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Mit Herz und Hund

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorinnen
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Die Herausgeberin und das verwirrte Vorwort
  6. Über Emily Roth
  7. Emilio, Fausto und die maskierte Frau
  8. Über Nina Robin
  9. Porthos und der vergiftete Graf
  10. Über Shirley Waters
  11. Ymir und der verzauberte Wikinger
  12. 1.
  13. 2.
  14. 3.
  15. 4.
  16. 5.
  17. 6.
  1. Über Anna Bernstein
  2. Sir Rupert und der bleiche Betrüger

Über die Autorinnen

Die Autorinnen Anna Bernstein, Nina Robin, Emily Roth und Shirley Waters haben eines gemeinsam: Sie lieben Hunde und Historische Liebesromane. Für diese Anthologie haben sie sich zusammengetan und vier hinreißende Kurzromane geschrieben.

Carolina Winter (Hrsg.)

MIT HERZ
UND HUND

Vier Kurzromane

Von
Anna Bernstein
Nina Robin
Emily Roth
Shirley Waters

Die Herausgeberin und
das verwirrte Vorwort

Braucht eine Anthologie ein Vorwort? Ich weiß es nicht, bin aber fast versucht mit »nein« zu antworten. Warum ich trotzdem eins schreibe? Weil das Vorwort der perfekte Ort ist, um den teilnehmenden Autorinnen zu danken. Oder hätte ich es dann besser Danksagung genannt? Ach, ist ja auch egal …

Allen vier ein riesiges Dankeschön dafür, dass sie auf meine Frage, ob sie eine historische Liebesgeschichte mit Hund schreiben wollen, sofort mit »Oh, toll, ich hab da schon eine Idee …« geantwortet haben.

Anna Bernstein dafür, dass sie mir mit ihrem fundierten Wissen über Hunde immer wieder neue Dinge beibringt. Und mich mit den Eskapaden ihres eigenen Hundes zum Lachen bringt, dem man vermutlich den Titel als trotteligstem Hund der Welt verleihen könnte.

Nina Robin dafür, dass sie sich in dieses Buch hineingeschummelt hat. Sie habe ich nämlich gar nicht gefragt, ob sie bei dieser Anthologie mitmachen möchte, weil ich wusste, dass sie eigentlich mit anderen Projekten beschäftigt ist. Aber dann fand ich eines Morgens ein ganz wunderbares Exposé für einen Kurzroman in meinen E-Mails, weil sie von ihrer Agentin von MIT HERZ UND HUND erfahren hatte. Ein Dank auch dafür, dass sie die absonderlichsten historischen Details ausgräbt. Ich will noch nicht zu viel verraten, aber die Auflösung in ihrer Geschichte hätte sich tatsächlich so abspielen können.

Emily Roth dafür, dass sie mit einer Engelsgeduld darauf gewartet hat, dass ich endlich ihre wunderbare Geschichte lese, die es – wie ich inzwischen weiß – verdient hat, dass man alles andere sofort stehen lässt. Und dafür, dass sie in mir den Wunsch geweckt hat, nach Venedig zu fahren.

Shirley Waters dafür, dass sie fragte, ob sie auch über einen Wolf schreiben dürfte, und nicht böse war, als ich sagte, es sollte schon ein Hund sein, aber er könne ja aussehen wie ein Wolf. Und auch dafür, dass sie sich nicht einmal darüber beschwert hat, dass ich ihrer Geschichte den Arbeitstitel »Der Wikinger-Hund« verpasst habe.

Als Herausgeberin und Lektorin ist es ein Privileg, mit vier so talentierten und durch und durch netten Personen zusammenzuarbeiten. Sie haben diese Anthologie für mich zu etwas Besonderem gemacht, sie haben mich mit ihren Geschichten träumen und mit ihren Helden mitfiebern lassen.

Vielen Dank, liebe Autorinnen!

Und Ihnen, liebe Leser, wünsche ich nun viel Spaß mit den Geschichten der vier!

Carolina Winter
Köln, im Juli 2014

Über Emily Roth

Emily Roth wurde 1977 in Baden-Württemberg geboren. Dort lebt die Autorin auch heute noch mit ihrem Ehemann, mit dem sie gerne reist und sich in Städten wie Venedig zu neuen Geschichten wie EMILIO, FAUSTO UND DIE MASKIERTE FRAU inspirieren lässt. Schon seit ihrer Kindheit gehört ihr Herz den Hunden, und ihre zwölfjährige Terrier-Hündin begleitet sie auf Schritt und Tritt.

Emily Roth

Emilio, Fausto und
die maskierte Frau

Cecilia öffnete mit klopfendem Herzen die Tür des Palazzos und spähte in die menschenleere Eingangshalle. Ihr Vater war nirgends zu sehen oder zu hören. Vermutlich hatte er sich wie immer um diese Zeit in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, um die Bestellungen und Warenausgänge der familieneigenen Seidenweberei zu prüfen. Cecilia schloss leise das Eingangsportal, durchquerte auf Zehenspitzen die Halle mit den eindrucksvollen Marmorsäulen und schlich die weitläufige Treppe hinauf.

Ein verhaltenes Hüsteln vom unteren Ende der Treppe ließ sie innehalten. »Signorina Cecilia?«

Sie wandte sich langsam um. »Eduardo …« Cecilia biss sich schuldbewusst auf die Unterlippe, obgleich sie innerlich Gott dafür dankte, dass es sich lediglich um ihren Diener handelte. Eduardo arbeitete schon für die Familie Salvatori, als Cecilias Mutter noch lebte, und der gutmütige alte Mann mit dem schütteren Haar war für Cecilia fast so etwas wie ein zweiter Vater geworden.

»Ich nehme an, Ihr seid kurz an der frischen Luft gewesen, um Euch von Eurem Unwohlsein zu erholen«, fragte er betont beiläufig und zwinkerte ihr dabei zu. »Ich hoffe, Ihr fühlt euch nun besser?«

Eduardo kannte ihre Vorliebe, sich alleine aus dem Palazzo zu stehlen und durch die Gassen Venedigs zu streifen, nur allzu gut, und er hatte sie schon mehr als einmal vor dem Zorn ihres Vaters Leonardo geschützt. Leonardo Salvatori hatte seinen beiden Töchtern strengstens verboten, ohne Begleitung aus dem Haus zu gehen, da sich dies für Damen im heiratsfähigen Alter nicht geziemte. Während Cecilias ältere Schwester Constanza die Ereignislosigkeit des Palazzoalltags als wohltuend empfand, stand Cecilia jedoch oft sehnsüchtig am Fenster, blickte auf das dunkle Wasser des Canalezzo hinab und beobachtete die vorbeiziehenden Boote, Lastkähne und Gondeln, während sie sich nichts mehr wünschte, als dort draußen zu sein. Natürlich war auch Cecilia stets bemüht, eine folgsame Tochter zu sein und sich an die Regeln ihres Vaters zu halten, doch manchmal konnte sie den Verlockungen Venedigs einfach nicht widerstehen. Dann lockten sie die Rufe der Gondolieri, der Anblick eines Liebespaares oder auch nur eine nach Meersalz duftende Böe hinaus in die Gassen – dorthin, wo sich das Leben abspielte. Besonders liebte Cecilia es, am Hafen zu sein, wo die großen Handelsschiffe anlegten. Stundenlang konnte sie dabei zusehen, wie die Ladungen gelöscht wurden und die Träger exotische Stoffe, Hölzer und Gewürze an Land brachten, deren Aussehen und Geruch Cecilia etwas von der fernen Welt berichteten, die sie so gerne sehen würde. Trotz dieser Sehnsucht verehrte sie natürlich die Serenissima, die goldene Stadt. Cecilia liebte ihre Heimat, egal ob die Sonne schien oder die Stadt in den dichten Nebelschwaden verschwand, die sich im Winter ebenso um die edlen Palazzi der Nobili am Canal Grande rankten wie um die Armenhäuser in den weniger prunkvollen Sestiere Venedigs.

Das Räuspern des Dieners erinnerte Cecilia, dass sie noch immer nicht geantwortet hatte. »Danke, Eduardo, mein … mein Unwohlsein hat sich verflüchtigt, zum Glück.« Die Lüge brachte sie wie üblich nur stockend über ihre Lippen, und ein verständnisvolles Schmunzeln überzog Eduardos faltiges Gesicht.

»Das freut mich, Signorina. Ich werde es Eurem Vater berichten, er hat während Eurer Abwesenheit nach Euch verlangt.«

Cecilia sog scharf die Luft ein. Was er wohl von ihr gewollt hatte? Da ihr Vater sich ansonsten damit begnügte, seine Töchter beim gemeinsamen Abendessen nach ihrem Tag zu befragen, konnte dies nichts Gutes bedeuten. Aber wahrscheinlich konnte ihr Constanza Näheres verraten.

