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Milliardär meiner Träume 5

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1. KAPITEL

Rose musste sich eingestehen, dass sie eigentlich nur nach Toronto gegangen war, um den Mann fürs Leben zu finden. Aber von diesem hier sollte sie die Finger lassen.

Verdammt! Dieser Mann war absolut nichts für sie.

Trotzdem konnte Rose den Blick nicht von ihm abwenden – ebenso wenig wie all die anderen Frauen im Raum.

Ausgeprägte Wangenknochen, eine markante Nase, den sinnlichen Mund abweisend verzogen und tiefliegende, nachtgraue Augen.

Seine gelangweilte Haltung unterstrich seine männliche Schönheit noch zusätzlich. Es war nicht zu übersehen, dass er mit erstklassigen Genen gesegnet war.

Er trug einen eleganten dunklen Maßanzug, und sein schlanker, aber muskulöser Körper ließ Rose unwillkürlich daran denken, wie sehr sich die männliche Physiognomie doch von der weiblichen unterschied. Dieser Mann strahlte eine unglaubliche Stärke aus.

Nicht, dass er keine Konkurrenz gehabt hätte. Um ihn herum scharten sich einige weitere gut gebaute junge Männer. Sie sprachen leise miteinander und versuchten, sich von dem Rummel nicht beeindrucken zu lassen.

Langsam stieg Rose die Röte ins Gesicht. Sie durfte jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Aber sie hatte schließlich von Anfang an gewusst, worauf sie sich da einließ. Als sie den groß aufgemachten Zeitungsartikel über den Besuch des russischen Eishockeyteams Wölfe in Toronto gelesen hatte, war ihr eine grandiose Idee gekommen.

Dabei interessierte Sport sie etwa so brennend wie die Aktienkurse. Aber darum ging es gar nicht. Wichtig war bloß, dass andere Frauen sich dafür interessierten. Genauer gesagt, dass sie sich für die Männer interessierten, die den Sport ausübten. Und was das anging, standen die Wölfe mit ihren gut aussehenden und berühmten Eishockeyspielern bei den Frauen ganz hoch im Kurs. Rose konnte nicht einmal sagen, ob es die russische Melancholie in ihren Augen war oder die Art, wie sie mit ihren dunklen Stimmen das R rollten. Wahrscheinlich war es die düstere Mischung aus beidem, die alle weiblichen Fans so faszinierte.

Und nun war sie also hier, um sich und der Welt ein weiteres Mal zu beweisen, dass sie wusste, was Frauen wollten. Auf diesem Gebiet war sie eine echte Expertin. Zumindest wollte sie das gern glauben. Schließlich hing vieles davon ab, nicht zuletzt der Erfolg ihres kleinen Unternehmens.

Allerdings hatte sie nicht mit diesem Mann gerechnet. Leise sprach er mit einem der Spieler, ließ dabei den Blick jedoch durch den Raum schweifen. Er wirkte wirklich äußerst gelangweilt und irgendwie mürrisch.

Rose fächelte sich mit dem Programmheft ein wenig Luft zu und beobachtete ihn aus den Augenwinkeln.

Es schien, als seien sämtliche Journalisten aus Toronto und dem Umland anwesend, um zu hören, was diese russischen Sportler zu sagen hatten. Die jungen Männer schienen sich in ihren Anzügen ziemlich unwohl zu fühlen. Das russische Nationalteam hatte in der Vergangenheit diverse Meistertitel gewonnen. Als wäre das nicht genug, sorgte Teamchef Rafael Kuragin mit seinem Reichtum und dem zweifelhaften Ruf als notorischer Playboy noch zusätzlich für ein großes Interesse der Medien.

Neben ihm stand ein ehemaliger Trainer des Nationalteams. Rose bemerkte, dass die beiden berühmtesten Spieler fehlten. Die Hockey-Liga in Kanada hatte bereits ein Auge auf sie geworfen. Das russische Wölfe-Team hatte schon unzählige Eishockeystars an andere Nationalteams verloren.

Aber das interessierte Rose alles gar nicht – und den anderen Frauen hier im Raum ging es sicher ähnlich. Was zählte, war, dass diese Jungs hier unglaublich heiß waren. In dieser Pressekonferenz ging es überhaupt nicht um Sport. Es ging um Sex. Heutzutage ließ sich mit Sex einfach alles verkaufen.

Die Frauen waren verrückt nach ihnen. Männer wollten so sein wie sie. Rose hatte sich überlegt, ein paar Eishockeyspieler in einem Werbespot für ihre Partnervermittlung auftreten zu lassen. Eine bessere Reklame konnte sie sich kaum wünschen. Und da sie nicht viel Geld hatte, würde sie ihren Charme spielen lassen müssen. In der Hoffnung, dass die Sportler sich darauf einlassen würden. Sie hatte sich bewusst nicht an den Vorstand des Teams gewendet. Es erschien ihr vielversprechender, die Spieler höchstpersönlich um den Finger zu wickeln. Und damit ihre Verführungskünste einem ultimativen Test zu unterziehen.

Es gab nur ein Problem: Sie würde die Zustimmung des obersten Bosses der Bande einholen müssen. Und ihr weiblicher Instinkt sagte ihr, dass sie Rafael Kuragin möglicherweise nicht gewachsen war – in keiner Beziehung.

Eine Partnervermittlung hatte dieser Mann gewiss nicht nötig. Mit seinem athletischen Körper und der selbstbewussten Haltung strahlte er eine Autorität aus, die Frauen sofort schwach werden ließ. Oh ja, dieser Typ würde es ihr nicht leicht machen.

Ein Rückzieher kam jedoch nicht infrage. Sie würde sich ihm stellen – hier, mitten zwischen all den sensationslüsternen Journalisten im Dorrington Hotel in Toronto. Auch wenn sich ihr vor lauter Aufregung der Magen umdrehte.

Die Fragen prasselten nur so auf ihn nieder. Rose verstand kein Wort. Die Journalisten riefen auf Englisch und Russisch durcheinander, versuchten, sich gegenseitig zu übertönen. Rafael Kuragin jedoch ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Seine Antworten klangen wohlüberlegt. Rose stellte fest, dass seine tiefe Stimme sie völlig in ihren Bann zog.

„Pardon. Entschuldigen Sie“, murmelte sie, während sie sich durch die Menge drängte, um einen noch besseren Blick auf ihn erhaschen zu können.

Schließlich bemerkte sie, dass er aufgehört hatte, zu sprechen. Und ihr blieb fast das Herz stehen, als er sie direkt ansah. Sein Blick war unglaublich intensiv. Es fühlte sich an, als könnte er bis in Roses Seele schauen.

