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Miss Chloe geht aufs Ganze

1. KAPITEL

„Serena, es ist wirklich Zeit, dass du dich bemühst, einen Ehemann für die arme Chloe zu finden“, sagte Lady Charlotte Standish zu ihrer Nichte Serena, Lady Marchingham. „Was soll aus ihr werden, wenn Marianne versorgt ist, was sicher bald der Fall sein wird? Soll sie wieder Anstandsdame oder Gesellschafterin bei irgendjemandem werden, der möglicherweise noch weniger Rücksicht auf sie nimmt als du? Schließlich ist sie deine Cousine! Es ist deine Pflicht, endlich über ihre Zukunft nachzudenken!“

Serena verzog das Gesicht und wandte sich von ihrer Tante ab. „Madam, Sie verlangen das Unmögliche! Wie soll ich jemanden finden, der uns eine reizlose Bohnenstange, die mit neunundzwanzig längst über das heiratsfähige Alter hinaus ist, abnimmt? Allein schon die Vorstellung ist absurd!“

„Es muss doch einige Witwer mittleren Alters auf dem Lande geben, die eine Mutter für ihre Kinder suchen, oder sogar etliche Offiziere, die von Waterloo zurück sind und sich eine Lebensgefährtin wünschen“, beharrte Lady Standish. „Mach Chloe mit ihnen bekannt. Mit ihrem gesunden Menschenverstand wird sie sicher einem von ihnen gefallen.“

„Oh, gewiss!“, spottete Serena. „Aber die wollen im Allgemeinen mehr als das. Stellen Sie sich Chloe im Bett vor – wenn Sie das können. Außerdem wurde sie bereits einmal sitzen gelassen. Schon das allein ist Grund genug für jeden, sich zurückzuziehen.“

„Serena, es ist wirklich nicht nötig, so roh zu sein. Es war nicht die Schuld der armen Chloe, das weißt du ganz genau. Und einige Männer finden Geschmack an Mädchen von Chloes Aussehen.“

Serena war diese Unterhaltung lästig und Chloe ebenfalls. „Und wer auf der Welt wünscht sich eine Frau, die eine Kreuzung zwischen einer Riesin und einem Blaustrumpf ist? Ein Gutsherr aus Sussex ganz bestimmt nicht, das versichere ich Ihnen.“

„Sie hat eine gute Haltung beim Reiten“, warf Lady Standish verteidigend ein.

„Da sie sich aber kein Pferd leisten kann, wer soll das dann wissen? Und ich wünsche nicht, dass sie sich in der Gegend herumtreibt, wenn ich sie als Aufsicht für Marianne benötige. Es ist ohnehin sehr anstrengend für mich, Mariannes Vormund spielen zu müssen. Äußerst rücksichtslos von ihren Eltern, zu sterben und sie mir anzuhängen. Aber gut, ich werde die halbe Grafschaft einladen, sich Chloe anzusehen. Doch zehn zu eins, sie werden hinter Marianne her sein, nicht hinter ihrer reizlosen Anstandsdame.“

Serena und ihre Tante saßen in dem hübschen Salon von Serenas Stadthaus am Russel Square. Das war zwar nicht der eleganteste Teil von London, aber Sir Charles Marchingham, Serenas Gatte, pflegte zu sagen: „Was für die Dukes of Bedford gut genug ist, das ist auch gut genug für mich.“

Die Saison von 1817 war fast vorüber, und die Marchinghams bereiteten ihre Abreise nach Marchingham Place, ihrem Landsitz am Rande von Sussex Downs, vor. Während Lady Stanley zu Besuch weilte, war Miss Chloe Transome mit ihrem Schützling Miss Marianne Temple zu letzten Einkäufen unterwegs.

Chloe war engagiert worden, um Marianne, die achtzehnjährige Tochter eines Cousins von Sir Charles Marchingham, zu beaufsichtigen, die nach dem Tode ihrer Eltern im Hause ihres Onkels lebte. Serena gefiel das keineswegs, da sie selbst fast dreißig Jahre alt war und die dauernde Anwesenheit eines jungen Mädchens ihre Bewunderer daran erinnerte, dass Serena nicht mehr so jung war, wie sie tat.

Sie vergaß, wenn sie Chloe kritisierte, dass sie fast genauso alt wie ihre Cousine war. Dennoch stellte sie mit einem Blick in den venezianischen Spiegel hinter ihrer Tante fest, dass sie Chloe nicht im Mindesten glich. Sie drehte ihren Kopf, um ihr Profil zu bewundern, das durch die Fülle ihrer glänzenden Locken vorteilhaft betont wurde, ganz zu schweigen von ihrem neuen Morgenkleid aus bernsteinfarbener Gaze, mit safrangelber Spitze besetzt, passend zu der kleinen Schleife in ihrem Haar.

