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Millionäre des Monats (6-Teilige Serie)

Maureen Child, Christie Ridgway, Susan Crosby, Anna Depalo, Elizabeth Bevarly, Susan Mallery

Millionäre des Monats (6-Teilige Serie)

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1. KAPITEL

„Hunter“, murmelte Nathan Barrister nun, als er seinen Blick über das gigantische Landhaus am Lake Tahoe wandern ließ. „Wenn du jetzt hier wärst, dann würde ich dich umbringen.“

Aber natürlich war Hunter Palmer nicht hier, und Nathan konnte seinen besten Freund nicht umbringen, da er bereits tot war.

Er spürte die Kälte, die jedes Mal in ihm aufstieg, wenn er daran dachte, dass er Hunter für immer verloren hatte. Doch er war geübt darin, diese Gefühle zu verdrängen. Nostalgie war reine Zeitverschwendung.

„Und der nächste Monat ist ebenfalls für die Katz“, konstatierte Nathan, stieg aus dem Mietwagen und landete mit beiden Füßen im Schneematsch.

Angewidert kickte er den schmutzigen Schnee von seinen auf Hochglanz polierten Schuhen. Ich hätte auf die Sachbearbeiterin der Leihwagenfirma hören sollen, dachte er. Sie hatte ihm geraten, einen Geländewagen zu mieten. Stattdessen hatte er auf einem sportlichen Flitzer bestanden.

Aber wer kam schon auf die Idee, dass es im März noch Schnee gab?

Er lächelte grimmig. Ich hätte auf diese Idee kommen sollen, schimpfte er stumm. Er war im Osten der USA aufgewachsen und hätte daran denken sollen, dass es hier jederzeit und überall schneien konnte, besonders so hoch oben in den Bergen. Allerdings hatte er sein ganzes Leben damit verbracht, seine Vergangenheit zu vergessen. Daher überraschte es ihn kaum, dass ihm selbst die Wetterverhältnisse fremd geworden waren.

Die Luft war kühl und sauber, und der Himmel war so blau, dass es den Augen fast wehtat. Ein scharfer Wind fegte durch die großen Bergkiefern. Die Äste knarrten, und ab und zu wurde Schnee hinuntergeweht.

Nathan fröstelte und zog den Kragen seiner braunen Lederjacke höher. Er hatte nicht das geringste Interesse daran, an diesem Ort zu sein, schon gar nicht für einen ganzen Monat. Er blieb grundsätzlich nirgendwo länger als ein paar Tage. Außerdem erinnerte ihn Hunters Haus an Dinge, an die er seit Jahren nicht mehr gedacht hatte.

Zögernd ging er zum Haus hinüber und ließ sein Gepäck vorerst im Auto. In der Stille hier oben war das Knirschen seiner Schritte das einzige Geräusch. Es war, als hielte die Welt den Atem an … Großartig, Nathan, dachte er entnervt. Eine Viertelstunde in dieser Umgebung genügt, und du wirst poetisch!

Er wünschte, er wäre nicht hier. Er wünschte, er wäre immer noch auf Tahiti, um in seinem Luxushotel nach dem Rechten zu sehen. Es gab immer etwas zu tun. Streitigkeiten schlichten, Verbesserungen planen, Ausschau nach Expansionsmöglichkeiten halten. Nächsten Monat würde er auf Barbados sein, danach in Jamaika. Nathan war immer unterwegs, hielt nie inne, gab sich nie die Chance, zur Ruhe zu kommen, sich niederzulassen. Ein paar Tage am selben Ort – dann trieb es ihn weiter.

Und jetzt?

Wenn es irgendeine Möglichkeit gegeben hätte, aus der Sache herauszukommen – Nathan hätte sie genutzt. Er hatte alles versucht, um eine undichte Stelle im Testament seines Freundes zu finden. Doch die Familienanwälte der Barristers hatten ihm mitgeteilt, dass die Verfügung seines Freundes absolut wasserdicht war. Hunter Palmer hatte sichergestellt, dass seine Freunde keine andere Wahl hatten, als sich seinem letzten Willen zu beugen.

„Das macht dir richtig Spaß, nicht wahr?“, flüsterte Nathan und dachte an seinen verstorbenen Freund. Der Wind fuhr in die Äste der Nadelbäume und ließ sie rascheln. In Nathans Ohren hörte es sich an wie höhnisches Gelächter.

„Na gut. Ich bin hier. Und ich versuche, einen Monat lang zu bleiben“, murmelte er. Sobald er Hunters letzten Wunsch erfüllt hatte, würde sein alter Freund hoffentlich aufhören, ihm Albträume zu verursachen.

An der Eingangstür aus massivem Holz steckte ein großer weißer Umschlag, auf dem in krakeliger Handschrift sein Name stand. Nathan stieg die wenigen Stufen hoch, nahm den Umschlag und riss ihn auf. Darin befanden sich die Hausschlüssel, die an einer verschnörkelten Kette hingen, sowie ein Blatt Papier.

Hallo, ich bin Meri, Ihre Haushälterin. Ich habe immer sehr viel zu tun, deshalb bin ich leider nicht hier, um Sie zu begrüßen. Wahrscheinlich werden wir uns während Ihres Aufenthaltes nur selten sehen. In der Küche finden Sie frische Vorräte. Das Städtchen Hunter’s Landing erreichen Sie in zwanzig Minuten mit dem Auto, falls Sie noch etwas brauchen sollten. Ich hoffe, dass Sie und die anderen, die noch kommen werden, Ihren Aufenthalt hier genießen werden.

Nathan zerknüllte den Zettel in der rechten Hand und ballte sie zur Faust.

Die anderen.

Er dachte an das letzte Jahr in Harvard und an die Sieben Samurai. So hatten sich die Freunde und er genannt. Kindisch, doch damals schien es ihnen nicht so. Sie hatten vier harte Studienjahre hinter sich und waren unzertrennlich. Ihre Zukunft schien ihnen wie der gerade Weg zum Erfolg. Bei der äußerst feuchtfröhlichen Abschlussfeier schworen sich die Samurai, zusammen ein Haus zu bauen und sich in zehn Jahren wiederzutreffen. Jeder von ihnen sollte einen Monat in dem Haus verbringen. Im siebten Monat wollten sie sich alle dort treffen und die erfolgreichen Karrieren feiern, die sie dann alle – davon gingen sie selbstverständlich aus – vorzuweisen haben würden.

Es war alles genau geplant. Und dann …

Nathan schüttelte den Kopf und verscheuchte die Erinnerungen. Schnell öffnete er die Haustür und blieb in der Eingangshalle stehen. Von dort fiel sein Blick auf einen riesigen holzgetäfelten Raum mit einem offenen Kamin, in dem bereits ein Feuer prasselte. Breite, bequem aussehende Polstermöbel luden zum Verweilen ein.

Na gut, dachte Nathan. Immerhin ist das Gefängnis angenehm möbliert. Die Haushälterin und die nahegelegene Stadt fielen ihm ein. Er konnte nur hoffen, dass die Leute ihn in Ruhe ließen. Es war schon schlimm genug, hier festzusitzen. Da brauchte er nicht auch noch die Gesellschaft von fremden Menschen.

Er hatte nicht vor, hier Freundschaften zu schließen. Alles, um was es ging, war, einem verstorbenen Freund die letzte Ehre zu erweisen.

Eine Stunde später parkte Keira Sanders ihren Truck vor Hunter’s Lodge, nahm den großen Korb vom Beifahrersitz, sprang aus dem Wagen und schlug die Fahrertür zu. Beinah wäre sie im Schneematsch ausgerutscht, doch sie fing sich im letzten Moment. Ein schmutziger Hosenboden bei der ersten Begegnung mit dem Gast der Lodge hätte ihr gerade noch gefehlt.

„Das würde einen super Eindruck machen“, murmelte sie, während sie das große Landhaus näher betrachtete.

In der hereinbrechenden Nacht leuchtete es wie ein Juwel. Im ganzen Haus brannte Licht und warf einen goldenen Schimmer auf den Schnee. Aus dem Schornstein stieg Rauch, der sich im eisigen Wind verflüchtigte. Das tiefe Dach war schneebedeckt wie auch die Kiefern und Espen, die das Haus umstanden. Es war lange Winter hier oben in den Bergen, aber Keira hätte es gar nicht anders haben wollen.

Die Kälte und die vom Schnee gedämpften Geräusche hatten für sie immer etwas Magisches. Am liebsten hätte sie sich jetzt in ihrer gemütlichen Wohnung in Hunter’s Landing aufs Sofa gekuschelt, mit einem Buch und einem Glas Wein.

Stattdessen war sie hier, um den ersten jener sechs Männer zu begrüßen, die jeweils einen Monat in dem Haus am See verbringen würden. Keira kämpfte gegen ihre Nervosität an. Das, was heute hier begann und in den nächsten Monaten fortgeführt würde, war zu wichtig. Für das Städtchen Hunter’s Landing, aber ebenso für sie selbst.

Vor zwei Wochen hatte sie ein förmliches Schreiben erhalten. Es kam vom Anwalt eines Mannes, der Hunter Palmer hieß. In dem Brief erläuterte der Anwalt die ungewöhnlichen Klauseln des Vermächtnisses.

In den kommenden sechs Monaten würden sechs verschiedene Männer nach Hunter’s Landing kommen, um jeweils dreißig Tage in Hunter’s Lodge zu verbringen. Falls jeder dieser Männer einen ganzen Monat blieb, erhielt die Stadt zwanzig Millionen Dollar, das sie für wohltätige Zwecke verwenden konnte. Das Landhaus selbst sollte danach Krebspatienten zur Erholung dienen.

Keira atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Sie war Bürgermeisterin von Hunter’s Landing. Es war ihre Aufgabe, die sechs Gäste dazu zu bringen, die Klausel in Hunter Palmers Testament zu erfüllen. Sie konnte es sich nicht leisten, eine solch gewaltige Spende zu verlieren. Das Geld würde es ihr ermöglichen, das Krankenhaus zu erweitern, das Gefängnis zu modernisieren, die städtische Verwaltung besser auszustatten und, und, und …

Sie lächelte, als sie merkte, wie ihre Gedanken sich überschlugen. Keira packte den Henkel des Korbes fester und vergewisserte sich, dass der Deckel geschlossen war. Dann strich sie den Kragen ihrer Jacke glatt, straffte die Schultern, setzte ein Willkommenslächeln auf und bereitete sich darauf vor, den ersten Gast in Hunter’s Lodge kennenzulernen.

Es fiel ihr leicht, auf Menschen zuzugehen. Und sie war entschlossen, jede Chance zu nutzen, um ihrer Stadt das Geld zu sichern. Sie würde dafür sorgen, dass alle sechs Männer dreißig Tage in dem Landhaus verbrachten. Dazu musste sie den Gästen klarmachen, wie wichtig die Sache für Hunter’s Landing war.

Entschlossen marschierte sie los, Richtung Eingangstür. Ihre Schritte knirschten im Schnee, und als sie auf eine vereiste Stelle trat, die unter dem Schnee verborgen gewesen war, schlidderte sie trotz der festen Schuhsohlen und drohte, die Balance zu verlieren. „Oh nein.“

Entsetzt umklammerte sie den Korb und ruderte wild mit dem anderen Arm. Doch ihre Füße fanden keinen Halt. Keira wusste, dass sie kurz davor war, sowohl die Balance als auch ihre Würde zu verlieren.

„Au!“, rief sie, als sie zu Boden ging. Sie ließ den Korb los und hoffte, dass der Deckel fest genug geschlossen war, damit der Inhalt blieb, wo er war. Entnervt seufzte sie. „Großartiger Auftritt, Keira.“

Die Haustür wurde mit einem Ruck geöffnet. Licht fiel nach draußen. Keira blinzelte und sah die Silhouette eines Mannes im Türrahmen.

Verflixt, dachte sie. So wollte ich Nathan Barrister nicht begrüßen.

„Wer sind Sie?“, fragte er, machte dabei aber keine Anstalten, die Treppe herunterzukommen und ihr zu helfen.

„Mir geht es gut, danke der Nachfrage.“ Sie spürte, wie der eiskalte Schneematsch ihre Hose durchnässte. Toller Eindruck, den ich mache, grollte sie im Stillen. Vielleicht sollte ich zurück zum Auto kriechen und noch mal von vorn anfangen?

„Falls Sie Schadenersatz fordern wollen, sollten Sie wissen, dass ich nicht der Besitzer des Anwesens bin“, sagte Nathan.

„Wow.“ Keira vergaß für einen Moment, dass dieser Mann nebst fünf weiteren entscheidend für die Zukunft ihrer Stadt war. Stattdessen saß sie nur da und starrte ihn an wie ein seltenes Tier. „Sie sind wirklich ein Idiot.“

„Wie bitte?“

„Habe ich das laut gesagt?“

„Ja.“

„Tut mir leid.“ Das stimmte sogar. Mehr oder weniger. Nichts lief wie geplant.

„Haben Sie sich verletzt?“

„Verletzt ist nur mein Stolz“, gab sie zu, obwohl ihr Po wehtat und das schmelzende Eis sein Übriges tat, um die Lage zu verschlimmern. Trotzdem nahm Keira sich vor, das Beste daraus zu machen. Sie wedelte mit der Hand in Nathans Richtung. „Könnten Sie mir bitte helfen?“

Er murmelte etwas Unverständliches. Sie nahm an, dass es nichts Freundliches war. Aber dann kam er immerhin zu ihr, ergriff ihre Hand und zog Keira mühelos hoch, sodass sie wieder auf die Füße kam.

Seine Finger fühlten sich warm an. Warm, kräftig … und irgendwie gut. Es war ein unerwartetes Gefühl. Nathan ließ ihre Hand los, als habe er sich verbrannt, und sie fragte sich, ob er ebenfalls dieses Prickeln gespürt hatte, als sich ihre Finger berührten.

Sie klopfte sich den Hosenboden ab, während sie zu dem Mann vor ihr aufsah. Seltsamerweise hatte sie einen älteren Mann erwartet. Aber er war nicht alt. Er war groß und schlank, breite Schultern, schmale Hüften und lange Beine. Zog sie die Mühelosigkeit in Betracht, mit der er ihr aufgeholfen hatte, dann war er außerdem kräftig. Nicht dass sie besonders schwer war. Aber sie war sicher nicht der magersüchtige Modeltyp, der zurzeit als schick galt.

Normalerweise hätte ihr ein Mann wie Nathan Barrister sofort Schmetterlinge im Bauch verursacht. Die Art jedoch, wie er sie grollend betrachtete, ließ Keira erst einmal Abstand halten. Er trug sein schwarzes Haar relativ lang und in einem modischen Schnitt. Aus kühlen blauen Augen sah er misstrauisch auf sie hinab. Ein Muskel zuckte an seinem markanten Kinn, und seine sinnlichen Lippen bildeten jetzt eine schmale Linie, die Keira verriet, wie unwillkommen sie hier war.

„Haben Sie schlechte Laune, oder liegt es an mir?“, fragte sie geradeheraus.

„Wer auch immer Sie sind“, erwiderte er mit einer tiefen, rauen Stimme, die ihr einen heißen Schauer über den Rücken sandte, „ich habe Sie nicht eingeladen. Ich habe kein Interesse daran, meine Nachbarn kennenzulernen.“

„Das trifft sich gut“, gab Keira zurück und lächelte zufrieden, als sie sah, dass er irritiert war. „Sie haben nämlich keine Nachbarn. Das nächste Haus am See ist ein paar Meilen weiter nördlich.“

Er runzelte die Stirn. „Und wer sind Sie dann?“

„Keira Sanders“, antwortete sie und streckte ihm die Hand hin. In dieser Position wartete Keira, bis er sich seiner guten Manieren erinnerte.

Wieder war da dieses angenehm prickelnde Gefühl, als sich ihre Hände berührten. Ob er es wohl auch empfand? Falls ja, schien er darüber nicht erfreut. Keira dagegen genoss den Moment. Es war schon verdammt lange her, seit sie einen Mann attraktiv gefunden hatte. Ihr Bedarf an Romantik war seit ihrer letzten gescheiterten Beziehung gedeckt.

Trotzdem war das, was sie gerade spürte, eine nette Abwechslung.

Sie ließ seine Hand nicht los und sah ihn lächelnd an. Er sah wirklich toll aus. Schade, dass er so grantig war. Aber sie hatte oft genug mit seltsamen Leuten zu tun. Und seine schlechten Manieren waren kein Grund, die Chance auf eine Millionenspende zu vertun.

„Ich bin Bürgermeisterin von Hunter’s Landing und hergekommen, um Sie zu begrüßen.“

„Das ist nicht notwendig“, sagte er und ließ ihre Hand los.

„Das Vergnügen ist ganz meinerseits“, erwiderte sie überaus höflich, bückte sich und hob den großen Korb auf. „Und“, fuhr sie fort, während sie mit festem Schritt zur Haustür ging, „ich habe Ihnen einen Geschenkkorb mitgebracht, sozusagen als Willkommensgruß der Stadtverwaltung.“

„Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen …“, wehrte er ab und eilte ihr nach.

„Aber gern doch“, sagte Keira, betrat das Haus und blieb in der Eingangshalle stehen. „Ich gebe zu, dass ich vor Neugier auf das Haus fast geplatzt bin. Ich bin gespannt, wie es innen aussieht.“

Es dauerte einen Moment, doch schließlich hörte sie, wie Nathan ebenfalls eintrat und entnervt seufzend die Tür hinter sich schloss. Er war offenbar nicht nur ein bisschen, sondern außerordentlich grantig.

Na schön, dachte sie. Soll er doch. Ich werde ihn schon auftauen.

Schließlich musste sie dafür sorgen, dass er und die anderen fünf, die in den nächsten Monaten hier wohnen würden, sich an die Testamentsklausel hielten. Nur so konnte die Stadt profitieren.

„Ms. Sanders …“

„Nennen Sie mich Keira“, forderte sie ihn mit einem Lächeln auf.

„Gut.“ Er schob beide Hände in die Hosentaschen und musterte Keira ungeduldig.

Offenbar wollte er tatsächlich keinen Besuch.

„Keine Sorge“, sagte sie und betrat das große Wohnzimmer. „Ich bleibe nicht lang. Ich wollte Sie nur begrüßen und Ihnen mitteilen, dass Sie nicht mutterseelenallein hier sind.“

„Ich bevorzuge das Alleinsein“, entgegnete er. Keira, die begonnen hatte, den riesigen, wandvertäfelten Raum mit dem steinernen Kamin zu erkunden, blieb stehen und wandte sich um. Nathan stand immer noch im Foyer.

„Warum nur?“, fragte sie mit einem leicht spöttischen Unterton.

Er wirkte von einem Moment zum anderen noch missmutiger, falls das überhaupt möglich war. Kein besonders geselliger Mensch, entschied Keira und zuckte die Achseln.

„Egal“, sagte sie, um nicht länger über sein abweisendes Verhalten nachdenken zu müssen, und stellte den Korb auf einen handgeschnitzten Wohnzimmertisch, der unter Garantie mehr gekostet hatte als ihre monatliche Miete. „Hier drin sind ein paar Sachen, die Ihnen den Aufenthalt bestimmt angenehmer machen werden.“

„Ich bin sicher, ich kann auch ohne den Inhalt leben.“

Sie ignorierte das und begann, in dem Korb zu kramen. Eins nach dem anderen kam zum Vorschein, von Keira jedes Mal kurz kommentiert. „Hier haben wir einen Gutschein für dreißig Mal kostenloses Frühstück im Diner. Sie wissen schon: Croissants, frischer Kaffee, Orangensaft oder auch deftig, wenn Sie das lieber mögen. Dann ein Glas selbst gemachte Marmelade von Margie Fontenot. Sie ist die Witwe des letzten Bürgermeisters und kocht die beste Marmelade im ganzen Land. Außerdem eine Flasche Wein aus Stans Liquor Shop, frisches Brot aus der Bäckerei, eine Packung frisch gemahlener Kaffee …“ Sie hielt inne und schnupperte mit einem Laut des Entzückens an der Kaffeepackung, ehe sie fortfuhr: „Hier ist ein Glas eingelegte Meeresfrüchte aus dem Clearwater Restaurant. Sie sollten dort mal essen gehen, solange Sie hier wohnen. Von der Terrasse aus haben Sie einen wundervollen Blick auf den See, und nirgendwo kriegen Sie einen schöneren Sonnenuntergang geboten …“

„Ms. Sanders …“

„Keira.“

„Keira, wenn es Ihnen nichts ausmacht …“

„Und“, redete sie einfach weiter, als hätte er nichts gesagt, „es gibt in diesem Korb noch weitere Kleinigkeiten, aber die sollen Sie selbst auspacken.“

„Danke“, sagte er knapp.

Sie sah zu ihm hinüber. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, um Ihnen den Aufenthalt hier interessanter zu machen?“

„Wie wär’s mit gehen?“, fragte er.

Keira schüttelte den Kopf, als sei sie sehr enttäuscht. Sie setzte ihre Erkundungstour durch den Raum fort, strich über den geschnitzten Kaminsims und genoss für einen Augenblick die Wärme, die das prasselnde Feuer verströmte. Sie schaute dabei aus dem Panoramafenster auf den See. Der Mond ging gerade auf und warf den ersten silbernen Schein auf das schwarze Wasser.

Himmel, ist dieser Nathan Barrister unhöflich, dachte sie und versuchte, ihr Temperament unter Kontrolle zu halten. Ihn zu beleidigen kam absolut nicht infrage. Seine Anwesenheit in diesem Haus war die Voraussetzung für die positive Entwicklung ihrer Stadt. Gleichzeitig fragte Keira sich, weshalb er sich so unmöglich benahm. Sie sah zu ihm hinüber und stellte fest, dass er immer noch in der Eingangshalle stand. Offenbar glaubte er, er könne sie dadurch zum Gehen bewegen.

Doch sie fragte sich noch etwas anderes. Weshalb zog dieser Mann sie körperlich so an, wenn seine Unhöflichkeit Grund genug gewesen wäre, ihn unsympathisch zu finden?

Und wie sollte sie es jemals schaffen, ihn für die Stadt und ihre Bewohner zu interessieren, wenn er so offensichtlich nicht das geringste Interesse an ihnen besaß?

2. KAPITEL

Nathan reichte es.

Er war gerade mal eine Stunde in diesem Haus am See, und der erste ungebetene Gast suchte ihn bereits heim.

Dazu kam, dass Keira Sanders offensichtlich immun gegen Beleidigungen war und kein Problem damit zu haben schien, dass sie hier nicht willkommen war.

Er musterte sie von oben bis unten. Vorhin, als sie im Schnee saß, war dazu keine Zeit gewesen. Sie trug enge, ausgeblichene Jeans, dazu einen überlangen schwarzen Pullover, der ihre Figur seltsamerweise mehr zu enthüllen als zu verbergen schien. Vielleicht lag es an dem weichen Material, das ihre Rundungen betonte. Nathan genoss den Anblick durchaus, obwohl er Keira gleichzeitig zur Hölle wünschte.

Ihr rotblondes Haar fiel in weichen Wellen bis auf ihre Schultern und umspielte ihr hübsches Gesicht, wann immer sie sich bewegte. Und das geschah oft. Nathan hatte noch nie eine Frau erlebt, die so aktiv war. Es fiel ihr schwer, auch nur zwei Sekunden lang stillzustehen. Interessiert erkundete sie das große Wohnzimmer, berührte ein paar Möbelstücke und strich hin und wieder über eine glänzende Oberfläche. Er fragte sich unwillkürlich, wie sich ihre Finger wohl auf seiner Haut anfühlen würden.

Im gleichen Moment wurde ihm nur zu bewusst, dass er alles daransetzen musste, Keira aus dem Haus zu vertreiben. Er hatte nicht das geringste Interesse an einer Affäre für einen Monat. Ein Monat – mehr als jede andere Frau in den letzten zehn Jahren von ihm bekommen hätte.

Also, nichts wie raus mit ihr. Wenn das bedeutete, dass er noch unhöflicher sein musste, als er bereits gewesen war, dann gern.