»Bis später, Eduardo!« Cecilia eilte die Treppen nach oben und lief in das Zimmer ihrer Schwester. Wie üblich saß Constanza mit steifem Rücken in ihrem Lehnstuhl, hielt ihren Rosenkranz in der Hand und war in ein Gebet versunken. Da Constanza heute ebenfalls ein dunkelrotes Kleid trug, sahen sie sich noch ähnlicher als sonst. Es war fast so, als würde Cecilia in einen Spiegel blicken: Constanza besaß dieselben blondgelockten Haare und dunkelbraunen Augen, die gleichen hohen Wangenknochen und den zierlichen Körperbau. Wieder einmal fragte sich Cecilia, wie sie sich äußerlich derart gleichen und doch ein so unterschiedliches Wesen besitzen konnten. Constanza war stets ruhig und in sich gekehrt, und ihre bedächtige Art zu sprechen ließ Cecilia des Öfteren ungeduldig werden.

Neben Constanza auf dem reichverzierten Holztischchen lag ein Buch, und ohne hinsehen zu müssen, wusste Cecilia, dass es sich dabei um die Schriften eines Heiligen handelte. Obwohl ihr Vater ein Traditionalist war, hatte er immerhin die erfreulich moderne Auffassung vertreten, dass auch eine Frau in der Lage sein sollte, lesen, schreiben und rechnen zu können, und so hatten die beiden Mädchen das Privileg genossen, darin unterrichtet zu werden. Während Constanza das angelernte Wissen ausschließlich für religiöse Zwecke nutzte, besuchte Cecilia oft die Bibliothek, um dort in wissenschaftlichen Aufzeichnungen zu lesen oder sich an Erzählungen aus fernen Ländern zu erfreuen.

Constanza beendete ihr Gebet, bekreuzigte sich und warf Cecilia, deren Wangen von der Hast des Heimwegs immer noch glühten, einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Wo hast du denn so lange gesteckt, Cecilia? Warst du etwa schon wieder am Bacino di San Marco, am frühen Morgen? Ich kann wirklich nicht verstehen, warum es dich immer zum Haupthafen zieht.« Kopfschüttelnd sah sie auf den verschmutzten Saum von Cecilias Kleid. »Dabei weißt du so gut wie ich, dass wir nicht alleine das Haus verlassen dürfen.«

»Aber diese Regel ist blanker Unsinn«, verteidigte sich Cecilia inbrünstig. »Die Straßen in Venedig sind sicher, und Vater sollte mehr Vertrauen in seine strenge Erziehung haben. Ich bin schließlich kein kleines Kind mehr, das von einer Dummheit in die nächste stolpert.«

»Bist du dir da sicher?«, fragte Constanza. Bei jedem anderen hätte Cecilia dies für eine Neckerei gehalten, doch Constanza meinte immer alles ernst, was sie sagte.

»Vater verlangte, dich zu sprechen! Ich habe ihm gesagt, du bist unpässlich und hast dich zurückgezogen.«

»Weißt du, was er von mir wollte?«

Constanzas betrübte Miene und ihr langes Zögern verrieten Cecilia, dass ihre schlimmsten Befürchtungen wahr werden sollten.

Ihr Vater war ein ernster, wortkarger Mann, der gesellschaftlichen Anlässen und Bällen nichts abgewinnen konnte. Seit dem frühen Tod seiner Ehefrau hatte er sich noch mehr zurückgezogen, und wären da nicht die wenigen Augenblicke gewesen, in denen er seine Töchter versonnen und voller Liebe betrachtete, hätte Cecilia geglaubt, sie seien ihm völlig gleichgültig. Nur dieses Wissen machte es ihr möglich, ihm nicht zu grollen für das Schicksal, das er seinen Töchtern zugedacht hatte: Während Constanza in eine Familie der Nobili einheiraten und nach seinem Tod alle Besitztümer sowie die Seidenweberei erben sollte, wollte er seine zweitgeborene Tochter in einem Kloster unterbringen. Dass ausschließlich die erstgeborene Tochter heiraten und das Familienerbe antreten durfte, war in Venedig durchaus nicht ungewöhnlich, allein aufgrund der notwendigen Mitgift bei einer Hochzeit. Allerdings hatte Leonardo Salvatori für Cecilia nicht eines der eher salopp geführten Klöster Venedigs ins Auge gefasst, in denen sich viele wohlhabende Töchter aufhielten und inoffiziell sogar Männerbesuch geduldet wurde. Zu Cecilias Verdruss sollte sie in einer streng geführten Einrichtung unterkommen, in der man sich eisern an die Regeln hielt und Demut, Ehrbarkeit, Ordnung und natürlich der religiöse Glaube an oberster Stelle standen. Natürlich wollte Cecilias Vater sie damit nicht quälen, er hatte sich lediglich für das Kloster mit dem besten Ruf entschieden, in dem er seine Tochter für den Rest ihres Lebens gut aufgehoben wusste.

»Er hat Antwort von der Äbtissin erhalten«, erzählte Constanza bedrückt. »Offenbar kannst du früher in das Kloster eintreten als erwartet. Du wirst uns schon in drei Wochen verlassen müssen.«

»Oh nein …« Cecilia griff haltsuchend nach der Lehne von Constanzas Stuhl. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so bald sein würde.«

Sie wollte Luft holen, doch das Mieder schien ihren Brustkorb unerbittlich zuzuschnüren. Constanza stand auf, trat zu ihr und schloss sie tröstend in die Arme.

»Du wirst mir so sehr fehlen, Cecilia!«, sagte sie traurig. »Wenn ich könnte, würde ich mit dir tauschen. Genauso wenig wie du dich nach einem Leben im Kloster sehnst, möchte ich Bälle oder gesellschaftliche Festivitäten besuchen, um mich irgendwelchen reichen Jünglingen als Ehefrau darzubieten.«

»Wenn Mutter nur noch hier wäre«, flüsterte Cecilia leise. »Wenn die Cholera sie uns nicht geraubt hätte, wäre jetzt alles anders. Sie hätte bestimmt eine Lösung gefunden, mich vor dem Kloster zu bewahren.«

»Das kannst du nicht wissen«, wandte Constanza ein und strich Cecilia eine Locke aus dem Gesicht. »Vater folgt damit lediglich der Familientradition der Salvatoris: Schon seit Generationen werden die Zweitgeborenen ins Kloster geschickt, genau wie unser Onkel Matteo.«

Trotzdem wollte es Cecilia nicht gelingen, dies als ihr Schicksal zu akzeptieren. Aber was konnte sie gegen die Pläne ihres Vaters schon unternehmen?

Cecilia ließ sich auf einen Stuhl sinken, rieb sich über ihre pochenden Schläfen und versuchte, ihre Fassung zurückzugewinnen. Was hätte sie nur darum gegeben, die Erstgeborene zu sein … Und nun? Sollte sie sich gegen ihren Vater stellen und rebellieren? Aber damit wäre der Bruch mit ihrer Familie gewiss. Und was sollte sie dann tun? Selbst wenn sie einen Mann fand, der gewillt war, sie ohne eine Mitgift zu heiraten, würde sie höchstens ein schon in die Jahre gekommener, mittelloser Mann erwählen und mit den Seidenkleidern, Dienstboten und Damastlaken hätte es ein Ende. Cecilia wäre sogar bereit gewesen, all diese Annehmlichkeiten aufzugeben, doch für sie war ein aus Not gewählter Ehemann, den sie womöglich nicht einmal mochte, genauso wenig erstrebenswert wie ein Dasein im Kloster. Nein, sie sehnte sich nach einem anderen Leben. Cecilia wollte frei sein, so frei wie auf ihren seltenen Ausritten auf dem Gut ihres Cousins in Mestre. Wenn sie querfeldein im Galopp ritt und die Jagdhunde Penelope und Riccardo bellend und mit angelegten Ohren neben ihrem Pferd rannten, fühlte sie sich wirklich lebendig. In diesen Momenten konnte Cecilia alle Regeln und Pflichten vergessen und ihren Träumen freien Lauf lassen. Denn insgeheim sehnte sie sich nach einer ganz bestimmten Freiheit, auch wenn sie wusste, wie töricht dieser Wunsch war: Sie wollte frei sein, dem Mann zu begegnen, der ihr eigentlich vom Schicksal bestimmt war, der ihr Herz im Sturm eroberte und in ihr seine Gefährtin fürs Leben sah.

Constanza tippte ihr ungeduldig auf die Schulter. »Hast du mir zugehört, Cecilia? Ich habe dich gerade gefragt, ob du mich zur Messe begleitest! Sicherlich kannst du dich in der Kirche wieder etwas sammeln und findest innere Ruhe.«

Das glaubte Cecilia weniger: Sie würde sowieso schon bald mehr Zeit mit Gebeten verbringen, als ihr lieb war. Doch da sie mit dem Kirchgang dem Palazzo und somit einem Gespräch mit ihrem Vater entkommen konnte, stimmte sie schließlich zu. In ihrem gegenwärtigen Zustand wäre es fatal gewesen, wenn sie Leonardo Salvatori hätte gegenübertreten müssen.

