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Karamba Diaby | Eva Sudholt

Mit Karamba in den Bundestag

Mein Weg vom Senegal ins deutsche Parlament

Hoffmann und Campe

Dieses Buch widme ich meiner Schwester Hadja Goundoba Diaby und meinem zu früh verstorbenen Bruder El-Hadj Mamadou Gassama.

Die Sensation von der Saale

»Das musst du alles mal aufschreiben.«

In unserem Wohnzimmer hängt ein gerahmtes Foto an der Wand, das ich selbst geschossen habe. Es zeigt ein paar Frauen, die auf den Reisfeldern von Marsassoum arbeiten. Sie schauen nicht freundlich in meine Kamera, sie protestieren viel mehr in meine Richtung. Ich hatte sie nicht gefragt, ob ich das Bild machen dürfte, und nun schimpften sie, was einem Fremden wie mir einfalle, sie einfach zu fotografieren. Sicher wolle ich die Bilder irgendwo verkaufen und hätte auch sonst nur Niederträchtiges im Sinn.

Ich war natürlich beleidigt, denn ich war voller Stolz nach so vielen Jahren in Deutschland zum ersten Mal in den Senegal zurückgekehrt. Ich hatte wohl angenommen, alle würden mich sofort erkennen und mir gerührt um den Hals fallen. Und nun wussten sie nicht einmal, wer ich war?

Als ich meinen Familiennamen in ihre Richtung rief, um sie zu beruhigen, da war mit einem Mal alle Feindseligkeit aus ihren Gesichtern verschwunden. Ich war doch der kleine Junge aus dem Dorf, der endlich in seine alte Heimat zurückgekehrt war. Nur war ich längst kein kleiner Junge mehr. Und meine Heimat, so spürte ich damals schon, lag mittlerweile in einem anderen Land. Auch wenn es den Staat, der mich sechs Jahre zuvor bei sich aufgenommen hatte, nun nicht mehr gab.

In Deutschland war gerade die Mauer gefallen. Ich hatte auf der östlichen Seite gelebt, die DDR war das einzige Deutschland, das ich kannte. Es war das Land, in dem ich leben wollte, das mir eine Zukunft geschenkt hatte, als ich in Dakar nicht mehr studieren konnte. Dem ich dankbar und verbunden war. Dasselbe Land, das viele Menschen unglücklich machte und das sie lieber heute als morgen verlassen hätten, wenn sie denn gekonnt hätten. Ich selbst hätte als Ausländer mit meinem senegalesischen Pass zwar jederzeit aus der DDR aus- und wieder einreisen können. Nur hatte ich damals kaum Geld, schon gar nicht für einen Flug in den Senegal, und ich hatte wohl auch zu viel Angst, dass man mich vielleicht nicht mehr reinlassen würde. Erst als die Mauer gefallen war, buchte ich endlich einen Flug zu meiner Familie. Die deutsche Wiedervereinigung wurde auch für mich, der ich bei den historischen Ereignissen um mich herum nur Zuschauer sein konnte, zu einem persönlichen Wendepunkt im Leben. Nun war irgendwie alles möglich, und vieles musste ganz neu beginnen. Doch genau das, immer neu zu beginnen, das war längst der rote Faden geworden, der sich durch mein ganzes Leben zog. Ich nahm ihn an und machte das Beste daraus.

Wann immer ich den Menschen von meinem Leben erzähle, höre ich sie sagen: »Das musst du alles mal aufschreiben.« Wenn ich einmal angefangen habe zu reden, dann höre ich so schnell nicht mehr auf. Und so will ich nun die Geschichte meines Lebens erzählen, die sich in einem Satz ungefähr so zusammenfassen lässt: Ein muslimischer Waisenjunge aus dem Senegal fliegt, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, in die DDR, studiert, promoviert, entwickelt ein Faible für Schrebergärten, Eisbein mit Sauerkraut und deutsche Pünktlichkeit, tritt der SPD bei und zieht für die angebliche Nazi-Hochburg Halle an der Saale als erster Schwarzer in den Deutschen Bundestag ein.

Tolle Drehbuch-Story, denken Sie jetzt vielleicht, nur ein bisschen weit hergeholt. Entspricht aber – fast – alles der Wahrheit. Immer wieder wurde über mich geschrieben, ich sei der erste Bundestagsabgeordnete Deutschlands, der in Schwarzafrika geboren wurde. Allein diese Tatsache hat Kamerateams aus der ganzen Welt von CNN bis Al Jazeera nach Halle gelockt. New York Times bis Super Illu schickten ihre Reporter los, um über die Sensation von der Saale zu berichten. Streng genommen war ich aber gar nicht der Erste. Von 1983 bis 1994 hat schon einmal ein Abgeordneter im Bundestag gesessen, der in Schwarzafrika auf die Welt gekommen ist.

Wie man aber schon an seinem Namen hören dürfte, ist an Hans-Günther Toetemeyer nicht sehr viel mehr afrikanisch als der Breitengrad seines Geburtsortes Keetmanshoop. Seine Eltern waren Missionare und zur Zeit seiner Geburt in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, stationiert. Zwei Jahre nach seiner Geburt zogen sie mit ihrem Sohn zurück ins Ruhrgebiet. 1983 zog Toetemeyer als Sozialdemokrat in den Bundestag ein und blieb drei Wahlperioden Mitglied des Parlaments.

Ich selbst bin das Kind zweier Senegalesen. Ich kam erst mit Anfang zwanzig aus Schwarzafrika nach Deutschland und musste nicht nur die Sprache neu lernen.

