sich? Im Hinterzimmer?“

„Manchmal schon. Warum?“

„Haben Sie sich nicht die Frage gestellt, welche Interessen die beiden miteinander verbanden? Sie haben doch schon rein äußerlich kaum etwas gemeinsam, oder?“

„Natürlich sind sie grundverschiedene Typen“, gab das Mädchen zu. „Mr. Nelson war sehr gebildet, aber er war nicht arrogant. Ich glaube, er interessiert sich für Menschen. Er will wissen, was sie denken und fühlen. Deshalb spricht er mit ihnen, auch wenn es nicht seine Absicht ist, sich mit ihnen zu verbrüdern.“ Um Nancy Summers volle rote Lippen geisterte ein trauriger Ausdruck. „Vielleicht war das auch der Grund, weshalb er einmal mit mir ausgegangen ist.“

„Hat er bei dieser Gelegenheit Bemerkungen über seine Vergangenheit gemacht?“

„Nein.“

„Sie müssen ihn doch gefragt haben, was ihn bewogen hat, in die Pilgrims Lane zu ziehen!“

„Ja, diese Frage habe ich ihm gestellt“, sagte das Mädchen. „Er antwortete darauf, dass er eine geheime Schwäche für die Wohnviertel der Armen habe. Nur hier, meinte er, zeige sich das Leben noch unverfälscht, gelegentlich primitiv und explosiv, zeitweilig auch sorgenvoll und sogar tragisch, aber niemals langweilig. Er hat das sicherlich geschickter ausgedrückt, aber das war ungefähr der Sinn seiner Worte.“

Ich wies auf die Kaffeemaschine. „Sind Sie sicher, dass das Ding nicht gleich in die Luft geht? Es erzeugt recht merkwürdige Geräusche.“

„Himmel, Ihr Kaffee!“, sagte sie und stellte eine Tasse unter die Maschine. In diesem Moment hörte ich das Jaulen der Polizeisirenen. Es kam rasch näher.

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Wann war Wilson das letzte Mal hier?“, fragte ich, als das Mädchen die Tasse vor mich hinstellte. „Er ist heute doch nicht zum ersten Mal in diesem Lokal gewesen?“

„Heute habe ich ihn nicht gesehen.“

„Wilson ist durch das Lokal ins Haus gelangt“, informierte ich sie.

„Nicht, als ich hinter der Theke war!“

„Wie lange sind Sie schon hier?“

„Über eine Stunde.“

Ich nahm einen Schluck aus der Tasse. „Dann müssen Sie ihn gesehen haben.“

„Warten Sie, ich war vor etwa zwanzig Minuten draußen, um ein paar Kisten Getränke hereinzuholen. Vielleicht hat Wilson gerade zu diesem Zeitpunkt das Lokal durchquert!“

Ich blickte sie an. „Das wäre ja ein toller Zufall“, sagte ich langsam.

Ich stockte, meine Zunge wurde auf einmal seltsam schwer. Ein dünner Luftzug streifte mich. Ich wandte den Kopf und sah Tiggers auf der Schwelle stehen. Er hatte den Schürhaken noch immer in der Hand. Ich fand, dass er diesmal noch drohender aussah als vorhin.

Ich hatte das Öffnen der Tür glatt überhört. In meinen Ohren rauschte es. Immerhin kriegte ich noch mit, dass die Polizeisirenen jetzt schon verdammt nahe waren, beruhigend nahe. Was war bloß los mit mir? Noch zwanzig, dreißig Sekunden und ...

Meine Gedanken kippten plötzlich weg. Ich versuchte sie zu fassen, aber das erwies sich als ebenso erfolglos wie das Bemühen, einen plötzlich aufkommenden Schwächeanfall niederzukämpfen. Ich rutschte vom Barhocker wie ein Klumpen Schmierseife. Ich nehme an, dass ich sehr hart auf dem Holzfußboden landete, aber meine Erinnerung registrierte keinen Schmerz.

Ich hatte bereits das Bewusstsein verloren.

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Was dann passierte, erfuhr ich von Lieutenant Hoover – allerdings einige Stunden später.

Hoover betrat mit seinem Assistenten, Sergeant Stone, und dem Polizeiarzt, Dr. Fryer, das Lokal. Das Girl stand hinter der Theke und war damit beschäftigt, eine Kaffeetasse auszuspülen. Sie widmete sich dieser Tätigkeit mit großer Sorgfalt. „Sie kommen reichlich spät“, sagte sie, nicht gerade freundlich. „Ich wette, der Pistolenschütze ist schon längst über alle Berge. Sie kommen doch seinetwegen, nehme ich an?“

Hoover und Stone traten an die Theke, während Fryer in der Nähe der Tür an einem Tisch Platz nahm und ungeduldig mit den Fingern auf der Platte herumtrommelte. Stone bückte sich und hob einen Hocker auf, der am Boden lag.

„Wer hat geschossen?“, fragte Hoover.

Das Mädchen zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Ich hörte es nur knallen, das ist alles.“

„Natürlich haben Sie sofort das zuständige Revier benachrichtigt, nicht wahr?“, fragte Hoover ruhig und legte die Ellenbogen auf die Theke. Stone betrachtete das Mädchen aus verkniffenen Augen. Ein oberflächlicher Beobachter hätte Stone leicht für den Chef des Teams halten können. Stone war besser angezogen und außerdem war er ein Managertyp.

„Ach, du lieber Himmel“, meinte das Mädchen spöttisch. „Wenn ich bei jedem Knall die Polizei rufen wollte, hätten wir bald die Telefonrechnung eines Großbetriebes zu begleichen!“

Hoover schaute sich um. „Wo steckt Mrs. Hill?“, fragte er.

Die Augen des Mädchens weiteten sich.

„Sagten Sie Hill? Ich kenne niemand, der so heißt!“

„Mrs. Hill hat von hier angerufen“, sagte Hoover ungeduldig.

„Ich bin ein Mann, den sie nicht zum Schachspiel bestellt. Mein Name ist Hoover. Lieutenant Hoover vom Morddezernat!“

„Oh“, sagte das Mädchen gedehnt. „Das habe ich nicht gewusst. Bei mir ist Ihre Mrs. Hill nicht gewesen.“

„Sie hat aus der Mansarde angerufen, Sir“, sagte Stone.

„Wer wohnt in der Mansarde?“, fragte Hoover.

„Mr. Nelson.“

„Was ist das für ein Mann?“

„Er ist ein sehr angenehmer Mieter, Sir.“

„Tote Mieter sind sehr ruhig, aber sie zahlen schlecht“, meinte Hoover und wandte sich mit Stone zum Gehen.

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Als ich wieder zu mir kam, war ich besser verschnürt als ein für den Export bestimmtes Wertpaket. Ich hatte einen Knebel im Mund und war von totaler Dunkelheit umgeben. Ich fragte mich, was der Kaffee – außer gemahlenen Bohnen und heißem Wasser – enthalten hatte. Fest stand, dass es ein Betäubungsmittel ohne Eigengeschmack gewesen sein musste.

Hinter der Stirn verspürte ich einen leisen, aber unangenehmen Druck. In meinem Mund herrschten Bedingungen, die an die Klimaverhältnisse der Wüste Gobi erinnerten, und die Stricke, die scharf in mein Fleisch einschnitten, rundeten das Bild einer insgesamt mehr als miesen Situation überzeugend ab.

Wie lange war ich ohne Bewusstsein gewesen?

Über mir hörte ich schwere Schritte. Vielleicht stammten sie von Tiggers. Es gab keinen Zweifel, dass er mich kurz vor dem Eintreffen des Morddezernats in diesen Kellerraum gebracht hatte. Die Aktion des Mädchens und die Handlungsweise von Tiggers machten klar, dass sie mit Nelson unter einer Decke steckten. 

Ich war auf eine heiße Spur gestoßen. Leider konnte ich im Moment damit nichts anfangen. Umgedreht verhielt es sich so, dass die Bande mit mir anstellen konnte, was sie wollte.

Kein sehr angenehmer Gedanke, denn wie die Gangster mit unliebsamen Zeugen verfuhren, hatten sie im Fall Turner drastisch demonstriert.

Ich versuchte, mich zu bewegen, gab es aber rasch wieder auf. Die Stricke schnitten wie Messer in die gemarterte Haut. Ich merkte, dass die Finger bereits ohne Gefühl waren.

Ich wusste nicht, wie lange ich meine Gedanken unter diesen widrigen Umständen spazieren geführt hatte, jedenfalls hörte ich plötzlich Schritte und das Knarren einer Tür. Helles Licht blendete mich. Ich schloss die Augen.

„Nimm ihr den Knebel ab“, sagte eine männliche Bassstimme. Ich spürte eine leichte Hand und den zarten Duft eines guten Parfüms. Dann war ich den Knebel los.

Im nächsten Moment wurde die Deckenbeleuchtung eingeschaltet. Ich hob blinzelnd die Lider und sah, dass ich in der Ecke eines Kellergewölbes saß. Ich teilte den Raum mit drei großen Holzfässern, einer Trittleiter und einigen alten Korbflaschen.

Tiggers und seine Nichte Nancy standen an der Tür.

Tiggers hatte den Schürhaken abgelegt. Seine Finger umspannten jetzt eine Pistole, Kaliber 38.

„Na, Schnüfflerin?“, fragte er höhnisch. „Wie gefällt es Ihnen hier unten?“

„Geben Sie mir etwas zu trinken“, krächzte ich. Mein Mund fühlte sich an, als sei er mit verdorbenem Mehl ausgeblasen worden.

„Noch einen Kaffee?“, kicherte Tiggers.

„Danke, Ihre reizende Nichte kocht ihn mir etwas zu stark“, sagte ich.

Tiggers lachte laut. „Das war genau die richtige Dosierung für Sie, meine Liebe.“

„Sie sind ein feines Gespann.“

Ich blickte dem Mädchen in die Augen. Sie zuckte nicht mal mit der Wimper.

„Was haben Sie der Polizei erzählt?“, fragte ich.

„Gerade genug, um von Hoover und Genossen als nette Leute eingestuft zu werden“, meinte Tiggers spöttisch. „Hoover war etwas erstaunt, Sie hier nicht anzutreffen.“

„Das kann ich mir denken. Hat er die Leiche mitgenommen?“

Tiggers hob die Augenbrauen. „Welche Leiche?“, fragte er.

„Na, die von Wilson natürlich!“ Tiggers grinste breit.

„Ich war nicht dabei, als die Polypen in die Mansardenwohnung eindrangen. Ich weiß nur, dass sie bald wieder herunterkamen und ziemlich dumme Gesichter machten. Sie fanden nämlich keine Leiche.“

„Jemand hat sich mit uns einen schlechten Witz erlaubt“, sagte Hoover, ehe er mit seinen Leuten auf Nimmerwiedersehen verschwand, dabei hätte ich schwören mögen, dass die Anruferin tatsächlich Carrie Hill war!“

„Er hat noch mehr gesagt und getan“, erinnerte sich das Mädchen.

„Und das wäre?“, fragte Tiggers.

„Er hat jemand auf die Straße geschickt, um nachsehen zu lassen, ob Hills Audi TT in der Nähe ist. Erst dann gab er sich zufrieden und rauschte ab.“

Tiggers schaute mich an. „Wo haben Sie eigentlich den Flitzer gelassen?“

„Der hat gerade Schonzeit“, sagte ich.

Tiggers grinste. „Dann geht’s ihm besser als Ihnen!“

„Sie haben den Toten aus dem Wege geräumt“, sagte ich. Das Sprechen kostete mich Mühe.

„Ja“, gab Tiggers zu. „Ich hielt es für das Klügste. Sie unterhielten sich sehr angeregt mit Nancy, das gab mir genügend Zeit dafür. Natürlich sind wir damit noch nicht aller Sorgen enthoben. Wenn Sie nicht wieder auftauchen, wird Ihre Dienststelle nachhaken und hier alles auf den Kopf stellen. Bis dahin werden wir freilich längst das Weite gesucht haben.“

„Sind Sie der Bandenboss?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Nein“, erwiderte er. „Das ist der Richter.“

„Wer, bitte?“

„Der Richter“, wiederholte Tiggers ernst.

„Wir nennen ihn so. Er lässt nämlich keinen umlegen, ohne vorher über ihn zu Gericht gesessen zu haben.“ Tiggers grinste matt. „Es wird Sie interessieren, dass es in seiner außergewöhnlichen Karriere noch niemals einen Freispruch gab. Er kennt nur ein Urteil: Tod durch Erschießen!“

„Wenn das stimmt, dann ist er kein Richter, sondern ein Henker!“, sagte ich.

„Sie vergessen, dass er es nicht mehr nötig hat, eine Schusswaffe anzurühren“, meinte Tiggers.

„Diesen seltsamen Richter möchte ich wirklich einmal kennenlernen!“, sagte ich grimmig.

„Dazu haben Sie noch heute Nacht Gelegenheit“, meinte Tiggers und holte tief Luft.

„Die Verhandlung ist bereits angesetzt. Der Richter erwartet Sie.“

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Es war eine lange Fahrt.

Oder kam sie mir nur so endlos vor, weil ich sie in der Enge des Kofferraums durchstehen musste? Ich war noch immer gefesselt. Die Hände spürte ich schon nicht mehr. Tiggers hatte dafür gesorgt, dass der widerwärtige Knebel wieder den alten Platz einnahm. Der Wagen war schlecht gefedert. Ich merkte genau, wenn es über Kopfsteinpflaster, über Schienen und Schlaglöcher ging.

Zum Glück wurden die Straßen allmählich besser. Wir hielten häufiger. Das regelmäßige Bremsen konnte nur mit dem Vorhandensein von Ampelanlagen erklärt werden, gleichzeitig wurde der Verkehrslärm intensiver. Es gab kaum einen Zweifel: Wir rollten durch Manhattan.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange diese qualvolle Fahrt wirklich dauerte. Endlich, nachdem wir eine halbe Minute über knirschenden Kies gefahren waren, hielt der Wagen. Die Kofferraumklappe wurde geöffnet und über mir sah ich den sternenklaren Himmel. Er wirkte aus meiner Sicht etwas verschwommen, denn in meinen Augen standen Tränen des Schmerzes. Zwei Männer hoben mich aus dem Wagenheck und trugen mich ins Haus. Dort legten sie mich auf den Boden und zerschnitten meine Fesseln. Jetzt ging der Schmerz erst richtig los.

Die jäh einsetzende Blutzirkulation machte mir einige Minuten so stark zu schaffen, als wären meine Adern mit Salzsäure gefüllt. Dann ließ der Schmerz nach. Ich öffnete die Augen und schaute mich um.

Ich lag in der Halle einer hochherrschaftlich anmutenden Villa. Die Ölschinken an den Wänden mussten ganze Malergenerationen in Lohn und Brot gehalten haben. Es handelte sich fast ausschließlich um Darstellungen antiker Schlachtszenen. Das Getümmel muskulöser Menschen und Pferdeleiber, das dick aufgetragene Blut und die brechenden Blicke der Sterbenden waren zweifelsohne ein sehr fragwürdiger Kunstgenuss. Gerade jetzt hätte ich ihn mir gern versagt.

„Aufstehen, Schnüfflerin!“, sagte eine Stimme. Sie war weder laut noch gehässig, sie war einfach widerlich. Ich wälzte mich zur Seite und kam auf die Beine. Als ich schon glaubte zu stehen, sackte ich wieder zusammen.

„Sie war nicht gut in Form heute“, sagte ein Mann spöttisch. „Hat wohl zu viel getrunken!“

Ich schaute den Sprecher an. Er war knapp vierzig Jahre alt und bewegte kaugummikauend die Kinnladen.

Der andere Mann war etwas jünger. Er hatte ein Boxergesicht mit platt geschlagener Nase und kleinen, tückisch funkelnden Augen.

Von Tiggers und seiner Nichte war nichts zu sehen. Ich kämpfte mich erneut in die Höhe. Diesmal blieb ich auf den Beinen, wenn auch recht wacklig.

In diesem Moment ertönte ein Klingelsignal.

Es schien, als rotierte die Halle in wildem Tempo um mich herum. Das Tempo beruhigte sich langsam. Ich bekam einen Stoß von hinten. Das war der Boxer.

„Vorwärts, Marsch!“, befahl er. „Der Chef will dich sprechen!“

Ich riss mich zusammen, aber das nützte nicht viel. Meine Beine fühlten sich an, als wären die Knochen gegen Gummischläuche ausgetauscht worden. Ich schaffte es einfach nicht, gerade zu gehen. Flankiert von den Männern wankte ich in einen Raum, in dem es nur eine einzige Lichtquelle gab.

Diese tiefhängende Deckenlampe beleuchtete einen kahlköpfigen Mann, der im dunklen Anzug hinter einem mit schwarzem Stoff behangenen Tisch saß. Die Atmosphäre im Zimmer, die strengen, fast asketischen Züge des Mannes und der verhangene Tisch ließen mich im ersten Moment glauben, in das Klubzimmer eines spiritistischen Zirkels geraten zu sein, aber schon in der nächsten Sekunde wurde mir klar, dass ich dem Richter gegenüberstand.

Ich konnte nicht erkennen, wer oder was sonst noch im Raum war. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass außer dem Richter und meinen Bewachern noch mehr Augen meinen wenig imponierenden Einzug verfolgten.

Ich erhielt erneut einen Stoß von hinten und sackte auf einem Stuhl zusammen. Die rotierende Welt kam endgültig zum Stillstand. Ich war in der Lage, wieder ein paar klare Gedanken zu fassen. Sehr leicht fiel mir das in dieser Umgebung freilich nicht.

Der Richter war knapp fünfundvierzig Jahre alt. Er hatte ein strenges schmales Gesicht von der Art, wie man es bei Mephisto-Darstellern schätzt, und dunkle, glühende Augen. Seine Lippen waren blass und schmal. Das Kinn war durch eine tiefe Kerbe zweigeteilt. Er war fabelhaft rasiert. Der Duft seiner Aftershave-Lotion drang bis in meine Nase. Zu dem dunklen Anzug trug er eine silbergraue Krawatte. In dem Revers steckte eine weiße Nelke. Die Blume wirkte seltsamerweise nicht belebend, sie verlieh der Szene etwas von der düsteren Melancholie einer Bestattung.

„Sie sind also Carrie Hill“, sagte er. Seine Stimme überraschte mich. Ich war auf eine dünne, flache Stimme gefasst gewesen und musste nun erkennen, dass der Richter eine kräftige, wohltönende Stimme hatte, die sich in jeder Umgebung sofort Gehör zu verschaffen wusste.

„Ja, das bin ich. Und wer sind Sie?“

Er machte eine kleine Kunstpause und sagte dann ruhig:

„Mein Name ist Paul Dozer.“

Ich war einen Augenblick so verblüfft, dass ich erst schlucken musste.

„Paul Dozer“, echote ich. „Ich hoffte seit langem, Sie einmal kennenzulernen.“

Paul Dozer war die unbekannte Größe innerhalb der Unterwelt. Er ließ sich nicht einordnen. Er war weder ein Einzelgänger, noch führte er ein Syndikat der üblichen Art.

Jedes Syndikat hat sich auf eine bestimmte Form der Geschäftsführung festgelegt. Fast immer gehören Rauschgifthandel, Prostitution und Erpressung dazu. Von Dozer wurde behauptet, dass er jede Schablonisierung und Schematisierung der Arbeit hasste. Er zog es vor, etwa nach der Art der englischen Posträuber, einen großen „Job“ detailliert und generalstabsmäßig zu planen und durchzuführen. Es war selten, dass er ein großes Ding wiederholte.

Jetzt wusste ich, wer hinter dem Vierzehn-Millionen-Dollar-Raub stand. Weshalb waren wir nicht früher darauf gekommen?

„Sie stören unsere Kreise, Hill“, sagte er.

„Das ist mein Beruf, Dozer.“

„Was wissen Sie bereits?“

„Noch nicht genug“, sagte ich ausweichend, obwohl ich wusste, dass Dozer meinen Tod schon beschlossen hatte. Es wäre ihm sonst nicht eingefallen, sich namentlich vorzustellen. Von Dozer, der niemals in einer Gefängniszelle gesessen hatte, existierten nur zwei Aufnahmen aus seiner Militärzeit. Seit damals hatte er sich beträchtlich verändert Es wurde behauptet, dass er nach zwei Gesichtsoperationen kaum noch Ähnlichkeit mit dem GI aus dem Jahre 1990 hatte.

„Wir wollen es kurz machen“, meinte Dozer trocken. „Ich liebe es nicht, von Schnüfflern behelligt zu werden. Wilson musste bereits erfahren, wie die Mitglieder meines Teams in solchen Fällen zu reagieren pflegen. Mit Ihnen ist das ein wenig anders, schwieriger, möchte ich sagen. Sie sind ein kleiner aufgehender Stern beim FBI, eine FBI-Agentin der Sonderklasse. Ihr Verschwinden würde wie eine Bombe einschlagen, nicht wahr? Meine Leute haben es deshalb vorgezogen, die letzte Entscheidung mir zu überlassen.“

„Sehr vernünftig“, lobte ich.

„Ich glaube, dass ich in Zukunft sehr viel ruhiger atmen werde, wenn eine gewisse Carrie Hill von der Bildfläche verschwindet.“

„Ich bezweifle das, Dozer. Ich brauche Ihnen wohl kaum die Gründe zu erläutern, warum ich das bezweifle. Sie selbst wissen es. Wenn ich von der Bildfläche verschwinde, tauchen mehr Agenten auf, als Sie in Ihrem Leben gesehen haben.“

„Ich habe eine andere Auffassung, Hill. Ich glaube, dass Ihren geschätzten Kollegen die Lust vergeht, sich allzu intensiv um mich zu kümmern, wenn sie erfahren, dass ich mich nicht scheue, eine Carrie Hill zum Tode zu verurteilen.“ Er grinste matt. „Wie Sie sehen, ist alles nur eine Frage der Auslegung. Dialektik, meine Liebe!“

Er wandte den Kopf.

„Es ist verdammt heiß hier“, sagte er scharf. „Ist die Klimaanlage immer noch kaputt?“

„Ja, Sir“, ertönte eine Stimme aus dem Dunkel.

„Dann macht ein Fenster auf!“

Ich hörte das Rücken eines Stuhls, Schritte, das scharfe reißende Geräusch, das beim Öffnen eines Vorhanges entsteht und schließlich das Ruckeln eines Fensterflügels, der leicht klemmte. Augenblicklich kam eine leichte, kühle Brise ins Zimmer. Die Schritte tappten zurück. Der Mann, den ich nicht sehen konnte, setzte sich wieder.

Ich erkannte das helle Rechteck hinter dem Tisch, obwohl die Lampe mich etwas blendete. Bis zu dem Fenster waren es gute fünf Meter. Ich rechnete mir eine schwache Chance aus, dieses Fenster zu erreichen. Im Grunde brauchte ich nur in die Dunkelheit zu hechten. Solange ich dabei in der Nähe des Tisches blieb, würde keiner zu schießen wagen.