Cecilia blinzelte mehrmals hintereinander, als sie aus der Dunkelheit der Basilica di San Marco in den hellen Sonnenschein trat. Neben ihr stieß Constanza einen glücklichen Seufzer aus. »Es war eine wunderschöne Messe, oder nicht?«

»Ja, sehr … feierlich«, antwortete Cecilia zerstreut. Sie war so in ihre trüben Gedanken versunken gewesen, dass sie von der Messe kaum etwas mitbekommen hatte. Wie üblich schlugen sie den Weg zum Anlegesteg ein, an dem ein Diener mit der Gondel auf sie wartete. Doch bereits nach wenigen Schritten blieb Cecilia stehen und fasste ihre Schwester am Arm.

»Müssen wir wirklich schon wieder nach Hause? Lass uns bitte noch etwas über den Markt schlendern …« Sie deutete auf die zahlreichen Stände, die über den Markusplatz verteilt waren. Von allen Seiten hörte man die Rufe der Händler, mit denen sie ihre Waren anpriesen und die Passanten dazu aufforderten, ihre Stoffe, Gewürze und Schmuckstücke zu begutachten oder von ihrem Naschwerk zu kosten.

»Ich wollte mich etwas ausruhen«, wandte Constanza ein. »Hast du vergessen, dass nachher Signor Mazzini kommt, um uns Tanzunterricht zu geben?«

Selbstverständlich diente der Unterricht allein dazu, Constanzas Auftritt auf den venezianischen Bällen zu perfektionieren. Cecilia nahm nur deswegen daran teil, damit ihre Schwester mit ihr üben konnte, während Signor Mazzini Constanzas Haltung und die Schritte kontrollierte.

»Du tust ja so, als seist du schon eine betagte Frau, Constanza. Du kannst dich auch noch später ausruhen!« Cecilia nahm die Hand ihrer Schwester und zog sie mit sich. »Sieh dich um, es ist ein herrlicher Sommertag! Alle schlendern heute durch die Gassen und genießen das Leben.«

Constanza ergab sich mit einem lautstarken Seufzen. »Warum kann ich dir nur nie etwas abschlagen …«

Die jungen Frauen gaben ihrem Diener ein Zeichen, auf sie zu warten, und flanierten über den weitläufigen Platz, besahen sich die Waren an den Marktständen, und Constanza ließ sich sogar von einem Händler überreden, gemeinsam mit Cecilia an einem Umbra zu nippen. Der Wein schmeckte jedoch so trocken, dass die beiden Mädchen das Gesicht verzogen und lachend das Getränk zurückstellten.

Als sie den Stand eines Stoffhändlers passierten, an dem gerade zwei ältere Damen standen, schnappte Cecilia einen Teil ihrer Unterhaltung auf.

»Es wird das wichtigste Ereignis der Saison«, sagte die Frau aufgeregt, die für Cecilias Geschmack deutlich zu viel Karmesin zum Färben der Wangen aufgetragen hatte. »Die Fabris scheuen offenbar keine Kosten und haben alle namhaften Familien Venedigs zu dem Maskenball eingeladen. Man munkelt, dass sie ihren Sohn Vincenzo dazu drängen, sich bei diesem prunkvollen Anlass endlich eine Frau zu wählen.«

»Das wird auch Zeit, immerhin trägt er nicht zu Unrecht den Namen ›Der Unbezähmbare‹!« Die zweite beleibtere Frau stieß ein gackerndes Lachen aus. »Natürlich wäre Vincenzo eine vorzügliche Partie für meine Tochter Magdalena, immerhin gehören die Fabris zu den reichsten Nobili in Venedig. Ob die Zeit noch ausreicht, Magdalena ein Kleid aus diesem Seidenstoff schneidern zu lassen?«

Die Antwort bekam Cecilia nicht mehr mit, da sie mittlerweile außer Hörweite waren. »Dieser Ball wird sicherlich prächtig«, sagte sie sehnsüchtig. Ihr Vater hatte nie großen Wert darauf gelegt, seine Töchter in der Gesellschaft einzuführen, und so kam es, dass Cecilia bisher nur an einem halben Dutzend recht kleiner Bälle besucht hatte. »Was gäbe ich nur darum, wenn uns Vater daran teilnehmen ließe. Du nicht auch?«

Constanza wich hastig ihrem Blick aus und schwieg betreten. Cecilia kannte ihre Schwester gut genug, um zu wissen, was dies bedeutete. »Verschweigst du mir etwas?«

»Eigentlich wollte ich es dir erst später erzählen«, sagte Constanza stockend. »Wenn du dich etwas von der Nachricht vom Kloster erholt hast.« Sie nestelte verlegen an den Armrüschen ihres Kleides herum. »Ich soll Vater zu diesem pompösen Ball begleiten. Natürlich hofft er, dass ich endlich das Interesse eines potentiellen Ehemannes wecken kann, und es wäre ihm am liebsten, wenn es sich dabei um Vincenzo Fabris handeln würde.«

Nur mit Mühe konnte Cecilia ein Schnauben unterdrücken. Ihr Vater schien mal wieder völlig blind für die Realität zu sein, denn für die Fabris-Familie würde eine Verbindung mit einer Salvatori kaum in Frage kommen. Die Salvatoris waren zwar wohlhabend und besaßen in Venedig ein gewisses Ansehen, trotzdem standen sie nicht im Goldenen Buch der Stadt und gehörten nicht den Nobili an. Selbst wenn es Constanza tatsächlich gelänge, Vincenzo für sich zu interessieren, so würden die Fabris jede weitere Annäherung mit Sicherheit unterbinden.

»Vater hat mir zu verstehen gegeben, dass ich Vincenzo auf dem Maskenball mit meinem weiblichen Charme umgarnen soll«, fuhr Constanza in bitterem Tonfall fort, während sie den belebten Markusplatz hinter sich ließen und den Weg zur Anlegestelle einschlugen. »Ich habe versucht, ihm begreiflich zu machen, dass mir Koketterie und oberflächliche Unterhaltungen nicht liegen. Schon beim letzten Ball wusste ich mit den wenigen Herren, die mich ansprachen, kein sinnvolles Wort zu wechseln. Der Abend bei den Fabris wird sicherlich die reinste Qual.«

Cecilia schaffte es, ein aufmunterndes Lächeln aufzusetzen. »Mach dir nicht so viele Sorgen! Bestimmt wird es nicht so schlimm, wie du jetzt befürchtest«, tröstete sie ihre Schwester, während ihr Herz schwer vor Kummer wurde. Wie gern hätte sie mit Constanza getauscht! »Außerdem sollst du dich nicht verstellen, egal, was Vater auch sagt. Dein zukünftiger Ehemann sollte dich so lieben, wie du …« Ihre Stimme brach, und sie schluckte schwer.

»Oh Cecilia! Wie konnte ich nur derart unsensibel sein?« Betroffen griff Constanza nach ihrer Hand. »Entschuldige bitte! Ich jammere dir von meiner lästigen Suche nach einem Ehemann vor, wogegen du nichts lieber tätest, als auf diesen Ball zu gehen.«

»Nein, es … es ist schon in Ordnung«, versicherte sie ihrer Schwester. Eilig wandte sie ihr Gesicht zum Canal Grande, um ihre Verzweiflung vor Constanza zu verbergen. Die Wellen reflektierten das Sonnenlicht wie goldene Sterne, und eine sanfte Böe strich Cecilia tröstend über das Gesicht.

»Bitte sei nicht traurig, Cecilia!«, bat Constanza sie mit bewegter Stimme. »Das schmerzt mich so sehr, dass mir selbst fast die Tränen kommen. Gibt es nicht etwas, das ich für dich tun kann?«

»Anscheinend müssen wir damit zurechtkommen, dass uns beiden das falsche Schicksal zugeteilt wurde«, gab Cecilia bedrückt zurück. »Doch außer uns scheint dies niemandem aufzufallen, schon gar nicht Vater.«

»Das stimmt, mit deiner aufgeschlossenen Art und Lebensfreude wärst du wahrscheinlich der Mittelpunkt des Balls und könntest dich dort prächtig amüsieren. Eigentlich solltest du an meiner statt dorthin gehen und mir einen Ehemann suchen.«

Constanza hatte ihren letzten Satz nur so dahingesagt, doch Cecilia richtete sich unvermittelt auf. Eine Idee erwachte in ihr, die so gewagt und unverfroren war, dass sich ihr Herzschlag beschleunigte. »Das ist die Lösung, Constanza«, stieß sie aus. »Lass mich für dich zum Ball gehen! Wir gleichen uns so sehr, dass man uns für Zwillinge halten könnte, und wenn ich eine Maske trage, wird selbst Vater keinen Unterschied bemerken. Bevor ich ins Kloster verbannt werde, möchte ich nur einmal an so einem großen und festlichen Ereignis wie dem Fabris-Ball teilnehmen – und dafür bemühe ich mich, dort in deinem Namen das Interesse eines potentiellen Ehemannes zu wecken.«

»Aber … aber das wäre nicht richtig! Wir müssten Vater täuschen und belügen«, wandte Constanza entsetzt ein. »Und was mich betrifft, wäre diese ganze Schwindelei ganz und gar sinnlos. Wenn der Mann mich erneut treffen und bemerken würde, dass ich mit meinem ruhigen Wesen der schlagfertigen Frau vom Ballabend überhaupt nicht gleiche, würde er jegliches Interesse verlieren.«

Selbst ihre skeptische Miene konnte Cecilias Euphorie nicht bremsen. »Du weißt, dass ich deine Gesten und sogar deine Art zu sprechen perfekt nachahmen kann, und ich werde nur ein ganz kleines bisschen kokett sein, um mich nicht zu sehr von dir zu unterscheiden.«

Nachdenklich blickte Constanza auf die tanzenden Wellen und sagte lange Zeit nichts.