Als »Schwarzafrika«, das ich ab jetzt nur noch in Anführungszeichen verwenden will, bezeichnet man gemeinhin jene Teile des Kontinents, die sich südlich der Sahara befinden – darum sagen wir auch Subsahara-Afrika – und die klimatisch im tropisch-subtropischen Bereich liegen. »Schwarzafrika«, das klingt nach bedrohlicher Fremde, nach Joseph Conrads Herz der Finsternis, nach Voodooritualen und Stammeskriegen. Tatsächlich geht der zu Kolonialzeiten geprägte Ausdruck auf die Schwarze1 Bevölkerung in diesem Erdteil zurück, aber Assoziationen einer den Bewohnern unterstellten Barbarei und Kulturlosigkeit waren natürlich nicht unbeabsichtigt.

Ich habe mich im Rahmen meiner Arbeit oft dagegen gewehrt, dass wir all jene Länder unter dem Begriff »Schwarzafrika« zusammenfassen. Nicht nur wegen des so überdeutlichen Bezugs zur Hautfarbe ihrer Bewohner. Nein, wenn Migrantinnen und Migranten in Deutschland nach ihrer Herkunft aufgeschlüsselt werden, sind in den Statistiken immer alle Länder einzeln aufgeführt. Nur bei den Ländern südlich der Sahara heißt es immer »Schwarzafrika«, obwohl es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten und Regionen gibt.

Manche Länder im subsaharischen Afrika gehören zu den ärmsten der Erde. Mein Heimatland, der Senegal, stellt unter seinen Nachbarländern, die zum Teil seit Jahrzehnten von Kriegen und Krisen erschüttert werden, eine Ausnahme dar. Es herrscht Frieden im Senegal, Toleranz und Freiheit gehören zur Staatsräson. Doch auch aus dem Senegal machen sich jedes Jahr Tausende auf, um ein besseres Leben in Europa zu finden. Wer seine Heimat, seine Familie, sein ganzes vertrautes Umfeld verlässt, der wagt diesen Schritt nicht aus Langeweile oder einer flüchtigen Laune heraus, sondern aus einem existenziellen Zwang. Als ich mich Mitte der achtziger Jahre entschied, mein Land zu verlassen, litt ich weder Hunger, noch wurde ich politisch verfolgt oder an Leib und Leben bedroht. Ich wusste trotzdem nicht, wie es dort für mich weitergehen sollte. Und so entschloss ich mich zu dem Schritt, der alles für mich veränderte. Ich bewarb mich für ein Stipendium, das mich weit weg ins Ausland bringen sollte.

Ich will von meinem Leben erzählen, weil es vielen Menschen ähnlich geht wie mir damals: Sie müssen in der Fremde von vorn anfangen. Ich will davon erzählen, weil mein Weg nie geradlinig verlaufen ist, er war voller Kurven und Abzweigungen, manchmal so unwegsam und holperig, dass ich ganz kurz davor war zu stolpern.

Ich wünsche mir, dass mein Weg andere Menschen inspiriert und motiviert, sich ein bisschen mehr zuzutrauen im Leben. Dass sie an meinem Beispiel sehen, was alles möglich ist in diesem Land. Auch als Migrant.2

Mein Leben ist geprägt von Grenzüberschreitungen. Ich spreche nicht nur von Ländergrenzen, nicht nur von den scheinbaren Grenzen des Machbaren, sondern auch von den Grenzen des Miteinanders. Ich spreche von meinem Schwager in Marsassoum, der mich selbstlos umsorgt hat wie seinen eigenen Sohn und mir alles Wichtige mit auf den Lebensweg gegeben hat. Vom rassistischen Taxifahrer in Magdeburg, der mir die Mitnahme verweigert und mich zu Fuß durch den Tiefschnee zur Staatskanzlei laufen lässt. Ich spreche von jener Chemikerin in der DDR, die mich bei sich willkommen hieß wie ihr sechstes Kind und mir Schals und Mützen strickte. Von der Kellnerin in Berlin, die mich nicht bedienen will. Vom Gezischel im Zug. Den bösen Blicken auf der Straße. Von der übergroßen Anerkennung meiner Hallenser. Und immer wieder von Hass-Mails in meinem Postfach.

Wie alle guten Geschichten hat auch diese nicht nur helle, sondern auch ihre dunklen Seiten. Ich will sie ins Licht ziehen, sie sichtbar machen. Ich beobachte mit Sorge den Rechtsruck in Europa und befürchte, dass die offene Feindseligkeit im politischen Klima unserer Zeit noch besser gedeihen wird. Hass gegenüber Fremden, anderen Religionen, gegen Juden und gegen Muslime.

Ich selbst bin islamisch erzogen worden. Unsere Familie gehört der Richtung Qādirīya an, das ist die liberalste Form des Islam. Ich stamme aus einer Gelehrtenfamilie, der Name Diaby ist den Menschen auch in den Nachbarländern des Senegal noch ein Begriff. Auch ich war darum schon als Jugendlicher dazu berufen, andere Kinder in Religion zu unterrichten. Doch schon beim Studium in Dakar trat der Glaube für mich immer weiter in den Hintergrund. In der DDR war Religion generell kein Thema für die Menschen. In meinem Umfeld, auch unter den ausländischen Studierenden, gab es kaum jemanden, der den Islam praktizierte, und so verschwand er allmählich auch aus meinem Leben.

Heute gelten für mich die Kernwerte der abrahamitischen Religionen, des Islam, des Christentums und des Judentums. Aber natürlich haben sich auch auf meine religiöse Erziehung schon wirre Unterwanderungstheoretiker gestürzt, um mich zum Mitglied einer islamischen Weltverschwörung zu erklären.

