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Mister Romance

Leisa Rayven

Mister Romance

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Wiebke Pilz und Nina Restemeier

Zu diesem Buch

Max Riley ist Mister Romance – der Mann, der Träume in Erfüllung gehen und selbst die gewagtesten Fantasien zur Realität werden lässt. Die Frauen liegen ihm zu Füßen, und sein Ruf eilt ihm bis in die höchsten Kreise der New Yorker High Society voraus. Ob zutiefst verletzter Millionär, sexy Bad Boy mit einem Herz aus Gold oder hingebungsvoller bester Freund: Wenn der Preis stimmt, lässt Max jeden Wunsch seiner Klientinnen wahr werden – fast jeden, denn bei seinen schwindelerregenden Dates ist Sex von vornherein ausgeschlossen. Als die ehrgeizige Journalistin Eden Tate von seinem Service erfährt, wittert sie eine heiße Story. Genau die Story, die ihren Job retten könnte. Denn seine wahre Identität hält Max streng geheim. Um dem vermeintlichen Hochstapler das Handwerk zu legen und hinter sein Geheimnis zu kommen, lässt Eden sich auf ein gefährliches Spiel ein: drei Dates. Hat sie sich danach nicht in Max verliebt, gibt er ihr das begehrte Exklusivinterview. Wenn doch, ist ihre Karriere für immer vorbei. Kein Problem für Eden, denn sie glaubt schon lange nicht mehr an Romantik und die große Liebe. Aber sie hat die Rechnung ohne Mister Romance gemacht …

Dieses Buch ist für alle, die sich jemals ungeliebt
und unsichtbar gefühlt haben.

Ihr sollt wissen, dass ich euch sehe:

Ihr seid schön und wunderbar

und kostbarer, als ihr glaubt.

1. Kapitel

Der Mann, die Legende

Als ich aus dem Mund meiner süßen, aber etwas naiven kleinen Schwester die Worte Mister Romance höre, bin ich davon überzeugt, dass man ihr mal wieder irgendeinen Bären aufgebunden hat. Asha sitzt mir am Küchentresen in unserer kleinen Wohnung in Brooklyn gegenüber und sieht für einen Montagmorgen um sechs Uhr viel zu ausgeschlafen aus.

Ich höre auf, die Kaffeemaschine zu befüllen, und drehe mich zu ihr um. »Du willst mir also erzählen, dass Frauen einen Mann engagieren, der ihnen ihre romantischen Fantasien erfüllt? Hör auf, Ash. So was gibt es nicht.«

»Es stimmt!«, beharrt sie. »Joanna hat es auf der Arbeit im Pausenraum erzählt. Er hat die unglaublichsten Szenarien im Repertoire. Du kennst die Klischees: der zutiefst verletzte Milliardär, der sexy Bad Boy, der hingebungsvolle beste Freund, der heiße Bauarbeiter. Er hat die ganzen Charaktere drauf, die man sonst nur aus Liebesromanen kennt, und wie es scheint, sind seine Kundinnen begeistert. Joanna hat letztes Wochenende bei einer Charity-Gala für tausend Dollar pro Karte mit angehört, wie sich eine Gruppe Frauen über ihn unterhalten hat.«

Ich schnaube und wende mich wieder der Kaffeemaschine zu. »Und was bitte macht Joanna, die Sekretärin, bei so einer Gala?«

»Ihre Cousine ist irgendwie mit dem lettischen Königshaus verwandt oder so. Die Limousine des Kronprinzen hatte auf dem Weg vom Flughafen eine Panne, und deshalb durfte Joanna in letzter Minute sein Ticket haben.«

Ich werfe meiner Schwester meinen ausdruckslosesten Blick zu. »Lettisches Königshaus. Klar. Klingt total logisch.«

Meine Schwester ist Lektoratsassistentin bei einem der ältesten New Yorker Verlage, und obwohl ich noch nicht alle ihrer Kollegen kennengelernt habe, sind diejenigen, denen ich bisher begegnet bin, eindeutig schrullig.

»Ist Joanna nicht eine zwanghafte Lügnerin?«, frage ich.

»Ja, schon, sie erzählt manchmal Märchen, aber das heißt nicht, dass sie keine Ahnung hat. Eine der Frauen, die sich über diesen Mega-Hengst unterhalten haben, hat behauptet, ein Date mit ihm hätte sie von ihrer Depression geheilt. Eine andere hat erzählt, er hätte ihre Ehe gerettet, denn bevor er ihr gezeigt hat, wie sinnlich sie sein kann, hatte sie vergessen, wie viel Spaß Sex machen kann. Die ganze schnatternde Schar hielt ihn für ihren romantischen Erlöser. Ein glühend heißer Jesus oder so.«

Ich schüttele den Kopf und sehe dem Kaffee dabei zu, wie er durch den Filter tropft. Asha war schon immer die Fantasievollere von uns beiden. Sie hat von unserer Mutter den ganzen blinden Optimismus geerbt, aber kein bisschen gesunden Menschenverstand.

»Du erzählst mir also«, sage ich, während ich zwei Tassen Kaffee einschenke, »dass dieses sagenumwobene Tier von einem Mann, von dem Joanna mit dem feuchten Höschen geschwärmt hat … was ist? Ein Gigolo-Superheld?«

»Er ist Escort«, korrigiert mich Asha.

»Ist das nicht bloß ein hochtrabenderes Wort für Callboy?«

»Nein. Er hat keinen Sex mit seinen Kundinnen.«

Ich reiche ihr eine Tasse. »Das hast du doch gerade erzählt.«

»Nein«, berichtigt sie mich, während sie ihren Becher handgerösteten kolumbianischen Kaffees mit vier Stück Zucker verschandelt. »Ich habe gesagt, dass er ihre romantischen Fantasien zum Leben erweckt.«

»Und das beinhaltet keinen Sex?«

»Nein.«

»Hört sich nicht besonders romantisch an. Einen Typen, der nicht mit mir schläft, kriege ich auch umsonst.«

Asha gibt Kaffeesahne in ihren Becher und stößt einen genervten Seufzer aus. Das macht sie oft in meiner Gegenwart. Mein fortwährender Zynismus verletzt ihre hoffnungslos romantischen Gefühle. Schon immer. Einmal, als ich acht war und sie sechs, stritt ich mich mit Mom darüber, ob es den Weihnachtsmann gibt oder nicht. Asha hat das so aufgeregt, dass sie allen Figuren in meinem Peter-Pan-Malbuch kleine Teufelshörner gemalt hat, sogar dem Hund Nana.

Schreckliches kleines Monster.

Um mich zu rächen, verstreute ich mitten in der Nacht eine ganze Packung Glitzer in ihrem Zimmer. Als sie aufwachte und verwundert fragte, was passiert sei, behauptete ich, Tinkerbell sei so wütend darüber geworden, wie sie Peter Pan verunstaltet habe, dass sie vor Zorn explodiert sei. Asha weinte eine geschlagene halbe Stunde, bis Mom sie davon überzeugen konnte, dass ich bloß einen Witz gemacht hatte.

Selbstverständlich verunstaltete meine kleine Schwester nie wieder etwas von meinen Sachen.

»Würdest du jemals für Sex bezahlen?«, fragt sie mit einem versonnenen Gesichtsausdruck, während ich Brot in den Toaster schiebe.

Ich denke einen Augenblick darüber nach. »Es müsste schon weltbewegender Sex sein, wenn ich dafür mein schwer verdientes Geld ausgeben sollte.«

»Wie weltbewegend genau?«

»Drei Orgasmen garantiert. Vielleicht sogar vier.«

Sie lächelt. »Solche Ergebnisse wirst du mit jemandem, den du nicht kennst, niemals erzielen.«

Was sie eigentlich meint, ist: Mit jemandem, den du nicht liebst. Sie ist davon überzeugt, dass diejenigen den besten Sex haben, die sich wirklich nahestehen. Aus diesem Grund verachtet sie One-Night-Stands und rümpft die Nase darüber, dass ich so viele habe.

»Wenn du den Typen nicht kennst«, erklärt sie in ihrer üblichen herablassenden Art, »bist du auf keinen Fall entspannt genug, um mehrmals zu kommen.«

Ich zucke mit den Schultern. »Ich glaube, du unterschätzt meine Fähigkeit, relativ fremden Männern zu erlauben, mir Vergnügen zu bereiten.«

»Ach, hör doch auf. Du kannst mir nicht weismachen, dass du jedes Mal kommst.«

»Meistens schon.«

Sie blickt mich ungläubig an, und ich muss zugeben, dass ich die Wahrheit ein kleines bisschen frisiert habe. Weiß Gott, die letzten paar Männer, mit denen ich geschlafen habe, hatten von der Existenz einer Klitoris noch nie etwas gehört. Geschweige denn von anständigen Oralsextechniken. Jeder Einzelne von ihnen hatte die Zungenfertigkeit eines Jagdhunds in einer Wurstfabrik.

»Wünschst du dir nie mehr?«, fragt Asha wehmütig.

Ich lache. »Mehr wovon? Mehr Schwänze?«

»Mehr von … allem.« Sie seufzt. »Einen Partner. Liebhaber. Freund. Beschützer. Unterstützer. Einen echten Mann in deinem Leben.«

»Im Gegensatz zu all den imaginären Männern in meinem Bett?«

»Eden, du weißt, was ich meine.«

»Klar weiß ich das. Ich glaube bloß nicht daran, dass ich einen Mann brauche, der mich vervollständigt. Ich bin ganz glücklich, so wie es ist.«

Sie verdreht die Augen und trinkt einen Schluck Kaffee. Ganz egal, wie oft wir diese Unterhaltung führen, sie versteht einfach nicht, dass ich keine Beziehung will und mich auch nicht aufspare, bis ich den Richtigen gefunden habe. Die arme Kleine hat noch nicht genug Dates hinter sich, um zu wissen, dass es »den Richtigen« nicht gibt. Das ganze Konzept ist die größte Verarsche der Menschheitsgeschichte.

Dabei ist sie beileibe keine Jungfrau mehr. In der Highschool hatte sie eine ernsthafte Beziehung, und sie hielt ihren damaligen Freund für den Hüter des Heiligen Grals, bis er am Abend des Abschlussballs zufällig mit dem Schwanz voran in ihre damals beste Freundin stolperte. Das brachte ihren Fünfjahresplan – nach dem Studium Jeremy heiraten und die jüngste Cheflektorin aller Zeiten bei einem New Yorker Verlag werden – vollkommen durcheinander. Auch wenn es für den zweiten Teil noch nicht zu spät ist, bin ich ganz froh darüber, dass sie Jeremy den Laufpass gegeben hat und mit mir ein Singleleben führt. Asha ist bei Weitem die beste Mitbewohnerin, die ich jemals hatte, und das, obwohl sie mir ständig wegen meines Liebeslebens auf die Nerven geht.

