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Mistress

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Dieses Buch widme ich Mistress Amiko,
Mistress Astria, Mistress Sade Ami,
Mistress Michelle Lacy und allen Dominas,
die unsere Welt in ihren Fußschemel
verwandeln.

Ich knie zu euren Füßen und küsse eure
Stiefel.
Stets eure Dienerin,
Tiffany

Wir wissen aber, dass denen, die Gott
lieben, alle Dinge zum Besten dienen,
denen, die nach seinem Ratschluss berufen
sind.
Römer 8, 28

Die Dame oder der Tiger?
Frank Stockton

1. KAPITEL

DIE DAME

Als Nora zu sich kam, war sie wieder fünfzehn Jahre alt. Es fühlte sich auf jeden Fall so an. Warum sonst sollte sie wieder auf diesem kalten Stuhl sitzen, das gnadenlose Metall der Handschellen an ihren Handgelenken spüren, mit nichts als nackter Angst in ihrem Herzen?

Verwirrt öffnete Eleanor Schreiber die Augen und hob den Kopf. Father Stearns, der neue Priester der Sacred Heart, saß ihr im Vernehmungsraum des Polizeireviers gegenüber. Um drei Uhr an einem Samstagmorgen. Vom Gesicht her sah er aus, als wäre er neunundzwanzig Jahre alt – aber seine Augen wirkten so uralt, als hätte er Jesus Christus noch in Fleisch und Blut gesehen. Zumindest hoffte sie das, weil sie schon immer wissen wollte, wie groß Jesus gewesen war.

Der Priester – in der Kirche nannte man ihn so, für Nora war er Søren – sagte nichts und starrte sie nur an, mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen. Wenigstens einer, der ihr Elend genoss. Wo blieb ihr Vater? Den brauchte sie, nicht Father Stearns. Wegen ihres Dads war sie kurz vor dem Morgengrauen in Manhattan verhaftet worden.

Aber nein, da saß nur ihr Priester. Am liebsten hätte sie ihm das Lächeln aus seinem perfekten Gesicht geschlagen.

„Was ich Sie fragen wollte …“ Sie beschloss die Kontrolle über die Situation zu übernehmen und das Schweigen zu brechen. „Sind Sie einer dieser Priester, die alle Kinder in der Kirchengemeinde ficken?“

Welche Reaktion sie auch erwartet haben mochte, sie blieb aus.

„Nein.“

Eleanor holte tief Luft und stieß sie schnaubend durch die Nase aus. „Zu schade.“

„Vielleicht sollten wir die Schwierigkeiten besprechen, in die du geraten bist, Eleanor.“

„Ja, ich stecke wirklich in der Klemme.“ Sie hoffte, ihn reizen zu können. Ein sinnloser Plan. Vor dieser Nacht waren sie sich zweimal begegnet, und beide Male hatte sie ihr Bestes getan, um ihn aus der Haut fahren zu lassen. Ohne Erfolg. Jedes Mal hatte er sie freundlich und respektvoll behandelt. An so etwas war sie nicht gewöhnt.

„Du wurdest wegen des Verdachts auf Autodiebstahl im großen Stil verhaftet. Offenbar sind heute Nacht fünf Luxuslimousinen im Gesamtwert von einer Million Dollar aus Manhattan verschwunden. Aber du hast bestimmt keine Ahnung, wovon ich rede, oder?“

„Die fünfte Karre habe ich geklaut. Das sollte ich doch sagen, oder?

„Vor Gericht, ja. Aber mir wirst du immer die Wahrheit gestehen.“

„Ich glaube, die Wahrheit über mich wollen Sie gar nicht wissen, Søren“, erwiderte sie, beinahe im Flüsterton. Sie war nicht dumm und musste ihn nur anschauen, um zu merken, dass sie nichts gemeinsam hatten. So wie er aussah, mochte er Geld und redete gern darüber. Er besaß unnatürlich weiße Fingernägel und Hände, die von einer Statue hätten stammen können. An ihm wirkte alles wie ein Kunstwerk – die Hände, seine Gesichtszüge, die Lippen, seine Größe und Schönheit … Während sie vom Regen völlig durchnässt war und ihr schwarzer Nagellack abblätterte. In schlaffen Wellen fiel ihr das Haar ins Gesicht. Nass und schmutzig klebte die Schuluniform an ihr.

Kein Geld, keine Hoffnung.

Ihr ganzes Leben war eine einzige verdammte Katastrophe.

„Es gibt nichts, das ich nicht über dich wissen will.“ Søren schien es wirklich ernst zu meinen. „Und ich versichere dir: Nichts, was du mir erzählst, wird mich schockieren oder anekeln. Nichts wird meine Meinung über dich ändern.“

„Ihre Meinung ändern? Also haben Sie sich bereits eine Meinung über mich gebildet? Wie lautet das Urteil?“

„Ganz einfach! Ich bin bereit und dazu imstande, dir aus der Notlage herauszuhelfen, in die du dich gebracht hast.“

„Nennen wir’s lieber die Scheiße, in die ich mich reingeritten habe, das klingt nicht so beängstigend.“

„Es ist eine Katastrophe, junge Dame. Für das, was du heute Nacht getan hast, könntest du in der Jugendstrafanstalt landen. Eines der gestohlenen Autos gehört einem wichtigen, einflussreichen Typen. Anscheinend will er dafür sorgen, dass du das Tageslicht erst wiedersiehst, wenn du einundzwanzig bist. Um dir das zu ersparen, muss ich mich gewaltig anstrengen. Glücklicherweise habe ich einige Kontakte. Genauer gesagt, ich kenne jemanden, der Kontakte hat. Das alles erfordert einen enormen Zeit- und Kostenaufwand.“ Nach seinem Tonfall zu schließen, freute er sich darüber, was keinen Sinn ergab. Aber nichts an diesem Mann oder an seinen Interessen ergab einen Sinn.

„Und diese Mühe machen Sie sich meinetwegen? Warum?“ Sie hob den Kopf etwas höher und schaute ihm direkt in die Augen.

„Weil ich alles tun würde, um dich zu schützen, Eleanor. Ich würde nichts unversucht lassen, um dir zu helfen – um dich zu retten. Gar nichts.“

Ein eisiger Schauer rann durch ihren ganzen Körper. Jemand geht über dein Grab, würde ihre Großmutter sagen. Diese Redewendung, dieses Gefühl hatte Eleanor nie verstanden. Jetzt wusste sie Bescheid.

„Aber meine Hilfe hat einen Preis“, fügte er hinzu,

„Natürlich.“ Spöttisch verdrehte sie die Augen. „Nun kommen wir zu meiner ersten Frage zurück, zum Kinderficken in der Kirche. Okay, wenn Sie drauf bestehen …“

„Schätzt du deinen Wert als Kind Gottes so wenig, dass du glaubst, Sex wäre das einzige, was ich von dir verlange?“

Die Frage traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Beinahe zuckte sie zusammen. Aber sie würde sich nicht anmerken lassen, wie tief er sie damit traf.

Ihre Mom würde sie enterben. Wahrscheinlich war ihr Dad inzwischen einige Staaten weit weg, die Großeltern würden bald sterben. Und Eleanors Zukunft war im Eimer.

Aber ihren Stolz würde ihr niemand nehmen. Wenigstens den hatte sie immer noch. Im Moment zumindest. „Heißt das … nein?“

Søren zog die Augenbrauen hoch, und sie kicherte beinahe. Allmählich begann sie, ihn zu mögen. Sie hatte sich schon längst in ihn verliebt, ganz und gar, bis zum Ende der Welt und zurück. Niemals hätte sie jedoch erwartet, dass sie ihn eines Tages auch mögen würde.

„Nein, was das betrifft. Aber ich werde etwas von dir fordern, zum Dank für meinen Beistand.“

Reden Sie immer so?“

„Meinst du … so unmissverständlich?“

„Ja.“

„Ja, das tue ich in der Tat.“

„Seltsam. Und welchen Preis muss ich zahlen? Hoffentlich nicht mein erstgeborenes Kind. Ich will keine Kids.“

„Nun, meine Hilfe hat einen ganz einfachen Preis. Von jetzt an sollst du nur tun, was ich dir sage.“

„Nur tun, was Sie mir sagen?“

„Ja, du sollst mir gehorchen.“

„Von jetzt an? Für wie lange?“

Da vertiefte sich Sørens Lächeln, und sie wusste, sie sollte sich wahrscheinlich fürchten. Aber irgendetwas an seinem Lächeln … Zum ersten Mal in dieser Nacht fühlte sie sich sicher.

„Für immer.“

„Wach auf, Dornröschen.“

Sie hörte eine Stimme mit französischem Akzent und versuchte sie zu ignorieren, so wie sie das immer bei Stimmen mit französischem Akzent tat. In diesem Moment zu erwachen, war das Letzte, was Nora wollte … In ihrem Traum war sie mit Søren zusammen, er neunundzwanzig, sie fünfzehn, und die gemeinsame Geschichte hatte eben erst begonnen. Wenn sie die Augen öffnete, könnte ihr das Ende der Geschichte drohen. Sie wollte in ihrer Traumwelt bleiben, am liebsten für alle Zeit.

Aber zarte, kalte Finger tanzten wie Spinnenbeine über ihr Gesicht:

Nora öffnete die Augen.

2. KAPITEL

DER KÖNIG

Kingsley Edge stand vor dem großen Spiegel in seinem begehbaren Kleiderschrank, vertauschte sein zerrissenes Hemd mit einem frischen und musterte seine Wunden. Die Farbschichten der Blutergüsse, die Søren in jener einen gemeinsamen Nacht auf seiner Haut hinterlassen hatte, gingen bereits von Blau zu Schwarz über. Für die Erinnerungen an diese Nacht, die sich zu seinem Leidwesen niemals wiederholen würde, könnte er den Priester hassen.