Die Sache hatte nur einen Haken, oder vielleicht auch zwei. Ich wusste, dass mich Dozers Männer genau beobachteten. Ich bezweifelte nicht, dass sie die schussbereiten Waffen in den Händen hielten und nur darauf warteten, dass ich ihnen Anlass zu einer Aktion gab, die sicherlich genau ihren Wünschen entsprach. Vermutlich stand einer von ihnen direkt neben dem Lichtschalter. Bei meiner ersten Bewegung würde ein Fingerdruck von ihm genügen, den Raum in hellstes Licht zu tauchen.

Noch während ich das Für und Wider der Aktion erwog, plätscherte Dozers wohlklingende Stimme in mein Ohr.

,,... werden Sie uns vor Ihrem Abtreten selbstverständlich davon unterrichten, wie es Ihnen gelungen ist, den guten Tom aufzuspüren?“

Ich wurde hellwach. Tom! Das konnte nur der ominöse Mr. Nelson sein!

„Ich kenne keinen Tom“, sagte ich.

„O doch, er ist einer der tüchtigsten Leute, Leiter der Außenstelle Brooklyn“, meinte Dozer. „Bis heute wohnte er dort in der Pilgrims Road.“

„Ah, der Mann mit der Whiskystimme“, sagte ich. „Wie ist er eigentlich an den CIA-Ausweis rangekommen? Wilson kennt sich mit solchen Dingen aus und lässt sich nicht so leicht bluffen.“

„Es ist eine hervorragende Fälschung“, meinte Dozer.

„Tom hat Turner ermordet, nicht wahr?“

„Er hat ihn zum Schweigen gebracht“, meinte Dozer. „So lautete sein Auftrag.“

„Warum musste Turner sterben?“, fragte ich.

Dozer lächelte. Er hatte sehr feste weiße Zähne. „Warum musste Wilson daran glauben? Warum müssen Sie sterben? Die Ursachen sind einander sehr ähnlich. Sie werden uns gefährlich so wie Wilson und Turner uns gefährlich wurden. Turner hat den Mann erkannt, der das Geld kassierte.“

„Babyfeet, nicht wahr?“

Ich beobachtete Dozer genau. Sein Gesicht war wie eine Maske. Kein Muskel zuckte darin. Aber er brauchte ziemlich lange, um eine Antwort zu finden.

„Ja, Babyfeet“, sagte er. „Weshalb soll ich Ihnen gegenüber ein Geheimnis daraus machen? Sie können es keinem mehr verraten.“

Hinter Dozer entstand Bewegung. Im nächsten Moment trat ein junges, schwarzhaariges Girl in den Lichtkreis der Lampe. Ihre kalten, grünlich schillernden Augen kreuzten nur eine Sekunde meinen Blick. Dann senkte sie die langen Wimpern und stellte ein Glas Wasser vor Dozer auf den Tisch. In dem Glas löste sie eine weiße Tablette auf. Ich sah, wie die Sauerstoffbläschen nach oben stiegen.

„Bitte“, sagte sie und verschwand.

Dozer nickte. „Danke, Baby“, murmelte er. Dann griff er nach dem Glas und kippte den Inhalt mit geschlossenen Augen hinab. Er verzog das Gesicht. Die Tablette schien ihm nicht zu schmecken. Dann stellte er das Glas beiseite. „Sind Sie jemals richtig krank gewesen?“, fragte er mich.

„Als Kind hatte ich die Masern.“

„Sehr witzig!“, meinte er bitter. „Ich hasse gesunde Menschen.“

Ich schwieg und fragte mich, ob der mystische Unsinn dieser Gerichtsverhandlung mit irgendeiner Krankheit erklärt werden konnte.

Ich blickte zum Fenster. Ich hatte Mühe, mich nicht zu verraten. Am Fenster war ein Schatten aufgetaucht! War es einer von Dozers Wächtern, die draußen ihre Runde machten? Ich kam nicht dazu, die Frage genauer zu untersuchen, denn im nächsten Augenblick zuckte genau dort, wo der Schatten war, ein grellroter Blitz auf. Er fiel zusammen mit dem Dröhnen eines Schusses. Ich war im Nu auf dem Boden, und zwar dicht neben dem Tisch.

Ich hörte aufspringende Menschen und das Fallen von Stühlen.

„Licht, verdammt nochmal, Licht!“, keuchte jemand.

Drei, vier Schüsse peitschten durch den Raum.

Instinktiv legte ich die Arme um den Kopf, aber die Schüsse schienen nicht mir zu gelten. Einer der Männer hatte sie auf das Fenster abgefeuert.

Ich robbte auf das Fenster zu. Jemand stolperte über mich.

„Hier liegt der Kerl!“, brüllte er. „Ich...“

Weiter kam er nicht.

Ich erfasste seinen, rechten Fuß und warf ihn mit einem Judogriff scharf herum. Der Mann ging zu Boden.

Dann war ich am Fenster. Dort zögerte ich keine Sekunde. Hinter mir war ziemlicher Lärm. Ich wusste nicht, ob jemand das Fenster im Auge behielt und nur darauf wartete, dass sich vor dem hellen Rechteck etwas bewegte. Ich setzte alles auf eine Karte und schwang mich über die Fensterbrüstung nach draußen. Im nächsten Moment lag ich schwer atmend auf dem kühlen, feuchten Rasen vor dem Fenster. Ich war im Freien, aber noch nicht frei.

Ich sprintete sofort los und jagte an der Hauswand entlang. Vor dem Portal standen einige Wagen. Einer davon rollte gerade los. Es war ein kleiner italienischer Flitzer, ein Lancia Cabriolet. Am Steuer des offenen Wagens saß ein Mädchen. Ihr Haar schimmerte im Licht des Sternenhimmels wie Metall.

Ich legte eine zirkusreife Nummer hin, indem ich in den fahrenden Wagen sprang und prompt auf dem Beifahrersitz landete. Das Mädchen riss den Kopf herum. Als sie mich erkannte, stieß sie einen Schrei aus. Sie trat so scharf auf die Bremse, dass ich mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe schlug.

„He, wie lange haben Sie schon den Führerschein?“, fragte ich und massierte die Stirn. Dann wandte ich mich um. Ich sah, dass zwei Männer aus dem Haus traten. Einer von ihnen bemerkte uns und wies mit ausgestrecktem Arm auf uns. Er schrie etwas Unverständliches.

„Fahren Sie los!“, befahl ich so scharf, dass das Mädchen zusammenzuckte und gehorchte. Wir jagten den Kiesweg hinab und ordneten uns Sekunden später in den fließenden Verkehr der Straße ein. Ich sah, dass es die Westend Avenue war.

Gedankenverloren öffnete ich das Handschuhfach. In einer Plastikhülle fand ich den Führerschein, der auf den Namen Dona Mitchell, New York, Queens, Ditmars Boulevard 88, ausgestellt war.

„Halten Sie an der nächsten Ecke“, sagte ich.

„Was haben Sie vor?“

„Eine ganze Menge“, sagte ich und warf einen Blick auf die Armbanduhr. „Es ist ja noch früh am Abend.“

„Mitternacht ist längst vorbei!“, meinte sie.

Ich grinste. „Um diese Zeit laufe ich zu meiner üblichen Hochform auf.“

„Seit wann verkehren Sie mit Dozer?“

„Seitdem ich entdeckt habe, dass er sehr großzügig ist“, erwiderte sie.

„Wann war das?“

„Vor zwei Monaten, in einer Bar in Manhattan. Ich trat dort als Sängerin auf.“

„Hat Dozer Sie dort rausgeholt?“

„Es wurde auch Zeit. Ich bin keine Sängerin. Solange ich mein Aussehen und meine Figur verkaufen kann, geht alles gut. Dummerweise verlangen die Leute von einer Sängerin auch noch Stimme!“

„Wer hat auf Dozer geschossen?“

„Keine Ahnung. Als ich merkte, dass der Teufel los war, kletterte ich in meinen Wagen und gab Gas. Ich habe keine Lust, mit der Polizei Bekanntschaft zu machen.“

„Dann muss Ihnen meine Gesellschaft ja unangenehm sein“, sagte ich.

„Sie werden mich doch nicht gleich auffressen?“

„Das hängt davon ab, inwieweit Sie gewillt sind, uns bei der Aufklärung einiger Verbrechen zu helfen.“

„Das können Sie haben, aber versprechen Sie sich nicht zu viel von meinen Kenntnissen. Natürlich weiß ich, dass Paul krumme Geschäfte machte, aber ich habe mich niemals um Details gekümmert“, meinte sie.

„Halten Sie da vorn, an der Ecke. Ich will rasch in den Drugstore und telefonieren, ich habe kein Handy dabei.“

„Wollen Sie Ihre Kollegen alarmieren?“

„Ja, es wird höchste Zeit.“

„Kommt es dabei auf fünf Minuten mehr oder weniger an?“, fragte Dona.

„Wieso?“

„So weit ist es bis zu meiner Wohnung. Wenn Sie wollen, können Sie von dort telefonieren.“

„Ich denke, Sie wohnen in Queens?“

Sie schüttelte den Kopf. „Das war, bevor ich Paul kennenlernte“, sagte sie.

„Sie werden verstehen, dass er mich in der Nähe haben wollte. Deshalb habe ich jetzt ein Apartment in der 66. Straße.“

„Okay“, sagte ich, „fahren wir zu Ihnen.“

„Ob er tot ist?“, fragte sie.

„Weiß ich nicht. An welcher Krankheit leidet er überhaupt?“

„Keine Ahnung. Er geht dreimal in der Woche zum Arzt. Manchmal glaube ich, er bildet sich das alles nur ein - das mit seiner Krankheit, meine ich.“

„Was wissen Sie von dem Bankraub?“

„Mir ist bekannt, dass Paul und seine Leute ein großes Ding gedreht haben, das viel Geld brachte, aber ich habe keine Ahnung, wann das war, und wer dabei mitgemacht hat. Ich kann nicht mal sagen, wie viel die Burschen kassiert haben.“

„Erwarten Sie von mir, dass ich Ihnen das glaube?“

„Na, hören Sie mal!“, meinte Dona entrüstet. „Warum sollte ich Sie wohl belügen? Mein Prinzip ist sehr einfach. Als ich Paul Dozers Geliebte wurde, war ich entschlossen, den Mist einige Monate mitzumachen und dabei abzusahnen. Alles andere interessierte mich nicht.“

Sie lenkte den Wagen in eine Parklücke. „Wir sind da.“

Als wir ausstiegen, sagte sie: „Es ist da drüben. Ich wohne im 3. Stock.“

Ich half dem Mädchen, das Wagenverdeck zu schließen, dann überquerten wir die Fahrbahn. Das Haus Nummer 68 war ein fünfzehngeschossiges Wohnhaus modernen Stils.

Wir durchquerten eine große Halle, in der ein beleuchteter Springbrunnen monoton plätscherte, und betraten dann den Lift. Im Nu waren wir im dritten Stockwerk.

Dona ging voran. Sie schob den Schlüssel in das Schloss der rot lackierten Wohnungstür und sagte: „Treten Sie ein, bitte. Die erste Tür links führt ins Wohnzimmer. Ich hoffe, Sie sind keine Ordnungsfanatikerin. Bei mir hapert es mit diesen Dingen ein wenig.“

Ich trat ein und suchte nach dem Lichtschalter. Noch ehe ich ihn entdeckte, traf mich etwas in den Nacken. Es war ein Schlag, der jedem Holzfäller Ehre gemacht hätte. Ich ging in die Knie, war aber sofort wieder auf den Beinen.

Das Licht flammte auf. Dona stand am Schalter. Ihr erschrecktes, verstörtes Gesicht verriet, dass sie von der Überraschung nichts gewusst hatte.

Der Mann, dem ich gegenüberstand, war ein alter Bekannter. Er stand in klassischer Boxhaltung vor mir und grinste, wie nur ein Mensch grinsen kann, der einem Mordsvergnügen entgegensieht.

Er war offensichtlich entschlossen, aus mir Kleinholz zu machen. Das Jackett seines Maßanzuges hatte er bereits abgelegt. Die Ärmel des weißen Oberhemdes waren hochgekrempelt, der Schlipsknoten gelockert.

„Ein reizendes Wiedersehen, nicht wahr?“, fragte er höhnisch. „Sie sind uns in der allgemeinen Aufregung entwischt, meine Liebe. Das war nicht nett von Ihnen! Glücklicherweise sahen wir Sie in letzter Sekunde mit Dona wegfahren. Ich raste sofort hinterher und überholte Sie. Auf diese Weise gelang es mir, vor Ihnen an Ort und Stelle zu sein.“

„Was ist mit Dozer?“

„Der ist mausetot“, sagte der Boxer. „Es war ein glatter Herzschuss.“

„Wer hat ihn abgegeben?“

„Hören Sie meine Liebe“, schnaufte er, noch immer in Angriffshaltung, „ich bin nicht hier, um Fragen zu beantworten. Man hat mich in Donas Wohnung geschickt, um Pauls letzten Willen zu vollziehen. Ich hätte Sie mit der Pistole erwarten und niederstrecken können. Aber das entspricht nicht meiner Auffassung von einem handfesten Vergnügen. Ich will Ihnen eine letzte Chance einräumen. Sie können sich verteidigen, Mann gegen Frau.“ Er grinste. „Aber nehmen Sie sich in acht, Hill. Ich war drei Mal hintereinander Meister in der Halbschwergewichtsklasse. Und ich habe nichts unterlassen, um in Form zu bleiben!“

Er versuchte mit einem Linkshaken durchzukommen, aber seine Faust schoss ins Leere. Ich begnügte mich nicht damit, abzutauchen. Ich konterte mit einer Geraden, die knallhart ins Ziel kam.

Der Boxer blinzelte. Er torkelte zwei Schritte zurück und sah aus wie ein Mann, der sich jäh eines bewährten Konzeptes beraubt sieht und nicht weiß, was er an dessen Stelle setzen soll. Der Moment der Unsicherheit währte nur für den Bruchteil einer Sekunde. Dann zeigte sich in seinem abgeplatteten, brutalen Gesicht der Ausdruck von Wut und Zorn. Er ging auf mich los, als sei er verpflichtet, in zwanzig Sekunden den Entscheidungstreffer herbeizuführen.

Ich ließ ihn kommen, duckte ab, konterte, ließ ihn leerlaufen und tat so ungefähr alles, um den vehementen Angriffen die Wucht zu nehmen. Ich steckte zwei oder drei harte Körpertreffer und einen weniger harten Schlag am Kinn ein. Der Boxer musste dagegen einen schmerzhaften Leberhaken und vier harte Kopftreffer kassieren. Er sah jetzt noch wütender aus als zuvor. Ihm schien zu dämmern, dass seine optimistische Kampfprognose ein wenig verfrüht abgegeben worden war.

Er versuchte immer wieder, mit einem entscheidenden Tiefschlag durchzukommen, aber die Schläge waren weit hergeholt, ich erkannte sie im Ansatz, und es kostete mich wenig Mühe, ihn abzublocken. Ich visierte ihn genau an und beendete den Kampf mit einem Leberhaken, der ihm die Luft nahm. Er verdrehte die Augen wie eine Plastikpuppe und fiel um.

Ich holte tief Luft. Erst jetzt merkte ich, dass auch an mir der Kampf nicht spurlos vorbeigegangen war. Die Sachen klebten mir am Leibe. Ich fühlte mich ziemlich ausgepumpt.

„Haben Sie...“, begann ich und drehte mich nach dem Mädchen um.

Das Wort blieb mir im Halse stecken, als ich sah, dass Sie eine Pistole in der Hand hielt.

„Legen Sie das Ding weg!“, sagte ich scharf.

Das Mädchen antwortete nicht. Sie blickte mich nur an. Ihre Augen waren sehr kalt. Sie stand auf der Schwelle des Wohnzimmers. Es war nicht schwer sich vorzustellen, dass sie die Waffe aus dem Jackett des Gangsters geholt hatte.

„Es hat keinen Zweck, Hill“, sagte sie. „Ich stecke zu tief mit drin. Ich muss abhauen. Ich muss der Organisation beweisen, dass ich nach anfänglicher Kopflosigkeit wieder zu einem verlässlichen Mitglied des Teams geworden bin. Ich habe einiges gutzumachen.“

Der Boxer stemmte sich in die Höhe. Er hatte die letzten Worte mitgehört. Er glotzte Dona an. Ein triumphierendes Grinsen kroch über seine Visage, als er die 45er Automatik in ihrer Hand bemerkte.

„So ist es recht, Baby“, keuchte er. „Gib ihr, was sie verdient! Los, drück schon ab!“

Dona blickte den Boxer nur kurz und verächtlich an.

„Steh auf und mach dich fertig, rasch!“, sagte sie. „Es wird Zeit, dass wir von hier verschwinden.“

Der Ex-Boxmeister kam auf die Beine. Er sah ziemlich mitgenommen aus. Seine kleinen, dunklen Augen richteten sich hasserfüllt auf mich.

„Wir sind nicht so sehr in Eile, wie du zu glauben scheinst“, meinte er halblaut.

„Gib mir die Kanone her, ich will mit dem Weib abrechnen!“

„Du wirst nichts dergleichen tun“, erklärte das Mädchen kühl und leicht verärgert. „Ich dulde keinen Mord!“

Er starrte sie an. „Bei dir ist wohl ’ne Schraube locker? Sie muss von der Bildfläche verschwinden! Sie weiß zu viel! Sie ist die einzige, die unser Hauptquartier kennt!“

„Unser Hauptquartier!“, echote das Mädchen verächtlich. „Was ist das schon? Eine Villa, die Paul unter einem Decknamen gemietet hat, angeblich, um eine Versicherungsgesellschaft darin unterzubringen. Wir können das Haus räumen, ohne irgendwelche Spuren zurückzulassen.“

„Verdammt nochmal, das haben wir aber nicht nötig! Diese Schnüfflerin muss sterben! Das war Pauls Wille “

„Paul ist tot.“

„Die Interessen der Organisation haben sich nicht geändert“, erklärte der Boxer schwer atmend.

„Ich mache eine Menge mit“, meinte das Mädchen. „Mehr, als mir lieb ist. Ich tue es, weil ich weiß, dass Luxus, Komfort und Reichtum ihren Preis haben. Aber in diesem Spiel gibt es für mich Grenzen. Mord werde ich nicht zulassen. Ich habe keine Lust, im Knast zu enden.“

Der Boxer zögerte. „Du bildest dir ein, auf diese Weise eine Rückversicherung abzuschließen“, meinte er dann halblaut und grollend. „Du denkst, wenn sie dich eines Tages doch mal schnappen, wird sich Carrie Hill großmütig deines heutigen Verhaltens erinnern. Gib dich keinen Illusionen hin. Polypen sind alle gleich. Sie kennen keinen Dank und keine Gnade. Sie hassen uns und kennen nur ein Ziel: unsere Vernichtung! Es ist ein Kampf, in dem es kein Pardon gibt! Je früher du das begreifst, desto besser!“

„Bist du endlich fertig?“, fragte das Mädchen ungeduldig. Sie zuckte zusammen, weil sie bemerkt hatte, dass ich einen Schritt auf sie zugegangen war.

„Stopp!“, sagte sie blass und entschlossen. „Täuschen Sie sich nicht, Hill. Ich will kein Blutvergießen, aber wenn Sie aus meinen Worten den Schluss ziehen sollten, dass es kein Risiko bedeutet, mir die Pistole abzunehmen, werden Sie eine böse Überraschung erleben! Ich will Sie schonen, das haben Sie sicherlich gemerkt. Erschweren Sie mir diese Arbeit nicht durch irgendwelche Tricks! Zwingen Sie mich nicht, zur Mörderin zu werden!“

„Ich habe nicht vor, das Durcheinander zu vergrößern“, sagte ich.

„Sie müssen sich aber darüber im Klaren sein, dass der Kampf weitergeht.“

„Das ist Ihre Sache und die von Pauls Männern“, meinte sie. „Ich bleibe jedenfalls meinem Grundsatz treu. Kein Mord mit meinem Wissen und in meiner Gegenwart!“

„Mir kommen gleich die Tränen!“, höhnte der Boxer.

„Du hast keinen Grund, dich aufzuspielen!“, sagte das Mädchen barsch. „Warte, wie die anderen reagieren werden, wenn sie hören wie Hill dich zusammengeschlagen hat!“

Der Ex-Meister sah auf einmal ziemlich kläglich aus. Er leckte sich die pralle, aufgeplatzte Unterlippe und meinte: „Willst du mich blamieren? Du weißt genau, dass in meinen Fäusten Dynamit steckt! Möglicherweise befinde ich mich in einem Formtief, das kommt selbst bei den tüchtigsten Leistungssportlern vor. Das nächste Mal verarbeite ich Hill zu Sägemehl!“

„Komm jetzt!“, sagte das Mädchen ungeduldig.

„Moment“, meinte der Boxer. „Erst muss ich den Telefonanschluss zerstören.“ Er ging ins Wohnzimmer. Ich hörte, wie er das Telefonkabel aus der Verankerung riss.

Dann kam er wieder. Das Jackett hatte er über die Schultern gehängt.

„Wo ist dein Handy?“, schnauzte er sie an. „Gib es mir“

Dona ging in den Flur und kramte in ihrer Handtasche. Sie überreichte ihm das Handy, was er sogleich in seine Jackentasche gleiten ließ.

„Alles, was hier geschieht, musst du verantworten!“, sagte er zu Dona.

„Sieh nach, ob der Schlüssel noch an der Wohnungstür steckt“, befahl sie.

„Er steckt.“

„Gut. Geh jetzt zum Lift. Stoße einen leisen Pfiff aus, wenn er da ist und du die Tür geöffnet hast.“

„Okay“, brummte er und marschierte zur Tür. Auf der Schwelle blieb er stehen. Er wandte sich um und sagte drohend zu mir: „Wir sehen uns wieder!“

„Davon bin ich überzeugt“, erwiderte ich.

Er grunzte etwas und verschwand. Im Haus war es sehr still, so dass man das Summen des Liftes deutlich hörte. Kurz darauf ertönte das abgesprochene Signal. Dona ging rückwärts zur Tür. Die Pistolenmündung zielte genau auf mein Herz.

„Treten Sie zurück“, sagte sie. „Bis ins Wohnzimmer ja, so ist es gut!“

Sie schloss blitzschnell die Wohnungstür. Fast gleichzeitig drehte sie den Schlüssel herum und zog ihn ab. Ich war eingeschlossen. Ich hörte, wie sich das helle Klicken ihrer hochhackigen Absätze rasch entfernte und trat im Wohnzimmer ans Telefon. Es kostete mich keine Mühe, das Telefonkabel zu reparieren, der Trottel von Mann hatte lediglich den Stecker aus der Wandbuchse gerissen. 

Ich wählte Rayns Privatnummer. Er meldete sich nicht. Ich rief die Dienststelle an. Rayn war da.

