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Mit Dir im Paradies der Liebe

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PROLOG

Der große, schlanke Mann lehnte sich an das Geländer und blickte aufs Meer hinaus. Der schlichte Holzbungalow lag weitab vom Trubel etwas abseits auf dem Hotelgelände.

Der Mann seufzte zufrieden. Es war ein lauer Abend, und eine sanfte Brise fächelte seine Haut. Stimmen drangen über das Wasser zu ihm herüber, aber er war wie immer allein. Allerdings hatte er es sich schon vor Jahren so ausgesucht. Trotzdem fragte er sich manchmal, wie es wäre, wenn er sich damals anders entschieden hätte. Wenn sie bei ihm wäre.

„‚Die nicht unmögliche Sie‘“, zitierte er Niall Blackthorne laut und voller Selbstironie.

Der Eingang des Casino Caraibe Royale, das auf der anderen Seite der Bucht lag, war hell erleuchtet, und die ersten Gäste trafen bereits in gemieteten Limousinen ein. Bald würde die Steelband anfangen zu spielen.

Die Party beginnt, dachte Niall.

Dann verdrängte er jene untypischen Gedanken und streckte sich genüsslich. Er trug nur Jeansshorts, fröstelte aber nicht, weil es trotz der einsetzenden Dämmerung immer noch angenehm warm war. Erst später würde vom Meer her Wind aufkommen. Und er würde zur Arbeit gehen.

Niall musste lächeln, als er daran dachte. Frisch geduscht und rasiert, das schwarze Haar glänzend, würde er in seinem perfekt sitzenden Smoking zum Casino fahren. Dort würde er sich wie immer unter die Touristen und professionellen Spieler mischen, sich dabei distanziert und geheimnisvoll geben und Blackjack, Roulette und Poker spielen.

Manchmal gewann er, und die Leute beneideten ihn. Manchmal verlor er, und sie bewunderten seine Gleichgültigkeit. Aber immer blieben sie auf Distanz. Selbst die Frauen, die in ihn verliebt zu sein glaubten, blieben nie. Er wollte es auch nicht.

An diesem warmen Abend konnte er nur für einen Moment so tun, als wäre er der Beachboy, den er rein äußerlich darstellte. Das Alleinsein hat auch viele Vorteile, rief er sich ironisch ins Gedächtnis. Keine Frau würde diese Seite an ihm lange tolerieren, selbst wenn er es sich wünschte.

Und das war natürlich nicht der Fall. Niall wurde ernst und blickte wieder auf den Ozean.

Du kannst die Augen nicht vor der Wahrheit verschließen, sagte er sich.

Er war ein Mann, der nur eine Frau brauchte. Und diese eine Frau gehörte einem anderen.

1. KAPITEL

Alle Leute in dem großen Raum verstummten, als Jemima Dare ihn betrat. So war es in letzter Zeit immer. Eigentlich hielten nur alle den Atem an, doch es sagte mehr als alles andere, denn es bedeutete: Die Königin ist hier. Liebt sie, oder verachtet sie.

Und genau das bin ich jetzt, dachte Jemima. Die Königin in dieser kleinen Welt.

Sie spürte die Blicke auf sich. Und wusste, welche Erwartungen man an sie stellte. Einen Moment lang rang sie förmlich nach Luft.

Dann riss sie sich zusammen. Du darfst dein Publikum niemals enttäuschen …

Also warf sie das wunderschöne tizianrote Haar zurück, kniff die berühmten bernsteinfarbenen Augen zusammen und lächelte in die Runde.

Dieses Schweigen war ihr von dem Augenblick an entgegengeschlagen, als Belinda Cosmetics sie für seine internationalen Kampagnen ausgesucht hatte. In diesem Monat war sie bereits zum zweiten Mal auf dem Titelblatt des Elegance Magazine, und damit war ihre Stellung gesichert. Alle anderen Models im Raum waren grün vor Neid – und viel zu viele verachteten sie deswegen.

Pass auf, was du dir wünschst. Du könntest es bekommen.

Instinktiv straffte Jemima die Schultern.

„Hallo“, grüßte sie.