Trotzdem schätzte er die Wundmale jetzt ebenso wie damals, während sie Jungs im Internat gewesen waren – viel mehr als die Narben auf seiner Brust, Geschenke von Feinden mit Schusswaffen, gewissermaßen Orden oder Ehrenabzeichen. Er berührte die schlimmste der alten Verletzungen. Sie lag ein paar Zentimeter über dem Herzen und schien eher von einem Stich zu stammen, nicht von einem Schuss. Nun, vielleicht war er niedergestochen worden.

Von der Mission, die diese Narbe und zwei seiner vier Schusswunden verursacht hatte, wusste er fast nichts mehr. Sein Gehirn hatte die Erinnerungen begraben, und er wollte sie nicht hervorholen. Das Erwachen in der Pariser Klinik… Niemals würde er jenen Moment vergessen. Noch auf seinem Totenlager würde er daran denken. Das Krankenhausbett – es hätte sein Sterbebett sein können …

Aber der Besucher …

Langsam war er zur Besinnung gekommen, mühselig durch das tiefe Dunkel zurück ins Licht gekrochen, durch eine Hölle voller Drogen und Schmerzen, Bitterkeit, Verzweiflung über das Scheitern seiner Mission. Im Krankenzimmer spürte er helles Licht, hielt jedoch die Augen geschlossen, noch unfähig, der Sonne zu begegnen.

Hinter seiner Schulter hörte er ein leises Gespräch – eine artikulierte weibliche Stimme und eine autoritäre, unnachgiebige männliche.

„Er wird am Leben bleiben“, betonte der Mann auf Französisch. Keine Frage, sondern ein Befehl.

„Natürlich tun wir für ihn, was wir können.“ Natürlich, sagte die Frau. Bien sûr. Aber Kingsley hörte die Lüge aus ihrer Antwort heraus.

„Alles werden Sie für ihn tun. Alles. Von jetzt an ist er Ihr einziger Patient, Ihre einzige Sorge gilt ihm.“

„Oui, mon père. Mais…“ Aber … Ihre Stimme verriet Angst. Mon père? Kingsleys wirres Gehirn versuchte die Worte zu enträtseln. Seit Jahren war sein Vater tot. Mit welchem Vater sprach die Frau?

„Nehmen Sie sein Leben so wichtig wie Ihr eigenes. Verstehen Sie das?“

Genau. Kingsley hätte im Halbschlaf gelächelt, wäre sein Hals nicht von Kanülen blockiert worden. Eine Todesdrohung erkannte er, sobald er eine hörte. Nehmen Sie sein Leben so wichtig wie Ihr eigenes… Ein Französisch, das jeder übersetzen konnte. Er lebt, und Sie leben. Er stirbt, und Sie…

Aber wem bedeutete er so viel, dass er auch nur eine leere Drohung ausstieß? Als er le légion beigetreten war, hatte er nur einen einzigen „nächsten Angehörigen“ angegeben. Die einzige „Familie“, die ihm geblieben war. Allerdings kein Verwandter. Warum kam ausgerechnet er jetzt zu ihm?

„Er wird es überleben“, versprach die Frau. Diesmal ohne „aber“.

„Gut. Scheuen Sie keine Kosten, wenn es um seine Gesundheit und seinen Komfort geht. Das wird bezahlt.“

Die Krankenschwester – oder vielleicht eine Ärztin – beteuerte erneut, sie würde ihr Bestes tun, damit der Patient die Klinik wohlbehalten verlassen konnte. Dann verstummten die Stimmen. Die Frau hatte gelobt, alles zu tun, was sie konnte, und noch viel mehr. Sehr klug. Kingsley lauschte ihren klickenden hohen Absätzen auf dem Fliesenboden hinterher, ihre Schuhe klangen so hart wie ihre Stimme.

Schließlich verhallte das Geräusch, und er wusste, dass er mit dem Besucher allein war. Er wollte die Augen öffnen. Doch dafür fehlte ihm die Kraft.

„Ruh dich aus, Kingsley“, ertönte die Männerstimme, und er spürte eine Hand auf seiner Stirn, sanft wie die Hand eines Liebhabers. „Mein Kingsley …“ Die Stimme seufzte, und er vernahm Frust vermischt mit Belustigung – oder irgendetwas Ähnliches. „Verzeih mir, was ich nun sage, aber ich finde, du solltest dir endlich ein neues Hobby suchen.“

Trotz der Röhrchen in seiner Kehle brachte Kingsley ein Lächeln zustande.

Die Hand verließ sein Gesicht, und er spürte etwas an seinen Fingern. Nun hüllte ihn das Dunkel wieder ein, diesmal nicht die tiefe Finsternis, nur ein angenehmer Schlaf. Als er erwachte, waren die Kanülen verschwunden, er konnte wieder sehen, sprechen und atmen.

Was seine Finger berührt hatten, war ein Kuvert mit Papieren für ein Schweizer Bankkonto auf seinen Namen – etwa dreiunddreißig Millionen amerikanische Dollars. Er nahm das Geld an, befolgte den Rat seines einzigen Besuchers am Krankenlager und kehrte nach Amerika zurück, in das Land, wo er früher glücklich gewesen war.

Und in Amerika tat er, was ihm befohlen worden war. Hier hatte er ein neues Hobby gefunden.

Kingsley stopfte sein Hemd in die Hose und knöpfte seine bestickte schwarz-silberne Weste zu. Wieder einmal sah er elegant und gefährlich zugleich aus. In seinem Haus wusste man, dass etwas geschehen war. Den Angestellten zuliebe würde er wie immer ihren furchtlosen Anführer spielen, um sie zu beruhigen. In Wirklichkeit war er noch nie im Leben so verängstigt gewesen, nicht einmal an jenem Tag im Krankenhaus. Er schlüpfte in sein Jackett und trat vom Spiegel zurück.

Nie zuvor hatte er in seiner Welt eine so gewaltige Krise meistern müssen. Sobald er sein Untergrundnetz aufgebaut hatte – das Imperium seiner SM-Clubs für die Reichen und Mächtigen, die Furchtsamen und die Beschämten –, war er klug genug gewesen, Erpressungsmaterial über Polizeipräsidenten und Politiker zu sammeln, über Medienleute und die Mafia. Er wusste alles über jene, die ihn bedrohen könnten. Und dennoch war jetzt das passiert, was er am meisten gefürchtet hatte – einem Bewohner seines Königreichs wurde geschadet. Und Kingsley selber trug die Schuld daran.

Nachdem er sein Schlafzimmer verlassen hatte, traf er Sophie im Flur, seine Assistentin für den Nachtdienst, die ein halbes Dutzend Nachrichten und Termine aufzählte.

„Blasen Sie alles ab“, befahl er, als sie die Treppe erreichten. „Und ignorieren Sie die Nachrichten.“

Oui, Monsieur. Master Fiske ist in Ihrem Büro.“

Gut. An diesem Tag war Griffin pünktlich.

Er entließ Sophie und suchte sein Büro im ersten Stock auf. Als er es betrat, stand Griffin am Fenster und sprach leise mit einem jungen Mann.

Eine Zeit lang beobachtete Kingsley die beiden und erwartete, sie würden ihn bemerken. Doch sie waren vom Tunnelblick junger Liebe befallen. Griffin hob eine Hand und umfasste das Gesicht seines neuen Liebhabers. Einem Kuss folgte ein zweiter, dann Geflüster. Michael nickte, neigte sich vor, und als er sich umwandte, las Kingsley kaltes Entsetzen darin.

Das verstand er. „Du hättest dein Schoßhündchen wohl lieber daheim lassen sollen“, spottete er. Der Versuchung, Griffin zu reizen, konnte er nicht widerstehen.

Besitzergreifend legte Griffin einen Arm um Michaels Schultern, zog ihn an seine Brust und hob das Kinn. „Jemand hat Nora, King. Bevor wir sie zurückhaben, lasse ich Mick nicht aus den Augen.“

„Dein Spielkamerad ist nicht in Gefahr. Und la maîtresse auch nicht. Noch nicht.“ Kingsley hoffte, sein zuversichtlicher Ton würde die beiden veranlassen, die Halbwahrheit zu glauben.

„Wir schützen unser Eigentum. Das habt ihr mir beigebracht, du und Søren.“

„C’est la guerre“, seufzte Kingsley. Ein Gegenargument gab es nicht. War das nicht der Grund, warum er Juliette weggeschickt hatte? Um sein Eigentum zu schützen?

„Hey, wo ist Søren eigentlich?“, fragte Griffin.

„Im Moment beschäftigt.“ Auf welche Weise, erwähnte Kingsley nicht.

„Wissen wir irgendwas?“

„Eine lange Geschichte“, erwiderte Kingsley achselzuckend. „Zu lang, um sie zu erzählen. Reine Zeitverschwendung. Der Priester und ich haben eine alte Feindin, die wir lange für tot hielten. Das ist sie nicht. Keine Ahnung, welches Spiel sie plant. Aber sei versichert, es ist ein Spiel.“

„Nora wurde gekidnappt. Was für ein Scheißspiel ist das?“

„Ein sehr gefährliches. Glücklicherweise bin ich ein Experte für gefährliche Spiele.“

„Ich breche alle Beine, die du mir zeigst“, sagte Griffin, und Kingsley lachte kurz auf.

