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Miss Taken

Zu diesem Buch

Das Date mit dem arroganten Geschäftsmann Blake Donovan lässt Jaylene Kim fassungslos zurück. Wie kann sich eine selbstbewusste, selbstständige Frau freiwillig so von einem Mann dominieren lassen? Ihr neuer und mysteriöser Nachbar Noah dagegen ist alles, was sie sich von einem Mann wünscht: heiß, romantisch und genauso verliebt in Literatur wie sie. Bis sie eine Seite an ihm entdeckt, die sie nie für möglich gehalten hätte …

1

Jaylene war aus dem Wagen gesprungen, noch bevor ihr Date auch nur eine Chance hatte, selbst auszusteigen und ihr die Tür zu öffnen. Bei den aalglatten Manieren des Mannes hätte sie ihm die Galanterie durchaus zugetraut, aber sie war einfach nicht die Art von Frau für solche Gesten, was vielleicht schon weitgehend erklärte, warum der Abend so katastrophal verlaufen war. Vor allem aber ertrug sie keine Sekunde länger die Gesellschaft dieses arroganten Typs.

Weiß Gott, dieses Date zählte selbst in ihrer traurigen Bilanz zu den Tiefpunkten. Und sie hatte deswegen noch ein Hühnchen mit jemandem zu rupfen. Ein Blind Date – was hatte sie sich nur dabei gedacht? Aber eine Heiratsvermittlerin als Nachbarin zu haben, das war einfach zu schräg gewesen, um sich die Gelegenheit entgehen zu lassen. Mal ernsthaft, wer hatte schon eine Heiratsvermittlerin als Nachbarin? Ihr war gar nicht klar gewesen, dass es so etwas noch gab.

Vielleicht hätte ihr das ja eine Warnung sein sollen. Die ganze Angelegenheit wirkte … geradezu vorsintflutlich, jetzt, wo sie darüber nachdachte. Vor allem, da sie mit diesem Typ hatte verkuppelt werden sollen. Was auch immer sie sich dabei gedacht hatte – wie war die Heiratsvermittlerin nur auf eine solche Kombination gekommen?

Anstatt die Treppe zu ihrer Wohnung in dem stilvollen Altbau hinaufzugehen, lief sie zum benachbarten Eingang, fest entschlossen, besagtes Hühnchen gleich auf der Stelle zu rupfen. Jaylene Kim war noch nie der Typ gewesen, der etwas auf die lange Bank schob. Ihr Blick fiel auf eine Gruppe junger Männer, die vor dem Hauseingang standen und Bier tranken. Bei ihrem Aufbruch zu dem grauenhaften Abendessen mit Blake Donovan hatte sie die Männer ein Sofa ins Gebäude tragen sehen. Wer von ihnen zog wohl ein?

Unwillkürlich hefteten sich ihre Augen auf den mit dem Dreitagebart und den zerzausten Haaren. Oh mein Gott, bitte mach, dass er es ist. Der Mann sah zu gut aus, um keine Freundin zu haben – oder Freund, schließlich wohnten sie in einer Hippie-Gegend –, doch wen scherte das schon? Kuscheleinheiten erwartete sie ja gar nicht. Allein ihn als Nachbarn zu haben, wäre fabelhaft.

Fa-bel-haft.

Doch selbst das Gesicht von einem heißen potenziellen neuen Nachbarn konnte sie nicht von ihrer Mission abbringen. »Sorry«, sagte sie und trat zwischen den Männer hindurch, um zur Eingangstür zu gelangen. Zwei von ihnen nickten ihr grüßend zu, als sie vorbeiging. Der süße Typ dagegen verzog keine Miene, schien uninteressiert. Zu schade.

Als sie allerdings noch einmal zurückblickte, umspielte ein schüchternes Lächeln seine Lippen. Und verdammt, dabei lief ihr doch tatsächlich ein Prickeln über den Rücken. Es ging einfach nichts über den Anblick eines schönen Mannes. Wow, wie ihre Nippel sich allein durch die Anwesenheit dieses Typs aufrichteten! Wenn das mal Blake Donovan sehen könnte – dieser Griff ins Klo.