Inzwischen beachtete sie allerdings kaum noch jemand, denn alle waren mit den Anproben beschäftigt, zupften die Designeroutfits zurecht, balancierten auf hohen Absätzen und konzentrierten sich auf ihr Make-up und ihre Frisuren. Einige der Frauen, mit denen sie befreundet gewesen war, bevor sie Karriere gemacht hatte, erwiderten ihr Lächeln. Ein neues Mädchen wirkte so eingeschüchtert, dass es den Tränen nahe schien. Aber niemand sagte ein Wort.

Obwohl es im Gegensatz zu draußen, wo eisige Kälte herrschte, richtig heiß war, fror Jemima sogar innerlich.

Pass auf, was du dir wünschst …

Ja, ihr Wunsch war in Erfüllung gegangen. Und nun konnte sie nichts mehr machen. Die Würfel waren gefallen, schon vor Jahren. Damals war sie siebzehn gewesen. Sie hatte Basil Blane geglaubt, als er sagte: „Du bist ein Naturtalent, Baby. Ich kann dich zum Star machen.“

Und das hatte er tatsächlich getan. Sie war jetzt ein Star, die Königin der Laufstege. Allerdings hatte Basil ihr verschwiegen, welchen Preis sie dafür würde zahlen müssen.

Einen Moment lang blickte Jemima sich in dem Raum voller Frauen um, die sich nicht überwinden konnten, sie zu begrüßen, und ein trauriger Ausdruck trat in ihre Augen. Dann zuckte sie die Schultern. Das ist der Preis für den Erfolg, dachte sie zynisch, bevor sie sich einen Weg an den Garderobenständern und Ankleidehilfen vorbei zu bahnen begann.

Seit mehr als fünf Jahren war sie mit dem Chaos vertraut, das bei internationalen Modeschauen hinter der Bühne herrschte. Sie wusste, wie es lief, und sie war gut.

„Da bist du ja“, begrüßte der Designer sie. Der Ausdruck in seinen Augen verriet Panik, und seine Hände waren noch kälter als ihre. Dies war seine erste große Modenschau. „Ich habe so oft versucht, dich zu erreichen. Gehst du denn nie ans Telefon?“

„Ich lasse nie jemanden im Stich“, erwiderte sie ausweichend. Und das stimmte. Es war fast das Einzige in ihrem Leben, auf das sie zurzeit stolz sein konnte. „Bleib locker, Francis. Du wirst nachher stolz auf mich sein.“

Und tatsächlich gab Jemima an diesem Tag die Vorstellung ihres Lebens. Die Show wurde mit Standing Ovations quittiert, und der Designer versammelte seine Models unter Tränen um sich.

Jemima legte den Kopf auf seine Schulter, wobei ihr rotes Haar über seine Lederjacke fiel. Es wirkte spontan und drückte Zuneigung aus – ein perfektes Motiv für die anwesenden Fotografen.

Und alle wussten es. Genau so hatten sie es am Vorabend besprochen. Die Leute von der PR-Agentur, der Publizist, Francis …

Von wegen spontan!

Als man es ihr sagte, verlor sie kurz die Fassung. Sie war gerade erst aus Paris zurückgekehrt, und das Reisen bekam ihr in letzter Zeit nicht. Für einige Sekunden vergaß sie völlig, dass man sie für diese vermeintliche Spontaneität gut bezahlte.

„Ihr versucht, Gerüchte über Francis und mich in die Welt zu setzen“, warf sie ihnen vor.

„Denk ans Geschäft, und tu, was man dir sagt, Jemima“, hatte ihre Marketingdirektorin resigniert erwidert. „Du bist das Gesicht von Belinda. Wir brauchen die Presse. Madame ist wegen der Show in London.“

Und vor Madame hatten alle Angst.

Daher lehnte Jemima sich nun an Francis und lächelte zu ihm auf, als wäre er der nette junge Mann von nebenan und nicht der arbeitswütige Designer ohne gesellschaftliche Umgangsformen. Die Paparazzi knipsten begeistert drauflos, während die Kolumnisten sich Notizen machten. Hier und da seufzte sogar jemand begeistert auf.

Ich kann mir die Schlagzeilen schon lebhaft vorstellen, dachte Jemima ironisch. Jemima endlich verliebt?

Tapfer lächelte sie weiter.