Sie war so damit beschäftigt, ihr Aussehen zu bewundern, dass sie fast die nächsten Worte ihrer Tante überhörte. „Bitte pass auf, Serena! Ich fürchte, du vernachlässigst deine Pflichten den Menschen deiner Umgebung gegenüber. Das Leben ist nicht nur ein Spiel. Mich wundert, dass du Marianne noch nicht an den Mann gebracht hast! Achtzehn, reizend und mit einem ansehnlichen Vermögen! Worum hast du dich denn überhaupt gekümmert?“

„Ich habe wirklich mein Bestes getan. Aber das entsetzliche Mädchen wies Trimington und Apsley ab, genauso wie eine Anzahl anderer, die ähnlich geeignet waren. Sie möchte einen Angehörigen des Hochadels! Baronets und Landjunker mit großem Vermögen sind ihr nicht genug.“

„Wie dumm von dem Kind“, seufzte Lady Standish. „Dieses Jahr stehen wenige heiratswillige Peers zur Verfügung und nächstes Jahr sicher noch weniger. Sie kann nicht hoffen, die Schönste von zwei Saisons zu sein. Ich bin überrascht, dass Leamington ihr keinen Antrag machte.“

„Leamington mag keine jungen Mädchen, wie Sie sehr wohl wissen“, erwiderte Serena scharf. „Er ist eher bereit, Chloe nachzulaufen als Marianne. Ich wundere mich, dass sie ihn nicht ermutigt hat. Sie sagte, sein Ruf gefiele ihr nicht. Als ob mittellose, unverheiratete Frauen einen so reichen Mann wie Leamington abweisen könnten, ganz gleich, wie beklagenswert sein Benehmen ist. Außerdem stellt er noch immer Emily Brancaster nach. Er bevorzugt Verheiratete.“

„Das ist ein beliebtes Spiel.“ Lady Standish blickte Serena vielsagend an, die den Kopf zurückwarf und vortäuschte, den Sinn dieser Bemerkung nicht zu verstehen. „Hast du irgendjemand Geeigneten nach Marchingham eingeladen?“, fuhr ihre Tante fort. „Das solltest du, wie du weißt.“

Serena wandte sich gereizt ab. „Das Haus wird mit Gentlemen überfüllt sein, Tante, die ich Ihrem Wunsch gemäß unterhalten soll, um Chloe zu retten oder eine passende Partie für Marianne zu arrangieren. Wie entsetzlich langweilig! Ich habe unter anderem Sir Patrick Ramsey eingeladen, er ist äußerst attraktiv und immens reich …“

„Keine Adelskrone“, unterbrach Lady Standish sie und fügte scharfsinnig hinzu: „Hast du ihn für Marianne eingeladen oder für dich selbst?“

Serena lachte, aber es klang nicht erfreut. „So, so, Sie hören also auf Klatsch, Tante.“

„Nur, wenn er meine Familie betrifft“, erwiderte die ältere Frau. „Sei vorsichtig, Serena! Charles wird vielleicht nicht immer geduldig sein.“

„Charles interessiert sich nicht für das, was ich tue“, entgegnete Serena. „Er hat einen Erben und eine Ehefrau, und das genügt ihm. Hätte ich geahnt, was für ein Langweiler er werden würde, dann hätte ich es mir zweimal überlegt, ob ich ihn heiraten soll.“

„Charles hat ein gutes Herz, Serena. Doch es wäre ratsam, es nicht zu arg zu treiben. Nein, du brauchst mich gar nicht so empört anzusehen. Sogar Charles könnte etwas beanstanden, falls der Klatsch zu laut wird.“

Serena fand, dass ihre Tante mit jedem Jahr zudringlicher wurde. „Wenn ich erst einen Landjunker mittleren Alters für Chloe und einen Peer für Marianne gefunden habe, dann werde ich auch für Charles etwas mehr Zeit haben.“

Damit musste sich ihre Tante zufriedengeben, und Chloes und Mariannes Rückkehr vom Einkaufen beendete die Diskussion über dieses Thema.

Lady Standish musste einräumen, dass Serena zu Recht Chloes Erscheinung getadelt hatte. Ihre Kleidung war schäbig, und sie sah eher wie vierzig, nicht wie knapp dreißig aus. Mariannes kindliches Gesicht, von blonden Locken umrahmt, und ihr lebhaftes Wesen ließen Chloes kühle Gelassenheit noch abweisender wirken.

