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Mit Herz und Verstand

1. KAPITEL

Erwartungsvoll saß Norman, der schwarzweiße Kater, gegenüber von Catherine Travis auf dem Küchentisch. Ihre Mutter wäre entsetzt, wenn sie wüsste, dass der Kater auf den Tisch durfte, doch die Eltern hielten sich derzeit in China auf, während sie hier allein in Little Rock, Arkansas, saß. Und da Norman das einzige lebendige Wesen in ihrer Nähe war, hatte Catherine nichts dagegen, dass er sich hinsetzte, wo er wollte.

Neugierig sah er zu, wie sie die Kerze auf dem kleinen Schokoladenkuchen anzündete. Sie lehnte sich zurück, um die flackernde Flamme zu bewundern, und stellte fest, dass sie sich in Normans großen goldenen Augen spiegelte. Unwillkürlich musste sie lachen, als das Tier erst die Kerze und dann sie interessiert musterte.

„Du siehst aus, als wüsstest du genau, was wir hier machen“, sagte sie zu dem Kater. „Fehlt nur noch, dass du mir gleich ein Geburtstagsständchen singst.“

Norman miaute höflich. Fast hörte es sich an wie eine Melodie. „Danke. Das ist lieb von dir.“

Sie beugte sich nun vor, um die Kerze auszublasen. Normans Ohren wackelten, und er schaute sie ermutigend an. Natürlich wusste Catherine, dass er nur auf sein Futter wartete. Trotzdem tat sie so, als sei er gespannt auf ihren Wunsch.

„Ich wünsche mir jemanden, mit dem ich in Momenten wie diesem zusammen sein kann, bei Geburtstagen und Feiertagen. Sosehr ich deine Gegenwart auch zu schätzen weiß, Norman, aber es wäre schön, wenn es einen Menschenmann in meinem Leben gäbe.“

Sie blies die Kerze aus und beobachtete, wie der Rauch in einer dünnen weißen Linie vom Docht aufstieg. Dann setzte sie Norman seinen Festschmaus mit Lachs vor. „Hier, mein Kleiner. Guten Appetit.“

Der Kater schnüffelte an dem Napf und begann geziert zu fressen, während sein Schwanz vor Vergnügen hin und her zuckte. Catherine nahm einen Bissen vom Kuchen und ließ sich die Schokoladenglasur auf der Zunge zergehen. „Hmm. Lecker.“

Norman antwortete mit einem Geräusch, das möglicherweise Zustimmung ausdrücken sollte.

Catherine streichelte das seidige Rückenfell. Bei der Berührung machte der Kater einen Buckel. Wenn Menschen nur so einfach zu verstehen wären wie Katzen, dachte sie sehnsüchtig. Besonders Männer.

Sie hatte eine Reihe ausgezeichneter Abschlüsse in Biomedizin und war eine erfolgreiche Wissenschaftlerin, besaß ein paar gute Freunde und ein schönes Apartment, aber die hohe Kunst des Flirtens hatte sie nie gelernt. Soweit sie wusste, wurde dieses Fach nicht unterrichtet.

Zielstrebig hatte sie sich bisher um Ausbildung und Karriere gekümmert und dabei ganz verlernt, sich zu amüsieren. Mit mir kann man einfach keinen Spaß haben, dachte sie seufzend. Der einzige Mann, mit dem sie in den letzten Jahren ausgegangen war, hatte sie zu Tode gelangweilt. Es schien ihre Bestimmung zu sein, mit ihrer Arbeit und dem Kater allein zu bleiben.

Um sich von dem wachsenden Gefühl des Selbstmitleids abzulenken, griff sie nach dem kleinen Stapel mit Geschenken. Von ihrer Freundin und Kollegin Karen Kupperman stammte eine Dose mit Kräutertee und eine Duftkerze in einer kobaltblauen Glasschale. Karen machte gerade mit ihrem Mann Wayne eine Europareise. Sie hatten den Urlaub mit einer Konferenz in Genf verbunden und hatten sich schon seit Monaten darauf gefreut.

