Logo weiterlesen.de
Mistreß Branican

Erster Theil.

Erstes Capitel.
Der »Franklin«.

Aus zwei Gründen kann man die Freunde, von denen man sich anläßlich einer großen Reise trennt, nicht mehr wiedersehen: entweder kann man sich bei der Rückkehr nicht mehr wiederfinden oder es können die, welche die Reise unternommen haben, nicht mehr zurückkehren. Aber darum kümmerten sich die Matrosen des »Franklin« blutwenig, als sie am Morgen des 15. März 1875 die letzten Vorbereitungen zur Abfahrt trafen.

An diesem Tage sollte nämlich der »Franklin«, Capitän John Branican, den Hafen von San-Diego (Californien) verlassen und eine Fahrt durch die nördlichen Theile des Stillen Oceans antreten.

Der »Franklin«, ein Dreimaster, war ein prächtiges Schiff, das stolz, mit etwas vorgebeugtem Takelwerke, die Fluthen durchschnitt, und der tüchtigste Vertreter jener modernen und eleganten Klipper, deren sich Nordamerika mit so großem Vortheile bedient und die es in der Schnelligkeit mit den besten Dampfern seiner Handelsflotte aufnehmen.

Der »Franklin« war so tüchtig ausgerüstet und wurde so wacker befehligt, daß keiner der Bemannung auf ein anderes Schiff gegangen wäre, nicht einmal unter Zusicherung einer höheren Löhnung. Alle traten mit jenem doppelten Vertrauen die Reise an, dessen Grundlage ein tüchtiges Schiff und ein ebenso tüchtiger Capitän bildet.

Der »Franklin« hatte seine erste große Reise für das Haus William H. Andrew von San-Diego zu unternehmen, indem er amerikanische Waren über Singapore nach Calcutta bringen und indische Erzeugnisse in einen der californischen Hafenplätze zurückführen sollte.

Der Capitän John Branican war ein junger Mann von neunundzwanzig Jahren. Er hatte einnehmende, aber entschlossene Gesichtszüge, worin sich eine seltene Energie ausprägte; daneben besaß er bis zum höchsten Grade jenen moralischen Muth, der dem physischen weit überlegen ist, einen Muth »von zwei Uhr nach Mitternacht« wie Napoleon sagt, d. h. jenen, der dem Unerwarteten stets die Stirne zu bieten weiß. Sein Kopf war mehr charakteristisch als schön zu nennen; er hatte struppiges Haar, ein Paar feurige Augen, deren schwarze Pupillen förmlich Blitze schossen. Man hätte bei einem Menschen von solchem Alter einen kräftigeren Körperbau, eine festere Musculatur vorausgesetzt; aber man fühlte das Feuer, welches in seinen Adern rollte, und die Kraft, die seinen Muskeln innewohnte, in dem festen Drucke der Hände. In diesem eisernen Körper befand sich eine Seele – die Seele eines edlen Menschen, der stets bereit ist, für seinesgleichen das Leben in die Schanze zu schlagen. John Branican hatte eben das Temperament jener Retter, denen ihre Kaltblütigkeit erlaubt, ohne Zögern die größten Heldenthaten zu vollbringen. Schon frühzeitig hatte er davon Proben abgelegt, indem er, selbst noch ein Kind, von einer Schaluppe aus andere Kinder, die auf dem Eise eingebrochen waren, rettete. Später konnte er diesen edlen Trieb, der in seinem jugendlichen Alter schon zum Vorschein gekommen war, nicht unterdrücken.

John Branican hatte schon seit einigen Jahren seine Eltern verloren, als er Dolly Starter, eine Waise aus den besten Kreisen von San-Diego, zum Traualtare führte.

Die Mitgift des Mädchens war klein und stand ganz in dem Verhältnisse zu seiner Stellung, da er damals nur einfacher Lieutenant auf einem Handelschiffe war.

Aber er konnte hoffen, daß Dolly eines Tages ihren reichen Onkel Edward Starter, der in dem wildesten und unzugänglichsten Theile des Staates Tennesee ein Trapperleben führte, beerben würde. Unterdessen mußten sie so zu zweien leben, sogar zu dreien, denn der kleine Walter, abgekürzt Wat, kam schon nach einem Jahre der Ehe auf die Welt. Auch konnte John Branican – und seine Frau sah dies wohl ein – den Seemannsstand nicht aufgeben. Später würde es sich ja wieder anders machen lassen, wenn das Glück ihnen die Erbschaft bescheert oder er sich im Dienste des Hauses Andrew bereichert haben würde.

Uebrigens hatte der junge Mann schnell Carrière gemacht, denn er war in einem Alter schon Capitän, wo seine Collegen noch Second- oder Lieutenants an Bord der Handelsflotte waren. Wenn schon seine Fähigkeiten dieses schnelle Avancement berechtigten, so verdankte er es doch gewissen Umständen, daß man auf ihn aufmerksam geworden war.

In der That war John Branican nicht nur in San- Diego, sondern auch in allen Hafenplätzen Californiens beliebt, indem ihn sein Opfermuth bei den Seeleuten und in der Kaufmannswelt der Vereinigten Staaten bekannt machte.

Einige Jahre zuvor war ein Schooner von Peru, die »Sonora«, bei der Einfahrt in die Coronado-Bucht gestrandet und die Bemannung war verloren, wenn es nicht gelang, zwischen dem Schiffe und dem Lande eine Verbindung herzustellen. Aber ein Tau zwischen die Brandung zu bringen, war so viel wie hundertmal sein Leben aufs Spiel zu setzen. John Branican zögerte keinen Augenblick. Er warf sich in das wüthende Meer, wurde an die Klippen geworfen, und dann schleuderte ihn die Brandung wieder an den Strand.

Im Angesichte so vieler Gefahren, denen er trotzen wollte, ohne sich um sein Leben zu kümmern, sachte man ihn zurückzuhalten. Er wehrte sich dagegen, sprang wieder ins Meer, erreichte das Schiff, und Dank seinem Muthe wurde die ganze Bemannung der »Sonora« gerettet.

Ein Jahr später hatte John Branican Gelegenheit, bei einem furchtbaren Sturme, der ungefähr fünfhundert Meilen vom Lande im östlichen Theile des Stillen Oceans losbrach, den Heldenmuth zu zeigen, den man von ihm erwartete. Er war an Bord des »Washington« Lieutenant, und der Capitän war mit der Hälfte der Bemannung soeben durch eine Sturzwelle in das Meer geschleudert worden. Trotz der wenigen Matrosen, die zum größten Theile auch noch verwundet waren, gelang es ihm, den trostlosen Zustand des Schiffes so weit zu heben, daß er es sicher in den Hafen von San-Diego brachte. Dieses Schiff hatte eine Ladung im Werthe von mehr als fünfhunderttausend Dollars und gehörte dem Hause Andrew.

Welcher Empfang wurde dem jungen Seemann zutheil, als das Schiff in den Hafen von San-Diego einfuhr! Da die Ereignisse auf dem Meere ihn zum Capitän gemacht hatten, so war nur eine Stimme in der Bevölkerung, daß er diese Stelle auch ganz erhalten solle.

Das Haus Andrew bot ihm den Befehl über den eben vollendeten »Franklin« an. Der Lieutenant nahm das Angebot an, denn er fühlte sich zu dieser Stelle befähigt; er hatte nur seine Mannschaft zu erwählen, so viel Vertrauen setzte man in ihn. So kam es nun, daß der »Franklin« seine erste Fahrt unter dem Befehle John Branican's antrat.

Die Abreise war ein Stadtereigniß. Das Haus Andrew war eines der berühmtesten in San-Diego, denn die kräftige Hand Mr. William Andrew's leitete es auf geschickte Weise. Man schätzte diesen Mann nicht allein, man liebte ihn, und sein Vorgehen mit John Branican fand allgemeinen Beifall.

Es war daher nicht zu verwundern, wenn sich an jenem Morgen eine sehr große Zuschauermenge auf den Quais des Pacific-Coast-Steamship drängte, abgesehen von den bekannten und unbekannten Freunden des jungen Capitäns, um ihm mit einem Hurrah den Abschiedsgruß zuzurufen.

Die Mannschaft des »Franklin« zählte zwölf Köpfe, den Hochbootsmann mit eingerechnet, alle tüchtige Matrosen, die schon früher Proben ihres Muthes abgelegt hatten und glücklich waren, unter John Branican dienen zu können. Der Steuermann des Schiffes war ein ausgezeichneter Officier, namens Harry Felton, der, obgleich er fünf bis sechs Jahre älter war als der Capitän, sich nicht schämte, ihn als seinen Vorgesetzten anzuerkennen.