„Dieses Angebot weiß ich zu schätzen, mon ami. Aber ich glaube, bei dieser Gegnerin sind subtilere Methoden erforderlich. Was ich von dir brauche …“ Kingsley griff in seine Tasche und zog einen silbernen, mit einem fleur de lis verzierten Schlüsselring hervor. Daran hingen acht Schlüssel, einer für jeden seiner Clubs und das Stadthaus. „Mit diesem widerwärtigen Problem werde ich einige Zeit zu tun haben. Jemand muss das Imperium für mich im Auge behalten.“

Griffins dunkle Augen weiteten sich, als er den Ring entgegennahm. „Oh, die Schlüssel zum Königreich. Für diese Ehre müsste ich dir danken: Aber ich weiß, du gibst sie mir nur, weil du keine Wahl hast.“

„Da irrst du dich. Auf meiner Gehaltsliste stehen ein paar Dutzend Namen. Aber ich vertraue dir. Halt die Leute bei der Stange, bis ich zurückkomme.“

„Weißt du, wo Nora ist? Wissen wir irgendwas? Glaubst du, wir sollten …“

„Die Polizei rufen? Mit wem wir’s zu tun haben, weiß ich. Und ich bin mir ziemlich sicher, was sie will. Die Polizei würde ich nicht informieren. Es sei denn, du willst la maîtresse tot sehen.“

Michael schnappte nach Luft, und Kingsley musste sich zusammenreißen, um seine Augen nicht zu verdrehen. Armer Kerl, so unschuldig. Unter diesem Dach würde er es nicht lange bleiben.

„Wenn jemand Nora verletzt …“ Griffin ließ den unvollendeten Satz in der Luft hängen, die unausgesprochene Drohung wirkte gewichtiger als Worte.

„Wenn jemand Nora verletzt, wirst du ziemlich lange Schlange stehen müssen, um dich zu rächen. Da kenne ich einige Leute, die größere Ansprüche anmelden können.“

„Alles klar.“

„Geh zu Sophie, sie weiß alles, was für dich wichtig ist. Und vergiss nicht, in dieser Welt ist es besser, gefürchtet als geliebt zu werden. Nimm die Leute an die Kandare. Mit fester Hand. Wenn du willst, kannst du in diesem Haus bleiben. Zusammen mit deinem Schoßhündchen. Aber was immer du tust, geh nicht in mein Zimmer.“

„Darf ich wissen, warum nicht?“

„Non.“

Griffin nickte und steckte die Schlüssel in seine Tasche. „Gut, ich sorge für das Imperium. Und du findest Nora, okay?“

„Das habe ich vor.“

Von Michael gefolgt, ging Griffin zur Tür.

Dort drehte Michael sich um. „Mr Edge?“

„Ja, Michael?“

Sekundenlang schwieg der junge Mann, und Kingsley wartete. Normalerweise würde er protestieren, wenn er „Mr Edge“ genannt wurde. Entweder Monsieur, Kingsley oder Mr K. Sonst nichts. Aber an diesem Tag war es ihm egal.

„Es ist nur …“, begann Michael, und Griffin legte tröstend eine Hand auf seinen Rücken. „Nora ist meine Freundin.“

„Das weiß ich.“

„Allzu viele Freunde habe ich nicht.“

„Ich werde sie finden“, versprach Kingsley. „Und ich bringe sie nach Hause.“

„Danke, ich meine – merci.“

Kingsley schenkte ihnen noch ein Lächeln, dann verließen Michael und Griffin das Büro.

Max, einer der Hunde, trottete herein und schnupperte an der Hand seines Herrn. Kingsley streichelte ihn und dachte an Sadie, das einsame Weibchen in seinem Rottweiler-Rudel. Sie war an einem Stich ins Herz gestorben. Hatte seine Schwester das getan?

Jemand musste ihr geholfen haben – so wie bei Nora. Über Nora Sutherlin konnte man sagen, was man wollte, aber sie war eine Überlebenskünstlerin, stark und widerstandsfähig. Sie konnte sich hervorragend wehren. Indem sie sich einem Sadisten unterworfen hatte, war sie unbesiegbar geworden. Sogar ihn hatte sie ein- oder zweimal übertrumpft. Nun schwebte sie in ernsthafter Gefahr. Das war kein einvernehmliches Rollenspiel zweier Erwachsener, hier ging es um echte Gewalt.

Seufzend strich sich Kingsley durch sein Haar und rieb sein Kinn. Wenn das Telefon bloß läuten oder ein Brief mit Forderungen und Drohungen eintreffen würde … Das gefährliche Spiel hatte eben erst angefangen. Marie-Laure hatte die Figuren auf das Schachbrett gestellt. Welchen Eröffnungszug würde sie wählen?

„Marie-Laure“, flüsterte er. „Worauf wartest du?“

„Monsieur?“

Er drehte sich zu seiner Assistentin um. „Jetzt müssen Sie zu Griffin gehen, wenn Sie etwas brauchen, Sophie.“

„Aber da ist jemand, der Sie sehen möchte, Monsieur.“

„Schicken Sie ihn zu Griffin.

„Er will nur mit Ihnen reden.“

„Hoffentlich ist es wichtig.“ Kingsley ging zur Tür. Vielleicht hatte Marie-Laure ihren ersten Bauern nach vorn gerückt.

„Das nehme ich an.“ Angstvoll riss Sophie die Augen auf. „Er sagt, er ist Nora Sutherlins Verlobter.“

3. KAPITEL

DER SPRINGER

Das konnte nicht wirklich geschehen sein, oder? Wie konnte das nur passieren? Die Fragen rasten durch Wesleys Gehirn wie verschreckte Hengste, die alle anderen Fragen und Gedanken niedertrampelten. Seit dem Telefonat mit Søren fühlte er sich wie ein Roboter. Alles, was er noch denken konnte, war: Warum?

Am Vortag war er auf dem Boden seines Stalls erwacht. Blut an der Schläfe, Störgeräusche im Hirn, nirgendwo Nora. Er hatte Søren angerufen, ihn über Noras Verschwinden und die mit Blut geschriebenen Worte an der Stallwand informiert – Ich bringe die Schlampe um. Wesley hatte ein paar Sachen in sein Auto geworfen und eine vage Nachricht für seine Eltern hinterlassen, er würde mit Nora Freunde besuchen. Dann war er nach Norden gefahren. Zu fliegen wagte er nicht. Er durfte es nicht riskieren, vier Stunden lang unerreichbar zu sein. Wenn für Nora Lösegeld verlangt wurde? Jeden Penny, den er besaß, würde er bezahlen und den Rest der geforderten Summe stehlen, um sie freizukaufen.

Auf der Fahrt von Kentucky nach New York hielt er nur an, wenn er tanken oder Pillen gegen die höllischen Kopfschmerzen schlucken musste. Sicher litt er an einer Gehirnerschütterung, doch das war jetzt die geringste seiner Sorgen. Nur eins zählte. Nora musste befreit werden. Um jeden Preis.

Auch das gehörte dazu: dieses Haus aufzusuchen, das er nie betreten hatte, aber schon jetzt hasste. Mindestens ein Dutzend Mal hatte Nora erklärt, Kingsley – mochte sie ihn lieben oder hassen – sei der Mann, an den sie sich wenden würde, wenn sie ein Problem nicht selber lösen könne: Ich vertraue ihm aus gutem Grund, Wes. Sogar Søren geht bei einem Shitstorm zu Kingsley … Und wenn ich in Schwierigkeiten gerate, ist es meistens ein richtiger Shitstorm!

Damals hatte Wesley eigentlich entschieden, er würde Kingsley – der für ihn einfach nur Noras Zuhälter war – nie persönlich begegnen. Dauernd rief der Mann sie auf diesem verdammten roten Telefon an, schickte Nora in alle möglichen gefährlichen Situationen und trieb Wesley damit an den Rand eines Nervenzusammenbruchs.

Aber die jetzige Situation war die Mutter aller Shitstorms. Nur Noras wegen würde er Kingsley um Hilfe anflehen.

Während er wartete, wanderte er hin und her. Wenn in fünf Sekunden nichts passierte, würde er Kingsley selber aufspüren. Kingsley Edge. Wer zum Geier war der Kerl eigentlich? Wesley sah sich in dem Zimmer nach irgendwelchen Anhaltspunkten um. Doch er entdeckte nur einen gut ausgestatteten Musiksalon mit einem großen Klavier und antiken Möbeln in verschiedenen Schwarz- und Weißtönen. Kein Hinweis auf die Person, die das Haus bewohnte, nur dass sie einen erlesenen Geschmack hatte und eine Menge Geld.

Nora redete kaum über Kingsley. Nur einmal hatte sie zu viel getrunken, ein paar Geheimnisse ausgeplaudert und das am nächsten Tag wahrscheinlich schon wieder vergessen. Ansonsten wusste Wesley nur, dass der Mann Franzose war, schätzungsweise wesentlich älter als Nora. Wäre er attraktiv, würde sie nettere Dinge über ihn sagen, statt ihr Gift zu versprühen. Oft genug nannte sie ihn „Frosch“ oder „verdammter Frosch“. So oft, dass Wesley sich tatsächlich einen Frosch mit einer Baskenmütze vorstellte, und er hoffte, dies wäre eine realistische Vision.

„Also besucht mich der künftige Mr Nora Sutherlin“, ertönte eine Stimme mit unverkennbar französischem Akzent hinter ihm.

Wesley drehte sich um. Wo ein Frosch stehen müsste, sah er einen Prinzen mit schulterlangem dunklen Haar und olivenfarbenem Teint, in Reitstiefeln und Gehrock, über alle Maßen gutaussehend. Gab es in Noras Leben keine hässlichen Männer?

