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Mir ist so federleicht ums Herz

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Zitat
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. 24
  29. 25
  30. 26
  31. 27
  32. 28
  33. 29
  34. 30
  35. 31
  36. 32
  37. 33
  38. 34
  39. 35
  40. 36
  41. 37
  42. 38
  43. 39
  44. 40
  45. 41
  46. 42
  47. 43
  48. Danksagung

Ob das, was ich geschrieben habe,
mit der Realität übereinstimmt oder nicht,
ist mir egal. Denn der Romancier erfindet die Realität …

Alain Robbe-Grillet

1

Eigentlich hatte Wolfgang neben der Kutsche hergehen wollen, im hellen Sonnenschein, aber es war Nacht und nieselte, als die Frau Mama und er, mit der Mietkutsche aus Südosten kommend, aus München, am Hohen Zoll vorbei über die Lechbrücke donnerten, auf den Umweg einlenkten und beinahe die gesamte Stadt umfahren mussten, weil der Rosselehner um die Mittagszeit herum getrödelt hatte. Zur Nachtzeit im Oktober durfte nur das Gögginger Tor im Südwesten länger geöffnet bleiben. Bis neun Uhr, hatte ihnen der Kutscher vor Friedberg mürrisch erklärt. Das sei gerade so zu schaffen.

Neun Stunden Fahrt hatten sie hinter sich und waren erschöpft vom Schlagen der Räder, dem unregelmäßigen Takt der Hufe im Schlamm, vom Schaukeln und Festhalten, wenn sich die Kutsche überlehnte und man glaubte, sie werde umstürzen. Geschlafen hatte er in der Enge des Verschlags, zusammengerollt, so gut es ging, aber jetzt war er hellwach und bemerkte, dass der Wagen die Straße entlang der Befestigung nahm. Laternen auf den Mauern und an den Toren. Wolfgang riss die Augen auf. Mondlos dunkel der Himmel, feiner Regen wehte gegen die Kutschenverschläge, und der Wagen mühte sich den ansteigenden Wallweg hinauf, während die Lichter wie Flecken in alles umfassender Schwärze lagen. Rechter Hand ahnte er die Mauern mehr, als er sie sah.

»Augsburg! Finster wie die Hölle!«, flüsterte er.

Die Frau Mama neben ihm lehnte gegen die Innenbespannung der Kutsche, den Mund halb offen, und schnarchte leicht. Er ahnte sie nur. Tiefschwarz alles im Kutscheninnern. Er dachte an Augsburg, und die Glieder schmerzten. Zu lange hatte er stillgesessen und musste sich jetzt, die letzten Minuten, zwingen. Reglos starrte er hinaus in die Nacht, wartete, versuchte die Stadt zu riechen. Eine modrige Ausdünstung aus dem Graben stieg ihm in die Nase, gemischt aus Pferdemist, Schweinekot und der Feuchtigkeit der Mauer.

Endlich erreichten sie das Gögginger Tor, zahlten das Torgeld, durchfuhren die Mundöffnung, und die Kutsche ratterte die Straße entlang und abwärts. Zwei Zimmer waren im Gasthof Zum Weißen Lamm für die Mutter und ihn reserviert. Lange schon. Vorausgeplant vom Vater, der in Salzburg hatte zurückbleiben müssen. Über den Geschäftsfreund Glatz waren Unterkunft und Preis geregelt worden, was für heute lange Verhandlungen überflüssig machte, und ihm im Augenblick recht und bequem war.

Wolfgang beugte sich aus dem Verschlag, wollte sich orientieren, Bekanntes erinnern. Kaum dass er die Nase aus der Kutsche stecken konnte. Die Gassen waren eng. Dicht an den Wänden entlang knatterte die Kutsche über kleinköpfiges Pflaster, das hundertfach spiegelte. Niemanden sah er auf den Straßen, und wenn, dann mit einer Laterne in der Hand. Sie traten hinter ihnen wieder aus den Hauseingängen, in die sie sich beim Herannahen des Gefährts geflüchtet hatten. Als wollte der Schwager die Augsburger überfahren, dachte er und lachte. Genau das wollte er mit seiner Musik.

Unruhe trieb ihn aus dem Sitz, hin zur anderen Seite, dort war mehr Platz, dort konnte er den Kopf ganz hinausstrecken. Er kletterte über die Beine der Mutter, die sofort erwachte.

»Nicht so hastig!«, sagte sie.

Er spürte ihre Hand nach ihm tasten, ihm über den Rücken streichen wie einem Kind. Verärgert schüttelte er sie ab. Als er den Kopf aus dem Verschlag streckte, wehte ihm Nässe ins Gesicht. Sie stach ihm in die Augen, aber er wollte diese nicht schließen, wollte dieses Augsburg aufnehmen, sich vergewissern, was es für eine Stadt war. Doch in der Dunkelheit und Enge nahm er nur den muffigen Geruch nach Fäkalien und Fäulnis wahr, unter den sich der Duft nach reifen Äpfeln mischte, die für ihn unsichtbar blieben.

Hier also war der Herr Papa geboren. Der Oheim, die Tanten lebten noch, wohlgelittene Bürger, bodenständig, stadtergeben. Hatten es zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. Die Frau Mama und er waren avisiert.

»Augsburg?«, fragte sie, und er bejahte. »Erinnere mich daran, dem Oheim ein Billett zu schicken. Heute noch. Er wartet.« Sie fuhr ihm mit der Hand unter den Zopf, streichelte ihn erneut.

Er nickte zerstreut. Die Melodie ihrer Stimme liebte er, dieses schläfrige Timbre in Moll, das ihr eigen war, bis sie vollständig erwachte. Ihr Ton passte zum vieltaktigen, rasselnden Schlag der Räder und Hufe, war eigentümlicherweise in den Rhythmus der Räder hineingesprochen, die auf die Pflastersteine schlugen. Ramtatatamtataramta spann sich ihre Feststellung in seinem Kopf fort wie ein Faden und verschmolz mit seinen Erinnerungen, als müsse er von der Mutter etwas für sich bewahren.

Endlich hielt die Kutsche vor dem Gasthof, mit erschöpften Gäulen, die ihre Köpfe hängen ließen, unter dem Geschirr schäumten. Ein gewaltiger Komplex baute sich vor ihm auf, so dass Wolfgang glaubte, er fahre bei einem Schloss vor. Unruhig reagierte er, wollte hinaus, das Gebäude sehen. Kaum dass er die Zeit fand, den Verschlag zu öffnen. Ihm hätte es genügt, durchs Fenster zu steigen, aber die Frau Mama hielt ihn zurück.

»Wolferl! Benimm dich. Sei kein Kindskopf!«

Kindskopf, sagt sie, dachte er. Kindskopf, Trollzopf, Hosenknopf, Butterzopf. Kindskopf war er keiner mehr. Wolfgang stolperte, als er aus dem Verschlag sprang. Die Beine müde und steif. Vor ihnen wurde eine Tordurchfahrt aufgestoßen. Der Rosselehner lenkte die Kutsche hindurch. Wolfgang wartete, bis die Gepäckhürde ins Dunkel verschwunden war, dann folgte er dem Wagen.

Im Innenhof begrüßte sie Fackellicht. Von einem jungen Handlanger, der gebückt herbeieilte, wurden sie ins Haus geführt. Sofort war Wolfgang im Gespräch mit ihm, fragte, bohrte.

Im Gasthof helfe er nur für einige Stunden aus, erfuhr er. Kein Diener sei er, sondern schleppe nur das Gepäck spät ankommender Reisender auf die Zimmer, entleere morgens die Nachttöpfe, fülle frisches Wasser in die Waschschüsseln. Mattheis heiße er und sei vom Gern, dem Häusler vom Klinkertor der Sohn.