Er warf sich in das wüthende Meer.

Er wußte, daß John Branican diese Stelle verdiene und beide hatten sich auf ihren häufigen Reisen gegenseitig schätzen gelernt. Uebrigens was Mr. William Andrew that, war immer gut. Harry Felton und seine Mannschaft waren ihm mit Leib und Seele ergeben. Die meisten von ihnen waren schon auf seinen Schiffen gefahren, so daß Officiere und Matrosen eine förmliche Familie bildeten, eine zahlreiche, ihren Chefs ergebene Familie, die sich mit dem Gedeihen des Hauses eins fühlte. Ohne das geringste Zagen, man möchte besser sagen, mit Feuer trat die Bemannung des »Franklin« diese neue Reise an. Väter, Mütter, Verwandte waren da und sagten ihnen Adieu, aber so, als wie man zu Leuten sagt, die man bald wiedersehen wird »Guten Tag!« Auf baldiges Wiedersehen! Nicht wahr?« Es handelte sich wirklich nur um eine Reise von sechs Monaten, um eine einfache Fahrt von Californien nach Indien, eine Hin- und Herfahrt von San-Diego nach Calcutta, und nicht um eine jener Handelsexpeditionen oder Entdeckungsreisen, die ein Schiff für lange Zeit auf gefährliche Meere beider Halbkugeln hinausziehen. Diese Seeleute hatten ganz andere Fahrten angetreten und ihre Angehörigen hatten besorgnißerregendere Abschiede mitgemacht.

Unterdessen nahten sich die Vorbereitungen ihrem Ende. Der »Franklin«, von einem Anker in der Mitte des Hafens festgehalten, hatte sich schon von den übrigen Schiffen losgemacht, deren große Zahl von der Bedeutung des Hafens von San-Diego zeugte. Der Dreimaster brauchte nicht von einem Schlepper in die offene See hinausgeführt zu werden, denn sobald der Anker gelichtet war, genügte eine leichte Brise, das stattliche Schiff aus dem Hafen zu treiben, ohne an dem Takelwerke weitere Veränderungen vornehmen zu müssen. Der Capitän John Branican hätte sich kein schöneres Wetter, keinen günstigeren Wind wünschen können – auf der in den Strahlen der Sonne glänzenden Fläche des Meeres.

In diesem Augenblicke – es war zehn Uhr Morgens – befanden sich Alle an Bord. Keiner der Matrosen durfte an das Land gehen, man konnte sagen, die Fahrt werde um ihretwegen angetreten. Einige Kähne standen neben der Schiffstreppe und erwarteten diejenigen, welche zum letztenmal ihre Freunde und Verwandten umarmen wollten. Diese Kähne setzten sie an den Quais aus, als schon der »Franklin« die Flagge hißte. Von den Besuchern müssen besonders der Chef des Hauses Mr. William Andrew, Mrs. Branican und die Amme, welche den kleinen Wat trug, erwähnt werden. In ihrer Begleitung befanden sich Mr. Len Burker und seine Frau, Jane Burker, eine Cousine Dollys. Der Officier Harry Felton hatte keine Familie und erhielt daher auch keine Abschiedsbesuche. Die Segenswünsche William Andrew's kamen auch ihm zu und mehr verlangte er nicht, höchstens daß auch die Frau des Capitän John die ihrigen mit den seinigen vereinigt hätte, und das wußte er im voraus.

Harry Felton befand sich auf dem Vordertheile, wo ein halbes Dutzend Matrosen den Anker aufzogen. Schon schwankte der »Franklin« allmählich hin und her und seine Kette klirrte auf den Rädern. Die Flagge mit den Anfangsbuchstaben des Hauses Andrew flatterte an der Spitze des Hauptmastes, während die amerikanische Fahne an der Spitze der Brigantine ihre Sterne weithin leuchten ließ.

Auf der Commandobrücke nahm John Branican, ohne die letzten Vorbereitungen aus dem Auge zu verlieren, die Segenswünsche und die Declaration Andrew's entgegen, die meist die Ladung des Schiffes betraf. Letzterer überreichte das Schriftstück dem jungen Manne und sagte:

»Wenn die Umstände Sie zwingen, den Curs abzuändern, so haben Sie stets unser Interesse im Auge und senden Sie uns sogleich nach der ersten Landung eine Mittheilung zu. Vielleicht wird der »Franklin« bei den Philippinen etwas aufgehalten werden, denn ohne Zweifel ist es nicht Ihre Absicht, durch die Meerenge von Torres zu fahren?

– Nein, Herr Andrew, erwiderte der Capitän John, ich will mich nicht mit dem »Franklin« in die gefährlichen Meere des Nordens von Australien wagen. Meinen Weg bilden die Hawaïinseln, die Mariannen, Mindanao, die Philippinen, die beiden Celebes die Meerenge von Mahkassar, um über das Javanische Meer nach Singapore zu kommen. Um von hier nach Calcutta zu gelangen, ist auch schon Alles festgesetzt. Ich glaube also nicht, daß diese Fahrt durch die Winde im Osten des Stillen Oceans beeinträchtigt werden könnte. Haben Sie mir aber irgend welche wichtige Nachricht zu telegraphiren, so bitte ich die Depesche entweder nach Mindanao zu senden, wo ich mich vielleicht aufhalten, oder nach Singapore, wo ich sicher anlegen werde.

– Gut, John. Ihrerseits bitte ich, mich sobald wie möglich von dem Course der Waren in Calcutta in Kenntniß zu setzen. Es ist möglich, daß dieser Cours meine Pläne betreffs der Ladung verändern wird.

– Ich werde es sicher thun, Herr Andrew,« erwiderte John Branican.

In diesem Augenblicke näherte sich Harry Felton und sagte:

»Capitän, wir sind bereit.

– Und die Ebbe?

– Macht sich eben fühlbar.

– Gut.«

Dann wandte er sich in überschwenglicher Dankbarkeit an William Andrew:

»Noch einmal danke ich Ihnen, Herr Andrew, daß Sie mir den Befehl über den »Franklin« anvertraut haben. Ich hoffe, daß ich Ihr Vertrauen werde rechtfertigen können....

– Daran zweifle ich keineswegs, John, erwiderte William Andrew, ich könnte die Angelegenheit meines Hauses in gar keine besseren Hände legen.«

Der Chef drückte dem jungen Manne herzlich die Hand und ging auf die Schiffstreppe zu. Mrs. Branican, hinter ihr die Amme und das Kind, trat mit Herrn und Frau Burker auf ihren Gatten zu. Der Augenblick der Trennung war gekommen und der Capitän John Branican hatte sich nur noch von seiner Frau und seinen Verwandten zu verabschieden.

Dolly war erst zwei Jahre verheiratet und das Kind war kaum neun Monate alt. Obwohl sie diese Trennung tief schmerzte, so wollte sie es doch nicht sehen lassen und hielt gewaltsam die Thränen zurück. Ihre Cousine Jane, die schwächlicher Natur war, konnte ihre tiefe Regung nicht bemeistern. Sie liebte Dolly ungemein, bei der sie oft gegen den heftigen und herrischen Charakter ihres Mannes Schutz gesucht hatte. Wenn auch Dolly ihre wahren Gefühle zu verbergen sachte, so wußte doch Jane, welch' namenloser Schmerz ihr Herz zusammenpresse. Ja, Capitän John sollte in sechs Monaten zurückkehren, aber es war doch eine Trennung – die erste seit ihrer Hochzeit – und wenn sie auch stark genug war, ihre Thränen zurückzuhalten, so weinte Jane mit für sie. Was Len Burker anbelangt, der nie eine zarte Regung gekannt, noch nie seinen strengen Blick gemildert hatte, so ging er mit den Händen in den Taschen auf und ab, indem er bei dieser Scene an wer weiß was dachte. Aber das war sicher, daß er mit den Besuchern, die ein herzliches Gefühl auf das scheidende Schiff geführt hatte, nicht eines Sinnes war.

Der Capitän John nahm seine Frau bei beiden Händen, zog sie an sich und sagte gerührt:

»Liebe Dolly, nun muß ich scheiden... Ich werde nicht lange fort sein... In einigen Monaten wirst Du mich wiedersehen... Ich werde Dich sicher wiedersehen, liebe Dolly... Hab' nur keine Furcht... Mit einem solchen Schiffe und solchen Matrosen braucht man nichts zu fürchten... Sei stark, wie es die Frau eines Seemannes sein muß... Wenn ich zurückkehren werde, wird unser Wat fünfzehn Monate alt sein... Dann ist er schon ein großer Junge... Er wird sprechen, und das erste Wort, welches ich bei meiner Rückkehr hören werde, wird...

