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Mission mit Schwein

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Inhalt

  1. Prolog
  2. Zu viel Blau!
  3. Indiana Jones hat Höhenangst
  4. Es rumst nicht nur in Oles Kopf
  5. Zwei Einbrecher mit ungewöhnlicher Beute
  6. Wer will schon ins Ferienlager?
  7. Ein Karamellbonbon für die Seele
  8. Kaplan Beelzig gefriert das Lächeln
  9. Ein komischer Zufall
  10. Ole wird alles zu viel
  11. Auf Martin ist kein Verlass
  12. Wer ist jetzt die Petze?
  13. Im Lager herrschen harte Regeln
  14. Nicht nur Patrick gruselt sich
  15. Opa ist ein Schwein
  16. Ein Floß ist keine Schrottmühle
  17. Schwein gehabt
  18. Schönen Gruß vom Kaplan
  19. Von wegen Männersache
  20. Land in Sicht!
  21. Zum Gipfel geht’s bergauf
  22. In der Höhle
  23. Nicht nur Indie hört Stimmen
  24. Ein Verräter wird verraten
  25. Und das für hundert Euro?
  26. Gemeinsam geht es schneller
  27. Haltet den Dieb!
  28. Freunde
  29. Ole, Ole, Ole!
  30. Jetzt geht der Spaß erst richtig los!
  31. Epilog

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Prolog

Ole hockt unter der Drechselbank in meiner Werkstatt. Er blättert lustlos durch die vergilbten Seiten meines Buchs über die großen Entdecker. Ole liebt dieses Buch. Das weiß ich. Aber jetzt pfeffert er es in die Ecke, sodass die alten Seiten böse rascheln. Auch der selbst gebaute Drache bekommt einen kräftigen Hieb. Ole ist stinksauer und furchtbar wütend auf mich. Nein, schlimmer noch, Ole ist tief enttäuscht von mir.

Ich kann ihn gut verstehen. Ausgerechnet ich, sein Opa und bester Freund, habe ihn verlassen. Armer Ole. Am liebsten würde ich ihm durch die zerzausten blonden Haare streicheln, auch wenn er das eigentlich nicht mag. Ich habe ihm einmal die Geschichte von Thomas Baker erzählt. Den hätten wütende Kannibalen beinahe mit Haut und Haar aufgefressen, weil er die Haare eines Eingeborenen berührt hatte. Baker wusste nicht, dass das Berühren der Haare damals auf den Fidschiinseln eine besonders schlimme Beleidigung war. Ole fand die Geschichte lustig. Seitdem droht er jeden zu fressen, der ihm durch die Haare fahren will. Ich glaube nicht, dass er es wirklich ernst meint. Aber man weiß ja nie.

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Vielleicht sollte ich ihm lieber zum Trost ein Karamellbonbon anbieten und ihm sagen, wie stolz ich auf ihn bin. Egal, ob er einen Schatz findet oder nicht. Aber leider geht das nicht. Nie wieder. Denn ich bin tot.

Tot sein ist nicht schlimm. Ich habe ein langes glückliches Leben gehabt und den besten Enkelsohn, den man sich wünschen kann. Wir lagen auf einer Wellenlänge, wie man so sagt. Wir waren seelenverwandt, ein Zweiergespann, Ole und ich. Jetzt gibt es nur noch Ole, einen einsamen Ole in einem schrecklichen dunklen Beerdigungsanzug, der viel zu groß ist für einen so zierlichen Jungen.

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Vor ihm, über den Boden verteilt, liegen die Reste unserer gemeinsamen Arbeit: unsere Notizen und natürlich das Tagebuch mit der Schatzkarte. Vierzig Jahre habe ich nach dieser Karte gesucht, bis Ole vor zwei Wochen zufällig das Versteck fand. Er wollte sich natürlich sofort auf die große Suche machen. Aber als Opa musste ich der Vernünftigere von uns beiden sein. Das erwarteten die Erwachsenen von mir. Also habe ich ihn auf die Sommerferien vertröstet. Hätte ich gewusst, dass…

Ach, am besten erzähle ich die ganze Geschichte von Anfang an. Sie beginnt mit dem Tag, als der neue Kaplan zu uns ins Dorf kam, der Tag, an dem Ole die Schatzkarte fand.

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Zu viel Blau!

»Hefte raus, Klassenarbeit!«, ruft Frau Maier durch den üblichen Tumult. Mit einem Schlag ist es mucksmäuschenstill. »Gut, geht doch!«, sagt sie schmunzelnd. »Bevor es losgeht, möchte ich euch India-Chandra Schröder vorstellen. India-Chandra ist neu zugezogen und wird ab sofort in eure Klasse gehen. Ihre Mutter eröffnet hier in Mirafelden ein Yoga-Studio.«

Frau Maier deutet auf ein Mädchen mit langen hellbraunen Haaren in einem lilafarbenen Kleid, das ihr bis auf die Füße reicht. Unter dem Saum lugen zehn nackte Zehen hervor, die mit grellblauem Nagellack bemalt sind.

