Logo weiterlesen.de
Miranda – so stolz und so süss

1. KAPITEL

“Du musst eine Möglichkeit finden, Leo, wie du diese Ehe annullieren lassen kannst!”

Die Tante schloss die Augen und fächelte sich enerviert Luft zu. Es war ein milder Frühlingstag, aber dennoch brannte im Kamin ein Feuer, sodass der Raum überhitzt war. Am liebsten hätte Leo die Fenster weit aufgerissen, unterdrückte jedoch den Drang. Er beugte sich vor und erwiderte ruhig, aber in festem Ton: “Exaltiere dich nicht so, Tante Ellen. Julian war volljährig und im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte. Ich kann verstehen, dass diese Person nicht die Schwiegertochter ist, die du dir gewünscht hast, nehme indes an, dass er dir in dem Brief den Grund dafür erläutert hat, warum er die Ehe mit ihr eingegangen ist.”

“Er hat irgendwelchen Unsinn darüber geschrieben, sie hätte seiner Hilfe bedurft, weil ihr Vater gestorben und sie in einer sehr misslichen Lage gewesen ist”, erwiderte Tante Ellen in hysterischem Ton. “Diesen Brief hat mein armer Junge offenbar unter Druck verfasst, oder er war bereits zu krank.” Sie schluckte und holte dann tief Luft. “Manche Passagen waren unleserlich und wahrscheinlich auch nicht von großer Bedeutung. Er enthielt ohnehin nicht viele Fakten, sondern nur die Bitte, Miranda freundlich aufzunehmen. Und jetzt weiß ich auch, warum Julian sich nicht ausführlicher über seine Frau geäußert hat.”

“Verrate es mir, Tante Ellen.” Leos Stimme klang gelangweilt.

Sie warf ihm einen wütenden Blick zu, zwang sich jedoch zur Mäßigung. Ihr war klar, dass er sie für etwas überspannt hielt, doch selbst er musste einsehen, dass sie sich zu Recht aufregte. “Diese Person, die sich die Countess of Ridgeway nennt, ist verrufen, Leo! Ich wäre nicht im Mindesten überrascht, wenn sie Ridgeway gar nicht geheiratet hätte. Andererseits war er ein Schwächling, doch das tut hier nichts zur Sache. Als ich von Julian erfuhr, er sei verheiratet, habe ich den Namen seiner Frau nicht mit dem Count of Ridgeway in Verbindung gebracht. Natürlich war ich enttäuscht, habe mir jedoch gesagt, dass er sich aus Großherzigkeit mit dieser Person vermählt hat. Du weißt, dass er immer sehr hilfsbereit war.”

“Komm endlich zur Sache, Tante Ellen!”

“Gestern habe ich von Lady Petersham, die zurzeit in Italien weilt, einen Brief erhalten, in dem sie mir schreibt, Ridgeway habe kaum nachdem er seine erste Gattin, ein reizendes, liebenswürdiges Geschöpf, zu Grabe getragen hatte, zum zweiten Mal geheiratet und sei mit seiner Gemahlin nach Italien gezogen. Er ist vor einem Jahr gestorben, und mein armer, armer Julian habe dann die Witwe zur Frau genommen.”

Leo fragte sich, worauf die Tante hinauswollte. Schon vor einem Jahr hatte sie ihm von der Hochzeit seines Vetters und dessen Tod berichtet. Natürlich hatte es ihm leid getan, dass Julian gestorben war. Das traurige Kapitel war jedoch mittlerweile für ihn abgeschlossen gewesen. Jetzt stellte die Situation sich indes ganz anders dar, denn die Tante hatte ihm erzählt, ihre Schwiegertochter sei nach England unterwegs und gedenke, sich am nächsten Tag bei ihm einzufinden. Über diese Neuigkeit war er nicht erfreut.

Seit achtzehn Jahren war er das Familienoberhaupt, inzwischen fünfunddreißig und überzeugt, über genügend Lebenserfahrung zu verfügen. Er wusste, er war attraktiv, strahlte jedoch eine gewisse Kühle aus, die manche Leute daran zweifeln ließ, dass er ein Herz hatte. Julian, der eine sehr gute Menschenkenntnis gehabt hatte, hätte diese angebliche Gefühlskälte als Schutzschild gegen die großen Belastungen bezeichnet, denen Leo schon von früher Jugend an ausgesetzt gewesen war, und als Folge des von ihm als oberflächlich und nichtssagend empfundenen Lebens.