„Danke, dass Sie hergekommen sind“, begann er und wartete, bis sie mit der Begutachtung der Bücher im Regal fertig war. Als sie sich ihm zuwandte, fuhr er fort: „Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich Sie jetzt bitten zu gehen.“

Nun war es heraus. Deutlicher konnte man kaum werden.

„Wow“, erwiderte sie sanft. Ihre grünen Augen reflektierten das Licht des Kaminfeuers. „Hat Ihnen nie jemand beigebracht, was Gastfreundlichkeit ist?“

Er schluckte und versuchte, nicht daran zu denken, was seine Großmutter zu seinem groben Verhalten gesagt hätte. „Sie sind nicht mein Gast“, gab er gepresst zurück. Schließlich war das eine Tatsache, auch wenn sie sie vergessen zu haben schien. „Sie sind hier eingedrungen.“

Keira lachte spontan. „Ja, aber nur, um Ihnen Geschenke zu bringen!“

Nathan wurde klar, dass es offenbar nicht reichte, untätig im Flur stehen zu bleiben, um ihr klarzumachen, dass sie in seinem Wohnzimmer nichts verloren hatte. Jemanden wie Keira hatte er noch nie kennengelernt. Sie schien unempfindlich gegen Grobheit. Sie überging Unhöflichkeit einfach und plauderte fröhlich weiter, als ob nichts geschehen sei. Er nahm an, dass sie mit diesem Verhalten auch sonst ihre gesamte Umwelt nervte.

„Hören Sie“, sagte er und kam auf sie zu. Seine Schritte klangen laut auf dem glatt polierten Steinboden. „Ich habe versucht, höflich zu sein.“

Sie sah zu ihm auf und blinzelte verwundert. Dann lächelte sie breit. „Wirklich? Das war ein Versuch, höflich zu sein?“

Er runzelte die Stirn und erwiderte: „Ich weiß die Geschenke zu schätzen. Danke, dass Sie die Zeit gefunden haben, sie herzubringen. Aber ich wäre jetzt wirklich gern allein.“

„Oh, natürlich. Sie wollen sich sicher ein wenig einleben“, antwortete sie und wies mit einer weit ausholenden Armbewegung auf das Wohnzimmers, ohne dabei Anstalten zu machen, aufzubrechen. „Ich werde auch gar nicht mehr lange bleiben. „Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass wir in Hunter’s Landing bereit sind, Sie und die anderen, die noch kommen werden, auf jede erdenkliche Art und Weise zu unterstützen.“ Sie schlenderte zu dem überdimensionalen Fernsehapparat, nahm die Fernbedienung und studierte neugierig die Tasten.

Nathan fürchtete, er würde diese Frau nie wieder los, wenn sie erst den Fernseher eingeschaltet hatte. Er eilte auf sie zu, nahm ihr die Fernbedienung ab und legte sie auf einen Tisch. Keira wandte sich mit einem Achselzucken ab und ging zum Panoramafenster, von dem aus man einen wundervollen Blick auf den See hatte. Sie stand da und genoss den Anblick, der sich ihr bot.

Nathan beobachtete sie, und für einen Augenblick genoss er den Anblick, den sie bot. Das glänzende Haar, das ihr auf die Schultern fiel. Das hübsche Profil mit dem energischen Kinn. Der knackige Po. Als sie sich zu ihm umdrehte, trafen sich ihre Blicke. Es war ein elektrisierender Moment.

„Sie bleiben nur einen Monat“, sagte Keira ruhig. „Und vielleicht haben Sie noch nicht begriffen, wie wichtig Ihr Aufenthalt und der der anderen Männer für Hunter’s Landing ist.“

Nathan seufzte und machte sich auf weitere Minuten nutzloser Konversation bereit. Ihm wurde klar, dass Keira Sanders erst dann gehen würde, wenn sie alles losgeworden war, was sie sich vorgenommen hatte. „Mir ist bewusst, dass Ihre Stadt vom Testament Hunter Palmers profitiert“, bemerkte er kühl.

„Aber was Sie nicht wissen können, ist, wie viel uns dieses Vermächtnis bedeutet“, beharrte sie und lehnte sich mit einer Schulter gegen das dicke Glas des Panoramafensters. „Mit dem Geld können wir ein neues Gerichtsgebäude bauen, unser Krankenhaus erweitern …“ Ihre Stimme verebbte, und sie lächelte in Gedanken an die wundervolle Zukunft ihrer Stadt.

Dann straffte sie die Schultern und fügte hinzu: „Da wir gerade von der Klinik sprechen … Ich möchte Sie für morgen Abend einladen. Wir veranstalten ein öffentliches Benefiz-Dinner für die Erweiterung des Krankenhauses und …“

„Sie bekommen doch das Geld von Hunter Palmer …“

„Darauf kann ich erst bauen, wenn ich es habe, nicht wahr?“, unterbrach sie ihn, ehe er sein Argument vorbringen konnte. „Unsere Klinik ist gut, aber sie ist viel zu klein. In Lake Tahoe gibt es natürlich ein großes Krankenhaus, aber die Stadt ist weit entfernt. Vor allem im Winter ist das ein Problem, wenn die Straßen wegen des Schnees unpassierbar sind. Wir müssen in der Lage sein, die Bewohner unserer Stadt selbst zu versorgen. Das Dinner ist eine Chance, Geld zu sammeln. Die Spende geht direkt in einen Fonds für …“

Sie redete so schnell, dass es in Nathans Ohren summte. Er hatte nicht die geringste Lust, an der Benefizveranstaltung morgen teilzunehmen, und er nahm an, dass auch Keira nicht besonders scharf darauf war, ihn dort zu sehen. Alles, was sie wollte, war eine Spende. Geld. Das war schließlich das, was jeder von ihm wollte.

Als Erbe des Barrister-Vermögens war Nathan es gewohnt, dass jeder zuerst sein Scheckbuch sah, und dann erst den Menschen dahinter wahrnahm. Er war damit zufrieden, denn er brauchte keine Freunde, keine Geliebte und keine Ehefrau. Alles, was er wollte, war, in Ruhe gelassen zu werden.

Plötzlich fiel ihm ein, wie er Keira Sanders loswerden konnte. Gib ihr doch einfach, was sie will, dachte er. Deswegen ist sie doch hier. Während sie ohne Punkt und Komma weiterredete, ging er hinüber zu einem der großen weinroten Polstersessel, auf dem er seine Aktentasche abgestellt hatte. Er öffnete sie, holte sein schwarzes, ledergebundenes Scheckbuch heraus und schraubte die Hülle seines Füllfederhalters ab.

Kopfschüttelnd schrieb er einen Scheck zugunsten Hunter’s Landing und ging zurück zu Keira, die immer noch begeistert von den Plänen für ihre kleine Stadt erzählte.

„Daher haben Sie morgen die einmalige Gelegenheit, gleich die meisten Einwohner von Hunter’s Landing kennenzulernen. Es ist doch nett, sich mit der Stadt vertraut zu machen, in der Sie den nächsten Monat verbringen werden. Ich bin sicher, Sie werden bald erkennen, wie wichtig es für uns ist, dass Sie und Ihre Freunde jeweils die dreißig Tage hier ausharren, um den Letzten Willen Mr. Palmers zu erfüllen.“ Sie holte tatsächlich einmal Luft, doch nur, um sofort hinzuzusetzen: „Wenn es Ihnen recht ist, hole ich Sie morgen um sechs Uhr ab und fahre Sie zum Dinner. Vorher können wir noch eine Spritztour rund um den See machen, falls Sie Lust haben, und …“

„Bitte“, sagte Nathan, der begriff, dass dies der einzige Weg war, sie zu stoppen. Er hielt ihr den Scheck hin und wartete, bis sie ihn genommen hatte. Fragend sah sie zu ihm auf. „Nehmen Sie das als meinen Beitrag zur Erweiterung Ihrer Klinik“, fügte er hinzu.

„Oh“, erwiderte sie überrascht, „das ist sehr großzügig von Ihnen, aber …“ Sie hielt inne, warf einen Blick auf die Summe, und Nathan bereitete es nicht wenig Genugtuung, sie erblassen zu sehen. Ihr Gesicht verlor alle Farbe, und ihre Hand zitterte. „Ich … ich … Sie …“, stammelte sie. Dann schluckte sie mehrmals und keuchte: „Oh, mein Gott.“

„Alles in Ordnung?“, fragte Nathan und fasste ihren Arm, weil sie nicht aufhörte zu zittern.

Sie sah zu ihm auf. Ihr Atem ging immer noch schwer, und sie rang sichtlich um Worte. Anscheinend war es ihm endlich gelungen, ihren Redefluss zu unterbrechen.

Schließlich brachte sie heraus: „Meinen Sie das ernst?“

„Was? Den Scheck?“

„Die Summe“, sagte sie heiser. Und dann, sich aus seinem Griff lösend: „Ich muss mich setzen.“

Was sie umgehend tat.

Und zwar auf den Fußboden.

Sie zog die Beine an und lehnte sich aufatmend an den am nächsten stehenden Sessel. „Ich kann es nicht glauben“, flüsterte sie und sah zu Nathan auf.

„Es ist nur eine Spende“, wehrte er ab.

„Eine Spende von fünfhunderttausend Dollars“, betonte sie.

„Wenn Sie sie nicht annehmen möchten …“

„Oh doch!“ Sie faltete den Scheck, streckte das rechte Bein aus, sodass sie ihre Hosentasche erreichen konnte, und steckte ihn ein. Mit der Hand klopfte sie liebevoll auf ihre Jeanstasche und lächelte breit. „Natürlich wollen wir ihn. Und wir danken Ihnen. Die ganze Stadt wird Ihnen danken wollen. Es ist einfach wundervoll. Sie sind so großzügig. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll …“

„Aber Sie versuchen es trotzdem unentwegt“, bemerkte Nathan ungnädig, weil es ihm seltsamerweise peinlich war, wie sehr sie sich über eine simple Spende freute.

„Wow. In meinem Kopf dreht sich immer noch alles. Aber es fühlt sich gut an“, gab sie zu. Sie streckte ihm eine Hand hin. „Würden Sie mir bitte aufhelfen?“

Nathan seufzte, ergriff ihre Hand und zog Keira mit Schwung auf die Füße. Sie landete direkt in seinen Armen und keuchte verblüfft. Automatisch umfasste Nathan ihre Taille, damit Keira nicht das Gleichgewicht verlor, und sekundenlang war er in Versuchung, sie zu küssen.

Was ihn äußerst überraschte.

Keira Sanders war nicht der Typ Frau, für den er sich normalerweise interessierte. Erstens redete sie viel zu viel. Er bevorzugte Frauen, die schweigen konnten. Zweitens war sie klein. Er dagegen stand auf große Frauen. Große, schlanke Brünette mit blauen Augen.

Und doch, als Keira jetzt zu ihm aufsah, zog der Blick ihrer grünen Augen ihn magisch an. Er verlor sich in diesem Blick und spürte, dass ihn etwas darin tiefer berührte, als ihm lieb war.

Als ihre Brüste Nathans Oberkörper berührten, stieg Verlangen in Keira auf. Es war ein starkes Gefühl, heiß und drängend, und es kam völlig unerwartet. Denn dieser Mann war eiskalt und unnahbar. Trotzdem – irgendetwas an ihm zog sie an. Sie wollte ihn berühren, die Arme um seinen Hals schlingen, ihn küssen, lang und leidenschaftlich.

Der Scheck, der sich in ihrer Hosentasche befand, hatte damit absolut nichts zu tun.

„Sie überraschen mich“, brachte sie mit heiserer Stimme hervor.

Er ließ sie sofort los und trat rasch einen Schritt zurück, sodass Keira fast wieder die Balance verlor. Diesmal schaffte sie es jedoch, sich zu fangen.

„Es ist doch nur ein Scheck“, erwiderte er.

„Es ist viel mehr als das“, versicherte sie ihm. Du meine Güte! Sie konnte es kaum erwarten, ihren Kollegen in der Stadtverwaltung von der Riesenspende zu erzählen. Eva Callahan würde vermutlich sofort ohnmächtig, wenn sie den Scheck sah. „Sie können sich gar nicht vorstellen, was dies für unsere Stadt bedeutet.“

„Schon gut“, antwortete er knapp. „Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich jetzt gern arbeiten.“

„Nein“, sagte sie vergnügt.

„Wie bitte?“

„Sie wollen gar nicht arbeiten“, erklärte Keira und legte den Kopf schief, als ob sie aus dieser Perspektive besser beurteilen konnte, weshalb ein Einzelgänger wie Nathan so viel Geld verschenkte, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. „Sie wollen bloß, dass ich verschwinde.“

„Genau.“ Er runzelte wieder die Stirn. „Ich glaube, das habe ich Ihnen bereits zu verstehen gegeben.“

„Haben Sie.“ Sie klopfte auf ihre Jeanstasche, wo sich der Scheck befand, ehe sie mit einer Kopfbewegung ihr Haar zurückwarf und ihn anlächelte. „Und ich werde Ihnen den Gefallen tun.“

In seinen Augen blitzte so etwas wie Humor auf, und Keira fragte sich, ob das tatsächlich sein konnte. Doch der Moment ging vorüber, und sie blickte wieder in ein undurchdringliches Gesicht, das keine Emotion preisgab.

„Na gut“, verkündete sie endlich und ging Richtung Haustür. Nathan machte keine Anstalten, ihr zu folgen, was sie etwas überraschte. Er schien so wild entschlossen zu sein, sie loszuwerden, dass sie annahm, er würde keinen Moment zögern, um ihr nachdrücklich das Geleit nach draußen zu geben. Als sie sich zu ihm umdrehte, sah sie, dass er immer noch am selben Fleck stand.

Allein, vor dem großen Panoramafenster mit Blick auf den See. Hinter ihm tauchte der Mond das Wasser in silbernes Licht. Sterne funkelten, so weit das Auge reichte. Keira spürte das Bedürfnis, zu ihm zurückzugehen. Damit er nicht mehr so einsam aussah.

Doch sie wusste, dass sie nicht willkommen gewesen wäre.

Aus irgendeinem Grund hatte sich Nathan Barrister offenbar mit seiner Einsamkeit so gut arrangiert, dass er nicht die geringste Lust hatte, etwas daran zu ändern.

Nun, Keira hatte nicht vor, ihn mit einer anonymen Spende davonkommen zu lassen. Sie würde dafür sorgen, dass die Einwohner der Stadt die Gelegenheit bekamen, sich ordnungsgemäß bei ihm zu bedanken.

Ob er wollte oder nicht – Keira hatte vor, Nathan unter die Leute zu bringen.

Am nächsten Abend war Keira überaus nervös. In der vergangenen Nacht hatte sie kaum geschlafen, weil sie unentwegt an Nathan Barrister denken musste. Es war, als konnte sie immer noch die Berührung seiner Hände spüren. Ruhelos wälzte sie sich im Bett und wurde von Fantasien verfolgt, die eindeutiger nicht hätten sein können.

Wirklich lächerlich. Sie wusste doch genau, dass dieser Mann nur für einen Monat hier sein würde. Außerdem hatte er kein Interesse an ihr. Das hatte er nur zu deutlich gezeigt. Und trotzdem reagierte ihr Körper auf ihn, als sei genau das Gegenteil passiert.

Sie fühlte sich seltsam erregt, und das Bedürfnis, ihr Verlangen zu stillen, war größer, als sie es sich eingestand.

Anscheinend war es viel zu lange her, seit es einen Mann in ihrem Leben gegeben hatte. Doch der letzte Mann, in den sie verliebt gewesen war, hatte sich auf eine Weise benommen, dass sie dem Y-Chromosom endgültig den Laufpass gegeben hatte.

Und jetzt tauchte dieser grantige, reiche, gut aussehende Nathan Barrister auf und brachte ihr kleine geordnete Welt durcheinander.

Keira rührte mit dem Strohhalm in ihrem Glas Eistee und beobachtete, wie die Eiswürfel sich drehten und gegen die Glaswand klickten. Es war sehr entspannend, hier zu sitzen und Tee zu trinken, nachdem sie den ganzen Morgen hektisch beschäftigt gewesen war. Zuerst hatte sie eine außerplanmäßige Sitzung des Stadtrates einberufen, um die Kollegen über Nathans Spende zu informieren. Sie lächelte, als sie an Eva Callahan dachte, die natürlich genau so reagiert hatte wie erwartet. Sie hatte sich in einen Sessel fallen lassen und sich mit einer gelben Mappe Luft zugefächelt.

Nach dem Meeting musste sie sich noch um andere Dinge kümmern. Zum Beispiel darum, den Scheck einzulösen und danach mit dem Bauunternehmer zu reden, der den Auftrag für die Klinikerweiterung erhalten hatte. Dann gab es einen Streit zwischen Harrys Eisenwarenladen und Frannies Stoffladen über einen Parkplatz zu schlichten. Als das erledigt war, hatte Keira endlich Zeit, sich im Lakeside Diner eine Pause zu gönnen.

Es war anstrengend, Bürgermeisterin einer Kleinstadt zu sein, und dabei war es mehr oder weniger ein Ehrenamt. Ihre Aufgaben bestanden vor allem darin, einmal im Monat die Versammlung des Stadtrates einzuberufen und ihr vorzusitzen. Außerdem war sie so etwas wie die Streitschlichterin des Ortes, obwohl mit etwas Vernunft die meisten der kleinen Streitigkeiten von den Betroffenen selbst hätten beigelegt werden können. Darüber hinaus bemühte sie sich, Geld für städtische Projekte aufzutreiben. Trotzdem war sie fast rund um die Uhr im Einsatz. Sie fragte sich, wie die Bürgermeister von großen Städten ihr Pensum schafften und trotzdem noch Zeit für ihr Privatleben fanden.

Doch Keira wollte es so und nicht anders. Die viele Arbeit ließ ihr keine Zeit darüber nachzudenken, dass sich ihr Leben so ganz anders entwickelt hatte als geplant. Sie nahm eine Pommes vom Teller und schob sie in den Mund. Während sie kaute, sah sie sich in dem Bistro um, das gut besucht war. Sie fühlte sich wohl hier, und jedes Mal, wenn sie herkam, kehrte so etwas wie Ruhe in ihre Seele ein.

Lakeside Diner war ein kleines Bistro, nicht viel mehr als ein Coffeeshop mit Imbiss. Und doch war es der Ort in Keiras Leben, der ihr Halt gab, der ihr das Gefühl gab, irgendwohin zu gehören. Ihre Eltern hatten Lakeside Diner gegründet. Schon als junges Mädchen hatte Keira hier Geschirr abgeräumt und Gäste bedient.

Als ihre Eltern starben, übernahm Keira das Bistro, um sich und ihrer kleinen Schwester Kelly den Lebensunterhalt zu sichern. Heute gab es einen Restaurantmanager, der sich um alles kümmerte. Aber wenn sie eine Pause brauchte, um zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu sammeln, dann kam sie hierher.

Sie liebte die mit rotem Leder bezogenen Sitznischen, die polierten Oberflächen der Holztische und des langen Bistrotresens. In Glasvitrinen gab es Kuchen und Quiches, und die Schallplatten in der Jukebox waren immer noch dieselben, die ihr Vater gehört hatte. Ja, dieser Ort hier war voller Erinnerungen. Keira schloss die Augen und stellte sich ihren Vater hinterm Tresen vor, der liebevoll zu seiner Frau hinüberlächelte, die an der Kasse saß.

Das Lakeside Diner war ihr Zuhause. Wie auch Hunter’s Landing.

„Hallo, Keira, zeig mal her.“

Sie öffnete die Augen und sah, dass Sallye Carberry sich an ihrem Tisch niederließ. Sallye streckte eine silberberingte Hand aus.

„Was soll ich zeigen?“, fragte Keira.

„Den Scheck natürlich“, gab Sallye zurück. „Die ganze Stadt redet von nichts anderem. Margie Fontenot hat mir erzählt, sie habe noch nie etwas Schöneres gesehen als all die vielen Nullen. Da wollte ich auch mal gucken.“

„Tut mir leid, Sallye“, sagte Keira und trank einen Schluck Tee. „Ich habe ihn bereits zur Bank gebracht.“

„Schade“, schmollte die ältere Frau und lehnte sich aufseufzend zurück. „Welch ein Schicksalsschlag.“

Keira lachte.

Sallye wedelte mit einer beringten Hand. „Aber warte nur, ich werde diesen Mann schon kennenlernen. Man erzählt sich, er sähe gut aus. Er kommt doch heute Abend zum Benefizdinner, sodass wir ihn alle sehen … ich meine, sodass wir ihm alle danken können?“

Gute Frage, dachte Keira.

Sie wusste nur zu gut, dass Nathan nicht das geringste Interesse daran hatte, die Einwohner von Hunter’s Landing kennenzulernen oder an der Benefizveranstaltung teilzunehmen. Er wollte weder Dank noch sonst etwas, und schon gar nicht Keira Sanders wiedersehen. Also würde jeder, der noch halbwegs bei Sinnen war, sich von diesem Mann fernhalten, nicht wahr?

Jedenfalls war es absolut unangebracht, hinaus zu Hunter’s Lodge zu fahren, um einen Mann aufzusuchen, der nicht das Geringste mit ihr zu tun haben wollte.

Und trotzdem …

Keira sah auf ihre silberne Armbanduhr und stellte fest, dass sie noch ein paar Stunden Zeit hatte, bis es sechs Uhr war. Sie trank ihren Tee aus, stand auf und lächelte die beste Freundin ihrer verstorbenen Mutter an. „Er wird da sein“, versprach sie entschlossen.

3. KAPITEL

Nathan kam sich vor wie im Gefängnis.

Warum bloß?, fragte er sich. Ich bin doch gern allein.

Doch diese Art von Alleinsein war verdammt noch mal zu einsam.

Er trat hinaus auf die Veranda, von der aus man einen grandiosen Blick über den See hatte. Der kalte Wind wehte ihm das Haar ins Gesicht, während er die schneebedeckte Landschaft betrachtete. Die ihn umgebende Stille wurde nur gebrochen durch das dunkle Wasser, das gegen die Holzpfähle der Veranda schwappte. Das Geräusch schien Nathan unwirklich und überlaut.

Ich bin diese Art von Alleinsein einfach nicht gewohnt, dachte er. Die Leute mochten ihn für einen Einzelgänger halten, doch selbst in seiner sonstigen Zurückgezogenheit gab es mehr … Kommunikation.

Er war ständig unterwegs, reiste von einem seiner Hotels zum nächsten. Auf diesen Reisen musste er pausenlos kommunizieren. Mit Servicepersonal, Hotelmanagern, Zimmermädchen, Kellnern und ab und zu auch mit Hotelgästen. Wie sehr er sich auch bemühte, den Kontakt mit anderen Menschen zu vermeiden – es gab immer jemanden, mit dem er reden musste.

Bis zu diesem Zeitpunkt.

In Wahrheit hasste er es noch mehr, völlig allein zu sein, als er es hasste, mit vielen Menschen zusammen zu sein.

Seine Hände umklammerten das lackierte Holzgeländer der Veranda so fest, dass es ihn nicht überrascht hätte, wenn er anschließend die Abdrücke seiner Finger im Holz hätte sehen können. Er war es gewohnt, dass Menschen auf den kleinsten Wink von ihm reagierten. Seine Angestellten erledigten all seine Anweisungen sofort. Wenn er frei hatte, ging er gern ins Kasino in Monte Carlo, spielte ein wenig und verbrachte die Nacht mit jener Blondine, Brünetten oder Rothaarigen, die ihm am besten gefiel. Er mochte das Geräusch knallender Champagnerflaschenkorken, klingender Kristallgläser und das Geräusch angenehmer Gespräche im Hintergrund, ab und zu unterbrochen von gedämpftem Lachen. Er war es gewohnt, sich ein Menü aufs Hotelzimmer zu bestellen, oder seinen Piloten anzurufen, um den Privatjet startklar zu machen, wann immer er Lust hatte, weiterzureisen.

Und nun saß er hier fest und konnte nirgendwohin.