Sobald sie hinter dem Vorhang waren, nahm Francis sofort den Arm hinunter. „Danke, Baby.“

Allerdings nannte er alle Frauen so. Diese Intimität war lediglich für die Öffentlichkeit gespielt. Genau wie alle anderen Männer wusste er, dass sie nicht zu haben war. Außer für einen. Und der …

Jemima schluckte.

„Ich bin wirklich stolz auf dich“, erklärte Francis.

Sie lächelte mechanisch. „Das habe ich gern getan.“

„Hast du vielleicht …?“ Plötzlich wirkte er verlegen.

Mit Hilfe einer seiner Angestellten zog sie seine Kreation, eine Seidentunika, aus. „Was?“

„Lust auf ein Essen?“, fragte er leise. Plötzlich wirkte er verlegen. Und es lag nicht nur daran, dass sie nun im Slip vor ihm stand.

Jemima seufzte im Stillen. „Nein, tut mir Leid, Francis. Madame ist in London. Sie kann mich jeden Moment zu sich bestellen.“

Ein Ausdruck der Erleichterung trat in seine Augen. „Dann ein andermal.“

Beinah hätte sie laut aufgelacht. Sie tat es nur deswegen nicht, weil seine Assistentin immer noch neben ihr stand. Und diese hatte sicher einen guten Draht zu mindestens einem Boulevardblatt, davon war sie überzeugt.

„Abgemacht. Rufst du mich an?“ Giftig lächelte sie die Assistentin an. „Haben Sie das mitbekommen?“

Steif wandte diese sich ab. Die Atmosphäre war äußerst spannungsgeladen.

Jemima hakte ihren BH zu.

Francis blinzelte. „Du wirst immer besser, stimmt’s?“

Jetzt war sie ehrlich überrascht.

„Oh, du warst immer toll“, fuhr er fort, „aber seit einigen Monaten ist irgendetwas anders. Du wirkst so … gefährlich.“

Jemima, die sich gerade vorsichtig ihre Feinstrumpfhose anzog, verharrte mitten in der Bewegung. „Gefährlich?“

„Es ist sehr sexy“, versicherte er.

Zum ersten Mal an diesem Tag war ihr Lächeln echt. „Das ist wirklich nett von dir, Francis. Danke.“

„Du bist besser, als dir bewusst ist.“ Ein wenig verlegen tätschelte er ihr die Schulter. „So, jetzt muss ich mich unter die Gäste mischen. Wo hast du deinen nächsten Termin?“

Dies war die London Fashion Week, und die Mädchen hetzten von einer Modenschau zur anderen.

Jemima seufzte. „In der PR-Agentur. Es sei denn, Madame Belinda pfeift nach mir.“

„Tja, so ist das Leben als Supermodel!“

„Von wegen Supermodel. Den Höhepunkt meiner Karriere habe ich hinter mir.“ Sie schlüpfte in ihr schwarzes Top und die braune Lederhose.

„Du könntest wieder ganz an die Spitze kommen.“

„Schön wär’s!“

Schnell zog sie die dazu passende dünne Lederjacke an. Es war Februar, und sie war viel zu dünn angezogen, doch vermutlich warteten draußen Fotografen, und als Königin der Topmodels konnte sie sich nicht dick eingemummelt in der Öffentlichkeit blicken lassen.

„Und dann? Kehrst du nach Paris zurück?“

Jemima schüttelte den Kopf. „Ich fliege morgen für Aufnahmen nach New York.“ Zumindest theoretisch, fügte sie in Gedanken hinzu.

Wenn Madame Belinda sich auf dem Kriegspfad befand, war sie durchaus in der Lage, einen Vertrag kurzfristig aufzulösen. Jemima erschauerte. Falls Belinda Cosmetics sich von ihr trennte, wäre ihre Karriere beendet. Und was dann?

Sie beschloss, sich erst den Kopf darüber zu zerbrechen, wenn es so weit war. Nachdem sie sich Kreolen ins Ohr gesteckt hatte, warf sie das lange rote Haar zurück und betrachtete sich im Spiegel.

„Sehr gut“, sagte sie. „Auch wenn ich mir eine Lungenentzündung hole.“

Francis, der eigentlich längst hätte gehen müssen, lachte. „Ich meine es ernst, Jemima. Du bist ein Star.“

Jemima nahm ihre große Umhängetasche von dem Haufen aus Taschen und Schuhen auf dem Boden. „Nimm es mir nicht übel“, meinte sie forsch. „Es ist nicht von Dauer.“

„Was?“, fragte er entgeistert.