Er führte zwar ein geordnetes Dasein und verfügte über ein jährliches Einkommen von zwanzigtausend Pfund, hatte jedoch in letzter Zeit oft den Eindruck gehabt, es fehle ihm etwas. Wäre er sentimental gewesen, hätte er angenommen, er sehne sich nach Liebe, doch er war viel zu pragmatisch, um sich romantischen Neigungen hinzugeben.

“Julian war bestimmt vernünftig genug, sich eine Frau zu nehmen, die weder seinem guten Namen noch seiner gesellschaftlichen Stellung Schande machte, Tante Ellen!”

“Du scheinst noch immer nicht begriffen zu haben, Leo!”, entgegnete Mrs Fitzgibbon schrill. “Diese Person ist inakzeptabel. Mir ist völlig unerklärlich, warum er sie geheiratet hat. Wahrscheinlich hat sie sich bei ihm eingeschmeichelt, um einen respektablen Ruf zu bekommen, denn von ihrem kann man das nicht behaupten.”

Gleichgültig zuckte Leo mit den Schultern, und das verärgerte seine Tante noch mehr.

“Oh, Leo!”, sagte sie entrüstet. “Wenn dir schon nichts an meinen Gefühlen liegt, dann denk wenigstens an meinen armen, armen Jungen. Du musst etwas unternehmen!”

Leo unterdrückte eine bissige Bemerkung. Er schaute die Tante an, deren Wangen hektisch gerötet waren, und fand, er habe sie nie so aufgelöst erlebt. Innerlich seufzend sagte er sich, dass wahrscheinlich selbst der vernünftigste Mann Schwächen hatte. Vermutlich war die Countess of Ridgeway Julians Schwäche gewesen. Leo fand es zwar lästig, sich mit dieser Person befassen zu müssen, aber als Familienoberhaupt oblag es ihm zu handeln, und er gedachte sie so schnell wie möglich wieder loszuwerden.

“Wann müssen wir mit deiner Schwiegertochter rechnen, Tante Ellen?”

“Sie kann jederzeit hier eintreffen”, antwortete Mrs Fitzgibbon. “Sie hat mir mitgeteilt, sie würde am Vormittag mit der Postkutsche in London ankommen. Weißt du, wie man sie nennt? Lady Petersham hat das in ihrem Brief erwähnt. Kaum hatte ich das gelesen, brauchte ich mein Riechsalz.”

“Klär mich auf, Tante Ellen. Wie nennt man deine Schwiegertochter?”

“Die ‘dekadente Gräfin’!”

Leo verengte die blauen Augen. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass die Sache so schlimm war. Das hätte die Tante ihm von Anfang an sagen sollen. Die als die “dekadente Gräfin” bekannte Countess of Ridgeway war ihres höchst unkonventionellen Lebensstils wegen berüchtigt. Leo entsann sich nur vage an Ridgeway, da er nicht in denselben Kreisen wie dieser verkehrt hatte. Daher hatte er ihn nicht sofort, nachdem der Name von der Tante erwähnt worden war, mit ihrer Schwiegertochter in Verbindung gebracht. Nun jedoch fiel ihm ein, dass Ridgeway ein hochgewachsener, stets fröhlicher, beim Glücksspiel ständig vom Pech verfolgter Mensch gewesen war, ein netter Kerl, der sich seiner hohen Verluste wegen ins Ausland abgesetzt hatte. Dessen zweite Gattin hatte Leo nie getroffen, jedoch genug über sie gehört, um zu begreifen, dass sie als Mitglied seiner Familie vollkommen inakzeptabel war.

“Was mag Julian sich dabei gedacht haben, diese Frau zu heiraten?”, fragte er kopfschüttelnd.

Mrs Fitzgibbon lächelte zufrieden. Endlich hatte Leo eingesehen, worum es ging.

“Also gut”, fuhr er ärgerlich fort. “Ich werde deiner Schwiegertochter Geld geben und von ihr verlangen, dass sie nach Italien zurückkehrt.”