Ich hoffe, dass meine eigenen Erfahrungen, die ich in diesem Buch schildern will, manchen Menschen dabei helfen, ihr »Anderssein« nicht als Hindernis zu sehen – auch wenn es immer Leute geben wird, die sie genau das spüren lassen wollen. Meine eigene Geschichte zeigt: Es gibt zum Glück auch jene, die es gut mit einem meinen. Auch dort, wo man sie nicht vermutet. Weil man selbst schließlich auch nicht frei von Vorurteilen ist. Gegen Schrebergärtner zum Beispiel.

Ich denke oft an die Zeit kurz nach der Wende zurück, als ich, Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung damals, in Halles Kleingärten unterwegs war. Ich war nicht auf der Suche nach einer eigenen Laube, nein, ich grub mit zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern des Lehrstuhls für Geoökologie etliche metertiefe Löcher in den Boden. Ich arbeitete damals an meiner Promotion über die Schwermetallbelastung in Schrebergärten und stapfte als wahrscheinlich erster Schwarzer überhaupt durch die ostdeutschen Parzellen.

Doch anstatt mir mit Skepsis oder Ablehnung zu begegnen, erlebte ich bei den Bewohnern vor allem Hilfsbereitschaft. Und manches Mal sagte einer von ihnen: »So, nun kommste mal her und trinkst erst mal ein Bierchen mit uns.« Dann wollten sie alles über mich wissen, wo ich herkomme, wie das Leben dort sei, wie es sich hier so lebe für »einen wie mich«. Und ich lernte meinerseits sehr viel über die deutsche Gesellschaft.

Meine Geschichte soll darum auch ein Plädoyer sein für Neugier und Aufgeschlossenheit. Nicht nur gegenüber dem fremden, sondern auch dem eigenen Land. Die Vorurteile gegenüber »dem Osten« sind ja mancherorts so groß wie gegenüber Afrika. Vor allem die Tatsache, dass ein Schwarzer nicht nur friedlich unter Ostdeutschen leben, sondern auch noch zu deren Volksvertreter werden kann, hat in den letzten Jahren viele Menschen verblüfft.

Im März 2013, als mein Wahlkampf für die Bundestagswahl begann, war auch der Spiegel auf mich aufmerksam geworden. Das Magazin schickte einen Reporter nach Halle, mit dem ich mich gut und ausgiebig über mein Leben und meine politischen Ziele unterhielt.

Als der Artikel kurze Zeit später erschien, war ich schockiert. Und mit mir die halbe Stadt. Unter der Überschrift Das Experiment erzählte der Journalist von dem bizarr anmutenden Versuch eines offenbar völlig naiven Schwarzen, in Sachsen-Anhalt gewählt zu werden. Meinen Wohnort nannte er eine »Hochburg der Rechtsradikalen«, bei der Landtagswahl 2011 habe die NPD in manchem Viertel fast zehn Prozent der Stimmen geholt. Und um die Szenerie des Grauens perfekt zu machen, kickte in seinem Text ein kleiner Junge im Hintergrund auch noch am helllichten Tag eine tote Taube durch die – natürlich – menschenleere Fußgängerzone.[1]

Wer einmal zu Besuch in Halle war, der erinnert sich ganz sicher an die pittoreske Innenstadt und den belebten Marktplatz, an liebevoll renovierte Altbauten, und er dürfte sich wohl fragen, wo sich eigentlich diese Zombiestadt versteckt hat, die ihm der Spiegel versprochen hatte.

Die Schreckenszahl von »zehn Prozent« entnahm der Autor der Angabe eines einzigen Halleschen Wahllokals im Viertel Industriegebiet Nord, in dem von 90 Stimmen neun für die NPD abgegeben worden waren. Schlimm genug, aber in den Landtag haben es die Rechtsextremen sowieso nicht geschafft, einzig im Stadtrat von Halle haben wir es leider mit einem NPD-Mann zu tun.

Halle war empört über das Nazi-Klischee. Leider war es nicht so einfach, mich auf die falsche Darstellung des Reporters zu berufen. Stattdessen wurde mir von einigen vorgeworfen, ich selbst hätte dieses Image inszeniert und mir zunutze machen wollen, um mich wie einen Helden unter Schurken zu gerieren. Es dauerte eine Weile, bis ich das Missverständnis aus der Welt räumen konnte. Doch die Proteste, die der Artikel auslöste, zeigten mir nur noch einmal, welches Potenzial in dieser Stadt steckt. Es gibt hier jede Menge Menschen, die sich aufregen, einmischen und ihre Stimme erheben.

Im Spiegelblog erklärte sich der Autor noch nachträglich, weil auch ihm die Aufregung nicht entgangen war, die sein Artikel ausgelöst hatte.[2] Und sicher zu Recht zitierte er darin auch Stimmen aus Halle, die befürchten, mit dem Kleinreden eines Neonazi-Problems leiste man dem Rechtsradikalismus auch noch Vorschub. Schlimmer als offensichtliche Menschenfeindlichkeit sei viel mehr der virulente Alltagsrassismus in der sogenannten Mitte der Gesellschaft – wie auch ich ihn tatsächlich immer wieder erlebe. Aber der gilt traurigerweise für Ost- wie Westdeutschland gleichermaßen.

Noch einmal bemühten sich in den Kommentaren unter dem Blogbeitrag gebürtige wie zugezogene Hallenser in langen Einlassungen um eine Richtigstellung. Mit dem Artikel habe der Autor genau das betrieben, was er selbst doch anzuprangern vorgebe: einen engagierten Lokalpolitiker auf sein Aussehen zu reduzieren.