Catherines andere Freundin, die Anwältin Julia, hatte ihr ein Paar braune, mit Kaschmir gefütterte Lederhandschuhe geschenkt. Wie nett, dachte sie, streifte sie über und bewunderte, wie perfekt sie saßen. Schade, dass Julia ausgerechnet heute auf einer Konferenz in New York war.

Ein paar von Catherines Studenten hatten zusammengelegt und ihr einen smaragdgrünen Kaschmirschal gekauft. Sie rieb sich mit dem kostbaren Gewebe über die Wange und genoss, wie weich es sich anfühlte. Sobald es kälter wurde, würde sie ihre Freude daran haben. Jetzt war es Ende September, es konnte also nicht mehr lange dauern.

Und schließlich war da noch das Paket von ihren Eltern. Beide unterrichteten gerade an einer Universität in China. Sie hatten ihr eine wunderschöne Seidenbluse und einen Scheck geschickt. Die Bluse gefiel ihr, doch den Scheck betrachtete sie stirnrunzelnd.

Catherine wünschte, sie könnte ihre Eltern endlich davon überzeugen, dass sie keine Geldsorgen hatte. Als einziges Kind war sie wohlbehütet aufgewachsen, war aber auch sanft dazu gedrängt worden, in die Fußstapfen der Eltern zu treten und ebenfalls Akademikerin zu werden. In der geschützten Umgebung amerikanischer Eliteuniversitäten war sie nicht besonders gut auf das moderne Leben vorbereitet worden. Und jetzt verbrachte sie ihren Geburtstag allein – trotz ihrer Karriere, ihrer Freundinnen und der finanziellen Sicherheit.

Sie biss sich auf die Lippen, legte die Geschenke beiseite, zog den Kater an sich und schmuste mit ihm. Er schnurrte, dass es an ihrer Wange vibrierte, und Catherine murmelte: „Ich weiß, dass Wünsche nicht in Erfüllung gehen, Norman, aber an diesen einen will ich ganz fest glauben.“

Der Tag nach Catherines Geburtstag war ein Montag, und er begann gar nicht gut. Nachdem sie geduscht und sich angezogen hatte, ging sie in die Küche, um zu frühstücken. Doch ein Schalter des Herdes war abgebrochen und lag auf dem Fußboden.

„Na, klasse“, murmelte sie und hob ihn auf. Wie war es möglich, dass er sich über Nacht von allein gelöst hatte?

Kopfschüttelnd stieg sie über den Kater hinweg, der sich an ihre Beine schmiegte, ging zum Telefon und rief die Hausverwaltung an. Zufällig hatte der neue Hausmeister gerade Zeit und konnte gleich vorbeikommen. Es würde nicht lange dauern, den Schalter zu reparieren.

Catherine rief im Labor an, um Bescheid zu sagen, dass sie etwas später kam. Gleich darauf klingelte es. Zwar war sie es gewohnt, dass in dem exklusiven Apartmentkomplex die Dinge rasch erledigt wurden, aber diesmal ging es sogar noch schneller als gewöhnlich.

Sie ging in den Flur und öffnete die Tür. Und mit einem letzten Rest Geistesgegenwart schloss sie den Mund, der ihr für einen Moment offen stehen geblieben war.

Der letzte Hausmeister war ein bierbäuchiger kahler Mittsechziger gewesen. Der Mann, der jetzt vor ihr stand, war Mitte bis Ende Zwanzig, hatte einen durchtrainierten Körper und ein attraktives Gesicht mit blauen Augen und blonde Haare. Er lächelte sie so strahlend an, dass ihr die Knie weich wurden.

Ihre Wortgewandtheit und die übliche Gelassenheit waren wie weggeblasen. „Äh …“

„Ich bin Mike Clancy“, sagte er und tippte auf den Ausweis, der an seinem blauen Arbeitshemd befestigt war. In der linken Hand trug er einen Werkzeugkasten. „Lucille sagt, Sie hätten einen Schalter an Ihrem Herd abgebrochen?“

„Äh, ja, natürlich.“ Unbeholfen trat sie in die Diele zurück. „Er steht in der Küche.“

Hervorragend, dachte sie. Wo konnte der Herd sonst schon stehen? Im Badezimmer etwa?

