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Millionär unterm Mistelzweig

Tessa Radley

Millionär unterm Mistelzweig

1. KAPITEL

Callum blieb an der Türschwelle stehen und betrachtete die Frau, die vor dem Empfang auf und ab lief. Sie war ein echter Hingucker. Ihr Haar glänzte im Licht der Sonnenstrahlen, die durch das Oberlicht hereinfielen, wie pures Gold.

Als er gerade einen Schritt auf sie zu machen wollte, wandte sie sich an die Empfangsdame. „Callum Ironstone hat mich für drei Uhr hierher bestellt“, sagte sie und blickte demonstrativ auf ihre schlichte Armbanduhr. „Jetzt ist es zehn nach. Wie lange gedenkt er, mich noch warten zu lassen?“ Ihre rauchige Stimme klang ziemlich ungeduldig.

Callum hielt mitten in der Bewegung inne. Das war Miranda Owen? Völlig unmöglich! Er musterte sie von Kopf bis Fuß: Ihre schlanken Beine steckten in einer durchsichtigen schwarzen Strumpfhose, darüber trug sie einen eleganten, aber hautengen schwarzen Rock. Der dunkle Rollkragenpullover betonte die schmale Taille, und über dem Arm lag ein safrangelber Mantel.

Aus dem hintersten Winkel seines Gedächtnisses beschwor er das Bild eines molligen Teenagers in einem ausgebeulten Pullover, Jeans und dreckverschmierten gelben Gummistiefeln herauf. Die schimmernden Locken dieser Frau hatten nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem ungepflegten Pferdeschwanz, den sie früher getragen hatte, und die Zahnspange war auch verschwunden.

Callum räusperte sich vernehmlich, und die Frau fuhr herum. Ihre Blicke trafen sich, und sein Magen zog sich zusammen. Feindselig funkelte sie ihn aus ihren großen, karamellbraunen Augen an. Eines hatte sich anscheinend nicht verändert: Miranda Owen gab ihm immer noch die Schuld am Tod ihres Vaters. Doch so schnell ließ er sich nicht einschüchtern. Ungerührt ging er über den glänzenden Marmorfußboden auf sie zu. „Miranda – danke, dass du gekommen bist.“

„Callum.“

Die Art, wie sie seinen Namen regelrecht ausspie, bewies ihre tief empfundene Abneigung. Als er die Hand ausstreckte, zögerte Miranda kurz, ergriff sie dann aber mit einem entnervten Seufzen. Ihr Händedruck war fest und zupackend, die Haut dagegen wunderbar weich. Bevor Callum diese gegensätzlichen Eindrücke verarbeiten konnte, entriss sie ihm auch schon wieder die Hand.

„Warum hast du mich hergebeten?“, fragte sie ohne Umschweife.

Eine Frau, die schnell zum Punkt kam – ganz nach seinem Geschmack. „Lass uns in mein Büro gehen. Möchtest du einen Kaffee?“ Vor seinem geistigen Auge sah er, wie eine drei Jahre jüngere Miranda auf der Beerdigung des Vaters löffelweise Zucker in ihren Kakao schaufelte.

„Nein, danke“, lehnte sie knapp ab.

Callum nickte der Empfangsdame zu. „Bringen Sie Ms Owen bitte eine heiße Schokolade und für mich Kaffee. Und extra Zucker, bitte.“ Dann nahm er Miranda am Arm und führte sie in sein geräumiges Büro.

„Ich bin kein Kind mehr!“, erwiderte sie bissig und sah ihn wütend an. Sie hatte wirklich unglaublich lange Wimpern. Callum spürte ein leichtes Kribbeln im Bauch. „Und ich möchte auch keinen Kakao!“

„Es ist kaum zu übersehen, dass du kein Kind mehr bist“, erwiderte er und betrachtete sie mit einem abschätzenden Blick. „Du hast dich ziemlich verändert.“

„Du aber nicht!“ Miranda befreite sich aus seinem Griff und trat einen Schritt zur Seite.