»Ey, gibt’s da, wo du herkommst, keine Schuhe?«, brüllt der starke Patrick. Er ist ein Jahr älter als die anderen und sehr cool. Er wirft mit einer geschickten Bewegung seine langen Ponyfransen aus der Stirn und schaut die Neue spöttisch an. Der Rest der Klasse lacht.

»Dafür hatten sie da zu viel Blau«, flüstert Marvin und deutet mit einem Nicken auf die leuchtenden Zehnägel des Mädchens.

Sein Zwillingsbruder Rufus verschluckt sich fast vor Lachen an seinem Kaugummi. Vielleicht hat auch Rufus gelästert und Marvin gekaut. Für Ole sehen die Brinkmann-Zwillinge vollkommen gleich aus, wie zwei sommersprossige Pfannkuchen mit blonden Locken. Weiß der Himmel, was die Mädchen an ihnen finden.

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Die Neue mit dem komischen Namen tut Ole leid. Aber sie scheint sich nicht weiter an den Kommentaren zu stören. Mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen mustert sie Patrick von oben bis unten. Ihr Blick bleibt an Patricks Turnschuhen hängen.

»Immerhin mussten für meine Schuhe keine Kinder in stinkigen Fabriken schuften«, erwidert sie ruhig.

Ole hat keine Ahnung, was sie damit meint, und auch Patrick glotzt sie nur blöde an. Das ist neu. Ole kann sich nicht daran erinnern, dass irgendjemand oder irgendetwas Patrick jemals zuvor die Sprache verschlagen hat.

Frau Maier, die das Wortgefecht geflissentlich überhört hat, bugsiert das Mädchen in die Leseecke und wendet sich wieder ihrem ursprünglichen Thema zu. »Für die Arbeit tauscht Rufus bitte den Platz mit Lisa.«

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Lisa Schmelig, ein Mädchen mit blonden Engelslocken und honigsüßem Lächeln, steht auf. Mit einem abfälligen Blick auf die blauen Fußnägel schiebt sie sich an der Neuen vorbei und lässt sich kerzengerade auf den Platz neben Marvin sinken.

»Und Patrick kommt nach vorne in die erste Reihe«, fährt Frau Maier fort.

»Mann, Frau Maier«, mault Patrick. »Ich setz mich doch nicht neben diesen kleinen Spinner. Was, wenn das ansteckend ist?«

Alle lachen. Es ist offensichtlich, wen Patrick meint, denn es gibt nur noch einen freien Platz in der ersten Reihe, und der ist direkt neben Ole.

»Patrick Hellrot, sei nicht albern!«, erwidert Frau Maier unbarmherzig. »Es würde dir nicht schaden, wenn du dir ein bisschen von Ole abgucken würdest.«

Mit diesen Worten tätschelt sie Ole die Schultern. Das ist peinlich. Ole versucht sich auf seinem Stuhl ganz klein zu machen. Er fühlt, wie er rot wird. Bestimmt hat er schon die Farbe einer überreifen Tomate.

»Ey, Ketchup-Gesicht, mach mal Platz«, schnauzt Patrick und macht sich neben ihm breit. Um ein bisschen Raum zu haben, baut Ole aus zwei Büchern eine kleine Wand auf dem Tisch zwischen sich und Patrick auf. Hoffentlich teilt Frau Maier endlich die Hefte aus, damit Patrick sich mit etwas anderem beschäftigen kann.

Endlich geht es los, und Frau Maier verkündet das Thema: »Die rechte Hand des heiligen Nikolaus. Mirafelden vor dem Zweiten Weltkrieg.«

Toll, das ist Oles Welt. Er muss nicht einmal nachdenken. Ohne Umschweife schreibt er los. »Vor langer Zeit war Mirafelden ein berühmter Wallfahrtsort. Menschen aus der ganzen Welt kamen hierher, um eine seltene Reliquie zu bestaunen. Reliquien sind Knochen von Heiligen, die vor langer Zeit gelebt haben. In Mirafelden war aber nicht irgendeine Reliquie, wir in Mirafelden hatten etwas viel Besseres. In unserer Kirche stand die ganze rechte Hand des heiligen Nikolaus. Die Knochen waren eingegossen in eine goldene Statue. Aber im Zweiten Weltkrieg verschwand ihr rechter Arm, also der, in dessen Hand die Knochen waren. Theo Baumgart, der damals in Mirafelden Pastor war, hatte den Arm mit einer Axt abgehackt. Einige Leute sagten, er hätte ihn gestohlen, schließlich war der Arm aus purem Gold. Aber in Wirklichkeit versteckte er ihn vor Dieben irgendwo an einem sicheren Ort. Leider verschwand Theo, bevor er jemandem erklären konnte, wo das Versteck war. Vermutlich starb er im Krieg. Das ist schade, denn seitdem kommen kaum noch Besucher ins Dorf. Niemand will nur die kaputte Statue ohne die Reliquie sehen. Die Statue wurde bis heute nicht repariert, denn das Gold, das man für einen neuen Arm brauchen würde, wäre viel zu teuer. Aber noch viel wertvoller sind die alten Knochen. Wenn jemand die finden würde, hätte er einen Schatz von unschätzbarem Wert.«

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Ole ist zufrieden. Er könnte noch viel mehr schreiben, denn Theo war niemand anderes als Opas Bruder. Und der Schatz… Aber er ist sich nicht ganz sicher, ob er sich auf Frau Maiers Verschwiegenheit verlassen kann. Außerdem schielt Patrick die ganze Zeit über die Büchermauer. Besser, er ist vorsichtig. Schnell klappt Ole sein Heft zu und gibt es ab.