Nach Pferd roch er, weil er im Stall übernachtete. Wolfgang stieg der Geruch in die Nase, scharf und ätzend, während sich die Mutter mit dem Gastwirt unterhielt, die bestellten Reservierungen einlöste, für das Frühstück etwas zu essen orderte. Nur am Rande drangen diese Erledigungen in sein Bewusstsein, folgte er ihnen mit halbem Ohr. Neugierig schaute er der Frau Mama zu, bis ihm einfiel, dass diesmal nicht der Vater seine ordnende Hand über ihn hielt, dass er selbst mehr unternehmen musste, als auf seinen Instrumenten zu üben und ansonsten in den Tag zu träumen, dass er mit Fürsten und Bürgerlichen plaudern musste, um seine Kunst präsentieren zu dürfen. Aber lieber unterhielt er sich mit dem Pferdejungen, fühlte sich mit ihm enger verbunden als mit dem hochhaxigen Ratsgestelze und Adelsgeprotz. Seiner Frau Mama überließ er heute das Regeln und Richten – morgen würde er sich um alles kümmern, nur heute, heute nicht –, und er stieg die Treppe hinauf, hinter dem Jungen her, der zwei Koffer schleppte, einen auf dem Rücken, den anderen in der Hand, und der kaum mehr darunter zu sehen war. Wolfgang selbst trug, neben einer Tasche mit den Notenpapieren, nur den Geigenkasten, ängstlich an den Körper gepresst, mehr nicht. Kaum dass er ging, er sprang, tänzelte, verspielte sich beim Treppensteigen mit Hüpfschritten treppauf, treppab, und hätte beinahe nicht bemerkt, dass der Junge vor ihm um die Ecke gebogen war.

Zwei Stufen hoch, drei zurück, vier hoch, zwei zurück, drei hoch, treppauf, treppab, treppab, treppauf, dann trippelnd, tippelnd, tänzelnd hinter dem Jungen her um die Biegung und durch die offene Zimmertür.

Sein Zimmer kam ihm nach der Enge der Kutsche vor wie das Paradies, geräumig, still und vom matten Schimmer zweier Kerzen beleuchtet. Die Kerzen selbst rußten, waren von minderer Qualität, aber heute störte ihn das nicht mehr. Bett, Schrank, Tisch, Stuhl, spartanisch einfach eingerichtet sein Zimmer, ein lausiger Teppich, der die Schritte kaum dämpfte. Das nahm er nebenbei wahr. Mit Wucht warf er sich aufs Bett, lag so, noch angekleidet, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Augen geschlossen, den Geigenkasten auf der Brust, den Kopf voller Tänze, ein Sammelsurium an Tönen, als die Mutter den Raum durch eine Verbindungstür betrat. Sie wohnte direkt nebenan.

Der Stalljunge war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben.

Er bemerkte sie, beobachtete sie durch seine Augenschlitze hindurch, wollte aber die Augen nicht öffnen, roch die Frau Mama, die erstaunlicherweise noch immer etwas von der frischen Salzburger Luft mit sich führte und plötzlich so fremd wirkte in Augsburgs muffiger Atmosphäre.

Vielleicht täusche ich mich auch nur, dachte er.

Sie sagte nichts, betrachtete ihn eine Weile, lächelte, fuhr sich mit einer Hand über die Stirn, massierte ihre Schläfen. Auch sie fühlte sich offensichtlich erschöpft von der Reise. Ihre hochtoupierte Frisur, die sie vor der Abfahrt mit Sorgfalt hatte brennen lassen, war zerdrückt.

Als sie ging, ließ sie die Zwischentür einen Spaltbreit offen stehen. Er hörte am Rascheln, dass sie ihr Kleid ablegte, vernahm das Klingen des Porzellans, als sie sich wusch, das Plätschern, während sie den Nachttopf benutzte. Dann schlüpfte sie ins Bett.

Längst war er zu sich zurückgekehrt, hatte die Augen geöffnet, blickte an die Decke, die Holzdecke, die durchzogen war von einer Vielzahl von Adern und Sprüngen. Wie Notenzeilen. Notenpapier an der Decke, auf dessen Linien die Kerzenschatten wie Achtel und Sechzehntel auf und ab flackerten. Seine Gefühle waren stumpf, zerschlagen vom Rattern der Räder, vom Schaukeln der Kutsche, hellwache Müdigkeit, aber Schlaf wollte sich nicht einstellen. Mit offenen Augen lag er da und starrte auf das Notenpapier am Plafond, das gefüllt werden wollte. Unwillkürlich bewegten sich seine Finger. Noch hörte er nichts, aber leise, im Hintergrund, hob ein Rauschen an, ein Raunen, dort, wo die Gedanken aufstiegen. Ganz hinten im Kopf, an dessen äußerstem Ende, formte sich eine Melodie. Er lauschte in sich hinein, aber es fehlte ihm die Fülle des Klangs. Hörte er nicht richtig? Sonst füllten Melodien seinen Kopf an, dass er glaubte, er müsse zerbersten. Heute war alles wie in Watte gepackt. Panik ergriff ihn für einen kurzen Moment, eine Angst, die ihn auch in seinen Nächten oft peinigte: dass er innerlich ertaubte, dass sich Stille um ihn senkte, dass die Musik in ihm endete. Aber da rauschten bereits Streicher in ihm auf, hell und kräftig, nur verzerrt und aus dem Rhythmus. Taub bin ich vom Lärm der Kutschfahrt, dachte er flüchtig und kontrollierte seine Ohren. Und dann fügten sich die Geigen dem stampfenden Rhythmus, dem Rollen der Kutschenräder, das ihm noch in den Gliedern hing, und die Noten flatterten auf das imaginäre Notenpapier an der Decke. Aber sie drängten und zogen und drückten. Zu langsam war das Reisetempo, zu gemächlich für seine Gedanken. Der Kutschentakt war nicht der seine. Er, Mozart, war schneller, eilender, bevorzugte den Herzrhythmus, seinen eignen Pulsschlag. Der trieb ihn auf. Er sprang aus der Bettstatt.

Mit großen Schritten rannte er auf und ab, so dass die Dielen knarzten und sich die Mutter nebenan unruhig wälzte, schwang die Arme, fuchtelte mit den Händen, ließ die Finger auf dem hölzernen Übungsklavier dahinfliegen. Dann erschrak er, stand plötzlich. Manchmal zweifelte er daran, dass seine Geschwindigkeit in diese Zeit passte. In ihm flog alles.

Langsam verklangen die Geigen, die Celli, der Bass. Sein Atem beruhigte sich, sein Blut. Aufschreiben musste er das, morgen, heute nicht mehr, für heute hatte er genug. Noch im Reisekleid legte er sich auf die Decke, verschränkte wieder die Arme hinterm Kopf. Kutschentakt unter der Schädeldecke, Schlagen der Räder, das Atmen der Frau Mama, ihre Stimme, deren Ton. Vom Zimmer nebenan drangen die Schlafgeräusche herüber. Sofort war er mit dem Gehör dabei. Das vertraute Schnarchen tat ihm wohl. Bekannte Töne vermittelten Heimat. Aber in der Fremde wirkten sie eigenartig fremd und fehl am Platz.

Froh, endlich Salzburg hinter sich zu wissen, vermisste er die Heimat, vermisste er das Nannerl, die Schwester, die ihm immer Freundin zugleich war. Sie hätte ihm jetzt raten können, denn einen Gedanken hatte er ganz hinten im Kopf verborgen, obwohl der die ganze Zeit versuchte, hervorzubrechen. Aber er hatte es ihm verboten – bis jetzt. Beim Oheim lebte seine Base. Vom letzten Besuch her kannte er sie flüchtig. Zu klein war sie damals gewesen, um seinen Sinn zu reizen, aber vergessen hatte er sie nicht. Jetzt musste sie in reifem Alter sein. Gehört hatte er von ihr, hinter vorgehaltener Hand, dass sie etwas lebhaft, dass sie umgänglich sei, mehr als zuträglich. Gefragt hatte er sich immer, was das bedeuten mochte, mehr als zuträglich? An sie dachte er, im Moment unter der Decke. Spielerische Lust empfand er.

Seine Gedanken verwirrten und verknoteten sich. Die nächsten Tage würden sie ihm ordnen. Heute löschte sie der Schlaf.

Nichts war wie Salzburg, und Augsburg war nicht die Welt.

2

Maria Anna hatte von ihm geträumt und erwachte so plötzlich, dass sie dabei erschrak. Gegen das Fachwerk pladderte Regen. Schwarz war es im Zimmer, schwarz wie im Inneren ihres Kopfes. Nichts sah sie außer den bunten Bildern des Albs auf dem Hintergrund ihrer Augen. Maria Anna wälzte sich auf den Rücken, das Strohbett bis ans Kinn heraufgezogen. Ein scheußlicher Traum, den sie am liebsten hätte vergessen wollen, der ihr aber im Magen schmerzte. Sie legte die Hand auf den Bauch, ließ sie sanft kreisen und spürte die feinen Härchen dort. Wie eine Welle lief ihr ein Schauer über den Körper.