„Hör mal“, sagte ich. „Willst du heute überhaupt nicht in die Klappe kriechen?“

„Mensch, Carrie!“, sagte er. Seiner Stimme war anzuhören, wie froh er war, dass ich endlich anrief. „Hast du überhaupt eine Ahnung, in welcher Sorge wir sind, seitdem diese undurchsichtige Geschichte in der Pilgrims Lane passierte? Ich bin hingefahren und habe dort den Dienstwagen entdeckt.“

„Alles halb so wild“, unterbrach ich, „zumindest soweit es mich betrifft. Für Ronny Wilson und Paul Dozer sehen die Dinge beträchtlich ernster aus. Beide sind tot.“

„Dozer?“, echote Rayn erstaunt. „Wie kommt der denn in die Geschichte rein?“

„Das erzähl ich dir später.“

„Wo bist du jetzt?“

„In der 66. Straße, in der Wohnung von Dona Mitchell. Ich bin von ihr eingeschlossen worden, werde aber keine Mühe haben, die Tür zu öffnen. Rufe Hoover an und stelle eine Verbindung mit der City Police her. Sorge vor allem dafür, dass schnellstens Haftbefehle für Johnny Tiggers und seine Nichte ausgefertigt werden.“

„Wie heißt das Mädchen?“

„Nancy Summer. Hast du den Namen?“

„Ja, ich schreibe mit. Wie motivierst du den Haftbefehl?“

„Beihilfe zum Mord“, sagte ich.

Rayn pfiff leise. Durch das Telefon klang es wie ein schriller Misston.

„Sonst noch etwas?“

Ich nannte ihm die Nummer des Grundstücks in der Westend Avenue und sagte: „Das Haus muss sofort umstellt werden. Vorsicht ist geboten! Bei den Bewohnern handelt es sich um Angehörige von Paul Dozers Gangsterorganisation. Ich wette, die Burschen werden von ihren Schusswaffen Gebrauch machen.“

„Das ist eine lange Auftragsliste“, sagte Rayn. „Fertig?“

„Fertig!“, sagte ich. „Ich erwarte dich hier. 66. Straße West, Nummer 68, dritte Etage, bei Dona Mitchell.“

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Als Rayn kam, hatte ich es mir im Wohnzimmer bequem gemacht.

Ich hatte die Schuhe ausgezogen und das Radio angestellt. Außerdem hatte ich mir erlaubt, eine Dose Cola aus Dona Mitchells Kühlschrank zu holen; den Gegenwert von einem Dollar hatte ich ihr auf den Küchentisch gelegt.

Rayn schaute sich in dem Zimmer um.

„Ein richtiges Liebesnest“, sagte er und warf sein Basecap auf die cremefarbene Couch.

„Alles in zarten Pastelltönen, eher kitschig als geschmackvoll, aber sicherlich verdammt teuer!“

„Setz dich, mein Freund“, sagte ich. „Eine Cola gefällig? Im Kühlschrank ist noch genug davon.“

„Danke, ein Kaffee wäre mir lieber. Aber am wichtigsten ist mir, deine Story zu hören.“

Ich setzte mich. „Ich kann nicht behaupten, dass es langweilig war.“

Er grinste. Dann spulte ich die Geschichte ab und schloss: „Die Frage ist nur, ob Tom Nelson auch den Boss der Organisation, Dozer, ermordet hat.“

„Gab es für Tom denn einen triftigen Grund, seinen Boss zu töten?“

„Ja, das könnte ich mir denken. Bei Dozer war irgendeine Schraube locker. Er saß richtig über mich zu Gericht. Von seinen Leuten ließ er sich Richter nennen. Es war ein gespenstischer Mummenschanz, ein mystischer Nonsens, wie ihn nur ein krankes Hirn ersinnen kann.

Ich könnte mir vorstellen, dass der stärkste Mann der Dozer-Organisation sich um eine rasche Nachfolge bemühte, um zu vermeiden, dass die Führung einer Persönlichkeit überlassen blieb, bei der schizophrene Züge immer mehr die Oberhand gewannen. Tom kann dieser Mann gewesen sein. Natürlich gibt es für diese Theorie bis zur Stunde keine konkreten Beweise. Fest steht, dass ich Tom bei der Verhandlung nicht gesehen habe.“

„Gut“, meinte Rayn nachdenklich.

„Nehmen wir mal den Fall an, das Tom die Macht an sich reißen wollte. Hätte er dann in einem Moment zugeschlagen, wo es für dich um Leben und Tod ging?“

„Das ist der wunde Punkt an der Sache“, räumte ich ein. „Die Aktion – oder deren unmittelbare Auswirkungen – ermöglichten mir die Flucht. Tom hätte tatsächlich auf einen Mord verzichtet, wenn er es geahnt hätte. Andererseits war der Zeitpunkt für einen Umsturz denkbar günstig. Ich wette, dass fast alle Gangmitglieder im Raum oder im Haus waren. Vermutlich waren nur zwei oder drei eingeweiht. Dozer saß allein in der Mitte des Raumes, von einer Lampe angestrahlt, also eine hervorragende Zielscheibe. Ich erinnere mich, dass er das Fenster öffnen ließ, weil es zu heiß war. Die Klimaanlage funktionierte nicht. Angeblich war sie kaputt. Es ist ebenso gut denkbar, dass sie von einem Teilnehmer zerstört oder abgestellt wurde, nicht wahr? Jedenfalls hatte der Schütze viel Zeit, das Ziel in Ruhe anzuvisieren.“

„Wir müssen diesen Tom finden – und zwar schnellstens“, sagte Rayn.

„Was ist mit Babyfeet?“, fragte ich.

„Ich habe mich erkundigt. Es gibt in der amerikanischen Unterwelt nur einen Mann dieses Namens. Es ist George Miller.“

„Na und? Wo wohnt er?“

„Normalerweise in New York. Aber vor fünf Jahren wurde er gezwungen, das Domizil zu wechseln. Er wurde nämlich eines Bankraubes überführt und mit sechs Jahren Zuchthaus bestraft.“

„Bankraub – das ist seine Spezialität, was?“

Rayn nickte. „Bis jetzt konnte man ihm allerdings nur diesen einen nachweisen.“

„Und wo ist er jetzt?“

”Er sitzt im Zuchthaus von St. Quentin.“

„Da war er auch zur Tatzeit?“

„Natürlich!“, sagte Rayn und grinste matt. „Leute seines Schlages gibt der Staat keinen Urlaub.“

Ich rieb mir das Kinn. „Bist du ganz sicher?“, fragte ich.

Er starrte mich an. „Du glaubst doch nicht etwa...?“

Ich stand auf. „Es empfiehlt sich jedenfalls nachzuprüfen, wo Babyfeet Miller zur Tatzeit war. Ich werde mich darum kümmern.“

„Aber ich habe mich doch erkundigt, Carrie! Er...“

Rayn unterbrach sich, weil sein Handy klingelte. Er ging ran und ich sah, wie er einige Male grimmig nickte und dann auflegte.

„Das Nest in der Westend Avenue ist leer. Die Vögel sind ausgeflogen!“

„Sie werden sich ein anderes Nest suchen müssen“, sagte ich.

„Früher oder später werden wir sie fangen.“

„Ob sie Tiggers erwischt haben?“

„Ich wette, der ist auch getürmt.“

„Dann haben wir miserable Arbeit geleistet“, meinte Rayn unzufrieden.

„Diese Arbeit wird sich noch weiter verschlechtern, wenn wir nicht anfangen, ein gewisses Schlafminimum sicherzustellen“, sagte ich und klopfte ihm auf die Schulter.

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Am nächsten Morgen zogen wir die Bilanz.

Sie sah nicht sehr erfreulich aus.

Turner war tot. Dozer war tot. Auf der Habenseite standen diesen Verbrechen nur einige Theorien und Namen gegenüber, nichts Handfestes, keine Erkenntnisse, die wir dem Distrikt Attorney mit einigen Empfehlungen auf den Tisch legen konnten.

Meine Vermutung hatte sich übrigens bestätigt.

Weder Johnny Tiggers noch seine Nichte hatten verhaftet werden können. Scheinbar spurlos waren sie aus der Pilgrim Lane verschwunden.

Das gleiche galt für die Toten. Bis zur Stunde hatte die Polizei die Leichen von Ronny Wilson und Paul Dozer nicht zu entdecken vermocht.

„Dozer war ein alter Fuchs“, sagte Rayn. „Ich wette, er hatte für alle Eventualitäten Vorsorge getroffen. Bestimmt existiert irgendwo ein Haus, eine alte Villa, oder eine verlassene Fabrik, wo die Bande jetzt Unterschlupf gefunden hat.“

„Sehr wahrscheinlich“, nickte ich. „Die Frage ist nur, wie wir diesen Unterschlupf ausfindig machen können“.

„Wir haben ein paar gute Hinweise“, meinte Rayn, dem ich inzwischen einen vollen Bericht der Ereignisse des Vorabends gegeben hatte. „Den Lancia zum Beispiel. Es gibt nicht sehr viele Cabriolets dieser Marke in New York. Wenn wir ihn finden, haben wir auch die Bande.“

Ich sprach mit Rayn noch einige Details ab, dann verließ ich die Dienststelle und fuhr zu Mrs. Turner.

Ich traf sie zu Hause an.

Sie war ganz in Schwarz gekleidet und machte einen ruhigen, gefassten Eindruck. Wir nahmen im Wohnzimmer Platz. Ich machte ihr klar, in welche Richtung unsere Gedanken zielten und fragte: „Existiert in der Bekanntschaft Ihres Mannes irgendjemand, der sich durch besonders kleine Füße auszeichnet?“

Sie dachte kurz nach. „Ich muss Ihnen gestehen, dass ich bei keinem Menschen auf die Größe der Füße achte“, sagte sie schließlich.

„Sicher“, nickte ich, „das sind Dinge, die man normalerweise nicht ins Auge fasst, die einem aber sofort auffallen, wenn sie ins Extreme gehen.“

„Ich kann mich nicht erinnern“, sagte sie.

„Nannte ihr Mann mal den Namen Babyfeet?“

Sie starrte mich an. „Wie kommen Sie darauf?“

„Ehe er starb, äußerte er dieses Wort“

Die Frau presste die schmalen Lippen fest zusammen. Sie blickte an mir vorbei.

„Ich höre das Wort zum ersten Mal“, sagte sie mit gepresst klingender Stimme. Ich hatte das Gefühl, dass sie log, und sagte es ihr auf den Kopf zu.

Sie atmete schwer. „Und wenn ich tatsächlich die Unwahrheit sage, was ist schon dabei?“, fragte sie. „Ich habe keine Lust, wie mein Mann zu enden!“

„Das ist etwas anderes. Sie fürchten sich also vor dem Mörder, so, wie Ihr Mann sich fürchtete?“

Die Frau schwieg. Sie starrte noch immer an mir vorbei ins Leere.

„Es gibt nur einen Weg, diese Furcht zu töten“, sagte ich. „Sie müssen uns helfen, den Mörder zu finden!“

„Ich weiß nichts von ihm.“

„Immerhin ist Ihnen bekannt, wer Babyfeet ist.“

„Mein Mann redete nicht gern darüber. Sie wissen, dass er ein guter und braver Beamter war. Er schämte sich, in seiner Jugend einen Mann gekannt zu haben, der später im ganzen Lande als Bankräuber gesucht wurde.“

„Sie meinen Babyfeet Miller?“

„Ja, ich spreche von George Miller“, murmelte sie und senkte den Kopf.

„Zur Zeit des Überfalls war Miller nicht auf freiem Fuß“, sagte ich. „Er sitzt noch immer in St. Quentin.“

„So? Dann hat sich dieser Punkt von selbst erledigt.“

„Wo hat ihr Mann Miller kennengelernt?“

„Sie besuchten das gleiche College. Miller ging früher ab, das heißt, er wurde gezwungen, die Schule vorzeitig zu verlassen. Ich glaube, da war irgendeine dunkle Geschichte, die mit der Frau eines Lehrers begonnen hatte. Es gab einen deftigen Skandal, und Miller wurde relegiert.“

„Blieb er mit Ihrem Mann in Verbindung?“

„Damals waren wir noch nicht verheiratet.“

„Ich weiß, aber Ihr Mann hat Ihnen doch sicherlich alles Wichtige aus seiner Vergangenheit erzählt?“

„In dieser Hinsicht bin ich nicht ganz sicher“, meinte sie seufzend. „Ich weiß nur, dass die beiden Männer sich in den letzten Jahren völlig aus den Augen verloren hatten. Das war nur natürlich. Sie hatten völlig entgegengesetzte Interessen. Der eine war ehrlich und fleißig, ein Mann, der als Bankkassierer arbeitet, und der andere war ein skrupelloser Verbrecher, der Banken beraubt.“

„Vielen Dank, Mrs. Turner. Sie haben mir sehr geholfen.“

Ich fuhr zur Dienststelle.

„Wir wissen, woher das Messer stammt!“, informierte mich Rayn triumphierend, als ich das Office betrat.

„Das Messer, mit dem Turner getötet wurde?“

„Ganz recht“, sagte Rayn. „Du weißt, dass eine Aufnahme des Messers in allen Morgenzeitungen erschienen ist. Vorhin erhielt ich den Anruf eines Mannes, der ganz sicher ist, dass es sich dabei um das Messer handelt, das vor drei oder vier Tagen bei ihm gestohlen wurde.“

„Wie heißt der Mann?“

„Ernest Parker.“

„Hast du seine Adresse?“

„Natürlich, er hat vor fünf Minuten angerufen. Wollen wir hinfahren?“

„Auf geht’s“, sagte ich.

Ernest Parker wohnte in Brooklyn, in einer kleinen Straße unweit der Docks. Er betrieb dort eine Vulkanisierwerkstatt. Als er uns empfing, sah er aus, als hätte er gerade das Innere einer Reifenpresse saubergemacht. In seinem verschmutzten Gesicht waren nur die Augen klar und hell. Auf dem Werkstatthof sah es ziemlich wüst aus. Alte Reifen stapelten sich zu biegsamen Pyramiden; dazwischen lagen Autoersatzteile und ausrangierte Werkzeuge herum.

„Es ist mein Messer, da gibt es gar keinen Zweifel“, meinte Parker. Es war, so wie er im Moment aussah, nicht leicht, sein Alter zu bestimmen, aber die Vierzig hatte er sicherlich schon überschritten. Er trug eine schmutzige Kappe auf dem Kopf. Hinter dem Ohr steckte eine Zigarette. „Dort lag es immer, auf der Betonfläche“, fuhr er fort und wies auf den Platz vor der Einfahrt „Da parken stets die Kundenfahrzeuge. Das Messer habe ich dazu benutzt, um die Reifenprofile zu säubern. Ich habe den Dreck herausgekratzt, um zu sehen, ob die Reifen noch etwas taugen.“

„Können Sie uns genau sagen, an welchem Tag es verschwunden ist?“, fragte Rayn.

Er nahm die Zigarette vom Ohr und schob sie sich zwischen die Lippen, steckte sie an und inhalierte tief. „Ich entdeckte den Verlust am Dienstagmorgen, am Dienstag voriger Woche. Das Ding ist nichts wert, nicht mal fünf Penny, aber Sie wissen, wie es mit Werkzeug geht, an das man sich gewöhnt hat. Man ersetzt es ungern durch ein anderes.“

„Am Dienstagmorgen“, meinte Rayn und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie können uns doch gewiss sagen, wer an diesem Tag bei Ihnen war?“

„Da brauche ich nur in mein Kundenbuch zu sehen“, sagte Parker. „Kommen Sie mit in mein Büro.“

Das Büro entpuppte sich als ein Verschlag innerhalb der Werkstatt, dessen Gesamtcharakter mit der Unordnung auf dem Vorplatz mühelos Schritt halten konnte. Parker schob einige Papiere zur Seite, ohne sich darum zu kümmern, dass er auf jedem Bogen oder Zettel deutliche Schmutzspuren zurückließ. Als er endlich das Kundenjournal gefunden hatte, war ich froh, dass er es selber aufklappte. Ich hätte das Ding nicht mal mit der Zange anfassen mögen, so speckig und ölig sah es aus. Parker fuhr mit dem Finger einige Spalten entlang.

„Hier haben wir es“, sagte er. „An diesem Tag waren nur vier Kunden da. Der Fahrer von der Leather Factory Company, Mr. Hopper von gegenüber, Mr. White und Mr. Sundale.“

„Das sind alles alte Kunden Ihrer Firma?“

„Ja ich kenne jeden einzelnen davon.“

„Sie haben sicherlich in der Zeitung die Beschreibung des mutmaßlichen Mörders gelesen“, meinte Rayn. „Es ist ein etwa fünfunddreißigjähriger Mann mit einer auffallend heiseren Stimme.“

„Habe ich gelesen“, bestätigte Mr. Parker kopfnickend, „aber das trifft auf keinen der vier Kunden zu.“

„Sonst war an dem Tag niemand bei Ihnen?“

„Ich kann mich nicht erinnern.“

„Denken Sie nach, Mr. Parker“, bat Rayn.

Parker zuckte die Schultern. „Das tue ich doch schon die ganze Zeit!“, meinte er. „Ich kenne niemand, der so aussieht wie der Kerl, der in der Zeitung beschrieben wird.“

„Erzählen Sie uns etwas über die vier Kunden, die am Dienstag hier waren. Was tun sie beruflich?“, fragte Rayn.

„Na, der eine ist Lieferwagenfahrer, das erwähnte ich bereits. Mr. Hopper hat auf der anderen Straßenseite eine Ankerwickelei. Kein großer, aber ein gesunder Betrieb, 20 Arbeiter. Mr. White ist ein Drugstorebesitzer, er wohnt nur zwei Häuserblocks von hier entfernt. White ist ein gütiger alter Mann, mit dem ich zweimal im Monat ein bisschen pokere, nur so, zum Zeitvertreib. Den können Sie gleich von Ihrer Liste streichen! Na, und Mr. Sundale hat ganz in der Nähe eine Tankstelle. Er betätigt sich als Zulieferer, das heißt, er nimmt Vulkanisieraufträge an und bringt mir die Reifen ins Haus. Dafür beteilige ich ihn am Gewinn.“

„Wer ist der Fahrer der Leather Factory Company?“, fragte ich.

„Ein älterer Bursche, der sich John nennt. Ganz umgänglich soweit.“

„Kommt er oft her?“

„Nein, höchstens einmal im Jahr.“

„Ist seine Firma in der Nähe?“

„Das weiß ich nicht.“

„Darf ich mal einen Blick in Ihren Computer werfen?“, fragte ich.

„Bitte“, sagte er und nickte mit dem Kopf in Richtung Schreibtisch. Die Tastatur sah nicht viel besser aus als das Kundenjournal. Ich googelte und entdeckte, dass es in New York gar keine Firma dieses Namens gab.

„Wie kommen Sie auf Leather Factory Company?“, fragte ich Parker. „Die Firma steht nicht im Internet.“

„Tatsächlich?“, fragte er. „Aber der Name stand doch an der Tür des Lastwagens...“

„Was war das für ein Wagen?“, fragte ich.

„Ein Ford, Anderthalb-Tonner, Baujahr 2002“, sagte Parker. „Noch gut in Schuss.“

„Farbe?“

„Knallrot.“

„Sie haben sich nicht zufällig die Nummer gemerkt?“

Parker schüttelte den Kopf. „Nein. Da hätte ich viel zu tun! Sie meinen, dieser John könnte es gewesen sein?“

Ich ignorierte die Frage und erkundigte mich:„Was hatte er geladen?“

„Flaschen“, erinnerte sich Parker. „Ich wunderte mich darüber und fragte ihn, was eine Lederfabrik denn damit anstelle, und er meinte, dass die Lieferung für die Betriebskantine bestimmt sei.“

Ich gab eine präzise Beschreibung von Johnny Tiggers und schloss: „Sah der Fahrer so aus?“

Parkers Augen hatten sich geweitet.

„Ja, genau so!“, sagte er. „Woher kennen Sie ihn?“

„Ich kenne ihn, aber nicht gut genug. Er wohnt hier in Brooklyn“, sagte ich. „Oder besser: wohnte. Seit heute Nacht ist er verschwunden.“

„Soll das heißen, dass er ein Gangster ist und gar nicht für diese Leather Factory Company arbeitet?“, fragte Parker. Er war ganz atemlos.

„Vielleicht ja, vielleicht nein“, meinte ich ausweichend. „Seit wann ist er Ihr Kunde?“

„Lassen Sie mich nachdenken“, murmelte Parker und legte einen schmutzigen Finger an die Lippen. „Wenn ich mich recht erinnere, kreuzte er vor zwei Jahren zum ersten Mal hier auf.“

„Mit dem gleichen Wagen?“

„Ja.“

„War er stets allein?“

„Ja“

„Haben Sie ihn allein oder in Begleitung anderenorts schon einmal gesehen?“

„Nein.“

„Hat er mit einem Scheck oder bar bezahlt?“

„Bar.“

„Danke, Mr. Parker.“ Rayn und ich klemmten uns in meinem Sportwagen und rollten von Parkers Vorplatz. Ich dachte daran, dass es für Kinder eine Wonne sein müsste, hier spielen zu dürfen, dann konzentrierte ich meine Gedanken wieder auf die Arbeit.

„Ich habe in der Zentrale nachgefragt, was man dort von Johnny Tiggers und seiner angeblichen Nichte weiß“, sagte Rayn.

„Und?“, fragte ich.

„Die beiden Namen sind nicht registriert. Tiggers und das Mädchen sind entweder noch nicht vorbestraft, oder sie haben sich Decknamen zugelegt.“

„Das macht es für uns nicht leichter. Hast du etwas wegen Tom unternommen?“

„Selbstverständlich“, sagte Rayn. „Im Moment stellt man für uns eine Liste der Leute zusammen, deren Vornamen Tom lautet und die in der elektronischen Zentraldatenbank erfasst sind.“

„Ein paar hundert werden wohl dabei herauskommen“, sagte ich.

„Haben wir nicht einen herrlichen Job?“, fragte Rayn.

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Wir fuhren in die Pilgrims Lane. Das Lokal im Erdgeschoss war geschlossen. Auf unser Klingeln an Tiggers Wohnungstür in der ersten Etage öffnete niemand. Das überraschte uns nicht. Wir stiegen eine Etage höher und trafen einen älteren Mann, der, mit einer Einkaufstasche in der Hand, vorsichtig auf die Treppe zuging.

„Wohnen Sie hier?“, fragte ich ihn.

Er blickte mich an. Er hatte ein hageres, misstrauisches Vogelgesicht, verschlossen, aber nicht unintelligent.

„Ja.“

Ich zeigte ihm meinen Ausweis. „Dürfen wir Sie ein paar Minuten lang sprechen?“

Er nickte und schlurfte zurück in seine Wohnung. Ich orientierte mich auf dem an der Tür befestigten Namensschild, dass er Henrik Muggle hieß.

Wir nahmen in Muggles Wohnzimmer Platz. Es war dem Verkaufsraum eines Altwarenhändlers täuschend ähnlich. Muggle war es in früheren Jahrzehnten anscheinend mal besser gegangen, später war er gezwungen worden, sich eine kleine Wohnung zu nehmen. Er hatte sich jedoch von keinem Stück der alten, liebgewordenen Einrichtung trennen können. Für Leute, die den Jugendstil schätzen, war Mr. Muggles jetzige Bleibe eine wahre Fundgrube.

„Sie haben vermutlich gehört, was gestern hier vorgefallen ist?“, fragte Rayn.

Mr. Muggle saß sehr gerade auf seinem Stuhl. Er rückte seine randlose Brille zurecht und meinte: „Ach, wissen Sie, ich kümmere mich nicht um das Geschwätz der Leute. In dieser Gegend nimmt jeder von seinem Nachbarn gleich das Schlimmste an.“

„Sie haben keinerlei Kontakt mit den übrigen Hausbewohnern?“, fragte Rayn.