Plötzlich hielt ihr der Moderator das Mikrofon vors Gesicht. Offensichtlich nahm man an, sie wollte den Teamchef etwas fragen, nachdem sie sich so eilig nach vorn gedrängt hatte.

Als sie wieder zu Rafael Kuragin sah, war sein Blick noch immer auf sie gerichtet.

Stell ihm eine Frage, Rose. Er erwartet, dass du ihm eine Frage stellst.

Ihre Gedanken rasten. Ihre Kehle war so trocken, dass sie das Gefühl hatte, kein Wort herausbringen zu können. Nervös fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen. Als sie schließlich sprach, klang ihre Stimme seltsam fremd.

„Mr Kuragin, sind Sie Single?“

2. KAPITEL

Rafael hasste die Presse. Aber er wusste, wie er mit ihr umzugehen hatte. Man zeigte sich, nutzte die Publicity und gab keine Informationen preis.

Die Reporter bekamen ohnehin fast alles heraus. Seine wechselnden Bettgenossinnen konnten nun einmal nicht den Mund halten. Kaum hatte er sie abgeschossen, erzählten sie den Journalisten die wildesten Geschichten, zum Beispiel von Blondinen, Orgien und Superjachten. Die neueste Story über die Stripperin, die auf der Party zu seinem achtundzwanzigsten Geburtstag im Champagnerbad getanzt hatte, stimmte allerdings. Trotzdem ärgerte es ihn, wenn die Leute deswegen schlecht über ihn dachten. Als ob es nicht Wichtigeres über ihn zu berichten gäbe. Als bestünde sein einziger Wert darin, die Massen zu unterhalten.

Andererseits war der Medienrummel gut für sein Team. Die Aufmerksamkeit, die er damit den Wölfen verschaffte, spornte sie zusätzlich an. Deswegen war er heute hier.

In Gedanken jedoch war er ganz woanders. Er hatte den ganzen Vormittag in der Justizvollzugsanstalt in Toronto verbracht. Seine Anwälte hatten alles gegeben, um zwei seiner besten Spieler auf Kaution freizubekommen. Jetzt saßen die beiden Jungs zusammen mit einigen seiner Sicherheitsleute in einem der Zimmer des Dorrington Hotels. Er wagte es noch nicht, sie unbeaufsichtigt zu lassen. Es war ohnehin nur noch eine Frage der Zeit, bis die Presse von der Sache Wind bekam.

Als er aufsah, stand sie direkt vor ihm und blickte ihn an.

Wenn Augen tatsächlich das Fenster zur Seele waren, dann traf das bei ihr vollkommen zu. In seiner Fantasie sah er eine nackte Frau im zerwühlten Bett. Voller Erwartung.

Sie wartete auf ihn. Der Gedanke ließ ihn alles um sich herum vergessen. Das Team, die Pressekonferenz. Er nahm nur noch diese umwerfend schöne Frau da unten in der Menge wahr. Große blaue Augen, rosige Wangen und ein sinnlich glänzender Kussmund. Sie schien ihn anzulächeln. Und er lächelte zurück. Instinktiv. Vielleicht würde der Tag doch nicht so schlecht enden, wie er angefangen hatte.

Rafael spürte, wie sich sein ganzer Körper anspannte. Sie sieht aus wie ein Engel, dachte er ein wenig amüsiert. Oder wie eine kleine Madonna.

Im Saal wurde es unruhig. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass man ungeduldig auf die nächste Frage wartete.

Ihr Gesichtsausdruck wirkte leer, und er hätte sich fast umgewandt, um einem anderen Journalisten den Vortritt zu lassen, als sie sich mit der Zunge über ihre süßen roten Lippen fuhr. Und die einzige Frage stellte, deren Antwort jeder kannte.

Die ganze Welt wusste, dass er Single war.

Erst recht, seit seine aufgebrachte Exfreundin vor einigen Wochen hemmungslos aus dem Nähkästchen geplaudert hatte.

Während lautes Gelächter den Saal erfüllte, sah das Mädchen ihn unbeeindruckt an.

Wenn es um Frauen ging, hatte er dank seines guten Aussehens und seines Reichtums die Privilegien eines Rockstars. Privilegien, die er mittlerweile nicht mehr so schnell ausnutzen würde wie früher. Aber das wusste sie ja nicht. Und für einen kurzen Moment genoss er die Vorstellung, sie in seine Suite bringen zu lassen. Sie würde vor ihm auf die Knie gehen, und er würde mit den Händen durch ihr seidiges dunkles Haar streichen. Er würde …

verdammt noch mal! Hatte er jetzt den Verstand verloren?

Von irgendwoher drang eine weitere Frage an sein Ohr. Irgendetwas über das Nationalteam. Die Frage konnte er im Schlaf beantworten. Und das war auch gut so, denn seine süße kleine Göttin hatte sich mittlerweile zur anderen Seite des Saals bewegt, und er ließ sie nicht aus den Augen.

Eines musste er ihr lassen – sie war ziemlich mutig. Er registrierte, dass sie mit einem seiner Sicherheitsleute sprach und wild gestikulierte. Offensichtlich wollte er sie nicht durchlassen.

Dann hob ein Reporter der Moscow Times die Hand, und im nächsten Moment prasselten Fragen über Sasha Rykov auf ihn ein. Es ging um das Gerücht, dass er zu einem kanadischen Team wechseln wollte. Insgeheim war Rafael erleichtert. Solange die Presse sich für Rykov interessierte, wurden zumindest keine unangenehmen Fragen zur Abwesenheit seiner beiden besten Spieler gestellt.

Die nächsten Fragen wurden an Trainer Anatole Medvedev gerichtet. Und dann war es auch schon Zeit für den Sektempfang. Wie immer bei solchen Anlässen achtete Rafael darauf, bei niemandem allzu lange stehenzubleiben, jedes Gespräch so kurz und knapp wie möglich zu halten. Unter den Gästen waren vor allem Sponsoren und jede Menge Journalisten. Er würde seine Jungs nicht aus den Augen lassen. Nicht, dass sie sich verplapperten. Zum Glück sprachen die wenigsten von ihnen Englisch.

Zu seinem Bedauern konnte Rafael seine blauäugige Schönheit nirgendwo mehr entdecken. Und mit ihr war seine sexuelle Fantasie verschwunden.

Rose fühlte sich ganz zittrig nach ihrer kurzen Begegnung mit dem berühmt-berüchtigten Chef der Wölfe. Langsam ließ sie den Blick durch den Raum gleiten. Sie wusste, sie sollte es besser schnell hinter sich bringen. Bevor sie der Mut verließ. Alles, was sie brauchte, waren zwei feste Zusagen.