»Mein Gewissen sagt mir, dass es falsch ist und wir so etwas nicht tun dürfen«, brach sie schließlich ihr Schweigen. »Allerdings muss ich gestehen, dass mich dein Vorschlag in Versuchung führt. Ich könnte dir deinen letzten großen Wunsch vor deinem Klostereintritt erfüllen, und gleichzeitig würde mir dieser vergnügungssüchtige Ball erspart bleiben.«

Cecilia sah ihr an, wie sehr sie mit sich haderte. Beherzt griff sie nach den Händen ihrer Schwester, stülpte ihre Unterlippe vor und blickte mit großen Augen zu ihr auf. »Komm schon, Constanza, lass mich für dich zum Ball gehen!«, bettelte sie. »Wir schaden doch niemandem. Bitte!«

Nach einem letzten Zögern stieß Constanza einen ergebenen Seufzer aus. »Du bist unmöglich! Mit diesem Blick hast du mich schon in unserer Kindheit zu den größten Dummheiten überredet. Ich muss verrückt geworden sein, mich auf diesen Plan einzulassen.« Sie hob mahnend den Zeigefinger. »Aber ich tue es nur, weil ich weiß, wie sehr du unter den Plänen unseres Vaters leidest. Versprich mir, dass du dich tugendhaft verhältst und nichts Unüberlegtes tust!«

Cecilia zwinkerte ihr mit einem glücklichen Lächeln zu und hob ihre Hand zum Schwur. »Ich verspreche, dass mein Benehmen auf dem Ball tadellos sein wird und ich nichts Dummes machen werde.«

Constanza wandte sich um und gab ihrem Diener, der am Anlegesteg wartete, ein Zeichen. »Warum habe ich nur das Gefühl, dass ich diese Entscheidung noch bereuen werde«, murmelte sie resigniert.

Am Abend des Balls war Cecilia so aufgeregt, dass sie kaum stillsitzen konnte, während ihre Zofe Maria ihr die Haare richtete. Schließlich stach sich die junge Dienerin sogar mit einer der Haarnadeln in den Finger und stieß einen leisen Fluch aus.

»Entschuldige, Maria«, sagte Cecilia schuldbewusst. »Ab sofort bleibe ich ganz ruhig sitzen, versprochen.«

Es war unumgänglich gewesen, dass sie Maria in ihren Plan einweihten, doch die Zofe hatte ihnen hoch und heilig geschworen, niemandem etwas zu verraten.

»Das würde mich überraschen«, gab Maria schmunzelnd zurück. »Ihr seid so nervös und energiegeladen, dass es mich nicht wundern würde, wenn Ihr jeden Moment Funken sprüht.« Sie steckte noch eine Locke fest, trat einen Schritt zurück und betrachtete zufrieden ihr Werk.

»Nun seid Ihr bereit für den Ball!«, verkündete sie.

Constanza kam neugierig näher. »Oh, Cecilia, du siehst wunderschön aus!«, entfuhr es ihr bewundernd.

Cecilia konnte nicht mehr länger an sich halten. Ganz undamenhaft sprang sie in die Höhe und eilte zu dem Spiegel in Constanzas Zimmer. Er war in Murano, wo die weltbekannten Glasbläser und Spiegelmacher ihre Werkstätten betrieben, hergestellt worden, und der Rahmen war mit kunstvollen Intarsien geschmückt.

Der Anblick ihres Spiegelbildes verschlug Cecilia die Sprache. Maria hatte sich mit der kunstvollen Frisur, die Cecilias schlanken Hals betonte, selbst übertroffen. Das kostbare honiggelbe Seidenkleid mit den gewirkten Goldfäden passte perfekt zu ihrer Haarfarbe, während das teure, mit Fischbein versteifte Mieder sowohl ihre Taille als auch ihr Dekolleté zur Geltung brachte.

»Ihr solltet Euren Vater nicht länger warten lassen«, ermahnte Maria sie. »Er hat schon vor zwanzig Minuten nach Euch rufen lassen.«

»Aber die wichtigste Sache fehlt noch!«, erinnerte Constanza ihre Schwester und reichte Cecilia die mit Edelsteinen und Federn verzierte Stoffmaske, die farblich auf das Kleid abgestimmt war.

Cecilia fühlte einen Stich des Bedauerns, als sie die Maske entgegennahm und aufsetzte. Nun waren ihre Augenpartie und auch die Nase verdeckt, nur ihre Lippen und ein Teil der geröteten Wangen waren noch zu sehen. Es war zu schade, dass sie sich den ganzen Abend dahinter verstecken musste. Aber sie durfte nicht undankbar sein. Sie konnte sich glücklich schätzen, dass sie dank Constanzas Entgegenkommen den Ball besuchen durfte und nicht zuhause herumsitzen musste!

Cecilia warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. Plötzlich überkamen sie Zweifel, ob ihr Vater nicht doch den Unterschied bemerken würde. Zwar verdeckte die Maske ihre freche Stupsnase, die nicht ganz so klassisch geschnitten war wie die von Constanza, doch wirkten ihre Lippen bei näherer Betrachtung nicht deutlich voller als die ihrer Schwester? Wie ihr Vater wohl reagieren würde, wenn er den Betrug entdeckte? Cecilia musste ein Schaudern unterdrücken und verdrängte diesen Gedanken schnell. Nun war es zu spät, es sich noch anders zu überlegen. Entschlossen warf sich Cecilia den Umhang über, hauchte Constanza einen Kuss auf die Wange und eilte die Treppen des Palazzos hinunter. Sie atmete erleichtert auf, als sie feststellte, dass ihr Vater schon voller Ungeduld in der Gondel Platz genommen hatte. Im flackernden Schein der Fackel würde er kaum mehr als die Konturen seiner Tochter erkennen können.

»Na, endlich!«, sagte er unwirsch, als er sie erblickte. »Solch eine Verspätung hätte ich eher von deiner Schwester erwartet, nicht von dir, Constanza.« Es war ihm deutlich anzusehen, dass er dem heutigen Abend ohnehin schon wenig Erfreuliches abgewinnen konnte. Seit dem Tod seiner Frau besuchte er solche Festivitäten nur, wenn es sich nicht umgehen ließ.

Trotz seines Alters und des leichten Übergewichtes erhob er sich erstaunlich wendig und reichte seiner Tochter die Hand. Das entschuldigende Lächeln, das Cecilia für ihn aufsetzte, fühlte sich falsch und äußerst bemüht an. Musterte ihr Vater sie mit einer gewissen Irritation, oder bildete sie sich das ein? Sie konnte nur hoffen, dass er das Zittern ihrer Finger, die sie nun in seine Hand legte, lediglich der Nervosität zuschrieb und nicht der Angst vor einer Entlarvung.

»Danke«, murmelte sie leise und nahm in Constanzas üblicher Art mit steifem Rücken Platz.

Ihr Vater gab dem Diener ein Zeichen, dass sie ablegen konnten, und ließ sich mit einem verdrießlichen Stöhnen in das Polster sinken. Fast war Cecilia für die schlechte Laune ihres Vaters dankbar, da er in dieser Stimmung für gewöhnlich noch weniger sprach als üblich. Doch in der Stille kam es Cecilia wie eine Ewigkeit vor, bis die Gondel das Gewirr der kleinen Kanäle endlich hinter sich gelassen hatte und auf dem Canal Grande den Palazzo der Fabris ansteuerte. Schon von Weitem konnte man das imposante Gebäude mit der reich verzierten Fassade und den gotischen Fenstern ausmachen. Die spitzen Kielbögen an der Loggia gaben dem Palazzo ein fremdländisches Aussehen, und Cecilia fühlte sich dabei an die morgenländischen Erzählungen aus tausendundeine Nacht erinnert. Alle Fenster und auch der mit eindrucksvollen Säulen ausgestattete Kai waren hell erleuchtet, und das Lichtermeer spiegelte sich so deutlich auf den Wellen des Canal Grande, als gäbe es dort unten einen zweiten Palazzo, der sich in seinen verwunschenen Tiefen für ein rauschendes Fest bereitmachte. Tatsächlich schien halb Venedig auf den Ball zu strömen, denn vor dem Kai hatte sich eine lange Schlange aus edlen, mit Wappen verzierten Gondeln gebildet, in denen prunkvoll gekleidete Gäste saßen.

