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Miss Carolines verwegener Plan

PROLOG

Wien, Januar 1815

Als Maximillian Ransleigh das Vorzimmer des Grünen Salons verließ, drangen leise Walzermusik und Stimmengemurmel aus einem der Säle an sein Ohr. Er achtete nicht darauf, sondern ging zum Ende des Flurs, wo im Schatten eines Alkovens eine dunkelhaarige Frau auf ihn wartete. Hoffentlich musste er nicht feststellen, dass ihr Cousin Thierry St Arnaud sie wieder so brutal angefasst hatte, dass ihre Handgelenke und Arme von Blutergüssen übersät waren.

„Was gibt es?“, fragte er. „Er hat Sie doch nicht geschlagen? Der Duke of Wellington betritt wahrscheinlich in diesem Moment den Grünen Salon. Und er hasst es, wenn man ihn warten lässt. Daher habe ich keine Zeit. Wenn Ihre Nachricht nicht so dringend geklungen hätte, wäre ich gar nicht gekommen.“

„Sie erwähnten, dass Sie Wellington hier treffen würden“, gab sie zurück. „Deshalb wusste ich, wo ich Sie finden würde.“ Wie immer klang ihre Stimme sanft. Sie sprach mit einem charmanten französischen Akzent, und in ihren großen dunklen Augen lag ein trauriger Ausdruck. Schon seit ihrer ersten Begegnung hatte Max den Wunsch verspürt, sie zu beschützen.

„Sie sind so freundlich zu mir. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viel Ihre Güte mir bedeutet. Es ist nur … Thierry möchte, dass ich ihm für den Empfang morgen neue Spangen für seine Uniform besorge. Ich habe keine Ahnung, wo ich die finden kann. Wenn ich aber die Befehle meines Cousins nicht ausführe …“ Ein Zittern überlief sie. „Verzeihen Sie mir, dass ich Sie mit meinen kleinen Problemen belästige.“

Abscheu und Wut erfüllten Max Ransleigh beim Gedanken an den Mann – nein, den Diplomaten –, der diese zierliche, sanfte Frau so quälte. Er würde einen Grund finden, um Thierry St Arnaud zu einem Boxkampf herauszufordern. Dann konnte er ihm zeigen, wie es sich anfühlte, verprügelt zu werden.

Über die Schulter warf er einen Blick in Richtung des Grünen Salons. Er musste sich beeilen. Dennoch bemühte er sich, nicht ungeduldig zu klingen. „Machen Sie sich keine Sorgen. Allerdings habe ich erst morgen Vormittag Zeit, Sie zu begleiten. Ich bedaure sehr, dass ich jetzt so in Eile bin. Aber ich darf Wellington nicht warten lassen.“

Er verbeugte sich und wandte sich von ihr ab. Sie jedoch griff nach seinem Ärmel, um ihn zurückzuhalten. Ungewohnt mutig trat sie ihm in den Weg. „Bitte, bleiben Sie noch einen Moment. Schon Ihre Anwesenheit gibt mir das Gefühl, nicht ganz so … schwach und hilflos zu sein.“

Ihr Vertrauen erfüllte ihn mit Stolz. Gleichzeitig empfand er Mitleid mit ihr. Sein ganzes Leben lang hatten die unterschiedlichsten Menschen ihn, den jüngeren Sohn eines Earls, um kleinere oder größere Gefallen gebeten. Und diese arme Witwe bat um so wenig.

Er zog ihre Hand an die Lippen und hauchte einen Kuss darauf. „Ich helfe gern. Doch Wellington wird mir das Fell gerben, wenn ich nicht pünktlich bin. Sie wissen, dass er gleich mehrere Regierungsbevollmächtigte treffen will?“

Sie senkte den Kopf. „Natürlich darf ein ehrgeiziger Diplomat wie Sie einen mächtigen Mann wie Wellington nicht verärgern!“ Sie schien noch etwas sagen zu wollen, presste jedoch stattdessen die Lippen aufeinander. Tränen traten ihr in die Augen. „Es tut mir so leid“, flüsterte sie.

Er wollte sie fragen, was sie meinte, als ein Knall die Stille zerriss. Ein Pistolenschuss! Im Grünen Salon.

Dort, wo Wellington sich jetzt aufhalten sollte!

Ein Attentat?

Max schob Madame Lefevre beiseite und stürmte los.

„Bleiben Sie im Schatten!“, rief er ihr über die Schulter hinweg zu, bevor er die Tür zum Grünen Salon aufriss.

Der Gestank nach Schwarzpulver empfing ihn. Rauch erfüllte den Raum. Mehrere Stühle waren umgeworfen worden, und überall lagen Papiere verstreut.

„Wellington? Wo ist Wellington“, schrie er den Korporal an, der sich gemeinsam mit zwei Soldaten bemühte, Ordnung in das Chaos zu bringen.

„Einer der Adjutanten hat ihn zur Hintertür hinausgebracht.“

„Ist er verletzt?“

„Ich glaube nicht. Wellington schimpfte, weil Sie nicht da waren. Wenn er nicht in Erwartung Ihrer Ankunft zur Tür geschaut hätte, als diese geöffnet wurde, dann wäre er wohl getroffen worden. So aber erkannte er die Gefahr sofort und warf sich zur Seite.“

Sie erwähnten, dass Sie Wellington hier treffen würden.

Ganz deutlich erinnerte Max sich an diese Worte. Ebenso wie an die Tränen und das geflüsterte ‚Es tut mir so leid!‘.

Hölle und Teufel, bestand womöglich ein Zusammenhang zwischen den Ereignissen?

Er wandte sich um und rannte zurück in den Flur. Doch die dunkelhaarige Frau war verschwunden.

1. KAPITEL

Devon, Herbst 1815

Wir könnten einfach abreisen“, schlug Max Ransleigh seinem Cousin Alastair vor. Die beiden standen auf dem Treppenabsatz, von dem aus man die große Eingangshalle von Barton Abbey überblicken konnte.

„Wir sind doch gerade erst angekommen“, gab Alastair leicht gereizt zurück. „Die Armen …“ Er wies mit einer Geste auf die Bediensteten, die unten damit beschäftigt waren, das Gepäck von verschiedenen kürzlich eingetroffenen Gästen ins Haus zu schleppen. „Die Reisekisten sind wahrscheinlich bis zum Rand vollgestopft mit teuren Gewändern, Schuhen, Hütchen und den unterschiedlichsten Accessoires. Denn jede der heiratsfähigen jungen Damen möchte besonders hübsch sein, weil sie darauf brennt, sich einen Gatten zu angeln. Und wo wäre das einfacher als auf einer Hausparty? Der reinste Heiratsmarkt! Widerlich!“

„Wenn ihr euch die Mühe gemacht hättet, mir schriftlich mitzuteilen, dass ihr herkommen wollt, dann hätte ich ein anderes Datum für die Hausparty gewählt.“

Als Max sich umwandte, sah er sich Mrs Grace Ransleigh, der Hausherrin von Barton Abbey, gegenüber.

„Es tut mir leid, Mama“, sagte Alastair, als er die zierliche dunkelhaarige Dame in die Arme schloss. „Du weißt, wie ungern ich schreibe.“

„Was mich immer noch erstaunt“, stellte Mrs Ransleigh fest. „Ich erinnere mich noch gut an den Jungen, der einen Stift mitnahm, wohin auch immer er ging, damit er sich Notizen zu seinen Beobachtungen machen konnte.“

Einen winzigen Moment lang glaubte Max, das Gesicht seines Cousins spiegele tiefen Schmerz wider.

„Das ist lange her, Mama“, stellte Alastair scheinbar ungerührt fest.