Doch Mike Clancy nickte nur und ging durch das Wohnzimmer. Er warf einen raschen Blick auf die Einrichtung, die ganz in Grün, Bordeauxrot und Cremetönen gehalten war. „Das gefällt mir, es sieht sehr gemütlich aus.“

„Danke.“ Das Kompliment freute sie.

„Oh, hallo!“ Mike bückte sich, um Norman zu begrüßen, der an ihm schnupperte und sich dann auf den Rücken rollte, um sich den Bauch kraulen zu lassen. Lachend tat Mike ihm den Gefallen, und Norman schnurrte so laut, dass Catherine es hören konnte.

„Er mag Sie“, sagte sie überflüssigerweise. „Normalerweise versteckt er sich vor Fremden.“

„Wahrscheinlich weiß er, dass ich Katzen mag. Wie heißt er?“

Catherine starrte auf die schöne, wohlgeformte Hand, die das Fell des Katers liebkoste. Auch die kräftigen Schenkel in der engen Jeans entgingen ihr nicht, und sie brauchte einen Moment, ehe sie antwortete: „Norman.“

„Hallo, Norman.“ Mike kraulte das Tier unterm Kinn. Dann erhob er sich, sehr zur Enttäuschung des Katers und seiner Besitzerin. „Okay, wo ist der Herd?“

Catherine vermutete, dass er bei der Arbeit keine Zuschauer gebrauchen konnte, also blieb sie im Wohnzimmer, wo sie ihn vom Sofa aus beobachten konnte, während sie in der Zeitung las. Oder zumindest so tat, sobald er in ihre Richtung schaute. Den Rest der Zeit musterte sie Mike unter halb gesenkten Lidern, hingerissen davon, dass so ein gut aussehender Mann in ihrer Küche stand.

Norman war nicht annähernd so zurückhaltend. Er saß in der Küchentür und sah Mike bei der Arbeit zu. Hin und wieder schaute er zu Catherine hinüber, als wollte er fragen: Warum sitzt du da hinten, während dein Besuch hier ist?

Nach wenigen Minuten hatte Mike den Herd repariert. Sein Haar war zerzaust, und er lächelte sie so strahlend an, dass ihr fast die Luft wegblieb. „Fertig“, verkündete er. „Kann ich sonst noch was für Sie tun?“

Eine Frau, die wusste, wie man flirtete, hätte auf diese Frage eine geistreiche Antwort gegeben. Vielleicht ein zweideutiges Wortspiel, das ihn zum Lachen brachte und dazu führte, dass er sie mit anderen Augen betrachtete.

Aber ihr wollte partout nichts einfallen. „Nein, das ist alles. Danke, dass Sie so schnell gekommen sind.“

„Gern geschehen.“ Mike tätschelte Norman ein letztes Mal und ging hinaus.

Catherine schloss die Tür hinter ihm und lehnte sich dagegen. Normalerweise achtete sie auf so etwas nicht, aber Mike Clancy hatte einen knackigen Po, der durch die enge Jeans verführerisch betont wurde. Sollte sie erschrocken oder erleichtert sein, dass ihr das aufgefallen war?

Immerhin zeigte es, dass sie noch im Spiel war – und sei es nur als stille Beobachterin.

Am späten Mittwochnachmittag klingelte Mike an der Tür des Apartments 906. Als die attraktive Brünette ihm öffnete, die ihn auch schon vor ein paar Tagen gerufen hatte, lächelte er. „Sie haben eine kaputte Jalousie?“

Ihre Wangen schimmerten rosig, und sie machte ein verärgertes Gesicht, als sie nickte. „Über ein Jahr lang habe ich keinen Handwerker gebraucht, und jetzt ist es schon das zweite Mal in einer Woche. Tut mir leid, dass ich Ihnen so viel Arbeit mache.“

„Dafür bin ich doch da.“ Bei jeder anderen hätte er einen Hintergedanken vermutet. Es wäre nicht das erste Mal, dass er mit fadenscheinigen Gründen in die Wohnung einer Frau gerufen wurde. Doch er wettete, dass es bei Catherine Travis – Dr. Catherine Travis – anders war. Diese Frau hatte einfach Klasse und war kaum der Typ, der sich einen Handwerker für eine schnelle Nummer ins Haus holte.