„Ich bin mit keinem verzankt, aber es gibt auch niemand, den ich besonders schätze.“

„Haben Sie gestern Abend ein oder zwei Schüsse gehört?“

„Ja. Zwei. Einer fiel im Hause, und ein zweiter kurz darauf in der Pilgrims Lane.“

„Was haben Sie daraufhin getan?“

„Nichts“, sagte Mr. Muggle. „Was hätte ich denn tun sollen? Unten im Lokal waren Gäste. Junge Gäste. Die hätten sich darum kümmern können! Ich bin zu alt, um noch den Helden zu spielen.“

„Seit wann wohnen Sie hier?“

„Seit einem Jahr.“

„Gab es während dieser Zeit irgendwann einmal Reibereien mit dem Hauswirt, Mr. Tiggers?“

„Nein.“

„Mr. Tiggers ist seit heute Nacht mit seiner Nichte Nancy verschwunden. Was halten Sie davon?“

Muggle feixte. „Mit seiner Nichte? Soso!“ Die Art, wie er das äußerte, ließ mich nachstoßen.

„Sie bezweifeln, dass es seine Nichte ist?“

Mr. Muggle zuckte die Schultern und blickte vieldeutig zum Fenster hinaus. Rayn blickte mich an. Wir verstanden uns. „Danke, Mr. Muggle“, sagte Rayn höflich. „Sie haben uns sehr geholfen.“

Wir besuchten noch andere Hausbewohner. Wir sprachen auch mit einigen Geschäftsleuten, die in unmittelbarer Nähe des Hauses ihre Läden hatten. Niemand war in der Lage, uns konkrete Informationen zu liefern. Alle versteckten sich hinter allgemein gehaltenen Redensarten, niemand war bereit, sich auf irgendeine Sache festzulegen. Natürlich, jeder hatte Johnny Tiggers und seine hübsche Nichte gekannt, viele der Leute waren oft in seinem Lokal gewesen. Es war zuweilen etwas laut zugegangen in der Kneipe, die Straßenbewohner hatten sich häufig darüber beschwert, aber wirklich beklagen konnte sich niemand darüber. Tiggers und seine Nichte waren stets freundlich gewesen. Das gleiche galt für Mr. Nelson. O ja, sie kannten ihn alle, weil er so gut gekleidet war und ein neues Wagenmodell fuhr, aber näheres vermochte niemand über ihn zu sagen.„Entweder wissen die Leute wirklich nichts“, meinte Rayn, als wir zwei Stunden später in den Audi kletterten, „oder sie haben Angst.“

„Worauf tippst du?“, fragte ich.

„Auf eine Mischung von beidem“, meinte er.

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Als wir in der Dienststelle eintrafen, klingelte das Telefon. Ich nahm den Hörer ab und meldete mich. Lieutenant Hoover war am Apparat. „Ich habe eine Überraschung für Sie“, sagte er zufrieden.

„Schießen Sie los, Lieutenant.“

„Wir haben einen der Toten gefunden, an denen Sie interessiert sind.“

„Wer ist es?“

Hoover schien guter Stimmung zu sein. „Raten Sie doch mal“, bat er.

„Wilson?“, fragte ich.

„Nein.“

„Paul Dozer?“

„Nein.“

„Soll das heißen, dass sich die Liste der Toten um einen weiteren Namen verlängert hat?“

„Genau!“, sagte er.

„Machen Sie es nicht so spannend, Hoover!“

„Es ist Thomas Nelson.“

„Thomas Nelson“, echote ich leise, „alias Kenneth, alias Tom?“

„Sein richtiger Name ist Tom Greenland. Er ist nicht vorbestraft, aber seine Fingerabdrücke decken sich mit denen, die wir haufenweise in der Mansardenwohnung der Pilgrims Lane gefunden haben.“

Ich winkte Rayn heran. Er schnappte sich den Zweithörer und hörte mit.

„Er hatte Papiere bei sich?“, fragte ich.

„Ja, den Führerschein“, sagte Hoover. „Und eine Rolle Bargeld in großen Noten. Insgesamt siebenhundertsechzig Dollar.“

„Wo haben Sie ihn gefunden?“

„In einer verlassenen Fabrikhalle auf der Brooklyner Seite, Nähe der Subway Station der 77th Avenue Line. Er wurde heute Morgen gegen zehn Uhr von spielenden Kindern entdeckt. Wir haben ermittelt, dass er gegen vier Uhr morgens gestorben ist.“

„Erschossen?“

„Ja, mit einer Pistole vom Kaliber 45.“

„Spuren, Hinweise?“

„Keine, wie üblich. Es ist klar, dass man den Toten mit einem Wagen in die alte Fabrik gebracht hat. Auf einer dünnen Schlamm- und Schmutzdecke vor dem Eingang haben wir den Abdruck der Reifenprofile festgestellt. Es handelt sich um eine sehr gebräuchliche Goodyear-Sorte.“

„Zeugen?“

„Nicht einen. Wir haben schon herumgefragt. Die Gegend ist so gut wie unbewohnt.“

„Wo ist der Tote jetzt?“

„Im Leichenschauhaus. Er steht Ihnen zur Verfügung. Sie können ihn sich ansehen. Aber es gibt kaum einen Zweifel, dass er der gesuchte Mann ist. Er entspricht genau der Beschreibung, die von ihm vorlag.“

„Nur die Stimme lässt sich nicht kontrollieren.“

„Die Stimme? Nein, natürlich nicht. Wann kommen Sie?“

„Wahrscheinlich heute Nachmittag. Ich gebe Ihnen rechtzeitig Bescheid.“

„Danke, Carrie. Gibt es bei Ihnen was Neues?“

„Nein, Lieutenant.“

„Ich kann mir vorstellen, dass Ihnen die Entwicklung nicht passt. Tom hat Turner ermordet. Und Wilson. Jetzt hat es ihn selbst erwischt und nun kommt es darauf an, den großen Unbekannten zu finden. Keine beneidenswerte Aufgabe, weder für Sie noch für uns.“

„Wir werden es schon schaffen. Wissen Sie bereits, wo dieser Greenland gelebt hat?“

„Wir wissen doch ganz genau, dass er als Thomas Nelson in der Pilgrims Lane wohnte.“

„Das meine ich nicht. In der Pilgrims Lane hat er nur ein Gastspiel gegeben. Ab und zu hat er mal dort geschlafen, nehme ich an. Bestimmt hat er noch eine andere, großzügigere Wohnung gehabt, ein Apartment, wo er unter seinem richtigen Namen lebte.“

„Die Adresse, die auf seinem Führerschein steht, trifft nicht mehr zu. Die Häuser in dieser Gegend der Westside sind inzwischen abgerissen worden, um dem Lincoln Center Platz zu machen. Ich muss mit den Nachforschungen ganz von vorn anfangen. Wahrscheinlich müssen wir die Presse einschalten. Irgendwie kommen wir bestimmt voran.“

„Sein Gesicht, es ist doch unverletzt?“

„Nicht ganz“, sagte Hoover vorsichtig.

„Ich verstehe. So, wie es aussieht können Sie es in keiner Zeitung bringen?“

„Stimmt.“

„Ihnen ist doch wohl klar, dass es sich bei diesem Mord um einen großangelegten Bluff handeln kann?“

„Ja“, meinte Hoover gedehnt, „natürlich habe ich diese Möglichkeit erwogen, aber ich habe sie wieder beiseitegeschoben. Von Figur und Gesicht gibt es noch genug zu erkennen, um eine Identifikation möglich zu machen. Ich habe zunächst mal Dr. Barker angerufen und die Schwester herbestellt. Später werde ich ein oder zwei Leute aus Pilgrims Lane zu mir bitten.“

„So, wie die Dinge im Augenblick liegen, steht nur fest, dass ein Ermordeter gefunden wurde, in dessen Taschen sich ein Ausweis auf den Namen Tom Greenland fand, stimmt’s?“

„Das ist richtig.“

„Danke, Lieutenant, ich melde mich wieder“, sagte ich und hängte auf. Rayn legte den Zweithörer aus der Hand. „Ich möchte wetten, dass Hoover einem Trick aufgesessen ist.“

„Du glaubst nicht daran, dass der Tom, den wir suchen, tot ist?“

„Nein“, sagte Rayn. „Er weiß, dass wir hinter ihm her sind. Er musste etwas tun, um uns von seiner Fährte abzulenken. Also tötete er einen Unbekannten, der ihm annähernd ähnlich war, steckte seinen Führerschein in die Taschen des Toten und platzierte den Ermordeten so, dass er schnellstens gefunden werden musste.“

„So kann es sein“, gab ich zu. „Dieser Gedanke schoss mir auch schon durch den Kopf, aber...“

„Aber?“, fragte Rayn

„Es ist denkbar, dass es sich um den echten Tom Greenland handelt, Rayn. In mir formt sich allmählich die Erklärung dafür, weshalb er sterben musste.“

Rayn setzte sich. „Du machst mich neugierig.“

Ich zuckte die Schultern. „Es ist nur eine Theorie, aber sie passt in das bisherige Geschehen. Wir müssen doch alles im Zusammenhang sehen, nicht wahr? Wir können den Tod von Turner ebenso wenig ausklammern wie die Existenz von Dozer, Tiggers und Nancy Summer. Dozer war zweifelsohne der Kopf der Organisation. Ich bezweifle nicht, dass er den Bankraub plante und dirigierte. Ich bezweifle aber auch nicht, dass es innerhalb seines Teams Bestrebungen gab, Dozer abzulösen. Er war ein versponnener Mystiker, ein schizophrener Boss, der seinen Mitarbeitern unheimlich geworden war. Bestimmt fürchteten einige von ihnen, er könnte eines Tages ganz durchdrehen und das Team ernstlich gefährden. Tom Greenland fühlte sich berufen, dass Ruder herumzureißen. Ich nehme an, dass Tiggers und Nancy seine Vertrauten waren. Die anderen hoffte er durch seinen Coup rasch zu gewinnen. Aber es kam anders. Er schaffte es zwar, Dozer zu töten, aber einige aus der Bande versagten ihm die Gefolgschaft. Sie rächten ihren Boss. Sie töteten Greenland.“

„Klingt ganz logisch.“

„Es muss nicht so gewesen sein“, sagte ich. „Aber es sollte mich nicht wundern, wenn die Dinge so liegen. Nur eine Sache passt nicht hinein. Sie passt in keine Theorie, es sei denn, man stellt eine ganz neue auf.“

„Du meinst Babyfeet?“

„Ja. Ich fliege nach St. Quentin. Ich muss mir diesen Burschen mal anschauen.“

„Soll ich dir Flugtickets besorgen?“

„Das wäre nett. Was macht übrigens deine Trödleraktion?“

„Zwei Beamte sind dabei, alle Läden abzuklappern. Bis jetzt hatten sie keinen Erfolg. Fliegst du morgen früh?“

„Ja, ich nehme die erste Maschine.“

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Ich schaute mir den Toten zwei Stunden später an. Sein Gesicht sagte mir nicht mehr und nicht weniger, als dass er erschossen worden war. Ich fuhr zu Hoover und hörte, dass die Schwester bereits vor mir dagewesen sei. „Sie ist davon überzeugt, dass es dieser Kenneth war, der Turner im Krankenhaus besuchte“, sagte er zufrieden.

„Wissen Sie inzwischen mehr über diesen Greenland?“

„Ja. Ich hatte Glück, als ich bei der KFZ-Zulassungsstelle nachfragte. Er fuhr einen Chevy, letztes Baujahr. Als Adresse wurde mir die Fulton Street angegeben. Nummer 144.“

„Waren Sie schon dort?“

„Nein. Wenn Sie wollen, können Sie mir den Job abnehmen“, meinte Hoover. „Ich habe noch genug Schreibtischarbeit zu erledigen.“

„Ich fahre gleich los. Schlüssel haben sich in Greenlands Taschen nicht befunden?“

„Nein.“

Zwanzig Minuten später kletterte ich in der Fulton Street aus meinem Flitzer.

Das Haus Nummer 144 war groß, modern, repräsentativ, wie fast alles in dieser Straße. Ich ging hinein und zeigte dem Portier meinen Ausweis. Ich erklärte ihm kurz, worum es ging. Er wurde etwas blass und begann zu zittern. Offenbar hatte er ein Nervenleiden. „Mr. Greenland ermordet!“, murmelte er und schüttelte den Kopf. „Unbegreiflich, was in dieser Welt alles passiert! Sie möchten die Wohnung sehen? Augenblick, bitte ich hole den Zweitschlüssel.“

Wir fuhren mit dem Lift nach oben. Greenland hatte ein Apartment im neunten Stock gemietet. „Zwei Zimmer mit Küche und Bad“, informierte mich der Portier, als wir den Lift verließen. „Das ist die beliebteste Einheit im Hause. Darf ich vorangehen?“

„Vorsicht, bitte!“, warnte ich ihn, als er die Tür aufschloss. „Rühren Sie nichts an. Ich bin ziemlich sicher, dass schon vor uns Besucher hier waren.“

Die Diele war klein und quadratisch. An einem Haken hing eine Jacke, und auf der Ablage lag eine schwarze Schiebermütze. Wir betraten das Wohnzimmer. Es war ein mittelgroßer, modern eingerichteter Raum ohne besondere persönliche Eigenart. Die Schubläden des Schreibsekretärs waren geöffnet. Papiere lagen auf dem Boden verstreut. Ich bückte mich und hob einen Zettel auf. Er enthielt einige Notizen über Pferderennen, sonst nichts.

„Sehen Sie jetzt, was ich meine?“, fragte ich. „Vor uns war schon Besuch da.“

Ich steckte den Zettel ein.

„Mr. Greenland war viel unterwegs, oft wochenlang!“, erinnerte sich der Portier.

„Welchen Beruf übte er aus?“

„Er verkaufte landwirtschaftliche Maschinen, glaube ich“, meinte der Portier.

„Empfing er oft Besuch?“

„Das weiß ich nicht. Das Haus ist zu groß, um da richtigen Einblick zu gewinnen.“

„Na ja, aber Sie müssen doch gesehen haben, ob er gelegentlich Leute mitbrachte oder mal ein Mädchen.“

„Mädchen? Es war immer die gleiche“, erinnerte sich der Portier. „Ein hübsches Ding, so um die fünfundzwanzig herum, gut gebaut, rotblond, blauäugig, Wirklich Klasse!“

„Kennen Sie ihren Namen?“

„Nein, aber ich weiß, dass sie am Hudson Terminal in dem großen Schnellrestaurant arbeitet. Sie sitzt dort an der Kasse. Wahrscheinlich hat er sie dort kennengelernt. Es ist ja nur drei Häuserblocks von hier entfernt.“

„Vielen Dank“, sagte ich. Ich betrachtete noch einige der Zettel, die aus dem Schreibsekretär gefallen waren, und sah mir dann den Rest der Wohnung an. Zwanzig Minuten später fuhr ich mit dem Portier nach unten. Ich verabschiedete mich von ihm und ging zu Fuß zum Hudson Terminal. In dem rundum verglasten Schnellrestaurant war ziemlich viel Betrieb. Von den vier Kassiererinnen hatte nur eine rotblondes Haar. Sie sah wirklich hübsch aus. Ich ging auf sie zu und zeigte ihr meinen Ausweis.

„Sie werden sich ein paar Minuten ablösen lassen“, sagte ich. „Ich möchte Sie sprechen.“

Sie schaute mich böse an. „Sie sehen doch, dass ich beschäftigt bin!“, sagte sie. „In anderthalb Stunden habe ich Feierabend. Kommen Sie dann noch einmal wieder und treten Sie zur Seite, bitte. Sie sehen doch, dass hinter Ihnen zwei Kunden stehen.“

„Anderthalb Stunden?“ Ich machte Platz. „So lange kann ich nicht warten.“

„Okay“, meinte sie wütend und tippte in die Kasse, was die Kunden auf den Tabletts vorbei trugen. „Ich spreche mit dem Geschäftsführer.“

Sie schloss die Kasse, ab, stellte das CLOSED-Schild vor dem Zugang auf und eilte davon. Zwei Minuten später kam sie zurück. „Wir können uns im Büro unterhalten“, sagte sie.

Das Mädchen hatte eine blendende Figur. Wie alle weiblichen Angestellten des Restaurants trug sie eine Art Uniform, einen grünen Kittel mit gemustertem Kragen. Auf dem Kittel war ein Schildchen mit ihrem Namen befestigt: MISS RONDA. Wir gingen nach oben, in die Büroetage. In der Rezeption stand ein kleiner, runder Tisch mit einigen hochmodernen, höchst unbequemen Stühlen. Wir setzten uns.

„Wann haben Sie Mr. Greenland zuletzt gesehen?“, fragte ich.

„Tom? Lassen Sie mich nachdenken. Vor einer Woche. Was ist mit ihm?“

„Er wurde ermordet“, sagte ich unverblümt und schaute sie an.

„Sie lügen, das darf nicht wahr sein!“, hauchte sie mit großen, erschreckten Augen und bebenden Lippen.

„Wir suchen seinen Mörder“, sagte ich. „Was wissen Sie von ihm? Kennen Sie seine Freunde, seine Feinde?“

„Nein. Sind Sie sicher, dass...?“

„Wenn Sie wollen, können Sie sich den Toten ansehen, nur, um ganz sicherzugehen. Aber ich rate Ihnen davon ab. Es ist nichts für schwache Nerven.“

„Ich glaube, ich brauche einen Kognak“, meinte sie. Sie stand auf und ging hinaus. Nach fünf Minuten kam sie zurück. Sie hatte die Dienstkleidung abgestreift und trug jetzt ein zartgrünes Kostüm im Chanel-Schnitt. Es stand ihr gut zu Gesicht. „Ich habe mich bei dem Geschäftsführer entschuldigt – ich darf nach Hause gehen. Es wird am besten sein, Sie begleiten mich“, sagte sie.

Wir verließen das Restaurant. „Ich wohne ganz in der Nähe“, informierte mich das Mädchen. Sie war blass und nervös; ich hatte das Gefühl, dass sie etwas auf dem Herzen hatte, ohne so recht zu wissen, ob es zweckmäßig war, das Thema anzuschneiden.

„Erzählen Sie mir etwas von Tom“, bat ich. „Wie lange kennen Sie ihn?“

„Etwa drei Monate“, sagte sie. „Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir zu Fuß gehen? Es sind nur zehn Minuten bis zu meiner Wohnung.“

Ich nickte. „Ich verschaffe mir gern ein bisschen Bewegung.“

„Wie ist es passiert?“, fragte sie.

„Er wurde erschossen.“

„Von wem?“

„Das wissen wir noch nicht.“

„Ich kann es nicht fassen.“

„Waren Sie sehr eng mit ihm liiert?“

„Er, er wollte mich heiraten.“

„Und Sie?“

„Natürlich wollte ich auch, aber... “

„Aber?“

Sie zuckte die Schultern. „Ich kann das schwer erklären. Ich fürchtete mich davor.“

„Vor der Ehe, oder vor Greenland?“

„Er war mir manchmal direkt unheimlich. Es gab Dinge, die er mir nicht plausibel machen konnte. Er hatte Geheimnisse vor mir.“

„Zum Beispiel?“

„Ich habe nie erfahren, für welche Firma er arbeitet. An Geld hat es ihm nie gefehlt, aber ich weiß bis zum heutigen Tage nicht, wer es ihm zahlte.“ Sie blieb stehen und blickte mich an. Ich blieb ebenfalls stehen. „Hat er krumme Geschäfte gemacht?“, fragte sie mich.

„Fest steht, dass sein Umgang nicht der beste war“, sagte ich und fügte rasch hinzu: „Das bezieht sich nicht auf Sie. Ich meine damit die Leute, die ihm beim Geldverdienen halfen.“

„Kennen Sie sie?“

„Nur zum Teil. Wie steht es mit Ihnen? Hat er Sie mal mit seinen Freunden bekannt gemacht?“

„Er hat mir niemals einen Bekannten vorgestellt“, maulte sie. „Das war auch so eine Sache, die mir nicht gefiel. Ich entschuldigte es damit, dass er vielleicht eifersüchtig sei, aber es war eines von den Dingen, die mich zuweilen in Rage brachten.“

„Würden Sie ihm ein Verbrechen Zutrauen?“

Das Mädchen ging weiter. Ich blieb an ihrer Seite. „Ein Verbrechen? Schwer zu sagen. Wer weiß schon, was in einem Menschen steckt? Nein, ich glaube nicht, dass ich ihn eines wirklich schweren Verbrechens für fähig hielte. Er konnte hart sein, das spürte ich zuweilen, er war auch vital und energisch, aber weshalb hätte er sich dem Verbrechen widmen sollen? Er war intelligent und wendig genug, um sein Dasein auf korrekte Weise fristen zu können.“

„Ich fürchte, da muss ich Sie enttäuschen. Nicht alle Leute benutzen ihren Intellekt, um damit der Moral die Stange zu halten.“

„Sie sagen das nicht ohne Grund, nehme ich an? Sie beziehen es auf Tom?“

„Er steht im Verdacht, zwei Menschen ermordet zu haben.“

Das Mädchen blieb abermals stehen. Diesmal waren ihre Augen noch größer und erschreckter als vorher. „Nein!“, stieß sie hervor. „Das halte ich für ausgeschlossen! Er war clever, er wäre vielleicht bereit gewesen, sich durch irgendwelche betrügerischen Manipulationen zu bereichern – aber Mord? Das ist unmöglich.“

Ich fasste sie behutsam unter und führte sie weiter.

„Mörder tragen kein Kainszeichen im Gesicht“, sagte ich. „Sie sprechen und leben wie die meisten von uns, es gibt keine klar erkennbaren Hinweise auf das, was in ihnen ist. Wir vom FBI erleben das immer wieder. Gerade die nächsten Angehörigen von Mördern sind immer die Ahnungslosesten. Mörder sind nicht nur brutal und gefühlskalt, sie haben auch gute, positive Eigenschaften. Den Frankenstein-Typ gibt es im Leben kaum. Der Jammer ist, dass Hollywood Gruselfilme einen Schablonentyp geprägt haben, den die Kriminologie nicht kennt.“

Ich ließ ihren Arm los. Sie ging allein weiter, etwas stolpernd und unsicher, als hätte sie keine Kraft in den Füßen.

„Sie sagen, er war ein Mörder“, meinte sie kaum hörbar. „Ich kann nicht entscheiden, inwieweit das richtig oder falsch ist. Aber es stimmt doch, dass er erschossen wurde, nicht wahr? Also ist er das unschuldige Opfer!“

„Das Wort unschuldig können wir, fürchte ich, in diesem Zusammenhang beiseitelassen. Er wurde ermordet, weil er sich innerhalb einer Gangsterorganisation Rechte anmaßte, die ihm von anderen abgesprochen wurden. Er mordete, und ein paar andere Leute rächten diesen Mord. So lautet meine These. Sie kann falsch sein. Ich bin gerade dabei, sie zu untermauern, und hoffe, dass Sie mir helfen können.

„Wie sollte ich das? Ich hatte keine Ahnung von dem Leben, das er führte!“

„Sie waren oft mit ihm zusammen. Oder?“

„Ziemlich oft.“

„Wie oft?“

„Ein bis zweimal wöchentlich“, meinte sie.