Den Wolfgang hatte sie kommen sehen, vorneweg war er getänzelt, dahinter die Tante, langsamer, mühsamer, den Kopf gesenkt. Mit hochroten Backen hatte sie, Maria Anna, die Tür geöffnet und die Arme aufgehalten, damit der Cousin sie umarme, begrüße, drücke –, aber der lief an ihr vorüber und die Straße entlang, sah sie nicht einmal an. Und sie stand da, die Arme ausgestreckt wie eine Vogelscheuche und ebenso dümmlich mit ihren krebsigen Wangen. Ihr zitterten noch die Lippen, stieg das Wasser der Wut in die Augen. Sie hatte ihm hinterhergerufen, Wolfgang, Wolferl, Wolf, aber er hatte sich nicht umgewandt, drehte sich nur um sich selbst, als würde ihn ein Wirbel in Pirouetten um und um treiben wie eine Tanzmaus. Verschwand hinter der Straßenbiegung. Aus ihren Augen. Zurückgeblieben war die Demütigung.

Das junge Ding aus Augsburg, dachte sie, war ihm, dem Hochberühmten, nicht einen Blick wert, nicht ein Innehalten. Provinzpomeranze, schrie es in ihr, und sie erschrak so darüber, dass sie die Augen aufriss. Doch das Bild blieb.

Jetzt ärgerte sie sich, weil sie ihn überschwänglich hatte willkommen heißen wollen, dabei schien er nur in sich selbst zu Hause zu sein.

Es zog durchs Fenster. Regentropfen schlugen auf die Lamellen, klackten gegen den Holzladen, Wind pfiff in Böen durch die Ritzen. Das Unwetter dieser Nacht jagte um die Häuserecken wie ein Nachtmahr. Sie fror. Maria Anna zog die Decke höher, bis sie ihr über den Mund reichte. Ihre Wut über die Missachtung ließ sie die Beine anziehen, sich einkugeln. Mutlos steckte sie die Hände zwischen die Schenkel, wärmte sie so, spürte das Linnen des Nachthemds.

Wolfgang durfte sie nicht einfach übersehen, als sei sie eine Unscheinbare, eine Nichtssagende. Vor Jahren war sie ihm begegnet, dem Wunderkind, zusammen mit dem Oheim, aber da gehörte sie noch ins Bett, wenn die Herren redeten, wenn der Vetter aufspielte.

Wie ein hohler Husten wummerte das Wetter gegen die Fassade, immer erschöpfter, immer schwächer, und als es langsam einschlief, entglitt ihr die Wut, und sie pfiff auf den Vetter. Der spitzte hinter der Biegung vor, lachte sie an, tänzelte auf sie zu, nahm ihre Arme, die längst wieder am Körper anlagen, und breitete sie aus, damit er sie sehen konnte. Sie fühlte, wie sich ihre Brüste hoben unter dem Mieder, und wie er sie langsam drehte, als Connaisseur, als Großstädter eben, der die Damenwelt erlebte und jetzt verglich …

Der frühe Tag fand sie mit hochroten Wangen und in großer Aufregung. Die Tante hatte Mitteilung machen lassen. Gestern sei sie angekommen, mit dem Herrn Sohn.

In der kleinen Küche wurde es hektisch. Pfannen schepperten, der Ofen glühte, irdene Schüsseln verbreiteten ihren hohlen Klang, die Messer hackten. Man bereitete das Mittagsmahl vor, schnitt, putzte, buk. Natürlich erwartete man die beiden, die Tante, den Cousin, schickte die Küchenhilfe auf den Markt, frisches Gemüse und frische Kräuter holen, dann Brot und einen Kapaun. Ihr misslang alles. Maria Anna legte die falsche Decke auf, schnitt die falschen Blumen, ließ einen Topf fallen, stieß beim Auswischen des Herrgottswinkels die Kerzen um. Ihr hochgeschnürtes Kleid drückte. Schwer atmete sie, schwitzte – und erstarrte, als es schellte, klopfte, noch einmal gegen die Haustür schlug. Verschluckte sich, hustete.

»Frau Mutter«, rief sie, »Besuch!«, obwohl sie ahnte, wer vor der Tür stand.

Höchstselbst öffnete die Frau Mutter, die sich zuvor die Hände an der Schürze abwischte, trockenrieb, ein Lächeln in ihr kleines Gesicht mit den mageren Wangen setzte.

Vor dem Eingang stand eine Dame, ganz unter einer schwarzen Regenschaube verborgen, den Schutz über den Kopf gezogen, tropfnass, lächelte erwartungsvoll, unsicher.

Hinter dem Rücken der Mutter schaute Maria Anna vor, suchte den Vetter, den sie nirgends entdeckte. Wo war der Wolfgang? Erinnerte sich sofort an ihren Traum. Daran, dass er sie darin abgelehnt hatte. Was, wenn es eine Vorahnung gewesen war?

Auch die Frau Mutter dachte wohl zuerst an einen Auftrag, bat die Tochter, den Vater zu holen, bis er, Wolfgang, hinter seiner Mutter auftauchte, sich vordrängte, vorbeidrängte und der Tante ins Gesicht lachte, während er sie hofierte:

»Gell, Tante, kennst mich nimmer?«

Ein Zögern, ein Erkennen, ein Aufatmen.

»Gott im Himmel, der Wolfgang! Und die Frau Tante!«

Ein Hereingebete wurde es, ein Betteln und Dienern, wie man es nur bei ihnen in Schwaben kannte. Da zierte sich die eine und wollte nicht stören. Da bat die andere und entschuldigte sich dafür, dass alles so unaufgeräumt und unsauber sei in der blitzblanken Wohnung. Man habe ja nicht erwartet – und schon heute – aber schön sei es – so überraschend – dabei wussten beide, dass der Herr Oheim seit Wochen den Besuch vorbereitet und die Tante selbst einen Boten gesandt und sich angekündigt hatte. Alles war erwartet, war Höflichkeit, war Spiel.

Ablegen mussten sie, sich abtrocknen, die Stiefel ausziehen. Maria Anna huschte ganz in den Flur. Sofort lachte Wolfgang ihr zu. Unsicher erwiderte Maria Anna dies Lachen. Noch verglich sie alles vorsichtig mit ihrem Traum von heute Nacht. Sie nahm die schweren Schauben entgegen, hängte sie noch im Flur an den Haken, half dem Vetter aus den Stiefeln, umwickelte sie zuerst mit einem Lappen, rieb sie trocken, zog dann daran, ohne ihm dabei direkt in die Augen zu sehen, und begann das Paar sofort zu reinigen und einzucremen, als es von den Füßen war, gab ein Handtuch weiter, musterte den Wolfgang, der zu ihr herübersah. Mager war er, kleingewachsen, als hätte die Zeit nicht ausgereicht, ein rechtes Mannsbild aus ihm zu machen, aber spitzbübisch die Augen. Sie warf ihm verstohlene Blicke zu, die er erwiderte. Die helle Spitzenkrawatte unter der braunen Joppe mit den weiten Ärmeln ließ ihn geckenhaft erscheinen in ihren Augen. Aus den Joppenärmeln spitzelte das Rüschenhemd. Die Kniehose ebenfalls dunkel, nur die Strümpfe hell und mit dem Kot der Straße bespritzt. Auf dem Kopf keine Perücke, die Haare aber gepudert und hinten zu einem Zopf gebunden, während sie an den Seiten aufgedreht waren, mit dem Brennstab gerollt. In Augsburg lief man so nicht herum, nicht als Mozart. Das war Salzburg an ihm, das war die Bischofsstadt.

Mit Genugtuung bemerkte sie, dass der Wolfgang sie doch wahrnahm, dass er ganz anders war als im Traum, aufmerksam, nicht das tänzelnde Wesen.

Dann stand sie auf, und auch er erhob sich, stand auf Strümpfen vor ihr. So sahen sie sich in die Augen. Der Wolfgang war nur so groß wie sie. Nach Stall roch er, nach Duftwasser, was ihr aber wichtiger war, nach einem Mozart, nur herber, nach Reise und Pferd und Wagenleder.