Noch konnte sie gehen. Die ganze Sache einfach vergessen. Es war noch nicht zu spät. Sie würde auch ohne die zusätzliche Publicity klarkommen. Schließlich war ihr Vorhaben nicht ganz astrein. Aber hier ging es um mehr als nur ihr Geschäft. Es ging vor allem um das Frauenhaus, in dem sie ehrenamtlich tätig war. Wenn sie mit Date ins Glück ihre ersten großen Erfolge hätte, könnte das Frauenhaus endlich in ein größeres Gebäude umziehen.

Und auf rechtmäßigem Wege würde sie keinen dieser Spieler für sich gewinnen können. Sie hatte es bereits versucht, doch das Management hatte sie sofort abgeblockt.

Obendrein hätte sie heute endlich die Chance, sich selbst etwas zu beweisen. Wenn sie es mit einem kompletten russischen Eishockeyteam aufnehmen konnte, nur mithilfe ihres Charmes und ein paar frechen Sprüchen, dann konnte sie alles schaffen. Vor allem konnte sie dann endlich mit ihrer Vergangenheit abschließen. Schließlich war sie schon lange nicht mehr das eingeschüchterte kleine Mädchen, das vor zwei Jahren aus Houston geflohen war.

Ganz in ihrer Nähe erspähte sie einige der Sportler. Unsicher hielten sie sich an ihren Sektgläsern fest. Es war offensichtlich, dass sie sich aufgrund ihrer mangelnden Englischkenntnisse unwohl fühlten. Sie hätte leichtes Spiel mit ihnen. Sie erinnerten sie an sich selbst vor einigen Jahren. Damals, als sie noch so furchtbar schüchtern gewesen war und um jeden Preis gefallen wollte. Sie waren nicht die Richtigen. Sie würde sich an die etwas selbstbewussteren, wilderen Spieler halten. Diese gefährlich unberechenbaren Typen, die sich nie festlegen wollten. Das waren die Männer, die ihr Geschäft ankurbeln würden.

Es war absurd. Aber so war die menschliche Natur nun einmal. Man wollte immer das, was man nicht haben konnte: Einen Mann, dem die Welt zu Füßen lag, der jede Frau bekam, der einem jederzeit wieder entgleiten konnte. Einen Mann, der für eine feste Beziehung nicht zu gebrauchen war.

So jemanden wollte sie ganz sicher nicht in ihrer Kartei haben. Aber für Werbezwecke wäre so ein Typ perfekt. Er würde Aufsehen erregen. Und er würde die Frauenherzen höher schlagen lassen.

Ihr kam der Gedanke, dass Rafael Kuragin genau so ein Typ war. Natürlich würde sie ihn niemals fragen. Da machte sie sich nun wirklich keine Illusionen.

Außerdem würden sich einige dieser Hockeyspieler fast ebenso gut für Werbezwecke eignen. Ihr Plan war es, die Jungs gemeinsam mit einem Filmteam zu Dates zu schicken und aus dem Material einen knackigen Werbespot für ihr Unternehmen zu schneiden. Ein befreundeter TV-Produzent hatte ihr bereits seine Unterstützung bei dem Projekt angeboten.

Alles, was sie jetzt noch tun musste, war, sich entsprechend fotogene Exemplare herauszupicken und ihren Charme gezielt einzusetzen.

Sie hatte eine Menge Konkurrenz. Darunter waren einige wirklich atemberaubende Frauen. Aber Rose wusste ja, dass man die Aufmerksamkeit eines Mannes eher durch selbstbewusstes Auftreten erregte als durch gutes Aussehen. Obendrein war es immer hilfreich, einen Plan zu haben.

Geschickt drängelte sie sich in die Nähe eines dunkelhaarigen Hünen.

„Oh mein Gott, bitte nicht bewegen“, rief sie im nächsten Moment, gestikulierte hilflos und sah dem Spieler direkt in die Augen. Dann fiel sie vor ihm auf die Knie. „Meine Kontaktlinse.“

Ganz, wie sie es erwartet hatte, hockte sich der Spieler sofort neben sie und ließ seinen Blick über den Boden gleiten. Sie schaffte es kaum, ihr siegessicheres Lächeln zu unterdrücken, als sie sah, wie er ihr unauffällig auf den Po schaute. Nachdem sie eine Weile erfolglos gesucht hatten, sprang Rose auf die Füße. Er erhob sich ebenfalls.

„Rose“, sagte sie strahlend und streckte die Hand aus.

„Sasha“, entgegnete er und lächelte ebenfalls.

Ihr entging nicht, dass sie von den anderen Frauen argwöhnisch beobachtet wurden. Rose wusste, sie hatte eine gute Wahl getroffen. Sie dankte ihm und achtete darauf, ihm dabei fest in die Augen zu blicken, denn Männer mochten selbstbewusstes Verhalten. Dann beklagte sie, dass alles so verschwommen aussähe ohne ihre Kontaktlinse, und fragte ihn beiläufig, ob es ihm in Toronto gefallen würde.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis sie sich ein Bild von ihm gemacht hatte: überschwänglich, ein wenig einfältig und viel weniger selbstbewusst im Umgang mit Frauen, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Das machte aber nichts. Wichtig war, dass er gut aussah und Ausstrahlung besaß. Und dass er sich bereitwillig von ihr mit dem Kugelschreiber ihre Handynummer auf die Hand schreiben ließ.

Das war ihre Strategie. Sie wusste, dass sie mit Geschäftskarten nicht weit kommen würde bei den Jungs. Die würden mit ziemlicher Sicherheit direkt im Papierkorb landen. Eine freche junge Dame jedoch, die ihnen ihre Telefonnummer auf die Hand kritzelte, würden sie nicht so leicht vergessen.

Als sie vor einiger Zeit ihre Partnervermittlung gegründet hatte, war sie von allen Seiten skeptisch beäugt worden. Eine so junge Frau, die sich ausgerechnet diese hart umkämpfte Branche ausgesucht hatte. Aber Rose wusste, ihre Jugend war ihr Potenzial. Vor allem heute Abend. Sie wirkte völlig harmlos. Die Spieler nahmen sicher an, mit ihr könnte man ein wenig unbeschwerten Spaß haben. Ihre Geheimwaffe war die Tatsache, dass sie bereits im zarten Alter von acht Jahren mit dem Verkuppeln angefangen hatte. Sie sah sich selbst im Grunde als alten Hasen.

Immerhin hatte sie Frauen für ihren Vater und zwei ihrer Brüder gefunden. Und mehrere ihrer Freundinnen waren glücklich mit Männern zusammen, die Rose auf sie angesetzt hatte.