„Nach meiner Ansicht klingt Nora Railey besser.“ Kerzengerade richtete er sich auf und hielt Kingsleys Blick stand.

„Ich werde meine Assistentin beauftragen, die Einladungen drucken zu lassen.“ Mit langsamen Schritten betrat Kingsley das Zimmer. „Hoffentlich finden wir die Braut, bevor der große Tag anbricht.“

„Was wissen Sie über Nora?“ Viel zu schnell pochte Wesleys Puls.

„Von wem sie entführt wurde. Leider nicht, wohin man sie brachte.“

„Weiß Søren irgendwas?“

„Mehr als wir beide zusammen. Bedauerlicherweise hat auch er keine Ahnung, wo sie steckt.“

„Aber Sie kennen den Entführer?“

„Oui.“

Als Kingsley sich abwandte und den Raum verlassen wollte, rannte Wesley ihm nach und packte ihn am Kragen. Ehe er wusste, wie ihm geschah, wurde er gegen eine Wand gedrückt, und Kingsleys Gesicht war nur wenige Zentimeter von seinem entfernt.

„An Ihrer Stelle würde ich mich nicht so benehmen, junger Mann.“ Gnadenlos hielt Kingsley ihn fest. „Früher habe ich Leute getötet, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und ich bin niemals offiziell in den Ruhestand getreten.“

„Damit jagen Sie mir keine Angst ein.“ Wesley hoffte, sein wild klopfendes Herz würde ihn nicht verraten. Wenn Kingsley auch wie eine Gestalt auf dem Titel eines historischen Liebesromans gekleidet war – in den Augen des Franzosen glitzerte eine ernsthafte Gefahr. Für diesen Mann arbeitete Nora? Redete sie ihn mit Frosch an? Dann war sie tapferer, als Wesley es ihr zugetraut hatte.

„In natura sind sie attraktiver als auf den Fotos“, meinte Kingsley. Aufmerksam musterte er Wesleys Gesicht. „Was sie in Ihnen sieht, verstehe ich aber noch immer nicht. Es sei denn, sie hat mich belogen, als sie behauptete, sie wolle keine Kinder haben.“

„Ich bin kein Kind.“

„Auch kein ganzer Mann. Keine Bange, in diesem Haus werden Sie sehr schnell erwachsen. Peut-être …“ Kingsley rückte noch etwas näher und starrte eindringlich in Wesleys Augen. „Sie sieht etwas in Ihnen … und ich sehe es ebenfalls.“

„Und das wäre?“ Erfolglos versuchte Wesley sich zu befreien.

„Alles, was sie nicht sieht, wenn sie in den Spiegel schaut.“

Nun ließ Kingsley ihn los, und Wesley wurde schwindelig. Mühsam kämpfte er dagegen an, atmete tief ein und schaffte es, sein Gleichgewicht zu wahren. „Ich will Søren sehen. Sofort.“

Kingsley rückte seinen Gehrock zurecht und glättete seine Weste. „Beantworten Sie zuerst zwei Fragen. Dann dürfen Sie ihn sehen.“

„Wie auch immer. Gut. Was wollen Sie wissen?“

„Frage eins: Sind Sie wirklich mit ihr verlobt?“

Wesley kniff die Augen zusammen und starrte den Franzosen an, der abwartend mit der Spitze eines seiner albernen Stiefel auf den Boden klopfte. „Ja. Wir ritten aus, und ich machte ihr einen Heiratsantrag. Bei unserer Rückkehr in den Stall sagte sie Ja.“

Kingsley strich sich über seine Unterlippe, ehe er zwei Finger hob. „Zweite Frage. Haben Sie wirklich vor Ihrer schweren Kopfverletzung um Noras Hand angehalten?“

„Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, was für ein Arschloch Sie sind?“ Wesley trat wieder näher zu ihm, diesmal etwas vorsichtiger. Denn er wusste, wenn Kingsley ihn noch einmal an die Wand presste, würde er seinen Mageninhalt von sich geben.

„Oui“, bestätigte Kingsley. „Aber nur einmal. Ich sorgte damals dafür, dass es nie wieder passiert. Wollen Sie den Priester sehen? Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Priester.“

Er stieg die Treppe hinauf, und Wesley blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Während sie um eine Ecke bogen und den ersten Stock ansteuerten, sah er Kingsley zusammenzucken. Eine Verletzung? Wurde er ebenfalls angegriffen? „Sind Sie okay?“ Kurzfristig wurde der Abscheu von seinen edleren Instinkten verdrängt.

„Um ehrlich zu sein, es ging mir schon einmal besser.“

„Wurden Sie auch attackiert?“

„Eine Attacke würde ich es nicht nennen?“

„Was denn sonst?“

„Eine der erfreulicheren Nächte meines Lebens.“ Mehr sagte Kingsley nicht, als er einen Flur entlangging. „Ich fürchte, le prêtre wird Ihnen nicht viel nützen.“

„Das ist mir egal, ich muss mit ihm reden.“

„Wenn Sie darauf bestehen …“ Kingsley öffnete eine Tür am Ende des Flurs auf der rechten Seite, und Wesleys Augen weiteten sich. Am Fußende des größten roten Betts, das er je gesehen hatte, saß Søren auf dem Boden, den blonden Kopf und die Lider gesenkt. „Reden Sie mit ihm. Aber vielleicht wird er nicht antworten.“

„Was zum Teufel …“

„Er hat gedroht, die Polizei zu informieren“, erklärte Kingsley in sachlichem Ton. „Die Polizei, die Kirche, die Stadt, den Staat, die Bundesbehörden. Das konnte ich nicht zulassen. Zu seinem Wohl.“

„Und so haben Sie …“

„ … ihm ein Beruhigungsmittel gegeben und seine Hände gefesselt. Nach dieser Injektion wird er frühesten in einer Stunde zu sich kommen.“

„Also haben Sie Søren mit einer Droge sediert?“

„Für solche Notfälle besitze ich einen gut bestückten Arzneischrank.“

„Sind Sie verrückt?“

Kingsleys nonchalantes Achselzucken wirkte typisch französisch. „Ist eine Revanche etwa unfair? Nun wurde er mal gefesselt.“

Fassungslos starrte Wesley die reglose Gestalt am Boden an. Sogar bewusstlos strahlte Søren in der schwarzen Robe mit dem weißen Kragen eine gewisse Macht aus. Bei dem einzigen Gespräch, das sie je geführt hatten, war der Geistliche weltlich gekleidet gewesen. „Er ist ein Priester.“ Das hatte er immer gewusst, aber erst jetzt, als er ihn im vollen Ornat sah, begriff er es wirklich.

„O ja. Wahrscheinlich der beste von Amerika oder auf der ganzen Welt. Und wenn er ein Priester bleiben und seinen Schatz zurückhaben will, sollten wir die Behörden da raushalten. Nur bis zu einem gewissen Grad kann ich seine Geheimisse hüten. Später wird er mir dafür danken.“ Kingsley schloss die Tür und wandte sich zum anderen Ende des Flurs.

„Hören Sie, wir müssen die Polizei verständigen! Was mit Søren oder mir passiert, ist mir egal. Aber wir vergeuden unsere Zeit – wir wissen nicht einmal, wo sie ist.“

„Wenn einem das Auto gestohlen wird, ruft man die Polizei. In wichtigen Angelegenheiten nicht. Wer Ihre Verlobte gefangen hält, weiß ich. Vertrauen Sie mir, wenn Sie auf das Leben Ihrer Liebsten Wert legen. Sollten Sie die Polizei hinzuziehen, unterschreiben Sie Noras Todesurteil.“

Obwohl er dem Mann nicht glauben wollte, erkannte er intuitiv, dass es sich hier nicht um eine simple Entführung mit einer Lösegeldforderung handelte.

„Die Frau, in deren Gewalt Ihre Verlobte sich befindet, würde vor einem Mord nicht zurückschrecken. So etwas hat sie schon mal getan. Und sie will sterben, eine gefährliche Kombination. Wenn wir Alarm schlagen, besiegeln wir Noras Tod.“

„Wieso wissen Sie, dass diese Person sterben will?“

„Weil, mon petit prince, sie mir ziemlich heftig auf die Eier geht – ein eindeutiger Hinweis auf ihre Todessehnsucht.“

Diese derbe Formulierung beunruhigte Wesley zusätzlich. „Also wird sie Nora umbringen?“, flüsterte er. „Dieser Satz an der Stallwand …“ Bei der Erinnerung an seine Furcht angesichts der französischen Worte, deren Sinn er noch gar nicht verstanden hatte, krampfte sich sein Herz zusammen. „Søren hat ihn mir übersetzt … Ich bringe die Schlampe um.

„Um Sie zu beruhigen – die Schlampe ist nicht Ihre Nora. Ich überlasse es dem Priester, Ihnen die Geschichte zu erzählen.“

„O nein, Sie haben ihn außer Gefecht gesetzt – also werden Sie mir alles verraten“, verlangte Wesley. Kingsley mochte stark und gefährlich sein, aber wegen seiner Schmerzen auch verwundbar.