Ich bestreiche meinen Toast mit Erdnussbutter, während sie einen Happen Cornflakes nimmt und ihren Löffel auf mich richtet. »Eines Tages wirst du einen Typen kennenlernen, der deine Meinung über Männer ändert. Und wenn das passiert, dann werde ich lachen und feixen und wahrscheinlich ein lachendes und feixendes YouTube-Video erstellen, um der Sache ein Denkmal zu setzen.«

»Das bezweifle ich.«

»Auf jeden Fall!« Als sie das sagt, feuert sie eine Schrotladung Milch und Cornflakes über den Küchentresen.

»Hör auf zu reden und iss. Davon abgesehen verschwendest du deine Energie. Ich bin zufrieden mit meinem Liebesleben.«

Asha schluckt und wischt sich den Mund ab. »Das woraus besteht? Unterdurchschnittlichem Sex mit wechselnden Versagern?«

»Immerhin habe ich überhaupt Sex.«

»Schlechten. Mein Zimmer liegt direkt neben deinem. Glaubst du, ich bin taub? Nenn mich altmodisch, aber es sollten doch wenigstens sieben Minuten im Himmel sein. Nicht drei.«

»Na ja, aber mit Sex ist es wie mit Pizza. Selbst wenn er schlecht ist, ist er gut.« Ich beiße krachend von meinem Toast ab und lächle sie an.

Sie schnaubt und zieht ein Buch aus ihrer Tasche, legt es vor sich auf die Küchentheke und fängt an zu lesen. Natürlich ist es ein Liebesroman. Ich schüttele den Kopf. Als müsste sie noch mehr Öl in ihr unrealistisches romantisches Feuer gießen.

Gerade als ich den letzten Bissen Toast mit einem Schluck Kaffee herunterspüle, geht meine Zimmertür auf, und ein Mann mit nacktem Oberkörper kommt heraus.

Apropos enttäuschende Sexualpartner …

»Hey.« Der halb nackte Mann fährt sich durch die Haare und kommt mit seiner tief sitzenden Jeans zu uns herübergeschlendert. Er beugt sich zu mir herunter und gibt mir unbeholfen einen Kuss auf die Wange.

Oh Gott, ich hasse den Morgen danach.

»Ähm, hi«, sage ich. »Willst du Kaffee?«

»Gern.« Er lehnt sich an die Anrichte, während ich ihm eine Tasse einschenke. Asha starrt erst mich an, dann ihn, dann wieder mich.

»Oh«, sage ich. »Sorry. Das ist meine Schwester Asha. Ash, das ist …« Mist. Wie hieß er noch? »Tim?«

»Tony«, berichtigt er.

»Sorry. Tony.«

»Hey du.« Tim/Tony winkt Asha zu und schaut sie bewundernd an. So wie alle Männer sie anschauen. Wenn wir beide zusammen ausgehen, wird Asha regelmäßig zuerst angesprochen. Mit ihren Hammerkurven und den roten Lippen sieht sie aus wie ein Pin-up-Girl, während ich neben ihr wirke wie ihre tüchtige, aber farblose Assistentin.

Tony wirft mir einen raschen Blick zu, und ich weiß, was er denkt: Dass er die falsche Schwester abgeschleppt hat. Seine Deppenhaftigkeit überrascht mich nicht. Offensichtlich habe ich ein ganz bestimmtes Beuteschema.

Er weiß allerdings nicht, dass meine Schwester sich nicht abschleppen lässt. Er kann also froh sein, dass er überhaupt eine von uns abgekriegt hat.

Asha lächelt ihn schwach an. »Hey.«

Tony war die schlechte Entscheidung, die ich gestern Abend getroffen habe, nachdem Asha mich in unserer Stammkneipe, The Tar Bar, allein gelassen hat, um zu Hause zu lesen. Ich habe sie gewarnt, dass man mich besser nicht allein lässt, wenn ich Tequila getrunken habe. Es ist, als wäre ich ein iPhone, und Tequila würde alle meine Berechtigungen einschalten.

»Also, Tony«, sagt Asha mit mehr als einem Hauch Ablehnung in der Stimme. »Musst du nicht zur Arbeit?«

Tony lacht leise. Genau, weil er auch so aussieht, als hätte er einen Job. »Die Bandprobe fängt erst um eins an.«

Asha lächelt ihn an, es ist ihr verurteilendes Lächeln. Meine Schwester und ich sind bei einer alleinerziehenden Workaholic-Mutter aufgewachsen, die uns von klein auf eine übermäßige Arbeitsmoral anerzogen hat. Wenn irgendjemand auch nur den Anschein erweckt, ein Faulpelz zu sein, ist er bei den Tate-Schwestern unten durch. Nicht so sehr, dass ich nicht mit ihm schlafen würde, aber trotzdem …

»Wie schön, dass du Ziele hast«, sagt Asha mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck. Und als Tony Anstalten macht, sie in ein Gespräch zu verwickeln, wendet sie ihm demonstrativ den Rücken zu und versenkt die Nase in ihrem Buch.

Offensichtlich versteht Tony den Hinweis. Er stellt seine Tasse ab und verschwindet in meinem Zimmer. Ein paar Minuten später kommt er vollständig bekleidet wieder heraus.

»Tja, man sieht sich. Danke.« Ich bringe ihn zur Tür und halte sie ihm auf. »Also … Ähm … Wolltest du mir noch deine Nummer geben, oder …?«

Warum fühlen sich Männer bloß immer verpflichtet, das zu fragen? Ein Blinder mit Krückstock erkennt, dass der Typ nicht vorhat, mich anzurufen, und doch platzt er damit heraus, als hätte er Angst, ich könnte mich ansonsten an sein Bein klammern, bis er einwilligt, sich meine Nummer auf den Arsch tätowieren zu lassen.

»Nee, schon okay.«

Die Erleichterung auf seinem Gesicht ist fast schon lustig. »Okay. Gut. Bis dann.«

Ich schließe die Tür und gehe wieder in die Küche. Asha mustert mich, während ich abräume. »Eden.«

»Ich will’s nicht hören.«

»Du könntest so viel bessere Männer haben.«

»Asha, hör auf!«

»Du hast etwas viel Besseres verdient

»Ach ja?«

Sie knallt ihr Buch auf die Küchentheke. »Natürlich! Du könntest einen wunderbaren Mann abbekommen, wenn du dich nur ein bisschen mehr bemühen würdest.«

Ich verstehe ihren subtilen Hinweis auf meinen Mangel an Stil. Jeden Tag trage ich die gleichen Sachen: Jeans, Stiefel, T-Shirt und irgendeine Jacke, meistens aus Leder. Ash dagegen hat mehr Style als ein ganzer Friseursalon. Ihr gelingt es mühelos, ihre Secondhand-Klamotten in topaktuelle Mode zu verwandeln, die viel teurer aussieht, als sie ist. Wir haben beide die feuerroten Haare unserer Mutter geerbt, doch während ich damit zufrieden bin, sie mir in natürlichen Locken bis auf die Schultern fallen zu lassen, trägt Asha ihre flippig-kurz und glatt. Der Schnitt passt perfekt zu ihrer Hornbrille, die für sie eher ein Modeaccessoire als eine tatsächliche Sehhilfe ist. Sie ist ein formvollendeter Hipster, und ich bin genau das Gegenteil. Asha sagt immer, wer im Lexikon »unhip« nachschlagen würde, fände daneben ein Foto von Eden.

Ach, und hatte ich schon erwähnt, dass sie eine unerträgliche Klugscheißerin ist?

»Edie, ich meine doch bloß, dass du nicht mit dem Kifferkönig ins Bett zu gehen brauchst, wenn du mal wieder Sex haben willst. Es gibt bessere Männer da draußen. Du brauchst bloß geringfügig höhere Ansprüche als atmet und hat einen Penis

»Hey, das ist unfair. Er muss außerdem noch alle Zähne und weniger als fünf Vorstrafen haben.«

»Wow. Ich wusste gar nicht, dass du so wählerisch bist.«

Ich lächle, während ich ihre leere Kaffeetasse zum Spülbecken trage. So gern ich meine liebe Schwester auch habe, beim Thema Männer werden wir niemals einer Meinung sein.

»Du könntest zumindest einen Artikel über ihn schreiben«, sagt sie, während sie ihr Buch in ihre Tasche stopft und sich Obst aus der Schale auf der Bank nimmt.

Ich drehe mich zu ihr um. »Über wen? Den kiffenden Faulpelz Tim?«

»Tony. Und nein, natürlich nicht. Ich rede von Mister Romance. Das wäre doch eine tolle Reportage.«

Ich schreibe für Pulse, eine Nachrichten- und Entertainment-Website mit mehr als fünf Millionen Followern. Doch obwohl ich mein Journalistikstudium an der NYU als Jahrgangsbeste abgeschlossen habe, lässt mich mein Boss hirnverbrannte Clickbait-Artikel schreiben, derentwegen ich mich dafür schäme, überhaupt ein funktionierendes Gehirn zu besitzen. Die Überschriften lauten: SIE GLAUBEN NICHT, WAS KIM KARDASHIAN MIT IHREM PO MACHT oder ZEHN ANZEICHEN, DASS IHRE KATZE SIE UMBRINGEN WILL! NUMMER 3 LÄSST SIE NICHT MEHR RUHIG SCHLAFEN!

Ich warte auf den Tag, an dem sich mein vierjähriges Studium endlich auszahlt. Doch wenn es darum geht, seine Mitarbeiter mit neuen Aufgaben zu betrauen, ist mein Boss derart unflexibel, dass ich keine Ahnung habe, wann das sein wird.