– Dein Name, John, sein!... erwiderte Dolly. Dein Name wird das erste Wort sein, das ich ihm lehren werde!... Wir werden von Dir alle Tage... immer sprechen... Lieber John, schreib' mir bei jeder Gelegenheit!... Mit welcher Ungeduld ich Deine Briefe erwarten werde!... Schreibe mir Alles, was Du gemacht hast, was Du zu thun gedenkst... Wie werden meine Gedanken bei Dir sein...

– Ja, liebe Dolly, ich werde Dir schreiben... ich werde Dich von dem Laufenden in Kenntniß setzen... Meine Briefe werden wie das Schiffstagebuch sein, nur zärtlicher!

– Ach, John, ich bin auf dieses Meer eifersüchtig, das Dich so weit tragen soll!... Wie beneide ich die, welche sich lieben und sich nie im Leben zu trennen brauchen!... Aber nein, ich habe Unrecht, daran zu denken...

– Liebe Frau, ich bitte Dich, sage Dir stets, ich unternehme diese Reise unseres Kindes wegen... auch Deinetwegen... um uns beide dem Glücke und dem Wohlstande zuzuführen... Wenn sich unsere Hoffnungen eines Tages erfüllen, so werden wir uns nie mehr trennen!...«

In diesem Augenblicke traten Len Burker und Jane heran, und der Capitän wandte sich an sie:

»Mein lieber Len, sagte er, ich übergebe Ihnen meine Frau und mein Kind... Ich vertraue sie Ihnen an als den einzigen Verwandten, die ihnen in San-Diego zurückbleiben.

– Rechnen Sie auf mich, John, erwiderte Len Burker, indem er die Rauhheit seiner Stimme zu mildern suchte. Jane und ich sind ja da... Es wird Dolly an nichts fehlen...

– Auch nicht an Trost, fügte Mrs. Burker hinzu. Du weißt, wie ich Dich liebe, theure Dolly!... Ich werde Dich recht oft besuchen... Jeden Tag werde ich einige Stunden bei Dir zubringen... Wir werden von John sprechen...

– Ja, Jane, erwidert Mrs. Branican, und ich werde nicht aufhören, an ihn zu denken!...«

Harry Felton unterbrach von Neuem das Gespräch.

»Capitän, sagte er, es ist Zeit...

– Gut, Harry, erwiderte John, lassen Sie das Focksegel und die Brigantine hissen!«

Der Officier entfernte sich, um diesen Befehl ausführen zu lassen, was einen sofortigen Aufbruch bedeutete.

»Herr Andrew, sagte der junge Capitän, indem er sich an den Chef wandte, das Boot wird Sie jetzt mit meiner Frau und ihren Angehörigen an das Land zurückführen... Wenn Sie wollen...

– Sofort, John, erwiderte Andrew, also noch einmal: Glückliche Reise!

– Ja... Glückliche Reise!... wiederholten die anderen Besucher, die in das Boot hinabzusteigen begannen.

– Adieu, Len... Adieu Jane, sagte John, indem er Beiden die Hand schüttelte.

– Adieu!... Adieu!... wiederholte Mrs. Burker.

– Und Du, liebe Dolly, mußt jetzt auch gehen... es geht nicht anders, fügte John hinzu. Der »Franklin« wird sogleich seine Fahrt antreten.«

Und wirklich schwellten sich die gehißten Segel, während die Matrosen sangen:

Da ist eine,

Eine Schöne!

Eine geht, eine geht.

Zweie kommen, zweie kommen wieder.

Da sind zwei,

Zwei Schöne.

Zweie gehen, zweie gehen.

Dreie kommen, dreie kommen wieder.

Und so fort.

Während dieser Zeit führte der Capitän John seine Frau zu der Schiffstreppe und in dem Augenblicke, wie sie dieselbe betrat, konnte er sie nur stumm noch einmal in die Arme schließen, denn er fühlte sich unfähig, ein Wort mit ihr zu sprechen; auch sie konnte ihm nicht mehr antworten.

Und nun streckte das Kind, welches Dolly eben der Amme zurückgegeben hatte, ihm die Arme entgegen, bewegte lächelnd die kleinen Hände und plötzlich entrang sich seinen Lippen:

»Pa... pa!... Pa... pa!«

»Lieber John, rief Dolly, so hast Du denn noch vor der Trennung das erste Wort gehört!«

So stark der junge Capitän auch war, so konnte er nicht die Thräne zurückhalten, welche die Wange des kleinen Wat benetzte.

»Dolly!... sagte er leise, Adieu!... Adieu!...«

Dann rief er mit starker Stimme, um dieser peinlichen Scene ein rasches Ende zu machen:

»Los!«

Einen Augenblick darauf schaukelte das Boot auf den Wogen und nahm seine Richtung gegen den Quai, wo die Besucher nach einigen Ruderstößen landeten.

Der Capitän war jetzt ganz bei den letzten Vorbereitungen. Der Anker wurde herausgezogen und der »Franklin«, seiner letzten Last ledig, nahm schon in seinen Segeln die Brise auf, welche die Falten derselben sogleich glättete. Das große Fock bewegte es weiter, während das Brigantinesegel das Schiff ein wenig laviren ließ, damit es nicht an ein anderes anstoße.

Auf einen neuen Befehl des Capiäns wurde das große Segel und das Focksegel aufgezogen, und zwar so schön zugleich, daß es den Matrosen alle Ehre machte. Dann nahm der »Franklin« eine Viertelwendung nach links, und nun ging es geradaus.

Die zahlreichen Zuschauer auf den Quais sahen diesen schnellen Vorbereitungen mit Bewunderung zu. Nichts nahm sich graziöser aus als dieses elegante Schiff, das der Wind sanft beugte. Während dieser Evolution mußte es sich auf wenigstens halbe Kabellänge der äußersten Spitze des Quais nähern, wo sich Andrew, Dolly, Len und Jane Burker befanden. So kam es denn, daß der junge Capitän noch einmal seine Frau, seine Freunde sehen und ihnen noch einmal ein letztes »Adieu!« zurufen konnte.

Alle antworteten diesem Worte, das sich deutlich vernehmen ließ, dieser Hand, die den Freunden noch einmal zuwinkte.

»Adieu!... Adieu!

Und nun streckte das... ihm die Arme entgegen.

Und nun streckte das... ihm die Arme entgegen.

– Hurrah!« rief die Zuschauermenge, während Hunderte von Sacktüchern ihm zuwinkten.

Wie doch Alle John Branican liebten! War er nicht eines jener Kinder, auf welche die Stadt so stolz war? Ja, Alle würden ihn bei seiner Rückkehr wieder auf den Quais erwarten!

Der »Franklin«, der schon an dem Leuchtthurme vorüber fuhr, mußte noch einmal eine leichte Wendung nach links machen, um einem Postdampfer, der eben in den Hafen einfuhr, auszuweichen. Die beiden Schiffe grüßten einander mit den Fahnen der Vereinigten Staaten.

Auf dem Quai sah Mrs. Branican unbeweglich dem »Franklin« nach, der bei einer frischen Brise aus Nordost immer mehr verschwand. Sie wollte ihm nachsehen, so lange sein Takelwerk über der Islandspitze sichtbar wäre.

Aber der »Franklin« hatte bald die Inseln Coronado außerhalb der Bucht erreicht. Noch einmal zeigte er die Hausflagge an der Spitze des Hauptmastes... dann verschwand er.

»Adieu, lieber John... Adieu!...« sagte Dolly leise.

Warum ließ sie eine unerklärliche Ahnung nicht sagen: »Auf Wiedersehen!«

Zweites Capitel.
Familienangelegenheiten.

... um durch Urbarmachung weiter Ländereien in Tennessee glücklich zu speculiren.

... um durch Urbarmachung weiter Ländereien in Tennessee glücklich zu speculiren.

Nun müssen wir genauer Mrs. Branican skizziren, da sie in dieser Geschichte mehr in den Vordergrund tritt.