Prompt bereute sie ihre unbedachten Worte und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Vergiss es. Ich muss los. Die Limousine wartet auf mich.“

Obwohl es auf der Straße sehr voll war, entdeckte Jemima die Limousine sofort. Sie bestand darauf, dass man ihr in London immer denselben Wagen und denselben Fahrer zur Verfügung stellte, was auch einer der Gründe dafür war, dass sie als zickig galt.

Wenn die anderen nur wüssten!

Jemima stieg ein, streckte die langen Beine aus und nahm ihr Handy aus der Tasche. Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, schaltete sie es ein und hörte die Mailbox ab. Madame Belinda erwartete sie um drei im Dorchester. Okay, es hätte schlimmer kommen können. Die Textnachrichten las sie nicht.

Die PR-Agentur hatte sie zum Mittagessen ins Savoy eingeladen. Zwei Mitarbeiterinnen, die fast genauso elegant waren wie sie, erwarteten sie bereits im Aufenthaltsraum und boten ihr Appetithäppchen und einen Drink an. Jemima lehnte beides ab.

„Das ist schlecht für die Haut.“ Graziös nahm sie in einem Sessel Platz. „Ich nehme ein Glas Wasser.“

Die beiden wechselten einen viel sagenden Blick.

Jemima zuckte insgeheim zusammen. Sie arbeitete bereits seit mehr als einem Jahr mit den beiden zusammen. Ihre Schwester Izzy war sogar mit dem Bruder von Abby, der Etatdirektorin, verlobt. Und trotzdem behandelten sie sie immer noch wie eine verwöhnte Diva. Allerdings mussten sie nicht so tun, als würde es ihnen Spaß machen.

Pass auf, was du dir wünschst …

„Möchtest du noch deine Nachrichten lesen, bevor wir anfangen?“, erkundigte sich Abby.

Jemima verspannte sich. „Nein, danke.“

„Würde es dir dann etwas ausmachen, das Handy auszuschalten? Wir möchten nicht gestört werden.“

„Es ist aus.“

Wieder wechselten die beiden einen viel sagenden Blick. Dann reichte Abby ihr einen Ordner.

„Möchten Sie erst die gute oder die schlechte Neuigkeit hören?“, fragte Molly di Peretti.

Jemima legte den Ordner auf den Tisch und trank einen Schluck Mineralwasser. „Die gute. Ich bin Optimistin.“

Molly tippte auf den Ordner. „In den Zeitungen wird wieder mehr über Sie berichtet. Im letzten Monat wurde in der internationalen Presse über kein Model so viel geschrieben wie über Sie.“

„Toll.“

„Die schlechte Neuigkeit ist, was man über Sie sagt.“

Jemima zog die Augenbrauen hoch.

„Dass Sie weniger arbeiten und immer mehr verlangen. Dass Sie eine eingebildete Kuh sind und alle Sie hassen“, berichtete Molly in neutralem Tonfall.

„Aha.“

Lady Abigail, die irgendwann im Herbst neben ihr hinter Izzy Dare zum Altar gehen würde und sich nicht darauf freute, gab sich etwas versöhnlicher.

„In dieser Branche macht man sich schnell unbeliebt. Du musst einfach etwas vorsichtiger sein.“

Als Jemima Mollys Miene sah, sagte sie: „Na los, raus mit der Sprache, Molly.“

„Abby ist zu nachsichtig mit Ihnen“, verkündete Molly daraufhin. „Sie gelten mittlerweile als verwöhntes Gör, weil Sie sich auch so benehmen.“

Abby stöhnte auf, doch Jemima und Molly ignorierten sie.