Damals bekümmerte mich die allgemeine Aufregung sehr. Ich frage mich selbst manchmal, wie man mit so viel Harmoniebedürfnis, wie ich es habe, ausgerechnet Politiker werden kann. Mittlerweile kann ich solche Zwischenfälle leichter nehmen. Der Journalist und ich grüßen uns heute freundlich. Wir begegneten uns in den ersten Jahren dieser Wahlperiode im Bundestag; im politischen Berlin läuft man sich ja ständig über den Weg.

Ich bin heute sehr glücklich darüber, dass die Attraktion meiner physischen Erscheinung mittlerweile dem Interesse an meiner politischen Arbeit gewichen ist. Aber ich kann eben auch nicht bestreiten, dass mir all die Artikel, die während meines Wahlkampfs in der ganzen Welt über mich erschienen sind, geholfen haben auf meinem Weg in den Bundestag. Ich wandele ständig auf diesem schmalen Grat, meine Herkunft, mein Äußeres nicht zu sehr in den Vordergrund treten zu lassen, mich nicht auf dem »Exotenticket« auszuruhen, das mir ein Journalist mal beiläufig attestiert hat, und zugleich nicht zu verleugnen, dass ich gerade deshalb so viel Aufmerksamkeit errege, weil ich in meiner Biographie ein paar Extreme vereine, die eine gute Geschichte ausmachen.

Es dauerte nach dem Spiegel-Artikel jedenfalls nicht lange, da rief die New York Times bei mir an. Man wolle mich bei meiner Arbeit begleiten, sagte der Reporter, und ich schlug eine Wahlkampfveranstaltung am 1. Mai 2013 vor. Ob da auch schön viele Leute unterwegs seien, wollte er wissen. Und er hatte offenbar den Wunschtraum, auch ein paar Neonazis zu begegnen.

Meine Botschaft war klar. Ich präsentierte ihm eine Stadt der kulturellen Vielfalt – die Nationalakademie Leopoldina, die Bundeskulturstiftung, Georg Friedrich Händel, Martin Luther, eine Universität mit über 500-jähriger Tradition, an der die erste Frau promoviert wurde und der erste Schwarze studierte – und nein, ich meinte nicht mich damit, mein Vorgänger Anton Wilhelm Amo war schon 250 Jahre vor mir hier, aber von ihm erst später mehr. Der Journalist beschrieb in seinem Artikel, wie ich einen Chocolat Chip Muffin, den ich angebissen in meiner Hand hielt, über zwei Stunden weder verspeiste noch wegwarf, weil ich von einem Gespräch ins nächste geriet und ihn schlicht in meiner Hand vergessen hatte. Abgereist ist er schließlich mit einem ganz anderen Eindruck von Halle. Immerhin.

Danach machte ich noch so einigen Quatsch für die Medien mit. Für einen Beitrag bei RTL habe ich mich nach Kütten in der Nähe von Halle karren lassen, um dort mit dem örtlichen Fußballverein zu kicken. Ich war furchtbar schlecht, sie haben mich gequält und mich sieben Minuten am Stück über den Platz rennen lassen, bis endlich einer »Danke!« rief. Viele Journalisten hatten dann die Idee, mich und meine Familie zu Hause zu besuchen, weil ja irgendwann schon alles geschrieben war. Aber ich sagte konsequent: »Ich mache alles mit, nur keine Homestory.« Partnerschaft ist ein Bereich, in dem man sich nie ganz sicher sein kann. Kinder und Ehe bleiben privat. Ich dachte immer an Christian und Bettina Wulff. Wie die beiden ihre Ehe in einer Weise öffentlich gemacht hatten, dass hinterher nichts mehr im Verborgenen blieb. Wer einmal seine Türen geöffnet hat, der hat kaum eine Chance, seine Privatsphäre zurückzuerobern.

Die Aufmerksamkeit der Medien hielt auch nach meiner Wahl in den Bundestag an. In meinen ersten Wochen in Berlin hielt ich Pressekonferenzen ab, weil die Anfragen nicht abreißen wollten. Selbst Japan und Mexiko zeigten Interesse an mir, sogar dort hatte man ein grotesk überzeichnetes Bild vom Rechtsextremismus in Ostdeutschland. Und ich dachte: Wer könnte besser damit aufräumen als ich selbst? Eine französische Journalistin von TV5 Monde und ihre Kameramänner, die mich in Halle interviewt hatten und am nächsten Tag gleich morgens zurück nach Paris fliegen wollten, geradezu fluchtartig, so kam es mir vor, lud ich noch zu einer kleinen Kneipentour ein. Die Reporterin, eine Frau aus Kamerun, winkte ab. Was sie denn noch vorhabe, fragte ich. Nichts, sagte sie, nur schnell ins Hotel und dort noch etwas essen. »Kommt gar nicht infrage«, sagte ich. »Wir gehen noch aus.« Sie schaute nicht begeistert. Sie schien sich vor den Hallensern zu fürchten.

Ich ließ nicht locker, und sie waren am Ende des Abends sehr dankbar dafür. Wir verbrachten ein paar herrliche Stunden in meinem Lieblingsrestaurant mit ein paar Freunden, die sich zu uns an den Tisch setzten. Und ich war glücklich, dass ich das Medieninteresse an meiner Person nicht nur für mich selbst, sondern auch für eine Imagekorrektur meiner Heimat nutzen konnte.