Diese Frau war immer noch genauso widerspenstig wie früher. Das Kribbeln in Callums Bauch war fort. „Vielleicht habe ich mich getäuscht“, sagte er. „Für einen Moment kam es mir so vor, als wärst du erwachsen geworden.“

Ein Schatten legte sich über ihr Gesicht. „Es tut mir leid“, murmelte sie.

Callum bezweifelte, dass sie ihr forsches Auftreten wirklich bedauerte. Doch ihr furchtsamer Blick machte ihn stutzig. Wovor hatte sie Angst? Noch während er sie musterte, straffte sie die Schultern und schüttelte jegliche Verletzlichkeit ab.

Wortlos deutete Callum auf die zwei großen Ledersofas, die neben einem riesigen Bücherregal thronten. Dahinter erinnerte der geschmückte Weihnachtsbaum daran, dass es eigentlich die Zeit der Versöhnung war. Mirandas eisiger Miene nach zu urteilen hatte sie aber alles andere als Versöhnung im Sinn, und er konnte es ihr nicht verdenken.

„Wie wäre es, wenn wir noch mal ganz von vorne anfangen“, schlug er vorsichtig vor.

Ohne zu antworten, stürmte Miranda an der gemütlichen Sitzgruppe vorbei auf den wuchtigen Konferenztisch zu. Sie warf den Mantel und ihre schwarze Tasche unbeherrscht auf einen Stuhl.

Sie wollte die harte Tour? Die konnte sie kriegen. Callum zuckte die Schultern und setzte sich ihr gegenüber an den Tisch. „Ich habe dich hergebeten, weil ich dir ein Angebot machen möchte.“

„Ein Angebot?“, erkundigte sie sich erstaunt. „Mir?“

Callum kippelte mit seinem Stuhl nach hinten. „Du bist Köchin, stimmt’s?“ Er wusste verdammt gut, dass sie eine war, schließlich hatte er jeden Penny ihrer teuren Ausbildung bezahlt. Trotz ihres guten Abschlusses hatte sie danach eine Stelle als Köchin in einem beliebten Pub angenommen und nicht in einem schicken Café oder einem noblen Designhotel. Bevor sie misstrauisch werden konnte, fügte er hinzu: „Adrian hat mir erzählt, dass du in einer Filiale von The Golden Goose arbeitest.“

Mirandas Bruder Adrian arbeitete in den Semesterferien als Aushilfsfahrer bei Ironstone Insurance, dem großen Versicherungsunternehmen, das Callums Familie gehörte. Ein paar Tage zuvor hatte Callum sich bei Adrian erkundigt, ob alles zu dessen Zufriedenheit laufe. Der junge Mann zeigte sich überaus dankbar für den Job und erzählte ihm nebenbei, dass Miranda von einer eigenen Cateringfirma träumte. Das war die Lösung – die einmalige Chance, endlich das schlechte Gewissens loszuwerden!

„Das stimmt“, sagte sie verhalten.

Überschwängliche Freude sah anders aus. Callum kippte den Stuhl wieder nach vorne und stützte die Ellbogen auf den Tisch. Dann setzte er sein strahlendes Lächeln auf. „Es geht um Folgendes: Ich gebe am Samstagabend bei mir zu Hause eine Abschiedsfeier für den Geschäftsführer einer Firma, die vor Kurzem von Ironstone Insurance übernommen wurde.“

„Und der kommt?“

„Oh, ja. Gordon behält seine Anteile an der Firma, und ich werde ihn den anderen Geschäftsführern vorstellen. Es gibt also etwas zu feiern.“

Ein harter Ausdruck trat in ihre zarten braunen Augen. „Natürlich. Deine Brüder müssen sich mit dem wichtigen Teilhaber gutstellen.“

Callum gefror das Lächeln im Gesicht. Die Fusion war seine Idee gewesen – und eine Erfolg versprechende dazu. Ironstone Insurance verschaffte sich dadurch einen immensen Wettbewerbsvorteil, und das auf viele Jahre. Gordon Harris war mindestens genauso versessen auf die Fusion wie die Ironstone-Familie. Er wollte in Pension gehen und alles etwas ruhiger angehen lassen. Aber Mirandas Bemerkung hielt Callum davon ab, ihr zu sagen, dass es noch einen anderen Anlass für die Feier gab. Sie würde sich nur darüber lustig machen, wie er seine Vermögenswerte zu schützen gedachte.