»Die Aufregung macht dich offenbar sehr schweigsam«, bemerkte Cecilias Vater in tadelndem Tonfall, während sie warteten. »Ich hoffe, du bleibst nicht wieder den ganzen Abend so verstockt, ansonsten hätte ich mir dieses vergnügungssüchtige Ereignis auch ersparen und stattdessen die Auftragsbücher durcharbeiten können. Wenn du derart still bist, wirst du wohl kaum Vincenzo Fabris’ Aufmerksamkeit auf dich ziehen können.«

Cecilia wusste, dass er es nicht böse meinte und lediglich das aussprach, was er gerade dachte. Ein Fehler, zu dem sie im Übrigen selbst neigte. Trotzdem wallten bei seinen Worten Wut und Zorn in ihr auf. Hätte sie nicht Constanzas Platz eingenommen, wäre ihre sensible Schwester nun durch seine Strenge und Härte derart eingeschüchtert gewesen, dass sie sich nur noch mehr in sich selbst zurückgezogen hätte. Wie konnte ihr Vater nur so blind für die Gefühle seiner Töchter sein?

»Ich … ich werde mir Mühe geben, Vater«, presste sie ärgerlich hervor. Sie hörte selbst, dass es ihr nicht gelang, den sanften Tonfall ihrer Schwester anzuschlagen.

Ihr Vater, der auf eine Maske verzichtet hatte, wandte ihr stirnrunzelnd den Kopf zu. Unter seinem prüfenden Blick begann Cecilias Herz so laut zu pochen, dass sie beinahe fürchtete, dass auch er es hörte. Ihr Vater öffnete den Mund, doch ehe er etwas sagen konnte, wurden sie von einem Diener in Livree förmlich begrüßt. Sie hatten den Anlegesteg mittlerweile erreicht, und nach einer steifen Verbeugung reichte der Diener Cecilia, die erleichtert den Atem ausstieß, die Hand. So anmutig wie möglich stieg sie aus und erklomm an der Seite ihres Vaters die Stufen zum Piano nobile. Schon drangen Musik, Stimmengemurmel und die Geräusche des Festes an ihr Ohr. Cecilia konnte es kaum abwarten, sich unter die Feiernden zu mischen, zu den Klängen des Orchesters zu tanzen und sich zu amüsieren. Das Piano nobile war der am schönsten ausgestattete Bereich eines Palazzos, und hatte Cecilia bisher immer geglaubt, dass der Palazzo der Salvatori den Vergleich mit den Häusern der Nobili nicht zu scheuen brauchte, so musste sie sich nun – im Piano nobile der Fabris’ – eingestehen, dass sie sich getäuscht hatte. Wohin ihr Blick auch fiel, entdeckte sie Stuck, farbenfrohe Mosaike, kristallene Kandelaber, vergoldete Schnitzereien, Marmorstatuen und Ölgemälde.

»Ich werde ins Portego gehen, um zu speisen«, sagte ihr Vater. »Möchtest du mitkommen?«

Cecilia schüttelte den Kopf. »Nein, danke, ich habe keinen Hunger.«

»Bist du sicher?« Cecilia glaubte, so etwas wie ehrliche Fürsorge in seinen grauen Augen aufblitzen zu sehen. »Vielleicht würde dir eine kleine Stärkung guttun.«

»Später vielleicht.« Sie deutete zum Ballsaal, in den die meisten Gäste strömten und wo Bedienstete mit Erfrischungen und gefüllten Weinkrügen eilig umherhuschten. »Ich möchte mich zuerst einmal umsehen.«

»Gut, dann halte dich an Sofia Contarini! Ich habe mit ihr abgesprochen, dass sie dich wie üblich unter ihre Fittiche nimmt und dich den wichtigen Persönlichkeiten und potentiellen Ehemännern vorstellt. Und falls wir uns für die Dauer des Balls aus den Augen verlieren: Denk daran, dass wir uns um Punkt ein Uhr hier zur Heimfahrt treffen.«

Er lief in Richtung Portego davon, während Cecilia ihm ratlos hinterherstarrte. Constanza hatte ihr zwar von der netten und gesprächigen Witwe Sofia Contarini erzählt, doch Cecilia war ihr noch nie persönlich begegnet. Wie sollte sie unter der Vielzahl der Anwesenden eine ihr völlig fremde Frau finden? Oder konnte es sogar gefährlich werden, wenn Cecilia ihre Hilfe in Anspruch nahm? Dadurch, dass sie ihre Schwester auf die letzten Bälle nicht mehr hatte begleiten dürfen, konnte Cecilia nicht wissen, wem Constanza bereits vorgestellt worden war und wie die Betreffenden hießen.

Erst jetzt wurde ihr klar, auf was für ein gefährliches Spiel sie sich eingelassen hatte. Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht und sich irgendwo versteckt. Als sie sich jedoch vorstellte, wie ihr Vater darauf reagieren würde, wenn er sie in einem menschenleeren Nebenraum anstatt auf dem Ball entdeckte, verzog sie unglücklich ihr Gesicht. Das war sicherlich keine Lösung!

Cecilia straffte die Schultern: Sie hatte ihrer Schwester ein Versprechen gegeben und sich selbst geschworen, diesen letzten Abend der Freude, Ausgelassenheit und Freiheit in vollen Zügen zu genießen. Hier draußen im Flur ängstlich abzuwarten würde weder ihr noch Constanza weiterhelfen. Cecilia holte tief Luft, reckte ihr Kinn in die Höhe und betrat den Ballsaal.

Auch dieser Raum war herrschaftlich ausgestattet, und die vielen Spiegel an den Wänden reflektierten die Kerzen um ein Vielfaches, sodass der Ballsaal wie im hellen Licht eines warmen Sommernachmittages erstrahlte. Mit Bewunderung stellte Cecilia fest, dass die Spiegel von einer verblüffenden Reinheit waren und somit ein Vermögen gekostet haben mussten.

Trotz des fröhlichen Stückes, das die Musiker gerade angestimmt hatten, wurde noch nicht getanzt. Die meisten Gäste standen in Gruppen beieinander, scherzten und lachten oder erhoben ihre Gläser mit einem Prost auf den herrlichen Abend und die Gastgeber. Einige Gesichter kamen Cecilia vom Kirchgang bekannt vor, doch die meisten waren für sie völlig Fremde. Ihr Blick wurde von einer Schar junger Frauen angezogen, die kichernd und gackernd einen unmaskierten, gutaussehenden Mann in einem edlen schwarzen Wams und ebenso schwarzen Kniebundhosen umringten. Nicht allein durch seine dunkle Kleidung und seine beeindruckende Statur wirkte er auf Cecilia etwas furchteinflößend, auch seine ernste, gelangweilte Miene machte auf sie einen nicht gerade freundlichen Eindruck. Seine dunkelbraunen Haare hatte er streng im Nacken zusammengebunden, und hätte sich nicht eine einzelne Strähne gelöst, die ihm wie einem unbändigen Jungen nach einem Schabernack in die Stirn fiel, hätte sie ihn für einen freudlosen und unnahbaren Zeitgenossen gehalten.

»Ich gehe jede Wette ein, dass das Vincenzo Fabris ist«, murmelte Cecilia.

»Aber natürlich ist er das, Kindchen!«, antwortete eine weibliche Stimme direkt neben ihr. »Erinnert Ihr Euch nicht, dass ich Euch bereits vorgestellt habe?«

Cecilia zuckte ertappt zusammen. Vor ihr stand eine ältere, etwas beleibte Frau, die freundliche Augen und ein gutmütiges Lächeln besaß. Ihr Kleid musste mit all den aufwendigen Stickereien teuer gewesen sein, und doch wirkte sie auf Cecilia, als käme sie direkt aus der Küche, wo sie eben noch frische Plätzchen gebacken hatte. Handelte es sich bei dieser Frau vielleicht um Sofia Contarini? Cecilia erinnerte sich daran, dass Constanza immer mit großer Zuneigung von ihr gesprochen hatte, und Cecilias Gefühl sagte ihr, dass diese Frau mit ihrem mütterlichen Auftreten selbst das zaghafte Herz ihrer Schwester für sich gewinnen konnte.