Miranda schob die Hände in den Pelzmuff und lehnte sich erleichtert zurück. Nach der neunstündigen Reise über den Ärmelkanal und sieben Stunden Fahrt in einer voll besetzten Postkutsche von Dover zeichnete die Erschöpfung sich deutlich in ihrem von der Sonne gebräunten Gesicht ab. Mit vierundzwanzig Jahren war sie noch zu jung, um für den Rest ihres Lebens Witwe zu sein. Ihre Ehe mit Julian war unter sehr ungewöhnlichen Umständen zustande gekommen. Sie hatte ihn gern gehabt, denn er war freundlich und großzügig gewesen. Gegen die Tränen anblinzelnd, besann sie sich ihrer inneren Kraft und war bemüht, das Gefühl der Trauer zu verdrängen. Es war nicht ihre Art, sich von Kummer überwältigen zu lassen und der Niedergeschlagenheit hinzugeben. Ihr war es lieber, sich voller Dankbarkeit und Gelassenheit an Julian zu erinnern, der nicht gewollt hatte, dass sie um ihn trauerte. Ihm hatte sie es zu verdanken, dass die langen Jahres des Exils in Italien zu Ende waren.

Sie hatte nie in dem Haus in Mayfair, das ihrem Vater gehörte, gelebt. Zunächst hatte sie mit der Mutter auf dem Land gewohnt, nach deren Tod die Schule in einem Mädchenpensionat in Hampshire abgeschlossen und war dann im Alter von sechzehn Jahren zu ihrem Vater und ihrer Stiefmutter nach Italien gezogen. Im Internat war sie von den Mitschülerinnen entweder bedauert oder beneidet worden. Ihr Vater war ein gut aussehender, aber charakterschwacher Mann gewesen, der sein Vermögen schon in jungen Jahren zu vergeuden begonnen hatte. Ihre Stiefmutter hingegen war weithin als die “dekadente Gräfin” bekannt.

Die Kutsche näherte sich der Gegend, in der Mirandas Angehörige lebten. Julian hatte Miranda noch kurz vor seinem Tod im November des vergangenen Jahres ein Schreiben an seinen Vetter mitgegeben, in dem er ihm mitteilte, die Überbringerin des Briefs sei seine Gattin, die Leos Hilfe bedürfe, damit sie sich nach dem langen Aufenthalt in Italien in der englischen Gesellschaft zurechtfände. Er versicherte seinem Cousin, dem Duke of Belford, sie sei liebenswert und umgänglich und werde ihm nicht zur Last fallen. Zum Schluss drückte er die Hoffnung aus, sich auf ihn verlassen zu können.

Die Chaise hielt, und in Gedanken stellte Miranda sich auf die erste Begegnung mit ihren angeheirateten Verwandten ein, von denen sie bisher niemanden kennengelernt hatte. Julian hatte ihr seinen Vetter jedoch in einem so positiven Licht geschildert, dass sie davon ausgehen konnte, Leo werde sie zwar nicht mit offenen Armen aufnehmen, aber doch Verständnis für ihre Lage aufbringen und ihr behilflich sein.

Beim Anblick von Julians Witwe begriff Leo sofort, warum der Vetter diese Frau mit dem seltsamen Beinamen “die dekadente Gräfin” geheiratet hatte. Nach dieser Erkenntnis empfand er Neid, ein Gefühl, dessen er sich nicht für fähig gehalten hätte. Er fragte sich, wie der liebenswürdige Julian es geschafft hatte, diese rassige Schönheit mit dem feuerroten Haar und den glänzenden dunklen Augen für sich zu gewinnen. Und dann hielt er sich vor, es sei sehr gut möglich, dass sie den Vetter für sich eingenommen hatte.

Sie hatte eine Ausstrahlung, die Leo das Herz, von dem so viele seiner Mitmenschen glaubten, er habe es nicht, schneller schlagen ließ.

Auch sie war überrascht. Sie war so erstaunt, dass sie sogleich den frostigen Empfang vergaß, der ihr durch den ihr die Haustür öffnenden Butler zuteilgeworden war. Sie hatte angenommen, ihr Cousin werde blaue Augen haben. Nun sah sie sich bestätigt, denn sie hatten eine sie faszinierende blaue Farbe, die noch eine Spur dunkler war als die der Augen ihres verstorbenen Gatten. Es fiel ihr schwer, den Blick von ihnen zu wenden.

Leo war so groß, wie Julian das gewesen war, jedoch breitschultriger, und hatte schimmerndes schwarzes Haar. Er strahlte Kraft aus. Kein Wunder, dass Julian ihm vertraut und ihr gesagt hatte, sie könne sich auf seinen Cousin verlassen. Man musste Vertrauen zu einem Mann haben, der so imposant war und derart gut aussah.

Plötzlich wurde sie sich bewusst, dass die andere anwesende Person sie angesprochen hatte. Sie wandte sich ihr zu und fragte höflich: “Wie bitte?”