Zufrieden grinste sie in sich hinein, als sie die Stufen zur Wohnung der Dawsons erklomm. Ihr Lächeln erstarb allerdings, als sie auf die beiden Schwestern traf, die einen Wäschekorb zwischen sich trugen und gerade in ihre Wohnung gehen wollten.

Mit blitzenden Augen blieb sie stehen und richtete einen anklagenden Finger auf die ältere.

»Du!«

Lacy, die jüngere, die gerade einhändig versuchte, die Tür aufzuschließen, blickte auf. »Was hab ich getan?«

»Nicht du«, erwiderte Jaylene. Sie deutete auf Andy, die sich hinter ihrer kastanienbraunen Lockenmähne verstecken wollte. »Sie.«

Lacy drehte sich zu ihrer Schwester um. »Was hast du denn Jaylene angetan?«

Andy zuckte mit den Achseln. Als wäre sie unschuldig. Als wüsste sie nicht ganz genau, was sie getan hatte.

»Hey, kennt ihr beide euch?«, fragte Andy, noch bevor Jaylene ihre Attacke fortsetzen konnte.

Lacy verzog das Gesicht. »Wir sind Nachbarn, Dummchen.«

»Aber sie wohnt nicht in unserem Haus.« Ganz offensichtlich wollte Andy von sich ablenken. »Und du kennst keinen der anderen Nachbarn, außer Mrs Brandy, und das auch nur, weil sie jede Woche rüberkommt und wegen der Lautstärke deiner Stereoanlage rumschreit.«

»Jay ist anders.« Lacy zwinkerte ihr zu. »Sie ist cool. Lance und sie sind früher zusammen gelaufen. Zweimal sogar den Marathon.«

Bei der Erwähnung von Lacys verstorbenem Verlobten kühlte Jaylenes Zorn um ein paar Grad ab. Doch nur aus Respekt vor dem Toten, nicht weil sie auch nur ein Jota weniger wütend auf Andrea Dawson war. Um ehrlich zu sein, hatte sie nicht gewusst, was sie zu Lacy nach deren Verlust sagen sollte, und so hatte sie sie im vergangenen Jahr größtenteils gemieden. Wegen ihrer Schuldgefühle hatte sie Lacy auch nicht erwähnt, als sie Andy kennengelernt hatte. Kein Wunder also, dass die von der früheren Verbindung der Nachbarinnen nichts wusste.

Lacy legte den Kopf schief, den Blick immer noch auf Jaylene gerichtet. »Willst du reinkommen? Wir haben eine Wäschefalt-Party geplant. Das ist vielleicht nicht das tollste Event, das ich je organisiert habe, aber es gibt Wein.«

Sofort setzte Jaylene ihren Weg die Treppe hinauf fort. »Okay, gerne. Ich hab noch nie in meinem Leben einen Drink so nötig gehabt.« Als Lacy sich abwandte, um die Tür zu öffnen, fixierte Jaylene Andy mit schmalen Augen. »Außerdem muss ich mir deine Schwester vorknöpfen. Und ganz bestimmt falte ich nicht ihre Wäsche.«

Das erschrockene Quieken, das Andy entfuhr, war keine Einbildung. Gut. Sie soll ruhig Angst haben. Große Angst.

Als Jaylene oben ankam, hatte Lacy die Tür aufbekommen und beide Schwestern waren in der Wohnung verschwunden.

»Ich mache eine Flasche auf«, sagte Andy und setzte ihren Wäschekorb neben dem Sofa ab. »Welchen hättest du denn gerne?«

Auch wenn Andy so tat, als wäre zwischen ihnen alles in bester Ordnung, war Jaylene völlig klar, dass das Angebot nur ein Versuch war, ihr zu entkommen. Aber das war okay, denn lange würde sie sich nicht drücken können. Jay konnte warten.

»Welchen hast du denn?«, fragte sie in freundlichem Ton. Auch sie konnte unschuldig tun.