Ich bin mit dem Abwasch fertig und wische das Spülbecken aus. »Ash, ich bin fast hundertprozentig sicher, dass Joanna dich mit dieser Mister-Romance-Geschichte verarscht hat. Aber selbst wenn es ihn wirklich gibt, werde ich niemals ein News-Feature bekommen, wenn ich etwas so Belangloses vorschlage.«

Sie stellt die Teller in die Spülmaschine. »Dann sorg dafür, dass es nicht belanglos ist. Der Kerl versetzt die gesellschaftliche Elite der Stadt in Ektase, dabei schläft er noch nicht mal mit ihnen. Was gibt er diesen reichen New Yorker Hausfrauen, was ihnen ihre mächtigen Ehemänner und der Millionen-Dollar-Lebensstil nicht bieten können? Das ist die große Frage. Und wenn du die Antwort findest, wird es ein Knüller!« Sie klappt die Spülmaschine zu und gibt mir einen Kuss auf die Wange. »Denk einfach darüber nach, okay? Wir sehen uns heute Abend.«

Nachdem sie gegangen ist, denke ich über ihren Vorschlag nach. Ich kann nicht leugnen, dass mich die Idee fasziniert. Alles, was ich brauche, ist eine solide Geschichte, um mich aus dem Sumpf der Banalität zu ziehen, in dem ich gerade stecke. Den großen Durchbruch, der meinem starrköpfigen Boss beweist, dass ich mehr zu bieten habe als nur sinnloses Gelaber. Ein gut aussehender Trickbetrüger, der die Crème de la Crème von der Park Avenue um ihr Botox-Taschengeld bringt, dürfte Erfolg versprechen.

Mit frischer Energie schnappe ich mir den Laptop und googele nach »Mister Romance«. Abgesehen von mehreren Millionen Treffern für Bücher und Websites mit dem Wort Romance im Titel gibt es nichts, was auch nur ansatzweise nach dem klingt, was Joanna beschrieben hat. Ich durchforste Seite um Seite, suche nach dem kleinsten Hinweis, dass es ihn wirklich gibt, aber nach einer Stunde habe ich immer noch nichts.

Ich klappe den Laptop zu und reibe mir die Augen, hasse mich dafür, dass ich Zeit damit verschwendet habe, einer Spur von Joanna, der zwanghaften Lügnerin, hinterherzujagen. Oh Gott, ich glaube, Ashas hoffnungslose Leichtgläubigkeit ist ansteckend.

Wie demütigend.

Mit einem frustrierten Grunzen schiebe ich den Computer in die Laptoptasche, schnappe mir meine Handtasche und gehe zur U-Bahn-Station. So wie es aussieht, habe ich eine weitere Woche von intellektzersetzender, moralisch-inhaltsleerer Meme-Produktion vor mir.

Juhu!

2. Kapitel

Das Spiel beginnt

Ich schlage mit dem Kopf auf den Tisch und stöhne leise, da taucht ein zotteliger hellbrauner Haarschopf über der Kante meiner Arbeitsnische auf. Dicht gefolgt von breiten Schultern, braunen Augen und dem restlichen Gesicht meines Freundes Toby.

»Verdammt, Tate, was soll das?«

»Ich bestrafe mich selbst.«

»Warum?«

»Weil ich für den Haufen Scheiße, den ich gerade abgeliefert habe, bezahlen muss.«

Toby seufzt und kommt in mein armseliges Etwas von Büro herüber. Wie gewöhnlich sieht er aus wie Gulliver auf dem Weg nach Liliput.

Als ich bei Pulse angefangen habe, war Toby einer meiner ersten Freunde, einerseits, weil wir denselben schrägen Humor haben, und andererseits, weil wir Büronachbarn sind. Er ist einer der wenigen Gründe dafür, dass dieser Job mich noch nicht in den Wahnsinn getrieben hat. Als selbst ernannter Computerfreak ist er für die Technik-Features zuständig. Toby sieht aus wie ein Spieler der Green Bay Packers, der sich in einen Strickjacken-Laden verirrt hat und als Shaggy aus Scooby-Doo mit einer Größe von eins fünfundneunzig und auf Steroiden wieder herausgekommen ist.

Jetzt steht er hinter mir und hebt meinen Kopf mit seinen riesigen Händen von der Tischplatte. »Hör sofort auf.«

»Du verstehst das nicht.«

Er kommt um den Tisch herum und setzt sich auf den zweiten Stuhl. »Doch. Du hast den schlimmsten Rotz aus der dunkelsten Ecke deines Gehirns auf die nichts ahnenden Internetties losgelassen. Was gibt es sonst noch für Neuigkeiten? So schlimm kann es doch gar nicht sein.«

»Kann es, und ist es auch.«

»Zeig mal her.«

Ich setze mich auf und gebe der Maus einen lustlosen Schubs, damit meine letzten drei Posts sich auf dem Bildschirm öffnen.

Toby beugt sich vor, um sie zu lesen. Die erste Schlagzeile lautet DIE GEHEIMEN SCHOCKBILDER, DIE DIE REGIERUNG NICHT ZEIGEN WILL!

Er sieht mich an. »Ich tippe auf die gefälschte Alienobduktion.«

»Ja.«

»Langweilig. Und alt.«

»Ja.«

Er klickt auf den nächsten Post. Ein Video. MENSCHEN, DIE KEIN SCHARFES ESSEN MÖGEN, PROBIEREN SCHARFES ESSEN! HIER SIND DIE SAUKOMISCHEN ERGEBNISSE!

Er kneift die Augen zusammen. »Hast du das gefilmt?«

»Ja.«

»Sag nicht, das sind die drei Streber aus der Buchhaltung ohne jede Persönlichkeit, die alles tun, wenn sie ein hübsches Mädchen darum bittet.«

»Na gut, ich sage dir nicht, dass es die drei kleinen Schweinchen sind.«

»Aber sie sind es, oder?«

»Ja.«

Er seufzt und wendet sich wieder dem Bildschirm zu, auf dem der dritte Artikel schreit: DAS SIND DIE SCHLIMMSTEN SERIENMÖRDER DER WELTGESCHICHTE! MACHEN SIE DAS QUIZ UND FINDEN SIE HERAUS, WELCHER SIE SIND!

Ich lasse den Kopf wieder auf die Tischplatte sinken, und diesmal hält er mich nicht auf. »Siehst du?«

»Na gut. Es ist nicht das Beste, was du jemals geschrieben hast. Es wirkt so, als würdest du noch nicht einmal versuchen, die Produktivität unschuldiger Menschen zu zerstören, indem du sie dazu verleitest, auf irgendeinen Mist zu klicken.«

»Ich bin nicht mit dem Herzen dabei.«

»Das musst du auch nicht. Der gierige, selbstsüchtige Teil, der gerne Geld für Essen und Miete verdienen will, reicht vollkommen aus.«

Ich setze mich wieder auf und streiche mir die Haare aus dem Gesicht. »Du hast leicht reden. Du schreibst über Technikkram und Videospiele – das liebst du.«

»Stimmt, aber ich habe genug Mist geschrieben, um Klicks zu generieren, bevor Derek mich in den IT-Bereich versetzt hat.«

»Ich war Herausgeberin der Washington Square News, Tobes. Verdammt, ich habe den Hearst Award gewonnen.«

»Ich weiß. Und nach deinem Praktikum bei der New York Times warst du unter den letzten beiden Bewerbern für die Stelle eines Junior-Reporters, blablabla. Aber das ist heute nichts mehr wert. Die traurige Wahrheit ist, dass du in New York keinen Cronut mehr werfen kannst, ohne einen arbeitslosen Journalisten zu treffen, und die meisten sind genauso qualifiziert wie du. Sieh der Wahrheit ins Gesicht und akzeptiere, dass dein Abschluss in Journalismus genauso nutzlos ist wie ein Schleudersitz im Hubschrauber. Der Arbeitsmarkt gleicht im Moment einem Kriegsgebiet, aber immerhin verdienst du hier überdurchschnittlich.«

»Was schlägst du also vor? Soll ich diesen Job behalten, obwohl ich ihn hasse? Oder kündigen, um meinen Traumjob zu finden, und riskieren, arbeits- und obdachlos zu sein?«

»Keine Ahnung, Tate. Du brauchst etwas, womit du Derek auf dich aufmerksam machst. Arbeitest du an irgendeiner Reportage, die du ihm zeigen kannst?«

»Ehrlich gesagt, ja.« Ich setze mich auf und schnappe mir mein Notizbuch. »In New York tauchen überall gefälschte Strafzettel auf. Die Knöllchen wirken echt, aber die Bankverbindung gehört nicht der Stadt. Irgendein Betrüger sackt die Kohle ein.«

Toby nickt. »Nicht schlecht, aber auch kein Watergate. Was hast du noch?«

»Äh …« Ich schaue auf meine Liste. »Da ist noch der durchgeknallte Graffitikünstler, der riesige Penisse auf Schlaglöcher sprüht, damit die Stadt dazu gezwungen wird, die Löcher aufzufüllen, wenn sie nicht riskieren will, die Passanten zu verärgern.«

Toby gluckst. »Das gefällt mir, aber reicht auch nicht für eine komplette Reportage.«

»In Ordnung.« Ich werfe noch einen Blick auf meine dürftige Liste mit Ideen für Artikel. Aber mir ist klar, dass es Zeitverschwendung ist. Wäre etwas auf der Liste, womit ich Derek beeindrucken könnte, hätte ich schon längst meinen Hintern in sein Büro geschwungen und es ihm vorgeschlagen. Das ist alles Billigramsch – aber ich brauche Gold.

Ich lege das Notizbuch zur Seite und sehe Toby an. »Ich habe nichts.«

Er tätschelt mir herablassend die Schulter. »Tja, das ist dein Problem, Tate. Du brauchst etwas, um weiterzukommen.«

Ich will ihm gerade den Mittelfinger zeigen, als Bootylicious aus meinem Handy erklingt. Sofort setzt sich Toby auf. Er weiß, dass das Ashas Klingelton ist. Seitdem er sie zum ersten Mal gesehen hat, ist er in sie verknallt. Immer wenn sie anwesend ist, verwandelt er sich in einen riesigen Labrador, dem man gerade einen Spaziergang versprochen hat.

Ich sehe Toby entschuldigend an, und als ich drangehe, verschwindet er in seine eigene Arbeitsnische. »Hey Ash, was gibt’s?«

»Es gibt ihn wirklich.«

»Wen?«

»Mister Romance. Joanna hat heute Morgen mit ihrer Cousine über ihn gesprochen, und die Cousine war entsetzt darüber, dass Joanna gelauscht hat. Sie hat gesagt, alles über den heißen Escort sei absolut geheim. Man kommt nur über die Empfehlung einer seiner Kundinnen an ihn ran. Klingt wie ein geheimes Leihsystem für einen heißen Typen.«

»In Ordnung, das klingt interessant. Ist Joannas Cousine seine Kundin?«

»Nein, aber sie kennt eine. Halt dich fest.« Sie macht wegen des dramatischen Effekts eine Pause. »Es ist Marla Massey.«

Ich hole tief Luft. »Die Frau von Senator Massey? Der Ex-Fernsehprediger, der seine Frau als Paradebeispiel für eine gute Ehefrau hinstellt? Bist du sicher?«

»Todsicher. Sieht so aus, als hätte seine ergebene Ehefrau einen sexy Toyboy, während ihr braver Ehemann als Kongressabgeordneter in Washington ist. Kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn das wirklich stimmt?«

Als ich mir ausmale, wie groß diese Geschichte werden könnte, bekomme ich Gänsehaut an den Armen. Wenn ich das richtig anpacke, könnte daraus die Karriere entstehen, die ich mir schon immer erträumt habe. Scheiß auf Pulse. Ich könnte mir einen Job bei einem der Topmedienunternehmen suchen.

»Also, was muss ich tun?«, frage ich. »Muss ich mich mit Mrs Massey anfreunden, damit sie mich ihrem gekauften Freund vorstellt? Das klingt ziemlich unmöglich.«

»Ja, solange du dich nicht plötzlich in eine megareiche Hausfrau verwandelst, die Kunstgalerien liebt und zur Bibelstunde geht, bewegt ihr euch nicht in denselben Kreisen. Aber egal, was du tust, sei vorsichtig. Sie wird nicht ein Wort mit dir sprechen, wenn sie herausbekommt, dass du Journalistin bist.«

Asha hat recht. Ich muss das clever anpacken, sonst geht meine einzige heiße Spur in nach Chanel duftendem Rauch auf.

»In Ordnung, wie kontaktieren diese Frauen denn den Escort? Telefonnummer? E-Mail? Riesige Penis-Rauchzeichen?«

Asha senkt die Stimme. »Joanna sagt, wenn jemand diskret genug erscheint, um seine Kundin zu werden, lässt die Frau, die sie empfiehlt, ihr einen besonderen Fragebogen zukommen. Dieser wird ausgefüllt und in einem verschlossenen Umschlag mit tausend Dollar an ein Postfach in Williamsburg geschickt.«

Ich falle fast vom Stuhl. »Tausend Dollar?! Das berechnet der Typ für ein Date?«

Tobys Kopf erscheint über der Trennwand, und er flüstert: »Verdammt, worum geht’s hier?«

Ich gebe ihm mit einem Wedeln zu verstehen, dass er verschwinden soll, und halte das Telefon fester.

»Nein«, sagt Asha. »Ein Date kostet fünftausend. Die tausend nimmt er, bevor er dich überhaupt als Kundin akzeptiert.«

»Er kann so gut aussehen, wie er will, kein Mann ist so viel Geld wert.«

»Nun ja, offensichtlich sind die Damen anderer Meinung.«

Ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück und halte mich am Tisch fest. »Hast du die Postfachadresse?«

»Ja, ich schick dir eine Nachricht. Aber die nützt dir nichts, wenn du den Fragebogen nicht irgendwo herbekommst. Joannas Cousine hat keinen, und selbst wenn sie einen hätte, glaube ich nicht, dass sie ihn uns geben würde.«

»Könnte Marla Massey einen haben?«

»Möglich. Aber wie kommt man dran, ohne sie zu fragen?«

Ich schaue zu Toby, der mich stirnrunzelnd ansieht und herauszufinden versucht, worüber ich spreche. »Ich denke mir was aus. Danke für die Info, Ash.«

»Kein Problem. Ist ja auch gut für mich. Denn wenn ich mir noch länger dein Gejammer über deinen Job anhören muss, schneide ich mir die Ohren ab.«

Ich lächele. »Danke für deine Unterstützung, Schwesterherz. Viele Grüße von Toby, übrigens.«

»Mhm. Tschüssi!«

Nachdem wir aufgelegt haben, fragt Toby: »Also, wie geht’s ihr?«

»Immer noch kein Interesse, fürchte ich.«

Er schüttelt den Kopf. »Versteht sie nicht, was sie Wundervolles verpasst?«

»Offensichtlich nicht, aber ich verspreche dir, ein gutes Wort für dich einzulegen, wenn du mir bei dieser Story hilfst.«

»Ich habe befürchtet, dass das kommt. Erzähl, worum geht’s?«

Als ich ihm die Details über Mister Romance erzähle, wird Toby immer lebendiger.

»Eden, das könnte fett werden. Besonders, wenn noch mehr seiner Kundinnen so prominent sind wie Marla Massey.«

»Ganz genau.«

»Also, was soll ich tun?«

Ich lächele ihn flehentlich an. »Du musst Marla Masseys E-Mail-Account hacken und einen Kundenfragebogen finden.«

Tobys Miene verdüstert sich. »Du verarschst mich.«

»Nicht mal ansatzweise.«

Für Toby ist das ein sensibles Thema. Ich weiß, dass er in seiner Freizeit als Hacktivist arbeitet, aber nur weil er es mir eines Nachts sturzbetrunken gebeichtet hat. Bis jetzt habe ich nicht durchblicken lassen, dass ich mich daran erinnere, aber gut … ich bin verzweifelt und so.

»Sie ist die Frau eines Kongressabgeordneten«, sagt Toby.

»Ich weiß, aber es gibt keinen anderen Weg.«

»Dir ist klar, dass ihr Account mit einem Wahnsinnssicherheitssystem geschützt ist?«

»Willst du damit sagen, dass du es nicht hinkriegst?«

Er lacht kurz auf. »Mach dich nicht lächerlich. Ich will nur sichergehen, dass du weißt, wie legendär gut ich bin, bevor ich ihr System wie ein Ei knacke.«

»Verstanden.«

Er nickt. »Und sag deiner Schwester besser, dass ich verdammt gut im Bett bin oder so was Ähnliches, damit sich die Mühe wenigstens lohnt.«

»Versprochen. Komplett fiktive Darstellungen deiner sexuellen Fähigkeiten kommen sofort.«

»TATE

Als ich von der Bürotür meines Chefs meinen Namen höre, drehe ich mich um. Wenn er nicht die Persönlichkeit eines besonders fiesen Trippers hätte, könnte man Derek Fife, den Chefredakteur von Pulse und allgemeinen Arschtreter bei jeder Gelegenheit, für attraktiv halten.

Er schaut mich finster an und deutet mit dem Daumen auf die Tür. »In mein Büro. Sofort.« Ohne meine Antwort abzuwarten, geht er zu seinem Schreibtisch zurück.

»War nett, dich zu kennen«, sagt Toby, als Derek verschwunden ist. Wir wissen beide, dass Dereks Ton bedeutet, dass jemandem so richtig der Marsch geblasen wird, und so wie es aussieht, bin ich heute dran.

Ich stehe auf und atme tief durch, bevor ich die Schultern straffe und in sein Büro gehe.

Als ich vor seinem Tisch anhalte, sagt er: »Schließ die Tür und setz dich.« Er sieht noch nicht einmal von seinem Tablet auf.

Als ich die Tür geschlossen und mich auf den Stuhl ihm gegenüber gesetzt habe, wischt Derek immer noch mit gerunzelter Stirn auf seinem Display herum.

»Tate, weißt du, warum Pulse so eine bunte Mischung von Sparten hat?«

»Um so viele Leser wie möglich anzuziehen?«

»Exakt. Und warum, glaubst du, verwenden wir jeden Tag neben den tatsächlichen Nachrichten Clickbait-Artikel?«

»Weil ihr hofft, mit dem Mist Leser anzulocken, damit sie auch die guten Sachen lesen?«

»Nein. Wir tun es, weil der Clickbait-Scheiß hohe Einnahmen generiert, die uns helfen, alles andere zu bezahlen, auch dein Gehalt.« Er sieht mich mit versteinerter Miene an. »Glaubst du, dass du mit den Inhalten, die du gerade beisteuerst, dein Gehalt verdienst?«

Ich verschränke die Hände im Schoß. »Äh … also …«

Er hält das Tablet hoch, um mir einen meiner Artikel von vor ein paar Tagen zu zeigen. DIESE FRAU BÜCKT SICH, UM EINEN PENNY AUFZUHEBEN. SIE WERDEN NICHT GLAUBEN, WAS DANN PASSIERT!

Er zieht die Augenbrauen hoch.

Ich schlucke nervös. »Äh … Das hat dir also nicht gefallen?«

»Nichts ist passiert. Sie hat den Penny aufgehoben und ist weitergegangen. Das ist eine komplette Nullnummer.«

»Ja, das sollte ironisch sein.«

Er wischt übers Display und zeigt mir den nächsten Artikel. DIE GRÖßTEN SCHWÄNZE, DIE SIE JE GESEHEN HABEN!

Ich nicke. »Ja, aber verstehst du …«

»Was waren das für Fotos, Tate?«

Ich seufze. »Das waren Fotos von Pferdeschwänzen …«

»Und die waren noch nicht einmal riesig. Es waren stinknormale blonde und braune Pferdeschwänze. Die Kommentarspalte ging in einem Shitstorm unter.« Er beugt sich nach vorn und senkt die Stimme. »Weißt du, für die Bleichgesichter des Internets ist jeder Klick wertvoll. Wenn du ihnen in den drei kostbaren Sekunden, in denen sie mit einem Facebook-Like für kranke Kinder ›beten‹ oder irgendeine nutzlose Petition unterschreiben, Bilder von nicht-pornografischen Schwänzen zeigst, sind sie schonungslos im Ausdruck ihres Ärgers.«

»Ich weiß.«

Er wirft das Tablet auf den Tisch. »Und trotzdem postest du weiterhin Inhalte, die ich auch von meinem zehnjährigen Neffen bekommen könnte, wenn er mit dem Kopf auf die Tastatur schlägt.«

»Derek, weißt du, es ist so, dass …«

»Du richtig mies in deinem Job bist?«

»Ich kann nicht leugnen, dass mir vielleicht das Talent für diese Art von Posts fehlt …«

»Riesenuntertreibung.«

»Aber wenn du mir die Chance geben würdest, etwas Anspruchsvolleres zu schreiben, werde ich dich nicht enttäuschen, versprochen. Ich würde mich gern beweisen.«

Er lehnt sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkt die Arme. »Du kennst die Regeln, Tate. Du wirst keine Reportage schreiben, wenn du nicht …«

»… deinen Beitrag in der Tretmühle geleistet hast. Ja, ich weiß. Aber ich habe eine Spur zu etwas, das wirklich interessant sein könnte.«

Er kneift die Augen zusammen. »Was für eine Spur?«

»Es gibt einen Escorttypen hier in New York mit dem Namen Mister Romance.«

»Oh Mann.« Er reibt sich die Augen. »Mister Romance? Soll das ein Witz sein?«

»Warte und lass mich ausreden.«

»Du hast zehn Sekunden, um mich zu überzeugen.«

Ich beuge mich vor und werde lebendig. »Seine Kundinnen zählen zur New Yorker High Society. Bislang weiß ich von der Frau eines Kongressabgeordneten, die seine Dienstleistungen in Anspruch nimmt, und ich zweifele nicht daran, dass ich eine Menge gut vernetzter Damen auf seiner Kundenliste finde, wenn ich tiefer grabe. Vielleicht sogar Promis. Schauspielerinnen, Rockstars …«

Derek starrt mich ein paar Sekunden still und ohne zu blinzeln an. »Er schläft für Geld mit Frauen?«

»Nein. Er geht mit ihnen aus.«

»Verdammt, was soll das denn heißen?«

»Weiß ich auch nicht, aber selbst wenn sie keinen Sex haben, stell dir mal die Auswirkungen vor. Bei fünftausend Dollar pro Date erschwindelt sich der Typ eine Menge Kohle von romantisch ausgehungerten Ladys. Das wäre ein Riesenskandal.«

Er beugt sich nach vorn. »Sind deine Quellen vertrauenswürdig?«

»Bisher weiß ich das alles nur aus zweiter Hand, aber ich habe gerade Informationen bekommen, die zu einer Goldmine führen könnten. Und weil wir es vor allen anderen wissen, könnten wir uns einen Exklusivbericht für Pulse sichern.«

Jetzt habe ich Dereks Aufmerksamkeit. Er legt die Fingerkuppen vor dem Mund aneinander. »Exklusiv klingt gut. Das mögen unsere Anzeigenkunden.«

Ich lege die Hände auf seinen Tisch. »Dann lass es mich versuchen. Wenn es nicht klappt, verspreche ich, mich mit Haut und Haaren den Clickbait-Artikeln zu widmen und die unwiderstehlichsten Inhalte zu produzieren, die die Welt je gesehen hat. Ich werde großartige Porträts der schönsten Pferdeschwänze des Planeten finden. Aber, wenn ich die Story an Land ziehe …«

»Jetzt geht das wieder los.«

»Will ich eine Festanstellung im Reportageressort. Und eine Gehaltserhöhung.«

Derek gluckst, aber alles andere als niedlich. Eher so, als wolle er sagen: Wegen dir ist gerade meine Wutlatte kollabiert, und dafür hasse ich dich.

»Du hast Eier, Tate«, sagt er. »Ich rufe dich herein, um dich zu feuern, und jetzt willst du tatsächlich befördert werden?«

Ich sehe ihn so entschlossen an, wie nur möglich. »Ich bin Journalistin, Derek, und zwar eine verdammt gute. Lass mich eine Reportage schreiben. Gib mir zumindest die Möglichkeit, dir zu zeigen, was ich kann. Ich werde dich nicht enttäuschen.«

Er denkt kurz darüber nach und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Lippe. Dann sagt er: »In Ordnung. Ein Versuch. Folge dieser Spur bis zum Kaninchenbau und schau, was du dort findest. Halt mich über deine Fortschritte auf dem Laufenden.«

»Werde ich.« Ich gratuliere mir innerlich. »Ach, eins noch – ich brauche tausend Dollar in bar.«

Er nimmt das Tablet wieder in die Hand. »Und ich brauche einen Schwanz, der sich selbst einen bläst. Schätze, wir müssen beide mit der Enttäuschung leben.«

»Ich brauche das Geld, um mir ein Treffen mit dem Typen zu kaufen«, erkläre ich. »Er wird nicht mit mir reden, wenn ich ihm sage, dass ich Journalistin bin. Ich muss so tun, als wäre ich eine Kundin. Eine wohlhabende Kundin. Wenn er mich akzeptiert, brauche ich weitere viertausend Dollar, um ein Date mit ihm zu bezahlen.«

Derek klappt vor Verwirrung die Kinnlade herunter. »Wie bitte?! Was zur Hölle macht der Typ mit diesen Frauen, das fünf Riesen wert ist?«

»Genau das werde ich herausfinden.«

Er dreht sich zögernd zu seinem Computer und schreibt eine E-Mail. »Sag mir, dass das keine Entschuldigung ist, um auf Firmenkosten deinen Spaß zu haben.«

Ich verdrehe die Augen. »Derek, bitte. Als müsste ich einen Mann dafür bezahlen, mit mir auszugehen.«

Bevor er die E-Mail abschickt, schaut er mich finster an. »Geh zu Emily in der Buchhaltung. Sie gibt dir das Geld. Aber wehe, ich bekomme keine vernünftige Rendite für meine Investition.«

»Dafür werde ich sorgen.«

»Gut. Und jetzt schwing deinen Arsch aus meinem Büro.« Er setzt sich die kabellosen Kopfhörer auf und dreht die Lautstärke von etwas auf, das man nur als Angry-White-Guy-Trash beschreiben kann.

»Du bist so ein Penner«, murmele ich leise.

Er sieht mich durchdringend an und schiebt den Kopfhörer vom Ohr. »Was hast du gesagt?«

Ich schenke ihm mein süßestes Lächeln. »Ich habe gesagt, die Story wird der Renner.« Ohne seine Reaktion abzuwarten, drehe ich mich um und verlasse den Raum, dankbar, dass ich vorerst dem Henkersbeil entkommen bin.

Als ich wieder an meinen Schreibtisch komme, sitzt Toby auf meinem Stuhl und tippt über die Tastatur gebeugt blindwütig auf sie ein.

Ich will ihn gerade nach seinen Fortschritten fragen, da sagt er: »Frag nicht. Es gibt keine nachweisbare IP für Masseys Privatadresse, was bedeutet, dass sie entweder kein Internet haben – was unwahrscheinlich ist –, oder sie sind vom Netz abgekoppelt. Aber ich komme über Fernzugriff an ihr Handy, und sobald ich in ihrem E-Mail-Postfach bin, kann ich … Oh.«

»Oh?«

»Oh.«

Ich beuge mich über seine Schulter, um zu sehen, was er sieht, aber der Bildschirm zeigt nur jede Menge Codes. »Bitte übersetze ›Oh‹ für mich, Tobes. Sind das gute oder schlechte Nachrichten?«

»Sowohl als auch. Sie benutzt einen E-Mail-Account, der völlig anders ist als der offizielle. Vielleicht versteckt sie so ihre Aktivitäten vor ihrem Mann.« Er lacht und schaut über die Schulter. »Ihr Benutzername ist Goodwife69. Welche Ironie.« Er tippt weiter. »Okay, geheime und möglicherweise pikante E-Mails – kommt zu Papi.«

Er arbeitet ein paar Minuten weiter, und dann erscheint ein blauer Ladebalken auf dem Bildschirm. Er steht auf und bedeutet mir, mich auf den Stuhl zu setzen. »Fertig. Warte den Download ab, dann hast du eine Kopie ihres kompletten E-Mail-Accounts. Wenn es den Fragebogen gibt, ist er vermutlich dort drin.«

Ich umarme seinen Arm. »Du bist der beste, Tobes. Wirklich.«

Er zuckt mit den Schultern und errötet. »Das sagen alle Ladys. Aber denk dran, wenn das FBI vorbeikommt, hast du das selbst hingekriegt und kennst mich nicht. Darf ich jetzt weiterarbeiten?«

»Wenn’s sein muss, aber als Dankeschön lade ich dich später zum Essen ein.«

»Abgemacht.«

Als er weg ist, knabbere ich an der Nagelhaut des Zeigefingers herum und beobachte den Ladebalken. Als der Download abgeschlossen ist und die Übersichtsseite von Marla Masseys E-Mail-Account in prächtigen Farben erscheint, mache ich es mir gemütlich.

»Na gut, Mrs Massey. Schauen wir mal, was wir finden.«

Ich bin mir bewusst, dass das, was ich tue, absolut illegal ist, ganz zu schweigen vom moralischen Aspekt, aber die Story ist meine Eintrittskarte in ein besseres Leben. Deshalb schlucke ich mein Unbehagen hinunter und stürze mich hinein. Trotzdem ermahne ich mich, nur nach E-Mails im Zusammenhang mit ihrem Freund zu suchen. Sollte Marla noch andere dunkle Geheimnisse haben, gehen sie mich nichts an.

Ich tippe »Mister Romance« in die Suchleiste. Wie vorherzusehen war, ohne Ergebnis. Da der Typ in einem Geisteruniversum zu leben scheint, habe ich nicht erwartet, dass es so einfach wird, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Als Nächstes versuche ich es mit »Gigolo«, »Callboy« und »Escort«. Ich finde ein paar Werbemails zu Liebesromanen, aber das war’s auch schon. Vom ersten Eindruck her ist ihr Postfach voller Rechnungen für Onlinekäufe und Abos. Vielleicht hat Marla diesen Account eingerichtet, um ihre Kaufsucht zu verbergen. Sie wäre nicht die Erste.

Nach einigen weiteren Minuten, in denen ich ihren Posteingang durchsuche, glaube ich schon fast, dass Toby mit der geheimen Kommunikation falschlag, doch dann fällt mir ein Betreff ins Auge: Vielen Dank für die Empfehlung des Vollbluts. Ich öffne die E-Mail und überfliege den Inhalt.

Liebe M,

ich danke dir ganz herzlich dafür, dass du mir diesen herrlichen Vollbluthengst aus den Stallungen von Mason Richards empfohlen hast. Ein prachtvolles Exemplar! Es ist schon sehr lange her, dass ich das Vergnügen hatte, Zeit mit einer derart herrlichen Kreatur zu verbringen. Ich bin dir so dankbar, meine Liebe. Ich fühle mich zehn Jahre jünger.

Liebe Grüße

C

Der Name des Absenders ist CJ872.

Ich lese die Mail noch einmal. Stallungen von Mason Richards … M. R. Könnte das der geheimnisvolle Mister Romance sein? Vielleicht ist das weit hergeholt, aber ich glaube nicht, dass es ein Zufall ist, dass die Lobeshymne sowohl einem Pferd als auch einem Mann gelten könnte. Vielleicht haben die Damen einen Code vereinbart, um seine Anonymität zu wahren.

Ich will gerade eine gründlichere Suche starten, da dudelt Only the Good Die Young von Billy Joel aus meinem Handy. Ich zucke zusammen, als ich DEINE LIEBE NAN!!! auf dem Display lese. Ich hätte ihr nicht erlauben sollen, ihre Nummer und den Klingelton selbst zu programmieren.

Ich bin nicht in der Stimmung, mit meiner Großmutter, oder Nannabeth, wie sie genannt werden möchte, zu sprechen. Ohne Zweifel wird sie nach meinem Liebesleben fragen, und wenn ich ihr keinen Supertypen präsentieren kann, der ernsthaft eine Familie mit mir gründen will, bekomme ich eine gut gemeinte Tirade zu hören, warum ich diese eine besondere Person so schnell wie möglich finden sollte, denn »machen wir uns nichts vor, Muffin, du wirst auch nicht jünger«.

Ich seufze und drücke den Anruf weg. Ich fühle mich deswegen schlecht, weil ich Nannabeth wirklich lieb habe, aber ihren ständigen Beziehungsdruck abzuwehren, ist anstrengend, und im Moment fehlt mir dafür einfach die Energie.

Um meine Schuldgefühle zu lindern, schicke ich ihr eine Nachricht.

Hey Nan! Tut mir leid, ich kann gerade nicht reden. Viel Arbeit. Aber ich komme am Samstagmorgen bei dir vorbei, okay? Hab dich lieb!

Kurz darauf bekomme ich eine Antwort.

ArbeiteNichtZuViel!!!!!LiebDich!!!

Ich lache. Um Zeichen zu sparen, verzichtet sie auf Abstände und Grammatik, macht das aber mit wahnsinnig vielen Ausrufezeichen wieder zunichte.

Nachdem ich meine Pflicht erfüllt habe, schalte ich mein Handy aus und wende mich wieder den E-Mails zu. Da ich jetzt weiß, wonach ich suchen muss, gebe ich Vollblut in die Suchleiste ein. Mehrere Mails werden angezeigt, alle über den herrlichen Vollbluthengst aus den Mason-Richards-Stallungen, und die Wortwahl erhärtet meinen Verdacht, dass der Hengst für Mister Romance steht. Nach einigen weiteren Minuten finde ich ein Attachment an einer der E-Mails, und als ich es öffne, quietsche ich triumphierend, weil es der geheimnisumwobene Fragebogen ist.

Tobys Kopf taucht auf. »Treffer? Oder hast du Schluckauf?«

»Treffer«, sage ich mit einem Grinsen. »Ich habe den Fragebogen gefunden.«

»Oh, super! Jetzt kommen wir weiter.«

Ich klicke auf Drucken, und als Seite um Seite im Dokumentenschacht landet, fühle ich mich wie Sherlock Holmes auf der Fährte eines neuen, faszinierenden Falles. Das erwartungsfrohe Ziehen in der Magengegend sagt mir, dass das Spiel definitiv begonnen hat.

3. Kapitel

Private Ermittlungen

Ich spähe durch den Sucher meiner Kamera und zoome auf den Mann, der gerade die Postfiliale betritt. Durch die Glasscheibe habe ich einen hervorragenden Blick ins Gebäudeinnere, und mit angehaltenem Atem warte ich darauf, dass er etwas aus Postfach 621 abholt.

Tut er nicht.

Verdammt.

In den letzten vier Tagen habe ich über fünfzig Personen beschattet, die dort ein und aus gegangen sind, aber keine Spur von jemandem, der die Post für Mister Romance abholt. Praktischerweise gibt es direkt nebenan ein Café, sodass ich meine Beobachtungen relativ bequem durchführen kann, aber trotzdem … Ich hatte gehofft, inzwischen etwas herausgefunden oder sogar von dem Typen selbst gehört zu haben. Ich habe weiß Gott genug Zeit damit zugebracht, den erforderlichen Fragebogen auszufüllen: Zwölf Seiten war das verdammte Ding lang. Offensichtlich möchte unser fleißiger Escort alles über seine potenzielle Kundin wissen, von Freunden auf der Highschool oder der Uni bis hin zu Lieblingsfilmen, -songs und -büchern. Es gab sogar einen Persönlichkeitstest. Weiß der Himmel, wozu er das alles braucht. Klar, ein Fantasiefreund muss natürlich wissen, was Frauen von ihm wollen. Aber nirgendwo hat er mich nach meinen romantischen Fantasien gefragt. Was soll das alles? Sucht er sich einfach die Fantasie aus, für die er schon die passende Verkleidung hat?

Abgesehen von einem falschen Namen habe ich alle Fragen ehrlich beantwortet. Ich gehe davon aus, dass ich mich bei einem »Date« mit ihm eher an die Wahrheit als an irgendwelche Lügen erinnern werde, und es wäre ärgerlich, wenn ich sein Vertrauen verspiele, weil ich mich in Widersprüche verwickle. Natürlich musste ich vorgeben, deutlich besser betucht zu sein, als ich tatsächlich bin. Er darf nicht erfahren, dass ich bitterarm aufgewachsen bin und meine Mutter zwei Jobs hatte. Das würde nicht gerade zu meinem Image als Society-Lady passen.

Ich beobachte gerade einen weiteren Paketabholer, der sich als Sackgasse herausstellt, da fällt ein Schatten auf mich. Als ich aufblicke, steht der Kellner vor mir.

»Oh, hi. Perfektes Timing. Kann ich noch einen Espresso bekommen?« Ich hatte heute schon sieben. Möglicherweise bin ich ein bisschen aufgedreht.

»Klar«, sagt er und reicht mir einen dicken Umschlag. »Und ich soll Ihnen das hier geben.«

Verblüfft nehme ich den Umschlag und werfe einen Blick hinein. Darin stecken meine tausend Dollar in bar und eine maschinengeschriebene Notiz auf festem Papier.

Sehr geehrte Ms White,

vielen Dank für Ihre Anfrage. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass ich Sie derzeit nicht als Kundin annehmen kann. Ich bitte um Ihr Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen

M. R.

Ich blicke mich im Café um und wende mich an den Kellner. »Wer hat Ihnen das gegeben?«

Er zuckt die Achseln. »Irgendein Typ. Groß. Dunkle Sonnenbrille.«

»Wo ist er hingegangen?«

Er deutet die Straße hinunter. »Da lang. Aber Sie werden ihn nicht mehr einholen. Er hat mir ’nen Zwanziger zugesteckt, damit ich fünfzehn Minuten warte, bevor ich Ihnen das gebe. Der ist längst über alle Berge.«

Ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück und seufze.

Verdammt. Ich hätte nicht gedacht, dass mein ausgeklügelter Plan so in die Hose gehen würde.

Woher zum Teufel wusste er, dass ich hier bin? Und vor allem: Was mache ich jetzt?

»Wollen Sie den Kaffee trotzdem noch?«, fragt der Kellner.

»Nein, nur die Rechnung bitte.«

»Alles klar.«

Als er sich umdreht, reibe ich mir die Augen. Es muss eine andere Möglichkeit geben, dieses Spiel zu spielen. Ich muss bloß nachdenken.

Ich rufe Toby an und erzähle ihm von den neuesten Entwicklungen.

»Oh, Scheiße«, sagt er. »Das ist ja doof.«

»Genau.«

»Und jetzt?«

»Kannst du rausfinden, wem dieses Postfach gehört? Vielleicht finde ich ihn darüber.«

»Noch mehr Gesetzesübertretungen? Meine Liebe, du bist ein ganz schön schlechter Einfluss.« Im Hintergrund höre ich eifriges Tastaturklappern.

»Aber du machst es trotzdem?«

»Tja. Das ist mein Lichtstreif am Horizont. Es ist immer irgendwie aufregend, wenn ich meine Hackermuskeln spielen lassen kann.«

»Dauert das lange?«

»Kann sein. Manche von diesen privaten Postunternehmen haben bessere Security als andere. Ich rufe dich an, wenn ich was habe.«

»Super. Danke, Tobes.«

Ich lege auf und untersuche den Zettel noch einmal. Er hat ihn mit M. R. unterschrieben. Im Ernst jetzt? Er bezeichnet sich selbst als Mister Romance? Oh Mann, ist das billig.

Während ich auf Tobys Rückruf warte, mache ich mir ein paar Notizen.

Warum ist M. R. so paranoid? Will er bloß seine Kundinnen beschützen? Oder sich selbst?

Warum hat er mich abgelehnt? Und woher wusste er, dass ich heute hier bin und nach ihm Ausschau halte? Ich vermute, er ist mir auf der Spur, aber wie?

Mein Handy vibriert, als eine Nachricht von Toby eingeht.

Das dauert ’ne Stunde oder so. Mehrstufige Firewall. Entspann dich ein bisschen, während ich zaubere.

Der Kellner bringt mir die Rechnung, und ich werfe ein paar Scheine auf den Tisch, bevor ich meinen Laptop in die Tasche stopfe und auf die Uhr schaue. Es ist erst drei Uhr. Da kann ich genauso gut noch zum Sport gehen, während ich warte.

Ich schnappe mir meine Sachen und gehe zur U-Bahn.

Ich muss irgendwie das Koffein in meinen Nervenbahnen loswerden, sonst bin ich viel zu überdreht.

Led Zeppelin dröhnt aus meinen Kopfhörern, während meine Füße auf das Gummi des Laufbands donnern. Auch wenn mir der Schweiß in Strömen übers Gesicht läuft und meine Lungen brennen, gefällt mir dieser Teil an meinem Trainingsprogramm am besten. Meine Nebennieren laufen auf Hochtouren und vom Adrenalinrausch fühle ich mich mehr als nur ein bisschen high.

Jaaa, her zu mir, ihr süßen Endorphine!

Um diese Tageszeit ist im Fitnessstudio so gut wie nichts los. Die Feierabendschwemme von figurbewussten Prinzesschen und muskelbepackten Posern hat den Laden noch nicht überflutet, und genau so gefällt es mir. Ich halte mich normalerweise an das Laufband und den Stepper, aber ich hasse es, wenn ich auf die Geräte warten muss. Vor allem jedoch hasse ich es, dass ich mir einen Weg durch die Lycra-bekleideten Balzrituale bahnen muss, wenn es hier voll ist.

Im Allgemeinen halte ich nichts davon, das Fitnessstudio als Aufreißschuppen zu benutzen. Hier möchte ich die Freiheit haben, mich von meiner schlechtesten Seite zu zeigen. Dann kann ich hinterher, wenn ich frisch geduscht und geschminkt bin, so tun, als wäre das meine beste Seite. Ich kann mir etwas Schöneres vorstellen, als jemanden beeindrucken zu wollen, wenn ich mich noch im Raupenstadium befinde.

Aber nichtsdestotrotz habe ich natürlich nichts dagegen, selber ein paar Sahneschnittchen anzuschmachten, und ein besonderes Prachtexemplar befindet sich gerade nur wenige Schritte von mir entfernt. Genau genommen ist der dunkelhaarige heiße Typ auf dem übernächsten Laufband die einzige andere Person in diesem Bereich des Studios. Ich habe ihn schon Anfang der Woche hier gesehen, und auch da habe ich ihn schon angegafft. Seine Oberarme sind herrlich. Kräftig und definiert. Leicht gebräunte Haut. Muskulöse Brust und Beine. Und wie ihm die dunklen Haare beim Laufen in die Stirn fallen, ist verdammt sexy.

Als ich mit dem Cooldown anfange, werfe ich ihm verstohlene Blicke zu. Seine Bewegungen sind elegant und unglaublich maskulin, eine faszinierende Mischung. Ich könnte ihm den ganzen Tag lang zusehen.

Gerade, als ich das denke, schaut er zu mir herüber und erwischt mich beim Gaffen. Sofort schaue ich weg. Er darf jetzt nicht auf mich aufmerksam werden! Nicht jetzt, wenn ich aus allen Poren schwitze und vermutlich stinke wie eine Mülldeponie.

An meinem Arm vibriert mein Handy. Ohne stehen zu bleiben, gehe ich dran.

»Tobes! Hey.« Okay, reden und laufen und dabei noch atmen ist definitiv eine Herausforderung. »Was hast du herausgefunden?«

Nach einer kurzen Pause fragt Toby: »Ähm … störe ich gerade?«

»Nein, ich bin bloß beim Sport. Wieso?«

»Oh. Okay. Ich hatte bloß schweres Atmen und Schnaufen gehört und dachte … Ist ja auch egal. Also, das Postfach gehört einem Reggie Baker aus Greenpoint, Brooklyn. Ich schicke dir seine Adresse.«

»Könnte das unser Mann sein?«

»Klar. Vorausgesetzt, Mister Romance ist ein sechzigjähriger pensionierter Lehrer.«

Ich schüttele den Kopf. »Stimmt. Das ist unwahrscheinlich. Hat Reggie Familie? Irgendwelche Söhne in den Zwanzigern?«

Im Hintergrund höre ich Tastengeklapper. »Nope. Reggie und seine Frau haben zwei Töchter, Priscilla und Daisy, beide in den Dreißigern.«

Ich schalte die Geschwindigkeit des Laufbands herunter, bis ich fast nur noch gehe. »Tja, das sind ja nicht besonders viele Anhaltspunkte, mein Lieber.«

»Ich weiß, tut mir leid. Es wäre so schön gewesen, wenn das Postfach uns direkt zu dem Typen geführt hätte.«

»Aber natürlich tut es das nicht. Das wäre ja auch zu einfach. Danke trotzdem, Tobes.«

»Kein Problem. Ich schicke dir dennoch die Adresse. Sag Bescheid, wenn du sonst noch was brauchst.«

Ich lege auf und hole mein Handy aus der Tasche an meinem Oberarm. Irgendwie komme ich mit der Story nicht weiter. Wenn ich also meine einzige Spur nicht verlieren will, sollte ich hier wohl besser Schluss machen und Mr Reginald Baker einen Besuch abstatten. Vielleicht kriege ich etwas raus, wenn ich mich mit ihm unterhalte.

Ich schalte das Laufband ab und drehe mich um, doch dank irgendeiner Superkraft, die sich in menschlichen Beinen entwickelt, wenn man zu lange auf der Stelle läuft, steige ich mit viel zu viel Schwung von der Gummimatte, um das Gleichgewicht zu halten. Mit dem mädchenhaftesten Quieken, das mir jemals über die Lippen gekommen ist, rudere ich hektisch mit den Armen und lasse mein Handy fallen. Doch gerade, als ich mich damit abfinde, mit dem Gesicht voran auf dem Betonboden aufzuschlagen, fangen mich starke Arme auf und ziehen mich an einen heißen, kräftigen Oberkörper.

»Vorsicht! Alles in Ordnung bei dir?« Eine warme Männerstimme. Breiter irischer Akzent. Glatte Haut auf meiner, als große Hände mich wieder auf die Füße stellen.

Ich blicke zu meinem Retter auf und erkenne meinen Laufbandnachbarn, der besorgt zu mir herabschaut. Das war ja klar. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass er Zeuge meiner unkoordinierten Bruchlandung geworden ist, kommt er jetzt auch noch in den zweifelhaften Genuss von Sportmief und ekligem Schweiß, als er mich an seinen attraktiven, muskulösen Körper drückt.

»Scheiße, tut mir leid.« Peinlich berührt löse ich mich aus seinen Armen. »Danke fürs Retten.«

Ich erwarte, dass er sich die Hände an seinen Shorts abwischt, denn ich bin echt ziemlich nass geschwitzt. Aber das tut er nicht.

Stattdessen hebt er mein Handy vom Boden auf und untersucht es kurz auf eventuelle Schäden. »Kein Problem. Das ist mir neulich auch passiert. Zum Glück war außer mir niemand hier, also hat keiner mitbekommen, wie ich der Länge nach hingefallen bin wie eine Babygiraffe.«

»Wie schade, dass ich das verpasst habe.«

»In der Tat. Wenn du das gefilmt hättest, hättest du einen viralen Hit aus mir machen können. Wie konntest du mich nur um meine fünfzehn Minuten öffentlicher Demütigung bringen?« Sein irischer Akzent ist unverkennbar, alle seine R sind ein klein wenig gerollt, und das ist verdammt sexy. Als er mir mein Handy zurückgibt und seine Finger meine berühren, spüre ich zu allem Überfluss noch einen leichten Stromschlag.

Oh Gott, nein, es ist keine gute Idee, einen Typen wie ihn attraktiv zu finden. Meine Instinkte befehlen mir, den Rückzug anzutreten, aber meine Augen überstimmen sie, also bleibe ich, wo ich bin, und lächle. »Tja, jetzt tut es mir erst recht leid.«

Er nickt zufrieden. »Ich verzeihe dir. So ist dein erster Eindruck von mir wenigstens keiner, bei dem du dich halb totlachst, das ist ja auch was.«

Ich zupfe an den dicken Haarzotteln, die sich aus meinem Pferdeschwanz gelöst haben und jetzt wie Seetang an meiner Wange kleben. »Ja, genau, es gibt schließlich nichts Peinlicheres, als sich vor einem vollkommen Fremden zum Deppen zu machen, was? Das ist das Schlimmste.«

Er lacht leise. Oh Mann, ich fand ihn schon sexy, als er mit wehenden Haaren über das Laufband gerannt ist, doch das schiefe Grinsen, das er mir jetzt schenkt, ist jenseits von Gut und Böse.

»Eigentlich fand ich es ganz bezaubernd, wie du mir vor die Füße gefallen bist. Du hättest dir nicht solche Mühe zu machen brauchen, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Aber ich will mich nicht beklagen.«

Himmel, dieser Akzent macht mich fertig. Ganz zu schweigen von diesen funkelnden grünen Augen. Den hohen Wangenknochen. Den sinnlichen, geschwungenen Lippen.

Ich muss hier raus. Aber ich kann nicht aufhören zu plappern. »Tja, was soll ich sagen? Manche Mädchen beeindrucken Männer mit ihrem guten Aussehen und ihrer tollen Persönlichkeit. Ich präsentiere lieber meine ausgesprochene Tollpatschigkeit. Ich finde, das ist eine absolut unterschätzte Methode, um das andere Geschlecht anzuziehen.«

Er nickt, und mir entgeht nicht, wie er mein Gesicht und meinen Körper einer schnellen, aber gründlichen Musterung unterzieht. »Da könnte etwas dran sein. Ich finde dich gerade tatsächlich unglaublich anziehend. Funktioniert diese Taktik auch für Männer? Ich meine, wenn ich jetzt die Treppe runterfallen würde, würdest du dann heute Abend mit mir was trinken gehen?«

Ich zucke zusammen. »Oh nein. Du kannst nicht gleich mit einem Treppensturz anfangen. Totaler Anfängerfehler. Nimm erst mal was Leichtes, zum Beispiel über die eigenen Füße stolpern. Oder vor einen Laternenpfahl laufen. Bei mir sieht das vielleicht einfach aus, aber es ist ein Riesenunterschied, ob man hinreißend ungeschickt oder unattraktiv bewusstlos ist. Man muss seine Grenzen kennen.«

Er nickt ernsthaft. »Ah, verstehe. Da spricht die Expertin. Du bewahrst mich nicht nur vor demütigender Selbstverstümmelung, du hast auch meine Einladung auf einen Drink auf so lässige Weise ignoriert, dass ich mir nicht wie ein totaler Versager vorkomme. Das ist beeindruckend.«

Ich schnappe mir mein Handtuch vom Laufband und wische mir übers Gesicht. Ich habe seine Einladung nicht absichtlich abgelehnt. Sie hat mich einfach vollkommen überrumpelt. Normalerweise sprechen mich Männer in einer Bar an, wenn sie schon ein paar Gläser intus haben. Oder aber ich habe schon ein paar Gläser intus und signalisiere ihnen mein Interesse, indem ich ihnen meine Zunge in den Hals schiebe.

Männer wie dieser schicke Ire hier beachten mich normalerweise nicht, schon gar nicht im Fitnessstudio. Nach meiner Erfahrung interessieren sich die superheißen Typen nicht für graue Mäuschen ohne Kurven mit bescheidener Körbchen­größe B. Sie stehen eher auf die silikongepolsterten Playboy-Bunnys, die auf wundersame Weise mit perfekt frisiertem Haar und intaktem Make-up aus dem Spinning-Kurs kommen.

Ich halte mich nun wirklich nicht für unattraktiv; ich weiß, dass ich gut aussehen kann. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass mein Gesicht gerade aussieht wie eine überreife Tomate, befürchte ich, dass mein Nach-dem-Sport-Look mich nicht gerade im besten Licht erscheinen lässt.

»Danke«, sage ich. »Aber ich versuche, nach Möglichkeit nicht mit den Männern auszugehen, die ich mit meiner Tollpatschigkeit bezaubert habe. Es wäre einfach nicht fair. In dem Moment, in dem ich versuche, in Highheels einen Raum zu durchqueren, hätte ich dich ein für alle Mal für andere Frauen verdorben. Du bist noch jung, du hast dein ganzes romantisches Leben noch vor dir. Ich weise dich ab, weil ich es gut mit dir meine.« Und weil es seltsam ist, dass mich ein so schöner Mann zu einem Drink einlädt.

Er neigt den Kopf. »Wow. Ungeschickt und selbstlos? Jetzt hast du mich schon verdorben.«

Dann blickt er mich mit diesen verwirrenden grünen Augen an, und ohne es zu wollen, blicke ich zurück.

»Ich bin übrigens Kieran. Und du?«

Ohne darüber nachzudenken, ergreife ich seine ausgestreckte Hand. Sie ist warm und rau und umschließt meine komplett. »Eden. Tate.«

»Freut mich, Eden.«

»Gleichfalls, Kieran.« Er kommt einen Schritt näher und drückt meine Hand leicht. Ein fieses Kribbeln überzieht daraufhin meinen ganzen Körper.

Die Reaktion ist so heftig und so unerwartet, dass ich einen Schritt zurücktreten und tief durchatmen muss.

Meine Güte, wie macht der Kerl das nur? Ich habe mich zu niemandem so hingezogen gefühlt, seit … Genau genommen kann ich mich nicht daran erinnern, dass ich jemals auf jemanden so reagiert habe. Normalerweise stehe ich eher auf Typen, die gut aussehen, aber nichts Besonderes sind. Und dieser Typ hier ist eindeutig etwas Besonderes. Auf eine Weise attraktiv, über die ich noch nie wirklich nachgedacht habe. Das ist genau diese Art von Verbindung, die ich normalerweise vermeide.

Verwirrt und mehr als nur ein bisschen überfordert drehe ich mich wieder zum Laufband um und schnappe mir meine Wasserflasche aus der Halterung.

»Also, es war nett, dich kennenzulernen, Kieran. Und danke, dass du mich davor bewahrt hast, mir die Nase zu brechen.«

»Willst du schon gehen?«

»Ja, muss noch arbeiten.«

»Tja, dann, vielleicht sieht man sich ja mal wieder. Ich bin fast jeden Tag hier.« Er wirkt so hoffnungsvoll, dass er mir beinahe leidtut.

»Ja, kann sein. Tschüss.«

Er lächelt, als ich an ihm vorbeigehe, und schon wieder verspüre ich ein Kribbeln im Bauch, das mich in Alarmbereitschaft versetzt. Ich bin es gewohnt, mich vage zu Männern hingezogen zu fühlen, aber nicht die Gefühle, die er in mir auslöst. Sie sind unerwartet und verstörend, und ich versuche sie abzuschütteln, als ich mich unter die Dusche stelle.

Ich habe mit solchen filmreifen ersten Begegnungen keine Erfahrung. Sie sind etwas für die weibliche Hauptrolle, und das bin ich nicht. Wenn das hier eine romantische Komödie wäre, dann wäre meine Schwester die Heldin, während ich die Klugscheißer-Freundin spielen würde, die zwar keine Schwierigkeiten hat, sich flachlegen zu lassen, aber in Männern eher eine Extremsportart als einen Lebenspartner sieht.

Beim Anziehen nach dem Duschen versuche ich, die Gedanken an Kieran zu vertreiben.

Die grausame Wahrheit ist: Ganz egal, wie heiß und sexy er ist, wenn er sich für mich interessiert, dann ist er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein verkapptes Arschloch. Und auch wenn ich nichts dagegen habe, mit einem Arschloch ins Bett zu gehen, werde ich ganz sicher nicht mit einem Arschloch ausgehen.

Arschlöcher wecken Gefühle in dir, und dann hauen sie ab. Sie lassen dich glauben, du wärst der Mittelpunkt ihrer Welt, und eines Tages beschließen sie, dass du es doch nicht bist. Und gerade jetzt sollte ich mich darauf konzentrieren, meine Karriere aus dem Dreck zu ziehen, anstatt mich auf ein möglicherweise gebrochenes Herz einzulassen. Ich schnappe mir meine Sachen und gehe zum Ausgang, und selbst als ich Kieran aus den Augenwinkeln sehe und seinen Blick auf mir spüre, drehe ich mich nicht zu ihm um.

Zeit, mich an die Arbeit zu machen.

Ich blicke an dem riesigen, heruntergekommenen Gebäude hoch und wähle Tobys Nummer.

»Was gibt’s?«

»Bist du sicher, dass du mir die richtige Adresse geschickt hast?«

»Ja, wieso?«

»Das ist kein Haus. Das ist eine Lagerhalle, und eine verlassene noch dazu, komplett mit vernagelten Fenstern und Graffiti.« Ein Obdachloser, der ein paar Meter entfernt auf einer Treppe sitzt, prostet mir mit seiner Whiskyflasche zu und grinst mich zahnlos an. »Das volle Programm morbider Charme.«

»Hm. Na ja, das war die einzige Adresse, die ich finden konnte. Soll ich versuchen, noch mehr über Reggie Baker herauszufinden?«

»Gerne. Kann nicht schaden. Kannst du vielleicht auch noch mehr über dieses Gebäude herausfinden? Vorbesitzer … irgendwelche interessanten Mieter? Und mir alles per E-Mail schicken?«

»Geht klar. Ach, und nur, damit du es weißt …« Er senkt die Stimme zu einem Flüstern. »Derek schnüffelt herum. Er hat mich gefragt, was du vorhast.«

»Was hast du ihm erzählt?«

»Dass du mit der Story kurz vor dem Durchbruch stehst. Er wirkte nicht überzeugt. Er will, dass du morgen vorbeikommst und ihm persönlich Bericht erstattest.«

»Na toll. Ich kann es kaum erwarten, ihm zu erzählen, dass ich nicht mehr habe, als er sowieso schon weiß.«

»Tja, dann solltest du dir vielleicht etwas ausdenken, denn gestern sind die monatlichen Umsatzzahlen reingekommen, und seitdem ist er im Super-Arschloch-Modus. Gib ihm keinen Grund, dich zu vaporisieren.«

»Danke für die Warnung, Tobes. Ich tu, was ich kann.«

Nachdem wir aufgelegt haben, gehe ich auf die andere Seite des Gebäudes und suche nach einem Eingang, oder besser, nach einem Hinweis auf mein Zielobjekt. Ich finde bloß heraus, dass das Lagerhaus riesig ist und so aussieht, als wäre es schon seit langer Zeit nicht mehr in Gebrauch. Das einzige Lebenszeichen sind ein paar Stufen zu einem Hintereingang neben einem auffälligen Wandgemälde, das ein riesiges schwarz-weißes Gesicht zeigt. Auf der Tür daneben stehen die Worte Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren.

Ich steige die Stufen hinauf und drücke die Klinke herunter. Natürlich ist die Tür abgeschlossen, aber inmitten der Grautöne des Wandgemäldes entdecke ich ein glänzendes Hightech-Tastenfeld.

Hmmm … Interessant.

Die moderne Technologie wirkt fehl am Platze, wenn man bedenkt, dass der Rest des Gebäudes so aussieht, als käme er direkt aus der Wirtschaftskrise.

Ich habe das Gefühl, als würde ich beobachtet, aber als ich mich in der Gasse umsehe, ist niemand da. Abgesehen von dem riesigen Mann an der Wand, der mehr als nur ein bisschen gruselig ist.

Ich wende mich wieder dem Tastenfeld zu. Nur zum Spaß gebe ich mein Geburtsdatum ein. Wie erwartet, gibt die Tür einen genervten Summton von sich und weigert sich aufzu­gehen.

Nachdem ich ein paar weitere Tasten gedrückt habe, fällt mir auf, dass die Tastentöne, wenn ich in einer bestimmten Reihenfolge auf die Ziffern drücke, Uptown Funk ergeben.

Ich versuche gerade herauszufinden, welche Songs man noch auf der Tastatur spielen kann, als mein Telefon so laut schrillt, dass ich vor Schreck beinahe aus der Haut fahre.

Ich nehme ab, ohne auch nur einen Blick aufs Display zu werfen. »Tobes?«

Eine tiefe Männerstimme, die eindeutig nicht Toby gehört, sagt: »Bitte hören Sie auf, wahllos auf die Tasten zu drücken. Beim nächsten Fehlversuch werden die Hunde losgelassen, und ich habe wirklich keine Zeit dafür, die Sauerei wegzumachen, wenn sie Sie in die Fänge kriegen.«

»Was zum Teufel?« Ich werfe einen Blick aufs Display, sehe aber nur eine Nummer, die ich nicht kenne. »Wer ist da?«

»Sie wissen, wer hier ist. Sie haben nach mir gesucht.«

Oh mein Gott, das kann nicht sein. »Äh … Mister Romance?«

Ich höre ein genervtes Seufzen. »Würden Sie mich bitte nicht mit diesem albernen Namen anreden? Das klingt nach einem zweitklassigen Zauberer mit Zylinderhut und einer Nelke im Knopfloch. Oder schlimmer noch, nach Männern auf Buchcovern, mit wallendem Haar und nacktem Oberkörper.«

Bei dem Gedanken muss ich grinsen. Ich vermute, der mysteriöse Anrufer sieht tatsächlich aus wie das Covermodel auf einem Nackenbeißerroman und nicht wie Danny DeVito. Ich meine, ich bezweifle, dass Frauen ihr Geld für einen DeVito-Gigolo ausgeben, aber man weiß ja nie. Jeder hat seinen Fetisch.

»Das ist nicht witzig«, sagt die Stimme, und selbst wenn er hässlich wie die Nacht wäre, könnte er immer noch ein Vermögen machen, wenn er den Frauen einfach schmutzige Dinge ins Ohr raunte. Diese Stimme ist so sündig wie die Hölle.

Ich räuspere mich. »Also, wie soll ich Sie anreden?«

»Wenn es nach mir ginge, gar nicht. Aber da Sie ja die Rückgabe des Geldes als subtilen Hinweis, mich in Ruhe zu lassen, ignoriert haben … Nennen Sie mich Max. Und soll ich Sie Bianca White nennen? Oder Eden Tate? Was ist Ihnen lieber?«

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