Die untersetzte Mrs Fitzgibbon war das genaue Gegenteil ihres Sohns. Die einzige Gemeinsamkeit war das hellblonde Haar. Dennoch hatte Mrs Fitzgibbon eine mütterliche Ausstrahlung, die Miranda die Unsicherheit noch mehr nahm. Erleichtert sagte sie sich, nun würde doch noch alles gut.

Sie lächelte strahlend. Die Schwiegermutter reagierte darauf mit einem Stirnrunzeln und einem Kräuseln der Lippen. In ihre Augen trat ein eisiger Ausdruck. Erst in diesem Moment wurde Miranda sich der frostigen Stimmung bewusst.

“Leo ist das Oberhaupt der Familie”, sagte Mrs Fitzgibbon. “Du musst mit ihm sprechen. Ich bin noch immer so von Kummer überwältigt, dass ich nicht mit dir reden kann, Adela.”

Miranda öffnete den Mund, um der Schwiegermutter zu sagen, sie sei Miranda und nicht Adela, ihre Stiefmutter, kam jedoch nicht dazu.

“Ich befürchte, Adela, dass du die weite Reise so gut wie umsonst gemacht hast”, sagte der Herzog. “Julian war zwar sehr charmant, aber nicht reich. Ich nehme jedoch an, dass du das inzwischen weißt. Ihm gehörte ‘The Grange’, doch das Herrenhaus wurde unglaublich vernachlässigt und ist in sehr schlechtem Zustand. Keine vernünftige Frau hätte ihn nur dieses Anwesens wegen geheiratet.”

“In sehr schlechtem Zustand?”, brachte Miranda heraus. Julian hatte ihr gesagt, dass es sehr alt sei, er es jedoch liebe. Gewiss hatte er ihr kein baufälliges Haus hinterlassen.

“Nun, noch fällt es nicht in sich zusammen, Adela. Es gibt die Sage …” Abrupt hielt Mrs Fitzgibbon inne.

Miranda bemerkte den scharfen Blick, den Leo ihrer Schwiegermutter zuwarf. Sie begriff, dass ihre angeheirateten Verwandten sie ablehnten und sich gegen sie verschworen hatten, weil sie sie für ihre Stiefmutter hielten. Sie betrachteten sie als Feindin.

Leo hatte Mühe, seine Verstimmung zu verhehlen. Hoffentlich kannte Adela die Sage noch nicht, auf die seine Tante sich bezogen hatte. “The Grange” war der Glücksbringer der Familie, und es hieß, dass die Fitzgibbons aussterben würden, wenn es je in andere Hände überginge. Leo glaubte zwar nicht an diese Sage, wollte Julians Witwe jedoch nicht mit neuen Argumenten versorgen.

“Vielleicht hast du Julian aus Liebe geheiratet?”, fragte er in täuschend freundlichem Ton. “In diesem Fall würde niemand sich mehr darüber freuen als ich. Hast du meinen Vetter aus Liebe geheiratet?”

Miranda erinnerte sich an ein Gespräch, das sie mit Julian auf der Terrasse gehabt hatte. “Ich mache mir große Sorgen um dich, Miranda”, hatte er gesagt. Seine blauen Augen hatten noch mehr Besorgnis als sonst ausgedrückt. “Du weißt, ich werde sterben, nicht wahr? Natürlich weißt du das. Jedermann weiß das, weil ich kein Geheimnis daraus mache. Ich bin hier, weil meine Eltern darauf bestanden haben. Sie glauben, das Klima täte mir gut. Ich wollte sie nicht enttäuschen, befürchte jedoch, weder die Sonne noch der Wein können mich gesund machen.”

In ihrer einjährigen Bekanntschaft war Julian, was seine Krankheit betraf, immer sehr sachlich gewesen und hatte nicht zugelassen, dass man ihn bemitleidete. Er hatte geäußert, er habe sein Leben gelebt und sähe keinen Anlass, sich zu beklagen. Vor seinem Tod wolle er sich jedoch noch einen Wunsch erfüllen, Miranda heiraten und sie auf diese Weise vor ihrer berüchtigten Stiefmutter retten.

“Ich bin ein angesehener Mann, Miranda, und stamme aus guter Familie”, hatte er gesagt. “Die Fitzgibbons können ihre Vorfahren über Jahrhunderte hinweg zurückverfolgen. Unsere Ahnen waren immer sehr zielstrebig und haben stets bekommen, was sie wollten. Es hat also keinen Sinn, Miranda, mich zurückzuweisen. Ich will dir helfen, und das werde ich tun.”