»Meine Verehrung, Jungfer Base!«, flüsterte er und setzte einen Kratzfuß in Strümpfen, so dass sie kichern musste.

In seinen Augen lag gleichzeitig etwas, das Maria Anna fesselte: ein Schalk, ein Spott, der sich in feinen Krähenfüßchen eingezeichnet hatte. Das gefiel ihr. Sie knickste und lachte.

»Kommt, Kinder!« Die Mutter rief.

Kinder. Als wäre dies ihr Stichwort, schlüpfte sie hinter der Mutter durch die Stubentür. Voraus gingen die Schwägerinnen, bereits in ein Gespräch über all die Unbequemlichkeiten der Reise vertieft, dass die Wege so schlimm wären, dass es ein Umstand wäre mit dem Gepäck und den Übernachtungen und den Kutschern. Sie stiegen dabei vom Eingang wenige Stufen hinauf in die Stube, einen kleinen Salon, in dem Gäste empfangen wurden. Hinterdrein Maria Anna und Wolfgang.

»Die Kinder«, wiederholte sie sich, als der Vetter an ihr vorübermusste, weil sie im Türrahmen stehen geblieben war. Sie fühlte den Druck seines Körpers, als er sie berührte, glaubte einen Moment, er hätte sich absichtlich an sie gedrückt. Während Wolfgang und die beiden Frauen sich setzten, blieb sie an der Tür stehen, beobachtete nur, dass er alles aufmerksam musterte.

Kein Wort sagten sie, folgten nur stumm den Frauen, die es sich in der Stube bequem machten, jede in einem Sessel, einander gegenüber.

Im Ohr plätscherte ihr das Gezwitscher der Schwägerinnen, die leise sprachen, als wollten sie nicht stören, als schliefe jemand nebenan.

Stumm sie beide, nur die Augen sprachen.

Er tat zögerlich, und Maria Anna dachte sofort an den letzten Besuch. Da war sie acht gewesen, er zehn und beide schüchtern und ängstlich. Sie hatten sich anfangs gezankt, und Wolfgang hatte ihr mit einer Überheblichkeit, die sie verletzt hatte, die Zunge gezeigt. Erst im Hof, beim Fangenspielen, waren sie sich näher gekommen, weil er sie gestoßen hatte und sie hingefallen war. Wolfgang hatte sie zu trösten versucht, sie gestreichelt, und sie hatte nur umso lauter geheult, weil es ihr gefallen hatte, wie er in seiner Verzweiflung mit seinen kräftigen, trockenen Fingern über die Schürfwunde am Knie gestreichelt hatte. An die Wunde erinnerte sie sich, an das Streicheln der papierenen Finger, Wolfgangs Klavierhände. Daran, dass er schließlich die Wunde mit der Zunge abgeleckt und gereinigt und den Blutspeichel ins Gras gespuckt hatte. Auf ihrem Knie seine Lippen, voll und feucht. Auf ihrem Knie. Sofort senkte sie den Kopf und errötete, als sie in seinen Augen las, dass er ebenfalls daran dachte, und fand ihn impertinent.

3

Die Haustür schlug zu, Stiefelsohlen krachten auf die Holzbohlen. Der Vater kam. Maria Anna drehte sich zu ihm um. Allein er, der Hausherr, betrat mit Stiefeln die Stube, stand wie eine Statue plötzlich unter dem Türsturz, breitete die Arme aus, nahm die Tochter in den Arm, die sich an ihn drückte, beiläufig, begrüßte die Schwägerin, fragte nach dem Bruder, musterte Wolfgang mit hellen Augen, der aufgestanden war und dem Oheim entgegenging.

»Ein Mann ist er geworden, der Wolfgang, ein richtiger Mann. Dass das aus Kindern wird!«

Schüttelte den Kopf. Räusperte sich vor Bewegung. Ließ aber die Stiefel an. Maria Anna konnte er nicht täuschen. Seiner Stimme hörte sie an, dass er sich wunderte, über die Größe des Neffen erstaunt war. Ein kleiner Großer, der Wolfgang, der Neffe. Als Wunderkind mochte das taugen, als gestandener Kompositeur ließ sich kein Staat damit machen.

»Ihr bleibt zu Mittag, alle beide!«, beschloss er und obwohl sich die Schwägerin höflich wehrte, ließ er sich nicht erweichen. Das Wort des Vaters galt, sie aber wusste, dass alles bereits besprochen, seit Tagen, seit Wochen jeder Ablauf vorgeplant worden war, dass alles nur zum Spiel gehörte. Wolfgang schien dieser Floskeln ebenfalls müde zu sein, sah zu ihr herüber, hob die Augenbrauen, zuckte mit dem Mundwinkel und schnitt dann kurz hintereinander Grimassen, die sie zum Lachen brachten.

»Wie der Vater«, flüsterte ihr Wolfgang zu, mit Mundbewegungen, die sie sofort erriet. Beide lachten sie still. Zur Frau Mutter sah sie hinüber, zur Tante, die sich darüber ausließ, wie groß sie schon sei, die Maria Anna, im heiratsfähigen Alter, wurde rot dabei, schlug die Augen nieder.

»Was für ein schönes Gesicht, was für ein fesches Kind, so sittsam, so bescheiden. Der kann sich glücklich schätzen, der sie einmal bekommt!«

Ein Blick scheuchte sie auf, die bislang verlegen zu Boden gesehen oder in die Runde gelächelt hatte.

»Ich muss helfen«, stammelte sie, als die Mutter sich erhob, während der Vater sich zu seinem Neffen setzte, den Arm um dessen Schultern legte, nach dem Bruder fragte, nach Manuskripten, nach Noten für die Druckerei, die doch wohl mit dem Gepäck mitgeschickt worden seien. Maria Anna schlüpfte hinaus auf den Flur, in die Küche. Unschlüssig blieb die Mutter zurück, mischte sich weiter ein ins Gespräch.

»Wie weltgewandt er ist«, bewunderte die Mutter den Neffen, und auch die Tante lächelte vermutlich darüber, sehen konnte es Maria Anna nicht mehr, aber hören, wie sie die Luft einsaugte und zufrieden wieder ausstieß. Wie fix sich der Wolfgang bewege, setzte sie hinzu, ganz Kavalier. Maria Anna fand, dass es langsam genug war der Schmeicheleien.

Mit halbem Ohr hörte sie noch den Namen Langenmantels, des Stadtpflegers. Jetzt planten sie zusammen die Woche in Augsburg, feilten ein Vorgehen aus. Seit Tagen war nichts anderes mehr Abendgespräch, als wie eine Akademie zu organisieren sei, wen man dafür interessieren und wie die Stadt den Sohn Leopolds hofieren müsse, schließlich habe er hier gnädigerweise Halt gemacht, und so bestückt mit Genies sei Augsburg halt nicht, im Gegenteil, voll eines gerüttelten Maßes an Mittelmäßigkeit.

In der Küche band sich Maria Anna eine Schürze um, ging der Magd zur Hand, holte sich ein Messer, begann Schwarzwurzeln zu schälen, die zum Aufweichen in einer Schüssel mit Wasser lagen und ihr mit ihrem klebrigen Schalensaft die Hände färbten. Hing ihren Gedanken nach.

Sehen würden sie sich wohl kaum, wenn die Augsburger Bürger ihn von einem Empfang zum anderen schleppten, wenn er Mittelpunkt von Soireen werden würde, seine Akademien halten müsste, drei, vier, vielleicht fünf. Dabei gefiel er ihr, der schlanke Schlaks, trotz seiner geringen Größe. Wie sie die nächste Wurzel aus dem Wasser fischte und anschälte, sah sie den Vetter im Türrahmen stehen.

»Besprechen Sie nicht die Woche?«, entfuhr es ihr, und die Wurzel platschte zurück ins Becken.

Der Vetter trat einen Schritt in die Küche hinein, langte ins Wasser und reichte ihr die Wurzel zurück.

»Ihr müsst vorsichtig sein, Base, solche Stecken gilt’s festzuhalten! Wenn sie einem erst entgleiten, ist es eine Mühe, sie wieder in Form zu bringen.«

Verblüfft, konnte sie nicht reagieren, bis ein schräger Blick und das Kichern der Magd ihr verdeutlichten, was der Vetter da gesagt hatte. Nur an der Spitze war die Schwarzwurzel abgeschält und färbte sich bereits rosa. Wieder schoss es ihr rot den Hals hinauf und ins Gesicht.