Man musste außerdem zugeben, dass Chloe ein wenig groß geraten war, was durch ihre aufrechte Haltung noch unterstrichen wurde. Ihre regelmäßigen, klassischen Gesichtszüge entsprachen auch nicht gerade dem gegenwärtigen Schönheitsideal, und das lange, hochgesteckte, aschblonde Haar konnte nur als altmodisch bezeichnet werden.

Selbst Lady Standish bemerkte nicht, dass Chloes kritisierte Garderobe eher den Mangel an Geld bewies, nicht aber fehlenden Geschmack. Immer und immer wieder hatte Chloe ihre wenigen guten Kleider gewendet und umgeändert, jedoch dabei nichts getan, um sie der Mode anzugleichen.

„Du siehst gut aus, Kind“, lobte Lady Standish Marianne, doch diese zuckte nur gereizt mit den Schultern.

„Ich fühle mich aber nicht gut. Chloe war schrecklich! Sie hat mir einfach nicht erlaubt, zu kaufen, was ich wollte.“

„Was du dir ausgesucht hast, passte eher zu einer Dirne als zu einem jungen Mädchen in seiner ersten Saison“, stellte Chloe nüchtern fest und küsste ihre Tante auf die Wange.

„Nichts hat ihr gefallen“, grollte Marianne.

„Nun, deine zweite Wahl wäre genau das Richtige für eine Kunstreiterin in Astley’s Amphitheater gewesen. Da du aber dort nicht auftreten wirst, hielt ich schlichtes Weiß für das Beste“, erklärte Chloe ruhig. Es gab Tage, an denen sie Marianne am liebsten geohrfeigt hätte, und dieser Morgen war ein solcher. Doch einer armen Verwandten, die ihre Stellung als Anstandsdame behalten wollte, blieb nichts anderes übrig, als die Launen ihrer Schutzbefohlenen zu ertragen.

Nur der Gedanke, dass sie sich – sobald Marianne passend verheiratet war – sofort eine andere Arbeit suchen und dieses schreckliche Haus verlassen würde, half ihr, Gleichmut zu bewahren.

Niemand, der Chloe ansah, hätte ihren inneren Aufruhr vermutet. Die Notwendigkeit, als bezahlte Untergebene geduldig zu sein und den Mund zu halten, hatte Chloe dazu gebracht, ein ruhiges, ernstes Benehmen an den Tag zu legen, das völlig im Gegensatz zu der lebhaften Spontaneität stand, die sie in Mariannes Alter besessen hatte. Zusätzlich zu ihren klassischen Gesichtszügen ließ ihre Gelassenheit sie stets etwas streng erscheinen.

Tante Standish muss nicht ganz richtig im Kopf sein, wenn sie glaubt, ich könnte für diese kalte Statue einen Ehemann finden, dachte Serena, laut aber fragte sie: „Wirst du bis zum Wochenende mit den Reisevorbereitungen fertig sein, Chloe?“

Chloe nickte, und Marianne meinte verärgert: „Auf dem Lande wird es nach der Saison schrecklich langweilig sein!“

„Sicher nicht“, entgegnete Chloe ruhig. „Ich bin überzeugt, Serena wird das Haus voller interessanter Gäste für dich haben.“

„Ja“, fügte Serena hinzu, „und Sir Patrick Ramsey hat versprochen, sofort zu kommen, sobald wir uns häuslich eingerichtet haben. Es wird dir also nicht an Unterhaltung fehlen.“

Chloe und Marianne hatten Sir Patrick Ramsey gegen Ende der Saison getroffen. Er war plötzlich in London aufgekreuzt, nachdem er den Titel unter Umständen geerbt hatte, die manche romantisch, andere hingegen tragisch nannten, je nach dem Geschmack des Betrachters. Chloe hatte von den meisten Verehrern Mariannes kaum Notiz genommen, doch erstaunlicherweise blieb die Erinnerung an Sir Patrick Ramsey in ihrem Gedächtnis haften.

Sie fand das irgendwie überraschend, schließlich hatte er ihr genauso wenig Aufmerksamkeit geschenkt, wie es die meisten Männer gegenüber den Anstandsdamen junger Mädchen taten, für die sie sich interessierten. Umso merkwürdiger fand sie, dass sie das Bild eines groß gewachsenen, athletischen Mannes in sich trug, der humorvolle graue Augen besaß. Flink umherschweifende Augen, dachte Chloe spöttisch, als seine Blicke häufiger zu Serena wanderten als zu Marianne, obgleich man annehmen sollte, dass sein Interesse Marianne galt.