Im Januar 2014 sollte das Interesse seinen vorläufigen Höhepunkt erreichen. Ich hatte schon etliche Male im Leben öffentlich und vor zahlreichen Leuten gesprochen. Der 16. Januar aber begann für mich mit Bauchkribbeln und zittrigen Händen. Es war der Tag meiner ersten Rede im Deutschen Bundestag. Und ich war furchtbar nervös. Ich wollte über die Ergebnisse der PISA-Studie sprechen und über meine Vorstellungen einer zukünftigen Bildungspolitik. Ich merkte in meiner Rede aber auch etwas Persönliches an. Ich sagte: »Wer meine Biographie und meinen Werdegang kennt, weiß: Ich kann heute nur vor Ihnen stehen, weil ich in verschiedenen Phasen meines Lebens immer wieder eine Chance erhielt. Als Abgeordnete haben wir die Aufgabe, gemeinsam dafür Sorge zu tragen, diese Chancen keinem Kind zu verwehren!« Bei Facebook erreichte ich mit meinem Auftritt über 89000 Menschen. Meistens lese ich die Kommentare nicht, mein Team hat es mir verboten. Aber damals war ich überwältigt von dem großen Zuspruch, den ich bekam. Und ich dachte: »Na siehst du. Nun hast du auch diese Hürde genommen.«

Meine persönlichen Lebenserfahrungen wollte ich vor allem noch an anderer Stelle in meine politische Arbeit einfließen lassen: Rassismus und Diskriminierung sind für mich ja keine Theorie, ich kenne sie aus meinem Alltag. Und das macht mich eben zwangsläufig zum Fachmann für ein Problem, gegen das ich umso hartnäckiger ankämpfen will. Schon zu Beginn meines Wahlkampfs habe ich auch die großen Erwartungen gespürt, die an meine Person geknüpft waren. Nicht nur aus meinem Wahlkreis, sondern auch seitens der NGOs, der Migrantenselbstorganisationen und nicht zuletzt der Presse. »Du bist unser Vorbild«, höre ich oft aus der afrikanischen Diaspora. Das schmeichelt mir natürlich, aber es macht mir auch ein bisschen Angst. Ein Vorbild muss tadellos und mustergültig sein. Beides bin ich nicht. Ich kann nur von meinem eigenen Weg erzählen. Und ich kann nicht allen Ansprüchen genügen.

Wenn ich von meinem Leben erzähle, dann will ich den Menschen keine märchengleiche Aufstiegsgeschichte präsentieren. Ich hatte einfach schon immer den Drang dazuzugehören. Was mir gut und vernünftig erschien, da wollte ich mich einbringen. Dieser Wunsch, mich zu beteiligen, zieht sich durch mein Leben. Was mich dabei wohl am stärksten geprägt hat, war die Erfahrung, dass Hilfsbereitschaft nicht nur dem Hilfebedürftigen nützt, sondern auch demjenigen, der Hilfe leistet. Er bekommt sie fast immer zurück.

Auch in Deutschland brauchen viele Menschen heute unsere Hilfe. Innerhalb weniger Monate hat sich die Stimmung im Land stark verändert. Wir stehen heute vor Herausforderungen, denen sich viele Menschen in Deutschland nicht gewachsen sehen. Viele suchen einen politischen Spiegel ihrer eigenen Feindseligkeit im Programm rechtspopulistischer Parteien. Ihr Wahlspruch lautet nicht etwa »Wir schaffen das nicht«, er heißt vielmehr: »Wir wollen das gar nicht schaffen.« So sagte es bei einem Wahlkampfauftritt Hans-Thomas Tillschneider von der AfD. Seit März 2016 sitzt er nun im Landtag von Sachsen-Anhalt. Wie sehr sich die Stimmung auch hier verändert hat, kann man fast täglich erleben. Ich selbst erfahre es am eigenen Leib.

Ein Beispiel. Eine Bahnfahrt nach Bitterfeld, es ist der 7. März 2016. Ich bin auf dem Weg zu Angela Kolb-Janssen, SPD, Justizministerin meines Bundeslandes. Mein Parteifreund Andrej Stephan und ich besteigen den Regionalexpress. Dass er mich an diesem Tag begleitet, erwähne ich nicht ohne Grund.

Angela Kolb-Janssen befindet sich gerade mitten in der heißen Phase des Landtagswahlkampfs in unserem Bundesland, und ich bin mit ihr verabredet, um sie bei ein paar Terminen zu unterstützen. Auf dem Programm stehen Treffen mit Gewerkschaftsseniorinnen der GEW zum Weltfrauentag, ein Besuch in einer Biogasfabrik und abends ein Treffen im Ortsverein Bitterfeld-Wolfen. Andrej und ich teilen uns das Abteil mit einer Gruppe von fünf Leuten, die offenbar auf dem Weg zum Schichtwechsel in ihrer Firma sind. Drei davon, zwei Männer und eine Frau zwischen 25 und 35 Jahren, unterhalten sich. Als sie mich einsteigen und Platz nehmen sehen, fährt der Wortführer unter ihnen seine Lautstärke deutlich nach oben. Er setzt unter ständigem Schielen zu meinem Platz zu einem abstrusen Monolog über Flüchtlinge an – dass nur die wenigsten von ihnen wirklich verfolgt gewesen seien, dass die meisten nur von unserem Sozialsystem schmarotzen wollten und dass für die Deutschen mal wieder nichts getan werde. Alles werde teurer, und die Zukunft sei unsicher. Das Klügste, was man als Deutscher nun tun könne, sei es, nach Mazedonien zu gehen und dann als Flüchtling nach Deutschland zurückzukommen, dann habe man es besser als jeder Hartz-IV-Empfänger.