»Jetzt seht Euch nur an, wie all die schönen Frauen um Vincenzo buhlen, Constanza«, sagte sie kopfschüttelnd und versteckte ihr Gesicht hinter einer farbenfrohen Maske, die an einem Stab befestigt war. »Heute Abend kann man wohl mit Recht behaupten, dass er der begehrteste Junggeselle Venedigs ist.«

»Allerdings scheint er darüber nicht gerade glücklich zu sein«, mutmaßte Cecilia mit einem amüsierten Lächeln. »Offensichtlich ist nicht nur meinem Vater das Gerücht um Vincenzos Brautsuche zu Ohren gekommen, und ich bin nicht die Einzige, die die Anweisung erhalten hat, den begehrten Erben zu umgarnen.«

»Euer Vater hat auch mich über diesen Wunsch informiert und von mir verlangt, dass ich Euch aufgrund Eurer Schüchternheit mit aller Vehemenz in Vincenzos Nähe scheuche.« Sofia Contarini stieß einen Seufzer aus und verdrehte die Augen. »Wofür hält mich Euer Vater eigentlich? Ich bin doch keine Kupplerin! Und wenn es stimmt, was man so hört, hat der junge Fabris auch schon das ein oder andere Herz gebrochen. Er mag es lieber unverbindlich. Manchmal denke ich wirklich, dass Euer Vater das Gemüt eines Schankwirtes besitzt – von Frauen scheint er jedenfalls nicht viel zu verstehen.«

»Dem kann ich nur zustimmen«, gab ihr Cecilia aus vollem Herzen recht. Schon jetzt liebte sie Sofia Contarinis offene Art, und dies war wohl der Grund dafür, warum sie ohne weiteres Nachdenken alles ausplauderte: »Ich leide so gut wie jeden Tag darunter. Zum Glück habe ich gelernt, vieles von dem, was er sagt, einfach zu ignorieren.«

Sofia Contarini runzelte die Stirn, und in ihren Augen blitzte Erstaunen auf. »Ich muss sagen, dass Ihr mir heute irgendwie verändert erscheint«, meinte sie und musterte Cecilia eingehend.

Cecilia biss sich auf die Unterlippe und verfluchte sich innerlich. Wie hatte sie nur derart aus ihrer Rolle fallen können? Sie blickte angestrengt zu Boden. »Verzeihung, ich war wohl etwas zu vorlaut und hätte darauf achtgeben sollen, was ich sage.«

»Ich meinte dies durchaus positiv. Ihr gefallt mir, wenn Ihr so aufgeweckt und frech seid.« Sie hakte sich bei Cecilia unter und neigte ihr den Kopf zu. »Ihr habt übrigens vollkommen recht: Wenn Ihr mich fragt, verschwenden wir mit Vincenzo nur unsere Zeit, der Arme ist heute Abend schon mit genug Verehrerinnen geschlagen.«

Cecilia konnte sich ein Kichern nicht verkneifen und sah noch einmal über die Schulter zu Vincenzo Fabris. Trotz seiner abweisenden Ausstrahlung hatte er etwas an sich, dass sie faszinierte. Lag es allein an seinem guten Aussehen? Oder lockte sie die Neugier, herauszufinden, ob die widerspenstige Locke tatsächlich etwas von seinem wahren Wesen verriet? Offenbar beobachtete Cecilia ihn eine Spur zu intensiv, denn Vincenzo hob unvermittelt den Kopf. Ihre Blicke trafen sich über das Gewimmel der anderen Gäste hinweg und hielten einander für einige Sekunden fest. Seine Augen besaßen die dunkelblaue Farbe der Lagune, bevor ein Sturm aufzog, und zugleich lag in ihnen eine geheimnisvolle Tiefe, die Cecilia wohlig erschauern ließ. Ihr Herz stockte für einen verräterischen Augenblick, und mit brennenden Wangen wandte sie sich eilig ab.

Sie versuchte, sich zu beruhigen, indem sie sich daran erinnerte, dass sie als Constanza Salvatori diesen Ball besuchte, und ein Blick in die Augen dieses Mannes hatte genügt, um zu wissen, dass Vincenzo Fabris für ihre sanftmütige Schwester absolut nicht geeignet wäre. Es war besser, sie vergaß ihn so schnell wie möglich wieder. Schuldbewusst bemerkte sie, dass Sofia Contarini schon die ganze Zeit über auf sie einsprach und sie kein einziges Wort davon mitbekommen hatte.

»… schon bald getanzt wird. Versprecht mir, dass Ihr Euch dieses Mal mehr am Tanzvergnügen beteiligst, Constanza!«, plauderte Sofia eifrig weiter, während sie durch den Ballsaal schritten. »Ihr solltet mehr aus Euch herausgehen, und ein Ball ist schließlich dafür da, Spaß zu haben. Übrigens habe ich schon jemanden für Euch im Auge, der Euren Geschmack treffen könnte. Kennt Ihr Matteo Lombardi? Sein Vater ist ein betuchter Kaufmann, und Matteo ist nicht nur sehr ansehnlich, sondern auch belesen und ein fleißiger Kirchgänger. Bedauerlicherweise ist er schüchtern und benötigt etwas Ermutigung, wenn es darum geht, sich einer Frau zu nähern. Aber wenn Ihr möchtet, könnte ich natürlich …«

Dank Sofias ununterbrochenem Redefluss musste Cecilia nichts weiter tun, als eine aufmerksame Miene aufzusetzen und zu gegebener Zeit mit dem Kopf zu nicken. Endlich stellte die Witwe sie einigen weiteren Gästen vor, und während Cecilia anfangs noch etwas befangen war, überwand sie jedoch schnell ihre Scheu. Es gelang ihr sogar, den besagten Matteo Lombardi in ein Gespräch über die Schriften des Heiligen Franziskus zu verwickeln. Tatsächlich musste sie Sofia insgeheim recht geben: Er und Constanza würden ein perfektes Paar abgeben, und so gab sich Cecilia alle Mühe, den jungen Mann für sich, genauer gesagt, für ihre Schwester zu gewinnen. Und als endlich Aufstellung zum Tanz genommen wurde, fasste er den Mut, sie aufzufordern.

Als sich ihr Vater nach dem Essen mit den anderen älteren Herren in den angrenzenden Salon zurückzog, kam er kurz in den Ballsaal, hielt nach seiner Tochter Ausschau und lächelte sie zufrieden an, als er sah, dass sie mit einem heiratsfähigen jungen Mann tanzte.

Cecilia war wie berauscht von der Musik, der Pracht des Palazzos, dem Lachen und Scherzen, dem Wein und natürlich von den jungen Herren, mit denen sie im Laufe des Abends tanzte. Sofia wurde nicht müde, zu betonen, wie sehr »Constanza« plötzlich aufgeblüht sei. Sie versicherte Cecilia schmunzelnd, dass sie bestimmt schon einem halben Dutzend junger Männer den Kopf verdreht habe. Doch zu fortgeschrittener Stunde hatte Cecilia selber das Gefühl, dass ihr jemand den Kopf verdrehte, aber nicht auf gute Art. Ein unangenehmer Schwindel hatte sie erfasst, was sie wohl hauptsächlich dem Genuss des schweren Weines zu verdanken hatte. Am liebsten hätte sie wie die anderen Gäste ihre Maske, unter der es unerträglich heiß geworden war, abgenommen.

Da dies natürlich nicht möglich war, beschloss Cecilia, sich davonzustehlen und an die frische Luft zu gehen. Sie fand nach kurzem Suchen einen Zugang zum Innenhof des Palazzos, in dem sie ein kleiner, aber mit viel Liebe angelegter Garten erwartete. Der Schein einiger Fackeln tauchte den Garten in dezentes Licht, und der schwere Duft der Rosen erfüllte die Luft. Niemand sonst hatte sich an diesen ruhigen, besinnlichen Platz verirrt, die Musik war hier kaum noch zu hören.

Nun, da sie einen Moment hatte, um zur Ruhe zu kommen, kehrten all ihre Sorgen, die sie während des Balls so mühelos verdrängt hatte, schlagartig zurück. Mit einem Seufzer ließ sie sich auf eine Bank sinken und sah gedankenverloren auf den kunstvollen Marmorbrunnen neben ihr. Es erschien ihr fast wie Hohn, dass darauf eine pausbackige Amorstatue mit Bogen und Liebespfeil thronte! Nie wieder würde sie einen so wundervollen Abend wie diesen erleben, nie wieder würde sie so umschwärmt werden, und niemals würde sie ihr Herz einem der jungen Herren schenken können …

Plötzlich berührte etwas Warmes und Feuchtes ihre Hand und riss sie aus ihren trüben Gedanken: Vor ihr standen zwei schlanke Hunde mit kurzen braunen Haaren und einer edlen Körperhaltung.

»Willst du mich etwa trösten?«, fragte sie den Hund, der nun mit großer Sorgfalt ihre Hand ableckte. Cecilia glaubte sich daran zu erinnern, dass diese Rasse den klangvollen Namen Piccolo Levriero Italiano, Italienisches Windspiel, trug. Auch der andere Hund kam zu ihr, legte den Kopf auf Cecilias Knie und sah mit großen Augen zu ihr auf.

»Ihr seid ja zwei Herzensbrecher«, lachte Cecilia. »Mit diesen treuherzigen Blicken könnt ihr wirklich den schlimmsten Kummer vertreiben.«

Sie streichelte und kraulte die beiden, die dies offensichtlich sehr genossen. Schließlich sauste einer von ihnen davon und brachte Cecilia mit wedelndem Schwanz ein dick verknotetes Seil, an dem vorne eine schwere Holzkugel mit deutlichen Bissspuren hing. Dies war anscheinend ihr Lieblingsspielzeug, denn kaum hatte Cecilia es in die Hand genommen, schauten beide Hunde sie voller Erwartung an. Unschlüssig sah sich Cecilia um, sie war immer noch ganz alleine im Innenhof. Auch wenn es sich für eine Dame sicherlich nicht gehörte, bei dem Besuch eines Balls mit fremden Hunden herumzutollen, konnte sie diesen zwei liebenswerten Rüden einfach nicht widerstehen.

»Aber nur ein einziges Mal!«, flüsterte sie den beiden zu, die vor freudiger Anspannung schon zitterten. Cecilia stand auf, suchte sich einen geeigneten Wurfplatz und beförderte das Seil mit Schwung durch den Garten. Die Hunde flitzten davon, und nach einem kurzen Gerangel brachte der Sieger das Seil voller Stolz Cecilia zurück. Der Verlierer blickte so bedauernswert drein, dass Cecilia sich erneut erweichen ließ. »Aber dieses Mal musst du dich mehr anstrengen!«, ermahnte sie ihn lachend.

Schnell ließ sich Cecilia von dem Übermut der beiden anstecken; Anstand und Sitte waren vergessen. Sie warf mit immer größerer Begeisterung das Spielzeug, bis die Holzkugel versehentlich in Richtung des Brunnens flog und dort auf Amors Pfeil traf. Unter der Wucht des Aufpralls gab er mit einem lauten Knirschen nach und fiel in den Brunnen.

»Ach du lieber Himmel!«, rief Cecilia bestürzt. Panisch blickte sie sich um, aber da niemand zeternd aus dem Haus gelaufen kam, schien der kleine Unfall glücklicherweise unbemerkt geblieben zu sein. »Und ihr beiden verratet mich gefälligst nicht, habt ihr gehört?«, sagte sie an die Hunde gewandt. »Immerhin seid ihr auch nicht ganz unschuldig daran.« Wie auf Kommando blinzelten die beiden sie völlig arglos an.

Cecilia fischte den Pfeil aus dem Wasser und versuchte vergeblich, ihn wieder an Amors Hand zu befestigen, um den Schaden zu kaschieren. Am Ende riss sie sich von ihrem Unterkleid ein kleines Stückchen Stoff ab und band den Pfeil einfach fest. Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete gemeinsam mit den Hunden, die ihre Bemühungen interessiert verfolgt hatten, ihr Werk.

»Was meint ihr?«, fragte Cecilia skeptisch. »Kann ich das so lassen?«

»Gestattet mir, Euch einen Ratschlag zu geben«, antwortete eine tiefe Stimme hinter ihr. »Es wäre sicher unauffälliger, den Pfeil zu verstecken oder zu vergraben, anstatt ihn mit einem Tuch an der Statue festzubinden.«

Cecilia fuhr erschrocken herum. Nur eine Handbreit von ihr entfernt stand Vincenzo Fabris! So nah, wie sie ihm war, kam er ihr noch größer vor, seine breiten Schultern wurden von dem edel geschnittenen Wams zusätzlich betont, und er strahlte eine geradezu unerschütterliche Ruhe aus. Ob er sie wohl schon lange beobachtet hatte? Cecilias Wangen begannen zu glühen, als sie daran dachte, wie sie vor wenigen Augenblicken noch ganz undamenhaft mit den Hunden herumgetollt und dann auch noch ihre Röcke angehoben hatte, um ein Stück Stoff abzureißen!

»Entschuldigt, ich … ich bedauere dieses Missgeschick zutiefst«, stammelte Cecilia. Am liebsten wäre sie vor Scham im Boden versunken. »Mein Vater wird Euch den Schaden sicherlich ersetzen.«

Vincenzos Mundwinkel zuckten, als müsse er sich ein Schmunzeln verkneifen. »Wollt Ihr mich beleidigen? Ich würde niemals von einer bezaubernden Frau, wie Ihr es seid, Geld für solch eine Kleinigkeit einfordern.«

Irritiert sah Cecilia auf. Hielt er sie tatsächlich für eine bezaubernde Frau? Oder erlaubte er sich mit ihr einen Spaß? Ehe sie sich eine passende Antwort überlegen konnte, verbeugte er sich galant, griff nach ihrer Hand und deutete einen Handkuss an.

»Trotz Eurer Maske bin ich mir sicher, dass wir uns am heutigen Abend zum ersten Mal begegnen. Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?«

»Ihr … Ihr wollt meinen Namen wissen?«, entfuhr es ihr wenig geistreich. Wo war nur ihre Schlagfertigkeit geblieben? Immerhin konnte sie von Glück sagen, dass sie vorhin der Versuchung nicht nachgegeben hatte, in der Einsamkeit des Gartens ihre Maske abzusetzen. Schon öffnete Cecilia den Mund, um den Namen ihrer Schwester zu nennen, doch dann hielt sie im letzten Moment inne. Wäre es nicht klüger, Vincenzo Fabris einen anderen, völlig fremden Namen zu nennen? Nicht nur wegen des Schadens am Brunnen, sondern auch aufgrund ihres unziemlichen Benehmens. Mittlerweile war Cecilia ihm gegenüber schon zu sehr aus der Rolle der Constanza gefallen, und immerhin hatte sie ihrer Schwester versprochen, sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen.

»Maria«, antwortete sie etwas atemlos. »Mein Name ist Maria … Lombardi.« In ihren Ohren war die Lüge in jeder einzelnen Silbe zu hören, doch Vincenzo lächelte sie freundlich an.

»Es freut mich, Euch kennenzulernen, Maria Lombardi. Erlaubt mir zu bemerken, dass Ihr wohl die einzige Dame des Abends gewesen seid, die auf einen Tanz mit mir keinen gesteigerten Wert gelegt hat.«

Cecilia war überrascht, dass ihm das aufgefallen war. »Ich hatte lediglich kein Interesse daran, mich der Schar Gänse anzuschließen, die Euch umflattert und verzweifelt um Eure Aufmerksamkeit gebettelt hat«, entfuhr es ihr wie von selbst.

Er lachte auf. »Gänse? Das habt Ihr gut erkannt. Deswegen habe ich mich hierher zurückgezogen. Über zu wenig weibliches Interesse kann ich mich heute Abend wahrlich nicht beklagen. Ich frage mich nur, womit ich das verdient habe.«

Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Ihr habt mein tiefstes Mitgefühl. Es muss schwer sein, derart umschwärmt zu werden.«

»Verspottet Ihr mich etwa?« Er fasste sich in theatralischer Geste ans Herz. »Könnt Ihr Euch vorstellen, wie viele Gespräche ich am heutigen Abend schon über die neuste Pariser Mode führen musste? Und wie sehr meine Füße schmerzen, weil zu viele Frauen mit einem offensichtlichen Mangel an Leichtfüßigkeit darauf getreten sind?«

Cecilia zog eine Augenbraue hoch, auch wenn er das unter der Maske nicht sehen konnte. »Was habt Ihr anderes erwartet? Schließlich hat das Gerücht, dass Ihr auf Druck Eurer Eltern auf dem Ball eine Gemahlin wählen werdet, ganz Venedig in Aufregung versetzt.«

»Ich soll heute was?«, fragte er und schnaubte amüsiert. »Dieses Gerücht entspricht sicherlich nicht der Wahrheit, aber ich danke Euch, dass Ihr mir davon erzählt habt! Ihr habt mich im letzten Moment davor bewahrt, mich in Eitelkeiten zu versteigen: Ich dachte schon, ich hätte all diesen Frauen allein mit meinem guten Aussehen und meiner charmanten Ausstrahlung den Kopf verdreht.«

Cecilia lachte. Ihr gefiel Vincenzos offene und selbstironische Art, und sie konnte nicht anders, als sich in seiner Gegenwart wohl zu fühlen.

Unerwartet verdunkelte sich jedoch seine Miene. »Umso herber ist dann aber der Schlag für mein Selbstvertrauen.«

»Wie darf ich das verstehen?«, fragte Cecilia irritiert.

»Wenn einer der begehrtesten Junggesellen Venedigs eine Ehefrau wählt, sollte sich doch jede junge Frau um dessen Gunst bemühen, oder nicht? Doch anscheinend konnte ich nicht einmal mit meinen vermeintlichen Heiratsabsichten Euer Interesse wecken.«

Sie zuckte beiläufig mit den Schultern. »Ich beteilige mich nur ungern an Treibjagden, vor allen Dingen, wenn das Wild offensichtlich so inständig an seiner Freiheit hängt.«

»Wenn der Jäger geschickt genug ist, merkt das Wild vielleicht gar nicht, dass es gefangen wird«, gab er zurück und sah sie so durchdringend an, dass Cecilia seltsam nervös wurde. Hastig beugte sie sich zu den Hunden hinab, die entspannt auf dem Boden lagen, und kraulte einen von ihnen am Ohr.

Beim Anblick der beiden Tiere schlich sich ein liebevoller Ausdruck in Vincenzos Augen, und Cecilia hatte den Eindruck, zum ersten Mal einen Blick hinter seine gutgelaunte Fassade werfen zu können.

»Ihr habt Euch bereits mit Fausto und Emilio angefreundet? Sie sind sehr wählerisch, wenn es darum geht, wem sie ihre Zuneigung schenken.«

»Ich liebe Hunde. Mein Cousin in Mestre hält sich auf seinem Gut mehrere Jagdhunde«, erzählte Cecilia, erleichtert, dass er das Thema gewechselt hatte. »Die meisten Venezianer bevorzugen zwar Katzen wegen ihres majestätischen Wesens, doch ist es nicht viel lohnenswerter, die Freundschaft eines Hundes zu gewinnen? In ihm findet man einen Gefährten fürs Leben, und jeden Tropfen Liebe, den man ins Herz eines Hundes füllt, erhält man tausendfach zurück.«

»Gefährten fürs Leben«, wiederholte er versonnen und ließ sich ebenfalls in die Knie sinken, um den beiden Rüden liebevoll auf den Rücken zu klopfen. Sofort sahen sie ihren Herrn erfreut an und warteten auf weitere Gunstbeweisungen. »Ja, das trifft es in der Tat.«

Er streichelte den beiden über das Fell, und wie zufällig traf seine Hand auf Cecilias Finger. Obwohl es sich nur um eine zarte, flüchtige Berührung handelte, rieselte ein warmer Schauer durch Cecilias Körper. Überrascht über diese verstörende, wenngleich auch zutiefst angenehme Reaktion, zog sie ihre Hand reflexartig zurück, was sie augenblicklich bedauerte. Was hatte dieser Mann nur an sich, dass sie derart stark auf ihn reagierte?

Ihr fiel auf, dass er sie interessiert beobachtete, was eine Hitzewelle in ihr aufsteigen ließ und ihre Wangen zum Glühen brachte. Die Aura der Langeweile, die Vincenzo auf dem Ball umgeben hatte, schien sich in Nichts aufgelöst zu haben. »Ich … ich sollte wieder hineingehen«, stieß sie hervor.

»Ich glaube, für Amors zerbrochenen Liebespfeil seid Ihr mir wenigstens einige Minuten Eurer Zeit schuldig, liebe Maria.« Er reichte ihr galant die Hand und half ihr, sich zu erheben. Erneut rief die Berührung ein angenehmes Prickeln hervor, und Cecilias Herzschlag beschleunigte sich. »Macht mit mir einen kleinen Rundgang durch den Garten!«

Cecilia nickte und legte ihre Finger auf seinen Arm.

»Bitte erzählt mir mehr von Euch!«, verlangte Vincenzo, während er sie auf einem schmalen Kiesweg durch den Garten führte. »Mit was vertreibt Ihr Euch die Zeit, wenn Ihr nicht gerade auf dem Gut Eures Cousins in Mestre seid?«

»Ich …«, setzte sie gedehnt an. Schon bereute Cecilia, dass sie dem Rundgang zugestimmt hatte. Sie hätte besser darauf bestehen sollen, zum Ball zurückzukehren! Constanza zuliebe war es ohnehin Cecilias schwesterliche Pflicht, noch einmal mit Matteo Lombardi zu tanzen, dessen Nachnamen sie sich in ihrer Not zu eigen gemacht hatte. Aber konnte sie Vincenzo gegenüber nicht einfach bei der Wahrheit bleiben? Da sie ihm einen falschen Namen genannt hatte, konnte sie ihm ihre geheimsten Gedanken verraten, ohne unangenehme Konsequenzen befürchten zu müssen …

»Ich interessiere mich für Wissenschaft und Geografie, besonders für fremde Länder. Wenn es mir erlaubt wäre, würde ich gerne auf Reisen gehen. Oft stehe ich am Hafen und beobachte die Schiffe, die an- und ablegen. Ich habe das noch nie jemandem verraten, aber manchmal spiele ich mit dem Gedanken, mich auf eines der Schiffe zu schleichen und mit ihm in die Ferne zu segeln.«

»Das kann ich nachvollziehen«, stimmte er ihr ohne Zögern zu, was Cecilia erstaunte. Für Frauen gehörte es sich im Allgemeinen nicht, solche Gedanken zu äußern. Sie hatten sich damit zufriedenzugeben, bei ihrer Familie zu leben und das Schicksal zu akzeptieren, das man ihnen zugedacht hatte. Doch Vincenzo schien sich um solche gesellschaftlichen Regeln nicht zu kümmern.

»Ich selbst war im Auftrag meiner Familie schon auf einigen Handelsreisen und würde diese Erfahrung nicht missen wollen«, fuhr Vincenzo fort. »In Konstantinopel wird man regelrecht berauscht von all den Sinneseindrücken, den fremdartigen Gerüchen, der orientalischen Architektur, der seltsamen Sprache und der Mentalität der Bewohner.«

»Und was war der schönste Ort, den Ihr gesehen habt?«, fragte Cecilia aufgeregt.

Vincenzo dachte einen Moment nach, ehe er antwortete: »Es gab viele schöne Orte, die dazu einluden zu verweilen. Andere bezauberten durch ihre Andersartigkeit oder durch freundliche Menschen. Doch für mich gibt es nur einen Ort, auf den all diese Dinge gleichzeitig zutreffen. Der Ort, zu dem ich immer zurückkehren möchte, egal wie beschwerlich die Reise ist oder wie viele Hindernisse es zu überwinden gilt.«

»La Serenissima!«, sagte Cecilia leise.

Er blieb stehen, wandte sich ihr zu und nickte. »Venedig ist die schönste Stadt von allen! Nur hier stehen prunkvolle Palazzi auf Millionen von Baumstämmen und schweben regelrecht über dem Wasser. Nur hier kann man sich in den verwunschenen Gassen und Kanälen verlieren und aus seinem Zimmer auf das Wasser hinabsehen wie auf einen unergründlichen Spiegel, unter dessen Oberfläche unsere Träume und Geheimnisse verborgen liegen.«

Vincenzo blickte ihr tief in die Augen, als seien sie die unergründlichen Spiegel, hinter denen sich seine Träume verbargen. Er hob die Hand und strich mit dem Finger zart über ihr Kinn.

»Ihre Grazie und Anmut bezaubern mich. Ihre Lebendigkeit nimmt mich gefangen«, sagte er mit heiserer Stimme.

Cecilia hielt den Atem an. Sprach er noch von der Stadt? Oder meinte er damit … etwa sie? Noch nie hatte ein Mann so mit ihr gesprochen und so offen sein Interesse gezeigt. Am liebsten hätte sie die Augen geschlossen und ihre Wange in seine Hand geschmiegt.

Doch sie drehte den Kopf zur Seite. Bestimmt bildete sie sich seine Zweideutigkeiten nur ein! Ein gutaussehender, erfahrener Mann wie Vincenzo, der jede junge Frau Venedigs erwählen konnte, würde sich bestimmt nicht für ein naives Mädchen, wie sie es war, interessieren. Viel wahrscheinlicher war, dass er nur mit ihr spielte, um sich die Zeit zu vertreiben – schließlich trug er nicht umsonst den Beinamen »Der Unbezähmbare«. Cecilia wollte sich gar nicht erst vorstellen, wie viele Frauenherzen er mit seinen Komplimenten und Avancen schon erobert hatte, nur um sie dann ohne Mitleid wieder zu brechen. Sie durfte sich keiner lächerlichen Schwärmerei hingeben, egal wie intensiv sie auf seine Nähe reagierte!

Sie hob hochmütig das Kinn. »Sicher ist Venedig eine bezaubernde Stadt, doch sollte man auch hinter die schöne Fassade blicken, die Ihr so gerühmt habt: Dann sieht man den Nebel und die kalte Feuchtigkeit der Wintermonate, das Salzwasser, das die Häuser zerstört, und nicht zu vergessen Acqua alta, das Hochwasser. Es ist der Preis der Schönheit, dass man auch die weniger angenehmen Dinge in Kauf nehmen muss.« Sie holte tief Luft, und ehe sie es verhindern konnte, fügte sie noch spitz hinzu: »Genau wie bei der Wahl einer Ehefrau.«

Er stutzte, dann zog er überrascht eine Augenbraue hoch. »Wollt ihr damit andeuten, ich sei zu bequem, um Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen? Dass ich mich deswegen nicht vermähle?«

Cecilia konnte nicht fassen, dass ihr dieser bissige Kommentar herausgerutscht war. Wo war nur ihre Beherrschung geblieben? Es konnte ihr schließlich völlig gleichgültig sein, wie Vincenzo sich verhielt.

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