Um jene Zeit zählte Dolly (eine Abkürzung aus Dorothea) einundzwanzig Jahre. Sie war von amerikanischer Abstammung. Aber ohne ihre Ahnen sehr weit zu verfolgen, hätte man bald jene Generation gefunden, die sie mit der spanischen oder mexikanischen Rasse verband, aus der die besten Familien des Landes hervorgegangen waren. Ihre Mutter wurde in San-Diego geboren und diese Stadt bestand schon in der Zeit, als Nieder-Californien noch zu Mexiko gehörte. Die große Bucht, die vor drei und einem halben Jahrhundert von dem spanischen Seefahrer Juan Rodriguez Cabrillo entdeckt worden war, hieß zuerst San Miguel, und nahm den neuen Namen im Jahre 1602 an. Dann vertauschte im Jahre 1846 diese Provinz die Tricolore mit dem Sternenbanner der Conföderation und seit dieser Zeit gehörte sie definitiv zu den Vereinigten Staaten.

Von mittlerer Gestalt, ein Gesicht, das zwei große schwarze Augen außerordentlich belebten, ein südlicher Typus, üppiges, braunes Haar, die Hand und die Füße ein wenig stärker, als man sie sonst bei der spanischen Rasse zu sehen gewohnt ist, ein sicherer, aber graziöser Gang, eine Physiognomie, die ebenso von energischem Charakter wie von Herzensgüte zeugte – das war Mrs. Branican. Sie war eine jener Frauen, die man nicht mit gleichgiltigem Blicke ansieht, denn vor ihrer Verheiratung galt Dolly im wahren Sinne des Wortes als eines der schönsten Mädchen von San-Diego, wo doch sicher die Schönheit nicht selten ist. Sie war ernst, überlegend und hatte einen klaren Geist, moralische Eigenschaften, welche die Ehe sicher in ihr nur noch weiterentwickeln konnte.

O, was lag daran, wie es auch immer kommen würde! Dolly würde, Mrs. Branican geworden, schon ihre Pflichten kennen. Da sie das Leben offen und nicht durch trügerisches Glas gesehen hatte, so besaß sie muthigen Sinn und festen Willen. Die Liebe, welche ihr der Gatte einflößte, machte sie für die Erfüllung ihrer Aufgabe noch entschlossener. Im Nothfalle würde sie, und das ist keine hohle Redensart, für John ihr Leben hingeben, wie John das seinige für sie, wie beide es für ihr Kind hingeben würden. Sie liebten dieses Kind, das soeben zum erstenmal »Papa« gesprochen hatte, als der junge Capitän sich von seiner Mutter und ihm trennte. Die Aehnlichkeit des kleinen Wat mit seinem Vater war schon eine frappirende, durch die Gesichtszüge wenigstens, denn er hatte das südliche Colorit des Teints seiner Mutter. Da er von kräftigem Körperbau war, hatte er nichts von den Kinderkrankheiten zu fürchten. Uebrigens wurde er so sorgsam gehütet... Ach, welche Zukunftsträume hatte nicht schon die Phantasie des Vaters und der Mutter für das kleine Wesen gesponnen, dessen Leben erst begonnen hatte!

Gewiß wäre Mrs. Branican die glücklichste der Frauen gewesen, wenn die Stellung Johns ihm erlaubt hätte, das Seemannsleben aufzugeben, dessen kleinster Unfall sie trennen konnte. Aber in dem Augenblicke, wo ihm das Commando des »Franklin« übertragen worden war, wie hätte sie da den Gedanken haben können, ihn zurückzuhalten? Und dann, mußte er nicht auf den Lebensunterhalt der Familie bedacht sein, die sich wahrscheinlich nicht auf das einzige Kind beschränken würde? Die Mitgift Dollys reichte ja kaum für das Nothwendigste des kleinen Hausstandes aus. Gewiß konnte John Branican auf das Vermögen rechnen, das der Onkel seiner Nichte hinterlassen würde, und es hätten schon eigenthümliche Zustände zusammentreffen müssen, wenn dieses Vermögen ihm entgehen sollte, da doch Mr. Edward Starter, fast ein Sechzigjähriger, keine anderen Erben hatte als Dolly. In der That stand auch Jane Burker, die dem mütterlichen Familienzweige angehörte, in keiner verwandtschaftlichen Beziehung zu dem Onkel Dollys. Sie war also reich... aber es konnten wohl zehn und zwanzig Jahre verfließen, bevor sie in den Besitz dieser Erbschaft kam. So mußte denn John Branican arbeiten, wenn ihm nicht vor der Zukunft bangen sollte. Auch war er fest entschlossen, für das Haus Andrew in See zu stechen, umsomehr jetzt, wo er den »Franklin« befehligte und ihm ein Antheil an dem Ertrage der Fahrt zugesichert war. Da nun der Seemann auch zugleich ein tüchtiger Kaufmann war, so konnte man schon mit Bestimmtheit sagen, daß er vor dem Antritte der Erbschaft Onkel Starter's einen gewissen Grad von Wohlstand erreicht haben würde.

Nun ein Wort über diesen Amerikaner, einen Amerikaner im wahrsten Sinne des Wortes!

Er war der Bruder des Vaters Dollys und folglich der rechtmäßige Onkel des Mädchens, das Mrs. Branican geworden war. Dieser Bruder war fünf bis sechs Jahre älter und hatte ihn sozusagen aufgezogen, denn beide waren Waisen.

Starter der Jüngere hatte für ihn auch stets ein lebhaftes Gefühl der Dankbarkeit gehegt. Unter der steten Gunst des Glückes kam er zu Reichthum, während Starter der Aeltere sich gewöhnlich auf Wegen verlor, die selten zum Ziele führten. Wenn er auch in die Ferne zog, um durch Ankauf und Urbarmachung weiter Ländereien im Staate Tennessee glücklich zu speculiren, so war er doch mit seinem Bruder in Verbindung, den die Geschäfte in den Vereinigten Staaten zu New-York zurückhielten. Als dieser Witwer wurde, ließ er sich in San-Diego nieder, der Geburtsstadt seiner Frau, wo er starb, als die Heirat Dollys mit John Branican schon eine beschlossene Sache war. Die Hochzeit wurde nach Ablegung der Trauer gefeiert und der junge Haushalt hatte weiter keine Unterstützung als das Wenige, was Starter der Jüngere hinterlassen hatte.

Kurze Zeit darauf kam nach San-Diego ein Brief, der an Dolly Branican adressirt war und von Starter dem Aelteren kam; das war das erstemal, daß er seiner Nichte schrieb, und es sollte auch das letztemal sein.

Obwohl Starter weit von ihr war und obwohl er sie nie gesehen hatte, so vergaß er doch nicht, daß er eine Nichte hatte, die leibliche Tochter seines Bruders. Wenn er sie nie gesehen hatte, so war der Grund der, weil Starter der Jüngere und Starter der Aeltere nicht mehr miteinander zusammengekommen waren, seitdem letzterer eine Frau genommen hatte, und weil der jüngere Bruder zu Nashville, dem entlegensten Theile von Tennessee, lebte, während sie in San-Diego wohnte. Nun, Tennessee und Californien liegen ungefähr einige hundert Meilen auseinander, die der Onkel in keinem Falle zurücklegen wollte. Wenn daher dieser die Reise viel zu anstrengend fand, seine Nichte zu besuchen, so fand er es ebenso sehr langweilig, wenn ihn seine Nichte besuchen würde, und er ersuchte sie, ihn nicht zu belästigen.

Dieser Mensch war wirklich ein Bär, nicht einer jener amerikanischen Bären, die Krallen und einen Pelz haben, aber einer jener menschlichen, die fern von jedem gesellschaftlichen Leben in der Wildniß hausen.

Das sollte übrigens Dolly keine Sorge bereiten. Sie war also die Nichte eines Bären, gut! Aber dieser Bär besaß das Herz eines Onkels. Er vergaß nicht, was er seinem Bruder verdankte, und die einzige Tochter seines Bruders sollte die Erbin seines Vermögens sein.

Starter fügte hinzu, daß dieses Vermögen schon werth sei, eingeheimst zu werden, denn es belief sich damals auf fünfhunderttausend Dollars (über eine Million Gulden) und mußte sich noch vergrößern, da die Urbarmachung in dem Staate Tennessee ungemein prosperirte. Da dasselbe in Ländereien und Vieh bestand, so wäre es etwas Leichtes, es flüssig zu machen; man würde es zu einem vortheilhaften Preise losschlagen, und die Käufer würden sicher nicht ausbleiben.

Es war zwar ein wenig derb gesagt, aber das ist den eingebornen Amerikanern einmal eigen. Das Vermögen sollte ganz Mrs. Branican oder ihren Kindern zufallen. Sollte Mrs. Branican ohne directe oder andere Nachkommen sterben, so würde das Vermögen dem Staate anheimfallen, was dieser sehr gern nehmen würde.