Niemand im Abteil widerspricht, auch wir ziehen es vor zu schweigen. Die latent-aggressive Situation löst sich erst auf, als die Gruppe in Landsberg den Zug verlässt.

Am Abend im Ortsverein in Bitterfeld kommt das Gespräch schnell auf das unvermeidliche Thema Flucht. Die Diskussion erreicht bald ihren Höhepunkt, als ein aktives Mitglied der Kommunalpolitik vorbringt, es müsse nun vor allem etwas für das »Sicherheitsgefühl unserer deutschen Mitbürger« getan werden.

Ich antworte ihm erst einmal mit einer Gegenfrage: »Schließt du mich eigentlich ein, wenn du von ›unseren deutschen Mitbürgern‹ sprichst?« Und erläutere ihm, wie es um mein eigenes Sicherheitsgefühl bestellt ist. Einen Abendtermin, wie wir ihn nun gerade hätten, sage ich, würde ich nur mit Bauchschmerzen absolvieren, wenn ich danach noch den dunklen Heimweg allein antreten müsste. Wäre Andrej nicht mitgekommen, hätte ich das Treffen, das auch noch mit einer späten Rückfahrt verbunden ist, wahrscheinlich abgesagt. Ich erzähle von meiner Begegnung im Zugabteil und dass sie vielleicht nicht so harmlos ausgegangen wäre, wenn ich allein und der Mann möglicherweise auch noch angetrunken gewesen wäre. Die Hemmschwelle für offene Ablehnung und Aggression ist längst gesunken. Wenn wir von Sicherheit reden, sage ich noch, dann sollte die wohl für alle gelten, auch für Geflüchtete. Vor allem die jungen Leute im Saal klatschen mir Beifall.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich ein glühender Fan meiner Stadt bin und dass ich sie stets gegen jeden verteidige, der sie als El Dorado für Neonazis hinstellt. Aber natürlich will ich das Thema auch nicht verniedlichen. Schon aus eigenen negativen Erfahrungen nicht.

Im ersten Jahr nach meiner Ankunft in Halle, es war 1986, bin ich noch jedes Wochenende mit dem Zug nach Leipzig gefahren. In Halle hatte ich damals noch keine Freunde gefunden, in Leipzig aber, wo ich zur Sprachschule gegangen war, kannte ich immerhin ein paar der ausländischen Studenten. Wir trafen uns immer in der Moritzbastei, da war jedes Wochenende Disco angesagt. Danach nahm ich immer den letzten Zug nach Hause zurück, der fuhr gegen viertel zwei los und war gegen zwei Uhr morgens in Halle. Ich stieg aus, lief über den Ernst-Thälmann-Platz, der heute Riebeckplatz heißt, dann die Leipziger Straße entlang, von den Hallensern Bullewohr genannt (Boulevard), bis zum Marktplatz, dann weiter über die Peißnitzinsel bis zum Studentenwohnheim am Weinberg. Viereinhalb Kilometer Fußmarsch, und dann auch noch durch einen unübersichtlichen Stadtpark – das kommt mir heute undenkbar vor. Das mag klingen, als würde ich mich nach der DDR zurücksehnen. Was natürlich Unsinn ist. Aber Angstgefühle wie heute gab es damals nicht. Sie dürfen nicht zum Grundgefühl unter Flüchtlingen in unserem Land werden, und auch nicht unter uns Deutschen mit Migrationshintergrund.

Viele der Geflüchteten werden Deutschland von sich aus wieder verlassen. Viele andere werden bleiben. Und sie werden wie ich dazugehören wollen, das ist ein unwiderstehlicher, zutiefst menschlicher Drang. Ob sie in unserer Gesellschaft aufgehen werden, liegt zu einem großen Teil an ihrem eigenen Bemühen. Zum anderen großen Teil aber liegt es an uns, ob wir Fremden mit Freundlichkeit begegnen, ob wir sie dazu ermutigen werden dazuzugehören. Oder ob wir ihnen von vornherein unsere Ablehnung zeigen. Eines ist jetzt schon klar: Unser Land braucht wieder mehr Zusammenhalt, nicht Hass und Gewalt. Feindseligkeit und Ressentiment werden die falsche Antwort sein – für uns alle.

Ein Waisenkind in Afrika

Fragt der Lehrling seinen Meister: »Meister, wie weit entfernt ist eigentlich Afrika?«, und beobachtet dabei den Schwarzen Kollegen, der gerade seine Schicht antritt. »So weit kann’s nicht sein«, sagt der Meister. »Der kommt jeden Morgen pünktlich mit dem Fahrrad zur Arbeit.«

Im April 2016 bekam ich eine Whatsapp-Nachricht von meiner Frau. Ich hatte Sitzungswoche in Berlin, sie war zu Hause in Halle. Sie hatte gerade unseren Briefkasten geleert. Es war Post für mich darin. Genauer gesagt: ein Gutschein, den man mir hatte zukommen lassen. Frankiert war die Karte mit einer lieblichen Briefmarke von der Deutschen Rosenschau in der Lausitz. Das Motiv der Postkarte war weniger romantisch. Es zeigte einen klapprigen Kahn voller Menschen auf dem Mittelmeer. Einzulösen war der Gutschein laut Absender »für die Ausreise aller Überfremdungsbefürworter Richtung Afrika«. Denn: »Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen.« Wen genau sie damit meinten, das führten die Briefeschreiber auf der anderen Seite der Postkarte aus: »Alle Unterstützer der volksfeindlichen Politik der Bundesregierung, die einen systematischen Austausch unseres Volkes mit art- und kulturfremden Ausländern vorantreiben.« Die von der »Westlichen Wertegemeinschaft herbeigeführten Kriege im Nahen Osten und Afrika lassen sich am schnellsten lösen, indem die Verursacher dieser Krisen sich vor Ort mit Leib und Seele und für Frieden einsetzen.« Dann sollte ich zwischen drei Optionen auswählen und ankreuzen: »1. Ich wähle die Überfahrt mit einem Boot. 2. Ich wähle den Landweg über die Balkanroute. 3. Ich würde gerne fliegen (zzgl. Zuzahlung).« Auszufüllen und zurückzuschicken an: Der III. Weg, Postfach 1122, 67085 Bad Dürkheim.