»Vetter, Ihr seid ein Filou!«

»Nun, besser ein Filou als eine alte Kuh!«, konterte er und hielt ihr die Wurzel so hin, dass sie vor ihr hin und her pendelte. Als Maria Anna danach griff, um sie weiter zu schälen, musste sie böse schauen, denn in Gegenwart der Magd durfte er keine solchen Zoten reißen.

»Ihr solltet Euch um Eure Akademien und Soireen kümmern, dann wärt Ihr aufgehoben, Vetter«, fuhr sie ihn an, konnte ihm aber nicht böse sein.

Ergeben werde es sich, meinte er leichtfüßig und schlich um die dampfenden Töpfe, da habe er Erfahrung, aus Italien, aber auch von seinen Reisen in Deutschland, Frankreich. Städte nannte er, die Maria Anna schneller atmen ließen: Wien, Florenz, Bologna, Mailand, Paris, Den Haag, London, Frankfurt, Prag. Sie konnte sich gar nicht alle merken, verstolperte sie im Kopf. Überall seien die Menschen begierig gewesen, ihn zu hören, diese Hände zu sehen. Dabei streckte er ihr seine Hände hin, die so ganz anders aussahen als der restliche Vetter, nämlich älter als er, reifer, als wären sie vor ihm erwachsen geworden, aber klein und dickfingrig.

»Diese Hände«, sagte er mehrmals, »diese Hände!«

»In Augsburg sind die Menschen anders. Misstrauischer«, sagte sie und schälte weiter, die Hände bereits voller Harzklebrigkeit der Schwarzwurzeln. Sie könne die Lust an der Musik nicht einschätzen, glaube aber, dass er sich irre. Leichthin sagte sie das, beiläufig, während der Vetter durch die Küche schlich, Deckel hob, von der offenen Marmelade kostete, was streng verboten war, die Magd mit dem Hintern an den Spülstein drückte, »Arschanarsch, das könnte regelrecht persisch sein« krähte.

»Jeder, der den Kopf weiter aus dem Nebel streckt als das Patriziat, wird ungern gelitten. Man neidet den Blick über den Tellerrand. Man kennt auch nichts anderes«, setzte sie ernst hinzu. »Verdruckt sind sie«, lachte sie, als der Vetter sich an sie heranpirschte und ihr von hinten die Schürze öffnete, so dass diese nur noch am Halsband hing.

»Spätestens Sonnabend liegen sie mir zu Füßen«, verkündete er stolz. »Ich bin der andere Herr Papa. Das ist ein Leichtes, sie zum Zuhören zu bringen. Wo doch der Stein seine Klaviere hier baut, die besten, allerbesten. Er die Klaviere für die Hände, ich die Hände für die Musik. Ein Zusammenstand, der wirken wird.«

Maria Anna verstummte. Was sollte sie sagen? Der Wolfgang, der Vetter musste es wissen. Kannte sie Paris und London, Den Haag und Wien? Nein. Aus den Mauern hier war sie noch niemals herausgekommen, nicht einmal zum Oheim nach Salzburg. Aber ein ungutes Grummeln im Bauch blieb. Ein Leichtkopf wie dieser Vetter erlitt leicht Schiffbruch zwischen diesen Nebelmauern.

Weltmännisch leckte er sich die Marmelade von den Fingern. Maria Anna schüttelte den Kopf. »Kindskopf«, murmelte sie, und er wusste sofort den Reim, die Anspielung.

»Rindskopf, Windzopf, Honigtopf«, sang er und sah sie an, wiederholte das »Honigtopf«, so dass ihr wieder heiß wurde. Was nahm er sich heraus, der Salzburger?

Die Wurzeln waren geschnitten und schwammen im Wasser. Die Magd könne sie braten, sagte Maria Anna. Mit Sand wusch sie sich die Hände ab, an denen das Harz klebte. Die Finger fühlten sich rau an.

»Wo bleibst du denn, Wolfgang?«, rief die Stimme des Vaters aus dem Salon. Die Mutter betrat die Küche, übersah mit einem Blick die Arbeit, gab rasche Anweisungen an die Magd.

»Bring den Wolfgang in den Salon!«, sagte die Mutter zu Maria Anna. »Sie reden über die Woche. Das wird Wolfgang wissen wollen!«

Aus der Stimme der Mutter hörte sie Ärger und Erstaunen heraus, dass der Neffe sich nicht kümmerte.

»Man muss den Stier bei den Hörnern packen«, flüsterte er hinter Maria Anna, als er bereits unter der Türschwelle stand. »Sonnabend bei Langenmantel, meine Hand drauf.«

Sollte sie ihn einen Tölpel schelten, weil er so gar nicht ahnte, was für ein zwerches Volk diese Augsburger Patrizier waren? Dass es ihnen am liebsten war, man kroch von hinten in sie hinein und vorne wieder aus ihnen heraus?

»Die Hand drauf«, ließ sie sich mitreißen, schon deshalb, weil sie wusste, dass er verlieren musste. »Um was gilt’s, wenn ich gewinn?«

»Wenn ich gewinn, hol ich mir einen …«

Das Wort sprach er nicht aus, verdrehte nur die Lippen zur Schnute und schloss die Augen, dass sie lachen musste und nickte. Auch die Magd, die am Spülstein Salat putzte, gluckste wieder. Unverschämtes Ding, dachte sich Maria Anna, wusste aber, dass sie nicht lange böse sein konnte. Nur die Frau Mutter sah erstaunt zwischen ihnen beiden hin und her.

»Und ich, was bekomme ich?«

Wolfgang lachte, als er die Küche verließ.

»Sucht es Euch aus, Bäsle. Zuckersüß sollt’s dennoch sein.«

4

Es passte alles nicht zusammen, das zurückgesetzte Haus und das Vorhaus. Breit und herrschaftlich das eine, geduckt, mit enger Durchfahrt das andere, wie angeklebt hinter dem Schwalbeneck. Eisig war es hier, ungeheizt, beide froren, er, Wolfgang, und der Oheim, der ihn hierher geführt hatte, gleich nach einem kurzen zweiten Frühstück. Man war übereingekommen, die Dinge nicht aufzuschieben und das Mittagessen warm zu stellen, der Sonntag war schließlich ein ebenso guter Tag wie der Montag oder irgendein anderer. Gestört hatte Wolfgang nur, dass die Frau Mama ausplauderte, sie beide wollten die Reise über Akademien finanzieren, und eine schnelle Einnahme würde ihren ohnehin geplagten Reisesäckel schonen. Als ob am Sonntag von Geld gesprochen werden musste.

Bequem von der Jesuitengasse aus zu erreichen, kaum einen Glockenschlag entfernt, hofften sie, Langenmantel anzutreffen. Die Frühmesse im Dom war vorüber, und der Stadtpfleger sollte zu Hause sein, bevor er zum Mittagessen in die Geschlechterstube hinüberging.

»Wirst sehen«, hatte er dem Oheim versprochen, »wirst sehen, der Name Mozart gilt etwas und öffnet selbst am geheiligten Ruhetag alle Pforten.«

Versehen mit einem Empfehlungsschreiben an den Herrn Langenmantel hatte Wolfgang an die schwere Eichentür geklopft und gewartet.

Jetzt fror ihn. Ein Lakai hatte sie wortlos begrüßt, das Schreiben in Empfang genommen, sie ins unbeheizte Vorhaus gebeten und war verschwunden. Seit einer halben Stunde standen sie sich in diesem Eiskeller von Vorhaus die Beine in den Bauch, und niemand schien sich ihrer mehr annehmen zu wollen. Der Oheim blies seinen Atem durch die zu Fäusten geballten Hände, um sie warm zu halten. Vom Steinboden hoch kroch eine bissige Kälte.