Sie wurde sich gewahr, dass Leo sie beobachtete und sichtlich auf eine Antwort wartete. Plötzlich lächelte er. Sein Lächeln war wie eine Offenbarung. Miranda wäre nicht weniger aus dem inneren Gleichgewicht geraten, hätte er ihr über die Wange gestrichen.

Unvermittelt furchte er die Stirn, und sein Blick wurde argwöhnisch. Miranda starrte ihn an. Leo und ihre Schwiegermutter hielten sie offensichtlich für ihre Stiefmutter. Sie musste ihnen mitteilen, dass sie nicht Adela war. Sie öffnete den Mund, um diesen Punkt klarzustellen, und zog gleichzeitig ihr Ridikül auf, in dem sie Julians Brief hatte.

“Es war also doch keine Liebesheirat? Wie schade! Nun, lass uns ehrlich zueinander sein, Adela. Ich glaube, du bist jemand, der ein offenes Wort zu schätzen weiß.”

Die Stiefmutter hätte jetzt gelacht und eine anzügliche Bemerkung gemacht. Miranda hingegen war so perplex, dass sie kein Wort herausbrachte. Leo redete in so sachlichem Ton weiter, als spräche er über irgendetwas Belangloses. Sie konnte nicht wissen, dass er trotz seines zivilisierten Benehmens innerlich ebenso aus der Fassung gebracht war wie sie.

Und der Umstand, dass er aus dem inneren Gleichgewicht geraten war, machte ihn ärgerlich.

“Ich werde dir zehntausend Pfund geben. Diesen Betrag lasse ich deiner Bank in Italien überweisen, und du kannst die Summen abheben, die du von Fall zu Fall benötigst. Außerdem zahle ich dir die Rückreise und erwarte, dass du für immer in Italien bleibst. Es versteht sich von selbst, dass ‘The Grange’ in den Besitz der Familie zurückfällt.” Leo lächelte wieder, doch nun hatte dieses Lächeln für Miranda den Zauber verloren.

Er war ein Teufel, und sie fing an, ihn zu hassen.

Er bemerkte das Glitzern in ihren wundervollen Augen. Endlich hatte er ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie war nicht glücklich darüber, dass er ihr mieses Spiel so schnell durchschaut hatte. Nun, sie würde noch unglücklicher sein, wenn er mit ihr fertig war. Er näherte sich ihr einen Schritt und versuchte, sie einzuschüchtern. Sie ließ sich jedoch sichtlich nicht verängstigen. Im Gegenteil, sie straffte sich und schaute ihn herausfordernd an. Wider Willen war er beeindruckt. Sie hatte Mut. Das musste er ihr lassen. Er fand es schade, dass sie so skrupellos und unmoralisch war.

Erstaunt merkte er, welche Richtung seine Gedanken nahmen, und rief sich zur Ordnung. “Du glaubst vielleicht, dass du durch die Ehe mit Julian die Gans bekommen hast, die goldene Eier legt”, sagte er leise, aber drohend. “Indes kannst du sicher sein, Adela, dass dies das einzige goldene Ei ist, das du je von mir bekommen wirst. Solltest du zurückkommen und mehr haben wollen, werde ich nicht so großzügig sein. Ich betrachte es als schlechten Stil, einen ahnungslosen Mann in die Ehefalle zu locken.” Er richtete den Blick auf das Papier, das sie aus dem Ridikül genommen hatte. “Was ist das?”

Miranda zwinkerte. Das Ultimatum, das er ihr gestellt hatte, denn nichts anderes war es, hatte sie innerlich erstarren lassen. Sie sah, dass er auf Julians Brief blickte, den sie aus dem Ridikül genommen hatte, um ihn Leo zu zeigen und ihm zu sagen, er sei einem Trugschluss erlegen.

Einen Moment lang fühlte sie sich versucht, ihm die Wahrheit zu sagen und das schreckliche Missverständnis aufzuklären. Die Verärgerung über Leos Betragen war jedoch zu groß, wurde immer stärker und verdrängte alle vernünftigen Gedanken. Miranda fragte sich, wie Leo es wagen konnte, in dieser Weise mit ihr zu reden und ihr zu drohen. Schließlich war sie in der Hoffnung hergekommen, so aufgenommen zu werden, wie es ihr als Julians Witwe zustand. Die unfreundliche Haltung würde der Schwiegermutter und vor allem Leo noch leidtun!