Woher hatten die unsere Privatadresse? Sollten wir die Polizei einschalten? Ich erstattete Anzeige. Meine Mitarbeiterin Franca stand seit einem anderen Zwischenfall schon in Kontakt mit dem Staatsschutz. Man sah sich die Karte an, die meine Frau ihnen übergab, und beschied: keine strafbare Aussage. Aber unheimlich erschien es uns doch, dass die obskure Vereinigung, eine rechtsextreme Kleinstpartei, ihre Post nicht an mein Wahlkreisbüro, sondern an unsere Privatadresse geschickt hatte.

Als ich meinen Kollegen in Berlin von der Karte erzählte, erfuhr ich von einigen, dass sie ebenfalls solche »Gutscheine« erhalten hatten, auch ohne ausländische Wurzeln. Die meisten von ihnen wollten kein großes Aufheben darum machen, dem Hass der Neonazis nicht auch noch ein Podium bieten. Aber ich war der Meinung, dass wir die Klappe aufmachen müssen und so etwas nicht als Normalität betrachten dürfen. Wenn wir Demokraten anfangen klein beizugeben, haben wir schon verloren.

Das Land, in das mich diese Herrschaften zurückschicken wollen, habe ich zuletzt im Oktober 2015 besucht. Damals nahm ich auch an einem Staatsempfang des Präsidenten Macky Sall teil. Es war die Eröffnungszeremonie der Africa Global Partnership Platform in Dakar. Gerade sprach er da vorne auf dem Podium noch darüber, was Afrika und Europa voneinander lernen könnten, da verließ er plötzlich sein Manuskript, um einen Gast im Publikum willkommen zu heißen: mich.

»Ich habe heute die große Freude, einen alten Schulfreund zu begrüßen«, sagte Macky Sall, »der einen Beitrag zu beiden Kulturen leistet. Dazu will ich den Deutschen gratulieren, und ganz besonders Frau Angela Merkel.« Am nächsten Tag war mein Foto überall. Und meine weit verzweigte Familie erfuhr aus der Zeitung, dass ich mal wieder im Lande war.

Ich hatte eigentlich beruflich in Afrika zu tun, ich besuchte mit ein paar Bundestagsabgeordneten der CDU, der Grünen und der Linken die Länder Mali und Togo, Kamerun und Senegal. Es ging um deutsche Entwicklungsprojekte, um die UN-Mission, es ging um den Umgang mit Rohstoffen. Denn die Länder, die reich sind an Mineralien, an Gold und an Silber, sind meist die ärmsten, ihre Bodenschätze führen nicht zu allgemeinem Wohlstand, sondern zu blutigen Konflikten. Wir berieten uns vor Ort über religiöse und ethnische Spannungen, über den Terror von Boko Haram und darüber, wie man ihm ein Ende setzen könnte. Doch unter all den Ländern dieser krisenhaften Region stellt der Senegal eine glückliche Ausnahme dar, von der ich erzählen will.

Der Senegal hat nie einen Militärputsch erlebt. Religiöser Fanatismus und Nationalismus sind uns größtenteils fremd. Muslime, die mit 95 Prozent die Mehrheit bilden, leben friedlich mit Christen und Anhängern von Naturreligionen zusammen. Ich will nicht verschweigen, dass es auch im Senegal regionale Konflikte wie den in der Casamance gibt, wo es seit vielen Jahren immer wieder Unruhen gibt, aber diese entstehen aus sozialen und wirtschaftlichen Unterschieden zwischen den Regionen und sind ein Erbe der Kolonialgeschichte des Landes.

Der Senegal zählt rund 20 ethnische Gruppen, in meinem Dorf allein lebten damals zehn davon. Der Glaube ist bei uns Privatsache. Trotz 256 verschiedener Parteien im Land gibt es keine einzige religiöse darunter. Auch interreligiöse und interkonfessionelle Ehen waren und sind ganz normal.

Die Christen in unserer Nachbarschaft tranken Palmwein, aßen Schweinefleisch und gingen statt in die Moschee in die Kirche, das waren erst einmal die einzigen Unterschiede zwischen uns. Alkohol gab es in meiner Familie nicht. Mein erstes Bier habe ich mit Anfang zwanzig in der DDR gekauft. Später trank ich mit Studenten Rosenthaler Kadarka Lieblich aus Bulgarien und bekam davon schreckliche Kopfschmerzen. Heute weiß ich einen guten Cabernet Sauvignon aus Chile zu schätzen, und ich liebe unsere Eisbein-Abende mit Freunden – eine alte Tradition mit meinen Kommilitonen Thomas, Axel und Uwe noch aus Studententagen.