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Indiana Jones hat Höhenangst

Beinahe hätte er ihn übersehen. Nur weil plötzlich das Sonnenlicht seinen Weg durch die alten Bäume hinter der Schule fand, hat er ihn erkannt, ein echter Geotrupes stercorarius. Ole liegt flach auf dem Bauch, mitten auf dem Schulhof, und beobachtet, wie der kleine Mistkäfer eine dicke Kugel vor sich herschiebt. Sein Panzer schillert bläulich schwarz. Vorsichtig stupst Ole den Käfer mit dem Zeigefinger an – und zieht gerade noch rechtzeitig die Hand weg, bevor ein großer Turnschuh den Käfer platt tritt. Der Schuh gehört zum starken Patrick.

»Mann, das war ein echter Geotrupes stercorarius!«, schreit Ole.

»Geo du mich auch!«, kreischt Marvin. Vielleicht ist es auch Rufus.

»Im alten Ägypten war der Mistkäfer ein Symbol für Tod und Wiedergeburt«, erklärt Ole.

»Tod!«, brüllt Patrick. »Da sind wir ja beim Thema!« Mit großer Geste schlägt er seine rechte Faust in die linke Hand. »Jetzt gibt’s Streberkeile.« Er lacht höhnisch.

Marvin und Rufus packen Ole an den Schultern und hieven ihn unsanft auf die Beine.

»Nicht abschreiben lassen, hä?«

Patricks Gesicht ist jetzt ganz nah vor Oles. Er kann seinen Atem riechen, er riecht nach Leberwurst.

»Erst ’ne Klasse überspringen, und dann keine so…so…soziale Verantwortung zeigen.«

Ole merkt, dass die Wörter »soziale Verantwortung« Patrick schwer über die Lippen gehen.

»Wer nicht selber lernt, der bringt es zu nichts«, erklärt Ole. Das sagt sein Papa auch immer.

Ein paar umstehende Mädchen kichern. Das treibt Patrick nur noch mehr an.

»Süßes oder Saures für den Klugscheißer?«, fragt er mit einem überlegenen Blick in die Menge.

»Ach lass ihn, der scheißt sich ja jetzt schon in seine Teddybär-Unterhosen«, frotzelt Rufus. Oder ist es Marvin?

Aber Patrick ist nicht mehr zu bremsen. Mit einem fiesen Grinsen schnappt er sich Oles Ranzen und rennt los.

»He, wo willst du hin?«, brüllt Rufus ihm hinterher.

Aber Marvin grinst nur. »Auf zur Dorfeiche!«, fordert er die Menge auf.

Rufus, Marvin und die Mädchen rennen Patrick johlend hinterher. Als schließlich auch Ole an der Dorfeiche ankommt, baumelt sein Ranzen oben in den höchsten Zweigen des alten Baums. Ein Fernglas hängt heraus, und langsam, ganz langsam schiebt sich noch etwas anderes aus der Seitentasche und segelt wie eine Feder herab. Bevor es den Boden erreicht, fängt Patrick es geschickt auf, wirft einen kurzen Blick auf das Papier in seiner Hand und krümmt sich vor Lachen. Ole weiß, was es ist. Am liebsten würde er jetzt im Boden versinken, aber er steht einfach nur da.

»Lass uns auch mal!«, brüllen Marvin und Rufus. Prustend und sich die Bäuche haltend reichen sie etwas, das aussieht wie ein Foto, an die Mädchen weiter, die prompt in wildes Gekicher ausbrechen.

»Baby-Indiana-Jones und sein verrückter Großvater!«, kreischt Lisa.

Marvin und Rufus wollen gerade die ersten Töne eines gemeinen Spottlieds trällern, als ein lauter Knall ihre Stimmen verschluckt. Der Knall kommt aus Richtung der Hauptstraße und wird vom tiefen Röhren eines Motors begleitet. Ein roter Sportwagen biegt schwungvoll um die enge Kurve. Am Steuer des Cabrios sitzt ein schwarz gekleideter Mann mit perfekt gestylter Frisur und modischer Sonnenbrille. Er parkt den Wagen mit quietschenden Reifen vor der Dorfkirche und steigt aus. Mit einem Lächeln wie aus einer Zahnpasta-Reklame winkt er den Kindern zu, als ein rockiger Klingelton einen Anruf auf seinem Handy ankündigt. Der Fremde zückt sein in der Sonne funkelndes Gerät und wirft einen Blick auf das Display. Sein Zahnpasta-Lächeln ist plötzlich wie weggeputzt.