Bevor Kingsley wieder die Achseln zuckte, seufzte er tief auf. „Diese Worte – Ich bringe die Schlampe um – wurden vor dreißig Jahren von der Frau geäußert, die der Priester mit achtzehn geheiratet hatte. Von meiner Schwester Marie-Laure.“

„Vor dreißig Jahren … Søren war mit Ihrer Schwester verheiratet?“

„Ja, eine Vernunftehe. So sollte es aussehen, und er versicherte ihr, so würde es sein. Aber sie wollte mehr, als er ihr zu geben vermochte.“

„Liebte sie ihn?“

Oui, oder was immer ihr Herz erfüllt, das man Liebe nennen konnte. Es war eher Besessenheit. Als sie von seiner Liebe zu jemand anderem erfuhr, sprach sie jene Drohung aus. Um sie zu verwirklichen, wartete sie dreißig Jahre – aus welchem Grund auch immer.“

„Damals war Nora vier Jahre alt. Mit fünfzehn hat sie Søren kennengelernt, was schon schlimm genug ist. Eine Vierjährige kann unmöglich die andere Frau gewesen sein.“

Exactement. Deshalb sage ich ja, Sie können einen gewissen Trost aus der Drohung schöpfen. Und deshalb weiß ich auch, dass sie lebt und in Sicherheit ist. Vorerst. Le prêtre liebte damals jemand anderen.“

„Wen? Vielleicht sollten wir mit der Person reden.“

Kingsley drehte sich auf einem Stiefelabsatz herum und vollführte eine melodramatische Verbeugung. „Das tun Sie bereits, mon ami. Zu Ihren Diensten – die Schlampe.“

4. KAPITEL

DER TURM

Sobald Grace Easton das Hotel erreicht hatte, beschloss sie, nur eine Nacht hierzubleiben. Welchen Sinn hatte das schöne Zimmer mit Meerblick, wenn Zachary es nicht mit ihr teilte? Sie starrte durch das Fenster zum Strand hinab und sah zwei Vögel am Wasserrand tanzen. Ein Paarungsritual? Oder ein Kampf? Oder beides? Nora würde sagen, beides, nicht wahr? Lächelnd nahm sie das Handy aus ihrer Handtasche und wählte Noras Nummer. Als sich die Voicemail meldete, hinterließ sie eine Nachricht.

„Nora, hier ist Grace. Zachary muss jemanden bei einer Konferenz in Australien vertreten. Nun mache ich ganz allein Urlaub in Rhode Island. Überleg mal, ob du in die Stadt kommen willst. Ich würde mich gerne mal wieder mit dir anlegen.“

Zweifellos würde eine solche Info Noras Interesse erregen. Die Frau hatte ihr mit allen möglichen skandalösen Späßen gedroht, falls Grace sich jemals wieder auf das bewusste Terrain wagen würde. Und Nora hatte versprochen, sie würde ihr Søren vorstellen, falls Grace der Herausforderung gewachsen wäre. Hoffentlich würde Nora an diesem Abend zurückrufen, damit Grace neue Pläne schmieden konnte. Nichts war deprimierender, als allein eine Flitterwochensuite in einem New England Bed and Breakfast zu bewohnen. Warum war sie überhaupt hierhergekommen, wenn nicht aus Gewohnheit? Fast in jedem Ehejahr hatte sie mit Zachary hier Urlaub gemacht. Nur um diese Zeit konnte er seinen besten Studienfreund Jason wiedersehen, der vor zehn Jahren hierhergezogen war. Aber jetzt saß Zachary bei einer Konferenz fest, Jason und seine Frau hatten das Treffen wegen eines familiären Notfalls abgesagt, und Grace war allein in Amerika. Was mochte besser sein als ein paar kleine Reibereien mit der einzigartigen Nora Sutherlin? Vielleicht – nur vielleicht war sie sogar Noras wegen ohne Zachary hierhergeflogen. Grace liebte Herausforderungen.

Mit einem Jetlag-Seufzer wandte sie sich vom Fenster ab und wühlte in ihrem Handgepäck. Sie nahm ihren E-Reader heraus und beschloss, bis zu Noras Anruf zu lesen. Bei der Landung des Fliegers war sie gerade zum interessantesten Teil des Buchs gekommen.

„Harry?“

„Das kannst du besser“, erklang eine Stimme hinter ihm.

Blake drehte sich um und sah Harrison mit gekreuzten Beinen auf einer karierten Decke am Boden sitzen. Neben seinen Knien stand eine Laterne, das flackernde Licht warf goldene Schatten auf sein Gesicht. Tagsüber, in der Schule, sah man Harrison nur mit seiner schwarz umrandeten Retro-Brille und den Büchern, die er nie aus den Händen legte. Aber Blakes Blick ging tiefer, an der Brille und den Büchern vorbei.

„Besser als was?“

„Nennst du mich hier unten wirklich ‚Harry‘? Wenn wir allein sind?“

„Wie denn sonst? Mr Braun? Sir?

„Daran würde ich dich nicht hindern.“

„Niemals werde ich dich ‚Sir‘ nennen.“

Achselzuckend blätterte Harrison eine Seite in dem Buch um, das vor ihm lag. „Wie du willst. Du bist es, der damit angefangen hat.“

Blake überlegte, ob er kehrtmachen sollte. Doch das war die allerdümmste Idee. Niemals würde er Mr Pettit verzeihen, der Harrison und ihn gezwungen hatte, das Essay gemeinsam zu schreiben. Eine lange Nacht in Harrisons Bett bei der Diskussion über die Moral von Machiavellis politischer Philosophie war an allem schuld. „Wieso ich? Du hast mich geküsst. Erinnerst du dich?“

„Du hast darum gebettelt.“ Harrison schaute über den Brillenrand hinweg zu Blake auf. „In meinem Zimmer stehen drei Stühle, und du setzt dich zu mir aufs Bett.“

„Warum stehen so viele verdammte Stühle in deinem Zimmer?“ Blake setzte sich gegenüber von Harrison auf die Decke.

„Damit ich sehe, ob du dich für einen Stuhl oder das Bett entscheidest.“„Also hast du mich getestet?“

„Ja.“

„Großartig, den ersten Test habe ich vermasselt.“ Kopfschüttelnd strich sich Blake durch sein Haar.

„Du hast dich neben mich aufs Bett gesetzt, ich habe dich geküsst. Du hast mich zurückgeküsst. So ungern ich das auch sage: Du hast den Test bestanden.“

Blake starrte Harrison an und zwang sich, ihn zu hassen. Eigentlich müsste ihm das leichtfallen. Vorsitzender des Debattierclubs, Liebling aller Lehrer … Obwohl er noch keinen Abschluss hatte, lagen Harrison schon jetzt Stipendienangebote von zwei Eliteuniversitäten vor. Zu allem Überfluss war er auch noch der einzige Typ in diesem katholischen Internat, der sich als schwul geoutet hatte. Das hatte er absichtlich getan und den Direktor praktisch herausgefordert, ihn der Schule zu verweisen. Einen Einser-Schüler, den verdammt noch mal intelligentesten Jungen der Schule, der mehr akademische Auszeichnungen erhalten hatte als Blakes Team Fußballtrophäen! Er wünschte sich den Kampf, die Publicity, die öffentliche Verurteilung. Je öfter die anderen Jungs ihn verhöhnten und quälten, „Tunte“ nannten und in der Umkleide gegen die Schränke schubsten, desto ruhiger und entschlossener schien er, sein Leid mit Würde zu ertragen. Er stellte sich immer als „Harrison“ vor. Aber alle, die ihn hassten, nannten ihn „Harry“, um ihn kleinzumachen. Er blinzelte nicht, weinte nicht. Niemals erweckte er den Eindruck, er würde den Hass wahrnehmen, der ihm entgegengeschleudert wurde.

Dieser vornehme Gleichmut war Blake zuerst aufgefallen. Dazu das perfekte Gesicht, das sich hinter der coolen Brille verbarg.

Mit einem lauten Knall klappte Harrison das Buch zu, und Blake zuckte zusammen.

„Sieh einer an, es ist schon acht Uhr dreizehn.“ Harrison nahm die Brille ab, und Blake sah zum ersten Mal sein nacktes Gesicht. Oh, verdammt, warum musste er so was für einen anderen Kerl empfinden? „Um neun sperren sie uns ein. Du bist zu mir gekommen, du hast gesagt, du könntest nicht aufhören, an mich zu denken. Und du hast nie zuvor etwas mit einem Jungen gemacht, aber du müsstest dir sicher sein, und vielleicht können wir rumhängen und reden und … Erinnerst du dich an das alles?“

„Ja, ich erinnere mich.“

„War das eine Lüge? Oder spielen wir ein Spiel?“

„Für mich ist es kein Spiel“, beteuerte Blake.

„Was ist es dann?“

Weil Blake sich nicht mehr zurückhalten konnte, beugte er sich vor und küsste Harrison. Anders als bei jenem langsamen, sinnlichen ersten Kuss vor zwei Wochen – der Blake an allem hatte zweifeln lassen, was er wollte, dachte oder glaubte – öffnete Harrison dieses Mal seine Lippen nicht.

„Was stimmt denn nicht?“, fragte Blake und fürchtete die Antwort.

„Du machst das falsch.“ Harrison musterte ihn mit kalten, ausdruckslosen Augen. Nur um wenige Zentimeter waren ihre Lippen voneinander entfernt.

„Wie mache ich es richtig? Sag es mir.“

„Lektion eins – hör nicht auf zu atmen.“

„Was meinst …“

Ehe Blake die Frage vollenden konnte, drückte Harrison ihm die Kehle zu. „Tagsüber lasse ich mich von aller Welt wie ein Stück Dreck behandeln. Und du bist die große Nummer in der Schule. Aber hier, in der Nacht, gehörst du mir. Ich besitze dich. Und du willst es genauso. Vergiss das nie. Also? Willst du es?“

Blake schlucke und spürte, wie sein Adamsapfel gegen Harrisons Hand stieß. „Ja, Harrison.“

„Wenigstens sprichst du mich endlich mit meinem richtigen Namen an.“

Ohne Entschuldigung oder weitere Vorspiele erhob Harrison sich und zog sein Hemd aus. Was er nach den Schulstunden tat, wusste Blake nicht. Hausaufgaben? Doch es musste noch etwas anderes sein, sonst hätte Harrison nicht diese Muskeln an den Oberarmen und am Bauch. Viel mehr Zeit fand Blake nicht, um ihn anzustarren. Denn Harrison öffnete den Reißverschluss seiner Jeans, umfasste Blakes Nacken und drückte seinen Kopf nach unten.