“Was das ist?”, fragte sie scharf. “Das ist die Aufstellung meiner Ausgaben, Leo!” Wütend schaute sie ihn an.

Der zornige Ausdruck in ihren Augen irritierte ihn flüchtig. Er holte tief Luft und fand, sie sei eine wahre Schönheit. Wie schade, dass sie eine so durchtriebene Person war. Erneut begriff er, wie leicht ein für ihre Reize empfänglicher Mann ihr in die Krallen geraten konnte. Ihr makelloser Teint, ihre vollen Lippen, ihre schlanke, wohlgeformte Figur …

Unvermittelt kam Leo ein erschütternder Gedanke. Er furchte die Stirn. Adela war eigentlich viel zu jung, um die “dekadente Gräfin” sein zu können. Ihm war aufgefallen, dass sie, als sie in den Salon kam, von der langen Reise sehr abgespannt und müde gewirkt hatte. Jetzt hatte sie die Erschöpfung jedoch überwunden und strahlte Vitalität und jugendliches Feuer aus. Er verengte die Augen und überlegte, ob Italienerinnen auf schönheitsfördernde Hilfsmittel zurückgreifen konnten, von denen man hier noch nie etwas gehört hatte.

Nachdem ihm dieser Widerspruch bewusst geworden war, stellte er fest, dass es noch andere Diskrepanzen gab. Zunächst hatte Adela ziemlich unsicher gewirkt, fast schüchtern, jedenfalls nicht wie eine welterfahrene Frau. Sie hatte ganz und gar nicht dem Eindruck entsprochen, der bei ihm nach der Beschreibung seiner Tante von ihrer Schwiegertochter entstanden war. Vielleicht war dieses wechselnde Betragen Teil ihres schäbigen Spiels.

Leo zog die Stirn noch mehr in Falten und näherte sich der angeheirateten Cousine noch einen Schritt. Er wusste nicht genau, was er tun oder sagen würde, hatte jedoch vor, sie noch weiter zu befragen.

“Was meinst du mit Ausgaben, Adela?”

Miranda lächelte süßlich. “Man hat mir gesagt, meine Forderungen seien etwas hoch, es jedoch wert, beglichen zu werden.”

“Forderungen!” wiederholte Mrs Fitzgibbon entsetzt und legte die Hand auf den wogenden Busen. “Mein armer, armer Junge.”

Leo hatte keinen Zweifel mehr. Nur eine Abenteurerin konnte so freimütig reden. Er wusste jetzt, dass sie, auch wenn sie zu Beginn einen zurückhaltenden Eindruck gemacht hatte, noch verdorbener war, als man sie ihm beschrieben hatte. Er würde dafür sorgen, dass sie seiner Familie nie mehr zur Last fiel.

“Ich bin sicher, Tante Ellen, dass Adela vernünftig ist und mein Angebot annehmen wird.” Seiner Stimme war nicht anzuhören gewesen, was wirklich in ihm vorging. Nur jemand, der ihn gut genug kannte, hätte bemerkt, dass sein Blick frostiger geworden war und eine leichte Röte seine Wangen überzog, beides Anzeichen dafür, dass er innerlich vor Wut kochte.

Miranda lachte. Die Wut machte sie kühn. Am liebsten hätte sie Leo an den Revers seines Gehrocks ergriffen und ihn heftig geschüttelt. Man hielt sie also für vulgär und nicht für wert, eine Fitzgibbon zu sein? Gut, dann sollte man merken, wie vulgär sie sein konnte!

“Ich werde darüber nachdenken. Mehr kann ich im Moment nicht dazu sagen. Ich bin hergekommen, um mich zu amüsieren, und das gedenke ich zu tun. Bitte, sag mir, Leo, wo ich die elegantesten Geschäfte finden kann, und bei wem ich mich sehen lassen muss. Außerdem erwarte ich, dass du mir den Zutritt zu Almack’s ermöglichst. Ach, und nenn mir die wichtigsten Spielclubs. Ich habe vor, mir jede Art Vergnügen zu verschaffen.”

Beim Sprechen hatte sie die kokette Art der Stiefmutter imitiert und sah, dass die Schwiegermutter und Julians Cousin über ihre Äußerungen erschüttert waren.

Mrs Fitzgibbon wurde blass. “Aber du kannst doch nicht … und ohne Begleitung …”

“Oh, ich bin sicher, dass niemand Anstoß daran nehmen wird, wenn ich allein ausgehe. Schließlich bin ich die Witwe deines Sohns. Und unser Familienname ist doch sehr angesehen, nicht wahr?” Hochnäsig schaute Miranda die Schwiegermutter und deren Neffen an. “In Italien tue ich immer das, was mir gefällt. Aber das habt ihr natürlich schon gehört.”