„Sie stellen einfach zu hohe Ansprüche.“ Molly begann, an den Fingern abzuzählen. „Sie wollen immer dieselbe Limousine und denselben Fahrer haben und in Privatmaschinen fliegen. Dann haben Sie sich geweigert, im besten Hotel in New York zu wohnen, weil Sie allein sein wollten, und wir mussten zu einem horrenden Preis eine Wohnung mieten …“ Wütend funkelte sie sie an. „Sie sind nicht Greta Garbo, Jemima. Bleiben Sie auf dem Teppich.“

„Ich zahle Ihrer Agentur viel Geld dafür, dass sie für mich die PR macht“, erwiderte Jemima kühl. „Aber ich habe Sie nicht als Beraterin für alle Lebenslagen engagiert.“

Molly stellte ihr Glas so abrupt auf den Tisch, dass etwas von ihrer Margarita auf die polierte Oberfläche schwappte. Abby wischte es mit einer Papierserviette weg, doch weder Molly noch Jemima achteten darauf.

„Okay, ich sage Ihnen die Wahrheit – sonst tut es ja keiner“, sagte Molly hitzig. „Ihre Agentin hat zu große Angst davor, dass Sie sie feuern, und Ihre Schwester fasst Sie mit Samthandschuhen an. Als man bei Belinda Cosmetics ein neues Gesicht gesucht hat, wollte man eine junge Frau, mit der andere sich identifizieren können, und keinen klapprigen Kleiderständer oder eine unnahbare Berühmtheit. Eine ganz normale junge Frau mit Familie und Freunden. Ich habe einige Ausschnitte in den Ordner getan“, fügte sie bissig hinzu.

„Danke.“ Aufgebracht funkelte Jemima sie an.

„Ich dachte, es würde Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Als Sie den Job gekommen haben, haben Sie alle Anforderungen erfüllt. Jetzt tun Sie es nicht mehr. Ich wette, dass die Leute von Belinda es auch schon gemerkt haben.“

Wusste Molly etwa, dass Madame wie eine Schwarze Witwe im Dorchester auf sie wartete, um ihr die Knochen zu brechen?

Jemima presste die Lippen zusammen und schwieg.

„Oh, gern geschehen“, erwiderte Molly verächtlich.

Dann sah sie Abby an. Ich geb’s auf, verriet ihr Blick. Sie stand auf. „Mach du weiter, Abby. Ich habe im Büro zu tun.“ Wütend verließ sie den Raum.

„Molly nimmt ihre Arbeit sehr ernst“, erklärte Abby entschuldigend.

Jemima schluckte. „Ach ja?“

Nur einen Moment lang hatte Abby den Eindruck, dass Jemima von ihrem hohen Ross herunterkommen würde. Ihr war egal, was Jemima machte – ob sie lachte, weinte, über Molly fluchte oder mit Gegenständen um sich zu werfen begann –, solange sie nur aufhörte, sich so gefasst, gelangweilt und gleichgültig zu geben.

Sie tat es allerdings nicht.

Stattdessen lehnte sie sich in dem Sessel zurück, setzte ihr berühmtes Lächeln auf und meinte lässig. „Erzähl mir von meiner Familie. Als ich das letzte Mal mit Izzy gesprochen habe, sagte sie, sie könnten den Termin für die Hochzeit erst festsetzen, wenn Dominic seinen Trainingsplan aufgestellt hat.“

Genau wie Molly gab Abby es daraufhin auch auf.

Beim Mittagessen war Jemima witzig, aber immer in der Defensive. Zu den Obern war sie charmant, und die Blicke der anderen Gäste ignorierte sie. Als allerdings einer von ihnen aufstand und zu ihnen an den Tisch kam, verspannte sie sich.

Wie sich herausstellte, war er Rechtsanwalt und hatte eine Nichte, die unbedingt Model werden wollte. Jemima schenkte ihm ihr berühmtes Lächeln, signierte das Exemplar des Elegance Magazine, das er dabeihatte, und bat ihn, seiner Nichte auszurichten, dass diese erst die Schule beenden sollte, bevor sie sich bei einer der bekannten Agenturen bewarb. Nachdem er ihr seine Karte überreicht hatte, kehrte er an seinen Tisch zurück.

„Jemand, der dich nicht für ein verzogenes Gör hält?“, fragte Abby.

„Ja“, erwiderte Jemima kühl, bevor sie die Karte zerriss und die Schnipsel auf die Tischdecke fallen ließ.

Abby, die beobachtete, wie ihre Finger zitterten, war plötzlich besorgt. „Alles in Ordnung?“

„Natürlich.“ Doch in Jemimas Augen lag ein beinah ängstlicher Ausdruck.