„Nimm ihn“, befahl er, und Blake umschloss ihn mit seinem Mund und begann zu saugen. Eigentlich hätte ihm das nicht gefallen dürfen. Aber er liebte es, er begehrte ihn und konnte gar nicht genug bekommen.

Auf allen vieren, mit Harrisons Schwanz in seinem Hals, spürte er zum ersten Mal in seinem Leben, dass er genau das tat, wozu er bestimmt war.

„Lektion zwei.“ Harrison griff nach unten, umklammerte Blakes Kinn und zwang ihn, aufzuhören. „Wenn du mich so antörnst, hat das Konsequenzen.“

„Welche?“

Harrison zerrte an Blakes Hemd, riss es ihm vom Leib, dann die Jeans und die Boxershorts. „Diese …“

Grace las die Szene zu Ende, ließ den E-Book-Reader aus ihrer Hand gleiten und schloss die Augen. An ihren Fingern pulsierte ihre geschwollene Klitoris. Ihre Rückenmuskulatur war angespannt. Durch ihre Fantasie schwirrten die Bilder von zwei Teenager-Jungs, die ihre Gier aufeinander vor der Welt verbargen. Verbittert wegen des Zwangs, sich verstecken zu müssen, sehnte der eine sich umso verzweifelter nach dem anderen, die jungen Münder trafen sich, die Körper verschmolzen … Als sie kam, war es wie eine Explosion.

Dann zog sie ihre Hand zwischen den Schenkeln hervor und lag keuchend auf dem Bett. Während ihrer heftigen Atemzüge hörte sie etwas vibrieren. Kein Vibrator – den hatte sie nicht eingepackt.

Sie fand ihr Handy und hielt es sich ans Ohr, ohne die Nummer zu checken. „Hallo“, meldete sie sich und holte noch einmal tief Luft.

„Wie geht’s meiner Gracie?“

„Wunderbar …“ Sie kicherte und hörte Zachary auf der anderen Seite der Welt lachen.

„Verrätst du mir, warum, oder überlässt du’s meiner Fantasie?“

„Ich habe gelesen.“

„Schreckliche Idee. Ich hasse Bücher. Und Lesen ist nur was für Arschlöcher.“

„Ein Werk einer deiner Autorinnen.“

„Die schreiben für Arschlöcher.“

„Und wie ist’s mit Verlegern? Erinnerst du dich, dass du ‚All Hallows High School‘ herausgegeben hast?“

„O Gott.“

Grace lachte wieder und setzte sich auf, ans Kopfteil des Betts gelehnt. „Wieso ‚O Gott‘? Es ist fabelhaft.“

„Ich glaube, das hat Nora geschrieben, um mich zu testen.“

„Sehr romantisch. Kein besonders harter Test.“

„Eine erotische Story von zwei Jungs auf einer katholischen Schule.“

„Und?“

„Und sie versucht, mich damit anzutörnen.“

„Stattdessen hat sie mich angetörnt. Da mein Ehemann am anderen Ende der Welt ist, wird sie’s in dieser Nacht wahrscheinlich noch mal schaffen.“

„Freut mich, dass du ein Buch, das von illegalen sexuellen Aktivitäten handelt, so erotisch findest. Diese minderjährigen Jungs ficken miteinander.“

„Vergiss nicht, ich bin eine Lehrerin. So was tun Teenager nun mal, sogar Jungs.“

„Klar, und der Lehrer bumst die Jungs auch.“

„Um Himmels willen!“ Grace senkte ihre Stimme zum Bühnenflüsterton. „Rauchen die Jungs auch – Marihuana?“

„Jetzt machst du dich über mich lustig.“

„Erinnerst du dich, dass du deine Jungfräulichkeit mit dreizehn verloren hast? Und ich meine mit achtzehn, an meinen Lehrer? Zufällig warst das du.“

„Bitte, wirf mir keine Heuchelei vor, wenn ich versuche, zu heucheln.“

„Zachary!“

„Ja?“

„Sei nicht so humorlos.“

Eine Zeit lang war es still am anderen Ende der Leitung, und Grace presste eine Hand auf den Mund, um ein Kichern zu unterdrücken.

„Grace.“

„Ja?“

„Ich liebe dich.“

„Das weiß ich.“ Grinsend genoss sie es, ihren Mann zu hänseln.

„Also gefällt dir Miss Sutherlins neuestes Werk? Zumindest hörte es sich so an, als du dich atemlos am Handy gemeldet hast.“

„Oh, ich liebe es. Um einen Vorabdruck zu kriegen, habe ich mit dem Verleger geschlafen.“ Sie stand auf, nahm ein Glas und füllte es mit Wasser, das Handy zwischen ihr Ohr und die Schulter geklemmt. Beinahe war die Lektüre ein Workout gewesen. Noras Bücher raubten ihr genauso den Atem wie die Autorin selbst.

„Muss ich mich sorgen, weil meine Frau Nora Sutherlins Werke liest?“

„Warum? Weil sie deine Autorin ist? Oder die Frau, mit der du’s letztes Jahr getrieben hast?“

„Gibst du mir die richtige Antwort, bevor du meine bekommst?“

„Weder-noch, lautet die richtige Antwort. Du hast keinen Grund zur Sorge.“

„Meine Frau masturbiert, während sie die Bücher meiner Ex-Liebhaberin liest. Dabei kann nichts Gutes rauskommen.“

„Orgasmen.“

„Und sonst?“

„Deine Frau weiß, dass ihr Mann sie liebt und seine Ehe wichtig nimmt. Außerdem weiß sie, dass Nora Sutherlin ihre Ehe nicht bedroht. Und das alles weiß deine Frau, obwohl ihr Mann immer noch auf Miss Nora Sutherlin scharf ist.“

„Moment, das stimmt nicht. Ich bewundere sie, wenn sie auch eines Tages mein Tod sein wird. Aber das sind rein freundschaftliche Gefühle, mehr steckt nicht dahinter.“

„Sicher ist es leichter, mich am Telefon zu belügen, als mir so was ins Gesicht zu sagen.“ Grace schlug die Bettdecke zurück und schlüpfte darunter.

„Ja – jetzt, wo du’s erwähnst.“

Seufzend zog sie ein Bein an und stützte ihr Kinn aufs Knie. „Ich habe mir neulich deinen Mantel ausgeliehen. Den grauen Trenchcoat. Meinen konnte ich nicht finden, und es hat geregnet. Ich steckte meine Hand in die Tasche, und rate mal, was ich hervorzog.“

Beinahe hätte sie laut gelacht, als sie Zachary schuldbewusst stöhnen hörte. „Eine schwarze Krawatte?“

„Eine schwarze Krawatte – die aus irgendeinem Grund nach Treibhausblumen roch. In meinem ganzen Leben habe ich nur eine einzige Person getroffen, die dieses Parfüm benutzt. Eine schöne Frau mit grünen Augen und schwarzem Haar und spektakulärem Dekolleté. Kommt dir das bekannt vor?“

„Vage.“

Grace entsann sich, wie sie mit zitternder Hand die schwarze Seidenkrawatte berührt und daran geschnuppert hatte. An diesen Duft erinnerte sie sich sehr gut. So hatte Nora bei der ersten Begegnung gerochen. Nach Blumen, die in der Gefangenschaft blühten, obwohl sie da nicht hingehörten.

„Diese Krawatte steckte sie in meine Tasche. Ich hab das gar nicht bemerkt. Nur ein Scherz, kein kostbares Souvenir.“

„Und du hast es über ein Jahr lang in deiner Manteltasche gelassen, weil …?“

„Weil man nie wissen kann, wann man eine Krawatte braucht.“

Grace schwieg und nahm einen Schluck Wasser.

„Bist du sauer?“, fragte Zachary, und sie hörte echte Besorgnis aus seiner Stimme heraus. Sie hänselten einander oft mit dem Jahr, das sie getrennt verbracht hatten, er in Amerika, sie immer noch in London. Für beide war es die Hölle gewesen, und die Erinnerung daran ertrugen sie nur, indem sie sich darüber lustig machten.

„Nein, ich bin nicht sauer. Vielleicht wäre ich sogar besorgt, wenn sie dich nicht reizen würde. Ich fürchte nur …“

„Was?“

„Klar, das ergibt keinen Sinn, aber – vermisst du sie? Oder es? Nora ist was Besonderes, unvergleichlich. Deshalb würde ich’s verstehen, wenn sie dir fehlt. Aber wenn du die Art von Sex vermisst, die du mit ihr hattest und die zwischen uns nicht passiert – dann würde ich mich sorgen.“

„Ich vermisse sie“, betonte er, und Grace glaubte ihm. „Da will ich nicht lügen. Ich hatte eine fantastische, leidenschaftliche Nacht mit ihr und sah eine Welt, von deren Existenz ich nichts geahnt hatte. Um es gelinde auszudrücken, war es eine Offenbarung, und ich bin froh, dass ich es erlebt habe. Aber meine Welt ist es nicht. Meine Welt bist du.“

„Und du meine“, gestand sie und lächelte unter Tränen. Erst seit zwei Tagen waren sie getrennt, und sie wurde schon emotional, sogar rührselig. Zum Teufel mit Zachary, weil er so liebenswert war, so unverzichtbar.