Sie sah bekümmert drein. „Natürlich. Aber eine Mutter vergisst so etwas nicht. Auf jeden Fall bin ich froh, dich heil und gesund vor mir zu haben, nachdem du dich während des Krieges stets in die gefährlichsten Situationen gestürzt hast. Da will ich mich über eine fehlende Nachricht nicht beklagen. Allerdings werdet ihr euch nun damit abfinden müssen, dass ich Gäste habe.“

Sie wandte sich Max zu. „Ich freue mich, dass du Alastair hierher begleitet hast, lieber Max.“

„Wenn ich geahnt hätte, dass du unschuldige Mädchen zu Gast hast, Tante Grace, dann hätte ich mich Alastair nicht angeschlossen.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Unsinn!“ Sie schüttelte den Kopf. „Du weißt, dass du mir immer willkommen bist, Max, ganz gleich, wie … wie die Umstände sich auch verändert haben.“

„Du bist gütiger als mein Vater“, erklärte er, um einen leichten Ton bemüht. Doch die inzwischen wohlbekannte Mischung aus Zorn, Bedauern und Verbitterung erfüllte ihn. Ihm war klar, dass seine Ankunft eine unangenehme Überraschung für jede Gastgeberin sein musste, die eine Gruppe heiratsfähiger junger Damen und möglicher zukünftiger Ehegatten eingeladen hatte. Leider wusste auch Alastair nichts von der Hausparty, bis Wendell, der Butler, ihm vorhin ein paar Worte zugeflüstert hatte.

„Ich wäre nicht hergekommen, wenn ich geahnt hätte, dass hier ein Heiratsmarkt stattfindet“, versicherte er seiner Tante noch einmal. Er würde sich mit Alastair beraten müssen. „Sollen wir uns ein Glas Wein bringen lassen?“, fragte er ihn.

„In der Bibliothek findet ihr eine volle Karaffe“, sagte Mrs Ransleigh. „Ich schicke euch auch Wendell mit einem Imbiss. Ihr jungen Männer seid immer hungrig.“

„Eine gute Idee, Mama.“ Alastair schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. Und auch Max dankte ihr. Schon wollten sie sich auf den Weg zur Bibliothek machen, als Mrs Ransleigh sagte: „Ich nehme an, ihr legt keinen Wert darauf, heute Abend mit meinen anderen Gästen zu speisen?“

„Ein gemeinsames Dinner mit diesen kleinen Jungfrauen und ihren Müttern? Nein, ganz bestimmt nicht“, stellte Alastair fest. „Selbst wenn wir plötzlich eine Vorliebe für solche Gesellschaft entwickeln würden, wäre meine ehrbare Schwester bestimmt so entsetzt, uns zu sehen, dass sie unseren Wein vergiften würde. Niemand wünscht, dass Lebemänner wie wir uns zwischen unschuldige junge Mädchen mischen.“

„Die Mütter wären entrüstet, wenn wir auftauchen würden“, stimmte Max ihm zu.

„Allerdings. Also, lass uns gehen, ehe das Parfüm der jungen Damen uns in die Nase dringt.“ Alastair küsste seiner Mutter zum Abschied die Hand. „Sag Jane und Lissa bitte, dass wir uns freuen, wenn sie ein wenig Zeit für uns finden. Natürlich erst, wenn eure jungen Gäste sich zurückgezogen haben.“

Wenig später betraten sie die komfortabel eingerichtete Bibliothek. Auf einem Beistelltisch standen mehrere Karaffen mit Cognac, Brandy und Wein. Bist du sicher, dass du bleiben willst?“, fragte Max und füllte zwei Gläser mit Wein.

„Zum Teufel, ja! Dies ist mein Haus, und ich kann kommen und gehen, wann ich will – ebenso wie meine Freunde. Zudem bin ich sicher, dass du dich freust, Mama, Jane und Lissa zu sehen. Wendell erwähnte, dass Jane diese Hausparty überhaupt nur wegen ihrer Tochter gibt. Meine Schwester meinte, Lissa solle ein paar Erfahrungen mit jungen Gentlemen sammeln, ehe sie ihre erste Saison in London erlebt. Zum Glück ist sie zu vernünftig, Lissa schon jetzt verheiraten zu wollen. Allerdings bin ich sicher, dass andere Mütter fest entschlossen sind, ihre Töchter, wenn möglich, gleich hier unter die Haube zu bringen.“

Er nahm das Glas, das Max ihm reichte, und seufzte. „Man sollte meinen, dass die Mütter jungfräulicher Töchter kein Interesse daran haben, mich zum Schwiegersohn zu bekommen. Schließlich weiß alle Welt von meinen Affären mit Schauspielerinnen und Tänzerinnen. Doch leider scheinen Reichtum und eine gute Herkunft für manche wichtiger zu sein als ein schlechter Ruf und das Bekenntnis, nie heiraten zu wollen. Lass uns auf dich trinken! Denn dir habe ich es zu verdanken, dass ich mich vor all diesen langweiligen gesellschaftlichen Verpflichtungen drücken kann. Schließlich muss ich mich ja um dich kümmern.“ Er hob sein Glas.

„Darauf, dass du nicht den Gastgeber spielen musst!“ Max prostete ihm zu. „Gut, dass mein ruinierter Ruf wenigsten dir nützt!“ Seine Stimme klang bitter.

„Wenn du auf deine Karriere anspielst … Das ist doch nur ein zeitweiliger Rückschlag. Früher oder später wird man im Außenministerium herausfinden, was sich wirklich in Wien zugetragen hat.“

„Vielleicht.“ Zunächst war Max davon überzeugt gewesen, dass man ihn von jeder Schuld freisprechen würde, sobald die Wahrheit ans Licht kam. Doch bisher hatte sie das nicht getan. „Noch besteht sogar die Möglichkeit, dass man mich vors Militärgericht stellt“, meinte er bitter.

„Nach deinem Einsatz in Waterloo? Du hast in Hougoumont gekämpft! Ganz gleich, welche früheren Fehler man dir anlastet, kein Militärgericht wird dich verurteilen, nachdem du dich dort in die Schlacht gestürzt und vielen deiner Kameraden das Leben gerettet hast. Wen interessiert es da, dass du eigentlich Anweisung hattest, nicht in den Krieg zu ziehen und in England zu bleiben? Selbst die Mitglieder des Garderegiments der Kavallerie, die als besonders engstirnig gelten, wenn es um Disziplin geht, würden nach deinem Einsatz in Waterloo auf eine Anklage gegen dich verzichten.“

„Hoffentlich irrst du dich nicht. Ich habe den guten Namen der Familie schon mehr als genug beschmutzt, wie mein Vater mir vorwarf, als er sich ein einziges Mal dazu herabließ, mit mir zu sprechen.“

Der Earl of Swynford hatte eine Menge schlimmer Dinge gesagt, und die Erinnerung daran quälte Max noch immer. Vor seinem geistigen Auge sah er sich wieder, wie er stumm vor seinem Vater stand, während dieser ihm die schwersten Vorwürfe machte. Er hatte sich nicht verteidigt, nicht einmal gegen so absurde Anschuldigungen wie die, dass er die politische Arbeit seines Vaters enorm erschwert habe, weil niemand im House of Lords nun ein Bündnis mit ihm eingehen wolle. Der Earl hatte ihn als die größte Enttäuschung seines Lebens beschimpft und ihn für unbestimmte Zeit aus Swynford House in London ebenso wie vom Landsitz der Familie in Hampshire verbannt.

„Der Earl hat sich noch nicht beruhigt?“

Die Stimme seines Cousins holte Max in die Gegenwart zurück.

Doch nach einem Blick in Max’ Gesicht meinte Alastair: „Ich fürchte, er ist noch dickköpfiger und engstirniger als die Mitglieder des Garderegiments. Ich würde ihm ja gern ins Gewissen reden. Aber du möchtest das nach wie vor nicht, oder?“

„Du weißt selbst, dass Vater von seinen Ansichten niemals abweicht, wenn jemand ihm widerspricht. Womöglich würde er auch dich aus seinem Umfeld verbannen, was für unsere Mütter sehr schlimm wäre. Nein, es hat keinen Zweck, mit ihm zu sprechen. Dennoch bin ich dir sehr dankbar für deine Loyalität. Du ahnst gar nicht, wie viel sie mir bedeutet.“ Max schluckte.

„Es ist absolut unnötig, dich zu bedanken.“ Alastair füllte rasch noch einmal die Gläser. Du weißt doch: Ransleigh Rogues halten immer zusammen.“

Max prostete ihm zu. Ransleigh Rogues – die draufgängerischen Ransleighs – war der Spitzname, den man ihm und seinen Cousins schon vor Jahren gegeben hatte. Das Herz wurde ihm leichter, als er daran zurückdachte. Damals, in seinem zweiten Jahr in Eton, hatten er und seine Cousins irgendwo eine Flasche geschmuggelten Cognac aufgetrieben und waren beim Trinken erwischt worden. Einer der Lehrer hatte sie alle bestraft und wohl auch den Ausdruck ‚Ransleigh Rogues‘ zum ersten Mal benutzt. Alastair hatte dann das Motto ‚Ransleigh Rogues halten immer zusammen‘ geprägt.

Auch während des Studiums in Oxford waren sie die Ransleigh Rogues geblieben, die immer zusammenhielten. Sogar als sie in die Armee eintraten, hatten sie versucht zusammenzubleiben, um über Alastair zu wachen. Denn der hatte offensichtlich den Tod in der Schlacht gesucht, nachdem die Frau, die er liebte, die Verlobung gelöst und ihn zutiefst gedemütigt hatte.

Natürlich hatten sie alle auch zu Max gestanden, nachdem er seinen Posten in Wien auf so skandalöse Art verloren hatte. Als er des Verrats verdächtigt nach London zurückgeschickt worden war, hatten sich all die einflussreichen Gentlemen und gesellschaftlichen Möchtegernaufsteiger, die ihm zuvor geschmeichelt hatten, von ihm abgewandt. Nun jedoch mied man seine Gesellschaft. Nur die drei Rogues waren ihm als echte Freunde geblieben.

Über Nacht war sein Leben auf den Kopf gestellt worden. In Wien hatte er noch äußerst verantwortungsvolle Aufgaben gehabt, die ihn wirklich forderten. In London stand er vor dem Nichts. Es gab keine einzige sinnvolle Beschäftigung für ihn. Alle Hoffnung, Karriere im diplomatischen Dienst zu machen, war dahin. In seiner Verzweiflung wäre er durchaus fähig gewesen, eine große Dummheit zu begehen, wenn seine Cousins Alastair, Dom und Will sich nicht um ihn gekümmert hätten.

„Ich bin sicher“, sagte er, „dass mein unerwartetes Auftauchen für Tante Grace sehr unangenehm ist, auch wenn sie es niemals zugeben würde. Da du kein Interesse an diesen heiratsfähigen jungen Damen hast, die sich zurzeit hier aufhalten, sollten wir vielleicht doch abreisen.“

„Das kann ich im Moment nicht. Und außerdem möchte ich wetten, dass Mama sich über deinen Besuch freut. Obwohl sie wahrscheinlich um die moralische Festigkeit ihrer jungen Gäste fürchtet. Schließlich bist du – auch wenn du deinen Posten verloren hast – immer noch der Sohn eines Earls, der …“

„… der von seinem eigenen Vater aus dem Haus geworfen wurde.“

„… der genug Charme besitzt, um ein unschuldiges Mädchen in Versuchung zu führen, wenn er es darauf anlegt.“

„Warum sollte ich das tun? Eine Zeit lang dachte ich, Lady Mary würde mir irgendwann eine gute Gattin sein. Doch da ich nun nicht mehr im diplomatischen Dienst bin, hat sie das Interesse an mir verloren. Ich wiederum lege keinen Wert mehr auf eine Ehe.“ Max bemühte sich um einen leichten Ton. Alastair sollte nicht merken, wie sehr Marys Zurückweisung ihn gekränkt hatte.

„Ich wünschte, Mama und Jane hätten nicht gerade jetzt so viele Gäste eingeladen. Diese Hausparty wird uns in unserer Bewegungsfreiheit einschränken“, schimpfte Alastair. „Aber im Augenblick kann ich nicht fort. Es gibt einige Angelegenheiten zu regeln, die das Gut betreffen. In ein paar Tagen könnten wir nach London zurück. Allerdings würde mir dort Desiree garantiert irgendwo auflauern, um mir erneut eine Szene zu machen.“

„War sie nicht mit dem Smaragdschmuck zufrieden, den du ihr zum Abschied geschenkt hast?“

Alastair seufzte. „Mit der Zeit wurde sie immer gieriger. Und letztendlich ging sie mir genauso auf die Nerven wie ihre Vorgängerinnen.“

Alastairs Gesicht hatte einen harten Ausdruck angenommen. Max wusste, was das bedeutete. Seit dem unerwarteten Ende seiner Verlobung reagierte sein Cousin so, wenn es um Frauen ging. In Gedanken verfluchte Max zum tausendsten Mal die Frau, die Alastair so wehgetan hatte. Wenn er doch nur erkennen würde, dass nicht alle jungen Damen einen so schlechten Charakter hatten wie seine ehemalige Verlobte. Leider war das ein Thema, über das man nicht mit ihm sprechen konnte.

Ein Gefühl der Bitterkeit überkam Max, als ihm einfiel, welche schrecklichen Folgen es gehabt hatte, dass er selbst in Wien auf ein hübsches Gesicht und eine traurige Geschichte hereingefallen war. Warum, zum Teufel, war er nur so ritterlich gewesen?

„Auch ich habe keine Lust, nach London zurückzukehren“, sagte er. „Ich möchte weder Vater begegnen noch all jenen einflussreichen Leuten, die ich früher für meine Freunde gehalten habe. Und der schönen Mrs Harris möchte ich ebenfalls lieber aus dem Weg gehen, solange sie keinen neuen Beschützer gefunden hat. Es war nicht leicht, mich von ihr zu lösen.“

„Wir könnten nach Belgien reisen und Dom einen Besuch abstatten“, schlug Alastair vor. „Das Letzte, was ich von ihm gehört habe, war, dass Will noch bei ihm ist. Ist das nicht typisch: Wir alle kehren nach England zurück, aber Will findet eine Möglichkeit, auf dem Kontinent zu bleiben. Er behauptet ja, er habe sich in Brüssel niedergelassen, weil an den Spieltischen dort so viel Geld zu gewinnen ist. Angeblich sind die Diplomaten und Offiziere miserable Whist-Spieler.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob Dom sich über unseren Besuch freuen würde. Als ich ihn zuletzt gesehen habe, bekam er eine Menge Laudanum, weil er infolge der Amputation schlimme Schmerzen hatte. Er hat mich beschimpft, ich solle ihn nicht bemuttern wie eine Henne, sondern lieber nach Hause gehen und mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern.“

„Ja, mich wollte er auch fortschicken. Aber ich wollte ihn nicht allein lassen, ehe ich nicht sicher sein konnte, dass er überleben würde.“ Alastair straffte die Schultern. „Ich habe euch dazu gebracht, in die Armee einzutreten. Wenn ich geahnt hätte, was ihr deshalb alles würdet durchmachen müssen …“

„Du hast uns nicht gedrängt, zum Militär zu gehen. Wir haben es nicht anders gemacht als die meisten unserer Freunde in Oxford.“

„Trotzdem werde ich mich erst dann wieder besser fühlen, wenn Dom nach Hause zurückkehren und ein neues Leben führen kann. Es wird nicht leicht sein für ihn. In seinem Regiment gab es niemanden, der besser aussah als er. Und nun ist sein Gesicht von einem Säbelhieb entstellt. Noch schlimmer ist es natürlich, dass er einen Arm verloren hat. Ich wünschte, wir könnten ihn ein wenig aufmuntern.“

„Offen gesagt, halte ich es für besser, wenn wir ihn noch ein bisschen in Ruhe lassen. Wenn das Leben, wie du es immer gekannt hast, vor deinen Augen in Trümmer geht, dann brauchst du Zeit zum Nachdenken. Du musst deine Zukunft neu erfinden.“ Max lachte kurz auf. „Ich selbst habe Monate damit zugebracht und bin noch immer nicht damit fertig. Du hast das Gut, um das du dich kümmern musst. Ich wünschte, ich fände eine neue sinnvolle Aufgabe. Leider habe ich mich nie um etwas anderes bemüht als um eine Stelle im diplomatischen Dienst. Das Kapitel ist abgeschlossen. Wahrscheinlich kann ich wegen meines schlechten Rufs auch keine geistliche Karriere einschlagen, selbst wenn ich behaupten würde, mich berufen zu fühlen.“

„Pastor Max, der Liebling aller Tänzerinnen und Schauspielerinnen?“ Lachend schüttelte Alastair den Kopf. „Unvorstellbar!“

„Vielleicht sollte ich versuchen, mein Glück in Indien zu machen.“

„Ich halte den Fernen Osten für eine recht gute Möglichkeit, reich zu werden. Aber du könntest natürlich auch versuchen, bei der Armee unterzukommen. Das würde deinen alten Herrn wahrscheinlich ziemlich ärgern.“

„Eine nette Vorstellung! Nur leider hast du etwas vergessen: Wellington hat mir trotz meines Einsatzes bei Waterloo nicht verziehen, dass er fast erschossen wurde, als er in Wien auf mich wartete.“ Er litt noch immer sehr darunter, dass der Mann, den er bewundert und dem er mit Hingabe gedient hatte, sich ihm gegenüber so kalt und abweisend verhielt.

„Du wirst bestimmt eine Aufgabe finden, die dir gefällt. Schließlich bist du ein geborener Anführer und zudem der Klügste der Rogues. Vorerst aber lass uns das Beste aus unserem Aufenthalt hier machen. Pass nur auf, dass du nicht in eine Affäre mit einer von Janes Jungfrauen verstrickt wirst.“

„Das versteht sich von selbst! Ich bin froh, dass mein Bruder derjenige ist, der für einen Erben zu sorgen hat, damit die Familie fortbesteht. Ich selbst verspüre nicht die geringste Lust, mich zu verehelichen. Gott möge mich vor allen kupplerischen Müttern und allen heiratswütigen Töchtern schützen!“ Ein Schauer überlief ihn, als er an die Vernunftehe seiner Eltern dachte, in der es wohl nie echte Zuneigung gegeben hatte.

Alastair holte eine Karaffe mit Brandy. „Zeit für stärkere Getränke“, verkündete er und füllte zwei Gläser. „Auf ein Leben in Unabhängigkeit!“

„Wenn ein Leben in Unabhängigkeit bedeutet, dass man den Fesseln der Ehe entgeht, dann will ich darauf trinken“, entgegnete Max und leerte sein Glas in einem Zug.

2. KAPITEL

Stell sich doch nicht so dumm an, Dulcie! Du musst es ausschütteln, ehe du es aufhängst!“

Caroline Denby, die es sich in einem der eleganten Gästezimmer von Barton Abbey mit einem Buch auf dem Sofa bequem gemacht hatte, schaute auf.

Ihre Stiefmutter stand vor dem unglücklichen Dienstmädchen, schaute es zornig an und nahm ihm das mit glitzernden Pailletten bestickte Abendkleid ab. „So!“ Sie schüttelte es aus und gab es Dulcie zurück. Dann wandte sie sich an Caroline. „Liebes, möchtest du das Buch nicht zur Seite legen und das Auspacken der Reisekiste überwachen? Ich fürchte, sonst wirst du in den nächsten Tagen nur zerknitterte Kleider tragen können.“

Widerwillig klappte Caroline das Buch zu. „Natürlich, Stiefmama.“ Schon jetzt zählte sie die Stunden, die sie noch in Barton Abbey würde verbringen müssen. Sie sehnte sich nach Denby Lodge und nach ihren Pferden. Es passte ihr gar nicht, dass sie zehn wertvolle Trainingstage verlieren würde. Ihr Vater hatte eine neue Zuchtlinie, die Denby-Linie, in England bekannt gemacht. Sportliche Gentlemen, die gern Wettrennen austrugen, aber auch die Offiziere der Kavallerie schätzten die robusten, gut ausgebildeten Pferde. Caroline wollte auf keinen Fall den Standard senken, bloß weil ihre Stiefmutter es sich in den Kopf gesetzt hatte, dass sie in den nächsten Monaten heiraten müsse.

Außerdem fühlte sie sich ihrem verstorbenen Vater besonders nahe, wenn sie in seine alten Reitstiefel und eine Männerhose schlüpfte und mit den Stallburschen und Pferdetrainern zusammenarbeitete. Sie hatte ihn sehr geliebt. Stets hatte er über ihr Wohl und das der Pferde, die ihm so viel bedeuteten, gewacht. Himmel, wie sehr sie ihn noch immer vermisste!

Aufseufzend legte sie das Buch aus der Hand und wandte sich Dulcie zu, die gerade damit beschäftigt war, Chemisen, Schnürmieder und Strümpfe aus der Reisekiste zu nehmen, und half ihr dabei, während ihre Stiefmutter sich um die Kleider kümmerte.

Caroline war froh, dass sie die wenig schmeichelhaften Vormittags-, Dinner- und Abendkleider erst wieder sehen musste, wenn sie eines davon tragen würde. Andererseits war es natürlich besser, sich in einem scheußlichen, mit zu viel Rüschen, Pailletten und Schleifen verzierten Kleid in einer unvorteilhaften Farbe zu zeigen, als den Gentlemen zu gefallen und möglicherweise bald Verlobung feiern zu müssen.

„Ich werde mich um alles kümmern, was noch ausgepackt werden muss“, sagte sie zu Lady Denby. „Aber ich möchte auch noch mit Sultan ausreiten, ehe es dunkel wird.“ Als sie sah, dass ihre Stiefmutter einen Einwand vorbringen wollte, setzte sie rasch hinzu: „Du hast doch nicht vergessen, dass ich zu diesem Heiratsmarkt nur unter der Bedingung mitgekommen bin, dass ich jeden Tag ausreiten darf.“

„Caroline, bitte“, protestierte Lady Denby. Sie musterte ihre Stieftochter streng. „Du weißt, dass du diese Hausparty nicht als Heiratsmarkt bezeichnen darfst. Insbesondere …“ Sie warf einen Blick in Dulcies Richtung.

Caroline zuckte die Schultern. „Aber es ist doch ein Markt. Ein paar Gentlemen haben die Einladung zu dieser Hausparty angenommen, weil sie die anwesenden heiratsfähigen Damen begutachten wollen. Wie sehen sie aus? Wie ist ihr familiärer Hintergrund? Wie groß ist ihre Mitgift? Ich finde, das unterscheidet sich nicht sehr von einem Pferdemarkt, obwohl ich hoffe, dass niemand mein Gebiss oder meine Waden prüfen möchte.“

„Ich muss dich doch bitten, dich nicht so vulgär auszudrücken“, meinte ihre Stiefmutter vorwurfsvoll. „Genau wie jede junge Dame gern den Charakter ihres zukünftigen Gatten kennenlernen möchte, wollen die Gentlemen wissen, ob ihre Braut einer angesehenen Familie entstammt und gut erzogen ist.“

„Vergiss die Mitgift nicht!“

Lady Denby reagierte nicht auf den Einwurf. „Ich wünschte, du würdest dich wenigsten einmal darüber freuen, wenn ein netter junger Mann dir seine Aufmerksamkeit schenkt. Schließlich willst du nicht noch eine weitere Saison in London verbringen.“

„Du weißt, dass ich gar nicht heiraten möchte“, sagte Caroline gereizt. „Warum gibst du deine Versuche, mich unter die Haube zu bringen, nicht endlich auf? Dann könntest du dich ganz auf Eugenia konzentrieren. Sie kann es kaum erwarten, endlich zu heiraten. Wenn sie sich hier verlobt und du sie nicht zur Saison nach London bringen musst, kannst du viel Geld sparen.“

„Im Gegensatz zu dir freut Eugenia sich auf ihre Londoner Saison. Außerdem – auch wenn ich nicht taktlos sein möchte – muss ich dich daran erinnern, dass man dich, wenn du nicht bald heiratest, für eine alte Jungfer halten wird.“

„Was mir nur recht wäre! Harry wird das völlig egal sein, wenn er erst wieder hier ist.“

„Ach, Caroline! Indien ist ein ungesundes Land. Dort kann man an allen möglichen Arten von Fieber erkranken. Natürlich denkt man nicht gern daran, aber es ist durchaus möglich, dass Lieutenant Harry Tremaine nie zurückkommt.“ Plötzlich fiel Lady Denby etwas ein. „Er hat dir doch hoffentlich nicht das Versprechen abgenommen, auf ihn zu warten?“

„Nein, wir sind nicht heimlich verlobt“, entgegnete Caroline.

„Dem Himmel sei Dank“, meinte ihre Stiefmutter erleichtert. „Es wäre nicht recht gewesen, so etwas von dir zu verlangen. Schließlich ging bei uns alles drunter und drüber, als er England verließ.“ Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. „Dein armer Papa war ja gerade gestorben. Ich weiß natürlich, dass du Harry Tremaine schon seit einer halben Ewigkeit kennst und dich in seiner Gegenwart sehr wohl fühlst. Trotzdem solltest du irgendeinem anderen jungen Mann die Chance geben, dich besser kennenzulernen. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass jemand dich genauso … schätzen lernt wie Harry.“

Da ihre Vorliebe für Pferde allgemein als unweiblich angesehen wurde, zumal sie kein Interesse an modischer Kleidung und Tätigkeiten wie Sticken, Malen oder auch Klavierspielen hatte, wusste Caroline genau, was ihre Stiefmutter meinte. Gereizt runzelte sie die Stirn. Ihr lag nichts daran, die Bekanntschaft irgendwelcher Gentlemen zu machen. Sie würde auf Harry warten. Bei ihm konnte sie einfach sie selbst sein. Sie konnte ihren Lieblingsbeschäftigungen nachgehen und brauchte nicht so zu tun, als würde sie sich in allem seinen männlichen Ansichten beugen.

Ja, sie würde es wagen, ihren Freund aus Kindertagen zu heiraten – obwohl auch er ihr die Angst vor dem Fluch nicht nehmen konnte. Beim Gedanken daran überlief sie ein Schauer. Ganz gewiss würde sie das Risiko, von dem Fluch getroffen zu werden, nicht wegen irgendeines Dandys auf sich nehmen, der es nur auf ihre Mitgift abgesehen hatte.

Unglücklicherweise war sie wohlhabend genug, um trotz ihrer unkonventionellen Lebensweise als gute Partie zu gelten. Während ihrer kurzen Saison in London hatten sich mehrere Gentlemen um sie bemüht. Doch ehe auch nur einer ihr einen Antrag machen konnte, war sie überstürzt nach Denby Lodge zurückgekehrt, weil ihr Vater gestorben war.

Caroline dachte nicht gern an die Zeit in London zurück. Tatsächlich konnte sie sich nicht vorstellen, dass irgendeiner ihrer Verehrer sie wirklich geschätzt hatte. Wer sie heiratete, erlangte die Verfügungsgewalt über ihr Vermögen, über ihre geliebten Pferde und auch über sie selbst. Was das bedeutete, war ihr klar geworden, als sie erlebt hatte, was ihrer Cousine Elizabeth widerfahren war. Zum Glück war Elizabeths Gatte gestorben, ehe er ihren gesamten Besitz verschleudert hatte. Seitdem war Caroline fest entschlossen, ihr Leben niemals in die Hände eines fremden Mannes zu legen.

Wenn sie wirklich heiraten musste, dann würde sie Harry nehmen. Ihn kannte sie von Kindheit an. Ihm fühlte sie sich verbunden, so wie sie sich ihrem geliebten Vater verbunden gefühlt hatte.

Sie straffte die Schultern und erklärte: „Harry ist seit fünf Jahren bei der Armee. Und in all der Zeit ist mir niemand begegnet, der mir auch nur annähernd so gut gefällt wie er.“

„Ich möchte behaupten, dass du auch nicht ernsthaft nach jemandem gesucht hast, den du mögen könntest. Es ist … unnatürlich, dass eine junge Dame so gar nicht den Wunsch zu heiraten verspürt.“

Es war nicht das erste Mal, dass Lady Denby diese Überzeugung zum Ausdruck brachte. Ehe Caroline jedoch widersprechen konnte, bat sie in versöhnlichem Ton: „Komm, Liebes, es kann nicht schaden, Mrs Ransleighs Gäste kennenzulernen. Vielleicht befindet sich tatsächlich ein Gentleman unter ihnen, der dir gut gefällt. Du weißt, dass ich nur dein Bestes will.“

Daran hatte Caroline nie gezweifelt. Ihre warmherzige Stiefmutter wollte das Beste für sie. Doch leider stellte sie sich darunter etwas völlig anderes vor als sie selbst.

Ihr Widerstand gegen Lady Denbys wohlmeinende Pläne schwand. Sie schloss ihre Stiefmutter in die Arme und erklärte: „Du möchtest, dass ich glücklich werde. Das ist mir klar. Aber kannst du dir wirklich vorstellen, dass ich die Gattin eines Mannes werde, der in der Stadt wohnt? Wie könnte ich, da ich doch am liebsten in Männerhosen herumlaufe, die Rolle der vornehmen Gastgeberin übernehmen? Mir liegt nichts an eleganten Kleidern, und ich habe auch keinen so sanften Charakter wie du. Deshalb könnte ich niemals so tun, als würde mich jeder Unsinn interessieren, den ein Gentleman zu erzählen hat. Eher würde ich ihm ins Gesicht sagen, dass ich ihn für einen Dummkopf halte.“

„Papperlapapp!“, entfuhr es Lady Denby. „Es stimmt, dass du manchmal ein bisschen ungeduldig bist mit denen, die nicht über deinen scharfen Verstand verfügen. Aber du hast ein gutes Herz und würdest dich niemals absichtlich schlecht benehmen. Außerdem hat dein Papa mich auf dem Sterbebett gebeten, dich bei der Wahl eines Gatten zu unterstützen.“

Caroline hob zweifelnd die Augenbrauen, was Lady Denby veranlasste, ihre Aussage noch einmal zu bekräftigen. „Ich verstehe dein Misstrauen, denn er hat dich ja nie zur Ehe gedrängt. Dennoch ist wahr, was ich sagte. Er bat mich, alles dafür zu tun, damit du dich gut verheiratest.“

„Du hast Papa in den zwei Jahren eurer Ehe sehr glücklich gemacht. Deshalb sollte es mich eigentlich nicht wundern, dass er sich zum Schluss auch für mich ein solches Glück wünschte.“

„Ja, wir waren wirklich sehr glücklich miteinander. Und ich werde nie vergessen, wie freundlich du dich mir gegenüber vom ersten Tag an verhalten hast. Vielen Töchtern ist es gar nicht recht, wenn ihr Vater wieder heiratet.“

„Tatsächlich hätte ich dich zunächst am liebsten aus dem Haus geworfen“, gab Caroline lachend zu. „Ich war entschlossen, dich abweisend und unfreundlich zu behandeln. Aber du warst so sanftmütig und so besorgt um unser Wohl, dass ich einfach nicht böse sein konnte.“

„Ich hoffe sehr“, wechselte Lady Denby das Thema, „dass du dir nicht immer noch Sorgen wegen dieses angeblichen Fluchs machst. Es stimmt natürlich, dass die Geburt eines Kindes für Mutter und Baby immer eine Gefahr darstellt. Aber die meisten von uns überstehen diese Gefahr unbeschadet. Und wenn eine Frau ihr erstes Kind im Arm hält, dann weiß sie, dass dieses Erlebnis jedes Risiko wert ist. Ich wünsche mir sehr, dass du dieses Wunder selbst erlebst, Caroline.“

„Das ist sehr lieb von dir.“ Sie verzichtete darauf, zum x-ten Mal zu erwähnen, wie viele Frauen ihrer Familie – darunter auch ihre eigene Mutter – im Kindbett gestorben waren. Der Fluch war mehr als eine dumme Einbildung. Jetzt jedenfalls war es eindeutig an der Zeit, das Thema zu wechseln. Sonst würde sie womöglich doch noch die Geduld verlieren.

„Also gut“, erklärte sie, „ich werde Mrs Ransleighs Gästen freundlich und aufgeschlossen begegnen. Da ich allerdings vor dem Dinner noch ausreiten will, muss ich mich nun rasch umkleiden.“ Sie warf ihrer Stiefmutter ein schelmisches Lächeln zu. „Ich verspreche, mein Reitkostüm zu tragen und nicht meine Hose.“

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und Eugenia stürmte ins Zimmer. „Mama, ich habe ganz erschreckende Neuigkeiten gehört. Tatsächlich fürchte ich, dass wir wieder einpacken und abreisen müssen.“

„Abreisen?“, echote Lady Denby und warf ihrer Tochter einen warnenden Blick zu. Dann wandte sie sich zu der Zofe um. „Danke, Dulcie, du kannst jetzt gehen.“

Erst als das Mädchen die Tür hinter sich geschlossen hatte, fragte Lady Denby: „Welches Unglück ist geschehen, das uns zur Abreise bewegen könnte, kaum dass wir hier angekommen sind? Mrs Ransleigh ist doch hoffentlich nicht krank geworden?“

„Oh nein. Es ist ihr Sohn, Alastair Ransleigh. Ich meine, er ist nicht krank, sondern unerwartet hier eingetroffen. Und er hat einen schrecklich schlechten Ruf. Lady Claringdon sagt, er habe Mätressen und Affären mit schamlosen verheirateten Damen unterhalten.“

„Und was weißt du über Mätressen und schamlose Damen, Eugenia?“, erkundigte Caroline sich belustigt.

„Nichts natürlich“, gab diese errötend zurück. „Abgesehen von dem, was ich aus dem Klatsch in der Schule geschlossen habe. Ich habe nur Lady Claringdons Worte wiederholt.“

„Arme Mrs Ransleigh“, meinte Lady Denby mitleidig. „Das ist für sie wirklich eine unglückliche Situation. Sie kann ihrem Sohn unmöglich verbieten, sein eigenes Haus zu betreten.“

„Ja, sie steckt in einem Dilemma. Fortschicken kann sie ihn nicht. Aber wenn wir ihm begegnen sollten … Lady Claringdon meint, der gute Ruf einer jungen Dame sei schon gefährdet, wenn man sie nur im Gespräch mit Mr Ransleigh sieht. Ist das nicht furchtbar!“ Sie krauste ihre hübsche Stirn. „Und ich habe das Schlimmste noch gar nicht erwähnt!“

„Um Himmels willen, noch mehr schlechte Nachrichten?“

„Allerdings. Mr Ransleigh hat seinen Cousin mitgebracht. Maximillian Ransleigh.“

„Was ist daran schlimm?“, wollte Caroline wissen. Sie erinnerte sich, den Namen schon einmal gehört zu haben. „Ist das nicht der jüngere Sohn des Earl of Swynford? Gut aussehend, wohlhabend und erfolgreich?“

„Vielleicht war das früher so. Doch seitdem hat sich die Situation grundlegend verändert. Lady Claringdon hat mir alles erzählt.“ Eugenia warf ihrer Stiefschwester einen mitleidigen Blick zu. „Du wirst nichts davon gehört haben, weil du London so plötzlich verlassen musstet, als dein Papa von uns ging.“

„Was ist mit diesem Maximillian Ransleigh los?“, erkundigte sich Lady Denby.

„Er wurde von allen Max der Große genannt, die Gesellschaft liebte ihn, und es hieß, er könnte jede Dame mit seinem Charme erobern. Er trat in die Armee ein und kämpfte gegen Napoleon. Später, während des Wiener Kongresses wurde er Wellington als persönlicher Assistent zugeteilt. Nichts schien seine Karriere mehr behindern zu können. Doch dann soll er eine Affäre mit einer geheimnisvollen Französin gehabt haben. Zur gleichen Zeit wurde ein Attentat auf Wellington unternommen. Ransleigh verlor seinen Posten und wurde nach Hause geschickt.“

Caroline runzelte die Stirn. „Was genau hat sich zugetragen?“

„Die Einzelheiten kannte Lady Claringdon nicht. Aber sie ist sich ganz sicher, dass sein Ruf beschädigt war, als er nach dem Wiener Kongress nach London zurückkehrte. Das allein war schlimm genug. Aber dann entkam Napoleon aus dem Exil auf Elba und marschierte auf Paris zu. Mr Ransleigh setzte sich einfach über den Befehl hinweg, in England zu bleiben, bis die Wiener Geschichte geklärt wäre. Er reiste nach Brüssel, wo er sich seinem früheren Regiment anschloss.“

„Hat er bei Waterloo gekämpft?“

„Ich glaube, ja. Trotzdem ist noch nicht klar, ob er vor ein Militärgericht gestellt wird. Sein Vater, der Earl, soll über Ransleighs Verhalten so erbost gewesen sein, dass er ihn aus dem Haus geworfen hat. Und Lady Mary Langton, die angeblich heimlich mit ihm verlobt war, hat sich geweigert, ihn auch nur zu empfangen. Wie man hört, hat er inzwischen geschworen, nie zu heiraten, und sich seinem Cousin Alastair Ransleigh angeschlossen, um sich wieder den weniger tugendhaften Damen zu widmen.“

Die Ransleigh Rogues … Harry hat von ihnen gesprochen, erinnerte sich Caroline. Er hatte die Cousins gemocht.

„Lady Claringdon war den Tränen nahe, als sie mir das alles erzählte“, fuhr Eugenia fort. „Sie hatte wohl ihre Netze nach ihm ausgeworfen, ehe er seine Aufmerksamkeit auf Lady Mary konzentrierte. Jetzt will sie natürlich nichts mehr mit ihm zu tun haben. Schließlich ist allgemein bekannt, dass er in einen Skandal verwickelt war und sich zudem schlechte Gesellschaft gesucht hat.“

„Wie schade!“, seufzte Lady Denby. „Schließlich ist er der Sohn eines Earls.“

„Müssen wir nun abreisen, Mama? Oder glaubst du, dass wir bleiben können, wenn wir uns nur bemühen, den beiden Ransleighs aus dem Weg zu gehen?“

Einen Moment lang starrte ihre Mutter nachdenklich ins Nichts. „Mrs Ransleigh und ihre älteste Tochter, Lady Jane Gilford, gehören zur besten Gesellschaft. Ich bin sicher, die beiden haben längst mit den Gentlemen gesprochen und ihnen erklärt, dass sie entweder abreisen oder sich von den Hausgästen fernhalten müssen.“

„Damit sie eine unschuldige junge Dame nicht ruinieren, ehe die auch nur die Chance bekommt, in die Gesellschaft eingeführt zu werden?“, meinte Caroline und zwinkerte Eugenia zu.

Doch die reagierte gar nicht. Lady Denby allerdings erklärte: „Ich bin sicher, dass das Problem bereits gelöst wurde. Dennoch werde ich mich jetzt auf die Suche nach Mrs Ransleigh machen und ihr ein paar Fragen stellen.“

„Wie, um Himmels willen, möchtest du diese Fragen formulieren?“, rief Caroline. „Willst du etwa sagen: ‚Entschuldigen Sie, Mrs Ransleigh, ich möchte nur sichergehen, dass weder Ihr draufgängerischer Sohn noch Ihr schändlicher Neffe den Ruf meiner unschuldigen Mädchen in Gefahr bringt?‘“

Lady Denby tätschelte ihrer Stieftochter lachend den Arm. „Natürlich ist es keine angenehme Aufgabe. Aber du kannst mir glauben, dass ich meine Frage bedeutend taktvoller formulieren werde.“

„Vielleicht sperrt sie die Gentlemen auf dem Dachboden ein oder im Weinkeller, damit die Gäste vor ihnen sicher sind“, scherzte Caroline.

„Wie kannst du so etwas sagen!“, meinte Eugenia vorwurfsvoll. „Dies ist eine ernste Angelegenheit. Wenn der Ruf einer jungen Dame beschädigt ist, wird sie nie einen guten Ehemann finden. Ich finde das Ganze überhaupt nicht lustig, zumal Lady Melross heute Nachmittag eingetroffen ist.“

„Anita Melross?“, stöhnte Lady Denby. „Ihr müsst euch von eurer besten Seite zeigen, Mädchen. Lady Melross genießt es, Gerüchte in die Welt zu setzen. Sie wird nicht zögern, jede nachteilige Kleinigkeit über euch in ganz London zu verbreiten.“

Die offenbar echte Sorge ihrer Stiefmutter bewirkte, dass Caro­line rasch wieder ernst wurde. „Ich verspreche dir, mich gut zu benehmen.“

„Und ich werde unsere Gastgeberin aufsuchen, um ein kleines Gespräch mit ihr zu führen. Bitte, denkt an euren Ruf, Mädchen. Eugenia, bleib auf deinem Zimmer, solange die Situation noch ungeklärt ist.“

„Natürlich, Mama. Ehe du mir nicht sagst, dass ich in Sicherheit bin, werde ich keinen Fuß vor die Tür setzen.“

Caroline verdrehte die Augen. Sie konnte es kaum erwarten, endlich zu ihrem Ritt aufzubrechen. Und sie war gewiss nicht bereit, sich wegen irgendwelcher dummen Konventionen von diesem Vergnügen abhalten zu lassen.

Sobald Lady Denby den Raum verlassen hatten, läutete Caroline nach Dulcie, damit diese ihr beim Anlegen des Reitkostüms half. Beim Anblick der Kleidungsstücke entschlüpfte ihr ein Seufzer. Wie viel bequemer war doch die Hose, die sie daheim trug. Tatsächlich war sie so klug gewesen, diese in ihr Reisegepäck zu schmuggeln. Natürlich musste sie angemessen angezogen sein, wann immer damit zu rechnen war, der Gastgeberin oder anderen Gästen zu begegnen. Doch wenn sie bereits in der Morgendämmerung ausritt, würde sie auf das Kostüm verzichten und stattdessen Hose und Stiefel tragen.

Ob sie auf ihren Ausritten einen der skandalumwitterten Ransleigh-Männer treffen würde? Im Gegensatz zu ihrer Stiefschwester fürchtete Caroline sich nicht vor einer Begegnung mit Alastair oder Max Ransleigh. Keiner der beiden würde so von ihrem Charme hingerissen sein, dass er sie auf einem Heuhaufen im Stall verführte.

In diesem Moment klopfte es, und Dulcie trat ein. „Wir müssen uns beeilen!“ Caroline befürchtete, Lady Denby könne zurückkehren und auch ihr befehlen, das Zimmer nicht zu verlassen.

Wenig später eilte sie im Reitkostüm zu den Stallungen.

Caroline genoss ihren Ausritt sehr. Sultan war der beste Hengst, den die Denby-Zucht bisher hervorgebracht hatte. Sie ließ ihn traben und galoppieren und kehrte schließlich im Schritt zurück.

Als sie den Hof vor den Stallungen erreichte, gestand sie sich ein, dass sie ein wenig enttäuscht darüber war, dass sie weder Alastair noch Max Ransleigh zu Gesicht bekommen hatte. Sie hätte so gern einmal einen echten Rogue kennengelernt. Ihre Stiefmutter wäre natürlich entsetzt, wenn sie davon erführe. Und wenn Lady Melross von einem solchen Treffen hörte, würde sie zweifellos überall herumerzählen, Miss Denby sei eine junge Dame mit viel zu lockeren moralischen Vorstellungen.

Aber vielleicht war es gar nicht so schlecht, wenn sie bei den Mitgliedern der guten Gesellschaft als ruiniert galt. Sie würde dann keine weitere Saison in London ertragen müssen, und sie könnte in Ruhe auf Harrys Rückkehr warten, um ihn zu heiraten.

Caroline glitt aus dem Sattel, übergab Sultan an einen der Stallburschen und machte sich auf den Weg zum Haus. Unterwegs überprüfte sie ihre Idee, ihren Ruf zu ruinieren, auf Schwachstellen. Lady Denby würde natürlich zunächst enttäuscht, unglücklich und verärgert sein. Doch bald schon würde sie mit Eugenia nach London übersiedeln, wo es bestimmt mehr als genug andere Skandale gab. Und dann wird bald niemand mehr an meinen Fehltritt denken, dachte Caroline.

Als sie ihr Zimmer betrat und nach Dulcie läutete, stand ihr Entschluss fest. Sie würde alles daransetzen, einen der Ransleigh–Rogues kennenzulernen. Vielleicht konnte sie ihn davon überzeugen, sie zu kompromittieren.

3. KAPITEL

Drei Tage später saß Max Ransleigh, ein Buch in der Hand haltend, im Gewächshaus von Barton Abbey.

Alastair war unterwegs, um sich um irgendwelche Farm­angelegenheiten zu kümmern. Da Max ihn nicht hatte begleiten wollen, war er auf die Idee verfallen, sich ins Gewächshaus zurückzuziehen, um ungestört zu sein.