»Einen roten und einen weniger roten.«

Mit einem Seufzer schaltete sich Lacy ein. »Andy hat von Wein echt keinen Schimmer. Wir haben einen Merlot und einen Zin.«

»Dann auf jeden Fall den Merlot.« Der tiefrote Wein würde gut zu dem blutigen Gemetzel passen, das hier gleich stattfinden würde. Zum Glück gab es ja frisch gewaschene Handtücher, um hinterher sauberzumachen.

»Alles klar«, sagte Andy und wieselte in die Küche. »Eine gute Wahl! Der hat einen schönen Abgang.« So ein Schwachsinn. Das konnte man ja wohl von jedem Wein behaupten.

»Hol auch ein paar Chips oder so«, rief ihr Lacy hinterher und kickte ihre Flip-Flops von den Füßen. Sie nickte Jaylene zu und deutete auf das Sofa. »Setz dich doch. Ich möchte unbedingt wissen, was meine Schwester angestellt hat, dass du vor einem Unterrichtstag nach neun Uhr abends in meine Wohnung kommst.«

Wegen ihrer frühen Arbeitszeiten, die sie als Lehrerin hatte, und ihrem noch früheren Trainingsprogramm ging Jaylene an den meisten Tagen vor zehn ins Bett. Für das heutige Date hatte sie schon entschieden, auf ihren morgendlichen Lauf zu verzichten. Alles andere wäre auch verrückt gewesen, nachdem sie das Bild von Blake Donovan gesehen hatte. Er war zweifelsohne attraktiv, und nach Andys Beschreibung des Selfmade-Millionärs und Junggesellen hatte er nach einem tollen Fang geklungen.

Doch wenn etwas zu gut klang, um wahr zu sein, dann verhielt es sich meist auch so – nachdem sie Blake kennengelernt hatte, war ihr diese Weisheit wieder eingefallen. Denn so reich, klug und attraktiv der Mann auch war, ein toller Fang war er keineswegs. Eher ein Albtraum.

Wie Andy sicher gewusst hatte. »Wart’s nur ab, bis du es hörst.« Jay lehnte sich in die kunterbunten Wurfkissen zurück, die Lacy aus Secondhand-Kleidern genäht hatte. Trotz ihres Ärgers fühlte Jay sich in Lacys Wohnung im Bohemien-Stil sofort wohl. Mit ihrer eigenen Kombination aus Ikea- und Fairtrade-Stücken war sie vollkommen glücklich, doch es war nett, sich all die verrückten Kleinigkeiten und Kunstgegenstände anzusehen, die ihre Nachbarin zusammengetragen hatte.

»Nun bin ich aber wirklich neugierig«, erwiderte Lacy. Sie suchte ein Paar flauschige Socken aus ihrem Wäschekorb heraus und sah Jay gespannt an. »Na komm, schieß los.«

In dem Moment kam Andy mit einer Weinflasche und ein paar Glasbechern wieder ins Wohnzimmer, in der Ellenbeuge balancierte sie eine Schachtel Kräcker. Jaylene hatte zwar bereits eine Mahlzeit auf Kosten dieses Idioten hinter sich, aber auch die Kräcker würde sie noch verputzen, allein aus Prinzip. Als der Wein eingeschenkt war, nahm Andy zögernd in einem Sessel gegenüber dem Sofa Platz.

Eigentlich hätte sie die Frau zappeln lassen sollen, doch Jaylene konnte sich unmöglich länger beherrschen. Mit wütendem Blick fixierte sie Andy. »Blake. Donovan.« Sie ließ die beiden Wörter sacken und genoss, wie Andy sich vor Verlegenheit wand. Sie beide kannten einander kaum. Sie hatten sich überhaupt nur wegen einer falschen Postzustellung kennengelernt, aber da es sich bei Andy um Lacys Schwester handelte, war Jay davon ausgegangen, dass auch sie ziemlich cool wäre.

Nach ihrem Date mit Blake Donovan war sie sich nicht mehr so sicher.

»Na, der Name sagt ja schon alles«, meinte Lacy und blickte ihre Schwester missbilligend an. »Was hast du dir dabei nur gedacht, Andy?« Diese wich ihrem Blick aus.