„Ist zwischen uns alles okay? Verzeihst du deinem Mann die gelegentlichen träumerischen Gedanken an eine wilde Amerikanerin, mit der er einmal …“

„Nur einmal?“

„Oder zweimal. Oder – etwas öfter.“

„Wie unfair! Ich weiß, ich sollte eifersüchtig sein, weil du tollen Sex mit einer schönen Frau hattest, die unsittliche Bücher schreibt und ein skandalöses Leben führt“, erklärte sie mit ihrer besten dramatischen Theaterstimme. „In Wirklichkeit bin ich neidisch, weil du diese Welt kennst. Wie nennt sie es noch mal?“

„Untergrund.“

„Ja, und du hast den Untergrund gesehen, SM-Clubs, Dominas, reiche, mächtige Perverslinge. Und ich schlafe bei meinem Tee ein, während Ian über verdammte Wechselkurse labert.“

„Also bist du nicht eifersüchtig, weil ich mit Nora Sutherlin geschlafen habe und sie manchmal vermisse, aber neidisch, weil mein Ehebruch amüsanter war als deiner.“

„Genau.“

„Allzu weit bist du nicht von der City entfernt. Ruf Nora an und sag ihr, sie soll dir den Untergrund zeigen. Dann kannst du zur Abwechslung einen interessanten Seitensprung genießen.“

Grace verspürte Gewissensbisse. Eigentlich keine Bisse, eher ein sanftes Knabbern. „Ich habe Nora schon angerufen“, gab sie zu, „aber ihr nur auf die Mailbox gesprochen. Vielleicht treffen wir uns auf einen Drink.“

„Mit einem begnügt sie sich nicht. Sie braucht Drinks – Plural. Und abgefahrene Kicks – Plural. Wenn du auf ihrem Beifahrersitz landest, bereite dich auf eine lange Nacht vor.“

„Okay, vorher werde ich beten. Stört es dich nicht, wenn ich ein paar Stunden mit ihr verbringe?“

Sie hörte ihn seufzen, und das Herz tat ihr weh. In diesem Moment konnte sie sich sein Gesicht vorstellen, so attraktiv, mit den eisblauen Augen und der nachdenklich gerunzelten Stirn.

„In letzter Zeit hattest du viel Stress, Gracie, und ich weiß, wie schwierig das für dich gewesen ist.“

Was das war, musste er nicht aussprechen – die erfolglosen Versuche, ein Kind zu bekommen, die beide deprimiert hatten.

„Ein bisschen“, flüsterte sie halb erstickt.

„Amüsier dich, Darling, das hast du verdient.“

„Und – wie viel Spaß erlaubst du mir?“

„So viel du willst. Meinen hatte ich, jetzt sollst du deinen genießen. Sei vorsichtig und erzähl mir am nächsten Tag keine Details. Nichts zu wissen, ist angenehmer.“

„Und wenn du eine schwarze Krawatte in meiner Manteltasche findest, die nach einem hübschen Kerl riecht?“

„Das werde ich positiv sehen und mir einbilden, du hättest einen Fremden ermordet und seine Krawatte als Souvenir behalten.“

„Wirklich fair.“

„Ruf Nora noch mal an. Richte ihr meine Gelüste aus und sag ihr bitte, sie soll ein Buch schreiben, das uns nicht alle ins Gefängnis bringt. Ach ja, erinnere sie an ihre Korrekturen, die sind am Montag fällig.“

„Okay, ich werde die Message weiterleiten. Falls du mich brauchst, ich bin im Untergrund. Also versuch nicht, mich aufzuspüren.“

„Dann wünsche ich dir viel Spaß. Pass auf dich auf und geh Männern mit seltsamen Halskrägen aus dem Weg.“

„Sind Subs gefährlich?“, fragte sie voller Stolz, weil sie die Terminologie kannte.

„Damit habe ich Priester gemeint.“

Sie wünschten einander eine gute Nacht und beendeten das Telefonat.

Priester … Als könnte sie sich von Noras Priester fernhalten … Seit Zachary von Søren erzählt hatte, wollte Grace diesen Mann kennenlernen. Und bei ihrem ersten Telefongespräch mit Nora hatte sie indiskrete Fragen gestellt, fasziniert von dem Gedanken, dass diese Frau mit einem katholischen Priester geschlafen hatte …

„Ein Priester … Wirklich?“

„Mein Priester. Seit ich fünfzehn war, ist er mein Priester. Hoffentlich sind Sie schockiert. Sonst würde es keinen Spaß machen.“

„Total schockiert. Ist er hübsch?“

„Ist der Papst katholisch?“

„Das halte ich für ein Ja. Zachary mag ihn nicht besonders.“

„Was Männer angeht, hat Zachary einen schrecklichen Geschmack.“

„Er hat gesagt, Søren sei nicht nett.“

„Nett ist er tatsächlich nicht. Aber gut.“

„Wie gut?“

„Der beste Mann der Welt.“

Was für eine Behauptung … „Wenn er der beste Mann der Welt ist, muss ich ihn kennenlernen.“

„Eines Tages werde ich Sie mit ihm bekannt machen. Vorher muss ich Ihnen einen Rat geben – zeigen Sie keine Angst.“

„Soll das ein Witz sein?“

„Nein, mein Ernst. Er reagiert darauf wie ein Kater auf Katzenminze und würde mit Ihrer Angst spielen“.

„Wie groß ist der Kater?“

„Ein Löwe. Ein ganz großer verdammter Löwe.“

„Das klingt so, als wäre er gefährlich.“

„Oh, er ist gefährlich. Das gehört zu seinem Charme. Aber er ist nicht halb so gefährlich wie Kingsley. Søren hat das Sagen, Kingsley den Finger am Abzug.“

„Und was tun Sie?“

„Die Antwort kennen Sie schon, Grace. Alles, was ich will.“

Bei der Erinnerung an das Gespräch lächelte Grace. Zachary vertraute ihr. Sicher würde sie es bereuen, wenn sie sein Angebot nicht annahm. Im August machten sie fast immer in Rhode Island Urlaub, bevor ihre Schule den Betrieb wiederaufnahm. Aber die Konferenz in Australien war verschoben worden, und jetzt befanden sie sich auf entgegengesetzten Teilen des Globus. Ein kleines Abenteuer wäre eine nette Abwechslung. Und sie wollte Noras Priester kennenlernen… Jeden, der ihren Mann erschreckte – den Nebel von London, berühmt und berüchtigt im Verlagswesen –, musste sie treffen.

Sie griff wieder nach ihrem Handy und wählte Noras Nummer.

Diesmal meldete sich jemand.

Aber es war nicht Nora.

5. KAPITEL

DER BAUER

Laila schlüpfte aus ihren Schuhen und Socken und trat auf das saftige grüne Gras. Aufgeregt fieberte sie dem Wiedersehen entgegen. Sie überquerte den Rasen und ging zu dem dichten Wäldchen. Natürlich hätte sie den Gehweg benutzen können. Aber sie grub die nackten Sohlen lieber ins Erdreich.

Ihr Leben lang hatte sie von Amerika geträumt, von diesem Land, das viel größer war als ihre Heimat. Vielleicht sogar groß genug für alle ihre Hoffnungen und Wünsche. Dänemark erschien ihr wie ein alter Verwandter, der sie nach zu vielen Besuchen anödete, Amerika hingegen neu und frisch, nicht vom Staub toter Königreiche verhüllt.

Ihre Schritte verlangsamten sich, als sie das Haus entdeckte, das zwischen den Bäumen verborgen lag. Bei diesem Anblick lächelte sie. Kein Wunder, dass ihr Onkel Søren es so sehr liebte und sich niemals woandershin versetzen lassen würde. Das hübsche gotische Cottage schien dem Cover eines Krimis entsprungen zu sein.

Laila klopfte an die Tür. Keine Antwort. Noch ein Klopfen. Noch immer nichts. Seltsam – sie hatte geglaubt, wenigstens einer der beiden würde sie im Pfarrhaus erwarten. Letzte Woche hatte sie eine E-Mail von ihrer Tante Elle bekommen, die Einladung zu einem Urlaub in den Staaten, für sieben Tage. Du sollst deinen Onkel überraschen.

Und wo war ihre Tante? Wo war ihr Onkel? Nervös drehte Laila den Türknauf. Die Tür war nicht versperrt. In London hatte sich der Abflug um eine Stunde verzögert. Vielleicht waren ihr Onkel und die Tante daheim, vielleicht waren sie beschäftigt. Lächelnd betrat sie die Küche. Hier hatte sie die beiden bei einem Besuch ertappt. Eine Umarmung und ein Wispern, noch ein Wispern, ein Kuss … Laila hatte den Glanz in ihren Augen gesehen, die Andeutung, die Zärtlichkeit wäre nur das Vorspiel einer nächtlichen Sinfonie.

„Hör auf zu grinsen, junge Dame“, hatte ihr Onkel gesagt und die Arme vor der breiten Brust verschränkt.

„Warum? Darf ich nichts wissen über …“ Sie hatte ihre Stimme zu einem Flüstern gesenkt. „Sex?“

„Nein, nichts.“ Sein strenger Blick hatte sie beinahe erschrocken. Oder sie wäre erschrocken gewesen, hätte ihn nicht jemand am Ohr gezupft.