Anders war es jedoch, wenn sie versuchte, bei den Männern zu landen.

Sie zwang sich, zu lächeln, obwohl ihre Füße in den hohen Schuhen schmerzten. In ihrem engen Kostüm konnte sie sich kaum bewegen. Jedes Mal, wenn sie auf einen neuen Spieler zuging, raste ihr Herz wie verrückt.

Das lag unter anderem auch daran, dass es hier nicht nur um Date ins Glück ging. Seit der Trennung von ihrem Verlobten vor einigen Jahren war sie Single. Mittlerweile war sie sechsundzwanzig. All ihre Freundinnen waren seit Jahren in festen Händen. Was also ihre Verkupplungsfähigkeiten anging, so waren sie offensichtlich nur bei anderen Leuten wirksam. Sie selbst hatte es all die Jahre, seit sie allein war, nicht geschafft, einen passenden Partner für sich zu finden.

Das war ein weiterer Grund für ihre kleine Mutprobe an diesem Abend. Bisher lief alles gut. Und wenn sie morgen tatsächlich ein paar Anrufe von den Spielern bekam, dann wusste sie wenigstens, dass es nicht an ihrer mangelnden Attraktivität lag.

Rafael beobachtete die hübsche junge Frau, wie sie mit seinen Spielern flirtete. Jedes Mal, wenn er zu ihr herübersah, sprach sie mit einem anderen. Was hatte sie vor?

Als er sich gerade vom Geschäftsführer eines der großen Unternehmen abwandte, für das die Spieler am Samstag auf ihren Trikots Werbung machen würden, hörte er hinter sich ein leises „Hey …“ Er wusste sofort, dass sie es war. Instinktiv signalisierte er dem Sicherheitsmann, der ihr den Weg versperrte, sie durchzulassen.

Mit einem strahlenden Lächeln schaute sie ihn an. Die Grübchen in ihren Wangen ließen sie noch hübscher aussehen. Es überraschte ihn nicht, dass sie ihn ansprach. Er hatte es erwartet.

Unauffällig ließ er den Blick über ihren Körper gleiten. Sie trug einen zweireihigen blau-schwarz gemusterten Wollblazer und einen schwarzen engen Rock. Ihre schlanken langen Beine steckten in einer Seidenstrumpfhose. Dazu trug sie hochhackige blaue Pumps. Ihr langes, dunkles Haar war streng zurückgekämmt, was ihre großen blauen Augen umso mehr betonte. Sie hatte volle, sinnliche Lippen, und ihre Wangen waren leicht gerötet.

Es war nicht zu übersehen, dass sie eine weibliche Figur hatte – mit wohlgeformten Kurven an genau den richtigen Stellen.

„Sie haben meine Frage noch gar nicht beantwortet“, sagte sie nun.

Er lächelte bloß, während sie noch einen Schritt näher an ihn herantrat.

„Sie möchten jetzt nicht darüber reden, stimmt’s?“, fuhr sie ohne zu zögern fort.

Als sie nun so dicht vor ihm stand, wirkte sie gar nicht mehr so selbstsicher, wie sie ihm anfänglich erschienen war. Schüchtern wich sie seinem Blick aus, als er sie prüfend musterte. Er hatte jedoch das Gefühl, dass diese Schüchternheit bloß gespielt war. Offensichtlich wusste sie genau, wie sie Männerherzen höher schlagen lassen konnte.

Im nächsten Moment zückte sie einen Kugelschreiber.

„Darf ich Ihnen meine Handynummer geben?“, erkundigte sie sich betont unschuldig.

Er lachte, als er den entschlossenen Ausdruck in ihrem Gesicht sah. Sie war nicht nur schön, sie war auch ziemlich hartnäckig.

Und nun legte sie auch noch ihre Hand auf seinen Unterarm. Wäre sie ein Mann, würden seine Sicherheitsleute spätestens jetzt einschreiten. Von Frauen jedoch wurde er ständig angesprochen und angefasst. Damit kam er allein klar. Er blieb immer höflich. Aber er ließ sich von keiner um den Finger wickeln. Dafür war er zuständig. Er zog es vor, sich seine Frauen selbst auszusuchen.

„Bitte“, fuhr sie fort und strahlte ihn dabei so selbstverständlich an, als sei er irgendein Typ von der Straße und nicht der Mann, mit dem am liebsten jede Frau hier im Raum einmal sprechen würde.

Als sie seinen Arm zu sich heranzog, ließ er sie gewähren. Er war neugierig, was sie vorhatte. Ihre Berührung war unerwartet sanft und warm.

Sie gestikulierte mit dem Kugelschreiber.

„Versprechen Sie mir, dass Sie es nicht abwaschen.“

Mit diesen Worten kritzelte sie schnell ihre Nummer auf seinen Unterarm.

„Mein Name ist Rose Harkness“, erklärte sie mit zuckersüßer Stimme. „Bitte rufen Sie mich an. Ich möchte Ihnen einen Geschäftsvorschlag unterbreiten.“

Einen Geschäftsvorschlag? Nannten sie das heutzutage so?

Er machte sich nicht die Mühe, einen Blick auf die Nummer zu werfen. Stattdessen dachte er darüber nach, wie sehr er sich verändert hatte. Noch vor einem Jahr wäre er ihrem Angebot ohne mit der Wimper zu zucken gefolgt. Auch jetzt war die Versuchung groß, sie mit in sein Hotelzimmer zu nehmen. Sie erfüllte alle Kriterien: hübsches Gesicht, gute Figur, charmant. Aber die Zeiten der ewigen One-Night-Stands waren für ihn vorbei. Und er würde es auch nicht zulassen, dass sie sich durch sein ganzes Team schlief.

Er warf ihr ein letztes Lächeln zu und wandte sich ab.

Als er gemeinsam mit seinem Sicherheitschef in den Aufzug stieg, wusste er, was er zu tun hatte.

„Sorgen Sie dafür, dass diese Frau aus dem Hotel verschwindet.“

Es ist ziemlich gut gelaufen, überlegte Rose. Sie hatte mehreren Spielern ihre Nummer aufgeschrieben, und sie hatte sich trotz ihrer Nervosität nicht allzu dumm dabei angestellt. Als Rafael Kuragin sie von oben bis unten gemustert hatte, hätte ihr fast die Stimme versagt. Wie sollte sie einen Mann beeindrucken, der sich sonst nur mit Supermodels und glamourösen Schauspielerinnen umgab? Im Nachhinein konnte sie nicht einmal sagen, ob sie überhaupt einen Funken Interesse bei ihm geweckt hatte. Zumindest aber hatte sie ihr Programm durchgezogen, und er schien sich amüsiert zu haben. Möglicherweise sah er jedoch nicht mehr als ein aufdringliches Groupie in ihr.

Mit den Spielern hingegen hatte sie es leicht gehabt. Es schienen durchweg nette Jungs zu sein. Manche hatten zunächst ein wenig verhalten reagiert, aber am Ende hatte Rose sie alle für sich eingenommen.

Mit Rafael Kuragin war es anders gewesen. Sie war äußerst zuversichtlich auf ihn zugegangen. Doch ein Blick in seine unergründlichen grauen Augen hatte genügt, um sie völlig durcheinanderzubringen. Rafael Kuragin würde sich definitiv nicht als Werbeträger für Date ins Glück hergeben. So viel war klar. Sie hatte es eigentlich schon vorher gewusst. Sie hatte ihn bloß angesprochen, weil sie nicht hatte widerstehen können. Und weil sie die Gelegenheit dazu gehabt hatte. Die neue Rose war schließlich mutig und souverän.

Nachdem sie sich einen gemütlichen Sessel in der Bar des Hotels gesucht hatte, holte sie ihr Handy aus der Tasche und legte es vor sich auf den Tisch. Es konnte immerhin sein, dass einer der Spieler sie anrief, während sie noch im Hotel war. Sie bestellte einen Drink und überlegte dann, wie sie den Männern ihre Werbeaktion für Date ins Glück am besten schmackhaft machen konnte.

Doch sie konnte sich nicht konzentrieren. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um Rafael Kuragin. Sein Lächeln hatte sie völlig verzaubert. Sie hatte sich gefühlt, als sei sie die einzige Frau im Raum.

Er musste mindestens einen Meter neunzig groß sein, denn trotz ihrer hohen Absätze reichte sie ihm gerade bis ans Kinn. Und als sie nach seinem Arm griff, um ihre Nummer darauf zu schreiben, fiel ihr sofort auf, dass er Hände wie ein Arbeiter hatte. Sie schienen so gar nicht zu seinem Playboy-Image zu passen. Zu diesem Mann, der keinen Finger rühren musste und immer ein Supermodel im Schlepptau hatte, vorzugsweise vom skandinavischen Typ. Diese starken Hände und der muskulöse Körper kamen jedoch sicher nicht vom Herumliegen auf seiner Luxusjacht. Und er schien ihr auch nicht der Typ zu sein, der seine Muskeln im Fitnessstudio stählte.

Nachdenklich ließ Rose ihren Kopf gegen die Sessellehne sinken.

„Entschuldigen Sie, Miss …“

Vor ihr standen zwei Männer in Hoteluniform. Sie forderten sie auf, das Hotel zu verlassen.

„Wie bitte?“

„Sie wurden dabei beobachtet, wie sie mehrere unserer internationalen Gäste angesprochen haben. Mr Kuragin hat uns persönlich darum gebeten, sie hinaus zu eskortieren.“

Roses Gedanken überschlugen sich.

„Was? Warum denn?“

„In unserem Hotel wird Prostitution nicht geduldet, Madam“, entgegnete einer der beiden Hotelangestellten leise.

Fassungslos sah sie ihn an.

„Sie glauben, ich bin eine Nutte?“

Rose bekam keine Antwort. Kurz darauf wurde sie von den beiden Angestellten durch die Hotellobby geführt.

Als sie über die Straße zu ihrem Auto lief, versuchte sie, ruhig zu bleiben. Sie durfte das hier auf keinen Fall persönlich nehmen. Es war nichts weiter als ein Missverständnis.

Trotzdem ärgerte es sie. Schließlich gab es einen Unterschied zwischen gekonntem Flirten und billiger Anmache. Doch ihre kleine Showeinlage war offensichtlich nicht so aufgefasst worden, wie sie es geplant hatte.

Es hatte aber keinen Sinn, sich deswegen mit Vorwürfen zu quälen. Jeder machte mal Fehler. Und sie hatte schon seit einer Ewigkeit mit keinem Mann mehr geflirtet. Kein Wunder, dass sie sich ungeschickt angestellt hatte. In der Dienstleistungsbranche brauchte man nun einmal ein dickes Fell. Sie würde sich von diesem kleinen Missgeschick auf keinen Fall unterkriegen lassen.

Seltsam war bloß, dass sie irgendwie schon das Gefühl hatte, dass Rafael Kuragin Interesse an ihr gehabt hatte. Oder war das bloß Wunschdenken von ihr? Vielleicht war sie ja ein wenig paranoid.

Dennoch war es erniedrigend, dass der einzige Mann, der seit langer Zeit mal wieder ihr Herz hatte höher schlagen lassen, annahm, sie sei aus dem horizontalen Gewerbe. Und als wäre das nicht genug, hatte er auch noch die Hotelleitung gebeten, sie hinauszuwerfen!

3. KAPITEL

„Hallo, Rose, haben Sie heute Abend gar keine Verabredung?“

Roses Nachbarin, eine ältere Dame, warf ihr über den Gartenzaun hinweg einen neugierigen Blick zu. Es wurde bereits dunkel, und es war ungewöhnlich kalt an diesem Abend. Rita Padalecki hatte jedoch einen kleinen Hund, mit dem sie regelmäßig hinaus musste.

„Nein, Mrs Padalecki, heute Abend nicht“, entgegnete Rose, während sie die Eingangstür zu ihrem kleinen Stadthaus aufschloss.

„Ich drücke Ihnen weiterhin die Daumen, Rose. Irgendwann kommt schon der Richtige.“

Rose lächelte in sich hinein, als sie die Tür hinter sich schloss. Wenn Mrs Padalecki wüsste, dass sie heute Abend wegen Prostitution aus einem Hotel geworfen worden war. Ihr Vater und ihre Brüder würden darauf bestehen, dass sie ihre Sachen packte und sofort wieder nach Hause kam. Zum Glück würden sie nie erfahren, was Rose in Toronto so trieb. Und sie würde auch ihrer Nachbarin nicht sämtliche Peinlichkeiten aus ihrem Leben auf die Nase binden.

Erleichtert schlüpfte sie aus ihren Pumps und lief die Treppe hinauf ins obere Stockwerk. Oben angekommen stellte sie ihren Laptop an. Sie wollte schnell einen kurzen Text über den heutigen Tag für ihren Blog schreiben. Und sich dann für den Rest des Abends auf ihrer Couch entspannen.

Habe heute das Eishockeyteam Wölfe kennengelernt. Mädels, die Männer sind alle Singles! Nebenbei habe ich ein paar lustige Sachen über Russland erfahren, über Pucks und wie man Wodka trinkt. Grigori und Ivan Sazanov waren leider nicht dabei. Solltet ihr also zwei gut aussehende Russen irgendwo umherirren sehen, dann schickt sie direkt zu uns. Bis dahin solltet ihr die Eishockeyregeln lernen, Mädels.

Rose lächelte über ihre eigene Albernheit und lud das Foto hoch, das sie von Sasha Rykov gemacht hatte. Sie hatte ihm gesagt, dass sie gerne ein Bild von ihm hätte für ihren Blog, und er hatte bereitwillig genickt und gelächelt. Andererseits hatte auch Rafael Kuragin genickt und gelächelt, als sie ihn gefragt hatte, ob sie ihm ihre Nummer geben dürfte. Und wohin hatte das geführt? Sie war auf die Straße gesetzt worden.

Seufzend klappte sie den Laptop zu und ging ins Badezimmer, um sich ein Bad einzulassen. Es hatte keinen Sinn, sich wegen Rafael Kuragin Vorwürfe zu machen. Immerhin war der restliche Tag gut gelaufen. Sie hatte eine Menge Mut bewiesen und ihren Plan durchgezogen.

Eine halbe Stunde später kam Rose mit einem Handtuch um das nasse Haar geschlungen aus dem Bad. Sie war zu müde zum Kochen und bestellte sich eine Pizza. Dann goss sie sich ein Glas kühlen Weißwein ein, schnappte sich ihr Buch und machte es sich auf ihrer Couch bequem. Sie achtete darauf, dass ihr Handy in Reichweite lag. Langsam wunderte es sie etwas, dass bisher keiner der Spieler angerufen hatte, doch sie gab die Hoffnung noch nicht auf.

Rafael warf einen Blick auf den Ausdruck, den ihm sein Sicherheitsberater in die Hand gedrückt hatte.

„Was zum Teufel soll das denn sein?“

„Das ist ein Auszug aus Rose Reds Blog. Die Dame, die wir überprüfen sollten – Rose Harkness. Das hier haben wir gefunden. Sie hat es vor einer halben Stunde gepostet.“

„Rose Red? Ist das ihr Pseudonym?“

„Sie betreibt eine Partnervermittlung.“

Rafael warf dem Mann einen überraschten Blick zu. Nannte man das heutzutage tatsächlich so?

„Haben Sie ihre Adresse?“

„Ja, haben wir“, entgegnete der Mann und nickte. „Wie sollen wir die Geschichte handhaben?“

Am besten diskret, überlegte Rafael. Aus irgendeinem Grund musste er immer wieder daran denken, wie sie die Augen niedergeschlagen hatte, während sie mit ihm sprach. Als würde es sie große Überwindung kosten. Vielleicht war es das, was ihn davon abhielt, seine Rechtsabteilung einzuschalten.

„Ich kümmere mich persönlich darum“, entgegnete er bestimmt. „Wohnt sie in Toronto?“

„Ja, im alten Teil der Stadt. Hübsche Wohngegend.“

Das wunderte ihn nicht. Sie hatte Stil. Das war ihm sofort aufgefallen. Es lag weniger an ihrer Kleidung als vielmehr an der Art, wie sie sich durch den Raum bewegt hatte. Süß und elegant zugleich. Ein wenig frech, doch nicht zu aufdringlich. Eine Frau mit einer Mission, die es dennoch geschafft hatte, nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu erregen.

Er warf einen weiteren Blick auf den Ausdruck. Was sie geschrieben hatte, war relativ harmlos. Allerdings lenkte es die Aufmerksamkeit der Leser auf die Abwesenheit der Sazanov-Brüder. Das gefiel ihm überhaupt nicht. Und darüber hinaus hatte Anatole ihm erzählt, dass sie sämtlichen Spielern ihre Telefonnummer gegeben hatte.

Eigentlich sollte er die Angelegenheit seinem Sicherheitsdienst überlassen. Wäre da nicht dieser einladende Ausdruck in ihren Augen gewesen, als sie ihm ihre Nummer auf den Arm geschrieben hatte …

Während er mit seinem Ferrari in Richtung Stadtmitte fuhr, erkannte er, dass ihn der Gedanke daran nicht mehr losließ.

Sein Navigationsgerät führte ihn in eine ruhige, von Bäumen gesäumte Straße mit hübschen traditionellen Giebeldachhäusern. Rafael hatte mit allem gerechnet, aber sicher nicht mit einem kleinen Eigenheim in einer ordentlichen Wohngegend.

Vor der Nummer siebzehn stieg er aus und ging über die Straße. Eine ältere Dame beobachtete ihn vom Nachbargrundstück aus.

„Sie ist zu Hause“, rief sie ihm aufmunternd zu. „Wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“

Rafael zog die Augenbrauen hoch und blieb stehen.

„Rafael Kuragin“, entgegnete er knapp.

„Ah, ein Ausländer“, bemerkte sie und runzelte die Stirn. „Sie hat noch nie ausländische Herren empfangen. Wann haben Sie beide sich kennengelernt?“

Diese Nachbarin war wirklich furchtbar neugierig.

„Heute Nachmittag“, erklärte Rafael. „Es ist kalt, Madam. Sollten Sie nicht besser reingehen?“

„Wiggles muss sein Geschäft erledigen“, winkte sie ab. „Heute Nachmittag sagen Sie? Dann haben Sie ja keine Zeit verloren. Seien Sie nett zu ihr. Sie ist ein wirklich liebes Mädchen, unsere Rose.“ Sie seufzte. „Mir gefällt diese Branche nicht, in der sie arbeitet. Ich glaube, sie macht eine Frau hart und zynisch …“ Sie runzelte die Stirn. „Sind Sie ein Kunde oder hat Sie eine Verabredung mit Ihnen? Ich komme immer ganz durcheinander, weil sie die Agentur von zu Hause aus betreibt.“

Ehe Rafael etwas erwidern konnte, schoss Wiggles wie von der Tarantel gestochen über den Rasen. Rafael sah nur, wie ein graues Fellbündel im Inneren des Hauses verschwand. Zu seiner Erleichterung brach die alte Dame das Gespräch ab und eilte dem Hund mit einem erstaunten Ausruf hinterher.

Seufzend wandte Rafael sich um und betätigte den Türklopfer.

Einen Augenblick später ging im Hausflur das Licht an, und die Tür wurde geöffnet. Rafael hatte fast vergessen, warum er eigentlich hergekommen war. In diesen ruhigen Stadtteil von Toronto, in den er sich nur selten verirrte. Auf der Suche nach einer Frau, die möglicherweise eine Hure war, ausgehorcht von einer neugierigen Nachbarin, die einen Hund namens Wiggles hatte.

Als er aufsah, stand Rose vor ihm. Sie trug einen kurzen roten Seidenmorgenmantel. Darunter blitzte schwarze Spitze hervor. Im Haus lief Musik. Er erkannte Ravels Klassiker, den Boléro. Das Licht im Flur war gedämpft, fast ein wenig schummrig. Damit endeten die Parallelen zu einem Bordell allerdings auch schon.

Um den Kopf hatte Rose ein weißes Frotteehandtuch geschlungen. Sie trug kein Make-up, offensichtlich hatte sie gerade geduscht. Ohne ihn anzusehen, hielt sie ihm einen Zwanzig-Dollar-Schein entgegen. Dann realisierte sie, wer vor ihr stand.

„Sie sind nicht der Pizza-Bote“, sagte sie matt.

„Nyet“, entgegnete er knapp und fragte sich, ob die Jungs vom Pizzaservice auslosten, wer Rose das Essen liefern durfte. „Darf ich reinkommen?“

Sie wirkte ebenso erstaunt wie er. Allerdings zweifellos aus anderen Gründen als er.

Er wusste selbst nicht so genau, was er erwartet hatte. Vielleicht sollte er auf dem Absatz kehrtmachen, zu seinem Hotel zurückfahren und die ganze Sache vergessen.

In diesem Moment rutschte das Handtuch von ihrem Kopf, Rose griff danach, doch das feuchte dunkle Haar fiel ihr bereits über die Schultern. Rafael sah, wie ihre Brustwarzen sich hart unter der Seide ihres Morgenmantels abzeichneten, wie Rose sich nervös mit der Zunge über ihre vollen Lippen fuhr. Instinktiv setzte er einen Fuß über die Türschwelle.

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist“, versuchte sie, ihn aufzuhalten.

„Nyet“, stimmte er ihr zu. „Es ist wahrscheinlich sogar eine ganz dumme Idee.“ Als ihm auffiel, dass sie keinen BH unter ihrem Top trug, konnte er kaum noch klar denken. Unbändige Lust erwachte in Rafael.

„Sind Sie allein?“

„Ja … Nein!“

Misstrauisch sah sie ihn an. Es dauerte einen Moment, bis er verstand, dass sein Verhalten sie beunruhigte. Was zum Teufel machte er hier eigentlich?

„Ich bin hier, um mit Ihnen zu reden“, erklärte er und musste sich räuspern, da seine Stimme ganz heiser klang. Rose wirkte wenig begeistert. „Miss Harkness“, fuhr er betont formell fort. „Sie sind heute einfach so in diese Pressekonferenz geplatzt. Wir können hier an der Tür darüber sprechen, oder wir setzen uns in Ihr Wohnzimmer wie zivilisierte Menschen.“

Sein entschiedener Tonfall zeigte Wirkung.

„Natürlich“, erklärte sie hastig. „Wo sind bloß meine Manieren? Kommen Sie rein, Mr Kuragin.“

Mit wiegenden Hüften ging sie vor ihm durch den Flur. Ihr Po war wohlgeformt, vielleicht ein wenig zu groß für die aktuelle Mode. Aber Rafael hatte kein Interesse mehr an Magermodels. Er hatte es genau in dem Moment verloren, als sie die Tür geöffnet hatte. Der Anblick ihres weiblichen Körpers in dem dünnen Seidenmantel hatte etwas in ihm ausgelöst, für das er gerade keine Worte fand. Ihre Figur erinnerte ihn an die Frauen auf den Gemälden aus dem neunzehnten Jahrhundert. In seiner Moskauer Wohnung hingen einige dieser Werke. Die Frauen waren schlank, besaßen aber an den richtigen Stellen üppige Rundungen.

Er folgte ihr in das gemütliche Wohnzimmer und bemerkte die zugezogenen Vorhänge, die hübschen hellen Möbel und die Couch mit der roten Kaschmirdecke, auf der Rose scheinbar gerade gesessen hatte. Auf dem Tisch stand ein halb volles Glas Wein. Daneben lag eine Lesebrille. Es sah nicht gerade nach der Ausstattung einer Frau aus, die regelmäßig zahlenden Herrenbesuch empfing.

„Bitte setzen Sie sich“, forderte sie ihn höflich auf und deutete auf die Couch.

Ihre Wangen waren leicht gerötet, und ihre Finger krampften sich um das Revers ihres Morgenmantels, als fürchtete sie, er könnte aufklaffen und ihre vollen Brüste enthüllen.

„Entschuldigen Sie mich einen Moment“, bat sie. „Ich bin gleich wieder zurück.“

Er runzelte die Stirn.

„Nein, ich entschuldige Sie nicht“, entgegnete er energisch. „Und ich möchte, dass Sie sich setzen.“

Seine Worte ließen Rose zusammenzucken. Entsetzt sah sie ihn an.

Er wusste selbst nicht genau, woher seine heftige Reaktion kam. Diese Frau raubte ihm den Nerv. Was glaubte sie eigentlich, wer sie war? Tauchte einfach im Dorrington auf und machte seinen Spielern schöne Augen. Und dann brachte sie ihn auch noch dazu, durch die halbe Stadt zu fahren, öffnete ihm halbnackt die Tür und tat jetzt so, als würde sie sich vor ihm zieren.

Rose ließ ihn nicht aus den Augen und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich möchte mir etwas anderes anziehen, Mr Kuragin. Und Sie sind Gast in meinem Haus … Also reißen Sie sich bitte zusammen.“

„Ich bin keiner von Ihren Gästen, Rose. Und wo wir von Gästen sprechen, Ihre Nachbarin war sehr informativ.“

„Mrs Padalecki? Haben Sie mit ihr gesprochen?“

Sie schien sich ein wenig zu entspannen.

„Wie gesagt, sehr informativ“, wiederholte er. „Und Sie betreiben Ihre … Agentur … von zu Hause?“

„Ja, das tue ich“, antwortete Rose langsam und sah ihn argwöhnisch an.

„Haben Sie Ihr Geschäft angemeldet?“

„Was soll das heißen?“, fragte sie irritiert.

Er beobachtete sie aufmerksam, wie sie nach der roten Decke griff, um sie schützend vor ihren Oberkörper zu pressen. Am liebsten hätte er ihr gesagt, dass diese Maßnahme unnötig sei. Dass er kein Interesse an ihr habe. Aber das wäre eine glatte Lüge gewesen.

„Ich kenne mich mit dem kanadischen Gesetz nicht aus“, erklärte er. „Aber das lässt sich schnell ändern. Ich könnte Ihnen das Leben zur Hölle machen, Rose.“

Rose wurde blass und schluckte.