»Wirst sehen«, wiederholte er sich, »der Longotabarro wird gerade erst aus den Federn gekrochen sein. Und jetzt spiel ich ihm auf, zum Frühstück.«

»Träumer!«, brummte der Oheim, der sich kerzengerade streckte, als er Schritte vernahm. »Mit deinen eiskalten Fingern kannst du allerhöchstens Possen treiben, aber nicht spielen. Und lass ihn das Longotabarro nicht hören. Mit dem Stadtpfleger scherzt man nicht.«

Der Lakai kam zurück. Ohne den Oheim auch nur eines Blickes zu würdigen, blieb er im Eingang zur Vorhalle stehen, nickte mit dem Kinn in Wolfgangs Richtung und ließ dann, zum Oheim gewandt, fallen: »Er bleibt hier und wartet!«

Wolfgang sah den livrierten Diener an, mit offenem Mund und einer Bemerkung auf den Lippen. Dieser rührte keinen Muskel im Gesicht, blickte mit leeren Augen starr geradeaus, selbst an ihm vorbei auf einen Punkt an der Wand. Man konnte Unfreundlichkeit weit besser überspielen, als es dieser Laffe tat. Aber der Oheim berührte ihn nur am Arm und schüttelte den Kopf.

»Im Haus Langenmantels widerspricht man nicht«, flüsterte er. »Merk es dir!«

»Soll der Herr Oheim hier warten wie ein Lakai?«, entfuhr es Wolfgang dennoch, aber der Livrierte hielt seine Bemerkung nicht einmal einer Erwiderung für wert.

Eine halbe Stunde hatten sie im Vorhaus gewartet, und jetzt sollte der Oheim weiter in der Kälte ausharren müssen? Wo war er? In Augsburg oder in Abdera? Hatte er es mit Bürgern oder mit Narren zu tun?

Aber der Oheim nahm es gelassen. Er zuckte nur kurz mit den Schultern und zog den Mund schief, was alles bedeuten konnte.

Schweren Herzens trennte sich Wolfgang von ihm und folgte dem Lakai, der vor ihm herging, leicht hinkte und immerfort die linke Hand schüttelte, über den Hof zum eigentlichen Haus. Während der Oheim weiter mit den Füßen stampfte, um die Kälte aus den Gliedern zu schlagen, eilte Wolfgang, froh, dem Eiskeller entronnen zu sein, hinter dem Diener her. Jetzt war er in seinem Element, jetzt konnte er beweisen, dass auch er das Geschick besaß, sich als Kompositeur und Musikus durch die Welt zu schlagen. Auf heute Abend oder gar morgen freute er sich, wenn er den Brief an den Vater formulieren durfte, um ihm darin mitzuteilen, dass er vor der Augsburger Obrigkeit eine Akademie abhalten würde. Auch die Höhe des Honorars würde er einflechten. In einem Nebensatz. Beiläufig. Ja, darauf freute er sich. Vielleicht hatte es auch sein Gutes, dachte er, wenn nur er mit dem Stadtpfleger verhandeln, seine Sache allein vertreten konnte, schließlich besaß er alle Erfahrung, die dazu nötig war, während der Oheim doch nur Buchbindermeister blieb.

Der Lakai führte ihn über den Hof, um das Gebäude herum und durch eine schmale Pforte von hinten in das Herrenhaus. Kurz geschnittene Rabatten säumten den Hauptweg, von dem aus sie auf halber Höhe auf einen Schotterpfad abbogen. Wolfgang schluckte. Man ließ ihn durch den Dienstboteneingang ein! Das war eine Beleidigung, die er weder verdiente noch sich gefallen lassen musste. Einen Augenblick überlegte er, ob er sich weigern sollte weiterzugehen. Aber der Lakai hatte seine Anweisungen, ihm konnte er nichts vorwerfen, und den Irrtum würde er aufklären, sobald er dem Hausherrn vorgestellt worden war. Erfahren sollten sie, was es hieß, einen Mozart zur Nebenpforte einzulassen.

Das Haus war alt, das roch man. Über eine dunkle Holztreppe stiegen sie hinauf in den ersten Stock. Mindestens hundert Jahre oder mehr ächzten die Treppenstufen schon unter dem Gewicht der Bewohner und Besucher. Eine Müdigkeit, ein Klagen hörte Wolfgang aus dem Knarren der Holzbohlen und Balken heraus. Die Erschöpfung der Zeit, die er selbst manchmal in sich spürte.

Ganz wohl war ihm nicht mehr bei diesem Besuch. Die Wartezeit, der Hintereingang. Gewarnt hatte ihn der Herr Papa vor diesem Menschen, vor dessen Schellenkönigtum. Aber er war nicht hier, um die Erfahrungen des Vaters zu überprüfen. Er stand nicht hier, um dessen unangenehme Erinnerungen an eine Reise mit Jakob Wilhelm Benedikt Langenmantel nach Salzburg zu bestätigen. Hier kam Wolfgang Amadé Mozart, und dessen Name schlug selbst Schellenkönige in Bann.

Er wurde in eine Bibliothek geführt, in eine Art Arbeitskabinett. Um und um drehte er sich, als er den Raum betrachtete, die Bücher an den Wänden, die Stuckaturen, die bereits dunkle Risse zeigten, die damastenen Tapeten, die ebenfalls dunklen, schweren Möbelstücke, und wäre beinahe auf den Lakaien aufgelaufen, als dieser unvermittelt stehen blieb.

»Der Herr Mozart, Euer Ehren.«

Am Fenster stand, ihm den Rücken zugewandt, das Schreiben, das Wolfgang dem Diener mitgegeben hatte, ins Licht haltend, der Stadtpfleger, eine abgeschabte Hausperücke auf dem Kopf, korpulent, mit einem Dreifachkinn, das sich von hinten sichtbar in den Hals hineinschob. Sein Hausmantel bauschte sich unter einem gewaltigen Bauch, und der Atem ging pfeifend.

»Mozart? Mozart?«, begrüßte der ihn, ohne aus dem Blatt aufzusehen. »Ich kannte einstmalen einen Mozart. Der hat mich nach Salzburg begleitet.«

Wolfgang räusperte sich. Der gewaltige Körper des Stadtpflegers heischte allein seines Umfangs wegen Respekt. Hier stand eine gewichtige Persönlichkeit. Dabei sah er sehr wohl, dass es dem Herrn Langenmantel Mühe kostete, sich aufrecht zu halten, dass er schwankte und sich an der Laibung des Fensters einhielt. Stoßweise sprach er, kurzatmig.

»Untertänigst –«, antwortete Wolfgang, aber Langenmantel schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab.

»Er antwortet, wenn Er gefragt wird!«

Wolfgang blieb der Satz im Hals stecken. Wie ein Fürst gebärdete sich dieser wandelnde Fettsack, und war doch nur von der Bürgerschaft gewählter Magistrat.

Langenmantel wandte sich ihm halb zu, löste sich dann von der Fensterlaibung und schritt in den Raum hinein. Wenn Wolfgang gedacht hatte, ihm würde jetzt ein Sitzplatz angeboten, täuschte er sich. Langenmantel ließ sich in den Sessel fallen und betrachtete ihn, den Stehenden.

»Er behauptet also, der Mozart zu sein. Der Sohn meines Kommilitonen Leopold.«

»Mit Verlaub, ich bin derselbe.«

Zweifelnd musterte Langenmantel ihn aus zu Schlitzen gepressten Augen. Man hätte ihm Klammern bauen müssen, um das überlappende Fett aus dem Gesicht zu ziehen. Wolfgang gewann den Eindruck, als dächte der Stadtpfleger nach, aber die Pause war nur geschickt einkalkuliert, um besser Luft holen zu können.

»Dann ist Er hier gewesen, vor nicht ganz vierzehn Jahren.«

»Mit dem Herrn Vater, auf der Durchreise zu den Fürstenhöfen Europas, nach Paris und London.«

Den Hinweis auf seine Weltläufigkeit, auf seine Kenntnis der europäischen Großstädte und der dortigen Fürsten konnte er einfach nicht unterdrücken. Die Bemerkung sprang ihm regelrecht aus dem Mund. Am liebsten hätte er noch ein Dutzend Städte hinzugefügt, die alle bedeutender waren als Augsburg.

»Dann ist Er das Wunderkind? Kurios!«

Wunderkind. Wie sehr er diesen Begriff hasste. Dennoch musste er auf dieser Klaviatur spielen. Zum Ergötzen der Leute.

»Und seit einiger Zeit gewesener erzbischöflicher Kapellmeister zu Salzburg.«

»Er ist älter geworden!« Bedächtig nickte Langenmantel. »Und wie ist es Ihm seither ergangen? Spielt Er noch? Was war es gleich? Klavier, ja, Klavier!«

Es konnte nicht sein, dass dieser fettleibige Stadtobere noch nichts von ihm gehört hatte. Alle Welt wusste um seine Musik. Überall erkannten sie ihn – und hier, in der Stadt seines Vaters, sollte der Name Mozart keine Bedeutung besitzen? Oder wollte ihn der Alte foppen? Wolfgang suchte im Gesicht des Stadtpflegers nach einem Anzeichen für Spott, fand aber nur eine blasse Leere, als hätte man vergessen, eine Tafel richtig sauber zu wischen, nachdem sie einmal beschrieben worden war.

»Verlernt habe ich nichts. Ich hatte auf den Reisen ausreichend Übung. Letztens erst, in München, habe ich ein Konzert gegeben, vor dem bayerischen Herzog. Der fand, ich spiele das Klavier ganz ordentlich.«

Tatsächlich klatschte der Stadtpfleger in die Hände. Sein Gesicht rötete sich vor Aufregung.

»Das ist erfreulich. Sehr erfreulich. Mein Sohn ist ein Kenner der Musik und Intendant der privaten Musikgesellschaft in Augsburg. Wir sollten zu ihm gehen. Er wird sich freuen, einen hochberühmten Musikus im Hause zu haben.«

»Und Kompositeur!«

»Wie? Ach ja, Kompositeur. Unwichtig. – Franz!«

Wie aus dem Boden gewachsen, stand der Lakai plötzlich neben seinem Herrn und zog ihn aus dem Sessel. Dann fasste er ihn unter der Achsel und zerrte ihn beinahe aus dem Raum.

»Franz, lass. Der Musikus wird mir helfen. Ihm ist es sicher ein Vergnügen.«

Dabei winkte er Wolfgang zu sich. Dieser glaubte, sich verhört zu haben.

»Aber …«, versuchte er zu protestieren, doch Langenmantel schwankte bereits ohne Stütze hilflos im Raum. Wenn er nicht dazugesprungen wäre, wäre der Stadtpfleger vermutlich gestürzt. Unter dem Gewicht des Alten stöhnte Wolfgang auf. Was war er? Eine Krücke?

Schritt für Schritt quälten sie sich aus der Bibliothek und die Treppe hinauf, die jetzt nicht nur jammerte, sondern ihm eine ganze Arie voller Qualen und Leiden sang, die er nur zu gut verstand. Franz, der Hausdiener, schlich hinter ihnen her, und Wolfgang war sich sicher, dass ein Grinsen dessen sonst so ödes Gesicht überzuckerte. So schwer stützte sich der Stadtpfleger auf seine Schulter, dass Wolfgang glaubte, er müsse ihn die letzten Treppenstufen tragen. Wolfgang war sich sicher, dass es dem alten Herrn Vergnügen bereitete, ihn derart zu schikanieren.

Im zweiten Stock angelangt, reichte der Lakai Langenmantel einen Stock, mit dessen Hilfe er die letzten Meter sonderbar leichtfüßig zurücklegte. Energisch klopfte er mit dem Silberknauf des Stocks gegen die Tür, die sich in nichts von der des Bibliothekszimmers unterschied. Dunkel, aus edlem Holz, versehen mit Malereien in den gekalkten Kassetten.

Erschöpft von der Schlepperei wollte Wolfgang gar nicht wissen, was auf den Malereien dargestellt war, glaubte aber eine Schäferszene zu erkennen, als sie durch die geöffnete Tür eintraten und von einem weiteren Diener in den Salon geführt wurden. Dort warteten bereits, als hätten sie sein Kommen geahnt, der Sohn Langenmantels und dessen Ehefrau, zwei Menschen, deren Anblick Wolfgang beinahe zu einem lauten Lachen verleitet hätte. Es gelang ihm, seinen plötzlichen Anfall von Heiterkeit mit einem Husten zu verbergen.

Lang, schlank bis zur Magerkeit, stand das gerade Gegenteil des Vaters vor ihm. Die Ankündigung seiner Person überhörte Wolfgang, so fasziniert war er davon, wie es diesem langen Elend an Mann gelang, sich aufrecht zu halten, ohne dass ihn der Luftzug, der durch die geöffnete Tür hereinwehte, umknickte. Selbst der Kopf, beim Vater eher kugelrund, besaß beim Sohn eine beängstigende Länge und war vorne mit einer spitz zulaufenden Hakennase bestückt. Neben ihm aber wartete die Schwiegertochter, und im Vergleich zu ihr mutete der Sohn Langenmantels geradezu dickleibig an. Langbeinig, soweit man das unter dem Taftrock beurteilen konnte, mit schmalster Taille und einem Oberkörper, der diesen Namen nicht verdiente. Flach wie eine Klaviatur wirkte die Brust, und Wolfgang verglich das mühsam hochgebundene Nichts, das durch den Ausschnitt mehr verborgen als entdeckt wurde, mit der kräftigen Brust der Base. Der Kopf wurde durch eine nach hinten verlaufende Frisur noch verlängert, so dass Wolfgang davon überzeugt war, dass ein Scherenschleifer, wenn er nur geschickt genug arbeitete, eine Schneide auf Nase, Stirn und Kinn hätte einschleifen können.

Das für ihn Lächerlichste aber lag in ihrer Größe. Beide überragten den alten Langenmantel um zwei Köpfe, und er selbst, vom Herrn nicht gerade mit Wachstum gesegnet, musste regelrecht zu ihnen aufschauen.

Der Lakai, der Wolfgang angekündigt hatte, stellte sich hinter den jungen Langenmantel. Dieser betrachtete Wolfgang durch ein Lorgnon, das er sich an die Augen hielt, und das Wolfgang so schmal schien, dass er selbst mit einem Auge durch beide Gläser hätte sehen können.

»Er ist also Mozart.«

Schwer ächzend ließ sich der Alte, den niemand mehr beachtete, in einen bereitstehenden Sessel fallen.

»Das Wunderkind«, ächzte und pfiff die Lunge des Stadtpflegers. »Erinnerst du dich?«

Der junge Langenmantel zog die Nase kraus und warf einen Blick zu seiner Frau hinüber, der selbst der Langeweile sorgenvolle Falten auf die Stirn gezaubert hätte.

»Ein Musikus also.« Dann hüstelte der junge Langenmantel in die Faust. »Spielte Er nicht vorzüglich die …«

Mit einer Kopfbewegung, die den schräg hinter ihm stehenden Lakaien sofort in lebhafteste Bewegung versetzte, holte er die notwendige Auskunft ein. Der Lakai trat näher, stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte so laut, dass auch Wolfgang alles mithören konnte: »Posaune!«

»… vorzüglich die Posaune?«

Zweifellos hatte er, Wolfgang, es mit Narren und Possenreißern zu tun, nicht aber mit normalen Stadtbürgern. Die bunten Kleider, rote Röcke und gelbe Jacken mit allerlei blauen und grünen Bändern, die beide jungen Langenmantel trugen, bestärkten Wolfgang in seiner Beobachtung. War er dem Augsburger Publikum so schwach in Erinnerung geblieben?

Der Besuch kostete ihn mehr an Kraft, als er aufbringen konnte, aufbringen wollte – und der Oheim wartete unten in der Kälte, nutzlos. Er fühlte eine Leidenschaft aufsteigen, die ihm nur allzu bekannt war, seine Spottlust, seine Spielfreude. Von diesen hirnlosen Geschlechtern, die sich nur dadurch auszeichneten, dass sie Geld und einen langen Familienstammbaum mit hochberühmten Vorfahren besaßen, musste er sich nicht vorführen lassen.

Er deutete einen Kratzfuß an.

»Recht, die Posaune. Wie die Engel vor Jericho möcht ich sie spielen können. Auf dass die alten Gemäuer im Kopf einstürzen und neue aufgerichtet werden können.«

Der Mund des jungen Langenmantel verzog sich schief.

Jetzt weiß er nicht, ob ich ihn verspotte oder die Wahrheit sage, feixte Wolfgang. Und schon setzte er nach, denn im hintern Teil des Raums sah er ein Klavier stehen und erkannte sofort eine Arbeit von Stein darin. Eines der neuen Hammerklaviere.