Der Klatsch sagte, dass er eine Frau suchte. Es wurde aber darüber geredet, dass er ein verarmter Soldat gewesen war, ein unbedeutender jüngerer Sohn, bis er unerwartet erbte. Sein Blick hatte Chloe nur flüchtig gestreift, die uninteressante Anstandsdame mit der altbackenen Spitzenhaube auf dem aschblonden Haar und dem unmodernen Kleid, und war dann zu Marianne gewandert.

Doch es bestand kein Zweifel, dass seine Aufmerksamkeit mehr von Serena gefesselt wurde als von ihrer Schutzbefohlenen. Chloe kannte Serenas Verhalten gegenüber ihren bevorzugten Verehrern. Am letzten Nachmittag hatte ihre Cousine darauf bestanden, dass Chloe und Marianne den Regents Park besuchten, und Chloe fragte sich, ob das vielleicht damit zu tun hatte, dass Serena sich ungestört mit Sir Patrick amüsieren wollte.

Sir Patrick war außerordentlich höflich zu Marianne, doch seine Plauderei konnte nur als oberflächlich bezeichnet werden. Wenn er sie tatsächlich als mögliche Gattin in Erwägung zog, so zeigte er dies nicht allzu deutlich. Und obgleich Marianne ihn charmant fand – alle fanden ihn charmant –, hatte sie doch schmollend zu Chloe geäußert: „Aber er ist alt! Über dreißig! Und er ist nur Sir Patrick.“

„Doch stinkreich“, hatte Chloe unfein bemerkt.

„Das stimmt“, war Mariannes Antwort, „aber die meisten Besitzungen liegen in Schottland. Und ich habe keine Lust, in der Wildnis zu leben.“

„Er besitzt außerdem eine Anzahl verschiedener Häuser, einige im Süden und eins direkt am Stadtrand von London“, wandte Chloe ein und wunderte sich, warum Sir Patrick sie so beschäftigte und weshalb sie ihn Marianne derart anpries, zumal er ein Lebemann und völlig ungeeignet für sie war. Marianne braucht jemanden, der sie zur Ordnung anhielt, sonst könnte sie wie Serena werden, dachte Chloe, jedem treu, außer ihrem Ehemann, und nur auf ihr eigenes Vergnügen bedacht. Doch vielleicht war sie genau das, was Patrick Ramsey verdiente. Eine Frau, die sich mit anderen Männern amüsierte und damit die entsprechende Rache für seine Affären mit den Frauen anderer Männer nahm. Chloe fragte sich, warum er sie zu derart zynischen Gedanken provozierte. Ich werde allmählich altjüngferlich und muss dem unbedingt Einhalt gebieten, mahnte sie sich. Möglicherweise sah Sir Patrick sie bereits so. Unsinn! Er nahm sie ja überhaupt nicht zur Kenntnis!

Er hatte kaum mit ihr gesprochen, außer bei Lady Leminsters Ball, als er sie um die Erlaubnis bat, mit Marianne tanzen zu dürfen, und hinzufügte: „Wir werden nicht allein sein. Die halbe Gesellschaft ist hier versammelt.“

Chloe konnte es nicht lassen, zweideutig zu erwidern: „Oh, Sir Patrick, ich bin überzeugt, dass Marianne bei Ihnen in Sicherheit ist“, und betonte dabei Mariannes Namen gedehnt.

Bei dieser Spitze hob er den Kopf, bedachte sie mit einem strahlenden Lächeln und bemerkte doppelsinnig: „Solches Vertrauen entwaffnet mich, Madam. Ich hoffe, ich werde es verdienen.“

„Ach, was das betrifft, Sir Patrick“, lautete ihre Antwort, „so bin ich überzeugt, Sie werden immer das erhalten, was Sie verdienen.“

„Mehr als das, hoffe ich. Viel mehr“, entgegnete er lachend. „Sie kennen doch sicher das Sprichwort: Bekäme jeder Mann, was er verdient, wer würde dann einer Tracht Prügel entgehen?“

Es war nicht das letzte Mal, dass er sie ein wenig mit dem überraschte, was er sagte. Doch sie konnte sich nicht schmeicheln, einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht zu haben. Er war Serenas Liebhaber und Mariannes etwas träger Freier, doch offenkundig nichts für sie.

Chloe wusste nicht einmal, ob sie ihm überhaupt imponieren wollte. Er war nicht der Mann, zu dem sie sich hingezogen fühlte, trotz seines guten Aussehens und seines prächtigen Körpers. Leichtsinnig, vermutete sie, ein schneidiger Soldat in Friedenszeiten, aber niemand, mit dem Chloe Transome eine ernsthafte Unterhaltung über jene Themen, die sie interessierten, führen könnte.