Jay setzte das Verhör fort. »Hast du wirklich geglaubt, wir würden aufeinander abfahren, oder war das nur ein kranker Scherz? Hab ich dir unbeabsichtigt irgendetwas getan?«

Zumindest schien sich Andy zu schämen. »Nein, ich dachte, dass ihr zwei vielleicht eine nette Zeit miteinander hättet.«

Von Lacy kam ein Glucksen. »Ganz offensichtlich kennst du Jay nicht besonders gut.«

Andy richtete sich ein wenig auf. »Zugegeben, ich weiß nicht viel über Jaylene. Aber nach den ersten Auswahlkriterien hat sie gepasst. Beide sind sehr sportlich.« Sie wandte sich Jay zu. »Du scheinst sehr ehrgeizig zu sein. Das ist er auch. Du fandest sein Bild attraktiv.« Sie starrte auf ihre Hände, mit denen sie am Saum ihres T-Shirts herumfummelte. »Er hat eine Vorliebe für Asiatinnen …«

Das ließ Jay aufhorchen. »Willst du mir damit sagen, dass du mich zu einem Date mit einem Typ, der auf Asiatinnen steht, geschickt hast, einfach nur, weil ich die einzige Koreanerin bin, die du kennst? Das ist ja so was von rassistisch – und erklärt so Einiges.«

»Ich bin keine Rassistin!« Andys Kopf schoss in die Höhe. »Ich dachte einfach nur, es wäre eine super Kombination, dass er von dir sicher begeistert wäre. Ich hasse diesen Job, und je eher ich mit einem Bonus von dannen ziehen kann, umso besser.«

Jaylene traute ihren Ohren nicht. Konnte dieser Tag noch schräger werden? »Du meinst, du willst die Sache wirklich so lange betreiben, bis du den Kerl verheiratet hast? Das soll wohl ein Scherz sein – für den findest du doch nie eine.« Das schrie förmlich nach einem zweiten Glas Wein.

»Ich wünschte, es wäre ein Scherz.« Andy griff nach Notizblock und Kugelschreiber und ließ sich in eine Ecke des Sofas sinken. »Also, wenn es schlecht gelaufen ist, dann muss ich jedes Detail erfahren, fürchte ich. Schenkst du mir auch noch einmal nach?«

Andy wirkte gequält. Gut so. Job oder nicht, Jay würde ihr den grauenhaften Abend in allen Einzelheiten beschreiben, damit sie wenigstens wusste, was sie ihr schuldig war. Das würde für mindestens zwei Weinabende herhalten, und vielleicht war auch noch etwas Katzenversorgung drin, wenn ihre ehemalige Mitbewohnerin im nächsten Monat heiratete.

Etwas besänftigt von dieser Aussicht lehnte sich Jaylene wieder in die Kissen zurück und begann zu erzählen. »Ich kam früh ins Restaurant. Bis zu unserer Reservierung hatte ich noch eine gute halbe Stunde Zeit, also dachte ich, ich setz mich an die Bar und korrigiere bei einem Drink ein paar Aufsätze, während ich warte. Es war ja ein heißer Tag, also hab ich ein Sam Adams bestellt.«

»Prima Bier, immer eine gute Wahl.« Lacy grinste. »Sorry, erzähl weiter.«

»Ich bin gerade mitten in einem weiteren langatmigen, banalen Aufsatz darüber, wie Der Fänger im Roggen das Leben des Schülers verändert hat, als sich dieser umwerfende Mann neben mich setzt. Ich habe ihn sofort von dem Bild wiedererkannt. Ich strecke ihm meine Hand entgegen – doch er nimmt sie nicht.«

»Bestimmt hat er es nicht bemerkt«, überlegte Andy.

»Oh doch, das hat er. Er hat auf meine Hand gestarrt und ›Jamie?‹ gesagt, in diesem barschen Tonfall, als wäre an meinem Namen etwas auszusetzen.«

Beschwichtigend hob Andy eine Hand. »Das scheint so ein Ding von ihm zu sein – der Name muss für ihn unbedingt zum Aussehen oder Verhalten von jemandem passen. Mich nennt er Drea. Am besten beachtet man das nicht weiter.«

»Aber ›Jamie‹ ist nun mal nicht mein Name, oder? Ich hab ihm gesagt, er könne mich Jay nennen.« Denn zur Hölle mit einem Kerl, der darüber entschied, wie eine Frau genannt werden sollte. Vielleicht sollte sie Andy mal zu ihrem monatlichen Treffen von Femme Power mitnehmen. Aber egal. »Sein Blick ist dann von meiner Hand – die noch immer in der Luft hing – zu dem Bier gewandert. Und ich glaube, in dem Augenblick hat er entschieden, dass ich lesbisch sein muss.«

Lacy brach in schallendes Gelächter aus. »Du? Bei den Unmengen an Männern, die du schon mit gebrochenem Herzen zurückgelassen hast? Das ist ja köstlich. Andys Chef ist einfach ein Idiot. Ob er wohl denkt, dass nur Lesben Bier trinken?«

»Bingo.« Jaylene fasste sich an den Kopf. »So was Ähnliches hat er später tatsächlich gesagt, aber im Moment befinden wir uns noch an der Bar. Ich strecke ihm also wie eine Idiotin meine Hand entgegen, weil ich denke, irgendwann muss er sie doch nehmen, denn wer würde sich einfach weigern? Tja, er würde. Wirklich, er hat sich einfach umgedreht und ist zum Tisch gestiefelt, ohne von meiner unberührten Hand Notiz zu nehmen.«

»Unberührte Hand, das klingt wie der Titel eines Songs.« Lacy griff nach ihrer akustischen Gitarre und begann leise darauf zu klimpern. »Ich werde dich in den Credits erwähnen.«

»Ich warte kurz, bevor ich ihm nachgehe, denn ich muss ja noch die Aufsätze, an denen ich gearbeitet habe, zusammenpacken. Als ich zum Tisch komme, hat er sich schon einen schattigen Platz gewählt. Ich will meinen Stuhl so verrücken, dass mir die Sonne nicht in die Augen scheint, doch da sagt er allen Ernstes: ›Ich würde es vorziehen, wenn Sie mir gegenüber sitzen.‹« Sie nahm noch einen großen Schluck von dem Wein und schüttelte den Kopf. Noch immer konnte sie es nicht fassen, dass sie dem Mann auch noch gehorcht hatte, anstatt sich an einen anderen Tisch zu setzen oder, besser noch, das Restaurant zu verlassen. Aber sie war einfach total überrumpelt gewesen und hatte sich irgendwie gefügt.

Außerdem war der Mann wirklich attraktiv gewesen. Für gut aussehende Männer hatte sie eindeutig eine Schwäche, auch wenn das im Widerspruch zu ihren Überzeugungen stand.

Noch einmal schüttelte sie den Kopf – wenn sie erst einmal in diese Richtung abschweifte und an all die Dummheiten dachte, die sie schon wegen gut aussehender Männer begangen hatte, und daran, welch verachtenswerte Fehler das doch gewesen waren, würde sie ihre Geschichte nie zu Ende bringen. »Jedenfalls kommt in diesem Moment der Kellner und bringt uns ein Glas Wein und einen Eistee. Mir wird klar, dass er schon für uns beide Getränke bestellt hat, während ich meine Unterlagen zusammengepackt habe. Und dass er mir Tee bestellt hat, sich selbst dagegen etwas so Ausgefallenes, dass der Kellner abwartet und ihm dabei zusieht, wie er an dem Wein riecht, ihn im Glas herumwirbelt und dann einen kleinen Schluck nimmt.«

Andy kritzelte etwas auf ihren Notizblock. »Sicher hat er versucht, dich zu beeindrucken. Blakes Umgangsformen sind nicht gerade hoch entwickelt.«

»Mich hat er damit alles andere als beeindruckt. Er hat sich einfach nur wie ein Arschloch benommen. Wenn er mich hätte beeindrucken wollen, dann hätte er auch für mich ein Glas bestellt, damit ich seinen Geschmack bewundern kann.« Sie nahm einen Schluck von ihrem Wein, in der Hoffnung, dass das ihren Zorn besänftigen würde. Zwecklos. »Warum verteidigst du ihn überhaupt? Du warst doch gar nicht dabei. Und ›nicht gerade hoch entwickelt‹ ist eine nette Umschreibung für ›unterirdisch‹.«