»Darf ich Euer Ehren die Posaune blasen?« Sprach’s und steuerte auf das Klavier zu, bevor die verblüffte Gesellschaft sich äußerte, und schlug die ersten Töne an, Dissonanzen.

»Für einen Posaunisten nicht übel«, quittierte der junge Langenmantel seine Versuche, während der Stadtpfleger sich endlich einmischte.

»Nicht die Posaune, das Klavier traktiert er, Sohn. Gelt, Ihr könnt es besser. Lasst hören, Mozart!«

Noch im Stehen flogen die Hände über die Tasten und fingerten ein Menuett auf die Klaviatur, dass es der jungen Frau, die bislang stumm wie ein Fisch neben ihrem Gemahl gestanden hatte, in den Beinen zuckte.

Mit dem Fuß zog er sich den Klavierschemel heran, setzte sich nur auf dessen äußersten Rand und begann in Tönen zu denken. So nannte er es für sich. Mit der Musik sprechen war wie die Geheimschrift, die seine Familie sich ausgedacht hatte, weil der neue Erzbischof von Salzburg, Graf Colloredo, die Korrespondenzen seiner Untertanen fleißig lesen ließ. In ihren Briefen vertauschten sie Buchstaben, das A mit dem M, das E mit dem L, das I mit dem F und so fort, und hatten damit eine Geheimschrift entwickelt. Ähnlich erging es ihm mit den Tönen und doch anders. Auch die Musik verwendete er wie eine Geheimschrift. Flüstern konnte man mit einzelnen Tönen, Klängen, ganzen Stücken und schreien, schimpfen und flehen, Liebesgrüße senden und andere Menschen verfluchen, ohne dass die Zuhörer, die Betroffenen, es bemerkten. Manche vielleicht, Kenner, Musiker, Komponisten, die ahnten, was sich hinter den Noten, den Akkorden verbarg. Er aber vermochte alle Zeichen wieder aufzulösen in Sprache, ja in der Musik freier reden, als es ihm im gewöhnlichen Leben möglich war. Und das Instrument, das er eben spielte, schrieb die Klänge in einer Vollendung in den Äther, die ihm nur im Traum vor Ohren stand. Steinsche Flügel besaßen den Hauch des Göttlichen, bewegt vom Geist eines wahren Musikers als Handwerker und Genie. Ihnen entströmte unter den richtigen Händen eine wahre Sphärenmusik.

»Gut so, gut so«, unterbrach ihn der junge Laffe. »Man hört, dass Er ein Musikus ist. Ganz nett, wenn auch alles noch ein wenig zaghaft klingt. Was also will Er hier?«

Wolfgang unterbrach sein Spiel, stockte auf einem hohen d, das nur zitternd den Raum verließ und seinen Widerwillen gegen die Störung ausdrückte. Ganz nett, hatte er gesagt, ein wenig zaghaft. Euterpe, o heilige Muse der Tonkunst, dachte er, warum hast du mich gestraft und mit den empfindlichsten Ohren ausgestattet, wenn du den Rest der Welt mit Taubheit schlägst? Übe Gerechtigkeit und nimm mir meine Gabe, oder schneide zumindest diesem Laffen die Ohren ab. Tatsächlich aber brachte er einen Satz über die Lippen, der sich, seit er sich im Haus befand, in seinem Mund sperrte wie ein Balken:

»Verschafft mir eine Akademie, Euer Ehren.«

»Wenn Sein Klavierspiel ebenso flink ist wie Seine Zunge!«

»Flinker. Oder reichen Eure Verbindungen nicht aus? So will ich es selbst unternehmen!«

Ein Lächeln, das Wolfgang mehr als dümmlich erschien, flog über das blass gepuderte Gesicht.

»Man verfügt über die besten Verbindungen in der Stadt.«

»Und ich über das beste Klavierspiel.«

»Er soll sich schämen, so zu reden!«, griff erstmals die Gemahlin des jungen Langenmantel in das Gespräch ein. Piepsig klang ihre Stimme, als hätte man die Saiten ihrer Stimmbänder geschnürt wie ihre Taille und so auf den höchstmöglichen Ton gestimmt. »Noch hat Er sich nicht bewiesen.«

Wolfgang biss sich auf die Lippen und bezwang sich, seiner Spöttelei nachzugeben. Ohne die Aussicht auf eine Akademie durfte er nicht ins Weiße Lamm zurückkehren. Den Blick seiner Mutter könnte er nicht ertragen. Und morgen musste er dem Vater schreiben. Morgen war der Nachmittag als Brieftag eingeplant.

»Lasst ihn, ich möcht ihn hören«, brummte der Alte, der zwischenzeitlich in seinem Sessel eingenickt gewesen war und jetzt hochschreckte. »Das Wunderkind!«

Wieder rümpfte der junge Langenmantel die Nase und tupfte sich mit einem Tuch die Spitze ab. Theatralisch, wie eingeübt wirkte das. Von oben bis unten musterte er ihn, so dass Wolfgang die Wutröte ins Gesicht stieg. War er ein Zuchtbulle, den man taxierte?

»Viel von diesem Wunder ist nicht geblieben.«

»Mehr, als ihr jemals erahnen könnt!«, stieß Wolfgang den Satz zwischen den Zähnen hervor, aber der junge Langenmantel schien ihn nicht gehört zu haben. Diese Patrizierbrut trieb ihn noch zur Weißglut. Aber der Herr Papa hatte ihm eingebläut, er müsse die Ruhe bewahren, freundlich sein, Konversation machen, auch wenn es ihm nicht gefiel. Zum Teufel mit den guten Ratschlägen, ging es nicht um ihn? Musste er sich das gefallen lassen?

»Wir versprechen Ihm eine Akademie, in der Geschlechterstube, vor dem Patriziat. Dem Herrn Vater zuliebe. Das wird einen Zulauf geben. Man nennt nur den Namen Mozart – und die Stube wird sich füllen. Ich werde mich für Ihn verwenden. Kommt morgen noch einmal, zum Hauptmahl, so gegen zwei. Dann werde ich Ihm Bescheid geben können.«

Wolfgang erhob sich von seinem Schemel und kratzfußte. Meinte der alte Langenmantel das ernst, oder wollte er ihn foppen?

»Dann begebe ich mich heute noch zu Stein. Mir leiht er sicher eines seiner Klaviere für die Aufführung.«

»Er geht zu Stein? Er – zu Stein?« Stirnrunzeln überzog das Gesicht des jungen Langenmantel.

»Mit Empfehlung!«, konterte Wolfgang, dem es Freude bereitete, den Sohn des Stadtpflegers zu verunsichern. Glaubte der, er dürfe sich in der Stadt nicht bewegen, wie es ihm gefiel? »Seine Klaviere gehören zu den besten, die ich kenne. Ich habe schon so einige gespielt.«

Eine Stille breitete sich aus, die auch Wolfgang nicht unterbrechen wollte. War die Audienz beendet? Dachte der Stadtpflegersohn nach? Nur das Knacken des Holzparketts störte, wenn man das Gewicht verlagerte, und das leise Schnarchen des Stadtpflegers, der wieder entschlummert war.

Schließlich unterbrach der junge Langenmantel ihr Schweigen.

»Ich begleite Ihn zu Stein.«

Er fragte nicht, ob Wolfgang einverstanden sei, ob er ihn dabeihaben wolle. All das unterstellte er offenbar – aber Wolfgang ging davon aus, dass er sich des Laffen leicht und schnell würde entledigen können, sobald er mit Stein auf die Musik zu sprechen käme. Davon nämlich hatte der junge Langenmantel keine Ahnung.

»Nach dem Mittagsmahl, so gegen zwei Uhr, wenn’s dem Herrn Langenmantel passt!«, entgegnete Wolfgang, der sich nicht auch noch die Zeit diktieren lassen wollte. »Soll ich auf Ihn vor dem Dienstboteneingang warten?«, fügte er noch spöttisch hinzu, erhielt aber keine Antwort. Stattdessen drehte sich der Langenmantel um und wies den Lakaien an.

»Stock und Mantel für den Musikus! Und schaut auf meinen Vater!«

Dann ließ er Wolfgang allein. Dieser eilte hinaus auf die Treppe und hinab zum Oheim. Er hatte gerade seine erste Akademie organisiert und doch blieb ein bitterer Beigeschmack.

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