Noch zwei Dinge:

1. Starter war ledig und würde es auch bleiben. »Die Dummheit, welche man gewöhnlich zwischen zwanzig und dreißig Jahren macht, würde er auch mit sechzig Jahren nicht machen,« war eine gewöhnliche Redensart seines Briefes. Nichts könnte das Vermögen von der Bestimmung abbringen, die er festgesetzt habe, und dasselbe würde ebenso sicher in den Haushalt Branican fließen, wie sich der Mississippi in den Golf von Mexiko ergießt.

2. Starter werde alle Anstrengungen machen – übermenschliche Anstrengungen – um seine Nichte so viel wie möglich zu bereichern. Er werde versuchen, hundert Jahre alt zu werden, und deshalb werde man ihm wohl nicht zürnen, wenn er bis zum letzten Faden hartnäckig bleibe.

Endlich ersuchte Starter Mrs. Branican – er befahl es ihr sogar – ihm nicht zu antworten. Uebrigens wären kaum Communicationsmittel zwischen den Städten und der Wildniß vorhanden, die er da hinten in Tennessee bewohne. Was ihn betreffe, so würde er nicht mehr schreiben, höchstens, daß er gestorben wäre, und dann wäre der Brief eigentlich auch nicht von ihm.

So lautete der eigenthümliche Brief, den Mrs. Branican erhielt. Daß sie die Universalerbin, die gesetzliche Erbin ihres Onkels werden sollte, das war nicht zu bezweifeln. Sie solle also einmal dieses Vermögen von fünfhunderttausend Dollars besitzen, das wahr scheinlich durch die unermüdliche Arbeit des Onkels noch heranwachsen soll. Aber da Starter deutlich die Absicht kund gab, hundert Jahre alt zu werden – und man weiß, daß diese Nordamerikaner ein zähes Leben haben – so hätte John Branican nicht gut gethan, seinen Seemannsstand aufzugeben. Seine Intelligenz, sein Muth, sein hilfreicher Wille würden seiner Familie wohl unterdessen jenen Wohlstand erworben haben, bevor Starter einwilligte, in das bessere Jenseits zu reisen.

So war also die Lage des jungen Haushaltes in dem Augenblicke, wo der »Franklin« durch die westlichen Theile des Stillen Oceans fuhr. Da das Verständniß des Folgenden uns auch auf die nähere Betrachtung der einzigen in San-Diego zurückgebliebenen Verwandten Dollys führt, so seien Mr. und Mrs. Burker näher ins Auge gefaßt.

Len Burker, ein geborener Amerikaner von ungefähr einunddreißig Jahren, befand sich erst seit einigen Jahren in der Hauptstadt Nieder-Californiens. Dieser Yankee Neu-Englands mit kalten Zügen und kräftigem Körperbau war von großer Entschlossenheit und ließ nie durchschauen, was er beabsichtigte, sagte nie, was er that. Er war eine jener Naturen, die hermetisch verschlossenen Häusern gleichen, deren Thüren sich vor Niemand öffnen. Aber doch war in San-Diego nicht das mindeste üble Gerede über diesen so wenig zugänglichen Menschen, bis seine Ehe mit Jane Burker ihn mit John Branican in Verwandtschaft brachte. Man wunderte sich daher nicht, daß dieser, da er keine andere Familie als die Burker besaß, ihm sein Weib und Kind anvertraute. In Wirklichkeit aber vertraute er sie nur Jane an, da er wußte, daß die beiden Cousinen eine tiefe Neigung zu einander hatten.

Es wäre gewiß ganz anders gewesen, wenn der Capitän John gewußt hätte, wer dieser Len Burker war, wenn er den Schurken durchschaut hätte, den dieser so gut hinter einer undurchdringlichen Maske zu verbergen wußte, mit welcher Gleichgiltigkeit er die socialen Convenienzen, die Achtung vor sich selbst, die Rechte Anderer behandelte. Getäuscht durch sein einnehmendes Aeußere, durch eine Art magnetischer Kraft, die er auf sie ausübte, hatte Jane ihm vor fünf Jahren ihre Hand in Boston gereicht, wo sie mit ihrer Mutter wohnte, die kurze Zeit darauf starb, was für sie von schlimmsten Folgen war. Die Mitgift Janes und das mütterliche Erbtheil hätten für den Lebensunterhalt der beiden Gatten genügt, wenn Len Burker ein Mensch gewesen wäre, der auf geraden und nicht auf Abwegen ging. Nachdem er theilweise das Vermögen seiner Frau durchgebracht, beschloß Len Burker, da sein Credit in Boston ungemein gelitten hatte, diese Stadt zu verlassen. Auf die andere Seite Amerikas würde ihm sein zweifelhafter Ruf kaum folgen, und die neuen Länder würden ihm genug neue Chancen bieten, die er in Neu-England nicht mehr finden konnte.

Jane, die jetzt ihren Gatten kannte, war glücklich, Boston verlassen zu können, und willigte mit Freuden in diese Uebersiedlung ein; hoffte sie doch auch, die einzige Verwandte, die ihr übrig geblieben war, zu finden. Alle beide ließen sich in San-Diego nieder, wo Dolly und Jane sich wiederfanden. Uebrigens hatte Len Burker in den drei Jahren, die er in dieser Stadt zubrachte, noch keine Veranlassung zum Verdachte gegeben. so geschickt wußte er sich zu verstellen.

Derart waren die Umstände, welche die Vereinigung der beiden Cousinen herbeigeführt hatten in einer Zeit, wo Dolly noch nicht Mrs. Branican war. Die junge Frau und das Mädchen schlossen sich eng aneinander. Obwohl es schien, als ob Jane eine gewisse Herrschaft über Dolly ausübte, so war doch gerade das Gegentheil der Fall. Dolly war stark, Jane schwach, und das Mädchen wurde bald die Stütze der jungen Frau. Als die Hochzeit Dollys mit John Branican eine beschlossene Sache war, da fühlte sich Jane überglücklich, weil es eine Heirat war, die nicht der ihrigen gleichzukommen schien. Wie viel Trost hoffte sie bei den jungen Eheleuten zu finden, wenn sie ihnen das Geheimniß ihrer Leiden mittheilen wollte!

Inzwischen wurde die Lage Len Burker's immer ernster. Seine Geschäfte gingen nicht, und das Wenige, was von dem Vermögen seiner Frau nach der Abreise von Boston übrig blieb, war bald geschwunden. Dieser Mann, ein Spieler oder vielmehr ein wahnsinniger Speculant, war einer jener Leute, die Alles auf den Zufall setzen und Alles nur von diesem erwarten wollen. Ein solches Temperament, das jeder Eingabe der Vernunft widerstand, konnte und mußte nur zu traurigen Resultaten führen.

Nach seiner Ankunft in San-Diego hatte Len Burker eine Kanzlei in der Fleet-Street eröffnet, eines jener Comptoirs, die den Ausgangspunkt guter oder schlechter Handlungen bilden. Gewissenlos bezüglich der Mittel, welche er anwandte, geschickt, Alles zu verdrehen und das Gut Anderer als das seinige anzusehen, warf er sich bald in Hunderte von Speculationen, die immer mehr das Licht zu scheuen hatten. In der Zeit, wo diese Geschichte beginnt, war Len Burker fast auf dem Trockenen, und diese Verlegenheit spiegelte sich auch in seinem Haushalte ab. Aber er wußte Alles geheimzuhalten, und da er noch über einen gewissen Credit verfügte, so verwendete er das geborgte Geld immer wieder zu neuen Speculationen.

... hatte Len Burker eine Kanzlei eröffnet.

... hatte Len Burker eine Kanzlei eröffnet.

Aber ein solches Vorgehen mußte schließlich zu einer Katastrophe führen. Die Stunde war nicht mehr fern, wo die Reclamationen von allen Seiten herbeiströmen mußten. Vielleicht würde dieser Yankee, der nach Westamerika gekommen war, keinen anderen Ausweg mehr haben, als San-Diego zu verlassen, wie er Boston verlassen hatte. Und doch hätte in dieser intelligenten Stadt, deren Fortschritte sich von Jahr zu Jahr wahrnehmen ließen, ein ehrlicher Mensch hundertmal Gelegenheit gehabt zu reussiren. Doch dazu gehörte eben das, was Len Burker nicht besaß, nämlich Ehrlichkeit und Intelligenz.

Wir müssen noch ein wenig dabei verweilen, warum weder John Branican oder Mr. William Andrew, noch sonst Jemand etwas von dem Treiben Len Burker's ahnte. In der Geschäftswelt wußte man nicht, daß dieser Abenteurer – gefiele es dem Himmel, daß er nur diesen Namen verdient hätte – vor seinem Abgrunde stehe. Und selbst wenn die drohende Katastrophe eintrat, würde man ihn nur als einen Menschen ansehen, der vom Glücke weniger begünstigt war, und nicht als einen jener Leute, die sich auf alle nur mögliche Weise zu bereichern suchen. Ohne daß John Branican für ihn irgend eine besondere Sympathie gehabt hätte, so hatte er doch nie das geringste Mißtrauen gegen ihn gehegt, so daß er auch fest darauf vertraute, Burker werde während seiner Abwesenheit für seine Frau in bester Weise sorgen, und wenn Dolly sich irgendwie genöthigt sehen würde, bei ihm Zuflucht zu suchen, daß er ihr jeden Schutz angedeihen lassen werde. Jenes Haus war ihr stets offen und sie würde dort nicht nur bei einer Freundin, sondern auch bei einer Schwester Aufnahme finden.

In diesem Punkte war den Gefühlen Jane Burker's vollständig zu trauen, denn die Freundschaft, die sie für ihre Cousine hegte, war eine wirklich aufrichtige. Weit entfernt, die Freundschaft, welche die beiden Frauen vereinigte, zu tadeln, hatte sie Len Burker sogar gefördert, sicher in der Hoffnung auf gewisse Vortheile, welche ihm diese Verbindung einbringen würde. Er wußte übrigens, daß Jane nie etwas von dem, was sie nicht sagen sollte, ausplaudern, daß sie sich über ihre eigene Lage reservirt halten und nichts sagen würde von den Verlegenheiten, in denen sich ihr Hausstand befindet. Darüber würde Jane schweigen und auch ihm würde darüber nie ein Vorwurf entschlüpfen.

Wir müssen eben noch einmal sagen, daß die Frau ganz unter seinem Einflusse stand, obwohl sie ihn für einen gewissenlosen Mann hielt, der nach dem Verluste seines wenigen moralischen Sinnes zu Allem fähig war. Wie hätte sie ihn nach so vielen Enttäuschungen noch schätzen können? Aber – und man kann dies nicht oft genug hervorheben – sie fürchtete ihn und sie folgte ihm auf den Wink, selbst wenn seine Sicherheit ihn in den entlegensten Theil der Welt verschlug. Das that sie aber nur aus Achtung vor sich selbst, denn sie wollte um keinen Preis der Welt Jemanden das Elend in ihrem Hause sehen lassen, noch je der Cousine ihren Schmerz anvertrauen, den diese vielleicht ahnte, auch ohne ins Vertrauen gezogen zu werden.

Jetzt ist das Verhältniß zwischen John und Dolly Branican einerseits und das Len und Jane Burker's andererseits zur Genüge auseinandergesetzt, um das Folgende gründlich zu verstehen. In welcher Weise hatte sich dies so unerwartet und plötzlich fügen können? Niemand wäre im Stande gewesen, es zu ergründen.

Drittes Capitel.
Prospect-House.

Vor dreißig Jahren zählte Nieder-Californien – ungefähr ein Drittel des Staates Californien – kaum fünfunddreißigtausend Einwohner, während sich die Bevölkerung jetzt auf mehr als hundertfünfzigtausend Menschen beläuft. In jener Zeit waren die Ländereien dieser Provinz noch ganz unbebaut und schienen nur für die Viehzucht geeignet zu sein. Wer hätte ahnen können, welche Zukunft einer so verlassenen Gegend vorbehalten sei, wo sich die Communicationsmittel zu Lande auf eine Straße, zu Wasser auf eine Dampfschifflinie beschränkten, die sich der Küste entlang zog?

Und doch war seit dem Jahre 1769 der Keim einer Stadt einige Meilen im Innern des Landes vorhanden, im Norden der Bucht von San-Diego. Auch kann die zur Thatsache gewordene Stadt in der Geschichte des Landes sich rühmen, die älteste Ansiedlung in Californien zu sein.

Als der neue Continent, der mit dem alten Europa durch einfache coloniale Bande verbunden war, sich gegen die Festerknüpfung derselben aussprach, so rissen auch diese. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika erhoben die Fahne der Unabhängigkeit und England behielt nichts weiter als den Fetzen davon, nämlich Dominion und Columbian, deren Vereinigung mit der Conföderation auch in absehbarer Zeit zu erwarten ist. Was die Freiheitsbewegung anbelangt, so hatte sie zuerst in der Bevölkerung der mittleren Staaten Platz gegriffen, die nur einen Gedanken, nur ein Ziel hatte: »Los von dem Mutterlande!«

Damals schmachtete Californien nicht unter dem angelsächsischen Joche, denn es gehörte zu Mexiko und befand sich bei diesem Staate bis 1846. In diesem Jahre wurde San-Diego, nachdem es sich freigemacht hatte, um der republikanischen Conföderation beizutreten, das, was es sein sollte – amerikanisch.

Der Golf von San-Diego ist prächtig. Man könnte ihn mit dem von Neapel vergleichen, aber der Vergleich würde vielleicht besser sein mit denen von Vigo oder Rio de Janeiro. Zwölf Meilen Länge und zwei Meilen Breite geben ihm genügenden Spielraum für die Bergung einer Handelsflotte und die Uebungen einer Escadre, denn er wird auch als Militärhafen angesehen. Er hat eine ovale Form, ist im Westen ein wenig zwischen den Inseln Island und Coronado offen und liegt nach allen Seiten geschützt. Die Seewinde haben Achtung vor demselben, der Sturm des Stillen Oceans berührt kaum seine Oberfläche, die Schiffe fahren ohne Mühe aus demselben. Er ist der einzige sichere und praktische Hafen, günstig als Zufluchtsort, den die Westküste südlich von San-Francisco und nördlich von San-Quentin bietet.

Bei so vielen natürlichen Vortheilen mußte sich die alte Stadt in ihrer Ausbreitung bald beengt finden, denn schon die Baracken zur Unterbringung einer Abtheilung Cavallerie waren außerhalb derselben erbaut worden. Dank der Initiative Horton's, dessen Intervention übrigens ein vorzügliches Geschäft war, wurde ein neuer Stadttheil errichtet, der sich jetzt zu der eigentlichen Stadt erhoben hat und sich an dem sanften Hügel der Bucht hinauszieht. Nun wuchs Alles mit der rühmlichst bekannten amerikanischen Schnelligkeit empor, indem eine Million Dollars, die in den Boden gesäet wurden, Privathäuser, öffentliche Gebäude, Villen, Handelshäuser entstehen ließ. Im Jahre 1885 zählte San-Diego schon fünfzehntausend Einwohner – heute dreißigtausend. Seine erste Eisenbahn datirt aus dem Jahre 1881. Jetzt setzen die Atlantic- and Pacificbahn, die Southern-Californiabahn, die Southern-Pacificbahn die Stadt mit dem Continente in Verbindung, während zugleich das Pacific Coast-Steamship sie in regem Verkehr mit San-Francisco hält.

Sie ist eine hübsche, bequeme, lustige und gesunde Stadt, in einem Klima, das man nicht erst zu loben braucht. In der Umgebung ist das Land von außerordentlicher Fruchtbarkeit: Der Weinstock, die Olive, der Orangenbaum, der Citronenbaum tragen neben den Obstbäumen, Früchten und Gemüsen des Landes reichliche Frucht. Man könnte diese Gegend eine Normandie, verschmolzen mit einer Provence, nennen.

Was die Stadt San-Diego selbst anbelangt, so ist sie mit jener malerisch leichten Orientirung, jener Phantasie erbaut, die für die Gesundheit wichtig ist, wenn man sich nicht durch die Steigung des Terrains behelligt fühlt. Es giebt dort Plätze, Squares, breite Straßen, ein wenig Schatten überall, und ist auf die Gesundheit der Bevölkerung Rücksicht genommen.

Wenn überhaupt der Fortschritt in jener Richtung hin sich nicht in einer modernen Stadt geltend machen sollte, besonders wenn diese Stadt amerikanisch ist, wo sollte man denselben dann suchen? Da ist Gasbeleuchtung, Telegraph, Telephon, kurz, die Bewohner haben nur ein Zeichen zu geben, um Licht zu haben, ihre Depeschen auszutauschen, um miteinander von einem Stadtviertel zu dem anderen zu sprechen. Es giebt dort sogar mehr als hundertfünfzig hohe Mastbäume, die elektrisches Licht auf die Straßen der Stadt werfen. Wenn man noch nicht die Milch durch Luftdruck von der Great Milke Company in die Häuser befördern läßt, wenn die beweglichen Fußwege, die sich mit einer Schnelligkeit von vier Meilen in einer Stunde fortbewegen, sich noch nicht dort befinden, so ist das sicher... nur eine kleine Verzögerung.

Dazu kommen noch die verschiedenen Institute, die den Handel und Verkehr beleben: ein Zollamt, in dem der Verkehr mit jedem Tage wächst, zwei Banken, eine Handelskammer, eine Auswanderungsgesellschaft, große Comptoirs, zahlreiche Kanzleien, wo die großartigsten Holz- und Mehlgeschäfte abgeschlossen werden, Kirchen für die verschiedenen Religionen, drei Marktplätze, ein Theater, ein Gymnasium, drei höhere Schulen, Ruß County, Court House, Maronic and old fellows, die für die armen Kinder bestimmt sind, endlich zahlreiche andere Institute, wo die Studien bis zur Erwerbung eines Diploms an der Universität führen – und nun kann man über die Zukunft einer noch so jungen Stadt urtheilen, die für Alles sorgt, in moralischer wie in materieller Beziehung. Hat sie keine Zeitungen? Ja! Sie besitzt drei Tagesblätter, unter anderen den »Herald«, und jedes dieser Blätter giebt auch eine Wochenausgabe heraus. Müssen die Touristen befürchten, kein bequemes Unterkommen zu finden? Ohne die Hôtels niedrigen Ranges zu zählen, stehen ihnen drei prächtige Gebäude zur Verfügung, das Horton-House, das Florence-House, das Gerard-Hôtel mit seinen hundert Zimmern, während sich an dem gegenüberliegenden Ufer des Golfs inmitten von reizenden Villen in wunderbarer Lage ein neues Hôtel erhebt, das nicht weniger als fünf Millionen Dollars gekostet hat.

Von all den Ländern des alten Continents, wie von allen Städten des neuen, woher die Reisenden in diese kleine, lebhafte Hauptstadt Südcaliforniens kommen, werden sie gastfreundlich aufgenommen, und noch Niemand hat es bereut, diese Reise angetreten zu haben – es sei denn, daß sie ihm zu kurz gewesen wäre.

San-Diego ist eine lebhafte, bunte, geschäftige Stadt, wie die meisten amerikanischen Städte. Wenn sich das Leben an der Bewegung kenntlich macht, so kann man sagen, daß man dies dort im wahrsten Sinne des Wortes sieht.

Die Zeit reicht kaum für das Geschäft hin. Wenn aber die Bewegung ruht, dann laufen die Stunden nur zu langsam vorüber!

Dies fühlte Mrs. Branican nach der Abfahrt des »Franklin«. Seitdem sie verheiratet war, nahm sie an den Arbeiten ihres Gatten theil. Selbst als er nicht auf der See war, beschäftigten ihn seine Beziehungen zu dem Hause Andrew vollauf. Außer den Handelsgeschäften, an denen er sich betheiligte, hatte er den Bau des Dreimasters zu beaufsichtigen, dessen Commando er übernehmen sollte. Mit welchem Eifer, man kann sagen, mit welcher Liebe er die kleinsten Einzelheiten überwachte! Er benahm sich dabei wie ein Hausherr, der sich ein Haus bauen läßt, um sein Leben darin abzuschließen. Und noch mehr, denn das Schiff ist nicht nur das Haus, es ist nicht nur ein Werkzeug des Glückes, es ist ein Holz- und Eisenbau, dem das Leben so und so vieler Menschen anvertraut wird.

Oft begleitete Dolly den Capitän John zur Werfte. War dieses Hämmern, Schlagen, Bohren, diese Mastbäume, die auf der Erde lagen und warteten, bis sie ihren Platz einnahmen, die Arbeit im Innern des Schiffes, das Takelwerk, die Cabinen – war dies Alles nicht von großem Interesse? Das Leben Johns und seiner Gefährten hatte der »Franklin« gegen die wilden Stürme des Stillen Oceans zu vertheidigen! Auch gab es nicht ein Brett, dem Dolly nicht im Gedanken einen Segenswunsch zuflüsterte, nicht einen Hammerschlag, der nicht in ihrem Herzen wiederhallte. John erklärte ihr die ganze Arbeit, sagte ihr die Bestimmung eines jeden Holzstückes oder Metalltheiles und machte ihr den Bauplan verständlich. Sie hatte dieses Schiff gern, dessen Seele, dessen Herr, nach Gott, ihr Gatte werden sollte!... Und manchmal fragte sie sich, warum sie nicht mit dem Capitän fahre, warum er sie nicht mitnehme, warum sie nicht die Gefahren des Meeres theile, warum sie der »Franklin« nicht zugleich mit ihm in den Hafen von San-Diego zurückbringen könne? Ja, sie hatte sich nicht von ihrem Gatten trennen wollen!... Und ist das Leben dieser Seeleute, die jahrelang zusammen herumfahren, nicht seit Langem in Fleisch und Blut der Bevölkerung des Nordens auf dem alten wie auf dem neuen Continente übergegangen?

Aber es war ja Wat da, das kleine Kind, und Dolly konnte es nicht der Pflege einer Amme überlassen, die doch nicht seine Mutter war... Nein! Konnte sie es mitnehmen und es einer für so kleine Wesen gefährlichen Reise aussetzen?... Nein!... Sie wollte bei diesem Kinde bleiben und sein Leben schützen, nachdem sie es ihm ja gegeben, es mit Liebe und Zärtlichkeit pflegen, damit es dem heimkehrenden Vater gesund entgegenlächeln könne. Uebrigens sollte John nur sechs Monate fernbleiben, denn sobald der »Franklin« seine Ladung in Calcutta erneuert hätte, würde er wieder zurückkehren. Und geziemt es sich nicht, daß die Frau eines Seemannes sich an jene unabänderlichen Trennungen gewöhne, die der Stand des Gatten mit sich bringt?

Sie mußte daher nachgeben und Dolly gab auch nach. Aber nach der Abfahrt Johns wäre ihr das Leben öde und leer erschienen, wenn sie nicht das Kind gehabt, wenn sie nicht auf dasselbe ihre ganze Liebe übertragen hätte.

Das Haus John Branican's stand auf einer jener Anhöhen, welche die nördliche Grenze des Golfs bilden. Es war eine Art Villa, inmitten eines kleinen Gartens von Orangen- und Olivenbäumen, den ein einfaches hölzernes Gitter umgab. Das Erdgeschoß mit der kleinen Gallerie, auf welche die Thüre und die Fenster des Salons und des Speisezimmers hinausgingen, dann der Balcon, der den größten Theil der Façade einnahm, des nett geschnitzte Dach, welches drei Fuß über das Stockwerk hinausragte, dies Alles bildete die einfache und reizende Behausung des Capitäns. Im Erdgeschosse befanden sich der Salon und das Speisezimmer, beide bescheiden möblirt; im ersten Stocke zwei Zimmer, das der Mrs. Branican und des Kindes; im Hintertheile des Hauses war ein kleiner Anbau für die Küche und das Dienstbotenzimmer. Prospect-House hatte eine herrliche Lage gegen Süden: Man konnte die ganze Stadt und den Golf bis zu den Gebäuden auf der Lamaspitze überblicken. Wenn das Haus auch von dem Leben und Treiben entfernt lag, so wurden die Bewohner doch wieder durch die herrliche Lage und die schöne Aussicht entschädigt, indem zu gleicher Zeit der Südwind und der salzige Geruch des Stillen Oceans diesen Besitz umgaukelten.

Hier nun brachte Dolly die langen Stunden zu. Die Amme des Kindes und eine Dienerin genügten vollständig für die Bedienung des Hauses. Die einzigen Besucher waren Herr und Frau Burker, selten kam Len, oft Jane. William Andrew besuchte, seinem Versprechen gemäß, öfter die junge Frau, indem er wünschte, ihr alle Nachrichten über den »Franklin« mitzutheilen, die auf directem oder indirectem Wege anlangen würden. – Bevor die Briefe an ihre Adresse gelangen können, berichten bereits die Schiffzeitungen von den Begegnungen der Schiffe, ihren Aufenthalten in den Hafenplätzen und anderen Dingen mehr, welche die Rheder und Besitzer interessiren. Dolly würde also auf dem Laufenden gehalten werden.

Oft begleitete Dolly den Capitän John.

Oft begleitete Dolly den Capitän John.

Was Bekannte, Gesellschaften, Besuche in der Nachbarschaft des Prospect-House anbelangt, so hatte sie dieselben nie gesucht. Ihr Leben füllte nur ein Gedanke aus; selbst wenn das Haus voller Besucher gewesen wäre, so wäre es ihr doch leer vorgekommen, weil John nicht da war; und es würde auch bis zu seiner Rückkehr leer bleiben.

Man konnte über die ganze Stadt blicken.

Man konnte über die ganze Stadt blicken.

Welchen Schmerz litt sie die ersten Tage! Dolly verließ Prospect-House gar nicht und Jane Burker besuchte sie täglich. Beide beschäftigten sich mit dem kleinen Wat und sprachen nur von John. War Dolly allein, so saß sie gewöhnlich auf dem Balcon des Hauses und ließ ihre Blicke in die Ferne schweifen, weit über den Golf, noch weiter über die Coronadoinseln hinaus... Sie durchdrangen die Meereslinie am Horizonte... Der »Franklin« war schon weit... aber sie holte ihn in ihren Gedanken ein, sie schiffte sich auf demselben ein, sie war an der Seite ihres Gatten... Und wenn ein Schiff aus weiter Ferne in den Hafen einfuhr, da sagte sie zu sich, daß auch der »Franklin« eines Tages so erscheinen, daß er je näher, desto größer werden, daß John an Bord sein werde...

Unterdessen war die Gesundheit des kleinen Kindes eine ganz gute. Zwei Wochen nach der Abreise des Schiffes war das Wetter sehr schön geworden und Wat konnte das Haus verlassen. So unternahm Mrs. Branican einige Ausflüge, wobei sie die Amme mitnahm, welche das Kind trug. Man ging zu Fuß, wenn sich die Spaziergänge auf die Umgebung der Hafenstadt beschränkten, bis zu den Häusern der Altstadt. Das that dem frischen gesunden Kinde sehr wohl, und sobald die Amme stehen blieb, klatschte es mit den kleinen Händen zusammen und lachte seiner Mutter zu. Ein- oder zweimal miethete man, da ein größerer Ausflug unternommen wurde, einen Wagen in der Nachbarschaft, der sie alle drei rasch davontrug, manchesmal auch alle vier, wenn Mrs. Burker an der Partie theilnahm. Eines Tages unternahm man einen solchen Ausflug auf den Hügel Knob-Hill, welcher mit Villen besäet ist, sich hinter dem Hôtel Florence erhebt und von dem man eine herrliche Aussicht gegen Westen über die Insel hat. An einem anderen Tage besuchte man den Strand der Coronado-Bucht, an welchem sich die Meereswogen mit furchtbarem Donner brachen. Dolly berührte mit dem Fuße diesen Ocean, der ihr gleichsam ein Echo aus weiter Ferne zutrug, wo gerade ihr Gatte dahinfuhr, diesen Ocean, dessen Wogen vielleicht das Schiff eben feindlich angriffen, das tausende Meilen weit war. Sie versank in Nachdenken und sah in Gedanken das Schiff des jungen Capitäns, indem sie leise den Namen »John« aussprach.

Am 30. März, gegen zehn Uhr Morgens, saß die junge Frau auf dem Balcon, als sie Mrs. Burker auf ihr Haus zukommen sah. Jane beschleunigte ihre Schritte, indem sie ihr freudig mit der Hand zuwinkte, ein Beweis, daß sie keine schlimme Nachricht brachte. Dolly stieg sofort hinab und traf mit ihrer Cousine gerade bei der Thür zusammen.

»Was giebt es, Jane?... fragte sie.

– Liebe Dolly, erwiderte Mrs. Burker, Du wirst eine sehr freudige Nachricht erhalten. Ich habe Dir von Mr. William Andrew mitzutheilen, daß der »Boundary«, der heute früh in San-Diego eingefahren ist, den »Franklin« begegnet hat...

– Dem »Franklin?.

– Ja William Andrew ist soeben davon benachrichtigt worden und er traf zufällig mit mir in der Fleet Street zusammen; da er erst Nachmittags kommen kann, so bin ich hergeeilt, um Dir diese Nachricht zu bringen.

– Und hat man Nachrichten von John?...

– Ja, Dolly.

– Welche?... Sprich doch!

– Vor acht Tagen haben sich der »Franklin« und der »Boundary« auf dem Meere begegnet und es ist möglich gewesen, eine Correspondenz zwischen den beiden Schiffen auszutauschen!

– Ist Alles wohl an Bord?

– Ja, liebe Dolly. Die zwei Capitäne kamen einander so nahe, daß sie miteinander sprechen konnten, und das letzte Wort, welches man auf dem »Boundary« hören konnte, war Dein Name.

– O armer John! rief die junge Frau aus, indem Thränen aus ihren Augen stürzten.

– Wie glücklich bin ich, Dolly, versetzte Mrs. Burker, daß ich die Erste bin, welche Dir diese Nachricht bringt.

– Und ich danke Dir dafür, erwiderte Mrs. Branican. Wenn Du wüßtest, wie mich das glücklich macht!... Ach, wenn ich jeden Tag erfahren würde... mein John!... mein lieber John!... der Capitän des »Boundary« hat ihn gesehen... John hat mit ihm gesprochen... das ist wie ein Adieu, welches er mir geschickt hat!

– Ja, liebe Dolly, und ich wiederhole Dir noch einmal, es ist Alles wohl an Bord des »Franklin«.

– Jane, sagte Mrs Branican, ich muß den Capitän des »Boundary« sprechen, er soll mir Alles haarklein erzählen.... Wo haben sich die Schiffe begegnet?...

– Das weiß ich nicht, erwiderte Jane, aber das Schiffsbuch wird Dir Auskunft geben und der Capitän Dir Alles genau erzählen.

– Nun, Jane, ich will mich rasch anziehen, und wir gehen zusammen hin...

– Nein... heute nicht, Dolly, erwiderte Mrs. Burker, wir dürften nicht an Bord des »Boundary«.

– Und warum?

– Weil er erst heute früh angekommen ist und sich in Quarantaine befindet.

– Bis wann?

– Oh, nur vierundzwanzig Stunden... Ja, das ist nur eine reine Formsache, aber Niemand darf auf das Schiff.

– Wie konnte dann Mr. William Andrew von dieser Begegnung erfahren?

– Die Nachricht hat ihm ein Zollbeamter von Seiten des Capitäns gebracht. Liebe Dolly, beruhige Dich... es kann kein Zweifel herrschen über das, was ich Dir soeben mitgetheilt habe, und Du wirst es morgen bestätigt finden. Ich bitte Dich, habe nur einen Tag Geduld.

– Nun gut, Jane, auf morgen! Ich werde um neun Uhr bei Dir sein; wirst Du mich an Bord des »Boundary« begleiten?..

– Sehr gern, liebe Dolly, ich werde Dich morgen erwarten, und wenn die Quarantaine vorüber ist, so wird uns der Capitän sicher empfangen.

– Nicht wahr, es ist der Capitän Ellis, ein Freund Johns? fragte Mrs. Branican.

– Ja, Dolly, und der »Boundary« gehört dem Hause Andrew.

– Also einverstanden, Jane... ich werde morgen zur festgesetzten Stunde bei Dir sein.. aber wie lang wird mir der Tag vorkommen... Willst Du nicht mit mir frühstücken?...

– Wenn Du es erlaubst, liebe Dolly... Mr. Burker kommt erst Abends nach Hause, so daß ich Dir den ganzen Nachmittag widmen kann...

– Ich danke, liebe Jane, wir werden von John sprechen... nur von ihm... nur von ihm!

– Und der kleine Wat?... Wie geht es ihm?... fragte Mrs. Burker.

– Es geht ihm sehr gut! erwiderte Dolly, er ist lustig wie ein Vogel... Wie wird sich sein Vater freuen, ihn wiederzusehen!... Jane, ich möchte ihn am liebsten mit der Amme morgen mitnehmen... Du weißt es, ich trenne mich nicht gern von meinem Kinde, nicht einmal für einige Stunden... Ich hätte keine Ruhe.

– Du hast recht, sagte Mrs. Burker, das ist ein guter Gedanke, der Spaziergang wird dem kleinen Wat gut thun; die Witterung ist schön... das Meer ist ruhig... Es wird seine erste Seereise sein... Also abgemacht?

– Abgemacht!« versetzte Mrs. Branican.

Jane blieb im Prospect-House bis fünf Uhr Abends, dann schied sie von ihrer Cousine, indem sie nochmals wiederholte, daß sie dieselbe am folgenden Tage um neun Uhr Morgens erwarten werde, um mit ihr den »Boundary« zu besuchen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Mistreß Branican" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen