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Millionäre küssen besser!

1. KAPITEL

„So geht das nicht. In Zukunft werden sämtliche Urlaube gestrichen“, murmelte Brandon Duke vor sich hin, als er nach seinem Kaffeebecher griff und feststellte, dass er leer war. Was ihn wieder daran erinnerte, dass seine unschätzbare Assistentin Kelly Meredith erst heute aus dem Urlaub zurückkommen würde. Schon zwei Wochen war sie jetzt weg. Seiner Ansicht nach waren das vierzehn Tage zu viel.

Natürlich konnte er sich auch selbst einen Kaffee machen, das war keine große Sache. Nur war er es gewohnt, dass Kelly ihn in diesem Punkt sehr verwöhnte. Noch bevor er etwas gesagt hatte und kaum dass er ausgetrunken hatte, kam sie mit frischem Kaffee. Aber auch in anderer Hinsicht schien sie Gedanken lesen zu können. Sie war voller Energie, und die Kunden liebten sie. Computerprogramme erschreckten sie nicht, und ihre ausgezeichnete Menschenkenntnis war Brandon sofort aufgefallen. Diese Fähigkeit war nicht mit Gold aufzuwiegen. Deshalb hatte er sich angewöhnt, Kelly oft auf Geschäftsreisen mitzunehmen.

Auch er hatte ein gutes Gefühl für seine Gesprächspartner und durchschaute die Absichten der Konkurrenten relativ schnell. Aber wenn Kelly ihn in seiner Einschätzung unterstützte, konnte er sicher sein, dass er richtiglag. Selbst seine Brüder hatten ihr Talent erkannt und zogen sie zurate, wenn es um Einstellungen oder allgemeine Personalprobleme ging. Außerdem war sie überall einsetzbar. Und wenn es irgendeine Aufgabe gab, zu der keiner Lust hatte oder die sich keiner zutraute, übernahm Kelly sie gern. Seit sie in der Firma war, klappte einfach alles besser.

Jetzt, am frühen Morgen, war es im Bürotrakt noch ruhig. Brandon fing an, sich Notizen für die spätere Besprechung mit seinen Brüdern zu machen. Heute sollte die luxuriöse Ferienanlage am Silverado Trail hier im Napa Valley eröffnet werden, die neueste Erwerbung des Duke’schen Hotelimperiums. Es wurde also Zeit, sich nach neuen Projekten umzusehen. Kurz las er sich durch, was er notiert hatte, und auch das erinnerte ihn an Kelly: Sie war die Einzige, die seine Handschrift entziffern konnte. Damit hatte selbst er manchmal Schwierigkeiten. Als Nächstes stand der Kauf einer kleinen Kette von Luxushotels an, die an der malerischen Küste Oregons lagen.

Schnell warf Brandon einen Blick auf seinen Terminkalender. Für jede Stunde war etwas notiert, und vieles hatte mit der Eröffnung zu tun. Gut, dass Kelly heute zurückkam. Zwar war die Urlaubsvertretung durchaus fähig gewesen, aber nur Kelly konnte mit dem Stress und den Konflikten umgehen, die meistens mit solchen Ereignissen verbunden waren.

Hinzu kam, dass eine seiner Schwägerinnen ein Kind erwartete, ihr erstes und das zweite Enkelkind seiner Mutter, die darüber vollkommen aus dem Häuschen war. Was sollte er dem Kind bloß schenken? Vielleicht eine Jahreskarte für die Football-Saison? Bestimmt hatte Kelly eine gute Idee und würde nicht nur etwas Passendes kaufen, sondern das Geschenk auch noch entsprechend einpacken.

In diesem Augenblick hörte er, wie in seinem Vorzimmer mit Papier geraschelt wurde und jemand Schubladen aufzog. „Guten Morgen, Brandon!“, zwitscherte eine fröhliche Stimme.

„Wurde auch Zeit! Gut, dass Sie endlich wieder da sind.“ Erleichtert atmete er auf. „Kommen Sie rein, sobald Sie können.“

„Selbstverständlich. Ich mache nur noch schnell einen Kaffee.“

Brandon sah kurz auf die Uhr. Typisch, Kelly war eine Viertelstunde zu früh. Eine bessere Angestellte konnte er sich wirklich nicht wünschen. Sie verdiente alle Vorteile, die so ein Job bot. Aber die Sache mit dem Urlaub würde er sich noch einmal sehr genau überlegen.

„Schön, wieder hier zu sein“, sagte Kelly leise vor sich hin, als sie ihren Rechner hochfuhr. Es war kaum zu glauben, aber Brandon Duke hatte ihr in den letzten vierzehn Tagen wirklich gefehlt. Bei dem Klang seiner tiefen Stimme bekam sie immer eine Gänsehaut, was sicher damit zu tun hatte, dass sie ihren Job so sehr liebte. Schnell verstaute sie ihre Handtasche im Schreibtisch und ging dann zu der kleinen Küchenzeile, um Kaffee zu machen. Während sie das Wasser in die Maschine goss, zitterte ihr die Hand. Weshalb war sie nur so nervös? Dass sie endlich wieder an ihrem Arbeitsplatz war, konnte doch nicht der Grund sein.

Sicher, während des Urlaubs hatte sie einiges an ihrem Aussehen verändert, aber das würde sowieso keinem auffallen. Man schätzte sie hier allein wegen ihrer Kompetenz und ihrer Einsatzbereitschaft, und das war ihr sehr recht. Heute hatte sie zwar statt des sonst üblichen Hosenanzugs ein Kleid angezogen, aber das würde keiner bemerken. Auch wenn das Kleid aus sehr geschmeidigem Stoff bestand und, obgleich hochgeschlossen, ihre Kurven sanft nachzeichnete. Außerdem hatte sie sich endlich dazu durchgerungen, sich Kontaktlinsen anpassen lassen. Seit fünf Jahren hatte sie dieselbe langweilige Brille getragen, das musste mal ein Ende haben.

„Kelly“, rief Brandon durch die halb geöffnete Tür, „bringen Sie bitte die Akte Traumküste mit.“

„Mach ich.“

Bei dem vertrauten Klang von Brandons Stimme musste Kelly lächeln. Eigentlich hätte seine Erscheinung sie einschüchtern müssen. Immerhin überragte er sie mit seinen ein Meter neunzig bei Weitem. Und sie wusste genau, dass er sehr kräftig gebaut war, denn sie war ihm mehr als einmal in dem hoteleigenen Fitnesscenter begegnet. In Shorts und T-Shirt wirkte er sehr muskulös. Kein Wunder: Er hatte früher professionell Football gespielt.

Sie musste lächeln, als sie an die Bemerkungen einiger ihrer Freundinnen dachte. Die würden alles dafür tun, um den attraktiven Brandon Duke in Shorts und T-Shirt beim Work-out zu beobachten. Glücklicherweise war sie nie in Versuchung gekommen, mit ihm zu flirten. Zugegeben, Brandon sah unglaublich gut aus, aber Kelly war der Beruf viel zu wichtig, als dass sie ihn für eine kurze, unbedeutende Affäre mit ihrem Chef aufs Spiel gesetzt hätte. Und kurz und unbedeutend würde sie sein, das wusste sie genau. Denn sie hatte zu oft miterlebt, wie er die Frauen, die sich ihm buchstäblich an den Hals warfen, nach wenigen Wochen wieder abservierte. Nein, zu diesen Frauen wollte sie nicht gehören, würde sie auch nie gehören, weil er gar kein Interesse an ihr …

Wie komme ich denn jetzt auf diese Idee? Noch nie hatte sie ihren Chef von dieser Seite her betrachtet. Verärgert schüttelte sie den Kopf. Was war nur in sie gefahren?

Als der Kaffee durchgelaufen war, nahm Kelly die Kanne und blickte kurz aus dem großen Fenster auf die weiten Anbauflächen des Napa Valleys. Immer wieder genoss sie den Anblick der Weinstöcke, die sich bis an den Horizont erstreckten, und war stolz, dass sie hier arbeiten durfte. Seit vier Monaten hatte Brandon mit seinem Stab sein Büro im Grandhotel aufgeschlagen, dem Mittelpunkt des neuen Ferienresorts, das heute eröffnet werden sollte. Wahrscheinlich würde er mit seinen Leuten noch etwa einen Monat bleiben, um die Weinlese abzuwarten und sicher zu sein, dass alles reibungslos funktionierte. Dann würden sie in die Hauptverwaltung nach Dunsmuir Bay in der Nähe von San Francisco zurückkehren.

Kelly atmete einmal tief durch und goss Kaffee in zwei große Kaffeebecher. „Immer mit der Ruhe“, redete sie sich gut zu, während sie das Kleid glatt strich und dann nach den Bechern griff. Einen ließ sie auf dem eigenen Schreibtisch stehen, den anderen sowie einen kleinen Stapel Post nahm sie mit in Brandons Büro.

„Guten Morgen“, sagte sie leise und legte ihm die Post auf den Tisch.

„Morgen, Kelly.“ Er blickte nicht hoch, sondern machte sich eifrig Notizen. „Gut, dass Sie wieder da sind.“

„Danke. Ich bin auch froh, wieder im Büro zu sein. Hier ist Kaffee für Sie.“ Sie stellte den Becher auf den Schreibtisch.

„Danke …“ Er schrieb immer noch. Nach einer Weile griff er nach dem Kaffee und blickte hoch. Er riss die Augen auf und stellte den Becher vorsichtig wieder ab. „Kelly?“

„Ja?“ Sie sah ihn fragend an. „Ach so. Ich sollte die Akte mitbringen. Entschuldigung, ich hole sie gleich.“

„Kelly?“, wiederholte er leise.

Sie blieb stehen und drehte sich um. „Was ist, Brandon?“

Er starrte sie an, als hätte er einen Geist gesehen. Ungläubig, schockiert? Entsetzt? Himmel, das war kein gutes Zeichen. Und je länger er sie ansah, desto nervöser wurde sie. „Was ist denn?“, fragte sie schließlich. „So schlimm sehe ich doch auch wieder nicht aus.“ Verlegen nestelte sie an ihrem Kragen, denn sie fühlte, wie sie rot wurde.

„Was haben Sie mit …?“ Die Stimme versagte ihm, während er Kelly unablässig anstarrte.

„Ach, Sie meinen die Kontaktlinsen? Wurde Zeit, dass ich da mal was ändere. Bin gleich mit der Akte zurück.“

„Kelly!“ Das war ein Befehl.

Wieder drehte sie sich um. Immer noch sah er sie an; diesmal hatte er den Blick auf ihr Haar gerichtet. Mit zitternden Fingern strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Ach so, das. Ich habe einen neuen Schnitt und mir das Haar etwas heller tönen lassen. Das ist alles.“ Diesmal ließ sie sich nicht zurückhalten, sondern verschwand im Vorzimmer. Du liebe Zeit. Brandons Reaktion nach zu urteilen, musste sie auf die anderen ja geradezu wie eine Außerirdische wirken. Mist! Wie sollte sie unter diesen Umständen die notwendige Gelassenheit aufbringen, um ihren Plan umzusetzen?

Während sie hastig nach der Akte suchte, hörte sie plötzlich ein wohlbekanntes Geräusch. Brandon schob seinen ledernen Schreibtischsessel zurück und stand auf. Als sie Sekunden später hochsah, lehnte er bereits an der Tür.

„Kelly?“

Sie warf ihm einen ungeduldigen Blick zu. „Was ist denn? Warum wiederholen Sie ständig meinen Namen?“

„Um mich zu vergewissern, dass es auch Sie sind.“

„Okay, ich bin Kelly Meredith. Jetzt hören Sie auf damit.“ Endlich hatte sie gefunden, was sie suchte. „Hier ist die Akte.“

„Was haben Sie gemacht?“

„Das haben Sie mich doch schon gefragt.“

„Und Sie haben mir noch nicht geantwortet.“

Während sie tief Luft holte, straffte sie die Schultern. Kein Grund, unsicher zu sein. Vor allem nicht Brandon gegenüber. Er hatte ihre Fähigkeiten immer gelobt und bezahlte sie sehr gut. Dass er sie respektierte und für ihren Einsatz bewunderte, wusste sie. Und schließlich war er nur ihr Chef, nicht Herr über ihr Leben. „Ich habe mich mal ein bisschen um mein Äußeres gekümmert.“

„Ein bisschen?“

„Ja. Ich habe ein paar Pfund abgenommen, war beim Friseur und habe mir Kontaktlinsen angeschafft. Keine große Sache.“

„Ich glaube aber schon. Sie sehen vollkommen anders aus.“

„Das ist doch Unsinn.“ Natürlich würde sie ihm nicht erzählen, dass sie eine Woche in einem teuren Spa verbracht hatte. Wenn er das wüsste, würde Brandon sie für verrückt erklären. Vielleicht war sie das auch. Doch sie war immer sehr zielstrebig gewesen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.

„Aber Sie tragen ein Kleid.“ Das klang fast vorwurfsvoll.

„Ja, das stimmt. Haben Sie etwas dagegen?“

Abwehrend hob er die Hände. „Nein. Um Himmels willen, nein! Im Gegenteil, Sie sehen toll aus. Es ist nur …“ Verlegen rieb er sich das Kinn. „Normalerweise haben Sie doch nie ein Kleid an.“

Dann hatte er das immerhin bemerkt? „Aber jetzt.“

„Hm … allerdings.“ Er runzelte die Stirn. Offenbar wusste er nicht, was er von dieser neuen Kelly halten sollte. „Wie ich schon sagte: Sie sehen gut aus. Sehr gut sogar.“

„Danke, ich fühle mich auch gut.“

„Das ist … das ist … gut.“ Immer noch hatte er die Stirn gerunzelt.

Wenn alles gut war, warum sah er sie dann so grimmig an? „Ach so.“ Sie reichte ihm die Akte. „Hier sind die Unterlagen.“ Kurz berührten sich ihre Hände, als er den Hefter entgegennahm, und Kelly wurde ganz heiß.

„Danke“, murmelte er und wandte sich zu seinem Büro um. „Gut, dass Sie wieder da sind.“

Wie oft hat er jetzt gut gesagt? Was war denn nur los mit ihm? „Ich kümmere mich jetzt um den Monatsabschluss. Sie haben die Zahlen in zwanzig Minuten.“

„Gut.“

Während er die Tür zuzog, ließ sie sich auf ihren Schreibtischstuhl sinken. Sie atmete tief durch, griff nach ihrem Kaffeebecher und trank einen großen Schluck. O ja, es ist gut, wieder hier zu sein.

Brandon warf die Akte im Vorbeigehen auf den Schreibtisch und trat an das große Panoramafenster, das eine der Wände einnahm. Er hatte sein Büro im obersten Stockwerk des prächtigen Herrenhauses eingerichtet, das zum Grandhotel umgebaut worden war. Der Blick von hier oben war einfach atemberaubend. Normalerweise erfüllte ihn, wenn er auf die langen Reihen der Rebstöcke blickte, Stolz auf all das, was seine Familie bisher erreicht hatte.

Heute wollte sich dieses Gefühl jedoch nicht so recht einstellen. Irgendwie war er unruhig, und als er den Hauch eines süßen Parfums wahrnahm, drehte er sich stirnrunzelnd um. Was war das? Kelly benutzte doch sonst kein Parfum. Oder hatte er es bisher nur nicht gemerkt? Wie auch immer, plötzlich stieg das Bild eines kühlen Hotelzimmers in ihm auf. Mit einem großen Bett. In dem Bett lag eine schlanke Blonde. Sie war nackt.

Kelly. Er hatte ihren Duft immer noch in der Nase. Verdammt.

Er hatte sich gerade vollkommen lächerlich gemacht. Hatte sie angestarrt wie ein hungriger Hund ein saftiges Stück Fleisch. Und war nicht einmal fähig gewesen, irgendetwas einigermaßen Sinnvolles zu sagen. Stattdessen hatte er immer wieder ihren Namen gestammelt. Aber das war ihre Schuld. Der Schock war einfach zu groß gewesen. So etwas war ihm noch nie passiert.

Was hatte sie gesagt? Sie habe sich ein bisschen um ihr Äußeres gekümmert. Warum nur? So wie sie gewesen war, war sie für ihn die perfekte Assistentin. Kompetent, intelligent, diskret. Keine Gefahr durch zu viel Weiblichkeit. Denn Ablenkung konnte er am Arbeitsplatz nicht gebrauchen.

Ablenkung. Seufzend stützte Brandon sich mit einem Arm am Fenster ab und lehnte sich mit der Stirn dagegen. Wer hätte gedacht, dass sich unter Kellys langweiligen Hosenanzügen derart aufregende Beine und verführerische Kurven verbargen? Und wegen der großen Brille war ihm nie aufgefallen, was für schöne blaue Augen sie hatte. Außerdem hatte sie anscheinend das erste Mal Lippenstift benutzt. Sonst wären ihm diese weichen vollen Lippen bestimmt schon früher aufgefallen.

Und dieses Kleid … Es hatte eng angelegen und ihre Brüste genau nachgezeichnet. Seltsam, dass er bisher keinen Blick für ihre aufregende Figur gehabt hatte. Er hatte sie doch oft genug im Fitnesscenter gesehen. Aber dort hatte sie immer Trainingshosen und ein übergroßes T-Shirt getragen. Da war beim besten Willen nichts zu sehen gewesen. Sie hatte ihn also all die Jahre getäuscht!

Na gut, das war vielleicht nicht ganz gerecht. Andererseits, wer konnte ihm übel nehmen, dass er sich irgendwie betrogen fühlte? Seine ruhige, fleißige, unscheinbare Assistentin sah in Wirklichkeit hinreißend aus. Und nicht nur das. Als sich eben ihre Hände kurz berührt hatten, war ihm kurz ganz heiß geworden. Vielleicht hatte er sich das auch nur eingebildet, aber wenn er sich jetzt die Situation wieder vorstellte, reagierte er in gleicher Weise. Schlimmer, er spürte deutlich seine Erregung. Frustriert stieß er sich vom Fenster ab.

„Veränderungen sind gut“, stieß er grimmig hervor und ließ sich wieder in seinen Schreibtischsessel fallen. Nein, Veränderungen waren gar nicht gut. Nicht, wenn er an Kellys eher unauffälliges Haar gewöhnt war, das sie normalerweise zu einem Pferdeschwanz zusammenfasste oder als Knoten trug. Jetzt hatte es nicht nur diese betörende honiggoldene Farbe, sondern fiel ihr auch noch offen über den Rücken. Welcher Mann würde sich die seidigen Strähnen nicht gern durch die Finger gleiten lassen? Und sich dann hinunterbeugen, um diese vollen rosigen Lippen zu küssen.

So etwas sollte er nicht einmal denken! Um die unmissverständliche Reaktion seines Körpers zu unterdrücken, schlug er den schmalen Aktenordner auf und versuchte, sich auf die Unterlagen zu konzentrieren. Umsonst. Er konnte seine Gedanken nicht von der Frau im Vorzimmer lösen. Verdammt, so etwas durfte ihm nicht passieren! Am Arbeitsplatz mussten Ordnung und Disziplin herrschen, darauf hatte er immer geachtet. Denn die Arbeit war zu anspruchsvoll und Kelly als Mitarbeiterin zu wichtig, als dass er sich von ihr ablenken lassen durfte. Es musste etwas geschehen. Er drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage. „Kelly, würden Sie mal kurz reinkommen?“

„Ja, sofort.“ Sieben Sekunden später trat sie durch die Tür, den Schreibblock in der Hand.

„Bitte, setzen Sie sich.“ Ruhelos stand er auf und ging im Raum hin und her. Er wagte es nicht, einen Blick auf ihre Beine zu werfen. So ging es wirklich nicht weiter. „Wir müssen uns unterhalten.“

„Was ist denn los?“, fragte sie alarmiert.

„Wir waren doch immer ehrlich zueinander, oder?“

„Ja …“

„Sie wissen, dass Sie mein volles Vertrauen haben.“

„Ja. Und Sie meins, Brandon.“

„Gut.“ Er räusperte sich, weil er nicht wusste, wie er fortfahren sollte. „Gut.“ Und jetzt? Er war noch nie um die passenden Worte verlegen gewesen, aber jetzt fiel ihm nichts ein. Er sah sie kurz an und blickte schnell wieder weg. Wieso war sie plötzlich so hübsch? Er durchschaute Frauen, ja, er hatte fast so etwas wie einen sechsten Sinn für sie. Er liebte Frauen, und sie liebten ihn. Warum war ihm nicht früher aufgefallen, wie attraktiv Kelly war?

„Brandon“, fing Kelly schließlich wieder an. „Sind Sie nicht zufrieden mit meiner Arbeit?“

„Was? Nein, doch …“

„Hat Jane ihren Job nicht gut gemacht, als ich weg war?“

„Ich war sehr zufrieden mit ihr. Darum geht es nicht.“

Erleichtert atmete sie auf. „Gut, das beruhigt mich. Denn ich hasse es …“

„Kelly“, unterbrach er sie jetzt schnell. „Haben Sie während Ihrer Ferien irgendetwas Besonderes erlebt?“

Erstaunt sah sie ihn an. „Nein, wie kommen Sie denn darauf?“

„Aber warum haben Sie sich dann äußerlich so verändert?“, platzte er heraus. „Weshalb die Mühe?“

Verärgert runzelte sie die Stirn. „Haben Sie mich deshalb herzitiert?“

„Ja.“ Obwohl er wusste, wie lächerlich er sich machte, fragte er weiter: „Warum meinen sie plötzlich, dass Sie sich so aufbrezeln müssen …“

Sie kniff die Augen zusammen. „Aufbrezeln?“

„Na ja, Sie wissen schon, mit Make-up … und überhaupt.“

„Ist etwas dagegen einzuwenden, dass ich möglichst gut aussehen will?“

„Das meine ich doch nicht.“

„Habe ich zu dick aufgetragen? Die Frau in der Parfümerie hat mir zwar gezeigt, was ich machen soll, aber noch habe ich nicht viel Erfahrung.“ Sie hob ihm das Gesicht entgegen; die rosa Lippen schimmerten. „Sagen Sie ehrlich: Bin ich zu stark geschminkt?“

„Um Himmels willen, nein, es ist genau richtig.“ Viel zu richtig.

„Das sagen Sie nur, weil Sie nett sein wollen. Denn so, wie Sie mich vorhin angesehen haben …“

„Was? Nein!“ Du liebe Zeit, sie wird doch nicht anfangen zu weinen? Kelly hatte in seiner Gegenwart noch nie geweint.

„Und ich dachte, ich könnte es. Genauso wie andere Frauen.“ Sie sprang auf und schlug sich mit der Faust auf die Handfläche. „Ich habe mir so viel Mühe gegeben. Sehe ich lächerlich aus?“

„Aber nein, Sie …“

„Seien Sie ehrlich.“

„Ich bin …“

Doch sie hörte kaum zu. „Es war von Anfang an eine verrückte Idee“, stieß sie leise hervor und lehnte sich seufzend gegen die Wand. „Ich kann alle möglichen komplizierten mathematischen Kalkulationen machen, aber ich bin unfähig, jemanden zu verführen.“

Verführen? Das Wort traf ihn wie ein Hieb in den Magen, sodass er sie nur sprachlos anstarren konnte.

„Das ist alles so peinlich!“

„Nein, überhaupt nicht“, warf er schnell ein.

„Doch! Was soll ich nur tun? Ich habe nur noch eine Woche Zeit …“ Kurz legte sie sich die Hand auf die Augen. Dann richtete sie den Blick an die Decke, verschränkte die Arme vor der Brust, während sie wütend mit den zehn Zentimeter hohen High Heels aufstampfte. „Wie konnte ich nur so dumm sein!“

Schnell ging Brandon auf sie zu und nahm sie bei den Schultern. „Hören Sie auf damit. Sie sind eine der klügsten Frauen, die ich kenne.“

„Vielleicht was den Job betrifft. Aber nicht, wenn es um Männer geht.“

Hm, dann scheint sie im Augenblick nichts anderes als Flirten und Verführen im Kopf zu haben. Und ich auch. Aber warum? In all den Jahren hatte Kelly nie irgendeinen Namen fallen lassen oder auch nur angedeutet, dass sie verliebt sei. Und jetzt wollte sie plötzlich irgendeinen Mann verführen? Aber wen? Kannte Brandon ihn? Und war er auch gut genug für Kelly? „Für wen haben Sie sich denn so schön gemacht?“

„Für Roger. Meinen Exfreund. Aber ich hätte mir gleich denken können, dass es nicht funktioniert.“

„Wer ist denn Roger?“ Einerseits war Brandon froh, dass sie es nicht auf ihn abgesehen hatte, denn so etwas konnte er am Arbeitsplatz nicht gebrauchen. Andererseits …

„Das habe ich doch gerade gesagt. Mein Exfreund. Roger Hempstead.“ Mit einer schnellen Bewegung löste sie sich aus Brandons Griff. „Wir haben uns vor ein paar Jahren getrennt, und seitdem habe ich ihn nicht wiedergesehen.“

„Wann haben Sie sich denn getrennt?“

„Vor ungefähr fünf Jahren.“

„Also kurz bevor Sie bei uns angefangen haben.“

„Ja.“ Leise seufzend ließ sie sich auf den Stuhl fallen. „Nachdem wir uns getrennt hatten, konnte ich nicht mehr in der kleinen Stadt bleiben, wo jeder jeden beobachtet. Also beschloss ich, möglichst weit wegzuziehen. Glücklicherweise fand ich dann diesen Job hier.“

„Darüber bin ich auch froh. Aber es muss ja eine traumatische Trennung gewesen sein.“

„Ziemlich schlimm. Aber jetzt bin ich darüber hinweg.“

„Wirklich?“

„Ja. Zumindest war ich das, bis ich herausgefunden hatte, dass Rogers Firma in der nächsten Woche hier eine Tagung abhalten wird. Er wird also nächste Woche hier sein!“ Langsam hob sie den Kopf und sah Brandon traurig an. „Und ich wollte, dass mein Anblick ihn einfach umhaut.“

„Ach so.“ Er lehnte sich gegen die Schreibtischkante. „Wenn es Sie irgendwie tröstet, kann ich Ihnen garantieren, dass er hingerissen sein wird.“

„Tatsächlich?“ Sie war immer noch skeptisch. „Sie sagen das nur, weil Sie nett sind.“

„So nett bin ich nun auch wieder nicht, das müssen Sie mir glauben.“

„Das tue ich auch. Zumindest normalerweise.“

„Immerhin.“ Er grinste. „Also, vor fünf Jahren haben Sie sich von diesem Roger getrennt. Und jetzt wollen Sie ihn beeindrucken.“

„O ja!“

„Und das werden Sie. Ich verspreche es Ihnen.“

„Danke. Aber ich weiß nicht, wie ich es anstellen soll. In meinem Beruf bin ich gut, aber mit Männern …?“

„Sagen Sie mir, wo das Problem liegt. Vielleicht kann ich Ihnen helfen.“

Hoffnungsvoll sah Kelly zu ihm auf. „Meinen Sie das ernst?“

„Ja, natürlich.“ Er würde fast alles dafür tun, dass der alte Zustand wiederhergestellt wurde. Wenn Kelly sich gut fühlte, würde sie in der Lage sein, ihren Job wie früher zu machen, und nicht mehr so viel an diesen Roger denken. Und wenn der dann wieder abgereist war, würde sie sich in die alte Kelly zurückverwandeln, mit der er bisher so problemlos zusammengearbeitet hatte.

„Das wäre toll!“ Jetzt strahlte sie ihn auch noch an … „Jemand wie Sie kann mir bestimmt den richtigen Rat geben.“

„Jemand wie ich? Warum gerade jemand wie ich?“

Sie lächelte, und ihre Augen leuchteten. Verdammt, warum hatte er früher nie bemerkt, wie hübsch sie war? „Weil Sie und Roger sich sehr ähnlich sind. Zu wissen, wie Sie die Dinge sehen, würde mir sehr helfen.“

„Was meinen Sie damit? Dass dieser Roger und ich uns ähnlich sind?“

„Na ja, Sie sind beide selbstbewusst, sehen gut aus, sind überheblich und gehen manchmal über Leichen. Typ A eben.“

Unwillkürlich musste er schlucken. Das war deutlich genug. Und er hatte immer geglaubt, im Gegensatz zu seinen Brüdern umgänglich und rücksichtsvoll zu sein. Aber selbstbewusst und gut aussehend, das gefiel ihm. Als Kelly leise hinzufügte: „Kein Wunder, dass ich ihm nicht genügt habe“, sah er sie stirnrunzelnd an.

„Wieso haben Sie ihm nicht genügt?“

„Sie wissen schon, was ich damit sagen will. Ich war ihm nicht attraktiv genug.“

„Wie kommen Sie denn darauf?“

„Er hat es mir gesagt.“

„Das kann nicht wahr sein!“

„Doch. Das ist mein völliger Ernst.“ Sie lachte kurz trocken auf. „Und er hatte recht. Sie wissen doch selbst, wie ich früher aussah. Blass und nichtssagend. Nicht gerade wie ein Supermodel.“

Stimmt. Beinahe hatte er ein schlechtes Gewissen, als ihm klar wurde, dass er immer genau das gedacht hatte. Nur dass ihn ihr Aussehen nie gestört hatte, im Gegenteil.

„Aber ich habe ihn auch verstanden“, fuhr sie leise fort.

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