Das war das eigentlich Fatale an der Sache. Nathan war seit seiner Kindheit nie länger als zwei, drei Tage an einem Ort gewesen. Und er wollte es auch gar nicht anders. Hier in diesen verschneiten Bergen, allein in diesem riesigen Haus am See, kam er sich vor wie in der Falle. Einen Monat musste er hier ausharren! Er hatte nicht übel Lust, sofort seinen Piloten anzurufen.

Weshalb er es nicht tat, konnte er nicht erklären.

„Hunter, du schuldest mir was“, knurrte er und wusste nicht, ob er dabei eher Richtung Himmel oder Richtung Hölle schauen sollte.

Hunter Palmer war ein guter Freund gewesen, doch dass er selbst im Grab noch die Macht hatte, Nathan in diese Situation zu bringen, war Grund genug, ihn in die Hölle zu wünschen.

„Warum bin ich überhaupt hergekommen?“, flüsterte er, obwohl er wusste, dass er keine Antwort finden würde.

Eine alte Freundschaft war wohl kaum ein ausreichender Grund. Hunter war seit zehn Jahren tot. Zehn Jahre lang hatte Nathan kaum mehr einen Gedanken an die Collegezeit verschwendet oder an den Freund, der viel zu jung gestorben war. Ganz zu schweigen von den anderen fünf, die einst ein so wichtiger Teil seines Lebens gewesen waren. Er hatte ein neues Leben begonnen, sich eine Zukunft geschaffen, so wie er sie sich vorgestellt hatte. Es interessierte ihn nicht im Geringsten, was andere von ihm dachten. Der Schwur, den die Samurai geleistet hatten? Das alles schien aus einer anderen Welt zu stammen.

Oben im Flur des ersten Stocks hing ein gerahmtes Foto der Sieben Samurai, wie sie sich damals genannt hatten. Wenn er daran vorbeiging, schaute er nicht hin. Nur Archäologen beschäftigten sich mit der Vergangenheit. Ein Angehöriger der Familie Barrister tat so etwas nicht. Er schuldete weder Hunter noch den anderen irgendetwas. So eng die Freundschaften auf dem College meist auch waren – danach verliefen sie doch in der Regel im Sand. Warum in aller Welt bin ich dann hergekommen?, fragte er sich.

Eine Möwe flog tief übers Wasser. Sie berührte mit ihren Flügeln fast die Wasseroberfläche. „Dieser verflixte Vogel ist freier als ich“, sagte er ärgerlich.

Er ließ das Geländer los, wandte sich ab von dem Naturschauspiel des Sees und der verschneiten Berge, und ging zurück in sein Gefängnis.

Im Wohnzimmer warf er einen Blick auf den Fernseher, entschied sich aber dagegen, ihn einzuschalten. Es gab Dutzende von guten Büchern, die er hätte lesen können, dazu ein modern eingerichtetes Büro im ersten Stock. Doch er war zu rastlos, um zu arbeiten. Alles, was ihm einfiel, war ziellos herumzulaufen. Natürlich hätte er auch spazieren gehen können. Aber er befürchtete, er würde einfach weiterlaufen, bis zum Flughafen, wo sein Privatjet auf ihn wartete.

„Ich werde es niemals schaffen, einen ganzen Monat hierzubleiben“, murmelte er mit zusammengepressten Zähnen. Er fuhr sich entnervt durchs Haar und wandte sich zum Tisch, wo er seinen Laptop abgestellt hatte.

Er setzte sich und wählte sich ins Internet ein. Sobald die Verbindung hergestellt war, checkte er seine E-Mails. Er hatte zwei neue Nachrichten, je eine vom Manager des Barrister-Hotels in London und in Tokio.

Nachdem er ihre Anfragen bearbeitet hatte, gab es für Nathan nichts mehr zu tun. Für die meisten Dinge musste er vor Ort sein. Von unterwegs ließ sich vieles einfach nicht lösen.

Als es an der Haustür klingelte, sprang er erleichtert auf. So weit ist es schon mit mir gekommen, dachte er. Ich bin dankbar für jede Störung!

Hauptsache, jemand – irgendjemand – durchbrach diese fürchterliche Stille, die an seinen Nerven nagte. Er klappte den Laptop zu und ging mit langen Schritten zur Haustür.

Als er öffnete, sagte er: „Ich hätte mir ja denken können, dass Sie es sind.“

Keira lächelte, schlüpfte an ihm vorbei ins Haus und wandte sich zu ihm um. „Sie werden einen Mantel brauchen.“

Nathan schloss die Tür. Er wollte nicht einmal vor sich selbst zugeben, dass er froh war, Keira zu sehen. So aufdringlich sie auch war – sie war immerhin ein menschliches Wesen in dieser Einöde.

„Mir ist warm genug, danke.“

„Nein, ich wollte damit sagen, dass das Benefiz-Dinner im Freien stattfindet. Daher brauchen Sie einen Mantel.“ Sie ging hinüber in das riesige Wohnzimmer, als ob das Haus ihr gehörte. Ihre Stimme hallte von den hohen Wänden wider, und ihre Schritte klangen laut auf dem Steinboden. „Wir hätten das Dinner auch im Gerichtssaal machen können, aber dort ist es ein bisschen eng, und die Band meinte, es wäre einfacher, wenn sie ihr Equipment draußen aufbauen könnten.“

„Die Band?“

„Klar“, erwiderte sie und schaute sich um, als erwarte sie, dass sich in dem Raum seit ihrem Besuch gestern etwas verändert hätte. „Es sind Musiker aus dem Ort. Sie heißen Super Leo. Meisten spielen sie Rockmusik, aber man darf sich auch was wünschen. Es sind total nette Jungs. Sie sind hier aufgewachsen.“

„Faszinierend“, bemerkte Nathan nur und lehnte sich gegen den Rahmen der Flügeltür, die das Wohnzimmer mit dem Foyer verband. Er kreuzte einen Fuß über den anderen und beobachtete Keira bei ihrer Erkundungstour.

Die Frau sah wirklich gut aus.

Unsinn, dachte er. Das ist bloß die Einsamkeit. Eine andere Erklärung, weshalb ihm eine kleine, unaufhörlich schnatternde Rothaarige gefiel, der er unter anderen Umständen keinen zweiten Blick gegönnt hätte, gab es nicht.

„Der Stadtrat hat dieses Jahr neue Straßenlaternen bewilligt, sodass es auf dem Platz richtig hell sein wird. Es gibt viel Platz zum Tanzen. Als ich vorhin losgefahren bin, haben sie bereits angefangen, die Tische mit dem Büfett aufzubauen, und die Band machte ihren Soundcheck. Also sollten wir schleunigst aufbrechen, wenn wir nicht das Beste verpassen wollen.“

„Verpassen?“, erwiderte Nathan und schüttelte den Kopf. „Ich dachte, ich hätte Ihnen gestern bereits mitgeteilt, dass ich kein Interesse an Ihrer Party habe.“

„Und ich dachte, dass Sie das gar nicht so meinten.“

„Weshalb?“

„Wer will schon eine Party verpassen?“

„Ich.“ Wenn die Party in St. Tropez oder in Gstaad gewesen wäre, ja dann … Aber ein Kleinstadtfest im hintersten Winkel der USA? Nein, danke.

Sie schaute ihn an, als sei ihm gerade ein zweiter Kopf gewachsen. Dann zuckte sie die Achseln und fuhr fort, als habe er nichts gesagt.

„Der Stadtrat ist Ihnen extrem dankbar für Ihre Spende.“

„Sie haben ihnen davon erzählt?“ Das war ihm denkbar unangenehm. Es machte ihm nichts aus, Geld zu spenden. Das gehörte zu seinem Leben. Aber er wollte dabei anonym bleiben. Er brauchte keine Dankbarkeit. Alles, was er wollte, war, in Ruhe gelassen zu werden.

Im gleichen Moment fiel ihm ein, dass er sich noch vor wenigen Minuten höchst einsam gefühlt hatte.

„Natürlich habe ich ihnen davon erzählt“, antwortete sie, nahm eines der Sofakissen und schüttelte es auf, ehe sie es zurück aufs Sofa legte. „Bin ich etwa der Nikolaus? Ich kann nicht einfach Geld in die Stadtkasse einzahlen, ohne zu erklären, woher ich es habe. Jetzt wollen alle Nathan Barrister kennenlernen, um sich zu bedanken.“

„Das ist nicht nötig.“

„Oh doch, das ist es“, beharrte sie und ordnete einen Stapel Zeitschriften auf einem Beistelltisch. „Wenn Sie nicht zum Dinner kommen, sodass die Leute Sie kennenlernen können, dann …“

„Dann?“

„Dann glaube ich, dass die Leute zu Ihnen kommen werden.“

Nathan seufzte. Sie erpresste ihn, damit er bei diesem verflixten Dinner erschien. Er konnte nicht umhin, sie für ihre Taktik zu bewundern. Wenn er nicht mitkam, dann würden sich in den nächsten Tagen die Leute in Hunter’s Lodge die Klinke in die Hand geben. Daran gab es keinen Zweifel. Das Haus würde permanent voller Menschen sein.

„Sie wenden unlautere Mittel an“, sagte er.

„Sagen wir einfach, ich nutze verschiedene Möglichkeiten der Verhandlung“, erwiderte sie.

„Wenn ich mit zur Party komme – werden Sie mich danach in Ruhe lassen?“

Sie hob die Hand und sagte: „Ich schwöre es feierlich.“

„Ich glaube Ihnen kein Wort.“

Sie kicherte. „Na so was. Attraktiv, grantig und schlau.“

Er musste unwillkürlich lächeln, doch er unterdrückte es sofort. Sonst fühlte Keira sich noch ermutigt.

„Gut, dann komme ich mit.“

„Wow“, sagte sie und legte eine Hand aufs Herz. „Ich bin ja so aufgeregt.“

Ihre grünen Augen blitzten, und sie lächelte verführerisch.

Der graue, eng anliegende Pullover, den sie unter ihrer schwarzen Lederjacke trug, ließ die Rundungen ihrer Brüste ahnen, und ihre knapp sitzenden, ausgeblichenen Jeans waren zu sexy für einen Mann, der die nächsten vier Wochen auf diesem einsamen Berg hier festsaß.

Nathan bemühte sich, seine Hormone unter Kontrolle zu bringen, und ging zum Garderobenschrank im Foyer. Dort nahm er seine braune Lederjacke heraus und zog sie an. Darunter trug er einen dunkelgrünen Kaschmirpullover. Das sollte warm genug sein.

Vor ein paar Minuten noch hatte er sich darüber beklagt, dass er einsam war. Und jetzt war er auf dem Weg zu einem Stadtfest.

Man soll vorsichtig mit seinen Wünschen sein, dachte er.

Während der Fahrt in die Stadt warf Keira Nathan ab und zu verstohlene Blicke zu. Sein Profil allein genügte, um ihr Herzklopfen zu verursachen, und wenn er sie ab und zu ansah, fuhr sie fast gegen einen Baum.

„Huch.“ Sie lenkte in die Spur zurück, und der Wagen schlingerte trotz der Winterreifen auf der vereisten Straße.

„Haben Sie mich entführt, um mich umzubringen?“, knurrte Nathan.

„Ich habe Sie nicht entführt, und alles ist in Ordnung“, erwiderte sie und fasste das Lenkrad fester. „Wollen Sie sich nicht ein wenig die Landschaft ansehen, ehe wir die Stadt erreicht haben?“

„Nein, danke.“ Er sah auf seine goldene Armbanduhr. „Ich habe sowieso nur höchstens ein oder zwei Stunden Zeit.“

„Warum?“

„Darum.“

„Guter Grund.“ Keira lächelte und fuhr um eine Kurve. Hinter der Leitplanke ging es steil bergab, und Nathan schaute nervös in den Abgrund.

„Hören Sie“, begann er erneut, „ich gehe nur zu diesem Fest, weil sie mich praktisch dazu gezwungen haben.“

„Machen Sie sich keine Sorgen. Sie werden froh sein, dass sie Ja gesagt haben.“

„Weshalb sind Sie so scharf darauf, dass ich heute Abend erscheine?“

„Weshalb?“ Sie riskierte einen Blick zu ihm, weil sie sich auf einem schnurgeraden Teil der Straße befanden, schaute aber gleich wieder nach vorn. „Sie und die anderen fünf, die in der Lodge wohnen werden, sind enorm wichtig für das Wohlergehen unserer Stadt. Daher ist es doch nur natürlich, dass wir uns bei Ihnen bedanken wollen.“

Nathan rutschte nervös auf dem Beifahrersitz hin und her. „Für die anderen kann ich nicht sprechen – aber ich tue das weder für Sie noch für Ihre Stadt.“

„Und weshalb tun Sie es dann?“

Er presste die Lippen zusammen. „Das ist nicht wichtig.“

„Es ist immerhin wichtig genug für Sie, um herzukommen und einen Monat lang zu bleiben.“

Grimmig erwiderte er: „Es stimmt, ich bin hier. Aber ob ich einen Monat lang bleibe, weiß ich noch nicht.“

Panik stieg in Keira auf. Er durfte Hunter’s Lodge nicht verlassen. Denn wenn er es tat, erhielt die Stadt keinen Cent, und das Haus am See würde verkauft.

Das durfte auf keinen Fall geschehen.

Sie musste Nathan Barrister dazu bringen, den ganzen Monat durchzuhalten. Vielleicht war es wirklich der beste Weg, ihn mit der Stadt und ihren Bewohnern bekannt zu machen. Dann konnte er selbst sehen, wie sehr Hunter’s Landing auf das Vermächtnis angewiesen war.

Aber was war, wenn er tatsächlich abreisen wollte? Wie konnte sie ihn dazu bewegen, hierzubleiben?

„Sie haben doch zugesagt, einen Monat lang zu bleiben.“

„Habe ich“, stimmte er zu. „Aber ich weiß nicht, ob sich das mit meinen Terminen vereinbaren lässt. Ich führe ein großes Unternehmen und werde vor Ort gebraucht.“

Er sucht bereits nach Ausreden, dachte Keira entsetzt. Um einen Grund zu finden, abzureisen und die Bedingungen des Testaments nicht zu erfüllen. Keiras Puls beschleunigte sich, und ihr wurde flau im Magen. Glaubte er etwa, die großzügige Spende sei der Ausweg aus der Klemme, in die das Testament ihn gebracht hatte?

„Sie werden doch nicht abreisen, oder?“

Wieder rutschte er in seinem Sitz hin und her. „Ich kann Ihnen keine Garantien geben, wenn es das ist, was Sie meinen.“

„Aber Sie haben sich doch auf die Bedingungen eingelassen.“

„Ja.“

„Dann ist Ihr Ehrenwort nichts wert?“

Er runzelte die Stirn. „Glauben Sie, dass es in dieser Angelegenheit hilfreich ist, wenn Sie mich beleidigen? Ich glaube es jedenfalls nicht.“

„Ich auch nicht.“ Sie seufzte und fuhr die letzte Meile bergab. Unterhalb lag Hunter’s Landing, wo ihre Freunde und Nachbarn gerade zusammenkamen, um Zukunftspläne für die Stadt zu schmieden, die durch das Testament nach sechs Monaten Wirklichkeit werden würden.

Keira fragte sich, wie herzlich die Bewohner der Stadt Nathan Barrister wohl willkommen heißen würden, wenn sie wüssten, dass er vorhatte, diese Pläne zu ruinieren.

Entschlossen fuhr sie an den Straßenrand, stellte den Motor ab und zog die Handbremse an. Dann wandte sie sich Nathan zu.

„Gibt es ein Problem?“, fragte er.

„Könnte man so sagen“, erwiderte sie. Seine hellen blauen Augen glitzerten im fahlen Abendlicht wie Eis, und sein Blick war alles andere als freundlich. „Es kann sein, dass es Ihnen nicht viel bedeutet“, erklärte sie, „aber für die Leute in dieser Stadt macht es einen großen Unterschied, ob Sie einen Monat hierbleiben oder nicht.“

„Ich habe doch gar nicht gesagt, dass ich abreise“, bemerkte er.

„Sie haben aber auch nicht gesagt, dass Sie bleiben“, konterte sie.

„Ich bin hier, oder?“

„Ja, im Moment“, gab sie zurück. „Aber was ist mit morgen? Oder übermorgen?“

„Ich kann Ihnen keine Zusagen geben.“

Keira hätte ihn am liebsten gepackt und geschüttelt, aber sie wusste, dass das keine gute Idee gewesen wäre. Er war absolut nicht bereit, die Sache aus einem anderen Blickwinkel als seinem eigenen zu betrachten. Vermutlich hätte sie einen Hammer gebraucht, um ihre Argumente in seinen Kopf zu bringen. Im Moment erschien ihr der Gedanke äußerst verlockend.

„Sie sind doch erst einen Tag hier“, versuchte sie es noch einmal. „Geben Sie sich eine Chance. Geben Sie uns eine Chance.“

Der letzte Schein der Abenddämmerung tauchte alles in ein weiches Licht. Nathan sah Keira an, und für einen Moment dachte sie, sie hätte so etwas wie Verständnis in seinen Augen gelesen. Doch wahrscheinlich täuschte sie sich. Sekunden später war die Wärme aus seinem Blick gewichen, er schaute wieder kühl und distanziert.

„Wenn Sie sich darauf einlassen, werden Sie vielleicht sogar feststellen, dass es Ihnen hier gefällt“, meinte sie.

Er zog eine Augenbraue hoch. „Ich erwarte nicht, dass es mir hier gefällt.“

Sie wandte sich ab, um den Truck wieder zu starten. Während sie zurück auf die Straße fuhr, bemerkte sie nebenbei: „Wer weiß. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.“

„Es geht Sie absolut nichts an, ob ich bleibe oder abreise.“ Damit war für ihn die Diskussion beendet.

Keira wusste zwar nicht, mit wem er normalerweise zu tun hatte, doch sie ließ sich von seinem herablassenden Ton ganz bestimmt nicht einschüchtern.

„Da haben Sie unrecht, Nathan.“ Sie lächelte ihn herausfordernd an. „Sie haben doch nichts dagegen, dass ich Sie Nathan nenne, nicht wahr? Also, Nathan, es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Sie hierbleiben. Als Bürgermeisterin kann ich nicht zusehen, wie Sie einfach verschwinden und uns um etwas bringen, was uns sehr am Herzen liegt.“

Er sah sie nachdenklich an. Sie spürte die Intensität seines Blicks und zwang sich dazu, geradeaus auf die Straße zu schauen. Sie hatten den Stadtrand erreicht und konnten bereits Musik hören. Keira wappnete sich gegen das, was Nathan jetzt vermutlich sagen würde.

„Nur damit Sie Bescheid wissen, Keira: Wenn ich mich dazu entschließe, abzureisen, können Sie absolut nichts dagegen machen.“

Sie bog um eine Kurve, und schon lag der Platz, auf dem die Party stattfand vor ihnen, mitsamt Festbeleuchtung, Tribüne für die Band, Tischen und Bänken. Überall drängten sich Leute, aßen und tranken, unterhielten sich, und einige tanzten bereits.

Das Herz ging ihr auf, als sie das bunte Treiben sah. Das waren die Menschen, die ihr wichtig waren. Menschen, mit denen sie aufgewachsen war. Entschlossen wandte sie sich an den Mann, der neben ihr saß. Sie lächelte und sagte: „Sie sollten wissen, dass ich dies als Kampfansage auffasse, Nathan. Und ich gewinne immer.“

Sobald sie den Truck geparkt hatten und auf den Festplatz kamen, wurden sie Teil der Party. Keira sah amüsiert zu, wie Nathan sofort ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Der Mann war so steif und arrogant, dass er wirkte wie ein Vogel Strauß in einer Hühnerschar.

Die Band spielte einen bekannten Song nach dem anderen. Keira stand etwas abseits und beobachtete, wie ein paar Alteingesessene Nathan in eine Diskussion übers Fliegenfischen verwickelten.

Keira lächelte still in sich hinein und überließ ihn seinem Schicksal. Es war genau, wie sie es haben wollte. Er sollte die Bewohner der Stadt kennenlernen. Allerdings war ihr klar, dass das auch genau den gegenteiligen Effekt haben konnte.

Falls ihm das alles auf die Nerven ging und er sich langweilte, gab es für ihn keinen Grund, die Bedingungen des Testaments zu erfüllen und einen ganzen Monat in Hunter’s Lodge zu bleiben.

Also ging sie zurück zu der Gruppe, lächelte in die Runde und sagte: „Tut mir leid, Jungs, aber ich muss euch Nathan entführen, weil ich mit ihm tanzen möchte.“

„Aber wir sind doch gerade dabei, ihm zu verraten, wo die besten Stellen im Truckee River sind, um Lachse zu fangen“, wandte einer der Männer ein.

„Und dafür bin ich Ihnen sehr dankbar“, erwiderte Nathan, legte einen Arm um Keiras Schultern und zog sie an sich, als habe er Angst, sie würde ihn den Anglern erneut ausliefern. „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen“, fuhr er fort. „Ich habe dieser Dame einen Tanz versprochen.“

Keira unterdrückte ein Lächeln und redete sich ein, dass die Wärme, die von Nathan ausging, rein physikalischer und nicht erotischer Natur war. Trotzdem reagierte ihr Körper so heftig, wie sie es seit Langem nicht mehr erlebt hatte.

Als sie in Richtung der tanzenden Paare schlenderten, beugte sich Nathan zu ihr und flüsterte: „Ich weiß nicht, ob ich mich bei Ihnen für die Rettung bedanken oder sie erwürgen soll, weil sie mich überhaupt erst hierhergebracht haben.“

Seine Stimme ging im Lärm der Musik fast unter, sodass Keira sich näher an ihn drängte, damit er ihre Antwort verstehen konnte. „Sie sahen aber aus, als hätten Sie richtig Spaß.“

„Ich angle nicht“, gab er zurück.

„Mag sein“, erwiderte sie, „doch da Sie jetzt so gute Bekannte wie Sam Dover und die anderen haben, könnten Sie es lernen, wenn Sie wollten.“

Er blieb stehen, und da sein Arm immer noch um ihre Schultern lag, wurde sie ebenfalls gestoppt und prallte abrupt gegen Nathan.

„Das macht Ihnen richtig Spaß, nicht wahr?“, fragte er ein wenig bissig.

„Wäre das so schlimm?“

Er sah auf sie hinunter. „Ich glaube, jemanden wie Sie habe ich noch nie kennengelernt.“

„Nathan! War das ein Kompliment?“

„Keine Ahnung, wie ich das gemeint habe.“

„Dann nehme ich es als Kompliment.“

„Das wundert mich überhaupt nicht.“

Keira sah nun deutlich, dass ein Lächeln um seine Mundwinkel zuckte. Dieser sinnliche Mund, den sie zu gern geküsst hätte. Immerhin hatte sie nun schon ein paarmal erlebt, dass er ein Lächeln unterdrückte. Sie fragte sich, was das bedeutete.

„Das heißt also, dass Sie mit mir tanzen werden?“, erkundigte sie sich.

Er seufzte. „Wenn ich es nicht tue, hetzen Sie unter Garantie die Fischer wieder auf mich.“

Sie hob ihre Arme in tanzbereiter Pose und sagte: „Es geht doch nichts über eine wirkungsvolle Drohung.“

4. KAPITEL

Die Musik wurde langsamer, und die Rockband spielte als Nächstes einen Song, der einer romantischen Ballade so nah wie möglich kam. Nathan legte Keira einen Arm um die Taille. Sofort spürte er, wie elektrisierende Wärme ihn durchflutete, immer wieder, von Kopf bis Fuß.

Keira lächelte zu ihm auf, und er wusste, dass sie es ebenfalls spürte.

Ihre rechte Hand lag klein und zart in seiner, und obwohl ihre Linke federleicht auf seiner Schulter lag, hatte er das Gefühl, als versenge ihm etwas die Haut. Die Luft war eiskalt. Das Fest war in vollem Gange, überall waren Menschen. Und trotzdem war ihm, als sei er mit Keira allein in den Tropen. Eine innere Glut schien sie beide zu wärmen – eine Glut, aus der bei Unachtsamkeit Flammen der Leidenschaft werden konnten.

„Was denken Sie gerade?“, fragte Keira, als sie sich im Rhythmus der Musik wiegten.

„Ich glaube nicht, dass ich Ihnen das mitteilen werde“, erwiderte er und löste seinen Blick von ihrem Gesicht und ihren schönen grünen Augen. „Denn ich fürchte, dass Sie es gegen mich verwenden würden.“

„Oh, was sind Sie doch für ein schlauer Geschäftsmann, nicht wahr?“, gab sie zurück und lachte leise.

Er riskierte noch einen Blick in ihre Augen und stellte fest, dass sie vor Vergnügen blitzten. „Sie haben mich bereits einmal erpresst“, erinnerte er sie.

„Für einen guten Zweck“, gab sie zu bedenken.

„Ich fürchte, unser Rechtssystem würde diese Ausrede nicht gelten lassen.“

„Wieso nicht? Ich bin Bürgermeisterin. Ich würde doch nichts Ungesetzliches tun, oder?“ Sie lächelte erneut, und Nathan spürte, wie sein Körper reagierte. Er zog Keira näher an sich, und als sie fortfuhren, sich leicht zur Musik zu bewegen, geschahen Dinge mit ihm, über die er am liebsten nicht nachdenken wollte.

Er lenkte sich lieber damit ab, seine Umgebung zu beobachten. Die Häuser waren alt, aber gepflegt, manche hatten sogar einen neuen Anstrich. Die Bürgersteige waren sauber. Vor den Fenstern gab es Blumenkästen, und er nahm an, dass im Frühling – wenn er denn jemals kam – alles voll leuchtend bunter Blumen sein würde.

Ein paar hundert Menschen waren versammelt, um zu feiern. Alte Ehepaare, die nebeneinandersaßen und sich bei der Hand hielten, waren genauso zu sehen wie verliebte Teenager, die sich mit ihren Blicken fast gegenseitig verschlangen.

Keira war allen hier willkommen. Man begrüßte sie mit Umarmungen, freundschaftlichen Küssen, man neckte sie und rief ihr Bemerkungen zu, die auf beiden Seiten Gelächter zur Folge hatten. Nathan fragte sich einen Moment lang, wie es sich wohl anfühlte, auf diese natürliche Weise irgendwohin zu gehören. Er kannte dieses Gefühl schon seit seiner Kindheit nicht mehr. Und seit er erwachsen war, tat er alles, um nirgendwohin zu gehören. Keira schien genau jene Art von Leben zu genießen, das er absichtlich vermied.

Der Mond schob sich durch ein paar Wolken und schien hinunter auf die kleine Stadt, sodass alles in ein fast magisches silbernes Licht getaucht war. Ein lächerlicher Gedanke, da Hunter’s Landing nichts weiter war als ein Kaff, umgeben von kleineren und größeren Käffern.

Wenn Hunter Palmer sich dieses Kaff nicht ausgesucht hätte – vermutlich, weil es eine Namensgleichheit gab –, um sein Landhaus zu errichten, hätte Nathan niemals erfahren, dass es diesen Ort überhaupt gab. Er war nicht der Mann, der abseits der großen Routen nach Abwechslung suchte.

Er bevorzugte Großstädte und die Anonymität von Hotelzimmern. Menschen kamen und gingen, mit niemandem musste er sich lange abgeben. Er hatte kein Interesse daran, sich niederzulassen und Freundschaften zu schließen, schon gar nicht mit Hinterwäldlern, die er nie wiedersehen würde, sobald er aus dieser Einöde entronnen war.

Und doch …

Keira fasste seine Hand fester, als könne sie seine Gedanken lesen. Als versuche sie, ihn auf subtile Weise hier zu halten.

Ihr weiblicher, wohlgeformter Körper fühlte sich gut an in seinen Armen, und er gestand sich endlich ein, dass er sie begehrte. Er hatte nicht vorgehabt, in Kontakt mit den Bewohnern dieser Stadt zu treten, aber Keira hatte einfach nicht lockergelassen. Und es war doch sicher nicht seine Schuld, wenn er auf ihre Nähe reagierte wie ein Mann.

Anscheinend hatte er zu lange keine Frau mehr im Bett gehabt. Also interessierte sich sein Körper für das erste weibliche Wesen, das er zu fassen bekam.

Unwillkürlich zog er Keira näher an sich. Dabei stellte er sich vor, wie sie im Bett in seinen Armen lag. Sein Atem beschleunigte sich.

„Oh“, bemerkte sie und schaute zu ihm auf. „Jetzt will ich aber wirklich wissen, was Sie denken. Sie sehen plötzlich so verändert aus.“

„Das macht bloß das Mondlicht“, erwiderte er ausweichend. „Sie sehen auch verändert aus.“

„Das stimmt nicht. Lenken Sie nicht vom Thema ab.“

„War einen Versuch wert“, meinte er seufzend, aber er hatte nicht wirklich erwartet, dass sie so schnell aufgab.

„Wenn Sie mich erst ein wenig besser kennen, werden Sie feststellen, dass ich niemals aufgebe.“

„So viel habe ich bereits jetzt gelernt“, gab er knapp zurück.

„Wow!“, rief sie begeistert. „Scheint, als ob wir Fortschritte machen, oder?“

„Fortschritte?“

„Na klar. Ich weiß mittlerweile, dass Sie ganz unnahbar werden, wenn Sie über eine Sache nicht sprechen wollen, und Sie wissen, dass ich ein bisschen stur bin …“

„Ein bisschen?“

„Also sind wir praktisch Freunde.“

„Freunde?“

„Ist doch nicht so schlimm, oder?“, erkundigte sie sich freundlich, verlangsamte ihre Schritte, als der Song endete, und blieb schließlich stehen. Die Band begann sofort mit einem neuen Lied, diesmal in einem wilden, hämmernden Rhythmus. „Haben Sie so viele Freunde, dass Sie keine mehr brauchen?“

Nein, er hatte keine Freunde. Weil er keine wollte. Dieses Bedürfnis war in seiner Jugend befriedigt und vor zehn Jahren begraben worden. Jetzt verlief sein Leben geradlinig. Weil es ihm so gefiel.

Als Nathan Keira losließ, breitete sich plötzlich eine Leere in ihm aus, die er sich lieber nicht eingestehen wollte. Wenn es jemals ein Warnsignal gegeben hatte, dann jetzt. Abstand, sagte er sich. Abstand ist das, was ich brauche. Es war ihm bisher immer gelungen, sich vor Nähe zu schützen.

„Wir sind keine Freunde, Keira. Freunde üben nicht gegenseitig Druck aufeinander aus, um ihren Willen durchzusetzen.“

„Tatsächlich?“, fragte sie und legte den Kopf ein wenig schief, sodass ihr rotblondes Haar zur Seite fiel. „Aber ist es nicht genau das, was Ihr Freund Hunter Palmer getan hat?“

„Wie bitte?“, fragte er zurück und schaltete sofort wieder auf unnahbar um.

„Na ja“, meinte Keira, hakte sich bei ihm unter und führte ihn weg von den anderen Tanzenden und den harten Rhythmen der Band. „Sie wollen offensichtlich nicht hier sein, und trotzdem bleiben Sie einen ganzen Monat, nur weil Ihr alter Freund das in seinem Testament so angeordnet hat. Das bedeutet, er übt Druck auf Sie aus.“

Nathan musste sich eingestehen, dass sie recht hatte. Hatte er nicht den ganzen Tag über dasselbe gedacht? „Sie können einem ganz schön auf die Nerven gehen.“

„Das hat man mir schon öfter gesagt.“

„Was mich absolut nicht überrascht.“

„Kommen Sie, Nathan“, sagte sie und zog ihn am Arm. „Ich finde, es ist Zeit, dass Sie etwas zu essen bekommen. Vielleicht hellt sich Ihre Stimmung auf, wenn Sie erst mal die leckere Lasagne von Clearwater probiert haben.“

Er wollte nicht noch mehr Zeit mit ihr verbringen. Sie schaffte es auf irgendeine Weise, ihm nahe zu kommen, und das beunruhigte ihn. Also blieb er abrupt stehen. Keira prallte gegen ihn.

„He, können Sie mich nicht warnen, wenn Sie so plötzlich anhalten?“

„Tut mir leid. Aber ich glaube, ich habe genug von diesem Fest gesehen“, sagte er. „Ich habe Ihnen den Gefallen getan, herzukommen, und jetzt möchte ich gern nach Hause, wenn Sie gestatten.“

„Sie haben aber noch nichts gegessen“, beharrte sie.

„Ich habe keinen Hunger.“

„Lügner.“

Er schob seine Hände in die Taschen seiner Lederjacke und sah Keira mit einem Blick an, der die Manager seiner Hotels schon oft vor Angst hatte schlottern lassen. „Fahren Sie mich nach oben oder nicht?“

„Klar. Nach dem Essen.“

„Verdammt, Keira …“

„Sie müssen etwas essen, Nathan. Und das können Sie genauso gut hier tun.“

Als er sich nicht vom Fleck rührte, fuhr sie fort: „Oder haben Sie Angst vor uns?“

„Uns?“, wiederholte er.

„Vor den Leuten hier. Vor der Stadt.“ Mit ihren Armen beschrieb sie einen weiten Kreis. „Hunter’s Landing. Fürchten Sie, dass Sie uns vielleicht mögen würden, wenn Sie uns ein bisschen näher kennenlernen?“

„Kapieren Sie es doch endlich“, fauchte er sie an, weil er annahm, dass nur Grobheit sie dazu bringen würde, ihm endlich zuzuhören. „Ich bin nicht hier, um Freundschaften zu schließen. Ich bin hier, weil ich muss. Ich schulde es …“ Er hielt inne, ehe er Informationen preisgab, die Keira nichts angingen. „Mir ist es völlig egal, ob ich Ihre Stadt mögen oder nicht mögen würde. Ich will einfach nur meine Zeit absitzen und dann zurückkehren in mein normales Leben.“

„Wow.“ Sie schaute interessiert zu ihm auf. „Sie haben es wieder getan.“

Nathan seufzte und stellte die Frage gegen seinen Willen. „Was?“

„Den groben Kerl ausgepackt“, antwortete sie. „Es ist ziemlich beeindruckend, wie schnell Sie auf grantig bis widerlich umschalten können.“

„Weil Sie mir sonst nicht zuhören.“

„Oh“, sagte sie lächelnd, „ich höre schon zu, aber ich kümmere mich nicht darum, was Sie sagen. Das ist der kleine Unterschied. Und ob Sie es zugeben oder nicht – Sie sind hungrig, Nathan Barrister. Sie haben vielleicht keine Lust, hier zu sein, aber da Sie nun mal hier sind, können Sie auch was essen, oder?“

Wie konnte ein Mann gegen diese verdrehte Logik argumentieren? Keira nahm seinen Arm und zog ihn hinüber zu den langen Tischen, auf denen alles, was die Einwohner von Hunter’s Landing zubereitet hatten, auf hungrige Abnehmer wartete. Es gab nichts, was es nicht gab.

Nathan fühlte sich wie ein bockiges Kind, und dieses Gefühl war ihm peinlich. Außerdem nützte es nichts, stur zu bleiben, denn es gab keinen Ausweg. Er konnte nicht einfach gehen und den Weg zurück den Berg hinauf laufen. Und er wollte auch niemand anderen um eine Mitfahrgelegenheit bitten. Also musste er warten. Und essen. Sobald er wieder in Hunter’s Lodge war, würde er seinen Piloten anrufen und ihm befehlen, die Maschine startklar zu machen.

Er hatte nun definitiv nicht mehr vor, einen ganzen Monat zu bleiben. Zwei Tage in der Gesellschaft von Keira Sanders, und er wollte nur noch eins: weg.

Während der nächsten Stunde beobachtete Keira Nathan mit wachsendem Amüsement.

Er wäre bestimmt nicht erfreut gewesen, hätte er gewusst, wie viel Vergnügen es ihr bereitete, seine Versuche zu beobachten, die Dankbarkeit der Leute abzuwehren. Jedes Mal, wenn jemand kam, um sich zu bedanken, versteinerte Nathan geradezu. Er nickte höflich mit verschlossenem Gesichtsausdruck und wandte sich ab, nur um dem nächsten dankbaren Bürger zu begegnen.

Keira fragte sich, was sie an diesem seltsamen Mann so anzog. Sie konnte es nicht genau benennen. Doch sie fand, sein Unbehagen zwischen all den netten Menschen war interessant genug, um das Bedürfnis zu verspüren, ihn besser kennenzulernen. Eine Lücke in der Mauer zu finden, die er um sich errichtet hatte. Den Moment zu erleben, in dem er seine ätzende Arroganz ablegte, um ihr den wahren Menschen zu zeigen, der sich dahinter verbarg.

Oder machte sie sich nur etwas vor?

Vielleicht gab es gar keinen ‚wahren Nathan‘, den es sich lohnte, kennenzulernen. Vielleicht war er einfach genau so, wie er schien. Reich, überheblich, uninteressiert. Aber eigentlich glaubte sie nicht, dass es so war. Sie hatte den Anflug von Humor in seinen Augen gesehen, den er jedes Mal sofort unterdrückte, und sie hatte vor, ein wenig Zeit zu investieren, um zu schauen, ob es ihr gelang, die Barrieren zu überwinden, die er aufgebaut hatte.

Warum sie hinter die Fassade schauen wollte, war ihr allerdings selbst nicht klar.

Natürlich abgesehen davon, dass sie alles tun musste, damit er dreißig Tage hier verbrachte und nicht früher abreiste. Doch das andere war eher privat und hatte nichts mit dem Vermächtnis zu tun, das die Stadt zu erwarten hatte. Irgendwie freute sie sich auf ihre kleine Entdeckungsreise ins Innere von Nathan Barrister. Sie war zu neugierig, was sie finden würde.

Als ihr Handy klingelte, schaute Keira kurz auf das Display, sah die Nummer des Anrufers und stand auf, um ein paar Schritte weiter weg vom Tisch zu gehen, während sie telefonierte. Sie winkte Nathan kurz zu und musste ein Lächeln unterdrücken, als sie die Panik sah, die sich auf seinem Gesicht malte.

Dabei konnte sie ihn diesmal fast verstehen, denn sobald der Platz neben ihm frei wurde, stürzten sich Sallye und Margie, die beiden größten Tratschtanten des Ortes, auf ihn. Keira überließ ihn seinem Schicksal, trat in den Eingang des Blumenladens und klappte ihr Handy auf.

„Hallo, Kelly!“

„He, große Schwester, wie geht’s?“ Kelly Sanders’ Stimme klang so nah, als wäre sie hier statt zu Hause in London.

Keira wollte gar nicht daran denken, wie hoch die Roaming-Kosten für diesen Anruf waren. Aber sie war so froh, mit ihrer jüngeren Schwester reden zu können, dass sie keine Lust hatte, an die Telefonrechnung zu denken.

„Alles in Ordnung“, rief Keira, weil sie die Band übertönen musste, die noch einmal ein paar Dezibel zugelegt hatte.

„Was ist denn bei euch los?“, fragte Kelly und fügte nach einer Sekunde hinzu: „Ein Straßenfest, nicht wahr? Wie gemein. Ihr amüsiert euch, und ich bin nicht da.“

„Dafür bist du in Europa und hast da eine schöne Zeit, oder?“

„Stimmt“, erwiderte Kelly. „Ich bin ja auch wirklich gern hier, aber manchmal ärgert es mich, dass zu Hause die Dinge ohne mich weitergehen.“

Typisch Kelly, dachte Keira. Sie will immer im Mittelpunkt stehen.

Schon als kleines Kind hatte sie sich immer nach vorn gedrängt. Ihre Mutter meinte dazu nur, Kelly wäre halt in großer Hast geboren worden und hätte einfach das Tempo beibehalten.

Keira vermisste sie sehr. Die Familie bestand ja nur noch aus den beiden Schwestern. Kelly lebte seit einem Jahr in England, und obwohl Keira es ihrer Schwester gönnte, war sie trotzdem manchmal einsam.

„Ich richte allen aus, dass du sie grüßen lässt“, sagte sie und ließ ihren Blick die Straße entlangwandern, um sicherzugehen, dass Nathan nicht entwischt war. Nein, er war immer noch da, eingeklemmt zwischen den beiden sehr netten, sehr geschwätzigen älteren Damen. Keira lächelte, lehnte sich gegen die mit Schindeln verkleidete Wand des Blumengeschäfts und fragte: „Nun, was gibt es Neues?“

„Tony fliegt am Wochenende mit mir nach Paris. Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass ich also am Samstag nicht da bin, weil wir doch samstags immer telefonieren.“

Tony, auch bekannt als Stewart Anthony Brookhurst, war CEO eines großen Konzerns mit Hauptsitz in England. Seit sechs Monaten sprach Kelly von fast nichts anderem mehr als von ihm.

„Paris, wie nett“, bemerkte Keira und bemühte sich, das Gefühl von Neid, das in ihr aufstieg, zu vertreiben.

Früher hatte sie auch große Pläne gehabt. Sie wollte den Collegeabschluss machen und dann reisen, die Welt sehen. Von einem Tag zum anderen waren ihre Träume zerplatzt. Sie bereute nicht, ihrer kleinen Schwester ein Zuhause gegeben zu haben, auch wenn das bedeutete, ihre eigenen Pläne hintanzustellen, um Kelly den Collegebesuch zu ermöglichen. Sie hatte auch nichts dagegen, hier in Hunter’s Landing zu bleiben, während Kelly in die große weite Welt zog und jenes Leben lebte, von dem Keira einst geträumt hatte.

Natürlich verspürte sie manchmal so etwas wie Neid, aber es gelang ihr immer, diese Gefühle vor ihrer geliebten Schwester zu verbergen.

„Ich weiß“, sagte Kelly lachend. „Wer hätte jemals gedacht, dass ich solche Sätze sagen würde wie: Das Wochenende verbringen wir in Paris. Aber ich fühle mich hier wirklich wohl, K, obwohl ich dich und alle anderen zu Hause vermisse. Ich liebe London. Sogar den Regen!“

„Ist mir bekannt.“ Diese Liebe schwang in Kellys Stimme mit, seitdem sie dort lebte. Eigentlich sollte ihr Aufenthalt nur ein Jahr dauern – und dieses Jahr war fast vorüber. Eine international tätige Bank hatte Kelly direkt vom College weg angeheuert. Doch Keira machte sich seit Monaten darauf gefasst, dass Kelly eines Tages sagen würde, sie bliebe für immer in Europa.

Kelly gefiel es in England, und jetzt, da sie einen Freund hatte, der dort geboren und aufgewachsen war, wurden die Chancen, dass sie jemals nach Hunter’s Landing zurückkehrte, immer geringer.

„Und was gibt es Neues bei euch? Ich meine, außer der Party, an der ich nicht teilnehmen kann?“, fragte Kelly.

Keira schüttelte die trüben Gedanken ab und zwang sich zu einem heiteren Ton. „Der erste Gast für die Lodge ist angekommen.“

„Echt? Du machst Witze! Was ist es für ein Typ? Hast du das Haus von innen gesehen? Ist es so grandios, wie es von außen aussieht?“

Keira lachte. Sie vermisste ihre kleine Schwester so sehr. „Ich mache keine Witze. Er scheint nett zu sein. Ich habe das Haus gesehen. Es ist grandios.“

„Komm schon“, bettelte Kelly, „da gibt es doch noch mehr zu erzählen. Seit einem Jahr schwärmst du mir von diesem Haus vor. Also, wie ist es?“

„Es ist so überwältigend, dass du es nicht glauben würdest. Der Blick auf den See ist traumhaft. Ein riesiges Panoramafenster. Alles ist aus Glas und Holz und Stein. Drinnen gibt es einen Kamin, so groß, dass man drin stehen könnte.“

„Wow.“

„Du sagst es.“

„Und der Typ?“

„Was soll mit ihm sein?“

„Er scheint nett zu sein“, wiederholte Kelly spöttisch. „Bitte. Ich verlange ein bisschen mehr als das.“

Mehr? Was konnte sie schon sagen? Dass er arrogant war und interessant und viel zu attraktiv? Dass sie ständig an ihn denken musste, an ihn als Mann, statt als Gast, der so wichtig war, dass man ihn unbedingt dazu bringen musste, einen Monat in der Lodge zu verbringen?

„Wie heißt er überhaupt?“, wollte Kelly wissen.

„Nathan.“ So viel Information konnte sie guten Gewissens geben. „Nathan Barrister.“

„Barrister?“, echote Kelly überrascht. „So wie die Barrister Hotelkette?“

„Keine Ahnung“, erwiderte Keira und zuckte die Achseln, was ihre Schwester nicht sehen konnte. „Ich … vielleicht.“

„Ein Nathan Barrister war vor ein paar Monaten in London und hatte ein Meeting in meiner Bank. Sag mir, wie deiner aussieht, und ich sage dir, ob er es ist.“

„Groß. Dunkelhaarig. Blaue Augen.“

„Hat er einen arroganten Zug um den Mund?“, fragte Kelly.

„Kann man wohl sagen“, bemerkte Keira.

„Hey, dann ist er es!“, jubelte Kelly. „Und du magst ihn.“ Sie kicherte.

„Komm runter von dem Trip, Kel“, sagte Keira, obwohl sie wusste, dass ihre Schwester nicht so schnell lockerlassen würde.

„Kaum zu glauben. Nathan Barrister ist in Hunter’s Landing. Das ist zu komisch.“

„Warum ist es komisch?“, erkundigte sich Keira misstrauisch. Sie verstand nicht, woher die Heiterkeit ihrer Schwester kam, und hatte das Gefühl, sie müsse Nathan aus irgendeinem Grund verteidigen.

„Weil er so ein Ekel ist. Der Mann hat nicht den geringsten Sinn für Humor. Ein Blick aus seinen eiskalten blauen Augen, und du erfrierst. Ich habe das Gesicht meines Chefs gesehen, als er aus dem Meeting mit Barrister kam. Erinnerst du dich, dass ich dir gesagt habe, mein Chef könne fies genug sein, um einem Alien Angst einzujagen?“

„Ja …“

„Als Barrister aus seinem Büro kam, war mein Chef leichenblass und zitterte.“

„Oh.“

„Ehrlich, K“, sagte Kelly und senkte die Lautstärke ihrer Stimme um ein paar Nuancen. Um sie herum war es so laut, dass Keira Mühe hatte, ihre Schwester zu verstehen. „Wenn du vorhast, dich in diesen Typ zu verlieben, dann rate ich dir nur, lass die Finger davon.“

„Oh, bitte.“ Keira seufzte und warf mit einer Kopfbewegung ihr Haar zurück. „Er erfüllt den testamentarisch letzten Wunsch eines Freundes. Wenn er einen Monat lang hierbleibt und die anderen fünf das auch schaffen, dann erbt die Stadt Unmengen von Geld. Und wir brauchen dieses Geld. Das ist alles. Ich habe doch nur gesagt, dass er attraktiv ist, und nicht, dass ich mich für ihn interessiere.“

„Du hast nicht gesagt, dass er attraktiv ist!“, quiekte Kelly so schrill, so dass Keira das Handy ein Stück von ihrem Ohr weghielt.

„Habe ich nicht?“

„Nein. K, tu es nicht. Du darfst dich in diesen Typ nicht verlieben. Erinnerst du dich, was mit …“

„Nicht dieses Thema“, wehrte Keira ab. Sie hatte nicht die geringste Lust, alte Geschichten hervorzukramen. „Du solltest besser daran denken, wer von uns die Ältere ist.“

„Das weiß ich“, antwortete Kelly. „Du bist nur so … so …“

„Was bin ich?“

„Ich weiß nicht. Schon gut. Pass auf dich auf, ja?“

„Ich bin immer vorsichtig, Kelly. Vertrau mir. Es wird nichts passieren.“ Denn selbst wenn sie es wollte – Nathan hatte bereits allzu deutlich gemacht, dass ihm absolut nichts an ihr lag. Also, was konnte schon passieren?

Keira spähte um die Ecke des Blumenladens und ließ auf der Suche nach Nathan ihren Blick über die Menge schweifen. Ein großer Fehler, wie sie sofort erkannte, denn auch er hielt Ausschau nach ihr. Selbst aus der Entfernung wirkte die Anziehungskraft, die er auf sie ausübte. Keira rang nach Atem. Sie schwankte und musste sich mit einer Hand an der Hauswand abstützen. Gegen ihre nachgebenden Knie half das wenig.

Verlangen stieg in ihr auf, heiß und fordernd – eine Kraft, der sie sich nicht entziehen konnte.

„K?“, hörte sie Kellys Stimme übers Handy. „Alles in Ordnung?“

„Klar“, log sie und schluckte mehrmals, weil ihre Kehle plötzlich so eng war. Nathans Blick hielt sie immer noch gefangen. „Mir geht’s gut. Mach dir keine Sorgen.“

„Aber …“

„Hör zu, schick mir eine Postkarte aus Paris, ja?“

„Mach ich, aber …“

„Tschüs, Honey, mach’s gut und pass auf dich auf.“ Keira klappte das Handy zu und straffte ihre Schultern, als sie sah, dass Nathan zu ihr herüberkam.

5. KAPITEL

Nathan reichte es.

In seinen Ohren surrte es, und die guten Manieren, die seine Großmutter ihm eingetrichtert hatte, waren kurz davor, sich in nichts aufzulösen. Er war die beiden älteren Frauen endlich losgeworden, die offenbar vorgehabt hatten, ihn gleich für immer hier in Hunter’s Landing festzunageln, und nun würde er Keira zwingen, ihn sofort zurück zur Lodge zu fahren.

Ich hätte selbst fahren sollen, dachte er frustriert. Dann müsste ich mich nicht nach irgendwem richten.

Er war kein Mann, der gern von anderen abhängig war. Als er die Hauptstraße entlangging und all die fröhlichen Menschen sah, die aßen, tranken, tanzten und sich miteinander unterhielten, versteifte er sich innerlich. Er gehörte nicht zu ihnen, würde niemals dazugehören. Weil er es nicht wollte. Je mehr Zeit er mit diesen Leuten verbrachte, desto klarer wurde ihm dies.

Er wusste nicht, weshalb er dieses Bergkaff nicht längst verlassen hatte. Er war nicht verpflichtet, den testamentarischen Wunsch eines ehemaligen Mitstudenten zu erfüllen, der seit zehn Jahren tot war. Es wäre ihm leichtgefallen, die zwanzig Millionen Dollar aus eigener Tasche zu spenden, um endlich abhauen zu können.

Dieser Gedanke gab ihm neuen Schwung, und seine Schritte beschleunigten sich, als er auf Keira zuging. Ihre Blicke trafen sich. Ihre Augen waren so wach, so funkelnd, so grün.

Er bemühte sich, es nicht zu bemerken. Auch, dass sie ihre Lippen besorgt zusammenpresste, wollte er nicht sehen. Er weigerte sich, es hinreißend zu finden, wie das Licht der Straßenlaternen ihr rotblondes Haar zum Leuchten brachte. Es sah fast aus wie ein zarter Heiligenschein um ihren Kopf. Er zwang sich außerdem dazu, nicht daran zu denken, wie gut sie sich angefühlt hatte in seinen Armen, als sie miteinander tanzten.

Als er näher kam, schob sie ihr Handy in die Hosentasche und atmete so tief durch, dass sich ihre Brüste deutlich hoben und senkten.

Nathan spürte, wie sein Körper reagierte, aber auch das wollte er nicht wahrhaben.

„Hallo“, begrüßte sie ihn, und auf seltsame Weise klang ihre Stimme klar und deutlich, obwohl auf der Straße ein solcher Lärm herrschte. „Haben Sie Spaß?“

Er runzelte die Stirn. „Total viel Spaß. Ich habe gegessen, ich habe getanzt, und ich habe so viele Dankesbezeugungen über mich ergehen lassen, dass es für den Rest meines Lebens reicht. Ich hätte jetzt gern, dass Sie mich nach Hause fahren.“

„Klar, mache ich.“

„Was, jetzt auf einmal?“ Er zog eine Augenbraue hoch, verwundert, weil er nicht erwartet hatte, dass sie so leicht aufgab. Er hatte erwartet, sie würde versuchen, ihn zum Bleiben zu überreden.

„Wieso nicht?“, fragte sie zurück und wandte den Blick ab. Sie ließ ihn über das Fest auf dem großen Platz wandern, seufzte erneut und sagte so leise, dass Nathan es fast nicht hören konnte: „Ich wollte nur, dass Sie Hunter’s Landing kennenlernen und ein paar Leute treffen, damit Sie wissen, wem Sie und Ihre Freunde helfen.“

„Danke“, erwiderte er und hörte den Sarkasmus in seiner Stimme. Doch er wollte, dass sie wusste, wie sehr ihn das hier alles genervt hatte.

„Wir können auf dem Rückweg am Krankenhaus vorbeifahren. Dann kann ich Ihnen zeigen, was wir planen.“

„Das ist nicht nötig.“

Nathan war frustriert. Er wollte nichts weiter als raus hier. Raus aus diesem Kaff, raus aus der Lodge. Sich in den Flieger setzen und um die Dinge kümmern, die er kannte, die ihm wichtig waren, die sein Leben ausmachten, das er absolut nicht zu ändern gedachte. Er war nicht gesellig, war es niemals gewesen, hatte nicht vor, es zu werden. Und doch …

„Was ist nun? Fahren Sie mich nach Hause oder nicht?“

„Sie sind wild entschlossen, sich nicht zu amüsieren, stimmt’s?“

„War amüsieren erwünscht?“

„Kelly hatte recht. Sie sind zum Fürchten“, murmelte Keira leise vor sich hin.

„Wie bitte?“

„Schon gut.“ Zögernd hob sie die Achseln und sagte: „Gehen wir.“

Er folgte ihr zum Truck, und als sie über eine Unebenheit auf der Straße stolperte, fing er sie auf, ehe sie fallen konnte. Sie lächelte zu ihm auf, und Nathan gestand sich ein, dass sie so viele Gesichter hatte, dass es schwer war, sie alle zu kennen.

„Danke, das hab ich nicht gesehen.“

„Sie haben nicht hingeschaut, meinen Sie wohl.“

Ihre Hände lagen immer noch auf seinen Armen, und er spürte die Wärme ihrer Finger selbst durch die dicke Lederjacke, die er trug. Er sehnte sich nach ihrer Berührung, wollte ihre Hände auf seiner nackten Haut fühlen. Verlangen stieg in ihm auf, als er daran dachte, wie sich ihr Körper wohl anfühlen mochte, wenn er sie streichelte, sie küsste, in sie eindrang.

Die Bilder waren so klar, so überwältigend, dass ihm kurz der Atem stockte.

Als er sich wieder gefasst hatte, sagte er: „Mich wundert, dass Sie nicht überall blaue Flecken haben, so wie Sie durch die Weltgeschichte stolpern.“

„Woher wollen Sie wissen, dass ich keine habe?“, entgegnete sie immer noch lächelnd.

Er atmete tief durch. Die Nachtluft hier in den Bergen war rau und eisig. Er hoffte, dass sie abkühlend wirkte auf das Verlangen, das ihn durchströmte. „Was zum Teufel machen Sie mit mir?“, fragte er aufgebracht.

„Das kommt ganz drauf an, Nathan“, erwiderte sie, und er sah, wie das Lächeln verschwand und einer anderen Emotion Platz machte: Begehren. „Sagen Sie mir, was ich mit Ihnen machen soll.“

„Ich habe kein Interesse an einer kurzen Affäre“, antwortete er gepresst, obwohl sein Körper ganz andere Botschaften sandte.

„Es hat auch keiner drum gebeten.“ Keira entzog sich seinem Griff, straffte die Schultern und schüttelte ihr Haar aus dem Gesicht. „So was. Bewahrt eine Frau vor einem Sturz und behauptet dann, sie wolle ihn verführen. Nett. Sehr nett.“

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und fragte sich, weshalb er überhaupt ein Wort an sie verschwendete. „Können wir jetzt endlich losfahren?“

Sie suchte in ihrer Jeanstasche nach dem Wagenschlüssel. „Wissen Sie eigentlich, dass sie derjenige waren, der mich angeschaut hat, als wolle er mich gleich hier flachlegen?“

Nathan starrte sie entnervt an. „Ich war vorübergehend nicht zurechnungsfähig.“

„Wow. Ein Kompliment nach dem anderen“, erwiderte sie und ging zur Fahrerseite ihres Trucks. „Sie machen hier wirklich einen super Eindruck, Barrister.“

Er stand da und beobachtete, wie sie sich auf ihren Fahrersitz schwang. „Sie können einen Menschen zur Weißglut bringen, wissen Sie das?“

Über ihre Schulter warf sie ihm einen Blick zu. „Sie können mir glauben oder nicht – das hat man mir schon früher gesagt.“

„Wer immer das gesagt hat, er hat mein ganzes Mitleid“, bemerkte Nathan bissig.

Die Fröhlichkeit verschwand aus ihrem Gesicht, und sie wurde plötzlich ganz ernst. „Er braucht Ihr Mitleid nicht, Nathan. Und ich brauche es auch nicht. Also, steigen Sie jetzt endlich ein, oder wollen Sie den Berg hochlaufen?“

Jedes Mal, wenn Keira während der nächsten Woche den Berg hinauffuhr, fürchtete sie, Nathan wäre abgereist. Die Fahrt nach Hause war äußerst schweigsam verlaufen. Keira hatte ihn nach dem Fest zur Lodge gebracht. Dort wartete sie kaum ab, bis er ausgestiegen war. Sobald Nathans Füße den Boden berührten, startete sie mit aufheulendem Motor durch und fuhr zurück in den Ort. Es war ihr immer noch peinlich, so einen dramatischen Abgang hingelegt zu haben.

Ich hätte nie zulassen dürfen, dass er mich verletzt, dachte sie. Warum hat er das bloß geschafft?

Doch wahrscheinlich war seine Bemerkung über den armen Kerl, der sein ganzes Mitleid verdiene, ihr Liebhaber gewesen zu sein, einfach zu viel gewesen. Zuvor hatte Kelly sie bereits an jenen Mann erinnert, dem sie vertraut und der sie so sehr enttäuscht hatte.

Keira hatte die Trauer längst überwunden. Aber sie hasste es, daran erinnert zu werden, was für eine Idiotin sie damals gewesen war.

Allerdings war das Vergangenheit, und jetzt waren ganz andere Dinge wichtig. Alles, was zählte, war, sicherzustellen, dass Nathan hierblieb, bis der Monat um war. Sie war überzeugt, dass er es satt hatte, sie jeden Tag zu sehen, doch sie besuchte ihn trotzdem regelmäßig, weil sein Bedürfnis, sich davonzumachen, allzu offensichtlich war.

Und dagegen musste sie etwas tun.

Sie parkte ihren Truck in der Einfahrt zur Lodge, sprang aus dem Wagen, knallte die Fahrertür zu und ging zum Haus. Dunkle Wolken hatten sich über den Bergen zusammengezogen, und die Luft roch nach Schnee. Sosehr sie den Winter in den Bergen auch mochte – es war Zeit für ein bisschen Frühling, wenn es nach ihr ging. Leider sah es aus, als hätte die Natur andere Pläne.

Sie fröstelte, vergrub ihre Hände in ihren Jackentaschen, und beschleunigte ihren Schritt. Doch als sie Nathans Stimme hörte, blieb sie stehen.

„Ich bin hier drüben“, rief er.

Sie war überrascht, ihn im Freien zu finden, weit weg von seinem Laptop, an den er sich zu klammern schien, als wäre es seine letzte Verbindung zur Zivilisation. Keira ging die Einfahrt hinunter und entdeckte Nathan am Ufer des Sees. Wieder einmal stellte sie fest, dass er umwerfend gut aussah.

Er trug wieder den dunkelgrünen Kaschmirpullover zu ausgeblichenen Jeans. Seine braune Lederjacke gab ihm etwas Verwegenes, und der Wind wehte ihm das schwarze Haar ins Gesicht. Er wirkte freier, als Keira ihn je erlebt hatte. Ihr Puls beschleunigte sich.

Hier lauerte Gefahr. Vor allem, wenn er anfing, ihr solche Blicke zuzuwerfen wie vor mehr als einer Woche auf dem Straßenfest.

„Was tun Sie dort?“, rief sie hinüber. Ihre Stiefel knirschten auf dem Kies.

Er sah kurz zu ihr hinüber, dann wandte er sich wieder zum See, dessen stahlgraue Oberfläche noch eisiger wirkte als sonst. „Ich genieße nur die Aussicht. Brauchte ein bisschen frische Luft.“

„Tatsächlich?“, neckte sie ihn, während sie näher kam und neben ihm stehen blieb. „Ich dachte, Sie atmen am liebsten die Luft aus Klimaanlagen und bewundern die Natur vorzugsweise hinter sauber geputzten Fenstern.“

„Mir fiel langsam die Decke auf den Kopf“, knurrte er.

Schon wieder diese Drohung. Keira wusste, dass er auf dem Sprung war, weg aus der Lodge, raus aus den Bergen. Er fühlte sich zweifellos eingesperrt. Also musste sie ihn ablenken.

„Dagegen kenne ich ein Mittel.“

„Aha. Und das wäre?“

„Gehen Sie mit mir spazieren.“ Sie hakte sich bei ihm unter und lächelte ihn an.

„Aber es ist bitterkalt hier draußen“, bemerkte er.

„Wenn wir uns bewegen, merken wir es nicht.“ Sie zog ihn am Arm. „Kommen Sie schon. Wann sind Sie das letzte Mal an einem so herrlichen See entlanggewandert?“

Er ließ seinen Blick über das beeindruckende Panorama wandern. Der See, die Berge, die hohen Nadelbäume am Ufer. „Noch nie“, gab er zu.

„Viel zu lange her“, versicherte sie ihm und ging los. Er ging viel schneller als Keira, und sie musste sich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten. „Das hier ist kein Wettrennen, Nathan. Sie können keinen Preis gewinnen, indem Sie den See einmal in Höchstgeschwindigkeit umrunden.“

Er hielt inne. „Das habe ich kapiert. Aber ich bin es nicht gewohnt, einfach so dahinzuschlendern.“

„Schon gut“, erwiderte Keira und genoss es, dass sein Blick für einen Moment milder wurde. „Das kann man lernen.“

Danach gingen sie schweigend und entspannt eine Weile nebeneinander her, ehe sie bemerkte: „Bald wachen die Bären auf.“

„Die Bären?“

„Ja, klar. Es gibt Schwarzbären und Braunbären. Mütter und ihre Babys. Sie besuchen die Siedlungen und machen sich über die Mülltonnen her. Entweder suchen sie Futter oder Abwechslung. Das gibt dann manchmal Ärger.“

„Bären“, wiederholte Nathan. „Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo zu leben, wo man Bären begegnet.“

„Lustig, was?“, entgegnete sie und sah in die bedrohlich wirkenden Wolken. „Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben.“

„Sie sind hier aufgewachsen?“

„Ja. Geboren bin ich in Lake Tahoe, aufgewachsen bin ich hier. Damals gab es noch kein Krankenhaus in Hunter’s Landing. Heute müssen die Schwangeren nicht mehr über die Berge, um medizinische Hilfe zu finden.“ Sie lächelte und berührte seinen Arm. „Dank Ihrer Spende wird unsere Klinik noch viel besser ausgestattet sein, als sie es jetzt ist.“

„Sie haben mir bereits genug gedankt.“

„Das stimmt nicht, aber lassen wir’s gut sein.“

„Danke.“

„Für’s Erste.“

Er knurrte etwas Unverständliches.

„Und Sie?“, fuhr sie fort. „Woher stammen Sie?“

„Von überall und nirgends“, antwortete er und schaute über den See, auf dem der Wind immer stärkere Wellen vor sich hertrieb.

„Das ist keine Antwort, und das wissen Sie auch.“

„Ich bin in Massachusetts geboren und an der Ostküste aufgewachsen.“

Bewundernswert, wie es einem Mann gelang, zu antworten und dabei so wenig über sich selbst preiszugeben. Doch Keira war keine Frau, die man leicht abwimmeln konnte. Sie hakte nach. „Lebt Ihre Familie immer noch dort?“

„Ich habe keine Familie“, erwiderte er knapp und verengte die Augen zu Schlitzen, weil der Wind immer schärfer blies.

„Das tut mir leid.“

„Dazu gibt es keinen Grund. Sie konnten es nicht wissen.“

„Trotzdem“, beharrte sie und drückte mitfühlend seinen Arm. „Meine Eltern starben, als ich im College war“, erzählte sie, weil sie annahm, dass er vielleicht etwas gesprächiger würde, wenn sie etwas von sich erzählte. „Sie wurden beim Skifahren von einer Lawine erwischt.“

Nathan sah sie an. „Das tut wiederum mir leid.“

Sie schaute zu ihm auf und lächelte. „Danke. Es war sehr schwer für mich. Ich vermisse sie immer noch.“

„Ich war zehn Jahre alt“, sagte er. „Ein Autounfall.“

Nur wenige Worte, aber so gepresst hervorgestoßen, dass Keira den alten Schmerz, der immer noch in ihm brannte, fühlen konnte. Sie selbst war immerhin erwachsen gewesen, als ihre Eltern starben. Wie einsam musste sich ein Zehnjähriger fühlen, wie viel Angst musste er gehabt haben, als seine Welt zusammenbrach.

„Nathan, das muss furchtbar für Sie gewesen sein.“

„Es ist ewig her“, lenkte er ab. „Ich hatte ja meine Großmutter. Väterlicherseits. Sie hat mich aufgenommen.“

„Das war sicher nicht einfach für sie“, erwiderte Keira. In diesem Moment stolperte sie auf dem unebenen, steinigen Weg über eine Baumwurzel.

Nathan fing sie auf und hielt sie fest, bis sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte. „So schwer war es auch wieder nicht“, sagte er. „Sie schickte mich ins Internat. Ich war nur in den Sommerferien bei ihr.“

„Wie bitte?“, fuhr sie entrüstet auf.

Er sah sie verwundert an. Offenbar überraschte ihn ihre Reaktion. Was waren das für Leute, die zehnjährige Kinder ins Internat abschoben? Was war diese Großmutter für ein Mensch, wenn sie nicht wusste, dass ein Kind, das gerade seine Eltern verloren hatte, besondere Liebe und Fürsorge benötigte, und zwar nicht von Fremden, die dafür bezahlt wurden, dass sie sich um ihn kümmerten.

„Es war ein sehr gutes Internat.“

„Klar, sicher.“ Keira ärgerte sich über das Verhalten seiner Großmutter einem Kind gegenüber, obwohl das Kind längst erwachsen war. „Haben Sie Geschwister?“

„Nein. Sie?“

Er war allein gewesen mit einer Großmutter, die zu beschäftigt war, um dem Kind zu geben, was es so dringend brauchte: ein Zuhause. Sicherheit. Zuneigung. Keira spürte, wie schwer diese Zeit für Nathan gewesen sein musste. Wärme und Mitgefühl stiegen in ihr auf, obwohl er sich ihr gegenüber so frostig verhielt. Wenn er als Kind so auf sich allein gestellt gewesen war, konnte man schließlich nicht erwarten, dass er sich als Erwachsener offen und vertrauensvoll verhielt.

Nathan beobachtete sie und wartete auf eine Antwort. Sie lächelte ihn an und bemühte sich, ihn ihre Anteilnahme nicht spüren zu lassen, weil sie wusste, dass er Mitleid hasste.

„Ich habe eine Schwester. Kelly. Sie ist jünger als ich und war noch auf der Schule, als unsere Eltern ums Leben kamen. Also habe ich das College sausen lassen und mich um ihre Erziehung gekümmert. Ich übernahm das Bistro, das mein Vater eröffnet hatte. Lakeside Diner.

„Der Coffeeshop in der Stadt?“

„Waren Sie dort? Lakeside Diner war der ganze Stolz meines Vaters. Klein, aber lukrativ. Es hat Kelly ermöglicht, aufs College zu gehen. Na ja, zusammen mit ein paar guten Darlehen.“

„Und Sie?“, erkundigte er sich. „Sind Sie nicht zurück aufs College gegangen?“

„Nein“, sagte sie und dachte plötzlich wieder an das Verhalten seiner Großmutter. „Ich wollte zwar zurückgehen, wirklich. Aber wir konnten es uns nicht leisten, beide zu studieren. Als Kelly ihren Abschluss machte, hatte ich bereits einen Manager für das Lakeside Diner angeheuert und mich um das Bürgermeisteramt beworben. Daher …“ Sie zuckte die Achseln.

„Ihre Schwester hätte sich erkenntlich zeigen müssen, sodass auch Sie eine Chance gehabt hätten, Ihr Studium zu beenden.“

Keira schüttelte den Kopf. „Das ging nicht. Sie bekam gleich nach dem Examen einen wahnsinnig guten Job. Es wäre wirklich dumm gewesen, ihn auszuschlagen.“

Er schwieg, aber es war ihm deutlich anzumerken, dass er Kellys Verhalten missbilligte.

„Sie könnten doch jetzt noch studieren“, bemerkte er.

„Klar doch.“ Keira lachte kurz auf. „Das ist genau das, was ich mir wünsche. Mit einem Haufen Kids die Schulbank drücken. Hört sich super an.“

„Was macht Ihre Schwester zurzeit?“

„Sie lebt in London“, berichtete Keira. Sie verteidigte ihre Schwester, obwohl diese das gar nicht nötig hatte. „Sie mag England“, fügte sie seufzend hinzu. „Wenn sie mir Fotos schickt, möchte ich am liebsten meine Sachen packen und auch hinziehen.“

„Und weshalb tun Sie es nicht?“

„Ich kann nicht einfach weggehen, nur weil ich es möchte. Ich habe in dieser Stadt Verantwortung übernommen.“

Er zog die Brauen zusammen und sah Keira finster an. „Ist das mal wieder ein subtiler Hinweis?“, fragte er.

„Nicht subtil“, gab sie zu und lächelte zu ihm auf, unbeeindruckt von seiner grimmigen Miene. „Nur ein kleiner Hinweis darauf, dass auch Sie und die anderen für Hunter’s Landing Verantwortung tragen.“

„Bis vor einem Monat wusste ich überhaupt nicht, dass diese Stadt existiert“, erinnerte er sie. „Und in einem Monat werde ich sie vergessen haben.“

„Ich fühle mich hochgeehrt“, erwiderte sie sarkastisch.

„Nichts gegen Sie persönlich“, sagte er. „Es ist nur …“

„Es spielt doch gar keine Rolle, oder? Sie haben sich bereit erklärt, sich den Bedingungen des Testaments zu unterwerfen. Daher …“ Sie blieb erneut an einer Baumwurzel hängen, und sie wäre gestürzt, hätte Nathan sie nicht wieder aufgefangen.

„Sie leben gefährlich. Weshalb passen Sie nicht auf, wo Sie hintreten?“

„Weil Sie hier sind, um mich aufzufangen.“

„Darauf sollten Sie sich nicht verlassen.“

„Tue ich aber“, gab sie zu und baute sich vor ihm auf, sodass er stehen bleiben musste. „Wir alle verlassen uns auf Sie. Auf Sie und Ihre Freunde.“

Ein eisiger Windstoß kam über den See. Das Haar wehte Keira in die Augen. Sie strich es mit einer Hand aus dem Gesicht, damit sie Nathan sehen konnte.

Er schien nicht erfreut, aber das kannte sie ja schon. Er schaute ihr mit so kühlem, hartem Blick in die Augen, und sein Mund war zu einer so schmalen Linie zusammengepresst, dass sie genau erkennen konnte, was er dachte.

„Ich weiß, dass Sie es nicht hören wollen“, fuhr sie fort und legte ihm beide Hände auf die Arme. Selbst durch das dicke Leder der braunen Jacke konnte sie seine Kraft spüren und jene Energie, die er nur mühsam zügelte. „Aber es ist wahr. Ich wünschte, ich könnte Ihnen klarmachen, wie wichtig es für uns alle ist, dass Sie den ganzen Monat hierbleiben.“

„Keira …“

„Ich weiß, ich weiß“, sagte sie und hob beide Hände wie jemand, der aufgibt. „Sie wollen davon nichts mehr hören.“

„Am Abend nach dem Fest war ich kurz davor, meinen Piloten anzurufen und ihn zu bitten, die Maschine startklar zu machen, damit ich hier verschwinden kann.“

„Aber Sie haben es nicht getan“, erwiderte sie leichthin, obwohl ihr kurz flau im Magen wurde vor Angst.

„Das bedeutet nicht, dass ich es nicht doch noch tue“, gab er zurück. „Weder Sie noch sonst jemand sollte sich auf mich verlassen. Und das gilt für jeden Bereich.“

„Sie führen ein trauriges Leben.“

„Ich führe es so, wie ich es will.“

„Aber es müsste nicht so sein“, flüsterte sie, während der Wind an ihnen beiden zerrte. Weshalb tat sie das? Weshalb bedeutete es ihr etwas, wie Nathan Barrister sein Leben führte?

Er lachte hart, und Keira sah überrascht zu ihm auf.

„Ich mag mein Leben so, wie es ist“, erklärte er. „Ich habe kein Interesse daran, es zu ändern.“

„So, wie Sie auch kein Interesse an einer kurzen Affäre haben.“

Er presste die Lippen zusammen.

Keira wusste nicht, weshalb sie das Thema aufgebracht hatte. Doch nun, da es geschehen war, gab es nichts, was sie tun konnte, um es wieder aus der Welt zu schaffen.

„Keira …“

Der Wind ließ ein paar Schneeflocken an ihnen vorüberwirbeln.

„War das …?“, fragte er.

„Schnee“, antwortete sie.

Und schon einen Augenblick später waren sie von Schneeflocken umtanzt. Der Wind ließ die großen Kiefern knarren, und es wurde von einem Moment zum anderen noch kälter. Dunkel und drohend hingen die Wolken tief über den Bergen.

„Das sehe ich selbst“, sagte Nathan. „Sagen Sie mal, wird es hier überhaupt jemals Frühling?“ Er sah Keira an, als wolle er noch etwas anderes sagen, doch er schwieg.

Sie spürte seinen Blick. Da war es wieder, dieses Knistern zwischen ihnen, und obwohl es schneite, fühlte sie sich erhitzt.

Ihr Atem beschleunigte sich, und ihr Puls raste. Fast hätte sie diesem unwiderstehlichen Bedürfnis nachgegeben, Nathan zu berühren, ihm das schwarze Haar aus der Stirn zu streichen.

Stattdessen ballte sie die Hände zu Fäusten und sagte: „Das Schneetreiben wird dichter. Wir sollten zurückgehen.“

6. KAPITEL

Als sie die Lodge endlich erreichten, waren ihr Haar und ihre Jacken weiß von Schnee. Die Luft war so eisig, dass es fast wehtat, einzuatmen.

Keira wollte sofort zu ihrem Truck, doch Nathan hielt sie am Arm fest und zog sie die Stufen hoch auf die Veranda und unter das Vordach des Hauses.

„Nathan …“

Er blieb auf der obersten Stufe stehen, schaute in ihre sanften, grünen Augen und sagte: „Sie können genauso gut hier warten, bis der Schneesturm vorbei ist.“

Sie fröstelte trotz ihrer dicken Jacke und warf mit einer Kopfbewegung das Haar zurück. „Es wird aber vermutlich ein paar Stunden dauern, bis er aufhört.“

Schön, das zu hören, hätte er fast erwidert, und war froh, schluckte die Bemerkung aber im letzten Augenblick herunter. Doch es stimmte. Er hatte nicht die geringste Lust, allein in dem riesigen, stillen Haus zu sitzen. Das war schon schlimm genug, wenn die Sonne schien. Aber jetzt, wo es schneite und die Wolken tief über dem See hingen, wäre er sich vorgekommen wie lebendig begraben, sobald er allein war. Und das war eine Erfahrung, auf die er gern verzichten konnte.

„Könnte aber auch sein, dass es in ein paar Minuten aufhört“, entgegnete er, doch genau in diesem Augenblick wurde das Schneetreiben noch stärker.

„Wenn ich jetzt zu Hause wäre“, bemerkte Keira, „dann würde ich mir eine heiße Schokolade machen.“

„Das werde ich wohl noch hinkriegen“, meinte er. „Außerdem gibt es einen ziemlich guten Brandy.“

Sie sah zu ihm auf, und er verlor sich in ihren grünen Augen. „Brandy ist eine gute Idee“, erwiderte sie. „Gibt es auch etwas zu essen?“

Er reichte ihr die Hand und schloss seine Finger warm und fest um ihre. „Im Kühlschrank sind Unmengen davon.“

Sie stand einfach neben ihm und lächelte ihn an. Nathan fühlte, wie Wärme ihn durchströmte, trotz des eisigen Windes. „Weshalb stehen wir dann immer noch hier draußen rum?“

Gemeinsam gingen sie zur Haustür, legten im Windfang ihre Jacken ab und zogen die Schuhe aus. Dann begaben sie sich in die Küche. Der Raum war riesig. Es gab eine luxuriöse Einbauküche mit Elementen aus Edelstahl. Die meterlange Arbeitsplatte war aus poliertem Granit, und die Wände waren in einer raffinierten antikisierenden Technik gestrichen. Warme Erdtöne gaben der Küche eine behagliche Atmosphäre, sogar mitten in einem Schneesturm.

„Zuerst der Brandy“, verkündete Nathan. „Essen können wir später.“ Damit verließ er die Küche und ging hinüber ins Wohnzimmer.

„Guter Plan“, sagte sie und fröstelte, als sie ihm durch das kühle Foyer folgte.

Im Kamin im Wohnzimmer brannte ein großes Feuer. Keira stellte sich sofort davor und ließ sich den Rücken wärmen, während Nathan zur Bar ging. Er schenkte Brandy in zwei Kristallgläser und kam zurück zu Keira, um ihr eins davon zu reichen. Bevor er trank, schwenkte er die bernsteinfarbene Flüssigkeit mehrmals im Glas.

Nach dem ersten Schluck wurde ihm sofort warm, aber das lag nicht nur am Alkohol. Denn sein Blick ruhte auf Keira. Der Schein des Feuers spiegelte sich auf ihrer Haut und tanzte in ihren Augen. Ihre Haarspitzen schimmerten nahezu durchsichtig, und als sie das Glas an die Lippen setzte, zog sich etwas in ihm zusammen.

Nachdem sie einen Schluck getrunken hatte, atmete sie auf, lächelte und sah Nathan an. „Wow. Das wärmt durch und durch, nicht wahr?“

Nathan biss die Zähne zusammen und trank schnell von seinem Brandy.

Mehr als eine Woche hatte er versucht, sie aus seinen Gedanken zu verdrängen. Die Anziehungskraft zwischen ihnen verstörte ihn zutiefst. Aber es war ihm nicht gelungen, sie aus seinen Gedanken zu vertreiben. Sobald er die Augen schloss, sah er Keira. In seinen Träumen berührte er sie. Wenn die Stille im Haus ihn fast wahnsinnig machte, kam sie angefahren, und wenn er sie dann sah, wurde er aus ganz anderen Gründen fast wahnsinnig.

Sie setzte sich auf die Kaminbank und schaute zu ihm auf. Dabei drehte sie das Kristallglas mit dem Brandy zwischen den Fingern. „Also, sind Sie nun der Barrister-Hotel-Typ, Nathan?“

Er sah sie überrascht an, nippte an seinem Brandy und genoss das wohlige Gefühl, das sich in ihm ausbreitete. „Hotel-Typ? Ja, ich glaube schon. Woher wussten Sie es?“

Sie lächelte. „Nur eine Vermutung. Wir leben in Hunter’s Landing ja nicht auf dem Mond, wissen Sie? Wir lesen Zeitungen und Magazine. Welches Hotel mögen Sie am liebsten?“

Er zuckte die Achseln. „Ich habe eigentlich kein Lieblingshotel. Sie sind alle Spitzenhotels. Jedes hat seine Vor- und Nachteile.“

„Junge, Junge, das hört sich aber begeistert an.“

„Wie bitte?“

„Nathan, Sie besitzen Viersternehotels …“

„Fünf Sterne“, korrigierte er automatisch.

„Richtig. An den schönsten und exotischsten Orten der Welt. Und Sie reden darüber, als ob es gar nichts Besonderes wäre. Als wären diese Hotels nicht anders als andere Luxushotels. Denken Sie wirklich so?“

Nathan setzte sich neben sie, spürte die Wärme des Feuers in seinem Rücken und überlegte einen Moment. „Es ist das Familienunternehmen, Keira. Es handelt sich um wertvolle Immobilien mit bestem Ruf, und ich bemühe mich, diesen Ruf zu bewahren.“

„Klar“, erwiderte sie und stieß ihn mit der Schulter an. „Und Sie besuchen keines dieser Hotels, sagen wir in Paris oder Dublin, nur zum Vergnügen?“

„Nein“, antwortete er und fragte sich, warum ihm Keiras Enttäuschung etwas ausmachte. „Meine Besuche sind komplett durchorganisiert. Die Hotelmanager wissen immer, wann ich komme. So stelle ich sicher, dass alles vorbereitet ist für meine Inspektion, und …“

Sie seufzte.

„Was ist denn?“

„Salutieren sie? Schlagen sie die Hacken zusammen, wenn Sie auftauchen?“

„Ich bin kein General oder etwas Ähnliches.“

„Tja, da habe ich mich wohl geirrt“, murmelte sie. „Mal ehrlich, Nathan, machen Sie allen Leuten, mit denen Sie zu tun haben, Angst? Ich wette, Sie tun es.“

„Keinesfalls“, entgegnete er. Im gleichen Moment empfand er sich als unsagbar überheblich. Ein seltsames, unbekanntes Gefühl.

„Wissen Sie was“, fuhr sie fort und hob ihr Glas, um den Raum durch die bernsteinfarbene Flüssigkeit hindurch zu betrachten, „Sie könnten doch auch mal unangemeldet aufkreuzen. Dann finden Sie heraus, was in Ihren Hotels wirklich abgeht.“

Er starrte sie verblüfft an, doch Keira schaute in eine andere Richtung. Fieberhaft dachte er über ihre Worte nach. Komisch, er hatte noch nie daran gedacht, so etwas zu tun. Er organisierte sein Leben nach Plan, um so effektiv wie möglich zu arbeiten. Aber …

„Sie meinen, ich sollte einfach auftauchen, wenn niemand mit mir rechnet?“

„Warum nicht?“, meinte sie. „Die Hotels gehören Ihnen doch, oder?“

„Ja, aber ein Zeitplan ist wichtig, sonst gerät alles durcheinander.“

„Und wenn die Kinder wissen, wann Daddy nach Hause kommt, sind sie brav wie Lämmchen“, konterte sie.

Nathan schaute sie unverwandt an, bis sie sich endlich umdrehte und aus weit geöffneten Augen zu ihm aufsah.

„Was ist?“, fragte sie.

„Ich kann nicht glauben, dass ich nie daran gedacht habe.“

„Ich auch nicht“, sagte sie lächelnd. „Du lieber Himmel, tun Sie überhaupt jemals irgendetwas, das Sie nicht vorher geplant haben, Nathan? Machen Sie jemals Pause? Sie sind so verkrampft, dass ich davon Kopfweh kriege.“

Er seufzte und zuckte die Achseln. „In meiner Welt ist keine Zeit, sich zu entspannen.“

„Dann sollten Sie sich die Zeit einfach nehmen.“ Sie legte ihm eine Hand auf den Arm und fragte: „Wenn Sie zum Beispiel in einem Ihrer tollen Spitzenhotels sind – gehen Sie dann mal schwimmen? Lassen Sie sich massieren? Machen Sie einen Stadtbummel?“

„Nein. Ich habe keine Zeit, mich zu vergnügen.“

„Wieso nicht?“

„Weil …“

„Menschen aus aller Welt wohnen in Ihren Hotels, weil sie dort etwas ganz Besonderes geboten bekommen. Ich habe ein paar der Hotels im Fernsehen gesehen. Und in Zeitschriften. Du meine Güte! Für eine Nacht im Barrister in London würde ich alles tun.“

Er lächelte und dachte an das majestätische Portal des Barrister-Hotels in London, an die marmornen Fußböden und die venezianischen Kristalllüster in der Lobby.

„Es ist traumhaft“, gab er zu, überrascht, dass er das erst jetzt, durch Keiras Begeisterung, wirklich erkannte.

„Es ist göttlich“, sagte sie mit einem tiefen Seufzer. „Irgendein Rockstar hat mal ein Interview in der Penthouse-Suite gegeben. Es kam in den Nachrichten. Von der Suite aus hat man einen unglaublichen Blick über London.“

„Der Blick aus der Eigentümersuite ist noch besser“, erklärte Nathan. „Sie können Big Ben sehen und das Millenium Wheel.“

„Das Riesenrad?“, rief sie entzückt und packte seinen Arm. „Sind Sie mal mitgefahren?“ Dann hielt sie inne. „Natürlich nicht“, bemerkte sie trocken. „Sagen Sie mal, Nathan, haben Sie denn niemals Spaß?“

Etwas beleidigt erwiderte er: „Doch, selbstverständlich.“

„Beweisen Sie es mir. Nennen Sie mir eine Sache, die Sie im vergangenen Monat nur zum Spaß gemacht haben“, forderte sie ihn heraus.

„Ich habe vor dem Kamin gesessen und zugelassen, dass eine schöne Frau mich beleidigt.“

Keira legte den Kopf schief und lächelte ihn so zauberhaft an, dass sich sein Puls beschleunigte. „Eine schöne Frau?“, wiederholte sie.

„Aha, das ist also der Teil des Satzes, den Sie gehört haben.“

Ihr Lächeln wurde breiter. „Klar doch.“

Er mochte es, wenn ihre grünen Augen aufblitzten, wenn sie lächelte. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit fühlte er sich entspannt und fröhlich. Es gab nichts, was ihn unter Druck setzte. Die Arbeit konnte warten. Er brauchte sich nicht um seine E-Mails zu kümmern. Er hatte noch nicht einmal Interesse daran, die Lodge zu verlassen.

Weil er ganz plötzlich und unerwartet nirgendwo lieber war als hier.

Sie schwiegen eine Weile und lauschten dem Prasseln des Kaminfeuers. Die Möbel in dem großen Raum warfen Schatten, und draußen, hinter dem Panoramafenster, fiel in weißen Kaskaden dichter Schnee.

„Ich beneide Sie“, sagte Keira leise. „Sie haben so viele Orte auf der Welt gesehen.“

„Reisen Sie gern?“

„Ich bin nicht oft verreist, aber ich glaube, ich würde gern mehr unterwegs sein.“ Sie zog die Beine an. „Früher hatte ich große Pläne“, gab sie zu. „Als ich noch ein Teenager war, habe ich in der Buchhandlung immer Stadtpläne von ausländischen Städten gekauft. Sie hätten mich in der Mitte von Paris absetzen können, und ich hätte mich zurechtgefunden, weil ich den Stadtplan in- und auswendig kannte. London, Dublin, Barcelona, Rom und natürlich Venedig.“ Ihre Stimme klang verträumt und berührte Nathan tief. „Ich wollte in einer Gondel fahren und Wein trinken. Ich wollte in Holland die Windmühlen sehen und in der Schweiz die Alpen …“

„Aber …“

Sie lächelte zu ihm auf und trank von ihrem Brandy, ehe sie antwortete. „Das Leben hatte anderes mit mir vor. Ich musste für Kelly sorgen, und dann habe ich begonnen, mich für die Stadt zu engagieren.“

„Haben Sie aufgehört, Stadtpläne auswendig zu lernen?“

„Oh nein“, gab sie zu. „Ich habe alle aufgehoben. Manchmal studiere ich sie und plane Trips. Eines Tages werde ich hinfahren.“ Sie schaute in ihr Glas und fragte: „Und Sie? Wohin fahren Sie, wenn der Monat um ist?“

„Zuerst muss ich für etwa zwei Wochen nach Barbados, danach nach Madrid.“

Sie seufzte. „Das hört sich traumhaft an.“

„Barbados oder Madrid?“

„Beides. Barbados hört sich sogar ein wenig besser an. Eine tropische Insel.“ Sie seufzte erneut.

„Und dazu noch eine wunderschöne tropische Insel“, stimmte er zu.

Sie legte den Kopf an seine Schulter und sagte: „Zeigen Sie es mir.“

„Das geht nicht. Ich habe keine Fotos dabei.“

„Nein“, erwiderte sie sanft. „Schaffen Sie Bilder mit Ihren Worten. Zeigen Sie mir die Insel, wie Sie sie sehen.“

Nathan sah zu Keira hinunter. Er wollte ihr geben, wonach sie verlangte. Also dachte er einen Moment nach und stellte sich das Barrister-Hotel auf Barbados vor. Dann begann er: „Es ist unser neuestes Hotel. Es wurde erst vor ein paar Monaten eröffnet und besteht aus einem weitläufigen Komplex direkt am Strand. Es hat fünf Stockwerke für die Gäste, und im sechsten Stock befindet sich die Eigentümersuite.“ Seine Stimme wurde wärmer, als die Erinnerungen sich verdichteten und es ihm leichter fiel, zu erzählen. „Man hat einen sagenhaften Blick. Das Meer ist so blau, dass man nicht weiß, wo es aufhört und wo der Himmel anfängt.“

„Weiter“, flüsterte Keira.

Er lächelte. „Es gibt Palmen, und der Strand ist so weiß, dass es blendet. Um den ausgedehnten Pool herum stehen Liegestühle, beschattet von grün und weiß gestreiften Sonnenschirmen. Kellner in grünen Hemden und weißen Hosen lesen den Hotelgästen jeden Wunsch von den Augen ab.“

„Mehr“, forderte Keira sanft und drängte sich an ihn.

Er spürte ihren Körper, fühlte die Wärme des Feuers im Kamin, genoss mit einem Mal die Stille in diesem Haus, und empfand eine wohltuende Nähe – etwas, das er sich seit Jahren nicht mehr gestattet hatte.

„Die Ausstattung des Hotels“, fuhr er fort, „wird dominiert von hellem, fast goldfarbenem Holz. Die Fenster sind immer geöffnet, und der Wind vom Meer weht durch die Lobby, in der Blumen und Weinranken für eine Atmosphäre wie im Dschungel sorgen.“ Er stützte sein Kinn auf ihren Kopf. „Auf der großen, weiß gestrichenen Veranda, die das ganze Erdgeschoss umgibt, stehen ebenfalls Liegestühle. Dort sitzen die Gäste manchmal den ganzen Tag und schauen aufs Meer. Auch das Restaurant besitzt eine Terrasse. Von dort aus hat man einen wunderbaren Blick auf den Sonnenuntergang.“

„Hört sich traumhaft an.“

„Um die Wahrheit zu sagen“, gestand er und war selbst ein wenig überrascht, „ist es absolut traumhaft.“

Sie hob den Kopf und lächelte. „Ich glaube, ich kaufe mir eine Landkarte von Barbados“, verkündete sie. „Und ich setze das Hotel auf meine Liste.“

Er strich ihr das Haar aus dem Gesicht. Ihre Haut war so zart. Keira schloss die Augen, als er sie berührte, und erschauerte ein wenig, als er seine Finger zuerst über ihre Wange, dann über ihr Kinn gleiten ließ.

„Ich setze deinen Namen auf die Liste der VIPs“, flüsterte er und strich mit der Hand über ihr seidiges Haar, nur um noch einmal zu spüren, wie weich es sich anfühlte.

„Nathan?“

„Keira …“

„Draußen ist immer noch Schneesturm“, sagte sie leise. Sie sah ihm in die Augen. „Was machen wir, solange wir warten, dass er vorbeigeht?“

„Wir könnten was essen“, schlug er vor.

„Richtig“, erwiderte sie. „Oder du könntest mir noch mehr von deinen Hotels erzählen.“

„Wir könnten auch Schach spielen.“

„Oder einen Film gucken.“

„Lesen.“

Sie nickte und nahm seine Hand, um sie wieder auf ihre Wange zu legen. „Alles prima Ideen. Aber ich habe eine bessere.“

Nathans Atem beschleunigte sich, als Keira sich an ihn lehnte. Er bebte vor Verlangen. Wenn er sie nicht in den nächsten paar Minuten haben durfte, würde er explodieren. „Ja?“, fragte er. „Welche?“

„Ich glaube, du weißt es“, sagte sie und trank einen letzten Schluck Brandy, ehe sie ihr Glas auf dem Kaminsims abstellte.

Nathan trank den Rest seines Brandys auf einen Zug und stellte dann sein Glas neben ihres.

„Kann gut sein“, antwortete er, obwohl ihm eine innere Stimme riet, aufzuhören, ehe es zu spät war. Aber er begehrte Keira zu sehr. Fantasien, wie sie noch keine Frau in ihm hervorgerufen hatte, suchten ihn seit Tagen heim, und er war nicht gewohnt zu warten, wenn er etwas haben wollte. Normalerweise nahm er sich einfach, was die meisten Frauen ihm sowieso freigiebig anboten. Keira war anders. „Weshalb erzählst du es mir nicht?“, fragte er vorsichtig. „Dann kann ich dir sagen, ob wir auf der gleichen Wellenlänge sind.“

„Ich glaube, ich zeige es dir lieber“, flüsterte sie, näherte sich ihm und küsste ihn auf den Mund.

Alles in Nathan drängte ihn, den Kuss zu erwidern. Er hatte keine Ahnung mehr, wo er war. Sein Gehirn schien ausgeschaltet wie bei einem Kurzschluss, und er ließ zu, dass Keira den Kuss vertiefte, kam ihr entgegen und erkundete mit seiner Zunge das zarte Innere ihres Mundes. Verlangen brandete in ihm auf, so stark, dass er es kaum aushielt.

Er fühlte ihre Hände auf seinen Schultern, spürte, wie sie sich an ihm festhielt, wusste, dass auch sie ihn begehrte. Nathan wehrte sich nicht mehr, sondern gab sich ganz seinen Gefühlen hin.

Er brauchte Keira.

Jetzt.

Er zog sie auf seinen Schoß und begann, sie zu streicheln, erkundete die sanften Kurven ihres Rückens, ihrer Taille und ihrer Hüften unter dem weichen Stoff ihres Pullovers. Keira seufzte lustvoll, presste sich an ihn und bewegte sich verführerisch an ihm.

Leidenschaftlich küsste er sie, als wäre das, was sie ihm gab, sein einziges Lebenselixier. Ihre Lippen und Zungen verschmolzen, lösten sich wieder, Keira knabberte spielerisch an seiner Unterlippe, leckte zärtlich seinen Mundwinkel, bis Nathan es nicht mehr aushielt und sie wieder küsste, noch härter, noch drängender als zuvor. Er ließ beide Hände unter ihren Pullover gleiten, um endlich ihre glatte, warme Haut zu spüren.

Keira zog sich ein wenig von ihm zurück, rang nach Atem und seufzte lustvoll unter seinen Berührungen. „Nathan …“

Er verteilte kleine Küsse auf ihrem Kinn, ließ seine Lippen über ihren Hals wandern, bis sie verlangend aufstöhnte. Es war eindeutig, dass sie ihn ebenso begehrte wie er sie. Die Erkenntnis jagte ihm einen heißen Schauer über den Rücken.

Nathan sah sie an, während er mit einem geschickten Handgriff den Vorderverschluss ihres BHs öffnete. Er schob den BH beiseite und umfasste beide Brüste. Er strich mit den Daumen über ihre aufgerichteten Brustspitzen, während er mit den Fingern sanft die vollen Rundungen massierte.

Bebend vor Begehren, klammerte Keira sich an ihn. Sie saß immer noch auf seinem Schoß, und mittlerweile spürte sie deutlich, wie erregt er war.

Nathan atmete schwer vor Verlangen. Nie zuvor hatte er eine Frau so sehr begehrt. Und noch keine Frau hatte ihn dazu gebracht, alles um ihn herum zu vergessen. Das Einzige, woran er denken konnte, war Keira.

Sie war alles, was er wollte.

Was das bedeutete, war ihm in diesem Moment egal.

Was es ihn kosten würde, ebenfalls.

Er hatte nicht vor, seine Gefühle zu analysieren.

Er wollte sie besitzen. Sich in ihr verlieren. Nur der Augenblick zählte, das Gefühl, Keira in den Armen zu halten, sich ihrer Lust hinzugeben.

„Ich will dich“, flüsterte er heiser.

„Ich will dich auch“, erwiderte sie leise, öffnete die Augen und richtete sich auf, nur um sich näher an ihn zu drängen. „Nathan, bitte“, flehte sie. „Jetzt gleich.“

„Jetzt gleich“, versprach er und löste sich von ihr, um aufzustehen. Hastig gingen sie ins Foyer, wo sich die breite Treppe befand, die hinauf in den zweiten Stock und zu den Schlafzimmern führte.

Keira lief hinter Nathan her und blieb an einem Beistelltisch hängen. Sie ließ seine Hand los, verzog schmerzlich das Gesicht und hüpfte auf einem Bein.

Sofort kam Nathan zu ihr, hob sie auf die Arme und sagte: „Ich trage dich lieber, sonst fällst du noch die Treppe hinunter.“

„Wie recht du hast“, murmelte sie und küsste spielerisch sein Ohrläppchen, während er sie die Treppe hinauftrug, indem er zwei Stufen auf einmal nahm.

Oben angelangt, wandte er sich nach rechts, wo sich das Hauptschlafzimmer befand, das er bewohnte.

Keira schaute sich neugierig um, als Nathan sie ins Zimmer trug. Auch hier waren die Wände holzgetäfelt mit hellen Paneelen. Der honigfarbene Dielenboden glänzte. Es gab einen offenen Kamin, in dem ein großes Feuer prasselte, das den großen Raum gut durchheizt hatte. Aus den hohen Fenstern blickte man auf den See und den Wald. Es schneite noch immer.

Doch Keira war der Schnee egal. Sie konzentrierte sich ganz auf die Gefühle, die Nathan in ihr auslöste. An der einen Wand stand ein riesiges, antik wirkendes Bett mit dunklem Holzrahmen und vier Bettpfosten. Ihr Puls beschleunigte sich, als Nathan sie absetzte, zum Bett ging und den altmodischen Quilt zurückschlug.

Dann kam er zu Keira zurück, und eine heiße Welle des Begehrens durchströmte sie.

Er nahm sie in die Arme und küsste sie, bis ihr schwindlig wurde. Verlangen erfüllte jede Faser ihres Körpers; es war ein Gefühl, wie sie es noch nie erlebt hatte. Nathans Küsse wurden fordernder, drängender, und sie erwiderte sie sehnsüchtig. Dabei drängte sie sich an ihn, ließ ihn ihre vollen Brüste, ihre harten Brustknospen spüren, zeigte ihm, dass sie bereit war. Das war der Augenblick, in dem die Stimme der Vernunft ihr ein letztes Mal ins Gewissen redete: Hör auf. Stopp. Was tust du?

Doch schon Sekunden später, als Nathan ihr den Pullover abstreifte und sich vorbeugte, um eine Knospe zwischen die Lippen zu nehmen, befahl Keira der mahnenden Stimme in ihrem Kopf, still zu sein.

7. KAPITEL

Keira stöhnte leise, als Nathan zuerst die eine Brustspitze, dann die andere zärtlich mit den Lippen umschloss. Er saugte, knabberte, leckte, bis alles in ihr vibrierte, heiß, sehnsüchtig nach mehr. Ihr Puls raste, Schauer rannen durch ihre Glieder, ließen sie beben vor Lust. Und wenn sie die Augen schloss, hatte sie tatsächlich das Gefühl, als explodierte ein Feuerwerk.

Sie zog seinen Kopf gegen ihre Brüste – aus Angst, Nathan könne aufhören. Dabei ließ sie ihre Finger durch sein dichtes, weiches schwarzes Haar gleiten. Als er lustvoll seufzte, spürte sie seinen warmen Atem auf ihrer Haut wie eine zärtliche Berührung.

Er streichelte sie sanft, bis seine Hände den Bund ihrer Jeans erreichten. Kurz darauf hatte er den Knopf und den Reißverschluss geöffnet und streifte ihr die Hose gemeinsam mit dem champagnerfarbenen Slip ab. Sie half ihm, so gut sie konnte, stieg aus der Jeans, hob dann einen Fuß, dann den nächsten, sodass er ihr die Socken ausziehen konnte.

Trotz des Kaminfeuers spürte sie die Kühle des Raums auf ihrer Haut. Das Feuer prasselte, und das Holz knackte. Ab und zu stoben Funken auf und tauchten das Zimmer in ein wärmeres Licht.

Keira lächelte zu Nathan auf und zog am Bund seines Pullovers. „Hier hat jemand definitiv zu viel an.“

„Nicht mehr lange“, flüsterte er und entledigte sich in Sekundenschnelle seiner Kleidung, ehe er Keira zärtlich auf die kühlen Laken bettete.

Er sah sie lange an, und sie verschränkte die Hände hinter dem Kopf, rekelte sich auf den Kissen, weil sie es genoss, wie er sie anblickte, schamlos und voller Begehren. Sie erkannte das Verlangen in seinen Augen und spielte damit, nahm verführerische Posen ein, ließ die Hände über ihren Körper gleiten, umfasste ihre Brüste, reizte die Spitzen und beobachtete mit Genugtuung, dass es Nathan noch mehr erregte. Schließlich hob sie die Arme, um ihn an sich zu ziehen. Nathan stöhnte lustvoll und beugte sich über sie.

„Keine blauen Flecken“, murmelte er, während er ihren Körper musterte.

Sie lächelte und strich ihm zärtlich über die Wange. „Es war eine gute Woche. Du warst immer da, um mich aufzufangen.“

„Du treibst mich zum Wahnsinn, weißt du das?“

Sie umrahmte sein Gesicht mit den Händen, zog seinen Kopf zu sich und küsste ihn mehrmals. „Klar weiß ich das. Die Frage ist nur: Was wirst du dagegen tun?“

„Ich erwidere den Liebesdienst“, antwortete er.

Nathan küsste sie hart und verlangend, bis ihr Körper bebte und ihre Brust sich hob und senkte, weil ihr Atem stoßweise ging. Sobald Keira versuchte, ihn an sich zu ziehen, wich Nathan aus. Und Keira sah, wie er ihren Körper mit zärtlichen Küssen bedeckte, Zentimeter für Zentimeter.

Sie zitterte. Ihr stockte der Atem, und sie biss sich auf die Unterlippe. Getrieben von einer tiefen Sehnsucht, bog Keira sich seinen Lippen entgegen. Sie wollte ihn spüren.

Doch er hatte andere Pläne. Gemächlich setzte er seine sinnliche Entdeckungsreise fort, strich mit der Zunge über ihren Bauch, erkundete jede sensible Zone, bis Keira heiser seinen Namen flüsterte. Er lächelte nur und machte weiter, glitt tiefer und tiefer nach unten, bis er zwischen Keiras Beinen kniete.

Er zog sie näher zu sich, bis zur Bettkante. Dann hob er ihre Füße über seine Schultern, und Keira beobachtete ihn, während er wissend lächelte.

„Ladies first“, flüsterte er und schob seine Hände unter ihren Po, ehe er sein Versprechen einlöste, sich vorbeugte und begann, mit Lippen und Zunge ihre intimste Stelle zu liebkosen.

Keira atmete heftig, als sie die Berührung spürte. Sie stützte einen Ellbogen auf, damit sie ihm zusehen konnte. Nie zuvor hatte sie sich einem Mann auf diese Weise hingegeben. Zu sehen, was er tat, erregte sie mindestens so sehr wie die Gefühle, die seine sanften Berührungen in ihr auslösten.

Nathan wusste genau, was er tun musste, um ihr Verlangen ins Unermessliche zu steigern. Er schenkte ihr ungeahnte lustvolle Empfindungen. Sie konnte nur noch an ihn denken und das, was er mit ihr tat.

Er küsste sie zärtlich und unermüdlich. Schließlich berührte er ihren empfindsamsten Punkt.

„Nathan!“

Sie spürte, dass er lächelte, und dann verlor sie sich in den berauschenden Gefühlen, die er in ihr auslöste. Als sie es vor Lust kaum noch aushielt, erschauerte sie heftig und konnte doch nicht aufhören, ihm zuzusehen.

Als er erst einen Finger, dann einen zweiten in sie gleiten ließ, stöhnte sie laut auf vor Verlangen. Keiras Atem ging stoßweise, und ihre Lust loderte von Sekunde zu Sekunde höher.

„Wenn du jetzt aufhörst, Nathan, dann bringe ich dich um“, stieß sie hervor.

Er lachte leise und küsste sie weiter.

Keira rief seinen Namen, als der Höhepunkt nahte, und gab sich den unglaublichen Empfindungen hin. Ihr Körper zuckte vor wilder Lust, heiße Wellen durchströmten sie. Sie klammerte sich an Nathan und seufzte leidenschaftlich, bis die Erregung langsam abebbte. Dann erst nahm Nathan ihre Beine von seinen Schultern und schob Keira zurück aufs Bett. Gleich darauf kam er zu ihr.

„Ich … Ich kann nicht. Ich meine …“ Sie atmete hastig und lachte verlegen. „Ich glaube, ich kann mich nicht mehr rühren.“

„Ich beweise dir das Gegenteil“, flüsterte er und nahm liebevoll eine Brustspitze zwischen die Lippen.

Sofort prickelte wieder eine heiße Erregung in ihr. Nathan lag auf ihr, und sein Gewicht drückte sie auf die weiche Matratze. Sanft streichelte Keira seinen Rücken, küsste seinen Hals, seine Schultern.

„Das war …“, begann sie.

„Erst der Anfang“, ergänzte er und küsste sie tief und leidenschaftlich.

Keira spürte, wie ihr Körper reagierte, und sie schlang beide Beine um seine Hüften. „Ich will dich in mir spüren, Nathan.“

„Stets zu Diensten“, sagte er rau und hob den Kopf, um Keira in die Augen zu sehen, als er in sie eindrang.

Ihre Blicke lösten sich keine Sekunde voneinander. Mit einer einzigen Bewegung kam er zu ihr, und Keira keuchte, während sie sich ihm entgegendrängte.

Draußen tobte ein Sturm, und drinnen gaben sich zwei Menschen vollkommen hemmungslos einander hin. Alles, was zählte, waren die nächste Berührung, der nächste Kuss, die nächste Woge der Lust. Ihre Körper harmonierten auf eine Weise, die sie beide erbeben ließ.

Nathan liebte sie kraftvoll und zärtlich zugleich, und Keira erwiderte seine Leidenschaft mit einer Hingabe, die sie nie für möglich gehalten hatte. Sie strich über seine Schultern, seinen Rücken, seine Brust, reizte mit dem Daumen seine flachen, harten Brustknospen, bis er aufstöhnte.

Glücklich erkannte sie, dass sie ihn genauso alles andere vergessen machen konnte wie er sie. Sein Verlangen war ebenso intensiv wie ihres. Sie hatte ihn dazu gebracht, dass er die Kontrolle verlor.

Mit fordernden Bewegungen brachte sie ihn dazu, den sinnlichen Tanz zu beschleunigen, härter, tiefer. Während sie sich ganz auf die heiße Lust konzentrierte, die langsam höher und höher stieg, hielt sie sich an ihm fest.

„Jetzt, Nathan“, flüsterte sie und kam ihm entgegen, bis es kein Zurück mehr gab. „Jetzt, bitte.“

Er stützte sich auf und sah ihr in die Augen. „Du zuerst, Keira. Du zuerst, dann ich.“

Seinen Worten folgend, ließ er eine Hand über ihren Bauch gleiten, tiefer und tiefer, und begann, ihre intimste Stelle im Rhythmus seiner kraftvollen Stöße zu streicheln.

„Nathan!“, stöhnte sie laut, klammerte sich an seine Schultern und erbebte unter der Wucht eines langen, andauernden Höhepunkts. Es war überwältigend, wundervoll, einzigartig.

„Jetzt“, keuchte er und verlor sich gemeinsam mit Keira im Strudel der Lust.

Eine Stunde später – Keira kam es vor wie eine Woche – schlug sie die Augen auf und starrte an die Decke. Der Feuerschein des Kamins warf flackernde Schatten, die auf den dunklen Holzbalken tanzten.

„Alles in Ordnung?“, fragte Nathan nun dicht an ihrem Ohr.

„Ich bin nicht ganz sicher“, gab sie zu und wandte den Kopf auf dem Kissen, um ihn anzulächeln. Sie strich ihm das Haar aus der Stirn. „He, ich kann meine Hand bewegen. Das ist ein gutes Zeichen!“

Er stützte sich auf einen Ellbogen und schaute lange auf sie hinunter. Seine Augen verrieten nicht, was er empfand oder dachte. Keira erwiderte seinen Blick. Sie fühlte sich plötzlich unbehaglich. Wo war der leidenschaftliche Mann geblieben, der sie noch vor Kurzem in den Armen gehalten hatte? Nathan beobachtete sie und wirkte dabei so verschlossen wie am allerersten Tag, an dem sie ihm begegnet war.

„Was ist?“, fragte sie, weil sie das Schweigen nicht mehr aushielt.

„Ich habe bloß nachgedacht.“

„Worüber?“

Er sah aus, als wolle er etwas erwidern, überlegte es sich dann aber anders und schüttelte den Kopf. „Nichts“, meinte er dann nur. „Nicht so wichtig.“

Er stand vom Bett auf und ging, nackt, wie er war, hinüber zu einer Tür, hinter der sich ein gigantischer begehbarer Kleiderschrank verbarg. Er war nahezu leer, soweit Keira das beurteilen konnte. Nathan hatte ja nur Kleidung für einen Monat mitgebracht. Er ging hinein, und als er zurückkam, trug er einen schwarzen Hausmantel. Er brachte noch einen grünen mit und legte ihn ans Fußende des Bettes. „Ich habe meinen eigenen mitgebracht, aber der grüne hing bereits im Schrank, als ich hier ankam.“

„Danke“, sagte sie, zog den grünen Morgenrock näher und schlüpfte in beide Ärmel, ehe sie aufstand und den Gürtel zu einem Knoten schlang.

Nathan schien ihr wie ein Fremder, hart und bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, was er dachte. Vor ein paar Minuten noch hatten sie miteinander etwas Überwältigendes erlebt. Sie waren sich so nah gekommen, wie es zwei Menschen nur sein konnten. Und jetzt – jetzt schaute er Keira an, als sei sie ein Eindringling.

„Was ist los, Nathan?“, fragte sie.

„Gar nichts“, antwortete er und ging zur Schlafzimmertür. „Aber ich habe dir etwas zu essen versprochen, nicht wahr? Ich schaue mal nach, was es in der Küche so alles gibt.“

Sehr nett, dachte Keira. Hält mich einfach auf Abstand, und das auch noch so glatt und höflich, dass ich nicht einmal protestieren kann. Sie fragte sich, ob ihm das seine eiskalte Großmutter beigebracht hatte, die den Jungen damals ohne mit der Wimper zu zucken ins Internat gesteckt hatte. Jedenfalls beherrschte er die Kunst, jemanden abzuservieren, perfekt.

Nun, sie hatte nicht vor, zu verschwinden. Jedenfalls nicht, solange draußen der Schneesturm tobte. Um ehrlich zu sein: Selbst wenn der Blizzard in dieser Sekunde aufgehört hätte, wäre Keira keinen Meter gewichen. Nicht, bevor sie nicht herausgefunden hatte, was in diesem Mann vorging, der von jetzt auf gleich von leidenschaftlich auf frostig umschalten konnte.

Sie folgte ihm also die Treppe hinunter und hielt sich am Geländer fest, um sicherzugehen, dass sie nicht fiel und sich das Genick brach, ehe sie ein paar Antworten erhalten hatte. Am Fuß der Treppe wandte sie sich nach rechts und sah gerade noch, wie Nathan am Ende des Flurs in der Küche verschwand.

Wenn er glaubt, er kommt so einfach davon, hat er sich getäuscht, dachte sie. Sie beschleunigte ihre Schritte, wobei ihre bloßen Füße auf dem dicken Teppich fast kein Geräusch machten. Als Keira die Schwingtür der Küche erreicht hatte, stieß sie sie mit einem Ruck auf.

Nathan, der sich gerade über den Inhalt des Kühlschranks informierte, wandte kurz den Kopf, nur um dann gleich darauf gleichgültig ein langes, flaches Aluminiumtablett aus dem Kühlschrank zu holen.

„Die Haushälterin füllt den Kühlschrank einmal in der Woche“, erklärte er. „Das hier ist …“ Er las das Etikett. „Fettuccine Alfredo mit gegrillter Hähnchenbrust und Knoblauch. Stammt aus dem Clearwater Restaurant, das du mir ja empfohlen hast.

„Die Fettuccine ist prima“, sagte Keira, kam zum Küchentresen mit seiner polierten Granitplatte und zog sich einen Barhocker hervor. Sie schwang sich darauf und stellte ihre nackten Füße auf die Querstreben, weil der Fußboden kalt war.

„Freut mich, dass du sie magst“, erwiderte Nathan. Er stellte den Backofen an und schob die Aluminumform hinein. „Das dauert nicht lange“, versicherte er und ging hinüber zum zweiten Kühlschrank, in dem nur Getränke aufbewahrt wurden. „Möchtest du ein Glas Wein?“

„Klar“, antwortete Keira und versuchte herauszufinden, ob es einen Weg gab, die Mauer zu überwinden, die er um sich errichtet hatte. „Ist alles in Ordnung, Nathan?“

„Warum sollte etwas nicht in Ordnung sein?“

„Du benimmst dich … etwas seltsam.“

Er runzelte die Stirn, während er eine Flasche Weißwein auf den Tresen stellte. Dann zog er eine Schublade heraus, entnahm ihr einen Korkenzieher und entfernte die Versiegelung der Flasche. Keira fröstelte, und er fragte: „Ist dir kalt?“

„Ein wenig.“

Auch in der Küche gab es einen offenen Kamin, aber dieser war kalt und dunkel. Durch die großen Schiebetüren, die auf die Veranda führten, konnte Keira das Schneetreiben draußen sehen. Es wurde langsam dunkel. Die schweren grauen Wolken hingen noch tiefer als vorhin, und der Schnee fiel so dicht, dass es aussah, als habe jemand ein Betttuch vom Balkon gehängt.

„Auf der Veranda gibt es Feuerholz“, sagte Nathan. „Ich hole welches.“

„Sehr gut“, antwortete Keira, als er zur Schiebetür ging. „Aber erzähl mir zuerst, was du vorhin oben im Schlafzimmer sagen wolltest. Du hast mich so seltsam angesehen und dann gesagt: „Es ist nicht so wichtig.“

Er seufzte. „Lass gut sein, Keira, ja?“

„Oh nein“, gab sie zurück. „Das wird niemals geschehen. Deshalb ist es für uns beide viel einfacher, wenn du mit der Sache sofort rausrückst.“

„Es ist wirklich nicht wichtig.“

„Dann kannst du es ja auch sagen“, beharrte sie.

Er hatte die Verriegelung der Tür bereits halb geöffnet. Jetzt schaute er Keira an, als ob er überlege, was er tun solle. Mit der Sprache herausrücken oder den Mund halten. Schließlich nickte er und sagte: „Na gut. Ich habe an den Sex mit dir gedacht und mich gefragt, wie weit du wohl gehen würdest, um mich dazu zu bringen, den ganzen Monat hierzubleiben.“

Keira empfand seine Worte wie eine Ohrfeige. Verletzt und wütend starrte sie ihn an. „Meinst du das ernst?“

„Du hast mich gefragt, was ich sagen wollte“, gab er zurück.

„Ich wusste aber nicht, dass du so etwas sagen würdest!“

„Warum fühlst du dich beleidigt?“ Nathan warf ihr einen Blick zu. „Es hat mich nicht überrascht.“

„Wirklich nicht?“

„Du meine Güte, Keira, glaubst du, das ist das erste Mal, dass eine Frau ihren Körper benutzt, um zu erreichen, dass ich etwas für sie tue? Wir sind beide erwachsen. Du wolltest etwas von mir, und du hast Sex benutzt, um es zu bekommen.“

Blinder Zorn stieg in Keira auf. „Du … du …“

Er zuckte die Achseln und öffnete die Verandatür. „Es war doch schön für uns beide. Wir haben beide bekommen, was wir wollten. Es hat keinen Sinn so zu tun, als wäre es mehr gewesen.“

Als er die Schiebetür aufzog, fegte eisiger Wind in die Küche. „Vergiss es einfach, ja?“, sagte er.

„Klar“, erwiderte sie flüsternd und sah zu, wie er barfuß über die verschneite Veranda lief, bis er das gestapelte Brennholz erreicht hatte. Sein schwarzer Hausmantel wehte im Wind und schlug gegen seine Fesseln. Einem Impuls folgend sprang Keira auf, rannte zur Tür, schob sie leise zu und verriegelte sie.

Nathan hielt inne, drehte sich um und starrte erschrocken von draußen durch die Glastür in die Küche. Er versuchte, die Tür aufzuschieben. „Keira, mach sofort auf“, forderte er.

„Ich glaube nicht, dass ich das tue“, antwortete sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

Noch nie in ihrem Leben war sie so wütend gewesen. Sie fühlte sich erniedrigt, beleidigt, verletzt. Sie hatte Nathan erlaubt, Dinge mit ihr zu tun, die noch nie ein Mann getan hatte. Und zwar deswegen, weil sie spürte, dass es zwischen ihnen ein Band gab. Gefühle, Nähe. Aber offenbar war das höchst einseitig gewesen. Wie konnte er auch nur annehmen, dass sie lediglich mit ihm schlief, um ihn zum Bleiben zu bewegen?

Hielt er sie denn wirklich für eine solche berechnende Schlampe?

Mit welcher Art von Leuten pflegte er normalerweise Umgang, dass er glaubte, sie wäre derart kaltblütig und rücksichtslos?

Nathan stand draußen in der Kälte, zitterte und presste das Brennholz gegen seine Brust. Durch die Fensterscheibe warf er Keira Blicke zu, die eine ängstlichere Natur zum Beben gebracht hätten.

Keira jedoch blieb ungerührt.

„Verdammt, Keira, hier draußen schneit es!“

„Du stehst doch unter dem Vordach.“

„Es ist eiskalt.“

„Dann mach doch ein Feuer.“

„Auf der Veranda?“

„Um ehrlich zu sein, ist es mir völlig egal, ob du da draußen anfrierst. Ich lasse dann eine kleine, hübsche Plakette anbringen mit der Inschrift: Hier steht der größte Mistkerl der Welt.“

„Das ist nicht sehr witzig!“, schrie er und schlotterte vor Kälte.

„Ich mache auch keine Witze.“ Keira trat näher an die Scheibe und sah ihm direkt in die Augen. „Ich glaube es nicht. Du denkst tatsächlich, ich würde mich prostituieren, damit du hierbleibst?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Oh doch“, konterte sie. „Du bist ein aufgeblasener, selbstsüchtiger, gemeiner Bastard.“

„Hör zu, ich habe dir Unrecht getan, in Ordnung?“

„Das sagst du nur, damit ich die Tür aufmache“, schnauzte sie zurück.

„Genau erkannt.“

„Dann vergiss es. Du verdienst es zu erfrieren, aber wahrscheinlich tust du es nicht mal, weil du bereits so eiskalt bist. Kälter kannst du wohl kaum werden.“

„Könntest du mich endlich reinlassen und mich dann weiter anschreien?“

„Wieso sollte ich dich reinlassen?“, fauchte sie ihn an.