„Samstag … Meinst du kommenden Samstag?“ Auf ihrer Stirn erschienen zwei steile Falten. Als er nickte, vertieften sie sich. „Das ist ziemlich kurzfristig“, bemerkte Miranda.

Genau das war Callums Absicht: Er wollte sie unter Druck setzen, sodass sie Ja sagen musste. „Hast du Angst, dass du es nicht schaffst?“, fragte er provokativ.

Sie funkelte ihn zornig an. „Wie viele Gäste werden da sein?“

Callum stand auf und ging zum Schreibtisch hinüber. Mühsam unterdrückte er ein triumphierendes Grinsen. Er griff nach einer Aktenmappe und legte sie vor Miranda auf den Tisch. „Hier steht alles drin.“

Wenn er Miranda zu beruflichem Erfolg verhalf, indem er sie ein paar Leuten vorstellte, konnte er vielleicht endlich den Hass in den Augen des achtzehnjährigen Mädchens vergessen …

So lautete zumindest der Plan. In Anbetracht ihrer Reaktion bezweifelte er, dass es so einfach werden würde.

Er stellte sich hinter sie und atmete den zarten Vanilleduft ein, der sie umgab. Sie blätterte mit ihren schlanken Fingern durch die Unterlagen, die Callums Assistentin vorbereitet hatte. Bei der Höhe des Gehalts zuckte Miranda unmerklich zusammen. Zufrieden lächelte Callum. Dieses Angebot konnte sie unmöglich ablehnen. Wenn er ihr half, in diesem Business Fuß zu fassen und ihrem Traum ein Stückchen näher zu kommen, konnte er hoffentlich endlich die Erinnerung an die Anschuldigungen abschütteln, die sie ihm damals entgegengeschleudert hatte: Du hast meinen Vater getötet!

Selbstverständlich wusste er, dass es nicht so war. Thomas Owen hatte Selbstmord begangen, als er begriffen hatte, dass es zum Prozess kommen würde – einem Prozess, in dem er angesichts der erdrückenden Beweislast mit großer Sicherheit für schuldig befunden worden wäre. Ein Angestellter, der das Geld seines Arbeitgebers veruntreute, konnte vor Gericht nicht mit Milde rechnen. Thomas Owen musste gewusst haben, dass ihm eine Gefängnisstrafe drohte.

Und doch hatte sein Selbstmord Callum mehr zugesetzt, als er zugeben wollte. Er fühlte sich bis zum heutigen Tag schuldig, und das gedachte er zu ändern.

Die Zahlen verschwammen Miranda vor den Augen. Sie nahm nichts mehr um sich herum wahr, sondern durchlebte noch einmal den brennenden Schmerz von damals, als die Sekretärin ihres Vaters angerufen und ihr mitgeteilt hatte, dass er verhaftet worden war.

Anfangs glaubte Miranda ihr kein Wort, doch die Frau beharrte darauf: Die Polizei hatte Thomas Owen mitgenommen. Miranda musste dringend versuchen, ihre Mutter Flo zu erreichen, denn Callum Ironstone hatte angekündigt, vor die Presse zu treten.

Bei dem Anlass sah sie Callum zum ersten Mal: bei der Pressekonferenz im Fernsehen. Sie war gerade einmal achtzehn, und ihr anfängliches Interesse an diesem attraktiven Mann mit den dunklen Haaren, dem sinnlichen Mund und Augen, die einen sofort in den Bann zogen, schlug urplötzlich in Hass um. Sie konnte nicht glauben, was er verkündete. Die Presseerklärung war kurz, aber vernichtend: ein Haufen Lügen, die Miranda wie betäubt zurückließen. Das war alles ein riesiger Irrtum, ihr Vater war kein Dieb! Aber Callum Ironstone schien davon überzeugt zu sein. Eine unbändige Wut nahm von Miranda Besitz.

Ihr Vater wurde schließlich auf Kaution freigelassen. Er verließ das Gerichtsgebäude blass, aufgewühlt und fest entschlossen, seine Ehre zu verteidigen. Nach zwanzig Jahren loyaler Arbeit in der Firma hatte er es nicht verdient, von Ironstone so gedemütigt zu werden. Und Miranda glaubte, dass sich alles zum Guten wenden würde.

Doch das Gegenteil war der Fall: Es wurde alles nur noch schlimmer. Und irgendwann gab ihr Vater einfach auf. Miranda erinnerte sich noch genau an die versteinerte Miene der Polizistin, die ihr die Nachricht vom Tod des Vaters überbracht hatte.

Und dann die Beerdigung – Miranda bekam feuchte Hände bei dem Gedanken daran, dass sie Callum an diesem schrecklichen Tag das letzte Mal gesehen hatte. Sie war so verzweifelt gewesen, so voller Zorn, dass sie ihn im Vorhof der Kirche zur Rede gestellt hatte.

Callums Leibwächter versuchten noch, ihr den Weg zu versperren, doch Miranda zwängte sich einfach durch. Als sie vor ihm stand, funkelte sie ihn zornig an. „Wie können Sie es wagen, das Leben eines anständigen Mannes zu zerstören!“, schrie sie ihn an.

Seine Augen waren kalt wie Eis. „Er hat mir Geld gestohlen.“

„Und da haben Sie beschlossen, ihm eine Lektion zu erteilen und ihn zu demütigen?“

Callum wurde rot vor Zorn. Ein Mann, der ihm ähnlich sah – wahrscheinlich einer seiner Brüder –, mischte sich ein. „Einen Moment mal, junge Dame …“

Mit einer Handbewegung brachte Miranda ihn zum Schweigen und konzentrierte all ihre Wut und ihren Hass auf Callum. „Sie haben ihn getötet! Ist Ihnen das klar?“ Tränen liefen ihr die Wangen hinab, Tränen der Wut und der Trauer. „Er hat zwanzig Jahre für Sie gearbeitet, Sie haben ihm sogar eine goldene Uhr geschenkt! Warum haben Sie ihm keine Chance gegeben?“ Callum hatte die Polizei unerbittlich zu dem von ihm gewünschten Ergebnis gedrängt, sodass ihr Vater keine Möglichkeit sah, seine Unschuld zu beweisen.

„Du bist müde und überreizt“, meinte er herablassend.

Diese Bemerkung entrüstete sie nur noch mehr. „Und was wird jetzt aus meiner Mutter und meinem Bruder?“ Aus mir? „Sie haben unsere Familie zerstört!“

Callum schaute sie mit versteinerter Miene an. Dann zog er eine seiner dunklen Augenbrauen nach oben und fragte süffisant: „Bist du jetzt fertig?“

Das war sie nicht, noch lange nicht. Doch als sie Luft holen wollte, schnitt er ihr das Wort ab. „Werd endlich erwachsen!“, sagte er in so arrogantem und herablassendem Ton, dass Miranda sich wie ein törichtes Kind vorkam. Und das Schlimmste war, dass seine Worte sich als wahr erweisen sollten. Sie musste wirklich erwachsen werden, und zwar schnell. Ihre Mutter Flo war nicht besonders praktisch veranlagt und mit der neuen Situation völlig überfordert. Miranda war damals keine Wahl geblieben, als über Nacht die Mutterrolle zu übernehmen.

Und jetzt bot ihr ausgerechnet Callum Ironstone Geld an. Wollte er sie etwa bestechen?

„Nein!“ Miranda spürte, wie Callum hinter ihr zusammenzuckte. Sie verspürte ein Prickeln im Nacken.

Er trat neben sie und blickte sie aus leuchtend blauen Augen an. Die intensive Farbe war ihr vorher noch nie aufgefallen. „Was soll das heißen, nein?“, fragte er barsch.

Miranda klappte die Mappe zu und warf sie mit einem Knall auf den Tisch. „Das heißt, dass ich dein Bestechungsgeld nicht annehme!“

„Bestechungsgeld?“, wiederholte er gefährlich sanft und kniff die Augen zusammen.

Miranda ließ sich nicht einschüchtern. „Ja. Bestechungsgeld für das, was du meinem Vater angetan hast!“

„Dein Vater hat Ironstone Insurance bestohlen!“

Miranda schüttelte den Kopf. „Du hast damals den Falschen erwischt!“

„Um Himmels willen!“ Callum seufzte genervt. „Du bist doch kein Kind mehr!“

„Hör auf!“, rief Miranda und hielt sich die Ohren zu. Diese blauen Augen … Als ihr klar wurde, wie albern und unreif sie sich benahm, ließ sie die Hände sinken und ballte sie auf dem Schoß zu Fäusten. Dann atmete sie tief durch. „Du bist sicher gewohnt, dass du all deine Probleme mit Geld aus der Welt schaffen kannst, so reich, wie du bist. Aber bei mir funktioniert das nicht. Ich will keinen Penny!“

„Ist es nicht ein bisschen zu spät für diese ehrenwerten Prinzipien?“, entgegnete er scharf.

Miranda lief ein Schauer über den Rücken. „Was meinst du damit?“

„Ach, das hast du wohl vergessen? Wie praktisch.“

„Was habe ich vergessen?“

Ungeduldig presste er die Lippen zusammen. „Dass du mein Geld schon vor langer Zeit genommen hast!“

„Du lügst – ich habe nie einen Penny von dir genommen!“ Lieber wäre sie verhungert! Nach all dem Kummer, den er ihrer Familie bereitet hatte.

Nach dem Selbstmord ihres Vaters war Mirandas Elternhaus mit dem großen Obstgarten und den Pferdekoppeln verkauft worden, genau wie ihr geliebtes Pferd Troubadour und Adrians teures Rennrad. Ihre Mutter hatte sich nie richtig an das kleine Reihenhaus in der heruntergekommenen Gegend südlich der Themse gewöhnen können, in das sie gezogen waren. Obwohl Adrian einen Großteil des Jahres in dem teuren Internat verbracht hatte, auf dem Flo entgegen aller Vernunft bestanden hatte, waren die Wohnverhältnisse mehr als beengt gewesen.

Zum Glück war das Geld, das Ironstone Insurance ihnen nach dem Tod des Vaters ausgezahlt hatte, gut angelegt worden. Die Zinsen hatten die Kosten für Adrians und Mirandas Ausbildung gedeckt und für eine kleine Rente für Flo gereicht, die damit jedoch nicht annähernd denselben Lebensstil bestreiten konnte, den sie vorher gewohnt gewesen war.

Als Miranda Callums scharfem Blick begegnete, überfiel sie eine böse Vorahnung.

„Woher kam wohl das Geld für Greenacres?“, fragte er und erwähnte die exklusive Kochschule, die sie besucht hatte. Er streckte zwei Finger in die Höhe. „Zwei Jahre. Und die Ausbildung deines Bruders in St. Martin …“

Oh nein, lass es bitte nicht wahr sein, dachte Miranda. Nach dem Tod des Vaters hatte sie erschrocken feststellen müssen, dass die finanzielle Situation ihrer Eltern mehr als unsicher gewesen war. Zum Glück hatte es die Lebensversicherung gegeben.

„Die Lebensversicherung meines Vaters war hoch genug, um …“

„Der Selbstmord deines Vaters hat die Police wertlos gemacht!“

„Nein!“ Miranda schüttelte wild den Kopf. „Das stimmt nicht!“

Ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte – Callums Worte ergaben durchaus Sinn. Miranda kannte sich mit dem Kleingedruckten von Versicherungsverträgen ein bisschen aus, weil ihr Vater ab und zu von ungerechtfertigten Forderungen erzählt hatte. Warum hatte Ironstone Insurance ihrer Familie die Versicherungssumme ausbezahlt, obwohl die Firma Thomas gefeuert und ihn öffentlich eines Verbrechens beschuldigt hatte? Und wieso fiel ihr das erst jetzt auf?

Ganz einfach: Weil sie ihrem Vater vertraut hatte und gewusst hatte, dass er ihnen nicht schaden würde. Er hätte sich doch niemals umgebracht und sie völlig mittellos zurückgelassen!

Aber genau so war es gewesen: Thomas hatte sich das Leben genommen und sie im Stich gelassen, obwohl er unschuldig gewesen war. Dabei gab es so viel, wofür es sich zu leben lohnte! Doch er hatte sie verlassen, und ausgerechnet der Mann, den Miranda abgrundtief hasste, hatte ihnen aus der Patsche geholfen. Aus welchem Grund?

Miranda hatte die Frage anscheinend laut ausgesprochen, denn Callum trat plötzlich unbehaglich von einem Bein aufs andere. Miranda stutzte. Es schien ihm unangenehm zu sein, über den Grund zu reden, aus dem er sie unterstützt hatte. Doch wieso sollte er sich schuldig fühlen?

Als Miranda den einzig möglichen Schluss zog, schien ihr das Blut in den Adern zu gefrieren. Er hatte ihnen Schmiergeld gezahlt, damit sie Ironstone Insurance nicht verklagten! Aber das hätte Flo nie akzeptiert … oder doch? Miranda zögerte. Mit dem Tod des Vaters waren schwere Zeiten für die Familie angebrochen. Vielleicht war Flo in Versuchung geraten.

„Du kannst doch unmöglich für alles bezahlt haben.“ Bitte, bitte, lass es nicht wahr sein.

Voller Mitgefühl sah Callum sie an. „Möchtest du die Rechnungen sehen?“

Miranda schluckte schwer. „Und das Geld, das meine Mutter jeden Monat erhält?“ Egal, wie die Antwort ausfallen würde: Sie musste es wissen. „Stammt das auch von dir?“ Auch ohne dass er es aussprach, las sie es in seinen Augen: Ja!

Das alles war mehr, als Miranda ertragen konnte. Plötzlich schien sich alles um sie herum zu drehen, und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Sie hob den Kopf und starrte blind aus dem Fenster über die wolkenverhangene Stadt. Es wurde langsam dunkel.

Wie viel Geld hat Callum bezahlt, grübelte Miranda. Wie viel schuldete ihre Familie diesem Mann, der für den Tod ihres Vaters verantwortlich war? Und wie sollte sie es ihm je zurückzahlen?

Bei dem Gedanken an die Unsummen, die hier im Spiel waren, zog es Miranda den Boden unter den Füßen weg. Taumelnd erhob sie sich, warf sich den Mantel über und griff nach ihrer Tasche. Dann sah sie Callum fest in die Augen. „Ich möchte diesen Job nicht. Ich möchte gar nichts von dir! Und du kannst die Zahlungen an meine Mutter sofort einstellen – sie will dein Geld auch nicht!“

Sie wirbelte herum und stolperte auf die Tür zu, die endlos weit weg zu sein schien. Als sie nach der Klinke griff und die Tür aufstieß, hörte sie Callum noch sagen: „Frag deine Mutter lieber, ob sie das genauso sieht. Sonst könntest du eine böse Überraschung erleben.“

2. KAPITEL

Als Miranda das imposante Bürogebäude von Ironstone Insurance verließ, war es draußen schon dunkel. Der Wind peitschte eiskalt um ihre Beine, und sie zog den Mantel enger um die Schultern und lief eilig zur Bushaltestelle hinüber. Nicht einmal die festlichen Lichter der Weihnachtsdekoration in den Schaufenstern vermochten sie aufzuheitern.

Callums Worte hallten durch ihren Kopf. Frag deine Mutter lieber erst, ob sie das genauso sieht. Sonst könntest du eine böse Überraschung erleben.

Das ergab keinen Sinn. Flo konnte unmöglich darüber Bescheid wissen … So etwas würde sie Miranda nie verheimlichen! Hektisch kramte sie in der Tasche nach ihrem Handy und wählte mit zitternden Händen die Nummer ihrer Mutter. „Mum?“

„Hallo Schatz“, antwortete Flo fröhlich. „Ich bin von meinem Treffen mit Sorrel zurück. Was wollen wir heute Abend essen?“

Miranda hatte keinen Nerv für belanglose Alltagsdinge. Was kümmerte sie das Abendessen? Doch sie riss sich zusammen. „Ich war gerade bei Callum Ironstone. Er behauptet, Dads Versicherung habe nie bezahlt, und dass er für Adrians und meine Ausbildung aufgekommen sei.“ Mit angehaltenem Atem wartete sie auf den empörten Aufschrei ihrer Mutter, aber am anderen Ende der Leitung herrschte eisiges Schweigen. Flo hatte es also gewusst!

„Mum?“

Keine Antwort.

„Flo …“ Vielleicht half es ja, sie beim Vornamen zu nennen. Das tat Miranda oft in letzter Zeit. „Bitte sag mir, dass er lügt!“ Unruhig lief sie auf dem Bürgersteig auf und ab. Jeden Moment würde ihre Mutter das Ganze als Lüge enttarnen!

„Ach, Liebling …“

Der Klang von Flos Stimme beseitigte jeden Zweifel: Callum hatte die Wahrheit gesagt. Die Lebensversicherung war nie ausbezahlt worden! Miranda schloss die Augen und umklammerte verzweifelt das Telefon. Ihre Zähne klapperten vor Kälte. Als sie die Augen wieder öffnete, fuhr gerade der Bus an der Haltestelle vorbei.

„Halt!“, rief sie und rannte los.

„Was ist los, Liebling?“, fragte Flo erschrocken.

Als die Rücklichter im Dunkeln verschwanden, blieb Miranda keuchend stehen. „Ich habe meinen Bus verpasst!“ Der nächste fuhr erst in einer halben Stunde, und bis dahin wäre sie halb erfroren. Am liebsten hätte sie vor Wut laut geschrien oder geweint, aber was nützte das schon. Also lehnte sie sich erschöpft an das Bushäuschen und starrte blind in die Nacht, das Telefon noch am Ohr.

„Schatz, das waren die Ironstones uns schuldig.“

„Ich will ihr Geld nicht!“ Besonders nicht Callums. „Ich möchte, dass sie die Verantwortung für das übernehmen, was sie Dad angetan haben. Was sie uns allen angetan haben!“

„Das ist ihre Art, Verantwortung zu zeigen: indem sie uns Geld geben.“

Der Gedanke von vorher schoss ihr wieder durch den Kopf. „Mum, wollten sie uns bestechen, damit wir sie nicht verklagen?“

„Nein, Liebling!“

Miranda entspannte sich ein wenig. „Du hast also keine Abfindungsvereinbarung unterschrieben?“

„Es gab ein Dokument“, räumte Flo ein. „Aber es war nichts Wichtiges.“

„Bist du sicher?“, fragte Miranda eindringlich.

„Da stand nur drin, dass ich das Geld für eure Ausbildung verwenden soll … und für den Haushalt.“

„War das alles?“

„Und, dass ich jeden Monat ein Taschengeld bekomme“, gestand Flo.

„Vielleicht sollte ich mir den Vertrag mal ansehen“, erwiderte Miranda düster.

„Ach Schatz, ich weiß nicht mal mehr, wo er ist. Es ist unwichtig. Mach dir darüber keine Gedanken. Die Ironstones haben Verantwortung für das Geschehen übernommen.“

„Nicht die Ironstones. Callum Ironstone!“

Für Miranda machte das einen großen Unterschied. Und sie hätte das besagte Dokument nur zu gerne in die Finger bekommen. Sie vermutete stark, dass Callum der trauernden Witwe einen Vertrag vorgelegt hatte, der rechtliche Schritte ausschloss – sowohl gegen ihn als auch gegen die Familie und die Firma.

Zweifellos hatte er ihnen das Geld gegeben, um sein Gewissen zu erleichtern. Er wollte sich freikaufen. Wie sollte sie Flo nur erklären, dass sie Callum nicht so einfach davonkommen lassen würde? Und seine Brüder auch nicht! Schon gar nicht seinen Vater, den damaligen Firmenchef.

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