Abby beugte sich vor. „Wirklich? Ich habe dein Gesicht gesehen, als der Typ an unseren Tisch gekommen ist.“

Überheblich zuckte Jemima die Schultern. „Ich … dachte, ich kenne ihn.“

„Aber dann war er es doch nicht?“

Nun wirkte Jemima einen Moment lang richtig zerknirscht. „Nein, ich bin ihm noch nie begegnet – zum Glück!“

„Was ist los, Jemima?“, fragte Abby, die sich immer mehr Sorgen machte. „Hast du dich wieder übernommen?“

Sie wusste, dass Jemima vor sechs Monaten bis zur Erschöpfung gearbeitet hatte. Hätte sie sich damals nicht für einige Wochen völlig zurückgezogen und hätte Izzy nicht ihre Rolle übernommen, wären Dominic und sie nie zusammengekommen.

Jemima wandte den Blick ab. Ihre Miene war ausdruckslos.

„Ich wünschte, Izzy wäre hier“, meinte Abby. Izzy war gerade mit Dominic in Norwegen und würde erst in zwei Wochen zurückkommen.

„Ich kann auf mich selbst aufpassen“, erwiderte Jemima ärgerlich. „Schließlich bin ich, wie Molly schon sagte, ein verwöhntes Gör, das nur mit den Fingern zu schnippen braucht, und alle springen. Es ist toll.“

Abby lehnte sich zurück und wechselte dann das Thema. Beim nächsten Gang sprachen sie über Izzy und Dominic, und Abby entspannte sich ein wenig.

„Ich habe übrigens die Fotos von Weihnachten dabei“, sagte sie irgendwann. Sie nahm die Bilder aus ihrer Handtasche und sah sie durch. Nachdem sie einige herausgenommen hatte, gab sie sie Jemima. „Ich kann sie dir nachmachen lassen.“

Jemima war auf den Fotos nicht zu sehen. Sie hatte den ersten Weihnachtstag mit ihrer Familie verbracht und war am zweiten zu Aufnahmen auf den Seychellen geflogen.

„Alles Paare“, bemerkte sie, als sie sich sie ansah.

„Was?“

Jemima zog vier heraus und zeigte sie Abby. Auf dem ersten war Abby beim Tanzen mit ihrem großen, eleganten Mann, auf dem zweiten Izzy und Dominic, die sich lachend unter dem Weihnachtsbaum auf dem Boden wälzten, das dritte zeigte Jemimas Cousine Pepper, die sich verträumt an ihren Steven lehnte.

„Selbst meine Eltern halten Händchen.“ Jemima deutete auf den vierten Schnappschuss. „Gut, dass ich nicht dabei war. Ich hätte nur gestört.“

Alarmiert blickte Abby auf. „Dann gibt es also immer noch keinen Mann in deinem Leben?“

Jemima zögerte nur kurz. „Niemanden, den ich mit nach Hause bringen und Mutter vorstellen würde.“

„Willst du damit sagen, dass du nur auf wilde Typen stehst?“

Jemima kniff die Augen zusammen. „Nein.“

„Was dann?“

Diesmal dauerte es etwas länger, bis Jemima antwortete. „Ich suche keinen Mann, der mit mir um die Welt jettet.“

„Ah, verstehe. Es ist nicht einfach, eine Beziehung zu führen, wenn man beruflich ständig unterwegs ist“, räumte Abby ein. Ihr Mann hatte Unternehmen auf vier Kontinenten. Trotzdem reiste er nicht so viel wie ein internationales Topmodel. Neugierig blickte sie Jemima an. „Bist du nicht manchmal einsam?“

Jemima schnaufte verächtlich. „Wer hat dafür schon Zeit? In diesem Jahr war ich schon in Madrid, Mailand, Barcelona, Paris und London. Jetzt fliege ich nach New York und wieder nach Mailand.“

„Du könntest trotzdem einsam sein“, beharrte Abby. „Möchtest du irgendwann mal etwas anderes machen?“

Doch Jemima sah die Fotos noch einmal durch und schien nicht zuzuhören. „He, was ist das denn? Warst du verreist?“

Abby nahm das Foto entgegen. Es handelte sich allerdings um eine Postkarte mit einem gängigen Motiv – Palmen im Vordergrund und dahinter tosende Brandung. Sie drehte sie um und lächelte, als sie den Text las.