„Weil … weil …“

„Siehst du? Nicht einmal dir fällt eine Begründung ein!“

Nathan hob eine Hand, dabei fiel ein Holzscheit aus dem Stapel, den er in den Armen hielt, und traf seinen Fuß. „Au!“, rief er und hüpfte auf einem Bein. Dann schrie er zurück: „Wenn ich hier draußen verrecke, kann ich keine dreißig Tage hierbleiben, und dann kriegt ihr das Geld nicht, das ihr so unbedingt haben wollt.“

„Seltsam nur, dass das Testament mit keinem Wort erwähnt, dass du lebendig sein musst, um die Bedingungen zu erfüllen. Wahrscheinlich ist es auch in Ordnung, wenn wir deine Leiche hier auf der Veranda aufbahren.“

„Du bist die unmöglichste Frau, die ich je kennengelernt habe.“

„Na, du hast Nerven, Nathan Barrister. Du nennst mich eine Hure und behauptest dann, ich sei unmöglich.“

„Mach diese verdammte Tür auf, Keira, und lass mich rein.“

„Was ist, wenn ich es nicht tue?“

„Dann schlage ich die Scheibe mit einem Holzscheit ein und wir frieren uns beide den Arsch ab.“

Das war ein Argument. Sie hatte natürlich nicht wirklich geplant, Nathan da draußen erfrieren zu lassen. Obwohl sie zugeben musste, dass der Gedanke verführerisch war.

„Na gut.“ Sie öffnete die Tür und zog sich eiligst aus Nathans Reichweite zurück, wobei sie ihm jedoch nach wie vor wütende Blicke zuwarf.

Er stürmte in die Küche, warf das Brennholz in den Kamin, und stampfte dann mit den Füßen, schlug mit den Armen, um das Blut wieder zirkulieren zu lassen.

„Ist dir kalt?“, fragte sie zuckersüß.

„Sehr lustig“, sagte er.

„So kalt wie der kleine Marmorbrocken in deiner Brust?

Du weißt schon, der, den man gemeinhin Herz nennt.“

Er schlotterte immer noch vor Kälte, aber er begann, Feuer im Kamin zu machen. Als die Flammen emporzuckten, kauerte er sich so nah wie möglich davor, um warm zu werden. Endlich wandte er sich Keira zu. „Mein Herz hat mit der ganzen Geschichte nichts zu tun.“

„Da es wahrscheinlich meistens nichts zu tun hat, glaube ich dir sogar“, zischte sie.

„Du hast versucht, mich umzubringen!“

„Sei nicht so ein Weichei.“

„Ein Weichei?“, wiederholte er verblüfft.

„Du kannst froh sein, dass ich dich wieder reingelassen habe.“

Er schwieg einen Moment, ehe er sagte: „Ja. Du wärst wirklich imstande, mich da draußen erfrieren zu lassen. Daher kann ich vermutlich froh sein.“

„Was du über mich gedacht hast, war sehr gemein“, bemerkte sie. „Und es auszusprechen war noch gemeiner.“

„Du wolltest doch unbedingt wissen, was ich denke“, konterte er. „Es ist immer dasselbe mit den Frauen. Sie stochern und wühlen so lange, bis sie einen Mann zum Reden kriegen, und wenn er es dann tut, sperren sie ihn mitten in einem Schneesturm aus.“

„Wir sind doch nicht schuld daran, dass ihr Männer so widerliche Sachen denkt“, gab Keira zurück und schlug mit der flachen Hand auf den Granittresen. „Wir wollen wissen, was ihr denkt, weil wir nicht annehmen, dass in eurem Gehirn nur Leere herrscht.“

„Genau. Ihr denkt, wir sind wie ihr“, erwiderte Nathan, der immer noch seine Arme rieb. „Warm und kuschelig, mit Kinderwunsch und Bausparvertrag für ein Eigenheim mit weißem Jägerzaun.“

„Bist du verrückt?“, entgegnete Keira. „Wer hat was von einem Jägerzaun gesagt?“

„Du brauchst es gar nicht zu sagen“, meinte er herausfordernd. „Das liegt in deiner Natur. Du bist Miss Heimatverbunden in Person. Ich habe keine Heimat. Ich will keine, und wenn ich eine finden würde, dann würde ich sie umgehend verlassen.“

Keira stürmte durch die Küche und blieb dann direkt vor Nathan stehen. Sie sah den Zorn in seinen blauen Augen und erkannte, dass er mindestens so wütend war wie sie selbst. Gut. Es war schließlich langweilig, einseitig zu streiten. Außerdem nahm sie an, dass er sich bestimmt sonst nie über etwas so richtig aufregte. Dazu war er viel zu beherrscht und kühl.

„Dein Kaff hat nichts, was mich interessiert. Sobald ich kann, steige ich in mein Flugzeug und fliege ans andere Ende der Welt.“

„Prima. Kein Mensch hat dich gebeten, dich in Hunter’s Landing niederzulassen, Mr. Wonderful. Ich stelle dir keine Fallen.“

„Ach, nein?“, erwiderte Nathan sarkastisch. „Keine Fallen? Ist dir vielleicht bewusst, dass wir nicht verhütet haben?“

Keira wurde blass. Verflixt, das hatte sie tatsächlich nicht bedacht. Und trotzdem … „Erst nennst du mich eine Schlampe, und jetzt wirfst du mir vor, ich benutze dein teures Sperma, um dich festzunageln. Bin ich nicht ein geschäftstüchtiges kleines Wesen?“

„Du lenkst ja vom Thema ab“, sagte er. „Wir haben uns nicht geschützt und …“

„Mann oh Mann“, fuhr sie ihn an, „ich bin doch nicht völlig geistesgestört. Ich nehme die Pille, also entspann dich, Mr. Barrister. Dein Vermögen ist sicher vor der Erbschleicherin.“

„Ich habe nie behauptet …“

„Aber da wir gerade beim Thema sind: Was ist mit dir?“

Er zog eine Grimasse. „Ich nehme keine Pille.“

„Deinen Sarkasmus kannst du dir sparen.“

Er hob beschwichtigend eine Hand. „Schon gut. Ich bin gesund. Also kein Grund zur Besorgnis. Und du?“

„Obwohl einige Leute etwas anderes zu denken scheinen, bin ich keine Hure, und daher bin ich äußerst gesund. Ich kann dir natürlich auch ein Attest von meinem Arzt bringen, um dich zu beruhigen.“

„Keira, ich betone noch einmal: Das, was du getan hast, um zu bekommen, was du willst, macht dich noch lange nicht zu einer Hure. Das ist der Lauf der Welt. Der realen Welt. Du lebst in einer Art luftleerem Raum hier.“

„Du kannst mir glauben oder nicht“, beharrte sie, „aber ich habe nicht mit dir geschlafen, um dich dazu zu bringen, einen ganzen Monat hierzubleiben.“

„Das redest du dir ein“, erwiderte er gepresst.

„Puh, bist du wirklich so realitätsfern? Hat in deiner Welt alles ein Preisschild?“

„Die Welt ist voll von Preisschildern. Für alles und jeden. Wach auf, und du wirst sie erkennen.“

„Dein Leben ist ziemlich ekelhaft“, flüsterte sie.

„Zumindest lebe ich mit offenen Augen. Die Menschen sind egoistisch. Punkt.“

„Das heißt, ich habe mit dir geschlafen, um zu bekommen, was ich will?“

„Es wäre nicht das erste Mal, das so etwas geschieht.“

Keira sah die Kälte in seinen Augen. Es tat ihr weh. Wie schade, dachte sie, dass er so einsam ist. Und noch trauriger ist, dass er es nicht einmal merkt.

„Und da du dich also mit lauter Schmarotzern umgibst, nimmst du automatisch an, dass ich dazugehöre“, fuhr sie fort.

Er presste seine Lippen zusammen, dann sagte er: „Du behauptest also, dass es nicht so wäre?“

„Ja“, erwiderte sie. „Das tue ich. Und außerdem weißt du, dass es stimmt. Irgendwo ganz tief da drinnen in deiner Leere, die du Herz nennst, weißt du es. Daher hast du mich absichtlich beleidigt.“

Er starrte sie ziemlich wütend an. „Du bist die …“ Er brach ab, schaute einen Moment ins lodernde Feuer, und gab zu: „Es stimmt. Ich habe es absichtlich getan.“

„Na endlich!“, rief Keira und trat einen Schritt näher an den Kamin. „Die Frage ist nur, warum?“

„Warum?“

„Warum wolltest du mich beleidigen, Nathan?“ Sie legte den Kopf schief und sah zu ihm auf. „Wenn du mich loswerden wolltest, hättest du es doch einfach sagen können.“

„Ich wollte dich nicht loswerden“, antwortete er frustriert.

„Warum dann?“

„Ich weiß es nicht. Ehrlich“, sagte er und zog sie an sich. Sie wollte sich befreien, doch er hielt sie so, dass es ihr nicht gelang. Sie gab nach und spürte gleich darauf, dass er erregt war.

Sie fragte sich, ob es tatsächlich so neu für ihn war, dass jemand einfach nur mit ihm zusammen sein wollte. Ohne Hintergedanken. Ohne Ansprüche.

Die Überlegung besänftigte sie etwas. Zärtlich blickte Keira zu ihm auf. In seinen Augen las sie immer noch Fragen. Seltsam. Dieser Mann berührte sie immer wieder auf ungekannte Weise, und das oft in den merkwürdigsten Momenten. Es verwirrte sie ziemlich. Sie konnte weiter mit ihm streiten – was sie zugegebenermaßen genoss. Sie konnte seine Fragen beantworten. Sie konnte bewirken, dass er Dinge ganz neu sah.

Oder sie konnte tun, wonach sie am meisten verlangte.

Sie löste den Knoten, der den Gürtel seines Hausmantels zusammenhielt, und begann, Nathans nackte Brust zu streicheln. Sie sah, wie seine Augen dunkel wurden, und hörte, wie sein Atem sich beschleunigte.

Mutig schob sie den Stoff beiseite und ließ die Hände über seinen nackten Körper gleiten. Seine Haut war noch kühl, trotzdem spürte sie sein heißes Verlangen. Ungeniert ließ sie ihre Hand tiefer wandern und spürte, wie seine Erregung wuchs.

„Weißt du, Nathan“, begann sie, während sie ihn mit sachten Auf- und Abwärtsbewegungen massierte, „die Wahrheit ist, dass ich dich wollte, seit ich dir das erste Mal begegnet bin. Deshalb bin ich hiergeblieben. Und deshalb will ich dich jetzt noch einmal.“

Er stöhnte auf, weil das, was sie tat, sein Begehren unaufhaltsam anfachte. „Ich bin bereit“, flüsterte er heiser.

8. KAPITEL

Der aromatische Duft der Pasta Alfredo breitete sich in der Küche aus, doch Keira ignorierte es. Sie wunderte sich darüber, aber sogar mit Nathan zu streiten war stimulierend.

Ihr Körper reagierte sofort, als er ihr den grünen Bademantel von den Schultern streifte. Sie ließ ihn achtlos zu Boden fallen. In der Küche war es immer noch kalt von der eisigen Luft, die vorhin eingedrungen war, als die Tür offenstand. Doch es machte Keira nichts aus. Stattdessen fand sie den Kontrast sehr erregend. Heiße Schauer durchströmten sie, und die Kühle des Raumes ließ ihre Haut prickeln.

Nathan streichelte sie überall, seine Bewegungen waren ebenso rastlos und forschend wie ihre. Seine muskulöse Figur und die leicht gebräunte Haut gefielen ihr. Er wirkte wie aus dem honigfarbenen Holz geschnitzt, das diesem Haus seinen Charakter gab.

Und er war längst bereit, erfüllt von heißem Verlangen. Damit sie es spürte, drängte er sich an Keiras Körper.

„Warum nur begehre ich dich so sehr?“, flüsterte er, während er seine Hand zwischen ihre Beine gleiten ließ.

Keira seufzte lustvoll und überließ sich der süßen Qual, die seine kundigen Berührungen ihr bereiteten. „Warum fragst du so viel?“, entgegnete sie heiser.

Er lächelte, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Es war ein merkwürdiges Gefühl, aber es tat so gut.

„Du bist diejenige mit all den Fragen“, murmelte er und begann, kleine Küsse auf ihrem Hals zu verteilen.

Sie klammerte sich an seine Schultern, als intensive Schauer durch ihren Körper rieselten. Bald streichelte Nathan sie in einem so sinnlichen Rhythmus, dass sie sich kaum beherrschen konnte. Ihr Verlangen wuchs immer weiter.

„Keine Fragen“, erwiderte sie und befeuchtete sich die trockenen Lippen. „Zumindest jetzt nicht.“

Er schaute Keira tief in die Augen. Sie wünschte, sie wüsste, was er jetzt dachte. Sein Blick war dunkel vor Begehren.

Sie wollte ihm genauso viel Lust bereiten und ließ eine Hand zu seinem Bauch gleiten und tiefer. Während sie ihn umfasste, verspürte sie Genugtuung, weil er aufstöhnte, ehe er sich zu ihr beugte und sie hart und fordernd küsste. Es war, als könne er keine Sekunde mehr warten.

Keira erwiderte seine Leidenschaft mit allen Sinnen. Sie legte die Hände auf seine Hüften, drängte sich an ihn und fühlte, dass sein Herz so wild schlug wie ihres.

Er tauchte in sie und beschleunigte den Rhythmus seiner Liebkosungen, doch das war ihr nicht mehr genug. Sie wollte mehr von ihm, wollte ihn tief in sich spüren. Jetzt.

Als er den Kopf hob, flüsterte er: „Wir werden es nie bis ins Schlafzimmer schaffen.“

„Keine Chance“, stimmte sie zu. Ihr Körper zitterte vor sehnsüchtigem Verlangen.

„Dann tun wir es hier“, sagte er, hob Keira hoch, trug sie zum Tresen und setzte sie dort ab.

„Huch!“, rief sie, als sie den kalten Granit an der nackten Haut fühlte.

Nathan lächelte. „Kalt?“

„Das hast du extra gemacht. Um mir die Aktion von vorhin heimzuzahlen.“

„Nur ein bisschen“, gab er zu, beugte sich vor und biss sanft in ihre Unterlippe, ehe er seine Zunge zwischen ihre Lippen gleiten ließ. „Aber ich lasse mich gern überreden, dich aufzuwärmen.“

Sie schlang die Arme um seinen Hals und zog Nathan näher zu sich. „Wie großzügig von dir“, erwiderte sie und gab sich seufzend seinem Kuss hin.

Ohne die Lippen von ihren zu lösen, drängte er sachte Keiras Beine auseinander und drang in sie ein. Der Moment war überwältigend. Keiner von beiden hatte je etwas Ähnliches empfunden.

Keira legte den Kopf in den Nacken, bewegte rhythmisch die Hüften und spürte dabei die harte Granitplatte unter sich.

Die Augen geschlossen, überließ sie sich den wundervollen Gefühlen, die sie durchströmten. Etwas war anders. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie Nathan in einem völlig neuen, strahlenden Licht. Sie spürte, dass etwas geschehen war. Es gab eine neue Verbindung zwischen ihnen, zart und zerbrechlich zwar, aber sie ließ sich nicht leugnen.

Während er sich von purem Begehren angefeuert bewegte, hielt er sie. Nichts hielt sie mehr auf. Die Welt um sie herum schien zu versinken. Es gab nur noch sie beide. Nichts anderes zählte. Ihre Leidenschaft wuchs, während sie sich immer heftiger liebten, gefesselt von einem Gedanken: eins werden. Keira verlor sich in seiner Kraft, seiner Schönheit, gab sich ganz ihrem Verlangen hin.

Sie spürte, wie sie sich unaufhaltsam dem Höhepunkt näherte. Mit den Beinen umschlang sie Nathans Hüften. Und während er sie küsste, nahm sie ihn tiefer in sich auf. Es war, als würden ihre Körper verschmelzen, und sie wollte, dass es niemals endete. Keira wusste, dass dieser Mann sie tiefer berührte als nur körperlich. Er berührte ihre Seele, und ein Stück ihres Herzens gehörte bereits ihm.

Ob sie wollte oder nicht – sie empfand etwas für ihn, das über reine Lust hinausging. Doch sie wollte es sich nicht eingestehen. Nicht denken. Nur nicht denken.

Sie bewegte sich unter ihm, um ihm in die schönen blauen Augen zu sehen. Nathan schien ihre stumme Bitte zu verstehen. Er hielt sich nicht länger zurück.

Ihre Leidenschaft war so überwältigend, dass sie, dem Gipfel entgegenstrebend, in einen wahren Sinnenrausch geriet.

So hatte sie sich noch nie einem Mann hingegeben.

Nathan sah sie an, als sie kam, und als sie seinen Namen rief, folgte er ihr in einen Glückstaumel der Lust.

Am nächsten Morgen dachte Nathan über die ganze Situation nach.

Noch am Abend zuvor hatte er gedacht, es sei großartig, dass Keira bei ihm blieb. Sie hatten sich während der ganzen Nacht wieder und wieder geliebt, und jedes Mal war ihre Leidenschaft gewachsen. Und jedes Mal empfand er mehr für Keira, fremde, irritierende Gefühle. Er genoss jede Minute mit ihr, weil er wusste, dass sie ihn am Morgen verlassen würde.

Zumindest hatte er das angenommen.

Er presste die Lippen zusammen und starrte aus dem Küchenfenster. Draußen war alles dick verschneit, sogar auf der Veranda, die vom Vordach geschützt war, lagen mindestens dreißig Zentimeter Schnee. Weiter weg musste der Schnee noch viel tiefer sein. Es schneite immer noch.

So etwas wie hier hatte er noch nie gesehen.

„Wir haben Mitte März, und es sieht aus wie Sibirien im Dezember“, murmelte er grimmig.

Keira trat hinter ihn, schlang ihre Arme um ihn und legte den Kopf an seinen Rücken. „Willkommen in der Hohen Sierra.“

„Ich habe versucht zu telefonieren“, sagte er. „Die Leitung ist tot.“

„Oh.“

„Was bedeutet das?“, fragte er und wandte sich zu ihr um.

„Wenn die Telefonleitungen schon jetzt zusammengebrochen sind, ist der Sturm ziemlich heftig.“

„Das heißt übersetzt …“

Sie zuckte die Achseln. „Falls die Straßen nicht bereits unpassierbar sind, werden sie es in Kürze sein.“

„Aber es gibt doch sicherlich einen Räumdienst, oder?“

„Natürlich“, erwiderte Keira lächelnd. „Aber der legt erst los, wenn der schlimmste Sturm vorbei ist, und selbst dann …“

Er mochte den Gesichtsausdruck gar nicht, mit dem sie das sagte, denn diese Miene bedeutete: Sie weiß, dass es mir gar nicht gefallen wird …

„Was, dann?“

„Der Räumdienst kümmert sich zuerst um die Stadt und die Hauptverkehrsstraßen. Das ist natürlich das Wichtigste.“

„Und dann?“

„Dann erst kommen die Nebenstraßen dran. Könnte also sein, dass die Zufahrt zur Lodge mehrere Tage nicht geräumt wird.“

„Mehrere Tage?“

„Vielleicht geht es ja auch schneller“, antwortete sie. „Aber die Privatstraßen und die Verbindungen dorthin haben keine Priorität, außer es gibt einen Notfall oder so was Ähnliches. Wenn man die Mannschaften anruft, kommen sie natürlich sofort.“

„Die Telefone funktionieren aber alle nicht.“ Er hielt inne und fügte dann hinzu: „Warte. Ich habe ein Satellitentelefon.“

„Aber kein Mensch in dieser Gegend besitzt eins.“

„Vermutlich.“ Nathan schüttelte frustriert den Kopf.

Sie ließ Nathan los und schob die Hände in die Taschen ihres Bademantels. „Hör zu, wir tun, was wir können. Normalerweise haben die Leute, die in den abgelegenen Häusern wohnen, Verträge mit privaten Räumdiensten. Das erspart uns viel Mühe.“

„Hat die Lodge so einen Vertrag?“

„Keine Ahnung.“

„Perfekt.“ Nathan atmete tief durch. Dieser Monat versprach, eine harte Prüfung zu werden. „Wie lange wird sich das noch hinziehen?“ Er beobachtete den Schnee, der in dichten Kaskaden fiel. Wind ließ die Fensterläden klappern.

„Es dauert, solange es dauert“, erwiderte sie lächelnd.

„Sehr witzig“, gab er genervt zurück.

Sie ging zum Fenster und sah hinaus in den Schneesturm. „Ich fand es immer witzig, wenn mein Vater das gesagt hat.“ Sie warf Nathan einen Blick über die Schulter zu. „Na ja, damals war ich zehn.“

Nathan fand es weder lustig, noch war er gerührt. Er hatte Keira vergangene Nacht begehrt und jede Minute mit ihr genossen. Aber das bedeutete nicht, dass er sie für immer hier haben wollte. Wütend starrte er hinaus. Der Wind trieb die Schneeflocken gegen die großen Fenster. Nathan wurde klar, dass Keira nirgendwo hingehen würde. Zumindest nicht heute.

Als ob sie seine Gedanken lesen konnte, drehte Keira sich um und lehnte sich gegen die Glastür. Sie sah zu ihm auf. „Was tun wir, solange wir hier festsitzen?“

Er kannte dieses Glitzern in ihren Augen – klar, denn er hatte es vergangene Nacht oft genug gesehen. Wahrscheinlich hatten sie nicht mehr als zwei Stunden geschlafen. Schon der Gedanke an das Liebesspiel mit Keira bewirkte, dass er sofort wieder Lust bekam.

Aber das war völlig inakzeptabel.

Er war schließlich kein Teenager mehr, der völlig triebgesteuert umherlief. Nathan hatte nicht das geringste Bedürfnis, sich noch mehr auf Keira einzulassen. Dass sie hier war und nicht wegkonnte, bedeutete noch lange nicht, dass er auch mit ihr zusammen sein musste.

„Hm“, bemerkte sie und zog ihren Bademantel über der Brust zusammen. „Hier wird es gerade ziemlich kühl.“

Er nickte. „Ich stelle den Thermostat höher.“

„Das habe ich nicht gemeint.“

„Was hast du denn gemeint?“, fragte er, während er hinüber zum Tresen ging, um den Kaffee zu holen.

Du meine Güte.

Der Granittresen.

Es würde ihm nie gelingen, diese Küche zu betreten, ohne sich daran zu erinnern, wie Keira nackt auf diesem Tresen gesessen hatte. Wie sie ihn tief in sich aufnahm, so tief, dass er das Gefühl hatte, nie wieder von ihr loszukommen.

Unsinn.

Er bekam Kopfschmerzen.

Er rieb sich die Schläfen und fragte: „Kaffee?“

„Klar. Eine Tasse Kaffee, schwarz, und dazu eine Antwort.“

„Wie bitte?“ Er wandte sich halb um und sah, wie Keira die Küche durchquerte. Ob ihre Hüften immer so aufreizend schwangen, oder ob sie das gerade eben absichtlich tat?

„Ich sagte, ich hätte gern eine Antwort.“

„Auf was?“, gab er zurück und wusste, dass er versuchte, sich aus der Affäre zu ziehen. Er füllte zwei Porzellanbecher mit Kaffee, reichte einen davon Keira und trank dann schweigend.

„Zum Beispiel darauf, weshalb du plötzlich so eisig geworden bist.“

„Keira“, sagte er gepresst, „du machst zu viel Wind um die Sache.“

„Dann freust du dich also, dass ich hier bin?“, erkundigte sie sich, trank einen Schluck Kaffee und kam näher.

„Wahnsinnig“, versicherte er.

„Lügner.“

„Warum tust du das? Es ist nicht das erste Mal, dass du behauptest, ich würde lügen.“

„Du solltest besser fragen, weshalb ich immer recht habe.“

Er stellte seine Kaffeetasse ab, zog den Gürtel seines Hausmantels enger und antwortete: „Du hast unrecht. Frauen behaupten das immer bloß, um sich durchzusetzen, aber es stimmt nie.“

„Doch, selbstverständlich“, gab Keira zurück und nippte an ihrem Kaffee. „Frauen haben recht, weil sie alles sehen und ein prima Gedächtnis haben.“

„Sicher.“

„Zum Beispiel kann ich gerade erkennen, dass du versuchst, einen Streit mit mir vom Zaun zu brechen, sodass du meine Frage nicht beantworten musst.“

Er seufzte. Diese Frau war eine harte Nuss, die er nicht so einfach knacken konnte. Und er musste zugeben, dass es zum Teil daran lag, dass sie seine Verweigerungshaltung einfach nicht akzeptierte. Sie forderte immer eine Erklärung.

„Na gut“,

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