Die eintretende Stille war sehr beredt.

“Wo wohnst du hier?” erkundigte sich Leo. “Im Hafenviertel?”

Miranda wusste nicht, dass es seiner übel beleumdeten Schenken wegen berüchtigt war, vermutete das jedoch angesichts des boshaften Ausdrucks in Leos Augen. Unwillkürlich krampfte sie die Finger fester um das Ridikül und wünschte sich, es möge Leos Hals sein. Am liebsten hätte sie ihn so lange gewürgt, bis sein süffisanter Blick zerknirscht wurde.

“An sich hatte ich hier wohnen wollen”, antwortete sie, warf einen Blick durch den Salon und täuschte durch ein Naserümpfen Missfallen an der eleganten Einrichtung vor. “Aber ich habe mich anders entschieden. Ich bin eine erlesenere Umgebung gewohnt. In Italien ist alles so farbenprächtig. Ich hätte nicht gedacht, dass deine herzogliche Residenz, Leo, so langweilig ist. Nein, ich werde mich in ein Hotel begeben. Welches empfiehlst du mir?”

Er starrte sie an, als würde er sie am liebsten erwürgen.

“Ich … ich glaube, das ‘Armstrong’ soll sehr gut sein, Adela”, antwortete Mrs Fitzgibbon zögernd.

“Danke. Gut, dann werde ich dort absteigen und dir später die Rechnung schicken, Leo.”

Er neigte leicht den Kopf.

Miranda drehte sich um und verließ den Salon.

Offenen Mundes und aus weit aufgerissenen Augen starrte Mrs Fitzgibbon den Neffen an. “Du hast gesagt, du würdest die Sache erledigen”, brachte sie zitternd heraus. “Jetzt hast du alles nur noch schlimmer gemacht, Leo!”

Er drehte ihr den Rücken zu, ging zu einem Fenster und blieb davor stehen. Ihm war schwindlig, und er befürchtete, er habe sich eine Erkältung zugezogen. Er fühlte sich ganz und gar nicht auf dem Posten, und das erklärte wohl, warum er die Situation so ungeschickt gehandhabt hatte.

Er war zu sehr daran gewohnt, seinen Kopf durchsetzen zu können und alles so zu arrangieren, wie es ihm passte. Er war stets imstande gewesen, sein Leben zu kontrollieren, hatte jetzt jedoch plötzlich das Gefühl, nicht mehr Herr der Lage zu sein.

Eine schlanke Gestalt erschien vor seinem Haus auf der Straße. Die “dekadente Gräfin” steckte die Liste in ihr Ridikül, rückte ihren Hut zurecht und stieg dann in die vor dem Portal stehende Kutsche. Das Gefährt fuhr ab und war bald nicht mehr zu sehen.

Leo, den im Allgemeinen nichts so leicht aus der Fassung bringen konnte, war zutiefst beunruhigt.

2. KAPITEL

Das “Armstrong” war ein großes, elegantes und sehr bequemes Hotel. Leider war Julian, wie sein grässlicher Vetter ihr zu verstehen gegeben hatte, nicht reich. Das Hotel war jedoch offensichtlich für reiche Gäste bestimmt. Eine so belanglose Kleinigkeit beunruhigte Miranda im Moment indes nicht, weil sie noch viel zu wütend war. Sie erkundigte sich nach einem freien Zimmer, bekam es und stieg, gefolgt von Lakaien, die ihr das Gepäck hinterhertrugen, die Haupttreppe hinauf. Ehe sie Italien verlassen hatte, war sie so geistesgegenwärtig gewesen, sich von der Bank ihres Vaters einen Brief geben zu lassen. Der Angestellte in der Bank war zu höflich gewesen, sie darauf hinzuweisen, der Kreditrahmen ihres Vater sei nicht sehr groß. Der Hauptzweck des Schreibens bestand darin, ihre Identität zu bestätigen und, was ebenso wichtig war, ihre Verwandtschaft mit dem Duke of Belford.

Der Empfangschef des Hotels hatte sich vor Servilität fast überschlagen.