„Na, bitte! Sie haben mit ihm gesprochen. Sie konnten manchmal, bewusst oder unbewusst, einen Blick in seine Brieftasche werfen, Telefongespräche mithören, die ihn erreichten, Notizen lesen, die auf seinem Schreibsekretär lagen. Kurz und gut, wenn Sie genau nachdenken, fallen Ihnen sicherlich tausend Dinge ein, die für uns von Bedeutung sind.“

„Was für Dinge?“, fragte sie, wartete aber die Antwort nicht ab, sondern blieb stehen und meinte: „Wir sind da. Hier wohne ich. Ist es Ihnen recht, wenn ich vorangehe?“ Ich nickte. Wir betraten ein leidlich modernes Apartmenthaus. Der Lift brachte uns ins sechste Stockwerk. Miss Rondas Wohnung war recht niedlich, eine Art Superpuppenstube, den man oft bei alleinstehenden jungen Mädchen findet. Bestickte Sofakissen waren Trumpf.

„Setzen Sie sich, bitte“, sagte sie. „Ich brauche jetzt einen Drink. Und Sie?“

„Mir genügt ein Glas Orangensaft, falls Sie so etwas im Hause haben sollten.“

„Es ist alles da, ich bin sofort wieder zurück“, meinte sie und verließ das Wohnzimmer. Ich hörte, wie sie die kleine Diele durchquerte und die Küchentür öffnete.

Im nächsten Moment geschah es.

Sie stieß einen lauten, gellenden Schrei aus.

Fast gleichzeitig hörte ich ein Geräusch, das einem dumpfen Schlag oder Zusammenprall ähnelte.

Schritte hasteten durch die Diele.

Im Nu war ich auf den Beinen. Ich riss die Wohnzimmertür auf und sah zwei Dinge: Miss Ronda lag bewusstlos in der Diele und ein Mann hastete aus der Wohnung.

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Ich kniete neben Miss Ronda nieder und sah, dass sie nicht verletzt worden war. Offensichtlich hatte sie nur einen Schock erlitten. Sie hatte in der Küche einen Fremden gesehen, der Mann hatte sie umgestoßen und war geflüchtet.

Ich jagte hinter ihm her.

Er stand am Lift, mit hochrotem Kopf, unter dem Arm ein ziemlich großes, anscheinend nicht leichtes Paket. Er starrte mir entgegen, mit halboffenem Mund und hässlichen, hasserfüllten Zügen. Ich kannte ihn. Es war mein alter Freund, der Boxer-Dandy.

In diesem Moment schaffte er es, in den Lift zu schlüpfen. Ich kam gerade noch rechtzeitig, um die Tür aufzureißen. Im nächsten Augenblick standen wir uns gegenüber. Hinter mir fiel die Tür zu. Der Lift begann nach unten zu surren.

„Tag, Freundchen“, sagte ich. „Die Welt ist klein, nicht wahr?“

Er hielt das Paket fest umschlossen. Es war mit braunem Papier verpackt und ziemlich fest verschnürt. Er brauchte beide Arme, um das Paket zu halten.

„Was ist da drin?“, erkundigte ich mich freundlich.

„Was geht Sie das an?“

„Eine Menge, und das wissen Sie ganz genau!“

„Das Paket gehört uns, Tom hat mich beauftragt, es zu holen“, sagte er.

„Seit wann können Tote reden?“

Er blinzelte. „Der Teufel soll Sie holen!“, keuchte er.

Der Lift stand. Ich öffnete die Tür.

„Wir werden ein paar Häuserblocks weit gehen müssen, ich habe meinen Wagen in der Fulton Street abgestellt“, sagte ich zu ihm. „Ich hoffe doch, das Paket wird Ihnen nicht zu schwer sein?“ Ich öffnete die Lifttür. Wir betraten die Halle. Der Boxer keuchte noch immer, als sei er gezwungen, einen Felsblock zu tragen. Die Blicke seiner kleinen, tückischen Augen hasteten ziellos hin und her. Er schien einfach nicht zu wissen, wie es weitergehen sollte.

„Versuchen Sie keine Mätzchen, mein Lieber“, warnte ich ihn. „Meine Geduld ist schon hinreichend strapaziert worden. Ist das klar?“

Er gab keine Antwort. Er blieb einfach stehen und nagte an seiner dicken Unterlippe herum. Er sah nicht so aus, als ob Intelligenztests seine Stärke wären. Ich bemerkte, dass sich seine Blicke immer häufiger auf den Ausweg richteten.

„Sie sind nicht allein gekommen, nicht wahr?“, fragte ich ihn.

Er starrte mich an. „Allein?“, stotterte er. Er war richtig durcheinander.

„Draußen wartet Ihr Komplize im Wagen, stimmt das?“, sagte ich geduldig. Mir wurde klar, dass es keinen Sinn hatte, irgendwelche Risiken einzugehen.

„Kommen Sie mit“, sagte ich. Ich musste ihm einen Stoß geben, ehe er sich in Bewegung setzte. Ich dirigierte ihn zum Tisch des Portiers, der uns bereits einige Zeit ziemlich fassungslos beobachtete. Der Boxer-Dandy setzte das schwere Paket auf dem Schreibtisch ab. Auf der Stirn des Mannes standen Schweißperlen.

Ich holte meinen Ausweis hervor und zeigte ihn dem Portier.

„Rufen Sie die Polizei an“, bat ich. „Das nächste Revier soll schnellstens einen Streifenwagen vorbeischicken.“

Er nickte und griff nach dem Hörer. In diesem Moment glitt die Hand des Boxers ins Jackett. Ich packte rechtzeitig zu. Als er die Hand zurückzog, hatte ich sie gut im Griff. Er umspannte mit den Fingern eine 45er Pistole. Ein Judotrick genügte, um die Waffe zu Boden poltern zu lassen. Ich erreichte sie mit dem Fuß und kickte sie aus der Gefahrenzone.

Der Portier fuhr mit zitternden Händen fort, die Verbindung zur Polizei herzustellen. Er schnappte dabei mit den Lippen wie ein Fisch, der unversehens aufs Trockene geraten ist.

Mein Gegner hatte sich gefangen. Er besann sich auf seine Boxkünste und legte los. Da er inzwischen wusste, was ich konnte, stellte er seine Taktik darauf ein und vermied es, mit einem überhasteten Angriff sein Pulver zu verschießen. Er hielt die Deckung geschlossen und wartete auf eine gute Gelegenheit, mit einem Kerntreffer durchzukommen. Natürlich wusste er, dass ihm nicht viel Zeit blieb.

„Überfallkommando, bitte!“, hörte ich den Portier japsen.

„Wie bitte? Ja, die Adresse“ Er sprach weiter, während ich eine Links-Rechts-Dublette ins Ziel brachte. Zwei mit Taschen beladene alte Damen kamen in die Halle. Die eine stieß einen Schrei aus und ließ alle Taschen fallen, als sie uns sah, die andere blieb nur stehen und schaute fasziniert zu.

Der Boxer-Dandy und ich nahmen diese Randerscheinung kaum wahr. Wir hatten mehr als genug mit uns zu tun. Ich fightete ohne großen Drive, gewissermaßen mit hinhaltender Technik. Es kam mir nur darauf an, den Burschen diesmal festzuhalten, koste es was es wolle.

Der Portier hatte den Anruf beendet. „Der Wagen wird gleich hier sein“, meldete er.

Die Worte brachten Bewegung in den Boxer, ihm wurde bewusst, dass er erneut alles auf eine Karte setzen musste, wenn er nicht erleben wollte, dass dieses Abenteuer mit seiner Verhaftung abgeschlossen wurde.

Er verdoppelte das Tempo und die Wucht seiner Schläge. Natürlich musste er dabei die Defensivtaktik aufgeben und die Deckung etwas vernachlässigen. Das war mir nur recht. Ich ging mit, ich legte sogar noch etwas Mut zu. Das Ende kam sehr rasch. Ich erwischte ihn voll auf den Punkt und er fiel um wie vom Blitz getroffen. Jetzt schrien die beiden alten Damen im Chor. Der Portier ging auf sie zu, um ein paar beruhigende und aufklärende Worte zu sagen. Ich bückte mich und klopfte den bewusstlosen Schläger nach Papieren ab. Er hatte eine Brieftasche bei sich, aber sie enthielt nur zweihundert Dollar in Scheinen und einige Briefmarken. Ich steckte die Brieftasche an ihren Platz zurück und kümmerte mich um die Pistole. Ich brauchte nur an der Mündung zu schnuppern, um zu wissen, dass das Ding erst kürzlich benutzt worden war. Eine 45er, das sagte mir genug. Greenland war mit einer Waffe dieses Kalibers erschossen worden. Der Boxer-Dandy sah genau so aus, als sei er auf derlei Arbeiten spezialisiert.

„Können Sie mit einem solchen Ding umgehen?“, fragte ich den Portier.

Er nickte unsicher. „Gewiss. Aber gern fasse ich so etwas nicht an!“

Ich überlegte. Die Waffe enthielt sicherlich die Fingerabdrücke des Boxers. Wenn es die Mordwaffe war, durften die Abdrücke unter keinen Umständen verwischt werden. Andererseits drängte es mich danach, auf der Straße nach dem Komplizen des Schlägers Umschau zu halten. Ich konnte mich aber nicht entfernen, ohne den Boxer in sicherem Gewahrsam zu wissen.

„Ich habe selbst eine Waffe, mit Lizenz natürlich!“, vertraute mir der Portier an. „Hier im Schreibtisch. Unter Verschluss, ganz klar! Wenn man für so viele Menschen und Wohnungen verantwortlich, ist, wissen Sie...“

„Schon gut“, unterbrach ich ihn. „Nehmen Sie die Kanone heraus, und sorgen Sie dafür, dass dieser Bursche unter keinen Umständen von hier wegkommt! Trauen Sie sich das zu?“

Der Portier sah skeptisch aus. „Er ist ziemlich rabiat, nicht wahr?“

„Er weiß, dass er verloren hat, und der Anblick einer geladenen Pistole wird ihn zur Räson bringen.“

Der Portier öffnete eine Schublade. Ich merkte, dass er sich straffte und auf die gestellte Aufgabe konzentrierte. „Sie können sich auf mich verlassen!“

„Machen Sie ruhig von der Schusswaffe Gebrauch, falls er zu fliehen versuchen sollte“, sagte ich. „Ich ermächtige Sie dazu. Zielen Sie jedoch auf seine Beine. Ich glaube jedoch, dass er vernünftig sein wird.“

„Das hoffe ich!“

Ich trat auf die Straße. Auf beiden Seiten parkten, dicht hintereinander, Fahrzeuge aller Schattierungen. Ich ließ meine Blicke über die Wagen gleiten und hatte bald das Fahrzeug entdeckt, das ich suchte. Der Mann am Steuer trug eine Sonnenbrille und las Zeitung. Er bewegte dabei kauend die Kinnladen. Ich erkannte ihn an dieser Kaubewegung. Und am Profil. Es war der Bursche, der mich zusammen mit dem Boxer in der Halle der Villa in Empfang genommen hatte.

Ich überquerte die Straße und näherte mich ihm im toten Winkel. Ich sah, dass er gelegentlich einen Blick in den Rückspiegel warf. Er legte die Zeitung zusammen und schaute auf die Armbanduhr. Dann drehte er den Kopf herum und starrte auf den Hauseingang. Offenbar gefiel es ihm nicht, dass sein Komplize so lange ausblieb.

Ich trat an den Wagen und öffnete auf der Beifahrerseite den Schlag. Im nächsten Moment saß ich neben ihm. Er fuhr herum und glotzte mich an.

Ich lächelte. „Ihr Kumpel ist verhindert, Chum“, sagte ich und zog meine Waffe aus der Schulterhalfter.

Er schlucke. Er sah nicht so aus, als ob er daran dachte, sich zu verteidigen. Furchtsam starrte er die Waffe an. „Ich bin nicht bewaffnet“, murmelte er. „Stecken Sie das Ding weg.“

„Alles zu seiner Zeit“, sagte ich. „Heben Sie die Hände!“ Er gehorchte. Ich klopfte ihn ab. Erstaunlicherweise hatte er tatsächlich keine Kanone dabei. Ich schob den Revolver ins Holster zurück. Er begann zu schwitzen. „Was wollen Sie von mir?“

„Nichts Besonderes“, sagte ich. „Ich möchte Sie nur um eine kleine Gefälligkeit bitten. Ich denke dabei vor allem an Ihren Kumpel. Er ist Ihre Gesellschaft gewohnt und würde sich allein sicherlich sehr verlassen vorkommen. Hätten Sie etwas dagegen, ihn zu begleiten?“

„Wo ist er denn?“

„Er wartet in dem Haus auf mich. Auf die Polizei. Auf ein paar Verhöre. Sie sehen aus, als ob Sie das überraschte. Haben Sie niemals damit gerechnet, dass die Sache so enden würde?“

Er schluckte abermals.

„Nein“, würgte er hervor. „Offen gestanden, nein! Mit Paul wäre uns das nicht passiert. Da lief alles glatt“

„Ja, und dann kam dieser Tom auf den verrückten Einfall, selbst den Boss zu spielen, nicht wahr? Da machten Sie einfach nicht mit!“

Der Mann schwieg. Er umklammerte mit beiden Händen das Lenkrad so fest, dass die Knöchel spitz und weiß hervortraten.

„Steigen Sie aus“, forderte ich ihn auf. „Ihr Kumpel wird sich freuen, ein liebgewonnenes Gesicht zu sehen.“

Er zögerte nur eine Sekunde. Dann kletterte er ins Freie und ging mit mir auf das Haus zu.

Als wir die Halle betraten, hatte sich bereits ein Dutzend neugieriger Hausbewohner eingefunden. Sie umstanden im Halbkreis den Portier, der, mit der Pistole in der Hand, seine Rolle schätzen und genießen gelernt hatte.

Der Boxer lehnte mit verdrossenem Gesicht und verschränkten Armen am Schreibtisch. Er sah aus wie ein Mann, der vergeblich darüber nachsinnt, bei welcher Gelegenheit er seinen Schwung, seine Kraft und seine Entschlussfreudigkeit verloren hat.

Als er mich mit seinem Kumpan aufkreuzen sah, zuckte er nur leicht zusammen.

„Auch das noch!“, meinte er.

„Du bist ein Idiot!“, sagte mein Begleiter zu dem Boxer. Es war nicht viel, aber immerhin etwas. Im nächsten Moment ertönten die Sirenen der Polizeiwagen. Kurz darauf stoppten zwei Streifenwagen vor dem Hauseingang. Ein halbes Dutzend Polizisten stürmte in die Halle. Ich wies mich aus und bedeutete ihnen, die beiden Männer und das Paket mitzunehmen.

„Aufs Revier?“, fragte mich der Sergeant.

„Nein, zum FBI-Headquarters“, erwiderte ich. „Wir nehmen die beiden gleich in die Mangel. Fahren Sie schon voraus, ich habe hier noch eine Kleinigkeit zu erledigen.“

Ich beobachtete, wie die Handschellen um die Gelenke der Gangster schnappten, dann fuhr ich mit dem Lift wieder nach oben. Ich klingelte an Miss Rondas Tür. Das Mädchen machte mir auf. Sie war leichenblass.

„Oh, Miss Hill“

Ich musste sie stützen, als wir ins Wohnzimmer gingen.

„Haben Sie sich von dem Schock erholt?“, fragte ich.

Sie nickte. „Das hat mir geholfen“, erwiderte sie und wies auf ein Kognakglas, das einen soliden Dreistöckigen enthielt.

Wir setzten uns. „Sie erlauben doch?“, meinte sie und reduzierte den Dreistöckigen um gut die Hälfte. Entspannt lehnte sie sich zurück.

„Ich dachte, mir bliebe das Herz stehen! Sie haben mir vorhin erklärt, dass es keine Frankenstein-Typen gibt. Aber dieser Kerl bewies eher das Gegenteil! Diese hässliche Visage, die platt geschlagene Nase...“

Sie schüttelte sich. „Er gab mir einen Stoß vor die Brust, das ist alles, woran ich mich zu erinnern vermag.“

„Ich habe ihn erwischt“, sagte ich tröstend. „Ihn und seinen Komplizen.“

„Er war auf das Paket scharf, ich sah, dass er es in den Händen hielt“, meinte sie.

„Was ist darin?“

„Ich weiß es nicht!“

„Tom hat es Ihnen zur Aufbewahrung übergeben?“

„Ja, er sagte, er könnte es sich nicht leisten, das Paket in seiner Wohnung aufzubewahren. Angeblich seien Konstruktionspläne darin, hinter denen die Konkurrenz her sei. Ich glaubte ihm das nicht ganz, aber ich hatte nichts dagegen, dass er das Paket bei mir abstellte. Ich wollte nicht ungefällig sein, wissen Sie“, fügte sie wie entschuldigend hinzu.

„Natürlich, ich verstehe“, sagte ich. „Er war schließlich Ihr Freund. Ich bin sicher, dass das Paket Geld enthält. Eine halbe Million oder mehr. Dozer dürfte es aus Sicherheitsgründen unter die Bandenmitglieder aufgeteilt haben.“

Das Mädchen starrte mich großäugig an. „Soll das heißen, dass ich eine halbe Million Dollar in der Küche hatte?“

„Das wird sich herausstellen. Warum haben Sie mir vorhin nichts von dem Paket gesagt?“

Das Mädchen errötete. „Ich war schon drauf und dran, es zu erzählen, aber andererseits kam es mir wie ein Vertrauensbruch Tom gegenüber vor. Er hatte mir doch das feierliche Versprechen abgenommen, keinem Menschen etwas von dem Paket zu sagen!“

„War es nicht eher so, dass Sie sich vorgenommen hatten, den Inhalt ganz allein und nicht im Beisein von Zeugen zu untersuchen?“, fragte ich.

Ihre Röte vertiefte sich. „Es ist nicht fair, mir so etwas zu unterstellen!“, protestierte sie, aber der Protest kam ohne rechten Druck zustande.

„Hat er nur dieses Paket hinterlassen?“

„Ja.“

„Sonst nichts?“

„Sonst nichts.“ Sie nahm einen weiteren Schluck, aus dem Glas.

Ich überlegte. Alles sah so weit ganz logisch aus. Greenland hatte offenbar weder Tiggers noch Nancy getraut. Deshalb hatte er es vorgezogen, seinen Anteil nicht in der Pilgrims Lane zu verstecken. Stattdessen hatte er das Geld bei seiner Freundin untergebracht.

Natürlich gab es auch an dieser Version einige Punkte, die nicht recht ins Konzept passen wollten. Mädchen sind neugierig. Greenland hatte damit rechnen müssen, dass Miss Ronda sich vom Inhalt des Paketes überzeugte. Wie kam es, dass er diese Gefahr auf sich genommen hatte?

Ich erhob mich. „Wir sprechen uns noch“, sagte ich. „Ich muss jetzt ins Headquarters fahren.“

Sie stand auf. „Am liebsten möchte ich ausziehen! Ich werde nie mehr diese Wohnung betreten können, ohne zu befürchten, aus irgendeiner Tür könnte mir dieser furchtbar aussehende Mensch entgegenkommen.“

„Die Angst ist unbegründet“, sagte ich beruhigend. „Der Kerl wollte nur das Geld haben, sonst nichts. Normalerweise sind Sie um diese Zeit ja noch im Geschäft. Es war Zufall, dass wir ihn bei der Arbeit störten. Bleiben Sie nur ruhig sitzen. Ich kann mir vorstellen, dass Sie sich noch ein wenig schwach auf den Beinen fühlen. Ich finde den Weg allein.“

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20

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Der Boxer hieß Randolph Torres, sein Komplize nannte sich David Carter.

Die beiden hatten die Angaben zur Person ohne Widerstreben gemacht. Sie waren mehrfach vorbestraft, innerhalb der letzten acht Jahre waren sie allerdings nicht mehr im Strafregister aufgetaucht. Paul Dozer hatte es offenbar meisterhaft verstanden, die beiden so einzusetzen, dass nicht einmal der Schatten eines Verdachts auf sie fiel.

Torres und Carter gaben zu, für Paul Dozer gearbeitet zu haben.

„Als ’ne Art Leibwächter“, sagte Torres. „Wir mussten ihn beschützen. Sonst nichts. Was er an krummen Dingern gedreht hat, wissen wir nicht.“

Bei dieser Version blieben sie.

Nein, sie hatten ihn nicht ermordet.

„Wir hätten verrückt sein müssen, wenn wir das getan hätten!“, meinte Carter, der etwas gesprächiger als sein Komplize war, wenn auch nicht sehr viel. „Dozer war ein strenger, aber gerechter Boss. Er hatte ein paar Macken, er war manchmal ein bisschen merkwürdig, aber einen Spleen hat jeder, oder? Er zahlte prima. Wir waren bei ihm gut aufgehoben. Wir haben mit seinem Tod nichts zu schaffen.“

„Wer hat ihn erschossen?“, fragte ich.

Wir waren zu fünft in dem Office: Rayn, Lieutenant Hoover, die beiden Ganoven und ich. Den Wachpolizisten hatten wir rausgeschickt. Er stand vor der Tür.

Carter und Torres saßen auf Stühlen dicht nebeneinander. Wir hatten ihnen ein Päckchen Zigaretten überlassen, und jetzt steckten sie sich einen Glimmstängel nach dem anderen an.

Ich nickte. „Ja, Dozer war für Sie mehr als der Boss. Er war für Sie der Pol, um den sich alles drehte. Als Tom Greenland ihn auf eigene Faust ermordete, liefen Sie Amok. Sie fühlten sich verpflichtet, Dozers Tod zu rächen. Sie fackelten nicht lange und erschossen Greenland.“

„Verdient hätte er’s, und wir sind froh, dass das ein anderer für uns erledigt hat“, brummte Torres.

„Sie vergessen, dass wir Ihre Pistole im Labor haben, Torres“, sagte ich. „Eine 45er. Das gleiche Kaliber, mit dem Greenland getötet wurde.“

„Na und?“, brauste er auf. „Ich kann mich ja täuschen, aber halten Sie’s nicht für denkbar, dass es im Staat New York noch mehr Bleischleudern dieses Kalibers gibt?“

„Mein Riecher ist auf gewisse Duft Kombinationen eingearbeitet“, sagte ich. „Ihre Pistole ist vor wenigen Stunden benutzt worden. Jetzt erzählen Sie mir bloß nicht, dass sie Ihnen einige Stunden entschwunden war.“

„Unsinn“, knurrte er. „Ich hatte sie immer bei mir. Ich muss Ihnen sagen, dass ich häufig damit herumballere. Zum Spaß? Ja und nein. Ich will in Form bleiben. Ich schieße ab und zu auf Scheiben, oder auf Vögel, um nicht zu verlernen, wie man einen Treffer anbringt. Das war ich der Bezahlung schuldig, die Paul leistete. Also, gestern habe ich ein paar Schüsse im Garten abgegeben. Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen den Baum; die Kugeln stecken gewiss noch drin.“

„Haben Sie ein Alibi für die vergangene Nacht? Für die Zeit zwischen drei und vier?“, fragte ich.

„Ein Alibi!“, schnaufte Torres. „Sie wissen, verdammt genau, dass wir alle Hände voll zu tun hatten, die wichtigsten Klamotten aus dem Haus zu retten.“

„Vor allem das Geld, nicht wahr?“

„Welches Geld?“, fragten beide wie aus einem Mund.

„Die Beute vom Bankraub“, sagte ich.

„Von einem Bankraub wissen wir nichts!“, erklärten sie geschlossen.

Ich legte die Ellenbogen auf den Schreibtisch und blickte Torres scharf an.

„Ah, vermutlich hatten Sie keine Ahnung, was in dem Paket ist, das Sie aus Miss Rondas Wohnung zu entwenden versuchten, nicht wahr? Ich kann Ihnen den Inhalt nennen. Es waren genau zweihunderttausend Dollar darin. Auf den Cent genau. Wir haben die Nummern der Scheine geprüft. Sie stammen aus dem Vierzehn-Millionen-Bankraub.“

„Das wirft mich um“, murmelte er unsicher und warf einen Blick auf Carter. „Ich hatte keine Ahnung davon, Ehrenwort! Mr. Dozer gab mir gestern ein paar Stunden vor seinem Tod Anweisung, das Paket zu holen. Genau das habe ich getan.“

„Obwohl er inzwischen erschossen worden war?“

„Das hat damit nichts zu tun.“

„Wo ist das andere Geld?“, fragte ich.

„Weiß ich nicht“, sagte Torres.

„Es gibt kein anderes Geld“, erklärte Carter.

„Wer hat an dem Bankraub teilgenommen?“

„Fangen Sie schon wieder an?“, fragte Torres.

„Von einem Bankraub wissen wir nichts.“

„So viel Unschuld öffnet meine Tränendrüsen“, bemerkte Rayn seufzend.

„Ich wollte mir gerade von Ihnen ein Taschentuch leihen“, sagte Hoover.

Das Telefon klingelte. Ich nahm den Hörer ab und meldete mich. Crowner, der Ballistiker, war am Apparat. „Ich bin gerade dabei, den Bericht zu tippen, wollte Sie aber vorab schnell telefonisch informieren“

„Fein“, unterbrach ich ihn.

„Ist es die Mordwaffe?“

„Nein, bestimmt nicht. Die Kugeln, die Greenland töteten, wurden aus einer anderen Waffe abgefeuert“

„Danke, Crowner“, sagte ich und hängte auf.

Rayn kratzte sich die Nase. Er hatte den Gesprächsinhalt mitgekriegt.

„Was ist aus dem toten Dozer geworden?“, fragte ich.

„Wir haben ihn begraben.“

„Wissen Sie, was darauf steht?“

„Das ist uns egal, wir wollten ihn nicht der Polizei in die Hände fallen lassen“, sagte Torres.

„Sie wollen doch, dass Dozers Mörder gefasst wird?“

„Den hat’s ja schon erwischt“, meinte Torres. „Ich persönlich zweifle nicht daran, dass Greenland geschossen hat. Er wollte den Boss spielen.“

„Schön, aber wer hat Greenland getötet?“

Wieder kam es im Chor: „Wissen wir nicht.“

„Sie sollten sich bei der Show America's Got Talent bewerben“, spottete Hoover.

„So viel Harmonie ist wirklich selten.“

„Wir sagen die Wahrheit“, meinte Torres.

„Wo liegt der Tote?“, fragte ich.

„Dozer?“, knurrte Torres. „Im Garten unseres neuen Domizils. Drüben in Jersey, unweit von Hoboken. Erie Road 188.“

Rayn notierte sich die Adresse. „Dort werden wir uns mal ein wenig umsehen“, sagte er.

„Du bist ein Idiot!“, sagte Carter zu Torres.

„Ach, shut up! Es hat doch keinen Sinn, wie das Orakel von Delphi zu quasseln. Solange wir keine präzisen Angaben machen, kriegen wir keinen Fuß an den Boden.“

„Wir haben schon beide in der Zelle“, knurrte Carter übelgelaunt. „Je mehr du quatschst, desto länger werden wir sie drin behalten.“

„Du bist ein Herzchen! Als ob’s etwas helfen würde, die Unschuld vom Lande zu spielen!“, meinte Torres.

„Okay, mach nur weiter so!“, schnaufte Carter. „Du wirst schon sehen, wohin uns das bringt.“

„Was ist mit Tiggers und seiner Nichte?“, fragte ich.

„Was soll mit ihnen sein? Sie haben sich rechtzeitig abgesetzt“, meinte Torres.

„Wohin?“

„Weiß ich nicht.“

„Sie gehörten zu Dozers Gang?“

„Ja, sie waren meistens dabei, wenn irgendetwas los war.“

„Abführen“, sagte ich und drückte auf einen Klingelknopf. Der Polizist kam herein.

„Zurück ins Untersuchungsgefängnis mit den beiden“, sagte ich. Der Polizist führte Torres und Carter ab.

„Du hast sie sehr früh nach Hause geschickt“, meinte Rayn. „War das richtig?“

„Ab sofort vernehmen wir sie einzeln“, sagte ich und griff nach dem Telefonhörer. Die Zentrale meldete sich. „Stellen Sie eine Verbindung mit der Handelskammer her“, sagte ich. Rayn schaute mich fragend an. „Nur so eine Idee von mir“, sagte ich. Ich musste zwei Minuten warten, dann hatte ich die Handelskammer an der Strippe. Zwei weitere Minuten verstrichen, ehe ich den richtigen Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung hatte. „Guten Tag, es geht um eine Firma, die angeblich nicht mehr existiert“, sagte ich. „Ihr Name war Leather Factory Company. Es würde mich interessieren zu erfahren, ob eine Firma dieses Namens wirklich existiert hat, und wenn ja, wo.“

„Moment, ich sehe sofort nach“, sagte der Mitarbeiter. Nach einer Minute meldete er sich wieder: „Hier habe ich den Eintrag“, meinte er. „Die Firma hat im Jahre 2012 Pleite gemacht. Sie hatte nur zwei Gesellschafter, einen Mr. Johnny Herford und seine Frau. Der Konkurs ist später mit einem Vergleich abgeschlossen worden. Genügt Ihnen diese Information?“

„Nein. Was wissen Sie über die ehemaligen Gesellschafter?“, fragte ich.

„Eigentlich gar nichts“, meinte er, „ausgenommen einige Angaben zur Person. Geburtsdaten und so weiter.“

„Geben Sie sie mir, bitte.“ Ich notierte, was er mir sagte. Dann bedankte ich mich und hängte auf.

„Etwas von Bedeutung?“, fragte Rayn.

„Johnny Herford“, las ich vor. „Geboren am 11. März 1967, und Laura Herford, geboren am 7. August 1992. Ganz hübscher Altersunterschied, was?“

„Johnny“, murmelte Rayn. „Du glaubst, es könnte sich um Tiggers und seine Nichte handeln?“

„Ich bin ziemlich sicher, dass es sich so verhält. Der Kuckuck mag wissen, weshalb er damals die Firma gegründet hat. Er machte Pleite und änderte seinen Namen. Seine Frau gab er als seine Nichte aus. Nur den Lieferwagen der Firma behielt er. Er nahm sich nicht einmal die Mühe, die Firmenaufschrift zu entfernen. Johnny Herford und Frau! Vielleicht finden wir ihn unter diesem Namen.“

„Ich leite sofort alles in die Wege“, sagte Rayn und machte sich einige Notizen. „Jetzt müssen wir erst mal Dozer ausbuddeln. Willst du dabei sein?“

„Vielen Dank, darauf kann ich verzichten. Hast du das Flugticket für den Trip nach St. Quentin besorgt?“

„Ja, es liegt im Sekretariat bereit. Die Maschine geht schon sehr früh, zweiundzwanzig Minuten nach sechs.“

Ich stand auf. „Dann wird’s Zeit, dass ich noch eine Mütze voll Schlaf bekomme.

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Ich fuhr nicht nach Hause, sondern in den südlichen Teil Manhattans. Es war bereits kurz vor zehn Uhr abends, als ich das Haus betrat, in dem Miss Ronda wohnte. Ich fuhr mit dem Lift nach oben. Gerade als ich klingeln wollte, öffnete sich die Tür. Miss Ronda schrak zusammen, als sie mich sah. „Lieber Himmel!“, sagte sie leichenblass und presste die Hand auf die Brust. „Haben Sie mich erschreckt! Seit der Geschichte von heute Nachmittag bin ich mit den Nerven völlig am Ende!“

Sie trug ein samtenes Kleid, dessen Ärmel in hauchdünner Seide abgesetzt waren. Sie sah sehr  adrett aus. Das Make-up war sorgfältig und geschickt aufgelegt, aber es war nicht in der Lage, die fahle Blässe zu vertuschen.

„Tut mir leid, dass mein Anblick Sie so schockiert, aber...“

Sie unterbrach mich. „Es ist nicht Ihr Anblick“, sagte sie. „Sie standen so plötzlich vor mir! Ehe ich Sie erkannte, war der Schock schon komplett.“

„Nehmen Sie einen Kognak“, riet ich ihr.

Sie lächelte unsicher. „Davon habe ich mir schon ein halbes Dutzend genehmigt. Es ist besser, ich mache damit allmählich Schluss.“

„Sie sind doch noch stocknüchtern, oder?“

„Ich kenne mich. Bis zu einem bestimmten Glas geht alles gut, dann reißt es mir plötzlich den Boden unter den Füßen weg. Darf ich fragen, weshalb Sie wiedergekommen sind? Haben Sie etwas vergessen?“

„Ja, einige Fragen.“

„Betreffen sie Tom? Sie wissen doch, dass ich ihn kaum kannte. Ich bin zwar zweimal wöchentlich mit ihm weg gewesen, aber ich hätte schwören mögen, dass er im Grunde nicht mehr ist als ein cleverer Geschäftsmann und ein temperamentvoller Liebhaber.“

„Wollten Sie noch ausgehen?“, fragte ich und deutete auf ihre Handtasche, die auf dem Tisch lag.

„Ja, in der Wohnung werde ich verrückt. Die Geschehnisse haben mich stärker mitgenommen, als ich zugeben möchte. Ich werde irgendwo einen Happen zu mir nehmen.“

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Sie begleite?“

„Bitte, ich bin froh, wenn mir jemand Gesellschaft leistet“, meinte sie, aber ich hatte das Gefühl, als waren diese Worte nicht ganz ernst zu nehmen.

Wir fuhren mit dem Lift nach unten. „Mein Wagen steht in der Kellergarage“, meinte sie.

Es war ein Chevrolet Spark, Baujahr 2015. Wir setzten uns hinein und fuhren los.

„Ich kenne ein gutes Lokal in der 23. Straße“, meinte sie. „Es wird von einem Italiener geleitet. Die Küche ist wirklich ausgezeichnet. Ist Ihnen die Wahl des Lokals recht?“

„Passt mir“, sagte ich. Eine Viertelstunde später saßen wir in dem mäßig besuchten Speiserestaurant an einem Tisch. Miss Ronda stellte sich ein kleines Abendmenü zusammen, dazu ein Glas Wein, ich begnügte mich damit, eine Pizza und ein Wasser zu bestellen. Wir saßen einander gegenüber. Während wir auf das Essen warteten, meinte das Mädchen: „Vielleicht halten Sie mich für einen Angsthasen. Sie sind FBI-Agentin. Ich wette, für Sie gehören Vorfälle des Kalibers, wie ich heute einen miterlebte, zum täglichen Programm. Ich würde bei einem solchen Leben schon nach einer Woche zusammenklappen. Ich bin schreckhaft. Ich kann Aufregungen nicht vertragen.“

„Das sind die meisten Frauen“, sagte ich lächelnd und klopfte meine Hose ab.

„Typisch!“, sagte ich.

„Was ist typisch?“

„Immer, wenn ich im Wagen sitze, rutscht mir mein Handy aus der hinteren Hosentasche. Ich wette, es liegt auf dem Beifahrersitz.“ Ich erhob mich. „Der Wagen ist sicher abgeschlossen?“

„Nein, er steht doch auf dem bewachten Parkplatz des Restaurants.“

Drei Minuten später saß ich dem Mädchen in der kleinen Nische wieder gegenüber.

„Nicht zu finden“, sagte ich. „Wahrscheinlich habe ich es im Office liegengelassen.“

„Wollen Sie telefonieren? Ich habe mein Handy dabei.“

Als sie die Handtasche öffnete, drehte sie sie so, dass ich nicht hineinblicken konnte. Sie holte ein rosafarbenes Handy heraus.

„Bitte“, sagte sie. „Bedienen Sie sich.“

„Vielen Dank.“ Ich wählte eine fiktive Nummer und tat so als wartete ich darauf, dass der Teilnehmer am anderen Ende ran ging.

„Hm, keiner da“, sagte ich und reichte ihr das Handy zurück. Ich sah, dass ihre Hand leicht zitterte als sie ihr Telefon wieder in die Handtasche legte.

Wir nippten schweigend an unserem Getränk, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt.

Dann sagte sie plötzlich: „Ich habe ganz vergessen, mich zu erkundigen, was aus den Verhafteten geworden ist. Haben sie gestanden?“

„Teils, teils“, sagte ich. „Aber ganz einfach ist es nicht.“

„Was war mit dem Paket?“

„Was ich dachte“, erwiderte ich. „Geld. Zweihunderttausend Dollar.“

„Fantastisch! Wie ist Tom nur an das Geld gekommen?“

„Es stammt aus dem Bankraub.“

„Tom war also ein Bankräuber – oder ein Mörder?“

„Beides“, nickte ich.

„Ich gewöhne mich allmählich an den Gedanken. Seltsamerweise tut es nicht einmal weh. Es ist nur merkwürdig. Und deprimierend. Deprimierend, weil man plötzlich erkennt, wie wenig man von seinen Mitmenschen weiß.“

Der Wirt trat an den Tisch und steckte die Kerze an, die in einer Chianti Flasche steckte. Er murmelte ein paar nette Worte und verschwand wieder. Kerzenlicht macht die Gesichter weich, doch bei Miss Ronda traf das nicht zu. Ihre Züge wirkten auf einmal härter und eckiger; die Augen waren groß und kühl. Ich entdeckte in ihnen nichts von der Furcht, die sie angeblich gefangen hielt. Miss Ronda trank ihren Wein und ließ mich keine Sekunde aus den Augen.

„Ich überlege gerade, wie Sie in Zuchthauskleidung aussehen werden.“

Miss Ronda verkrampfte die freie Hand in das weiche Leder der großen auf dem Tisch liegenden Handtasche. Ihre Augen verengten sich etwas. „Was sagen Sie da?“

„Es ist hier so ruhig, so intim, so nett“, sagte ich. „Viel hübscher als in der nüchternen Atmosphäre eines Büros. Warum legen Sie kein Geständnis ab?“

„Was soll ich denn gestehen?“

„Den Mord natürlich.“

Miss Ronda schluckte. Sie nahm das Weinglas hoch, ohne dass ihre Blicke von meinem Gesicht wichen. Ich sah in ihren Zügen kein Erschrecken, nicht einmal Anzeichen von Alarm oder Terror, nur eine tiefe Konzentriertheit, die Ausstrahlung einer fast eisigen Ruhe, die sie in diesem Moment erfüllte.

„Einen Mord?“, echote sie gelassen.

„Sie haben Tom Greenland getötet“, erklärte ich und schob die Chianti Flasche ein wenig zur Seite. Sie war über und über mit Wachs bedeckt.

„Weshalb hätte ich Tom umbringen sollen?“, fragte sie. „Weshalb, um Himmels willen?“

„Wegen des Geldes natürlich. Ihm war das Geld anvertraut, Sie brachten den größten Teil davon an sich.“

„Das Geld aus dem Bankraub, davon sprechen Sie doch, nicht wahr?“

„Davon spreche ich.“

„Es gab nur dieses eine Paket in meiner Wohnung, das gleiche, das man heute zu stehlen versuchte!“

„Ich will Ihnen sagen, wie es war“, sagte ich gelassen. „Gestern, als Tom zu Ihnen kam, hatten Sie Ihren Entschluss längst gefasst. Sie wollten mit dem Geld verschwinden. Tom erzählte Ihnen, dass er Dozer getötet hatte. Das war günstig für Sie, denn nun hatten Sie von dieser Seite keine Nachstellungen zu erwarten. Sie brauchten nur noch eine Hürde zu nehmen: Tom. Sie verloren keine Zeit, diese Aufgabe zu lösen.“

Sie starrte mich an. „Das alles meinen Sie im Ernst?“

„Vielleicht hätte ich mit der Anklage bis nach dem Essen warten sollen“, sagte ich. „Jetzt wird Ihnen das Menü sicherlich nicht mehr schmecken. Es ist Ihre Henkersmahlzeit, denn Sie werden mich anschließend begleiten“

„Sie haben kein Recht, mich zu verhaften!“, stieß sie hervor. „Ich bin mir meiner Rechte als amerikanische Bürgerin sehr wohl bewusst!“ In ihren Augen entzündete sich etwas. Es war ein kaltes, gefährliches Feuer.

„Stimmt. Ich habe keinen Haftbefehl“, sagte ich, „aber mir steht das Recht zu, Sie zur Vernehmung vorzuführen. Ich bin überzeugt davon, dass die Vernehmung die Grundlage für die Erwirkung des Haftbefehls erbringen wird.“

„Was macht Sie so sicher, dass ich in Ihrem Sinne aussagen werde?“

„Nichts. Von Ihrer Geständnisfreudigkeit verspreche ich mir herzlich wenig. Sie gehören zu den Menschen, die bis zuletzt alles abstreiten. Wahrscheinlich werden Sie sogar noch beim Anblick des Gefängnisses behaupten, völlig unschuldig zu sein. Dummerweise gibt es Indizien, sehr schwerwiegende Indizien, die gegen Sie sprechen.“

„Indizien, welche Indizien?“

„Ihr Wagen“, sagte ich mit sanfter Stimme, „ist mit Goodyear Reifen einer bestimmten Profilsorte ausgerüstet. Wir fanden Abdrücke dieser Reifenprofile vor dem Eingang der verlassenen Fabrik, wo der Tote lag.“

„Das beweist nichts!“, meinte sie. Ihr Atem ging jetzt etwas rascher. „Von diesem Profil gibt es sicherlich mehr als eine Million Reifen.“

„Nicht in allen Rillen wird sich der gleiche Schmutz festgesetzt haben, der Schmutz, der auf dem Vorplatz der verlassenen Fabrikhalle lag.“

„Das ist doch Unsinn!“

„Es ist nur ein Punkt“, gab ich zu. „Sie werden sich denken können, dass ich vorhin nur einen Vorwand suchte, um nach draußen zu gehen. Mein Handy befindet sich in Wahrheit in meiner Jackentasche. Ich wollte mir den Wagen ansehen. Nicht nur die Reifenprofile. Bei dem Versuch, einen Blick in den Kofferraum zu werfen, musste ich feststellen, dass er abgeschlossen ist.“

„Na und? Das ist doch ganz natürlich! Glauben Sie, ich hätte Lust, mir das Reserverad stehlen zu lassen? Das ist mir schon einmal passiert.“

Ich lächelte. „Der Wagen war unverschlossen. Es ist ein bisschen unlogisch, die Wagentüren offenzulassen und gleichzeitig die Kofferraumklappe unter Verschluss zu halten, stimmt’s?“

Sie zuckte ärgerlich die Schultern. „Vielleicht ist’s tatsächlich unlogisch“, gab sie zu. „Ich bin eine Frau. Wollen Sie mir vorwerfen, dass ich mich wie eine Frau benehme?“

„O nein. Ich möchte nur annehmen, dass Sie Gründe haben, den Kofferraum gegen fremde Blicke abzusichern. Ich wette, Sie haben das Geld und das Gepäck darin. Als ich Sie beim Weggehen überraschte, war es keineswegs nur Ihre Absicht, zum Abendessen zu fahren. Sie wollten flüchten.“

„Das ist doch absurd!“

„Der Vorwurf lässt sich leicht entkräften“, sagte ich. „Kommen Sie mit nach draußen und lassen Sie mich einen Blick in den Kofferraum werfen.“

„Ich frage mich noch immer, inwieweit ich diesen Nonsens ernst nehmen soll!“

Der Ober stellte mir ein Wasser auf den Tisch. Für Miss Ronda brachte er noch ein Glas Wein.

„Das Essen kommt in fünf Minuten“, informierte er uns.

„Mir ist der Appetit vergangen!“, sagte das Mädchen. Zwischen ihren Augen stellte sich eine tiefe Falte. „Bringen Sie mir die Rechnung, bitte.“

Der Ober sah konsterniert aus. „Aber...“

„Selbstverständlich bezahle ich das Essen!“, sagte sie ungeduldig.

„Und Sie?“, fragte mich der Kellner.

„Ich zahle auch.“ Er eilte davon. Ich nahm einen Schluck aus dem Glas.

„Ich bin keine Mörderin!“

„Sondern?“

„Das unschuldige Opfer absurder Vorwürfe und Anklagen! Sie werden sich bei mir entschuldigen müssen, Miss Hill, aber ich bin noch sehr im Zweifel, ob ich diese Entschuldigung annehmen werde. Sie haben mich zu tief verletzt!“

Der Ober kam zurück. Er legte die Rechnungen vor uns hin. Der abrupte Aufbruch schien ihn davon überzeugt zu haben, dass es am sinnvollsten sei, die Rechnungen getrennt auszufertigen. Wir zahlten. Er bedankte sich und ging davon.

Miss Ronda blickte mich an. Ihr schien zu dämmern, dass der Augenblick der Entscheidung immer näher rückte.

„Ich weigere mich, Sie zu begleiten!“, sagte sie. „Sie können mich nicht zwingen, mit Ihnen zu kommen!“

„O doch“, sagte ich lächelnd. „Natürlich kann ich Sie nicht mit Gewalt hier wegholen. Aber ich kann dafür sorgen, dass das ein paar Beamte erledigen.“

„Was versprechen Sie sich davon?“

„Die Klärung eines Mordfalles, der schon nicht mehr so verworren ist, wie er sich einmal darstellte.“

„Ich habe nichts damit zu tun! Ich kannte Tom. Ich wusste nicht, dass er ein Mörder ist. Ich war nicht einmal über den Inhalt des Paketes informiert!“

Ich stand auf. „Gehen wir?“

Sie zögerte, dann erhob sie sich. Als wir hinausgingen, merkte ich, wie der Ober sich kichernd mit dem Wirt unterhielt.

„Also gut, ich komme mit“, sagte Miss Ronda überraschend, als wir den Parkplatz erreicht hatten. „Es wird am besten sein, die verrückten Anschuldigungen in Ihrem Büro aus dem Wege zu räumen.“

„Wollen wir nicht erst einen Blick in den Kofferraum werfen?“, fragte ich.

„Nein“, sagte sie. „Ich bin nicht bereit, jede Überspanntheit von Ihnen zu akzeptieren.“

„Also gut“, sagte ich, „steigen wir ein.“

Ich bemerkte, dass sie die Handtasche auf dem Schoß liegen ließ, griffbereit. Sie startete und kuppelte. Ich fuhr das Fenster herunter. Es war eine milde, angenehme Nacht, angenehm, was das Wetter betraf.

„Wissen Sie wo das FBI-Headquarters liegt?“, fragte ich.

„Ich bin in New York zu Hause“, sagte sie kurz.

Wir fuhren einige Minuten schweigend. „Das ist der falsche Weg“, meinte ich.

„Für mich ist es der richtige“, sagte sie. Wir waren in eine schmale, ziemlich dunkle Straße eingebogen. Die Bürgersteige waren fast menschenleer, denn auf beiden Seiten der Straße befanden sich nahezu ausschließlich Bürogebäude.

Es kam, was ich erwartet hatte. Das Mädchen bremste so jäh, dass ich nach vorn geschleudert wurde, und trotz Gurt mit dem Kopf fast gegen die Windschutzscheibe knallte.

Miss Ronda hatte es leichter, den Ruck abzufangen. Sie konnte sich mit den Händen am Lenkrad festhalten. Allerdings benutzte sie dazu nur eine Hand. Mit der Rechten riss sie blitzschnell die Handtasche auf und griff hinein.

Sie war wirklich sehr rasch, aber nicht rasch genug. Ich fing die Hand ab, noch ehe es ihr gelungen war, die Pistole aus der Handtasche zu reißen. Es war kein Problem, ihr die Waffe abzunehmen. Sie sackte in sich zusammen, schluchzend. Den Kopf und die Arme legte sie auf das Lenkrad. Sie war am Ende.

Ich drehte die Pistole vorsichtig hin und her. Wie erwartet war es eine 45er. Ich roch daran und wusste Bescheid. Ich schob die Pistole in die Handtasche zurück, sehr behutsam, um keine Fingerabdrücke zu zerstören. Dann nahm ich die Handtasche an mich.

Das Mädchen schluchzte noch immer. Es war nicht das Weinen eines Menschen, der Scham und Reue empfindet. Es war ein Schluchzen, das sich auf einer Gefühlsmischung aus Zorn, Enttäuschung und Angst aufbaute.

Ich wartete. Nach drei Minuten beruhigte sie sich. Sie hob den Kopf. Von ihrem Make-up war nicht viel übrig geblieben. Sie starrte geradeaus.

„Ja, ich habe es getan“, sagte sie. „So viel Geld wird einem nur einmal im Leben geboten. Von Tom hätte ich nur einen Bruchteil der Millionen bekommen. Ich wollte nach Mexiko, ich wollte ein anderes Leben beginnen, ich wollte den Spülwassergeruch aus dem Schnellrestaurant vergessen, das ist alles.“

„Wie viel haben Sie im Kofferraum?“

„Ich weiß es nicht, ich hab’ mir nicht die Mühe gemacht, es zu zählen. Ich nehme an, es sind die vierzehn Millionen. Tom hatte den Auftrag, das Geld aufzubewahren. Er dachte, in meiner Wohnung sei dafür der sicherste Platz. Das ist alles.“

„Eines verstehe ich nicht. Wie kommt es, dass das eine Paket in der Küche zurückblieb?“, fragte ich.

„Ein Zufall, nichts weiter“, meinte sie. „Die anderen Pakete hatte ich bereits im Wagen verstaut. Mehr brachte ich im Kofferraum nicht unter. Deshalb blieb das eine Paket in der Küche zurück.“

„War Tom an dem Bankraub beteiligt?“

„Ja, ich glaube.“

„Wer noch?“

„Ein Mann, den sie Babyfeet nennen, sowie Torres und Tiggers.“

„Wo ist Tiggers jetzt?“

„Ich habe keine Ahnung.“ Sie straffte sich. Sie hatte in einem Anfall von Verzweiflung gesprochen, in einem Augenblick physischer Schwäche. Diesen Punkt hatte sie jetzt überwunden. Sie blickte mich an. „Ich werde alles in Abrede stellen, hören Sie?“, zischte sie. „Jedes Wort!“

„Ich kann Sie nicht daran hindern“, sagte ich. „Steigen Sie aus, bitte!“

„Warum?“

„Es ist besser, wenn ich mich ans Steuer setze.“

Schweigend tauschten wir die Plätze. Ich hatte befürchtet, dass sie den Versuch machen würde wegzulaufen, aber ihr war wohl bewusst, dass sie im Moment einfach nicht die Kraft hatte, die für eine solche Aktion notwendige Energie aufzubringen.

Wir fuhren los. Die Handtasche klemmte links von mir zwischen Tür und Sitz. Ich fuhr vorsichtig, denn ich wollte vermeiden, dass bei irgendwelchen Mätzchen, die das Mädchen versuchen konnte, ein Unfall passierte.

„Das Bild ist ziemlich klar“, sagte ich. „Dozer war die treibende Kraft. Er organisierte den Bankraub. Vier bewährte Leute führten ihn aus. Das Geld sollte zunächst auf Eis gelegt werden. Tom Greenland war der Mann, der damit betraut wurde. Mit dem Geld im Rücken fühlte er sich stärker denn je. Er entschloss sich, die Leitung des Teams durch einen Coup an sich zu reißen. Er erschoss Dozer. Es kam zu einem allgemeinen Tumult, Greenland rettete sich zu Ihnen, aber das war sein Verhängnis. Sie hatten inzwischen beschlossen, das Geld für sich zu behalten und damit zu türmen. Sie töteten Greenland und brachten den Toten in die verlassene Fabrik. Sie waren überzeugt davon, dass niemand Sie verdächtigen würde. Aber es kam anders. Torres und Carter wussten nämlich genau, wo das Geld war. Nach Dozers Tod hatten sie begreiflicherweise den Wunsch, ihren Anteil zu retten.“

„Hören Sie auf damit!“, sagte das Mädchen. „Was hat es für einen Sinn, darüber zu sprechen? Es ist passiert, wie solche Dinge nun mal passieren...“

„Im Grunde bleibt nur noch ein Posten offen“, sagte ich. „Und das ist Babyfeet“

Das Mädchen schwieg. Sie saß mit hängenden Schultern neben mir und starrte durch die Windschutzscheibe. Ich spürte die Spannung, die Angst und den Terror vor dem Kommenden, der sie in Atem hielt.

„ Babyfeet sitzt im Zuchthaus. Er hat es nicht verlassen. Oder?“

„Ich war nicht dabei, als sie das Ding drehten“, sagte sie. „Technische Details interessieren mich nicht. Ich wollte nur das Geld. Nichts weiter.“

„Und jetzt bekommen Sie die gerechte Strafe“, sagte ich. „Nichts weiter!“

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22

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Mr. Moore legte die Karteikarte auf den Schreibtisch zurück.

„George Miller hat das Zuchthaus seit der Einlieferung nicht verlassen“, sagte er mit Nachdruck. „Das unterliegt keinem Zweifel.“

„Darf ich ihn sprechen?“

„Selbstverständlich Miss Hill.“ Moore war der stellvertretende Direktor des Zuchthauses von St. Quentin. Der eigentliche Chef befand sich auf einer Konferenz in Mexiko. Moore telefonierte. „Gut, ja ja, ich weiß Bescheid“, sagte er am Ende des Gesprächs und legte auf. Er blickte mich an. „Sie finden ihn im Gefängnishospital. Er liegt dort seit drei Wochen. Er hat eine schwere Magenoperation hinter sich.“

„Das bedeutet, dass er zur Zeit des Bankraubes bereits im Hospital lag?“

„Ja“, sagte Moore.

„Sehr interessant“, bemerkte ich.

Moore lächelte. „Das Hospital ist mindestens ebenso scharf bewacht wie das eigentliche Zuchthaus“, sagte er. „Obwohl es außerhalb der Gefängnisblöcke liegt, sind die Sicherheitsvorkehrungen nicht weniger streng. Im Gegenteil, die Kontrollen sind sogar noch häufiger.“

„Wer leitet das Hospital?“

„Dr. Bench. Er hat natürlich einen Assistenten.“

„Wird jede Operation hier im Hospital ausgeführt?“

„O nein, dafür ist Dr. Bench nicht qualifiziert. Einfache Operationen kann er natürlich erledigen.“

„Wie viele Patienten liegen in dem Hospital?“

„Augenblicklich sind es siebzehn. Wir haben es uns zur Gewohnheit gemacht, nur wirklich ernste Fälle anzunehmen.“

„Vielen Dank, Sir.“

Zehn Minuten später saß ich Dr. Bench gegenüber. Es war ein hagerer, distinguiert aussehender Endfünfziger mit Halbglatze und Brille. In der Tasche seines Arztkittels steckten mindestens zehn Kugelschreiber.

„Es macht keinerlei Mühe, Sie mit Miller zusammenzubringen“, meinte er. „Miller liegt in einem Einzelzimmer.“

„Das ist ziemlich ungewöhnlich, nicht wahr?“

„Nicht unbedingt. Schwere Fälle bringe ich stets in Einzelzimmern unter.“

Er erhob sich. „Darf ich Sie bitten, mir zu folgen?“

Ein Gefängnishospital unterscheidet sich nur wenig von einem Zellenblock. Der gleiche Mechanismus an den Türen, das gleiche Guckloch, die gleiche triste Gesamtatmosphäre. Nur ist die Innenausstattung der Räume heller und freundlicher, die Betten sind besser, und die Fenster größer. Größer sind aber auch die Gitter, die sich vor diesen Fenstern befinden.

Der Wärter schloss auf. Wir traten ein. George Miller blickte mich an. Er lag im Bett und las Zeitung. Langsam ließ er die Zeitung sinken.

„Das ist Miss Hill vom FBI“, stellte mich der Arzt vor.

Miller sagte nichts. Er starrte mich nur an. Er hatte ein blasses Gesicht mit tiefliegenden Augen. Er sah nicht sonderlich gesund aus, aber das galt für die meisten, die ein paar Jahre hinter Gittern verbracht hatten.

Ich trat an das Fußende des Bettes. „Es gibt ein paar Leute, die behaupten, dass Sie kürzlich an einem Bankraub beteiligt gewesen sein sollen“, sagte ich.

„Spinner!“, meinte er.

Dr. Bench rückte an seiner Brille herum. „Das klingt in der Tat sehr abwegig“

„Sie waren draußen, Miller“, sagte ich. „Die Frage ist nur, wie Sie das geschafft haben.“

Er grinste. „Warum denken Sie nicht ein wenig darüber nach?“

„Ich bin gerade dabei“, sagte ich.

Bench lachte kurz. „Das ist ein merkwürdiger Dialog“, meinte er.

Ich fand, dass Benchs Lachen nicht sehr natürlich klang und fing an zu begreifen.

„Wann verlassen Sie abends das Hospital?“, fragte ich ihn.

„Feste Zeiten gibt es da leider nicht“, meinte er. „Das hängt ganz von der vorliegenden Arbeit ab. Warum fragen Sie?“

„Nur so. Sie fahren stets allein raus?“

„Meistens mit meinem Assistenten.“

„Wer ist das?“

„Dr. Geraldini.“

„Wer ist nachts hier?“

„Ich verfüge über ein Dutzend geschulter Pfleger“, erwiderte er.

„Zwei, davon haben jeweils Nachtdienst. Wenn kritische Situationen auftreten, können sie mich leicht erreichen. Ich wohne nur eine Viertelstunde von hier entfernt.“

„Wo ist Dr. Geraldini jetzt?“

„Im Labor. Soll ich ihn rufen?“

„Nicht nötig. Ich spreche später mit ihm.“

Ich schaute Miller an, dessen Hände unruhig über die Bettdecke glitten.

„Schlechte Nachrichten für Sie, mein Lieber. Das Geld ist zum Teufel. Ich habe es in der vergangenen Nacht kassiert.“

„Welches Geld?“, fragte er.

„Die vierzehn Millionen. Die ganze Summe habe ich allerdings nicht auftreiben können. Es fehlen hunderttausend Dollar. Wissen Sie, was aus dem Rest geworden ist?“

Er schaute mich an, ohne zu blinzeln. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“

„Geld verdirbt den Charakter“, sagte ich seufzend. „Das erlebt man besonders in Ganovenkreisen sehr häufig. Dozer wurde von Greenland erschossen, der gern den Boss spielen wollte, und Greenland wiederum wurde von seinem Girl erledigt, das die vierzehn Millionen reizten. Was sagen Sie nun?“

„Das sind Namen, die mir nichts bedeuten“, meinte Miller gleichmütig. Er hatte sich ausgezeichnet in der Gewalt. Aber mein Gehör für Untertöne war gut entwickelt. Ich spürte, dass er Angst hatte.

Ich blickte Bench an. „Wie ist das, wenn Sie abends rausfahren? Wird Ihr Wagen untersucht?“

Er lächelte matt. „Untersucht? Die nehmen ihn förmlich auseinander! Abend für Abend. Es ist jedes Mal lästig, aber natürlich gewöhnt man sich allmählich daran. Wenn Sie glauben sollten, dass es möglich wäre, einen Gefangenen aus dem Hospital nach draußen zu schmuggeln, muss ich Sie enttäuschen. Das ist völlig ausgeschlossen!“

Ich blickte Miller an. „Haben Sie mir etwas zu sagen?“

„Ja!“, nickte er grimmig. „Good bye!“

Ich grinste und ging mit Bench hinaus.

„Ein Beruf ist das!“, seufzte der Arzt. „Er bringt viel Ärger. Man muss schon eine dicke Haut haben, um mit diesen Burschen klarzukommen. Aber irgendjemand muss den Job ja übernehmen. Ich schreibe zurzeit ein Buch. Es befasst sich mit der Psyche der Gefangenen. Ohne meine Arbeit im Hospital wäre es ganz ausgeschlossen, das notwendige Material zu sammeln.“

Ich blieb stehen, weil wir an einer Tür vorbeikamen, auf der Labor stand.

„Ich würde gern Ihren Assistenten begrüßen“, sagte ich.

Wir gingen hinein. Dr. Geraldini war ein blasser Mitdreißiger, der das Aussehen und den Habitus eines Künstlers hatte: dichten, schwarzen Schnauzbart und dicke, ebenfalls schwarze Hornbrille. Bench besorgte die Vorstellung. Wir wechselten einige Worte, dann verließ ich mit Bench das Labor.

„Der gute Geraldini“, sagte Bench. „Er ist ein wenig scheu, wissen Sie. Aber sehr fleißig. Und enorm tüchtig.“

„Verheiratet?“

„Ja.“

„Und wie steht es mit Ihnen?“, fragte ich.

„Sehr glücklich verheiratet“, meinte er lächelnd. „Ich habe zwei Kinder. Sie bedeuten mir alles.“ Er blieb stehen und blickte mich an. „Spielen Sie doch mit offenen Karten, Miss Hill. Hinter jeder Ihrer Fragen verbirgt sich eine Absicht, nicht wahr?“

„Stimmt“, sagte ich. „Also gut, lassen Sie mich offen sein, aber nicht hier, im Korridor...“

Wir betraten sein Office und setzten uns. Bench schien etwas nervös zu sein. Unablässig rückte er an seiner Brille herum. „Ich bin wirklich neugierig, was Sie mir zu sagen haben“, meinte er.

„Ich halte es für denkbar, dass Sie und Geraldini dem Häftling Miller die Flucht ermöglichten“, sagte ich ruhig.

„Wie bitte?“, stammelte er. „Ich höre wohl nicht richtig? Sie sehen doch, dass Miller nicht geflohen ist...“

„Er war nur ein, zwei Tage draußen“, sagte ich. „Das war wohl so abgemacht. Da er seine Strafe sowieso bald rumhat, konnte er es sich leisten, wieder zurückzukommen.“

„Das können Sie nicht im Ernst glauben!“, murmelte er. „Es wäre technisch nicht möglich gewesen.“

„O doch, sehr gut sogar“, meinte ich, „immer vorausgesetzt, dass Geraldini und Sie mit von der Partie waren.“

Er atmete schwer. „Wir sind Beamte, Miss Hill. Ist Ihnen klar, was Ihr Vorwurf beinhaltet?“

„Es ist Ihnen vermutlich verdammt schwergefallen. Aber Sie wurden erpresst. Stimmt’s? Wahrscheinlich hat man Ihnen die Kinder entführt. Geraldini hat man eine hohe Belohnung versprochen. Sie sind sein Chef. Die Sorge um Ihre Kinder brachte sie dazu, Geraldini zu überreden...“

Er stützte die Ellenbogen auf die Schreibtischplatte und legte das Gesicht in die Hände.

„Nein!“, ächzte er. „Nein!“

„Es war ganz einfach. Miller wurde pro forma ins Hospital eingeliefert. Sie besorgten ihm einen Bart, der dem von Geraldini ähnlichsah, und eines Tages nahmen Sie Miller mit nach draußen. Miller saß neben Ihnen, er hatte Geraldinis dicke Brille auf und einen falschen Bart unter der Nase. Der Posten, der die Ausweise kontrollierte, schenkte Ihnen und Geraldini nur einen flüchtigen Blick. Der Wagen wurde kontrolliert und dann waren Sie mit dem falschen Geraldini draußen. Ihr Assistent aber lag im Bett und sorgte dafür, dass bei der Abend- und Morgenzählung alles stimmte.“

„Wollen Sie mir bitte erklären, wo ich den Sinn eines solchen Ausbruches sehen soll?“, keuchte Bench. „Sie müssen für die Theorie doch eine Erklärung haben!“

„Gewiss, die habe ich“, sagte ich ruhig. „Dozer hatte den Bankraub geplant. Er hatte dafür ein erprobtes Team parat, aber die Leute erklärten ihm rundherum, das Ding nur unter Leitung ihres ehemaligen Chefs drehen zu wollen. Dieser Chef war George Miller, ein Experte für Bankjobs. Nur ihm und seiner Routine wollten sich Dozers Leute anvertrauen. Dozer blieb also nichts anderes übrig, als Miller aus dem Zuchthaus zu holen. Dozer wusste, dass das einiger Kniffe und Erpressungen bedurfte, aber er war genau der Mann, der sich dafür die richtigen Methoden und Mittel einfallen ließ.“

Bench sackte plötzlich zusammen. Wäre er ein Verbrecher gewesen, ein Gangster aus Triebhaftigkeit und Veranlagung, hätte er beharrlich weiter gelogen. Niemand hätte ihm nachweisen können, dass meine Theorie stimmte. Aber Bench war kein Verbrecher, er war nur das Opfer einer skrupellosen Gangsterbande geworden.

„Geraldini und ich haben die Belohnung nicht angerührt“, würgte er hervor. „Das Geld liegt bei Geraldini auf dem Dachboden, unter altem Gerümpel. Wir wollten nichts davon haben.“

„Umso besser“, meinte ich. „Die Bank wird sich freuen, die hunderttausend in Empfang nehmen zu dürfen.“

Tiggers alias Herford schnappten wir eine Woche später, zusammen mit Nancy, seiner Frau. Er führte uns zu Wilsons Leiche. Es war nicht ganz leicht, mit ihm zu verhandeln, aber im Endeffekt hatte er unserer Puste, unserer Routine und den klaren Beweisen nichts entgegenzusetzen. Rayn und ich tippten den ganzen Tag wie besessen Berichte, Verhöre und Gutachten. Lieutenant Hoover half uns dabei. Wir knackten jede Nuss. Nur bei Miss Ronda hatten wir Pech. Wenn sie Lust verspürte, den Mund aufzumachen, tat sie es nur, um uns eine faustdicke Lüge aufzutischen, aber meistens schwieg sie. Rayn und ich nahmen das nicht weiter tragisch. Die Beweiskette war lückenlos. Wir hatten die Story, wir hatten die Zeugen, und wir hatten die Mittel, die junge Frau dorthin zu bringen, wohin sie gehörte.

Nichts konnte sie davor bewahren, jeden Morgen in einer Zelle aufzuwachen, um damit klar zu kommen, dass sie für den Rest ihres Lebens hinter Gittern aufwachen würde.

Lebend würde sie ihre Zelle niemals wieder verlassen.

ENDE

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Glanzlos ist der Ruhm

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Ein Katharina Ledermacher Krimi

von Bernd Teuber

nach Motiven von Richard Hey

Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.

Filmproduzent Eckard Joswig wird erpresst. Die Täter drohen, das Negativ seines neuen Films zu vernichten, wenn er sich weigert, das geforderte Lösegeld zu bezahlen. Privatdetektivin Katharina Ledermacher wird von der Versicherung als Vermittlerin hinzugezogen. Aber auch sie kann nicht verhindern, dass die Geldübergabe in einer Katastrophe endet.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Der Fahrer des blauen Toyota stoppte seinen Wagen kurz nach Mitternacht vor dem hohen Gebäude, dessen Eingang schwach beleuchtet war. Wachsam blickte er in den Eingangsbereich. Dann nickte er den beiden anderen Männern hinter sich zu. Einer schnappte sich eine Ledertasche, der andere lockerte den Sitz seiner Pistole in dem Schulterhalfter. Während der Fahrer im Wagen blieb, stiegen sie aus. Die Tür war verschlossen, bildete für die Männer jedoch kein Hindernis. Sie besaßen einen Schlüssel.

Blitzschnell verschwanden sie im Inneren des Gebäudes. Die Tür ließen sie angelehnt. Der Nachtwächter, ein grauhaariger, alter Mann, blickte erstaunt hinter seiner Zeitung auf, als er die beiden Fremden vor seiner gläsernen Loge auftauchen sah. Automatisch bewegte er seine Hand zum Telefon. Sie blieb jedoch in der Luft hängen, als er in die Mündung einer Waffe blickte.

„Flossen hoch und ‘rauskommen!“, befahl der Mann mit der Pistole. Er war Ende dreißig, hochgewachsen, hatte blaue Augen und blonde Haare. Den Hut hatte er tief in die Stirn gedrückt. Der Nachtwächter zögerte einen Moment, doch dann sah er ein, dass Widerstand sinnlos war. Mit erhobenen Händen kam er aus seiner Loge.

„Ich verstehe nicht“, sagte er krächzend. „Was soll das?“

Er bekam keine Antwort. Stattdessen schlug ihn der Mann mit der Tasche nieder. Ohne sich weiter um den Bewusstlosen zu kümmern, stürmten die beiden Männer einen Gang entlang, liefen die Treppe zum ersten Stock empor und machten vor einer massiven Stahltür halt.

RAUCHEN UND OFFENES FEUER STRENGSTENS VERBOTEN, stand dort in großen roten Buchstaben.

Die beiden Männer betraten den Raum. Der größere betätigte den Lichtschalter neben der Tür. Neonröhren flammten auf und warfen ihr grelles Licht auf lange Reihen von deckenhohen Regalen, die mit zahllosen runden Aluminiumdosen angefüllt waren. Jede trug eine kleine Aufschrift, die auf ihren Inhalt hinwies. Suchend gingen die Männer an den Regalen entlang, bis der Blonde plötzlich stehenblieb und auf einen Stapel flacher Behälter zeigte. Sein Begleiter nickte. Er nahm drei Filmdosen und stopfte sie in seine Tasche.

Dann machte sie sich auf den Rückweg. Sie schalteten das Licht aus und zogen die Tür hinter sich zu. Der Nachtwächter rührte sich nicht, als sie an ihm vorbei ins Freie und auf den Wagen zuliefen. Mit quietschenden Reifen schoss der Toyota Sekunden später davon und verschwand Richtung Innenstadt.

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Eine Viertelstunde später kam der Nachtwächter wieder zu sich. Verwirrt öffnete er die Augen und starrte an die Decke. Er brauchte eine Weile, bis er sich die Ereignisse ins Gedächtnis zurückgerufen hatte. Mühsam kam er auf die Füße, suchte an der Wand nach einem Halt und schleppte sich keuchend in die Loge. Sein Kopf schmerzte. Er setzte sich auf den Stuhl. Seine zitternde Hand griff zum Telefon. Er nahm den Hörer ab und wählte die Nummer der Polizei.

„Hilfe – Überfall!“, stammelte er, als sich am anderen Ende jemand meldete. Stockend gab er die Adresse durch. Als Nächstes informierte er seinen Chef

Die Polizei kam zehn Minuten später mit der üblichen Begleitmusik. Zuerst traf ein Streifenwagen ein. Kurz darauf erschienen zwei Männer des Einbruchdezernats. Sie sahen nicht aus wie Kriminalbeamte. Sie trugen keine Trenchcoats oder Hüte mit tief in die Stirn gezogenen Krempen. Sie stellten sich selbst vor. Kriminaloberkommissar Ludwig Trepte hatte dunkles, schon etwas gelichtetes Haar und ein freundliches, rundes Gesicht. Sein Anzug war durchschnittliche Kaufhausqualität.

Der zweite Beamte war jünger, höchstens Ende zwanzig. Kriminalhauptmeister Werner Meiost, ein smarter Typ, blond, schlank, in eleganten Jeans, weißem Hemd und einer hellbraunen Lederjacke. Sie hörten sich die Geschichte des Nachtwächters an. Die Beschreibung, die er von den beiden Einbrechern geben konnte, war sehr vage.

Eine halbe Stunde später tauchte auch der Chef des Kopierwerkes auf. Kurt Brankov, ein Mann von knapp vierzig Jahren, hatte sich in aller Hast angekleidet. Der Saum eines blauen Pyjamas schaute unter den Hosenbeinen hervor. Anstelle einer Krawatte hatte er sich einen schwarzen Schal um den Hals gewickelt.

„Hat man den Safe geknackt?“, war seine erste Frage.

„Das sollten Sie selbst feststellen“, meinte Kommissar Meiost. „Bringen Sie uns in Ihr Büro.“

Brankov nickte und ging mit schnellen Schritten den Gang entlang. Vor einer Tür blieb er stehen und wollte die Klinke herunterdrücken.

„Stopp!“, sagte Meiost. Er winkte einen seiner Leute von der Spurensicherung heran, der die Klinke nach Fingerabdrücken untersuchte und sie mit einer Plastikfolie sicherte. Dann gab er den Weg frei. Brankov öffnete die Tür, schaltete das Licht an und sah sich in seinem Büro um. Als er keine Veränderung feststellen konnte, atmete er erleichtert auf. Der Geldschrank stand unversehrt in seiner Ecke.

„Scheint alles in Ordnung zu sein“, meinte er.

Meiost zuckte mit den Schultern. „Man kann einen Safe auch ohne Schweißbrenner öffnen“, sagte er.

„Wie meinen Sie das?“

„Wenn die Einbrecher die Zahlenkombination kannten, brauchten sie keine Gewalt anzuwenden.“

„Ausgeschlossen!“, rief Brankov. „Für den Geldschrank gibt es nur einen einzigen Schlüssel, und den habe ich bei mir.“

„Machen Sie den Safe auf, und schauen Sie nach“, schlug Meiost vor.

Brankov sah den Kommissar unschlüssig an, dann ging er zu dem Safe hinüber. Meiost stand da, wippte auf den Absätzen hin und her und betrachtete das Büro. Seit einigen Monaten, seit man die Jonca-Bande gefasst und hinter Gitter gebracht hatte, war Berlin von aufgebrochenen Safes bemerkenswert verschont geblieben. Ein Einbruch wie der vorliegende bedeutete einen gewissen Schock.

Er war viel zu fachmännisch ausgeführt worden, um das Werk von Amateuren zu sein. Und das bedeutete, dass eine neue Bande bei der Arbeit war, eine, die über alle notwendigen Erfahrungen und Kenntnisse verfügte. In Gedanken ging er die Liste der polizeibekannten Einbrecher durch und schüttelte dann bedauernd den Kopf. Entweder saßen sie alle fest oder wurden gründlich überwacht. Brankov öffnete die schwere Tür und blickte in das Innere des Geldschranks.

„Alles in Ordnung“, sagte er. „Fehlt kein Pfennig.“

„Gratuliere“, erwiderte Meiost. „Aber irgendetwas müssen die Einbrecher doch gesucht haben.“

„Ich wüsste nicht, was. Die Filme, die wir in unseren Räumen lagern, kann jeder im Kino ansehen. Hier liegen keine Wertsachen herum.“

„Vielleicht wurden die Einbrecher durch ein Geräusch aufgeschreckt und sind vorzeitig getürmt.“

Meiost und Trepte verließen das Büro. Brankov folgten ihnen.

„Sie sind also der Ansicht, das nichts verschwunden ist?“, fragte Trepte.

Brankov nickte. „Ja, es lohnt nicht, sich die ganze Nacht um die Ohren zu schlagen.“

„Na gut. Ich lasse den Nachtwächter ins Krankenhaus bringen und einen meiner Männer als Posten hier.“

„Einverstanden.“

Sie gingen den Gang entlang und erreichten die Loge, wo sich zwei Sanitäter um den verletzten Mann kümmerten. Er winkte Meiost heran.

„Der Eingang war versperrt“, sagte er mit leiser Stimme. „Ich habe die Tür selbst abgeschlossen.“

„Sind Sie sicher?“, fragte Meiost.

„Ja, natürlich. Deshalb war ich ja auch so erschrocken, als die beiden plötzlich vor mir standen.“

Meiost wandte sich an den Mann von der Spurensicherung. „Haben Sie das Schloss untersucht?“

„Ja. Es weist keinerlei Beschädigungen auf. Offenbar hatten die Männer einen Schlüssel.“

„So?“ Meiost blickte Brankov durchdringend an. „Und wie viele Personen besitzen einen Schlüssel für diese Tür?“

„Mindestens ein Dutzend. Alle leitenden Mitarbeiter haben einen.“

„In Ordnung“, sagte Meiost gähnend. „Das wär‘s dann für den Augenblick. Falls Sie doch noch etwas vermissen sollten, rufen Sie uns an.“ Er gab dem Mann seine Visitenkarte und verabschiedete sich.

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Am nächsten Tag betrat Mario Bredereck, der Cheflaborant des Kopierwerks, den Raum im ersten Stock, ging an den Regalreihen entlang und blieb plötzlich wie versteinert stehen. Statt der acht Filmdosen, die er vor zwei Tagen selbst hierher gebracht hatte, lagen dort nur noch fünf. Seine Lippen bewegten sich kaum, als er die Aufschrift vor sich hinmurmelte. „Blutige Meute, Produktion der Joswig-Filmkunst, Rollen vier bis acht.“

Und wo sind die anderen drei Dosen?, fragte er sich. Vielleicht hatte sie jemand verlegt. Er suchte das gesamte Regal ab, doch die Dosen waren unauffindbar. Bredereck hatte zwar von dem nächtlichen Zwischenfall gehört, aber er brachte das Verschwinden der Filmdosen nicht damit in Verbindung.

Noch nicht.

Mit raschen Schritten ging er zu dem Telefon, das an der Wand hing, und wählte die Nummer des Labors.

„Sagt mal, habt ihr schon einen Teil der Blutigen Meute in Arbeit?“

Die Antwort, die er bekam, fiel so aus, dass er sich genötigt sah, sofort in Kurt Brankovs Büro zu stürmen.

„Verschwunden?“ Er runzelte die Stirn. „Wie soll ich das verstehen? Bei uns kommt doch nichts weg. Sind die Filme nicht drüben in der Entwicklung?“

„Nein“, antwortete Bredereck. „Die Entwicklung war erst für heute Nachmittag vorgesehen. Drei Filmdosen sind nicht auffindbar. Ich habe alles abgesucht.“

Ein Verdacht, den er noch nicht auszusprechen wagte, stieg in Brankov empor. Er richtete sich auf und ging um den Schreibtisch herum. „Suchen wir noch einmal gründlich alles ab. Und wenn wir das ganze Haus auf den Kopf stellen müssen.“

Obwohl sich die gesamte Belegschaft an der Suche beteiligte, blieb sie ergebnislos. Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend kehrte Brankov in sein Büro zurück und ließ sich in den schweren Ledersessel sinken. Wie bringe ich das dem Produzenten bei?, fragte er sich immer wieder. Falls die Rollen nicht wieder auftauchten, war Eckard Joswig gezwungen, die erste Filmhälfte neu drehen zu lassen. Brankov wusste, dass die Werbung für den Film bereits auf Hochtouren lief. Seit Wochen flimmerten die Trailer über sämtliche Kinoleinwände in ganz Deutschland. Joswig konnte sich keine Verzögerung leisten. Die Verluste würden in die Millionen gehen.

Doch dann kam Brankov die rettende Idee. Wozu war er schließlich versichert? Hastig suchte er die Nummer heraus und wählte. Dann erzählte er dem Mann von der Casibus-Versicherung seine Geschichte.

„Ich schicke Ihnen jemanden, der sich mit der Angelegenheit befasst“, erklärte der Mann am anderen Ende der Leitung. „Unternehmen Sie vorläufig nichts.“

„Und die Polizei?“, fragte Brankov. „Soll ich nicht ...“

„Warten Sie noch damit. Wo sind Sie heute Abend gegen zweiundzwanzig Uhr zu erreichen?“

„In meiner Wohnung.“

„Gut. Erwarten Sie die beiden dort. Sie haben sämtliche Vollmachten.“

„Auch zur Regulierung des Schadens?“, wollte Brankov wissen.

„Was dachten Sie?“, kam es zurück. „Aber überzeugen Sie sich in der Zwischenzeit noch einmal davon, dass Sie sich nicht getäuscht haben. Auf Wiederhören.“

Kurt Brankov sah endlich einen winzigen Silberstreifen am Horizont, als er den Hörer auf den Apparat legte. Jetzt musste er nur noch Eckard Joswig über den Diebstahl informieren. Gerade als er die Nummer wählen wollte, öffnete sich die Tür, und der Filmproduzent kam ohne anzuklopfen hereingestürmt.

Joswig war Mitte fünfzig, braungebrannt und 1,80 Meter groß. Breitbeinig baute er sich vor Brankovs Schreibtisch auf. Seine Lippen zitterten, als er seine erste Frage formulierte.

„Ist es wahr?“

Brankov nickte. „Woher wissen Sie es?“

Joswig ließ sich in den breiten Besuchersessel fallen. „Jemand rief mich vor einer halben Stunde an. Er behauptete, er besäße die Hälfte der Blutigen Meute. Für eine Million D-Mark könnte ich die unentwickelten Filmrollen zurückbekommen. Was sagen Sie zu dieser Unverschämtheit?“

Brankov sank in seinem Sessel zusammen. „Verdammt!“, stieß er hervor. „Was haben Sie ihm gesagt?“

„Ich habe ihn einen Lügner genannt.“

„Der Anrufer hat die Wahrheit gesagt.“ Brankov erzählte seinem Besucher, was geschehen war. „Aber Sie können vollkommen beruhigt sein. Die Versicherung schickt mir zwei Leute. Der Schaden wird ...“

„Schaden!“, entgegnete Joswig. „Mit Geld ist mir nicht gedient. Ich brauche die Filmrollen. Wenn ich die nicht zurückbekomme, kann ich einpacken. Der Streifen wurde in Italien gedreht. Die Darsteller haben inzwischen andere Verpflichtungen und ...“

„Aber Moment mal“, unterbrach ihn Brankov. „Hat der Anrufer nicht gesagt, dass er sich noch einmal melden würde?“

„Natürlich hat er das. Vorher sollte ich mich aber erst einmal über den Verlust informieren, sagte er.“

„Na, sehen Sie. Dann ist ja alles in Ordnung. Wir werden die Rollen einfach zurückkaufen.“

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Nachdem Arno Drews, der Chefmanager der Casibus-Versicherungsgesellschaft, über Telefon erfahren hatte, dass einige rätselhafte Umstände bei dem Diebstahl der Filmdosen im Spiel gewesen waren, regte sich in ihm das angeborene Misstrauen seines Berufsstandes. Nachdenklich ging er die Liste der Fachleute durch, die für solche Fälle infrage kamen. Keiner der versicherungseigenen Detektive schien ihm geeignet, der Sache auf den Grund zu gehen. Immerhin konnte dieser Diebstahl, falls es einer war, seine Gesellschaft einige Millionen D-Mark kosten.

Er brauchte jemanden, der sich in Berlin auskannte und außerdem die nötige Erfahrung mitbrachte, um festzustellen, ob es sich wirklich um einen Schadensfall handelte, oder um einen geschickt eingefädelten Betrug. Entschlossen nahm er den Telefonhörer ab und wählte eine Nummer.

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Privatdetektivin Katharina Ledermacher schwitzte. Jede einzelne Pore öffnete sich. Sie hatte das Gefühl, als würde alle Flüssigkeit, die sich in ihrem Körper befand, auslaufen. Sie genoss es. Schließlich hatte sie dafür bezahlt. Katharina hockte in der Sauna. Neben ihr saß ein Mann, der mit einem Nassrasierer in seinem Gesicht herumfummelte. Es hatte den Anschein, als wolle er sich nicht nur die Bartstoppeln restlos abschaben, sondern auch die obersten Hautschichten.

Das Gesicht war schon dunkelrot, aber er hörte nicht auf. Katharina erhob sich, nahm ihr Handtuch, duschte kurz und sprang dann in das Becken mit dem eiskalten Wasser. Nachdem sie mehrmals untergetaucht war, rubbelte sie sich trocken und ging in den Ruheraum. Ein gutes Dutzend Männer und Frauen lagen auf den Betten. Einige schliefen, andere dösten vor sich hin. Ein Schild wies die Gäste darauf hin, dass im Ruheraum nicht gesprochen werden durfte. Katharina fand es angenehm, dass sich die Leute daran hielten.

Sie legte sich auf eines der Betten, deckte sich mit dem Laken zu, schob die Hände unter den Kopf und blickte zur Decke. Sie genoss die Ruhe. Ein wenig Entspannung tat ihr ganz gut. Ihre Arbeit als Privatdetektivin ließ ihr sonst kaum Zeit, sich einmal ausgiebig zu erholen. Hier konnte sie entspannen und neue Kräfte sammeln. Abschalten, nicht an den Job denken – das brauchte sie. Schade, dass ihr Lebensgefährte Robert Tillmann nicht mitkommen konnte. Er lag zurzeit im Krankenhaus.

Ohne es zu merken, schlief sie ein. Irgendwann weckte sie ein Geräusch. Jemand verließ den Ruheraum. Katharina blickte auf die elektrische Wanduhr und stellte fest, dass sie fast eine halbe Stunde geschlafen hatte. Als sie aufstand, fühlte sie sich federleicht und um zehn Jahre jünger. Sie ging zur Umkleidekabine und zog sich an, nahm ihre Brieftasche, griff noch einmal nach der Ablage und wollte die Armbanduhr hervorholen, aber sie war nicht da. Katharina nahm an, dass sie die Uhr mit einer unachtsamen Bewegung von der Ablage gestoßen hatte, ging in die Hocke und suchte den gefliesten Boden ab. Sogar auf den Bauch legte sie sich, um unter den Trennwänden hindurch in die Nachbarkabinen sehen zu können.

Keine Armbanduhr.

„Scheiße!“, entfuhr es ihr. „Sie kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.“

Sie griff in ihre Brieftasche und warf einen Blick hinein. Die Fünfzig D-Mark, die sie bei sich gehabt hatte, waren auch weg. In diesem Moment wusste sie, dass man sie bestohlen hatte.

„Die Finger sollen dem Dreckskerl abfaulen!“, machte sie ihrem Ärger Luft und verließ die Umkleidekabine.

Die Armbanduhr war ein Geschenk ihres Lebensgefährten. So ein Verlust schmerzte natürlich. Und sie hatte nicht die Absicht, diesen Vorfall mit einem gleichgültigen Schulterzucken abzutun, sondern ging auf direkten Weg zum Geschäftsführer. Ein dürrer Mann mit tiefliegenden Augen, der aussah, als hätte er eine Gelbsucht hinter sich, blickte sie fragend an.

„Man hat mich bestohlen“, sagte sie ungehalten und erzählte ihm, was ihr abhanden gekommen war.

Der Mann rieb sich die Hände, als würde er sich ohne Wasser die Hände waschen. „Das tut mir wirklich sehr leid, aber an der Kasse hängt ein Schild, das ausdrücklich darauf hinweist, dass man Wertgegenstände abgeben soll, weil wir keine Haftung übernehmen. Ich bin natürlich gerne bereit, Ihre Diebstahlsmeldung zur Kenntnis zu nehmen, aber sehr viel Hoffnung kann ich Ihnen nicht machen, dass Sie Ihr Eigentum wiederbekommen. Diese verdammten Langfinger. Wir können sie einfach nicht fassen.“

Der Dürre notierte sich ihre Personalien, ließ sie die Meldung unterschreiben und gab ihr einen Durchschlag.

„Eigentlich nett von ihm, dass er mir wenigstens meine Brieftasche gelassen hat“, sagte Katharina sarkastisch.

„Sie sind eine Plage, diese Langfinger, das können Sie mir glauben. Wir tun unser Möglichstes, aber es reicht nicht.“

„Dann kann ich nur hoffen, dass Sie diesmal Glück haben und den Kerl erwischen“, erwiderte sie.

„Wenn das geschieht, rufe ich Sie umgehend an“, versicherte ihr der Dürre.

Katharina verließ das Gebäude, stieg in ihren VW-Golf, der auf dem Parkplatz stand, und fuhr nach Hause. Fünfzehn Minuten später betrat sie ihre Wohnung in der Krummen Straße. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, zog sie den Mantel aus, hängte ihn an den Garderobenhaken und blickte auf die Anzeige des Anrufbeantworters. Dort leuchtete eine rote Drei. Die ersten beiden stammten von Firmen, die ihr ein Zeitschriftenabonnement andrehen wollten. Der Dritte stammte von ihrem Steuerberater mit der Bitte um Rückruf. Ein neuer Auftrag war vorläufig nicht in Sicht.

Dabei hätte sie im Augenblick etwas Ablenkung gebrauchen können. Ihr Lebensgefährte Robert Tillmann war vorgestern während des Unterrichts zusammengebrochen und sofort in die Charité gebracht worden. Die Ärzte hatten alle möglichen Untersuchungen durchgeführt, doch ein Ergebnis stand noch aus.

Katharina ging in die Küche. Ihr Blick fiel auf den Kalender, der an der Wand hing. Heute war der Achtzehnte. Die Miete wurde fällig. Sie musste sich etwas einfallen lassen, um an Geld zu kommen. Aber das war gar nicht so einfach. Sie konnte schließlich keinen Auftrag herbeizaubern. Vielleicht würde Robert ihr das notwendige Geld vorstrecken.

Katharina füllte Wasser in die Kaffeemaschine auf dem Küchentisch und maß sorgfältig die notwendige Menge gemahlenen Kaffees ab, bevor sie ihn in den Filter gab. Dann setzte sie den Plastikdeckel auf und schaltete das Gerät ein. In Gedanken versunken stand sie da und blickte abermals auf den Kalender. Weshalb mussten die Tage und Wochen immer so schnell vergehen? In solchen Momenten sehnte sie sich nach den alten Zeiten bei der Polizei zurück. Der Job war zwar anstrengend und Überstunden an der Tagesordnung, aber das Gehalt kam immer pünktlich aufs Konto.

Gerade als der Kaffee fertig war, klingelte das Telefon. Sie schaltete die Maschine aus, ging in den Flur und hob den Hörer ab.

„Ledermacher“, meldete sie sich.

„Arno Drews von der Casibus-Versicherung. Es geht um einen Auftrag.“

„Was kann ich für Sie tun?“

In wenigen Worten erzählte ihr der Anrufer, worum es ging.

„Wie kommen Sie ausgerechnet auf mich?“, erkundigte sich Katharina. „Sie haben in Ihrer Firma doch bestimmt geeignete Leute.“

„Zugegeben, Rudolf Thielke kennt sich gut in Berlin aus, aber er ist ein Schreibtischmensch. Ich brauche außerdem jemanden, der sich um die anderen Aspekte kümmert. Verstehen Sie, was ich meine? Für unsere Gesellschaft steht eine Riesensumme auf dem Spiel. Außerdem haben Sie schon einmal für uns erfolgreich einen Fall bearbeitet. Die Sache Kempter. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch daran erinnern?“

„Der Geschäftsmann, der seinen Laden abgefackelt hatte.“

„Ja, genau. Sie konnten damals beweisen, dass er der Täter war. Und deshalb glaube ich, dass Sie die Richtige für den Job sind.“

„Ich verstehe“, entgegnete Katharina. „Aber weshalb schalten Sie nicht die Polizei ein?“

„Anordnung von den Erpressern.“

„Ja schon, aber das sagen die doch immer. Ist sozusagen ein Standardspruch.“

„Wenn wir die Polizei einschalten, wird die Presse über kurz oder lang davon Wind bekommen. Und das möchte ich unter allen Umständen vermeiden. Eine negative Berichterstattung ist das Letzte, was unsere Gesellschaft im Augenblick gebrauchen kann. Außerdem dauert es dann vermutlich nicht lange, bis wir es mit Trittbrettfahrern zu tun bekommen.“

„Das sehe ich ein.“

„Kurz nach zweiundzwanzig Uhr wird unser Mitarbeiter Sie abholen und zu Kurt Brankov bringen. Sonst noch Fragen?“

„Vorläufig nicht.“

„Gut, dann ist ja alles in Ordnung. Auf Wiederhören, Frau Ledermacher.“

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Um zweiundzwanzig Uhr an diesem Abend verließ Katharina ihre Wohnung, lief die Treppen hinunter und trat auf die Straße. Man erwartete sie bereits. Am Bordstein parkte ein schwarzer BMW. Der Chauffeur hielt ihr die Tür auf und wartete, bis sie eingestiegen war. Dann schloss er die Tür, setzte sich hinter das Steuer und fuhr los. Außer Katharina gab es noch einen Fahrgast. Neben ihr auf der Rückbank saß ein Mann, dem man den Büromenschen schon von Weitem ansah. Er hieß Rudolf Thielke und arbeitete für die Casibus-Gesellschaft, bei der Brankov seinen Film versichert hatte.

„Endlich mal wieder in Berlin“, sagte Thielke. „Und noch dazu auf Kosten der Firma.“

„Und wo werden Sie wohnen?“

„Man hat mir ein Zimmer im Hilton reserviert. Sie haben doch nichts dagegen?“

„Warum sollte ich?“, fragte Katharina.

Zwanzig Minuten später bog der Wagen in eine geschwungene Einfahrt im Stadtteil Wilmersdorf ein und stoppte unter einem Vordach, das von vier Säulen getragen wurde. Rudolf Thielke und Katharina stiegen aus. Die Haustür wurde geöffnet, und ein hagerer Butler mit gestreifter Weste erschien.

„Herr Brankov und Herr Joswig erwarten Sie bereits“, verkündete er steif. „Sie sind doch von der Versicherung, nicht wahr?“

Katharina nickte, und sie folgten dem Butler in ein gemütlich eingerichtetes Zimmer.

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