„Sie ist siebzehn. Über die Vögel und die Bienen darf sie alles wissen. Und wir beide eifern oft den Vögeln und Bienen nach. Eher den Vögeln. Wie letzte Nacht. Und heute Morgen. Und …“

Was immer dem „Und“ folgen sollte, hatte sie nie erfahren. „Laila“, hatte ihr Onkel drohend begonnen, „darf nichts über Sex wissen, nicht über Sex reden, keinen Sex haben. Niemals. Ich werde keine Kinder bekommen. Deshalb betrachte ich sie als meine Tochter. Wegen ihrer Liebe zu Tieren war sie zweifellos von Anfang an für die Franziskaner bestimmt. Ich habe das perfekte Kloster für sie ausgesucht, ihre Kammer ist bereits reserviert. Nun habe ich gesprochen. Nickt, wenn ihr mich verstanden habt.“

Und die Frau in seinem Arm hatte genickt, ebenso wie Laila, die kichernd in ihr Schlafzimmer zurückgekehrt war.

Natürlich wusste sie über Sex Bescheid. Den genoss er ständig mit ihrer „Tante“. So nannten Laila und ihre Schwester Gitte die Frau. Nicht, dass es sie gestört hätte. Sie war nicht katholisch. Warum sollte es ihr etwas ausmachen, dass er eine Geliebte hatte?

Und was für eine … Niemand, der sie sah, konnte es ihm verübeln. Auch keiner, der ihn sah. Als jüngeres Mädchen hatte sie die Tante beneidet und sich ihrer Gefühle für den Onkel geschämt. Erst später hatte sie gemerkt, dass sie nicht ihn begehrte. Stattdessen ersehnte sie, was Onkel Søren und Tante Elle verband. Es erschien ihr wie wunderbare Magie. Das verzauberte Königreich der Erwachsenen. Nur die Erwachsenen lebten in dieser Welt, und sie wünschte sich, hineinzugehen und all ihre Geheimnisse zu enthüllen.

Jedes Mal, wenn sie den Onkel und die Tante besuchte, glaubte sie vor einem Tor zu stehen und zwischen den Gitterstäben hindurchzuspähen. Nur den Schlüssel brauchte sie. Liebe. Das war der Schlüssel. Die Liebe der Erwachsenen. Private Liebe. Leidenschaftliche Liebe. Über diese Liebe lernte sie einiges, wenn sie Onkel und Tante beobachtete, während sie nichts weiter taten, als miteinander zu reden. Nur wenige Besuche, einmal im Jahr, selten zweimal, hatten ihr bewiesen, dass es die Liebe nicht nur in Romanen gab. Für diese Art von Romantik hatten Ritter gekämpft, dafür waren Könige gestorben und Schiffe in See gestochen, und Poeten hatten sie für die Nachwelt bewahrt. Sie existierte tatsächlich, Laila hatte sie gesehen. Und sie wollte erleben, was Søren und Elle einte, das Geheimnis ergründen, das sie wortlos teilten, mit jedem Blick. Vielleicht würde es ihr eines Tages gelingen. In Amerika.

Jetzt herrschte tiefe Stille im Pfarrhaus. Sie hörte nichts. Waren sie in seinem Schlafzimmer? In einem so kleinen Haus musste man die Geräusche der Leidenschaft hören, sogar wenn sie im oberen Stockwerk erzeugt wurden, hinter geschlossenen Türen. Oder war es möglich, ganz leise Liebe zu machen? Dass die Tante das vermochte, bezweifelte Laila. Zehn Jahre alt, hatte sie nachts am Boden gesessen, ein Ohr an der Wand, und den beiden zugehört. Als kleines Kind hatte sie die Bedeutung der heftigen Atemzüge nicht verstanden, des verstohlenen Geflüsters, eines Stöhnens, von Stille gefolgt. Laute, reine Freude – woran? Auch andere Laute – Wimmern, Keuchen, Schreie, die eher auf Schmerzen hinwiesen. In ihrem Bauch waren sonderbare Gefühle entstanden, wenn sie nachts neben der Wand gekauert und sich gezwungen hatte, wach zu bleiben, um die beiden in ihrem Schlafzimmer zu belauschen. Manchmal empfand sie Eifersucht. Oder ihr ganzer Körper war erschauert, von einem unbegreiflichen Bedürfnis überwältigt.

Ein Schauer, das war es. Ja, das Cottage schien zu erschauern, sobald Laila einen Fuß in die Küche setzte. Hier erlosch ihre Freude. Irgendwas stimmte nicht. Nie zuvor war sie ins Haus ihres Onkels eingedrungen. Aber sie wusste, es würde ebenso ordentlich sein wie er, fast makellos. Und das war es auch. Nichts fehl am Platz, nichts durcheinander.

Trotzdem kam ihr alles falsch vor. Sie durchquerte die Küche und betrat das Wohnzimmer. Schön, selbstverständlich. Über tausend Bücher. Ein perfektes großes Klavier, ein kalter Kamin. Sie stieg die Treppe zum ersten Stock hinauf. Das Bad, das Büro …

Als sie ins Schlafzimmer ging, errötete sie beinahe, konnte das gemachte Bett nicht anschauen, ohne sich zerwühlte Laken vorzustellen. Vor vier Jahren waren die Tante und der Onkel zum Begräbnis ihrer Großmutter nach Dänemark gekommen. Die ganze Familie hatte sich versammelt. Nachdem alle zu Bett gegangen waren, hatte Laila wie üblich ein Ohr an die Wand gepresst und die Geräusche der Leidenschaft zu hören erwartet, Laute der Lust und des Schmerzes. Oder vielleicht nur ein Gespräch. Aber da vernahm sie, was im verzauberten Königreich der Erwachsenen noch nie erklungen war – einen Streit.

„Darüber will ich nicht mit dir diskutieren, Eleanor.“ „Morgen findet das Begräbnis statt. Wir müssen darüber reden.“

„Hast du es mitgebracht?“

„Natürlich, ich dachte, du willst vielleicht – oder sie will …“

„Nein, sie hat es dir gegeben. Sie wollte, dass du es besitzt. Es sei denn, es bedeutet dir nichts mehr.“ Laila hörte, wie bitter die Stimme ihres Onkels klang.

„Unsinn, es bedeutet mir genauso viel wie immer. Seit ich dich verlassen hatte, dachte ich nur, du willst es mit ihr begraben.“

„Obwohl du mich verlassen hast? Ich habe dich nie verlassen. Behalt es. Oder wirf’s weg.“

„Was?“, rief die Tante merklich entsetzt. „Mein kostbarstes Eigentum?“

Als sie das Entsetzen in diesen Worten hörte, krampfte sich Lailas Magen zusammen. Instinktiv tastete sie nach ihrer Kehle und umklammerte ihr Medaillon, um Trost zu suchen.

„So wie du meines.“

Beinahe hätte Laila nicht mehr gelauscht. Die messerscharfe und zugleich kummervolle Stimme des Onkels tat ihr in der Seele weh.

„Mach – mach es mir nicht noch schwerer.“

„Noch schwerer, als es schon ist, kann es gar sein, meine Kleine.“ Ein kurzes Schweigen entstand, bevor der Onkel weitersprach, diesmal sanft und zärtlich. „Verzeih mir, ich bin so froh, dass du hier bist – mir und den Mädchen zuliebe.“

„Nur Freyja habe ich’s erzählt. Laila und Gitte vergöttern dich, und ich wollte sie nicht verletzen.“

Jetzt hörte Laila leises Gelächter, das sie nicht verstand.

„Worüber lachst du?“ Der leichte Spott in der Stimme ihres Onkels beruhigte sie ein wenig.

„Also willst du die Mädchen nicht verletzen? Wohl kaum dein üblicher Stil …“

„Wenn du mich noch lange so anlächelst, werde ich dich übers Knie legen.“

„Ah, nun kommen wir der Sache schon näher.“

Intime Stille füllte den Raum – eine Stille, die auf Küsse und andere private Aktivitäten hinwies.

„So lange du mich willst oder brauchst, bin ich da. Und daran werde ich mich bis zum Tag meines Todes halten. Aber wenn eines der Mädchen nach uns fragt, werde ich nicht lügen.“

Im verzauberten Königreich der Erwachsenen war ein Krieg ausgebrochen. Mehr hatte Laila nicht hören wollen – und sich trotzdem nicht losreißen können.

Jetzt verließ sie das leere Schlafzimmer ihres Onkels, in dem sie nichts verloren hatte, und kehrte in die Küche zurück. Hier hoffte sie innere Ruhe zu finden. Vergeblich. Im Flur hatte sie eine seltsam beklemmende Atmosphäre gespürt – als wäre jemand davongelaufen, ohne dem Haushalt den Grund der überstürzten Flucht zu erklären.

Sie wanderte in der Küche umher, wagte sich nicht hinaus. Aber es widerstrebte ihr genauso, hierzubleiben. Sollte sie die Kirche anrufen? Sie hatte die Telefonnummer. Vielleicht würde Onkel Sørens Sekretärin auch abends noch arbeiten. Und möglicherweise würde sie ihr eine Nummer für Notfälle geben. Laila ging zum Küchentelefon. Ihr Handy wollte sie nicht benutzen.

Als sie vor dem Apparat stand, erkannte sie endlich einen realen Grund für ihre Sorge.

Im Pfarrhaus gab es nach wie vor ein Festnetztelefon. Wäre ihr Onkel jetzt hier, hätte sie ihn gehänselt, weil er einer altmodischen Kirche angehörte, die immer noch große schwarze Telefone mit Wählscheiben und baumelnden Kabeln verwendete. Aber Lailas schwaches Lächeln erstarb, denn sobald sie den Hörer ergriffen hatte, entdeckte sie einen Riss darin. Auch der Apparat war schwer beschädigt. Langsam legte sie den Hörer auf die Gabel zurück.

Jemand hatte telefoniert und dann mit roher Gewalt aufgelegt.

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