„Ach, das ist nur eine Karte von einem Freund.“ Sie reichte sie ihr wieder. „Er ist immer unterwegs und schickt mir öfter mal eine Ansichtskarte, damit ich sehe, was ich verpasse.“ Dann lächelte sie. „An einem nasskalten Wintertag in London ist der Anblick von Palmen ziemlich verlockend, nicht?“

Jemima betrachtete die Wellen und schüttelte den Kopf. „Das ist nichts für mich“, bemerkte sie trocken und drehte die Karte um. “’Pentecost Island’”, las sie. „Wo ist das? In der Südsee?“

Abby zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Kann sein. Er kommt viel herum.“

Nun las Jemima den Text: „‚In diese Wellen solltest du dich auch mal stürzen‘“. Darunter stand nur „N.“. „Muss Emilio sich Sorgen machen?“

Nun lächelte Abby. „Bestimmt nicht. Er kennt mich schon, seit ich eine Zahnspange getragen habe. Wenn es einen Mann auf der Welt gibt, um den ich kein Geheimnis mache, dann ist er es.“

Jemima schnitt eine Grimasse. „Klingt langweilig.“

Abby lachte. „Er ist alles andere als das, denn er ist Berufsspieler – und ein sehr guter obendrein.“ Sie nahm die Fotos wieder entgegen und steckte sie in die Tasche. Dann gab sie dem Ober ein Zeichen. „Wo musst du jetzt hin? Kann ich dich mitnehmen?“

„Ins Dorchester.“

„Nicht schlecht!“

Plötzlich musste Jemima lächeln. „Von wegen! Madame wird mich in die Zange nehmen.“

Daraufhin schauderte Abby. „Diese Frau macht mir wirklich Angst. Ich bin so froh, dass wir für dich arbeiten und nicht für Belinda.“

Wieder zuckte Jemima die Schultern. „Mir nicht. Schließlich ist sie nur meine Arbeitgeberin.“

„Aber sie kann ganz schön gemein sein.“

„Und ich kann jederzeit gehen“, konterte Jemima kühl. „Und sie nicht. Es ist ihre Firma.“

Bewundernd sah Abby sie an, schüttelte jedoch den Kopf. „Bringt sie dich denn überhaupt nicht aus der Fassung?“

„Nein.“ Jemimas Augen funkelten. „Es gibt schon Dinge, die es wert sind, dass man sich deswegen aufregt. Madame Belinda gehört allerdings nicht dazu.“

Wenn Abby eine Stunde später im Dorchester gewesen wäre, hätte sie gesehen, dass dies nicht die ganze Wahrheit war. Jemima konnte sich vor Wut kaum beherrschen.

Sie warf das Haar zurück, stand auf und funkelte Madame, die Vorstandsvorsitzende von Belinda Cosmetics, kampflustig an.

„Wollen Sie damit sagen, Sie sind über den Atlantik geflogen und zitieren mich in der arbeitsreichsten Woche des Jahres zu sich, um sich zu beschweren, weil ich keinen Freund habe?“

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende, der rechts von Madame am Konferenztisch saß, wurde blass.

Madame hingegen ließ sich nichts anmerken. „Setzen Sie sich wieder, Jemima.“

Diese ignorierte ihre Aufforderung jedoch. „Für wen halten Sie sich eigentlich?“

Madame sah sie unverwandt an. Sie hatte einen stechenden Blick. „Für die Frau, die Ihre hohen Rechnungen bezahlt.“

Ihr Stellvertreter Silvio, ein großer, dunkelhaariger, attraktiver Mann, der eigentlich cool und weltgewandt war und mit dem Jemima einige Male ausgegangen war, schluckte hörbar.

„Ich bin nicht Ihr Eigentum“, klärte sie sie auf. „Ich habe auch noch andere Verträge.“

Es herrschte eine längere Pause, während sie sich unverwandt anblickten.

„Und wie wollen Sie die einhalten, wenn ich überall verbreite, dass ich Sie gefeuert habe?“, erkundigte Madame sich schließlich eisig.

Daran hatte sie auch schon gedacht. Jemima verdrängte es allerdings. „Und das bedeutet, dass Sie mir befehlen können, mir einen Freund zuzulegen? Ich glaube nicht.“

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