Ruhelosigkeit erfüllte ihn. Daran war er inzwischen gewöhnt. Vor dem Zwischenfall in Wien war er stets beschäftigt gewesen. Die Tatsache, nun zum Nichtstun verdammt zu sein, belastete ihn nach wie vor sehr.

Er verspürte durchaus nicht den Wunsch, sich unter Mrs Ransleighs Gäste zu mischen. Aber er war dazu erzogen worden, aktiv am gesellschaftlichen und politischen Leben teilzunehmen. Ob es sich nun um Dinner-Gesellschaften mit ausländischen Diplomaten oder um vertrauliche Gespräche mit britischen Regierungsmitgliedern gehandelt hatte – zu seinen beruflichen Pflichten gehörte es, sich sicher zwischen all diesen Menschen zu bewegen. Er besaß ein ausgesprochenes Talent dafür, allen, mit denen er sich unterhielt, das Gefühl zu vermitteln, dass sie intelligent, gebildet, charmant und humorvoll waren und etwas wirklich Wichtiges zu sagen hatten. Ein Talent, das er vielleicht nie wieder brauchen würde …

Erneut regten sich Zorn und Enttäuschung in ihm. Er musste unbedingt eine neue sinnvolle Beschäftigung finden. Wofür sonst sollte er all die Energie aufwenden, die in ihm brodelte?

So tief war er in seine Gedanken versunken, dass er die Schritte, die sich ihm näherten, erst hörte, als sie ganz nah waren. Da er keinen anderen als Alastair erwartete, zwang er sich zu einem Lächeln und wandte sich um.

Der Anblick, der sich ihm bot, raubte ihm die Sprache.

Statt seines Cousins stand eine junge Dame vor ihm, die ein unglaublich geschmackloses Dinnerkleid trug. Der braunrote Stoff war mit Unmengen von pinkfarbenen Seidenrosen, Spitzenbor­düren und falschen Perlen besetzt. Insgesamt macht das Kleidung­stück einen so vulgären Eindruck, dass Max eine Weile brauchte, bis er sich so weit gefasst hatte, dass er den Blick heben und das Gesicht der jungen Frau anschauen konnte.

Ihre Augen blickten sehr ernst. „Mr Ransleigh?“, fragte sie und machte einen kleinen Knicks.

Da erst wurde ihm klar, dass sie wohl aus gutem Haus stammte, vermutlich zu den Gästen seiner Tante gehörte und sich ganz gewiss nicht bei ihm im Gewächshaus aufhalten sollte – zumal sie offenbar nicht von einer Anstandsdame begleitet wurde, wie ein rascher Blick in Richtung Tür bewies.

„Haben Sie sich verlaufen, Miss?“, fragte Max höflich und erhob sich. „Gehen Sie zurück zur Terrasse und halten Sie sich links. Die Terrassentür, die in den Großen Salon führt, steht bestimmt offen. Sie sollten keine Zeit verlieren, denn Ihre Mama vermisst Sie bestimmt schon.“ Mit einer Handbewegung bedeutete er ihr, dass sie sich beeilen musste, damit niemand sie hier bei ihm entdeckte.

Doch statt seine Anweisung zu befolgen, trat sie noch einen Schritt näher. „Ich habe nicht nach meiner Mama gesucht, sondern nach Ihnen. Und es war erstaunlich schwer, Sie zu finden. Drei Tage habe ich gebraucht, um Sie aufzuspüren.“

Max trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Wenn er die Einladung einer Gastgeberin annahm, die auch unverheiratete junge Damen unter ihrem Dach beherbergte, verhielt er sich seit jeher sehr vorsichtig. Er achtete peinlich genau darauf, sich niemals allein an einen Ort zu begeben, der sich, so wie das Gewächshaus, für ein heimliches Rendezvous eignete. Er zweifelte nicht daran, dass die Gäste seiner Tante ausgiebig über Alastair und ihn selbst geklatscht hatten. Dabei musste doch irgendwer die junge Dame in dem hässlichen Kleid vor ihm gewarnt haben!

Aber vielleicht verwechselte sie ihn ja mit Alastair. Allerdings war es kaum vorstellbar, dass eine ehrbare Jungfrau sich heimlich mit seinem als Rogue bekannten Cousin treffen wollte. Noch unvorstellbarer war es, dass Alastair, der sinnliche, weltgewandte und erfahrene Frauen schätzte, sich die Mühe machen würde, ein unschuldiges Mädchen auf Abwege zu führen.

„Bedauerlicherweise bin ich nicht derjenige, den Sie suchen, Miss“, erklärte er. „Mein Name ist Maximillian Ransleigh, und alle Welt würde es als überaus unpassend empfinden, dass Sie mit mir sprechen. In Ihrem eigenen Interesse sollten Sie jetzt …“

„Ich weiß, wer Sie sind“, unterbrach sie ihn. „Gerade deshalb wollte ich ja mit Ihnen reden. Ich …“ Ihre Wangen röteten sich. „Ich möchte Ihnen einen Vorschlag unterbreiten.“

Max wollte seinen Ohren nicht trauen. „Einen Vorschlag?“, wiederholte er.

„Ja. Übrigens bin ich Caroline Denby, die Tochter des verstorbenen Sir Martin Denby, dem Gründer des Denby-Gestüts.“

Dieses absurde Gespräch wurde immer absurder. Dennoch verbeugte Max sich. „Guten Tag, Miss Denby. Ich habe von Sir Martins Zuchterfolgen gehört. Darf ich Ihnen mein Beileid zum Verlust Ihres Vaters ausdrücken? Was alles Weitere betrifft, möchte ich allerdings vorschlagen, dass Mrs Ransleigh später ein Treffen zwischen uns arrangiert, bei dem Sie sich von einer Anstandsdame begleiten lassen. Sie verstehen doch, dass Ihr guter Ruf auf dem Spiel steht, wenn man Sie mit mir sieht?“

„Aber darum geht es doch! Ich möchte, dass mein Ruf ruiniert wird.“

Sie hätte nichts sagen können, was ihn mehr überrascht hätte.

Während er Miss Denby ungläubig anstarrte, fuhr sie in aller Eile fort: „Ich fürchte, die Situation ist ziemlich kompliziert. Da ich über eine beachtliche Mitgift verfüge …“, ihre Stimme nahm einen betrübten Klang an, „… wollen mich alle möglichen Gentlemen zum Altar führen. Und meine Stiefmutter ist davon überzeugt, dass eine Frau heiraten muss. Ich hingegen verspüre nicht den geringsten Wunsch, mich zu verehelichen. Deshalb wäre es gut, wenn man mich in einer kompromittierenden Situation mit einem Mann überraschen würde, der sich weigert, mich zur Frau zu nehmen. Dann wäre ich nämlich ruiniert. Meine Stiefmutter müsste ihre Bemühungen aufgeben, einen passenden Gatten für mich zu finden, denn kein ehrbarer Mann wäre bereit, mich zu heiraten.“

Blitzartig wurde ihm klar, warum sie ihn aufgesucht hatte. Einen Moment lang versteifte er sich vor Zorn. Dann wandte er sich mit einem kurzen Nicken und einem kalten „Adieu, Miss Denby“ ab und eilte zur Tür.

Caroline lief ihm nach, erwischte ihn am Ärmel und hielt ihn fest. „Bitte, Mr Ransleigh, hören Sie mich wenigstens an! Ich weiß, wie verrückt das klingt, und vielleicht habe ich Sie gekränkt, aber …“

„Miss Denby, das ist die mit Abstand verrückteste, beleidigendste und schockierendste Idee, die man mir je unterbreitet hat. Natürlich werde ich niemandem davon berichten.

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