In ihrem Fall war er deswegen fast enttäuscht.

Sie führte ihn zum Wohnzimmerfenster. Von hier aus blickte man auf den Parkplatz und den Swimmingpool. Ein kleiner Grünstreifen mit Rasen und Büschen säumte den Weg zum Haus. Eine Schiebetür führte auf einen kleinen Balkon, der von einer Eiche beschattet wurde.

Der Ausblick vom nach hinten gelegenen Schlafzimmer war besser, wie Mike wusste, auch wenn er den Raum noch nie betreten hatte. Von dort schaute man direkt auf den Arkansas River.

Catherine deutete auf die schief hängende Jalousie, und die Bewegung betonte die Anmut, die ihm schon vorher an der Frau aufgefallen war. Sie war schlank und groß und sah aus wie ein Model oder eine Schauspielerin. Doch Lucille, die geschwätzige Hausverwalterin, hatte ihm verraten, dass sie Wissenschaftlerin war und an der Universität arbeitete.

Ihr Gesicht war ein perfektes Oval, eingerahmt von glänzenden braunen Haaren. Die Augen waren schokoladenbraun, die Nase klein und gerade, die Lippen leicht geschwungen. Selbst in dem einfachen roten Strickpullover, der bequemen schwarzen Hose und den flachen Schuhen strahlte sie eine klassische Eleganz aus, um die seine Schwestern sie beneiden würden.

„Ich weiß nicht, wie das passieren konnte“, sagte sie. Die Stimme klang warm und voll. „Als ich die Jalousie heute Morgen öffnen wollte, ist sie einfach kaputt gegangen.“

„Das kommt schon mal vor“, erklärte er achselzuckend. „Ich habe schon eine Ersatzjalousie dabei. Es dauert nur ein paar Minuten, sie auszutauschen.“

„Danke.“

Als er spürte, wie etwas Weiches um seine Beine strich, schaute er nach unten und grinste. „Hallo, Norman. Wie geht’s?“

Der Kater miaute zur Begrüßung, dann machte er einen Buckel. Als Mike ihn streichelte, schnurrte er.

„Er scheint sich an Sie zu erinnern“, bemerkte Catherine.

„Ich bin mit Katzen groß geworden. Eine Zeit lang hatte jede meiner vier Schwestern eine eigene.“

„Sie haben vier Schwestern?“

Er lachte leise und richtete sich wieder auf. „Und alle sind älter als ich. Es gibt Leute, die behaupten, ich wär als Kind verwöhnt worden.“

Ihr warmes Lächeln ließ sein Herz höher schlagen und lenkte seine Aufmerksamkeit auf die perfekt geschwungenen Lippen.

Sie wollte etwas antworten, wurde jedoch vom Klingeln des Telefons unterbrochen. Ihr Lächeln verschwand. „Entschuldigung“, sagte sie und nahm das schnurlose Gerät vom Couchtisch.

Während Catherine mit dem Telefon in die Küche ging, konzentrierte Mike sich auf die Arbeit und schraubte die defekte Jalousie ab. Er wollte nicht lauschen, fing aber doch ein paar Fetzen von dem auf, was Catherine sagte. Aber sie benutzte so viele komplizierte Begriffe, die er noch nie gehört hatte, dass er trotzdem nicht wusste, worüber sie sprach. Offensichtlich war ihr Gesprächspartner jemand von ihrer Arbeit.

Manche Männer ließen sich von intelligenten Frauen vielleicht einschüchtern, doch Mike war in einem Haus voller intelligenter Frauen groß geworden, und alles, was er empfand, war Respekt. Er spürte schnell, wenn sich eine Frau für ihn interessierte, aber bei Catherine Travis deutete nichts darauf hin.

Als er die defekte Jalousie auf den Boden legte und die neue zur Hand nahm, warf er einen kurzen Blick auf den Couchtisch. Ein Stapel wissenschaftlicher Magazine und Notizzettel lag darauf, als hätte sie gerade darin gelesen. Lebte sie womöglich nur für ihre Arbeit?

Als sie das Telefonat beendete, hatte er die neue Jalousie bereits montiert. Er öffnete und schloss sie ein paar Mal, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war, dann klappte er seinen Werkzeugkasten zu. „Fertig“, sagte er, als Catherine wieder ins Zimmer kam. „Ich sagte doch, es würde nicht lange dauern.“

Sie nickte. „Danke. Ich werde Lucille sagen, dass ich sehr zufrieden mit Ihnen bin.“

Achselzuckend erwiderte Mike: „Es ist eine ruhige Woche. Außer bei Ihnen scheint gerade bei keinem Mieter etwas kaputt zu gehen.“

Zu seiner Freude kehrte ihr Lächeln wieder zurück. „Dann habe ich ja Glück gehabt.“

Bevor er sich entscheiden konnte, ob nicht vielleicht doch die Andeutung eines Flirts in ihrem Lächeln lag, wurde ihr Gesicht wieder ernst, und sie ging in Richtung Tür. „Noch einmal herzlichen Dank“, sagte sie, und jetzt klang sie höflich und distanziert.

„Gern geschehen.“ Er verließ die Wohnung, drehte sich noch einmal um und sagte: „Einen schönen Tag …“, doch die Tür fiel bereits ins Schloss.

„… noch“, beendete er kopfschüttelnd den Satz und wandte sich zum Gehen. Er musste zu seinem Seminar und hatte keine Zeit, eine hübsche, aber eindeutig abweisende Wissenschaftlerin anzuschmachten.

„Du hast ja wirklich eine lausige Woche hinter dir“, stellte Julia fest und griff nach den Tortilla-Chips, die auf dem Restauranttisch vor ihr standen. „Erst musst du allein Geburtstag feiern, und dann geht auch noch in deinem Apartment alles kaputt. Ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten bei der Arbeit.“

Catherine nippte an ihrem Drink und setzte das Glas wieder ab, ehe sie ihrer Freundin antwortete. „So schlimm war es gar nicht, wirklich. Ich habe viele nette Geschenke bekommen. Übrigens, danke noch einmal für die Handschuhe.“

„Gern geschehen. Aber es tut mir so leid, dass ich nicht mir dir feiern konnte! Eine Frau sollte an ihrem dreißigsten Geburtstag nicht allein sein.“

„Norman und ich hatten eine nette kleine Party.“

„Der Kater zählt nicht.“

„Lass ihn das bloß nicht hören“, riet Catherine ihr lächelnd. „Er ist sehr sensibel. Und was die ganzen kaputten Sachen angeht, das ist nicht so wild. Sie sind jedes Mal noch am selben Tag repariert worden.“

„Aber ich hoffe, du musstest nicht wieder diesen alten George ertragen?“

Konzentriert tunkte Catherine einen Tortilla-Chip in den Käsedip. Als sie antwortete, bemühte sie sich um einen gleichgültigen Tonfall. „Nein, es gibt einen neuen Hausmeister. Er heißt Mike.“

„Und? Ist er nett?“

„Ja, ganz in Ordnung.“

Ein plötzliches vielsagendes Schweigen auf der anderen Seite des Tisches brachte Catherine dazu aufzublicken. „Was ist?“

„Wie sieht er aus?“

Sie suchte nach einer ausweichenden Antwort, doch schließlich seufzte sie und gab zu: „Er sieht aus, als hätte er gerade das Surfbrett abgestellt. Oder – da der nächste Strand zu weit weg ist – das Skateboard.“

„Er ist also jung?“

„Etwa fünfundzwanzig. Vielleicht ein, zwei Jahre älter.“

„Und er sieht gut aus?“

„Wie jemand auf dem Cover von diesen Teenagermagazinen, die ich mir als Kind nie kaufen durfte“, erwiderte Catherine mit einem tiefen Seufzer. „Blond, blaue Augen, athletischer Körper, ein hübsches Lächeln. Und genug Charme, um dir in der Wüste Sand zu verkaufen.“

Julia erschauderte. „Klingt nach einem dieser Typen, die so viel Tiefgang haben wie eine Regenpfütze.“

Es war allgemein bekannt, dass Julia eine Abneigung gegen schöne, oberflächliche Männer hatte.

„Eigentlich scheint er ganz nett zu sein. Aber wie immer in Gegenwart von gut aussehenden Männern war ich so geistreich wie eine versteinerte Schnecke.“

„So schlimm wird es schon nicht gewesen sein!“

„Glaub mir“, stöhnte Catherine, „ich habe sogar Normans Namen vergessen. Ich konnte nur noch dasitzen und den Typ anstarren. Wahrscheinlich hält er mich für die langweiligste Mieterin im ganzen Haus.“

„Aber so spannend ist es ja auch nicht, einen sexy Handwerker zum Lachen zu bringen. Der käme für dich sowieso nicht infrage. Ein Handwerker! Was könntest du mit dem schon gemeinsam haben?“, bemerkte Julia achselzuckend.

„Nein, natürlich interessiert er mich nicht wirklich“, stimmte Catherine ihr zu, doch ihr Lachen klang unecht.

Julia war eine Blondine, die allen Klischees widersprach: ein wildes und ehrgeiziges Energiebündel in einer trügerisch zerbrechlich wirkenden Verpackung. Anders als Catherine war Julia häufig das Ziel männlichen Interesses, das allerdings selten ihrer Intelligenz galt. In romantischen Dingen war sie daher in den letzten Jahren reichlich zynisch geworden.

Julias Interesse an gut aussehenden jungen Männern erlosch daher bald, und sie erzählte von ihrer Konferenz in New York. Bei dem anregenden Gespräch und dem scharfen mexikanischen Essen schob Catherine die Gedanken an Mike Clancy beiseite. Aber sie wusste genau, dass sie später, allein in ihrer Wohnung, zu träumen beginnen würde.

Als Catherine am Freitagabend nach Hause kam, war es noch hell. Doch die Tage wurden kürzer, und bald würde es um diese Uhrzeit bereits dunkel sein. Dunkel und kalt.

Sie schloss das Auto ab und schaute über den fast leeren Parkplatz. Jemand kletterte gerade aus einem kleinen Pick-up, und sie erkannte Mike Clancy. Er schien einen Stapel Bücher zu tragen, trotzdem schaffte er es, eine Hand freizubekommen und ihr zuzuwinken.

Sie erwiderte den Gruß und hoffte, dass sie freundlich und locker wirkte. Nicht so steif und verlegen, wie sie sich fühlte. Dann wandte sie sich um und ging zur Außentreppe, die zu ihrem Apartment führte. Sie lächelte, als sie sah, dass Norman auf der Fensterbank im Wohnzimmer saß und sie beobachtete. Wenigstens einer, der sich freute, dass sie wieder nach Hause kam.

Sie schloss die Tür auf und überlegte, ob sie sich nicht einen gemütlichen Abend machen und ein Omelett zubereiten sollte.

Als sie die Tür öffnete, flitzte Norman an ihr vorbei, die Treppe hinunter und auf den Parkplatz. Entsetzt warf Catherine ihre Tasche auf den Boden und rannte hinter ihm her. „Norman, halt! Komm wieder zurück!“

Durch ihre Schreie alarmiert, ließ Mike die Bücher fallen und schnappte sich den Kater. Norman leistete keinen Widerstand, im Gegenteil. Glücklich rieb Norman den Kopf an Mikes Kinn, als wolle er ihn begrüßen.