Nachdem die Zimmertür geschlossen worden war und Stille im Raum herrschte, ließ Miranda sich in einem brokatbezogenen Sessel nieder und dachte über ihre Lage nach. Sehr viele Möglichkeiten hatte sie nicht. Leo hatte sie, und damit auch Julian, im Stich gelassen. Sie war sich darüber im Klaren, dass ihre Verwandten sie nie willkommen heißen würden. Im Gegenteil! Sie konnte von Glück reden, wenn die Schwiegermutter und Leo überhaupt noch ein Wort mit ihr redeten. Aber das war ihr gleich. Was sie betraf, so konnten beide sie in alle Ewigkeit für ihre Stiefmutter halten.

Wäre die Situation nicht so prekär gewesen, hätte Miranda darüber gelacht. Adela war vierzig Jahre alt, obwohl man ihr das nicht ansah. Sie war noch sehr attraktiv, wenngleich sie mehr und mehr auf kosmetische Hilfsmittel zurückgreifen musste. Äußerlich unterschied sie sich sehr von Miranda. Sie war zierlich, hatte schwarzes Haar und ein kleines, spitzes Gesicht. Miranda war sicher, dass weder die Schwiegermutter noch deren Neffe ihre Stiefmutter je kennengelernt hatten.

Die “dekadente Gräfin”!

Diesen Beinamen hatte Miranda schon in Hampshire in der Schule gehört und nie vergessen. Sie fand, er passe nicht gut zu ihrer Stiefmutter, begriff jedoch, warum diese so genannt wurde. Adela konnte sehr anzüglich lächeln und hatte oft einen ebenso anzüglichen Ausdruck in den Augen. Schon bevor sie Mirandas Vater geheiratet hatte, war sie etwas leichtlebig gewesen. Als seine Witwe nahm sie jetzt jedoch nicht die geringste Rücksicht auf gesellschaftliche Gepflogenheiten und tat stets das, was ihr gefiel.

Nach der Ankunft in Italien war Miranda geneigt gewesen, die Stiefmutter nicht zu mögen, da diese sich sehr von ihrer sanftmütigen und zurückhaltenden Mutter unterschied. Die Stiefmutter war faul und sorglos, und ihre moralischen Vorstellungen ließen in mancher Hinsicht sehr zu wünschen übrig. Aber sie war auch sehr lustig, lachte viel und hatte ein gutes Herz. Sie war großzügig und konnte nie widerstehen, wenn sie Leid und Not sah. Daher war ihr Haus stets voll von Bedürftigen, indes auch von Leuten, die Mildtätigkeit nicht verdient hatten.

Miranda hatte oft versucht, sie in jeder Hinsicht zur Mäßigung anzuhalten, doch ohne Erfolg. Schon vor dem Tod des Vaters war seine zweite Frau in ihrem Haus von merkwürdigen Gestalten – wirklich Notleidenden, ehrlich Verzweifelten und manchmal sogar zwielichtigen Leuten – umgeben gewesen.

Nach dem Tod des Vaters vor einem Jahr hatte Miranda sie nicht verlassen. Wohin hätte sie sich auch wenden sollen? Außerdem hatte sie die Stiefmutter inzwischen trotz oder gerade ihrer Fehler wegen lieb gewonnen.

Selbst Julian hatte seine angeheiratete Schwiegermutter gemocht, auch wenn er nicht mit allem einverstanden gewesen war, was sie tat. Die Umstände, unter denen Miranda lebte, hatten ihn natürlich entsetzt. Nachdem sie in Italien eingetroffen war, hatten sie, ihr Vater und ihre Stiefmutter von der Hand in den Mund gelebt. Zu Lebzeiten ihres Vaters hatte sie sich einigermaßen sicher gefühlt, weil er sich in seiner sorglosen Art doch um sie gekümmert hatte. Unglücklicherweise war er schwer erkrankt und dann gestorben. Danach hatte Miranda mit ihrer Stiefmutter und deren zunehmend zwielichtiger werdenden Gästen in der heruntergekommenen Villa gelebt.

Zu dieser Zeit war Julian sehr um sie besorgt gewesen, und nicht zu Unrecht, weil sie eines Tages von einem Verehrer ihrer Stiefmutter gegen ihren Willen geküsst worden war. Danach hatte sie begriffen, dass sie mit ihrem guten Aussehen in der Villa nicht mehr sicher war. Die Stiefmutter hatte zwar den Mann, von dem Miranda belästigt worden war, des Hauses verwiesen, aber es war klar, dass andere Männer seinem schlechten Beispiel folgen würden. Damals hatte Miranda Julian erst ein halbes Jahr gekannt.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Miranda - so stolz und so süß" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen