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Minus 196° Celsius in der Toskana

Der Ort der Geschichte ist rein zufällig gewählt. Die Handlung, Personen, Begebenheiten und Darstellungen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit Örtlichkeiten, Einrichtungen, lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig und entspricht nicht der Wahrheit.

Sylvia Loritz ist 1968 geboren und lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in Oberschwaben. Am liebsten reist sie durch Italien, der Heimat ihres Herzens und lernt Land und Leute kennen.

Minus 196° Celsius in der Toskana ist ihr erstes Buch.

Bücher können Körper, Geist und Seele
in Einklang bringen.
Während wir lesen, kann unser Körper ruhen und
sich von der täglichen Arbeit erholen,
gleichzeitig kann unser Geist grenzenlos und frei
schweben und unsere Seele kann in Geschichten
eintauchen und mit den Romanfiguren mitfühlen.

Für Christian

Kapitel 1

Als Sabine den Umschlag im Briefkasten fand, fingen ihre Hände an zu zittern. Staatsanwaltschaft Livorno Repubblica Italiana… stand in blassen blauen Buchstaben auf dem Brief. Verdammt, ja es war ihr Name, ihre Adresse. Mist, schon wieder ein Strafzettel wegen zu schnellem Fahren. Wie oft denn noch? Geht es denn keinen Monat ohne? Sie schüttelte den Kopf. 'Aber eigentlich war ich vor vier Jahren das letzte Mal in Italien. Mensch, da mahlen die Mühlen der Bürokratie aber extrem langsam.'

Auf dem Weg zurück ins Haus riss sie ungeduldig den Umschlag auf und suchte nach der Angabe eines Betrages in soundso vielen Euro, fand aber nichts. Außer dem Wort Vorladung verstand sie nicht viel. Es war einfach zu viel Beamtensprache, aus dem Italienischen schlecht übersetzt. Der Brief flog erst mal schwungvoll auf den Küchentisch und landete zwischen Zuckerdose und Marmeladenglas. Sabine musste sich erst wieder konzentrieren. Sie hatte sich ihr ersehntes Wochenende anders vorgestellt. Es war einer ihrer wenigen freien Samstage und sie hatte sich vorgenommen, gemütlich zu frühstücken, die Sonne zu genießen und es sich gut gehen zu lassen. Statt dessen regnete es, das Wetter war viel zu kalt für Anfang August und sie musste sich mit dieser Nachricht herumschlagen. Sie holte tief Luft und band ihre blonden, langen Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammen.

"Ruhig atmen, ein und aus, ein und aus," sagte sie mit tiefer Stimme zu sich selbst. "Om shanti shanti Om". Sie wiederholte das Mantra solange bis sie spürte, dass ihr Herzschlag ruhiger und ihr Atem gleichmäßiger ging. Gott sei Dank hatte sie mit Yoga ihr Leben in den Griff bekommen. Sie hatte viele Hürden überwunden in den letzten Jahren und allmählich gelernt mit unangenehmen Situationen richtig umzugehen. Sie würde es auch diesmal schaffen, sich dem Problem zu stellen.

Etwas ruhiger fing sie an, den Brief von Anfang an zu lesen und es stellte sich schließlich heraus, dass es sich um eine Testimonianza handelte. Sie wurde um eine Zeugenaussage gebeten, aufgrund einer kriminalistischen Untersuchung in der Provinz Livorno. Ermittlungen in einem ungeklärten Mordfall erforderten ihre Anwesenheit. Näheres würde ihr vor Ort mitgeteilt. Nur soviel war klar, dass sie am 19. August um elf Uhr auf der Staatsanwaltschaft Livorno erscheinen sollte.

Das ganze Wochenende über dachte Sabine nach, wie in Gottes Namen sie in diese Situation geschlittert sein konnte. Es musste eine Verwechslung vorliegen oder irgendein bürokratischer Fehler. Gleich am Montag rief sie auf dem Polizeirevier in ihrer Stadt an und nahm sogar mit dem italienischen Konsulat Verbindung auf. Ihr wurde aber jedes Mal versichert, dass es keine Möglichkeit gab, diese Zeugenaussage vor Ort zu umgehen. Daraufhin blieb ihr nichts Anderes übrig, als ein paar Tage Urlaub zu beantragen. Dies war kein Problem, seit längerer Zeit war sie nicht mehr Abteilungsleiterin in der Boutique und somit abkömmlich. Vielmehr schmerzte es sie, die wenigen Urlaubstage die sie hatte, für diese Angelegenheit in Livorno, zu opfern. Sie hätte sich dieses Jahr gerne noch eine Pauschalreise gegönnt, aber die fiel jetzt ins Wasser. Die freundliche Mitarbeiterin des Reisebüros vermittelte ihr stattdessen ein freies Zimmer in einem kleinen Albergo, natürlich völlig überteuert, da gerade Hauptsaison war. Keine zwei Wochen später hatte sie den kleinen Koffer gepackt und war in ihrem weißen VW Polo in Richtung Süden unterwegs.

Auf dem Fernpass war es relativ ruhig und der Verkehr floss zügig. Auf der Gegenspur Richtung Deutschland allerdings stockte es ab und zu. 'Urlaubsrückkehrer', dachte Sabine. Jedes Jahr die gleiche Karawane. Fast fünfzig Wochen im tristen Deutschland um dann zwei, vielleicht wenn man Glück hat, drei Wochen Sonne, Strand und Meer zu pachten, um anschließend mit einigen litri1 Olivenöl, Rotwein, cantuccini2 und jede Menge Wehmut nach Hause zu trotten. Immer mit einem traurigen Blick zurück.

Der Spruch: 'Siehst du das Meer im Rückspiegel, bist du auf dem falschen Weg3', fiel ihr ein. So gesehen befand sie sich auf dem richtigen Weg, aber sie hatte ein seltsames und mulmiges Gefühl.

Als das Autoradio die österreichischen Sender nicht mehr ohne Rauschen empfangen konnte, ging sie auf Sendersuche und schließlich ertönte die melodische, fröhliche Stimme einer italienischen Moderatorin. Ein wohliges Gefühl durchströmte Sabine und es war, als streichelte jedes Wort ihre Haut, bevor es, verstanden oder auch nicht, durch sie hindurchströmte. Sabine hatte nach ihrem letzten Italien-Urlaub tatsächlich einige VHS-Kurse in Italienisch gemacht. Einiges, wenn auch nicht viel, war doch hängengeblieben.

"Pubblicità4" dröhnte vielsagend eine Stimme aus dem Radio und Sabine fühlte sich fröhlich angesteckt von der Begeisterung der vielversprechenden Werbeslogans. Sie war zufrieden, hatte ihren inneren Widerstreit in Balance bringen können. Vor vier Jahren war dies noch völlig undenkbar gewesen. Da fing der Morgen mit Zigarette und schwarzem Kaffee an und hörte mit Zigaretten und Rotwein, oder ein, zwei Bierchen auf. Anders hatte Sabine den Tag nicht überstehen können. Damals hatte ihr Chef sie in den Urlaub geschickt mit der Begründung, wenn sie so weitermache, sei sie geschäftsschädigend. Er hatte sogar mit Kündigung gedroht.

"Sabine, fahr doch mal weg, schau dass du zu dir kommst und lass die Trinkerei sein, wenn du dann dein Leben wieder im Griff hast schauen wir weiter …"

Sie war entsetzt gewesen. Hatte sie sich nicht sechs Tage die Woche, oft mehr als neun Stunden täglich, buchstäblich den Arsch aufgerissen, um die kleine Modeboutique in der Innenstadt zu schmeißen? Immer am Limit, ohne Verschnaufpause. Immer die Nase vorn, immer informiert über den neuesten Schrei. Alle ihre Stammkundinnen hatten ihrem guten Gespür für kommende Trends vertraut. Sie waren eine richtige Community gewesen und oft hatte man kleine Modenschauen zelebriert, bei denen flaschenweise Sekt oder auch Härteres geflossen war. Allerdings hatte es gewisse Damen der gehobenen Gesellschaft gestört, dass Sabines Zunge mit dem Alkohol nicht nur leichtsinniger, sondern auch ehrlicher und bissiger wurde und die ein oder andere Bemerkung ihrerseits nicht gerade gut ankam. Sie war damals überzeugt gewesen, dass diese sogenannten Ladys ihrem Chef nahegelegt hatten, sie abzusetzen. Nun ja, so hatte sie sich dann die Auszeit nehmen müssen, die eigentlich schon lange überfällig war. Heute musste Sabine nur den Kopf schütteln über ihre Scheuklappen, ihre eigene Dummheit und Sturheit. Das war damals das Beste was ihr passieren konnte, auch wenn sie das bis dato nicht glauben wollte.

Im vorgeschriebenen Tempo folgte sie der A 22, ließ die Stadt Mantua hinter sich und durchquerte die Po-Ebene, das norditalienische Tiefland. Vorbei an braunen oder bereits abgeernteten Mais- und Weizenfeldern. Ab und zu sah sie mit Wasser geflutete Felder. Erst dachte sie an eine Überschwemmung, doch dann wurde ihr klar, dass es Reisfelder sein mussten. Ihr fiel das italienische Wort für Reis ein, riso, das auch 'gelacht' bedeutet. Unwillkürlich lächelte sie. Sie dachte an die Verkaufsstände an den Landstraßen, die alles anboten, was diese fruchtbare Gegend wachsen ließ. Tomaten, Melonen, Auberginen, Zucchini, grüne Bohnen und vieles mehr. Ganz kurz hatte sie das Verlangen, von der Autobahn runter zu fahren und sich ein paar Köstlichkeiten zu besorgen. Doch sie wollte noch vor der Dunkelheit in ihrem Albergo5 einchecken und so fuhr Sabine weiter und gönnte sich erst nach Bologna eine kurze Rast an einer Tankstelle. Sie genoss eine Tasse Espresso, der hier viel besser schmeckte, als in jedem Café in ihrer Stadt. Etwas ausgeruht und mit vollem Tank fuhr sie weiter durch die sich verändernde Landschaft. Sanfte Hügel bestimmten jetzt das Erscheinungsbild. Weinberge und Olivenhaine wechselten sich ab. Malerische Serpentinenstraßen, eingesäumt von Zypressen luden ein, ihnen zu folgen. Kilometerlange Pinienalleen schimmerten in einem Grün, das scheinbar mit dem Sonnenlicht eine Symbiose einging. Sabine sog die Umgebung buchstäblich in sich auf. Die Landschaft hatte etwas friedliches, freundliches, ja besänftigendes. Sie fuhr an riesigen Feldern mit Sonnenblumen vorbei. Allerdings leuchteten diese nicht mehr gelb, sondern ließen braun und trocken ihre Köpfe hängen. 'Schade', dachte Sabine. Ihr wurde wieder der Grund ihrer Reise bewusst und sie bekam ein beklemmendes Gefühl. Sie hatte gar keine Ahnung, was auf sie zukam.

Auf der Fi Pi Li, der Schnellstraße die Florenz mit Livorno verband, kamen Sabine wieder all die dunklen, verworrenen und schmerzhaften, ja geradezu selbstzerstörerischen Gedanken in den Sinn, die sie damals umtrieben, als sie hier zum ersten Mal entlang fuhr. Vor fast genau vier Jahren. Getrieben von innerer Unruhe, düsteren Gedanken, dem Gefühl alleine, ungeliebt und nutzlos zu sein. Jeglicher Lebensfreude beraubt und nicht imstande irgendwelche positiven Aspekte in ihrem Leben zu finden. Bis zu dem Tage, als sie Alessio traf. Alessio der Bagnino6 vom Campeggio7…wie hieß es noch gleich?

Ital.: Liter

Italienisches Gebäck

Verfasser unbekannt

Ital.: Werbung

Ital.: Hotel

Ital.: Rettungsschwimmer

Ital.: Campingplatz

Kapitel 2

"Hildrut, hast du schon die Tagespost reingebracht? Und Hildrut, bring mir doch noch geschwind meine Brille mit!"

Ulisse Pavini setzte sich auf seinen Stuhl am Esszimmertisch und erwartete schon ein wenig ungeduldig seinen Tessiner Morgenboten. Es war einfach ein Ritual, das er täglich brauchte. Seit seiner Pension vor drei Jahren war das morgendliche Zeitungsstudium sogar noch wichtiger geworden. War er doch nun, abseits seiner früheren Berufung als Gymnasiallehrer, mehr oder weniger sich selbst ausgesetzt. An Hildrut konnte er seine schulmeisterlich grandiosen Fähigkeiten leider nicht so befriedigend erproben wie er gern wollte, dazu fehlte ihr schlichtweg die Intelligenz. Ab und an gewann sie schon mal im Rommé, das sie besonders gern Samstag abends, bei einem Glas Sangiovese, spielten …aber da war wohl meistens eher Glück dabei.

"Hier mein Schätzli, deine Zeitung und ein Briefli ist auch dabei."

Hildrut legte alles ordentlich vor Ulisse auf den Tisch, denn sie wollte ihn nicht schon am Morgen unnötig aufregen. Sein Ordnungssinn war extrem empfindlich und alles was dagegen verstieß brachte ihn sofort auf hundertachtzig. Doch so sehr sich Hildrut auch bemühte, binnen zehn Minuten war der morgendliche Friede unterbrochen.

"Was sich die Kantonsaufsicht da erlaubt, das gibt es doch nicht! Schon wieder diese Demonstrationen am Gotthard-Basistunnel! Hildrut, jetzt wird doch tatsächlich dieses Einkaufszentrum in Ascona gebaut! Ja wie kann man so eine gräuliche Architektur genehmigen!"

Hildrut hörte nicht mehr hin. Seit sie das Hörgerät trug war sie zwar wieder etwas nervöser als früher, hatte aber auch gelernt gewisse Situationen auszuhalten, anstatt wie früher hastig und unstet jeglichen Unmut ihres Gatten abzufedern.

"Hildrut, bring mir doch den Brieföffner!"

Hildrut reichte ihrem Gatten den Brieföffner, der vor ihm auf dem Tisch lag und sah ihm aufmerksam zu, wie er den Brief akkurat öffnete, mehrmals durchlas und schließlich mit großen Augen verkündete:

"Beim Heiligen Bärlibiber! Hildrut! Wir werden von der Gendarmerie in Livorno erwartet …"

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