»Ich verteidige ihn nicht.« Andy sah sie verwirrt an. Wahrscheinlich wurde ihr gerade klar, dass sie ihren Chef tatsächlich verteidigte. »Ich glaube einfach nur, dass es bei jeder Geschichte zwei Seiten gibt.«

Nicht bei dieser Geschichte. Jay blickte Andy in die Augen, bis diese den Blick senkte. Sie schnipste sich einen Kräcker in den Mund, kaute kurz und schluckte dann.

Lacy ließ nicht locker. »Hast du ihn darauf angesprochen?«

Jay ließ dem Kräcker einen Schluck Wein folgen. »Was glaubst du wohl? Mal ehrlich, da sitze ich nun und bin echt ratlos. Soll ich ihm sagen, wie unhöflich er ist, oder erlaube ich ihm, die Männlichkeitskarte auszuspielen und mich noch weiter zu schikanieren?«

»Ich schätze, die Feministin in dir hätte ihm nur zu gerne die Meinung gesagt, aber du wolltest meine große, dumme Schwester auch nicht schlecht dastehen lassen. Hab ich recht?

Jay hob zustimmend die Hand. »Das fasst es ganz gut zusammen.«

Lacy zupfte eine kurze triumphierende Tonfolge und lachte. »Hat er auch das Essen für dich bestellt?«

»Äh, ja. In seiner umsichtigen Art hat er für mich einen großen Gartensalat mit gegrillter Hähnchenbrust gewählt, Essig und Öl extra. Für sich selbst ein Porterhouse-Steak und einen Hummerschwanz. Das Steak durchgebraten, wie ein Superdepp. Wer gibt denn so viel Geld für ein Stück Fleisch aus und lässt dann den ganzen Geschmack rausbraten?« Jaylenes Augen blitzten.

Andy sah von ihrem Gekritzel auf. »Manche Leute mögen einfach kein blutiges Fleisch, Jay. Und sieh dich doch mal an. Du bist so klein und zierlich, vermutlich hat er gedacht, du lebst nur von Grünzeug.« Sie senkte den Blick. »Und außerdem würden es manche Frauen richtig süß finden, wenn ein Mann sich so um sie kümmert.«

Was für eine anachronistische Auffassung. »Andy, mal ernsthaft. Worum geht es hier? Stehst du etwa auf diesen Typ?«

»Nein! Ich hab es dir doch gesagt – für mich springt einfach ordentlich was dabei heraus, wenn ich ihm viele weitere Dates beschaffe.«

»Die Dame, wie mich dünkt, gelobt zu viel«, spöttelte Jay.

Lacy grinste. »Ist mir auch schon aufgefallen.«

Andys Unterkiefer sackte nach unten. »Lacy! Du weißt genau, wie ich zu diesem Arschgesicht stehe.«

Ihre Schwester zuckte mit den Schultern.

»Du gibst also zu, dass er ein Arschgesicht ist.« Das besänftigte Jaylene immerhin ein bisschen.

»Wie ich schon gesagt habe, an seinen Umgangsformen muss er noch arbeiten. Aber letztlich findet doch jeder Topf seinen Deckel. Sogar die Arschgesichter. Ich muss nur die eine Frau finden, die zu ihm passt.« Andy fuhr sich mit der Hand durch die langen braunen Locken. »Also, würdest du mir noch sagen, was dann passiert ist?«

Kurz wollte Jay Einspruch erheben, nicht nur, weil sie bezweifelte, dass es für Blake Donovan eine passende Frau gab, sondern auch, weil sie sich ernsthaft fragte, ob es für sie selbst je den Richtigen geben würde.

Doch in dieses trübe Fahrwasser wollte sie sich erst gar nicht begeben. Nicht, wenn sie am nächsten Morgen um sieben Uhr früh zur Arbeit musste.

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