Gibt es ihn überhaupt, dachte sie selbstironisch, jenen Mann von höchstem Wahrnehmungsvermögen und größter Sensibilität, der bereit wäre, Miss Chloe Transome vor Altjüngferlichkeit und Not zu retten und ihr seine Hand, seine attraktive Person und seinen brillanten Verstand anzubieten?

Sei kein Kind, Chloe! Dein Schicksal ist es, Wolle aufzuwickeln, Hunde spazieren zu führen, junge Mädchen vor windigen Mitgiftjägern zu schützen und schrullige alte Damen zu unterhalten. Du hast deine einzige Chance schon vor langer Zeit vertan. Männer wie Sir Patrick Ramsey sind nichts für dich.

„Bitte hör mir zu, Patrick“, forderte Tante Hetta, Lady Lochinver, ihren Neffen auf, der ihr gegenübersaß und gelangweilt seinen Tee trank. „Nachdem du geerbt und dich häuslich eingerichtet hast, ist es deine Pflicht und Schuldigkeit, selbst einen Erben in die Welt zu setzen. Du musst heiraten, und zwar bald! Schließlich wirst du nicht jünger.“

Er lachte leicht gekränkt. „Wirklich, Tante, ich bin noch nicht ausgebrannt und verdorrt.“

„Nein, aber in Gefahr, es zu werden. Du hast die Debütantinnen dieser Saison kennengelernt. Sicher hat dir eine von ihnen gefallen. Zum Beispiel Marianne Temple. Sie besitzt Vermögen, obgleich ich weiß, dass dies für dich nicht notwendig ist – außerdem, sie ist auch hübsch.“

„Ach, ist das die mit der Anstandsdame?“, war alles, was er zu antworten vermochte.

„Sie alle haben Anstandsdamen, Patrick“, erwiderte seine Tante und fragte sich, warum er sich ausgerechnet an diese erinnerte. „Ja, Chloe Transome, die Enkelin des alten Generals. Arm wie eine Kirchenmaus, wie sämtliche Transomes.“

„Ah, der General im Amerikanischen Krieg“, stellte Patrick fachmännisch fest. Ihm fielen ein markantes Gesicht und einige spöttische Bemerkungen ein, die bewiesen, dass der Mann, dem dieses Gesicht gehörte, über seine Affäre mit Serena Marchingham Bescheid wusste und sie nicht billigte.

„Ja, genau. Doch es ist Marianne, mit der du dich befassen solltest.“

„Dann passt es ausgezeichnet, dass Serena mich nach Marchingham eingeladen hat, sobald die Saison beendet ist. Ich werde mir also Marianne Temple nochmals ansehen, vorausgesetzt, dass ihre Anstandsdame erlaubt, mich ihr zu nähern. Ein wahrer Ausbund an Tugend, diese Frau, und mit einer Haltung wie die Soldaten ihres Großvaters.“

Wie typisch für ihn, dachte seine Tante, die Anstandsdame zu bemerken und die potenzielle Braut zu ignorieren. „Du musst deine Pflicht tun, Patrick, und zwar bald!“

„Muss ich?“, fragte er. Sein Charme war bereits legendär, und der ton hatte ihn zu seinem neuesten Liebling erkoren, was ihn insgeheim wunderte, da er sich selbst recht langweilig fand. Er hatte sicher nicht erwartet, dass er in diese Position kommen würde, als er nach dem Tode seines Bruders, Sir Hugh, die Armee verließ.

Ein Teil seines Unbehagens basierte auf der Tatsache, dass er nur durch diesen frühen Tod und das Dahinscheiden von Hughs restlicher Familie einschließlich seiner beiden Söhne, die an einem bösartigen Fieber starben, den Titel geerbt hatte. Roderick, ein weiterer älterer Bruder, war bei Salamanca gefallen, wo er unter Sir Arthur Wellesley gedient hatte.

Die Freude über den unverhofften Aufstieg vom mittellosen Offizier zum reichen Großgrundbesitzer, der in Schottland und England ausgedehnte Güter besaß, wurde durch den Tod derer, die er liebte, aber kaum gesehen hatte, getrübt, doch er musste das Erbe antreten. Er war der Letzte seiner Familie, und nur die kinderlose Tante Hetta war ihm geblieben.

Hinzu kam, dass er in seiner militärischen Laufbahn glücklich gewesen war. In jener Zeit brauchte er nur zu tun, was ihm selbst Vergnügen bereitete. Jetzt aber musste er Verantwortung tragen und war sich hinreichend bewusst, dass er darauf nicht vorbereitet war. Er würde einige Zeit brauchen, bis er die nötige Aufmerksamkeit für die Rechtsberater und Gutsverwalter aufzubringen vermochte, die Innisholm in Schottland und Fendborough sowie Harley Vale in England für ihn bewirtschafteten.

Seine Tante seufzte. „Ich frage mich, ob Marianne Temple wirklich fähig ist, dich zu zähmen. Irgendwie bezweifle ich das. Du brauchst eine Frau, jung genug, dir Söhne zu schenken, aber alt genug, dich ein wenig zu festigen.“

„Aber Tante Hetta“, protestierte er. „Ich bin Anfang dreißig und kein grüner Junge mehr. Verlass dich darauf, ich werde eine gute Wahl treffen. Und ich werde mich bald entscheiden, das versichere ich dir.“

„Du sagst immer ‚bald‘, aber niemals ‚jetzt‘, Patrick! In der Zwischenzeit läufst du Serena Marchingham nach. Ich weiß sehr gut, warum du nach Marchingham Place gehst. Nicht wegen Marianne Temple! Die ist nur ein Vorwand.“

Nun, darüber konnte er nicht diskutieren. Seine Tante konnte ja nicht ahnen, dass Serena ihn bereits langweilte. Eine zu leichte Eroberung! Außerdem hatte er feststellen müssen, dass Serena auch nicht mehr zu bieten hatte als die meisten anderen Frauen.

Patrick fragte sich bedrückt, was er eigentlich wollte. War es möglich, dass er sich ein ganzes Leben hindurch langweilen würde? Sicher nicht!

„Also gut“, sagte er schließlich, „ich verspreche dir, ich werde eine Lady Ramsey finden, die zu uns beiden passt. Es wäre ein Jammer, die Linie aussterben zu lassen.“ Bedauerlich auch, dass er verurteilt war, Marianne unter den missbilligenden Augen von diesem kalten Fisch, ihrer Anstandsdame, den Hof zu machen. Die Frau benötigte einen Mann, das war klar, am besten einen robusten Gardisten, der sie entsprechend behandelte und ihr zeigte, wohin sie gehörte! Du lieber Himmel, dachte er, was bringt mich nur auf solche Ideen!

„Tatsächlich ein Jammer“, erwiderte seine Tante und wunderte sich über seinen grimmigen Gesichtsausdruck. Die Ramseys waren alle gut aussehend gewesen, und Patrick war der attraktivste. Tragisch war nur, dass sein Vater eine solche Abneigung gegen ihn gehegt hatte, weil seine angebetete Frau bei Patricks Geburt gestorben war. Den ungeliebten Sohn hatte er dann sechzehnjährig zur Armee abgeschoben, wo dieser sich nur seinen Männern und seinem Colonel verpflichtet gefühlt hatte und im Übrigen zu der Überzeugung gelangt war, das Leben sei dazu da, es zu genießen. Es lag auf der Hand, dass es ihm jetzt keine Freude bereitete.

2. KAPITEL

Miss Chloe Transome lief die Haupttreppe von Marchingham Place in der sicheren Annahme hinunter, die Einzige im Hause zu sein, die bereits auf war, obwohl schon die Mittagsstunde nahte.

Sie hatte es so eilig, dass sie am liebsten auf dem Geländer hinuntergerutscht wäre, wie sie es als wilde, ausgelassene Range vor langer Zeit bevorzugt hatte, ohne den Tadel ihrer Mutter zu beachten. Als sie an den Treppenabsatz kam, der in die Halle hinunterführte, war sie erleichtert, so etwas nicht getan zu haben; denn dort stand niemand anders als Sir Patrick Ramsey, der einigermaßen überrascht ihr temperamentvolles Erscheinen durch sein Monokel beobachtete.

Chloe mäßigte ihr Tempo, nahm ihre normale Haltung an und schritt würdevoll die letzten Stufen hinunter. Doch sein Mund zuckte leicht, als sie ihn erreichte. Er stand neben einer Statue des nackten Apollo, dem er sehr ähnelte, obgleich es bei der eleganten Kleidung, die er trug, schwierig war, festzustellen, wie weit diese Ähnlichkeit ging.

Sein jetzt gleichmütiger Blick erfasste ihr tristes Kleid – ein graues, völlig unmodernes Stück – und den hohen, bis zu ihrem anmutigen Hals zugeknöpften Kragen. Ja, sehr anmutig, dachte er, und bewunderte das muntere Hüpfen, mit dem sie zuvor heruntergeeilt war, weit mehr als die nüchterne Ruhe, mit der sie das letzte Stück zurückgelegt hatte.

„Madam“, sagte er und verbeugte sich, „ich hoffe, es geht Ihnen gut?“

„Sir Patrick“, erwiderte Chloe, „Sie erwarten … Marianne, glaube ich.“

„Ja, Miss Marianne“, bestätigte er und fragte sich, ob die Pause etwa andeuten sollte, dass Marianne nicht sein eigentliches Ziel war.

„Sie ist noch nicht auf oder vielmehr noch nicht unten“, erklärte Chloe. „Wir haben bis drei Uhr morgens getanzt, und der Tag wird für uns nicht vor dem Nachmittag beginnen. Ich fürchte, Sie müssen sich gedulden.“

„Ja, aber Sie sind unten, Miss …?“ Jetzt machte er eine Pause und betrachtete sie wieder durchs Monokel in all ihrer schäbigen Herrlichkeit. Alles an ihr war unmodern, einschließlich ihrer Frisur, lang und auf ihrem Kopf zusammengesteckt und unter der unkleidsamen Haube verborgen, die sie dem Brauch entsprechend tragen musste.

„Transome“, erwiderte Chloe kurz, „Miss Transome. Ich bin Mariannes Anstandsdame.“ Als ob du das nicht bereits wüsstest, fügte sie im Stillen hinzu. Sie war nämlich überzeugt, dass er wusste, wer sie war, obgleich sie nicht hätte sagen können, warum sie so sicher war, dass er sich verstellte.

„Aber im Moment beaufsichtigen Sie sie nicht, nehme ich an. Ich bin offenbar zu früh gekommen. Doch Sie sind schon auf. Haben Sie vielleicht das Fest versäumt?“

„Nein, aber ich stehe gern früh auf. Und Bälle haben nicht mehr die Macht, mich aufzuregen oder durcheinanderzubringen. Ich bin schon zu lange draußen.“

„Draußen, Miss Chloe“, wiederholte er und lachte ein wenig, und auf und nieder. „Welch charmante kurze Worte die Sprache besitzt, und alle sind ungenau.“

Chloe! Das bewies, dass er sich trotz ihrer früheren kurzen Begegnung an sie erinnerte. Schließlich hatte sie ihm nur ihren Familiennamen verraten. „Oh“, meinte sie lässig, „Ungenauigkeit ist die Segnung der Gesellschaft, Präzision ihr Fluch.“

Patrick musste lachen. Vielleicht verdiente sie doch etwas Besseres als einen robusten Gardisten. „Der Duke würde Ihnen im letzten Punkt nicht zustimmen“, erwiderte er und lächelte sie an.

„Sogar Wellington würde zugeben, dass gesellschaftliche Kriege nur gespielt sind, seine hingegen waren real“, entgegnete Chloe. Sie bemerkte, dass er keine Anstalten machte, sich zu verabschieden, und fragte sich, warum er ihren Zynismus so schnell provozierte. Das war bei ihrer früheren Begegnung genauso gewesen. Vielleicht lag es an seiner männlichen Vollkommenheit – gutes Aussehen, sportliche Gewandtheit und die Fähigkeit, hautenge Kleidung nach der gegenwärtigen Mode mit derart unbekümmerter Selbstgefälligkeit zu tragen –, was in ihr das Verlangen weckte, ihn ein wenig aus der Fassung zu bringen. Hinzu kam das Wissen, dass er, wenn er einmal zum Altar schreiten sollte, dies bestimmt nicht mit der sitzen gelassenen, ältlichen Bohnenstange Miss Chloe Transome tun würde.

Im Moment jedoch war sie es, mit der er sich sorglos unterhielt, natürlich nur, weil niemand anders da war. Zehn Jahre Abhängigkeit hatten Chloe gelehrt, wo ihr Platz war. Anfangs hatten noch ein paar junge Bürschchen aus der Gesellschaft sie der Mühe wert erachtet, um ihre Gunst zu werben, wenn sie entweder hinter ihrer jugendlichen Schutzbefohlenen oder dem Vermögen der alten Dame, der sie diente, her waren. Aber nur, um aus ihrem vermeintlichen Einfluss Nutzen zu ziehen. Als sie sich jedoch den Dreißig näherte und sich den unzugänglichen Panzer einer älteren, schlecht gekleideten Frau zulegte, hatten selbst diese dubiosen Schmeicheleien aufgehört. Gott sei Dank!

Nach ihrem kurzen ironischen Geplänkel mit Sir Patrick ließ Chloe ihn die Unterhaltung allein bestreiten und antwortete mit so ausdrucksloser Stimme, bis er sich fragte, ob die strahlende Frau, die die Treppe heruntersprang und anfangs mit solchem Feuer zu ihm gesprochen hatte, nur ein Traum gewesen war.

Er fühlte sich direkt erleichtert, als Serena erschien, ganz aufgeregt darüber, dass das Haus bei Sir Patricks Ankunft noch geschlafen hatte.

„Aber Chloe hat Sie ja unterhalten“, bemerkte Serena und betonte spöttisch das Wort unterhalten. „Es war Ihr Glück, dass sie nicht gerade ihren Pflichten nachging.“

„Sie machen mich darauf aufmerksam, wie säumig ich bin, Madam“, sagte Chloe ruhig. Sie wusste, dass Serena es nicht mochte, daran erinnert zu werden, dass sie Cousinen waren. „Marianne wird sicher inzwischen aufgestanden sein und meine Hilfe benötigen. Es wird ihr leidtun, dass sie Sir Patricks Ankunft verpasst hat.“

„Gewiss“, erwiderte Serena gnädig. „Sie können jetzt gehen. Ich weiß, wie pflichtbewusst Sie sind.“

Als Chloe in kerzengerader Haltung wegging, wandte Serena sich an Patrick und murmelte fast unfreundlich: „So ernst, nicht wahr? Durchaus nützlich, das gebe ich zu, aber man sieht, warum sie ledig ist und es wahrscheinlich auch bleiben wird.“

Sir Patrick hob sein Monokel, betrachtete ein Gemälde, für das er sich nicht im Geringsten interessierte, und erwiderte scheinbar gelangweilt: „Man sollte vermuten, dass mancher ältere Landjunker ein solches Muster an Tugend suchen würde, um sein schäbiges Haus für ihn zu führen.“ Ein wenig schämte er sich, das gesagt zu haben, besonders, als er mit Serenas Lachen belohnt wurde.

„Oh, Sie haben es getroffen! Zwei davon sind auf ausdrücklichen Wunsch meiner Tante für Chloe eingeladen, aber ich fürchte, es ist Marianne, für die sie sich interessieren. Und sie hat natürlich nur Augen für Sie.“

Nach dieser Information fühlte sich Sir Patrick niedergeschlagen. War er wirklich hierher gekommen, um einer geistlosen Achtzehnjährigen den Hof zu machen, die zwar recht hübsch war, mit der man aber kein vernünftiges Gespräch führen konnte? Und war die Frau neben ihm, die ihn zu einer unfreundlichen Bemerkung über eine arme, unglückliche Untergebene provoziert hatte, tatsächlich den Zeitaufwand, ihr nachzustellen, wert?

In diesem Moment erschien Marianne, um Tee auf der Terrasse zu trinken. Sie sah entzückend aus in ihrem rosa Kleid und dem hellen Strohhut, der mit einem Blumensträußchen geschmückt war, den gleichen Maßliebchen, die sie in der Hand trug. Ihre Anstandsdame legte ihr einen Spitzenschal als Schutz gegen den leichten Wind um die Schultern.

Miss Temple folgten ihre Bewunderer Jonas Brough, ein ältlicher Landadliger, der für Chloe eingeladen war, doch nur Augen für Marianne hatte, und Nigel Shaw, ebenfalls in mittleren Jahren, Grundbesitzer und Junggeselle, der kürzlich ein kleines Gut geerbt hatte und es an der Zeit fand, zu heiraten. Nachdem alle auf der Terrasse Platz genommen hatten, wetteiferten Brough und Shaw um Mariannes Aufmerksamkeit und ignorierten Chloe.

Beide Gentlemen entdeckten bald, dass Mariannes Interesse jetzt nur noch Sir Patrick Ramsey galt. „War London leer, als Sie es verließen, Sir Patrick?“, erkundigte sie sich.

„Völlig leer, Miss Marianne, nachdem Sie abgereist waren“, erwiderte er galant.

„Zu freundlich“, säuselte das junge Mädchen.

„Nicht im Geringsten, Miss Marianne. Wenn die Sonne verschwindet, wird es dunkel, wie man sagt.“

Chloe schmunzelte insgeheim über diese Floskeln, während sie sich weiter mit ihrer Handarbeit beschäftigte.

Nun bemühten sich auch Mr Brough und Nigel Shaw, Marianne Komplimente zu machen. Diese genoss es, derart im Mittelpunkt zu stehen, und plapperte munter drauflos, sodass Sir Patrick sich fragte, ob er sich wirklich wünschte, ein Leben lang an dieses geistlose Wesen gebunden zu sein. Er war direkt erleichtert, als Sir Charles diese ermüdende Unterhaltung beendete und auf einer Partie Whist mit den Herren Brough und Shaw und Serena als seiner Partnerin bestand und verlangte, dass Marianne neben ihm sitzen sollte.

„Damit du es lernst, mein Fräulein“, meinte er freundlich. Dann wandte er sich an Sir Patrick. „Ich habe Stapleton beauftragt, Sultan für Sie zu holen, damit Sie ihn sich ansehen können, Ramsey. Ein Gang durch die Ställe wird Ihnen gefallen.“

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