Ihr Herz pochte heftig, als Catherine atemlos vor den beiden zum Stehen kam. „Das hat er noch nie gemacht. Danke, dass Sie ihn wieder eingefangen haben.“

„Kein Problem.“ Lächelnd legte Mike ihr das Tier in die Arme. „Sie sollten in Zukunft aufpassen, wenn Sie die Tür öffnen.“

„Das glaube ich auch.“ Stirnrunzelnd betrachte sie Norman, der laut schnurrte, als wäre er sehr zufrieden mit sich. „Böser Kater. Du hättest überfahren werden können.“

„Sie aber auch, so wie Sie hier rausgerannt sind“, sagte Mike. „Sie haben Glück, dass Sie nicht gestolpert sind.“

Sie runzelte die Stirn. „Ich habe gar nicht nachgedacht.“

Sie schwiegen kurz, dann sagte Mike: „Und, wie läuft es sonst? Alles in Ordnung in Ihrer Wohnung?“

„Ja, danke.“ Sie warf einen Blick auf die drei Bücher vor ihr auf dem Boden. „Ich hoffe, Ihre Bücher sind heil geblieben. Wenn nicht, werde ich sie Ihnen natürlich ersetzen.“

„Machen Sie sich keine Sorgen.“ Er bückte sich, um sie aufzuheben, und Catherine las die Titel.

„Biologie und amerikanische Geschichte. Studieren Sie?“

Er richtete sich wieder auf und nickte.

„Und kommen Sie gut zurecht?“

Er wollte schon wieder nicken, doch dann verzog er das Gesicht. „Geschichte läuft gut, aber Biologie treibt mich noch in den Wahnsinn.“

„Wirklich?“

„Am Montag schreiben wir einen Test, und ehrlich gesagt habe ich keinen blassen Schimmer von dem Stoff. Ich werde am Wochenende versuchen zu lernen, aber vermutlich hilft das auch nicht viel. Diese ganzen Fachbegriffe sind für mich böhmische Dörfer.“

Ohne zu überlegen, platzte sie heraus: „Ich kann Ihnen helfen.“

Neugierig sah er sie an. „Äh … wie bitte?“

Was hat mich da denn geritten, dachte sie verlegen. Doch wenn sie jetzt ihr Angebot zurücknahm, stand sie noch dümmer da. Aber warum sollte sie? Schließlich hatte er ihr geholfen, Norman wieder einzufangen, und sie schuldete ihm einen Gefallen.

„Ich kann Ihnen beim Lernen helfen … wenn Sie mögen. Ich bin Biologin. Wenn ich Sie also bei der Vorbereitung unterstützen kann …“

„Ich würde mich sehr darüber freuen“, erklärte er mit einem umwerfenden verschmitzten Grinsen. „Wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht, nehme ich das Angebot gerne an.“

Sie nickte. „Kein Problem. Wie wäre es, wenn Sie morgen Nachmittag gegen drei bei mir vorbeikämen?“

„Ich werde da sein. Und danke, Dr. Travis, ich freue mich wirklich.“

Sie sah auf den Kater herunter, der sich zufrieden schnurrend an sie kuschelte. „So kann ich mich wenigstens bei Ihnen revanchieren. Bis morgen also.“

Auf einmal hatte sie es eilig fortzukommen, ehe sie noch etwas Dummes sagte. Schnell trug sie Norman die Treppe hoch zu ihrem Apartment. Als sie sich noch einmal umschaute, war Mike bereits verschwunden.

2. KAPITEL

„Hey Mike, kommst du noch mit auf ein Bier?“ Sie hatten gerade zu sechst eine Runde Basketball gespielt, und Mike hatte noch genau zehn Minuten Zeit, um zu duschen, sich umzuziehen, die Bücher zu holen und zum Apartment von Catherine Travis zu fahren. Er würde zu spät kommen.

„Geht nicht“, erwiderte er auf Bobs Vorschlag. „Ich muss lernen.“

Bob wischte den Einwand beiseite. „Komm schon, das hat Zeit. Sonst wirst du noch zum Bücherwurm.“ Bob verstand nicht, warum Mike zehn Jahre nach der Schule noch einmal zur Uni ging. Er selbst war mit seinem Job als LKW-Fahrer vollkommen zufrieden. In der freien Zeit hing er mit seinen Freunden rum und amüsierte sich.

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