Der erste Staatspräsident des Senegal nach der Unabhängigkeit 1960 war Léopold Sédar Senghor, ein Dichter und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Er war katholisch und hatte sich gegen einen Konkurrenten aus einer einflussreichen muslimischen Familie durchgesetzt. Unser zweiter Präsident Abdou Diouf amtierte von 1981 bis 2000, er war Moslem und mit einer Katholikin verheiratet. Sein muslimischer Nachfolger Abdoulaye Wade nahm vor 50 Jahren seine weiße Kommilitonin Viviane zur Frau, die er beim Medizinstudium in Frankreich kennengelernt hatte. Ein Islamgelehrter im Senegal sagte einmal, »die Tatsache, dass wir Muslime sind, hindert uns nicht daran, als Individuum zu leben. Wir lieben Tanz, die Musik, gleichberechtigte Beziehungen zwischen den Geschlechtern.« So darf es mit dem Islam nach meinem Geschmack auch weitergehen.

Der amtierende Präsident Macky Sall, mein alter Schul- und Studienfreund, ist unser erster Staatschef, der keine gemischt-religiöse Ehe führt, er ist muslimischen Glaubens wie seine Frau, setzt sich aber seit Jahren gegen jede Form von Fundamentalismus ein. Für seine Verdienste hat ihn die Stadt Dresden 2015 mit dem St. Georgs Orden ausgezeichnet. Und er befindet sich damit in bester Gesellschaft, wie ich meine: In den Vorjahren waren José Manuel Barroso und Jean-Claude Juncker die politischen Preisträger. Und neben Macky Sall wurde 2015 auch Wolfgang Stumpf der Dresdner Preis in der Kategorie Kultur verliehen. Mein absoluter Lieblingsschauspieler seit Go Trabi Go.

Wie ernst es dem Senegal mit der Pflege seiner demokratischen Werte ist, zeigt auch ein Referendum, das Macky Sall erst im März 2016 erließ. Kernaussage: Man darf nicht an seiner Macht kleben. Verhältnisse wie in Simbabwe, wo jemand wie Robert Mugabe nun seit 36 Jahren regiert, sind damit ausgeschlossen. Die Amtszeit ließ Macky Sall von sieben auf fünf Jahre beschränken, überhaupt kommt ein Kandidat nur noch für zwei Wahlperioden in Betracht. Macky Sall wollte die neue Regel eigentlich schon für seine eigene Amtszeit durchsetzen. Das kam in seinem Umfeld aber gar nicht gut an. Einige Kollegen, die sich ihrer Meinung nach noch nicht genug verwirklicht und auf eine Parteikarriere gehofft hatten, sagten nun zu mir: »Sag ihm, er soll den Blödsinn lassen! Wir brauchen ihn noch, wir wollen auch noch was werden unter ihm!« Doch dann ist er ohnehin am Einspruch des Verfassungsgerichts gescheitert. Die Regel tritt nun erst mit Amtsantritt seines Nachfolgers in Kraft.

Unter den afrikanischen Ländern mag der Senegal eine Art Musterschüler sein. Im internationalen Vergleich aber ist die Wirtschaftsleistung schwach. Daran hat auch der »Wandel« nichts geändert, zu dem Präsident Abdoulaye Wade in seinem letzten Wahlkampf aufgerufen hatte. 2012 musste er nach der Wahlniederlage mit 86 Jahren sein Amt niederlegen. Nicht ohne der Nachwelt noch ein gewaltiges Monument in Dakar zu hinterlassen: Es zeigt eine Kleinfamilie aus Bronze, größer als die Freiheitsstatue, und ließ bei den Einwohnern durchaus die Frage aufkommen, ob das ganze Geld nicht anderweitig sinnvoller angelegt gewesen wäre.

Hatte sein Vorgänger Senghor noch von einem zweiten Paris in Afrika geträumt, einem kulturellen und intellektuellem Zentrum – was Dakar auch wurde und immer noch ist –, sorgte Wade für einen Bauboom mit Hochhäusern, modernem Flughafen, Luxushotels, Straßen und Brücken. Dakar ist mittlerweile zu einem teuren Pflaster geworden. Internationale Firmen und Organisationen haben ihre Mitarbeiter in die Metropole entsandt, was die Immobilienpreise rasant in die Höhe getrieben hat. Von vernachlässigten Vierteln und einem schlechten Bildungssystem können Glitzerfassaden aber auch nicht ewig ablenken.

Nun war also ich, der Deutsche, wieder im Lande. Kam den ganzen Weg in den Senegal, und die Familie erfuhr mal eben aus der Zeitung davon. Deutschland, muss man wissen, genießt im Senegal sehr viel Aufmerksamkeit. Senegalesische Kinder setzen sich in der Schule intensiv mit der deutschen Geschichte auseinander. Aus eigener Betroffenheit, könnte man sagen, denn im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg waren fitte, junge Männer aus den Kolonien rekrutiert worden, um an der Seite der Alliierten in Europa zu kämpfen. Viele Familien haben dort ihre Söhne verloren. Viele andere junge Männer saßen in deutscher Kriegsgefangenschaft. Und lernten dort ein paar Worte Deutsch, die sie später mit zurück nach Afrika brachten.

Das Interesse an Deutschland richtete sich aber spätestens seit den achtziger Jahren, als das Fernsehen zu uns kam, weniger auf historische Ereignisse als auf aktuelle Bundesligaspiele. Statt für Adolf Hitler und die Wehrmacht interessierte man sich jetzt vor allem für Karl-Heinz Rummenigge und den FC Bayern, für Franz Beckenbauer und Toni Schumacher, den wir Schumaschehr aussprachen.

Heute bin ich für die Menschen in meinem Dorf Marsassoum selbst eine kleine Attraktion. »Seht her«, sagte mein Schwager immer.

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