„Wenn Sie nicht sofort aus meinem Haus verschwinden, dann rufe ich die Polizei“, drohte sie mit erstickter Stimme. „Ansonsten wird Mrs Padalecki das sicher erledigen.“

„Ihre Nachbarin hat offensichtlich geglaubt, ich sei ein Kunde. Oder einer Ihrer Verehrer. Offenbar gehen die Männer hier ein und aus.“

Gedankenverloren nahm er das Buch zur Hand, das auf dem Tisch zwischen ihnen lag.

Madame Bovary.

Er runzelte die Stirn.

„Verschwinden Sie!“, fuhr sie ihn an.

Ihm entging nicht, wie ihre Hände zitterten.

„Setzen Sie sich, Rose“, forderte er sie auf. „Ich bin hier, um mit Ihnen über Ihren kleinen Ausflug in die Welt des Eishockeys zu reden. Noch haben Sie die Wahl, ob Sie sich lieber mit mir auseinandersetzen möchten oder mit meinen Anwälten.“

Erschrocken riss sie die Augen auf.

„Ihre Anwälte?“

Als er nicht reagierte, ließ sie sich seufzend auf die Couch fallen.

Es irritierte ihn, wie verletzlich sie plötzlich wirkte.

Unauffällig ließ er seinen Blick umherschweifen. Das hier war definitiv keine Sündenhöhle. Es war bloß eine gemütliche Wohnung. Eine typische Frauenwohnung. An den Wänden hingen gerahmte Fotos. Kleine Lampen, die im Raum verteilt waren, sorgten für ein warmes Licht. Und vor ihm auf der Couch saß ein hübsches Mädchen, das sich unter einer Kaschmirdecke versteckte und ihn ansah, als sei er ein Schwerverbrecher.

Er musste sich eingestehen, dass er wohl etwas überreagiert hatte. Als Rose sich nervös mit der Zunge über ihre Lippen fuhr, erkannte er den Grund für sein Verhalten. Die sexuelle Anziehungskraft zwischen ihnen war so groß, dass die Luft zu vibrieren schien. Und dass der Boléro mittlerweile das Crescendo erreichte, trug nicht gerade dazu bei, die Atmosphäre zwischen ihnen zu entspannen.

„Könnten Sie das vielleicht ausstellen?“, bat er sie mürrisch.

Rose blinzelte irritiert und griff nach der Fernbedienung. Die plötzliche Stille war fast noch unangenehmer.

„Wollen Sie sich nicht setzen?“, fragte Rose leise.

Verdammt, sie hat recht. Setz dich hin und bleib nicht so bedrohlich vor ihr stehen. Sag, was du zu sagen hast, und dann sieh zu, dass du hier raus kommst.

Während er sich in den Armsessel gegenüber von der Couch sinken ließ, strich sie sich ihr feuchtes Haar über die Schultern. Er bemerkte die milchig-weiße Haut ihres Dekolletés und war sofort wieder abgelenkt.

„Sie sind sich hoffentlich darüber im Klaren, Mr Kuragin, dass ich Sie verklagen könnte? Wegen übler Nachrede“, erklärte sie und zog herausfordernd die Augenbrauen hoch.

„Pardon?“

„Sie haben der Hotelleitung erzählt, ich sei eine Prostituierte auf der Suche nach potenziellen Freiern!“

Er zuckte die Schultern.

„Das sind Ihre Worte, Rose. Ich habe meinem Sicherheitschef lediglich mitgeteilt, dass ich das Gefühl habe, sie würden irgendetwas im Schilde führen.“

Damit hatte er nicht einmal so unrecht. Natürlich hatte sie sich nicht ohne Grund unter die Journalisten gemischt. Aber sie war schließlich keine Kriminelle. Und an ihrer geplanten Werbeaktion war nichts Illegales.

Erst jetzt wurde ihr so langsam klar, wer da eigentlich vor ihr saß. In ihrem Wohnzimmer. Rafael Kuragin – der Rafael Kuragin. Einer der reichsten und mächtigsten Männer Russlands. Ein Mann, der wusste, wie man mit Frauen umging. Ihr Herz schlug ihr auf einmal bis zum Hals.

Was hatte sie sich da bloß eingebrockt? Wie sollte sie mit dieser Situation umgehen?

Sie hätte niemals erwartet, dass er sie anrufen würde, nachdem sie ihm ihre Nummer auf den Arm geschrieben hatte. Am wenigsten jedoch hatte sie damit gerechnet, dass er einfach bei ihr zu Hause auftauchen würde. Und jetzt drohte er ihr mit seinen Anwälten … und starrte dabei die ganze Zeit auf ihren Mund. Hatte sie noch Krümel an den Lippen? Sie musste an die Kekse denken, die sie eilig genascht hatte.

Immerhin war sie nach ihrer kleinen Panikattacke vor wenigen Minuten wieder in der Lage, an Essen zu denken. Wie war sie überhaupt darauf gekommen, dass Rafael Kuragin frevelhafte Absichten haben könnte?

Vielleicht war es die Art gewesen, wie er sich an ihr vorbei ins Haus gedrängt hatte. Dass er ihr nicht erlaubt hatte, sich etwas überzuziehen, und ihren Körper mit diesem lüsternen Blick betrachtet hatte.

Nun ja, in der Hinsicht brauchte sie wohl keine Befürchtungen zu haben. Er war schließlich bekannt dafür, sich ausschließlich mit spindeldürren blonden Supermodels zu umgeben. Rose hingegen verfügte über Rundungen, wie die Natur sie eben für Frauen vorgesehen hatte. Es war wohl ihr Outfit, das ihn irgendwie erregt haben musste.

Da sie gezwungen war, sich relativ konservativ zu kleiden, gönnte sie sich zumindest den Luxus schöner Wäsche. Und sie konnte auch nicht abstreiten, dass sie sich ein klein wenig von Rafaels bewundernden Blicken geschmeichelt fühlte. Aber darüber wollte sie lieber nicht nachdenken. Ebenso wenig wie über ihre absurden Fantasien, dass er sie auf seinen Armen nach oben in ihr Schlafzimmer trug, um dort über sie herzufallen.

Verstohlen strich sie sich mit einer Hand über die Lippen, um etwaige Krümel wegzuwischen. Er ließ sie nicht aus den Augen, und Rose musste schlucken.

„Auf jeden Fall bin ich aufgrund Ihrer lächerlichen Anschuldigung aus dem Hotel eskortiert worden. Es war ziemlich peinlich für mich …“ Sie stockte. Wahrscheinlich interessierte es ihn nicht sonderlich, was sie dabei empfunden hatte.

„Ich bin mir sicher, dass Sie darüber hinwegkommen werden“, entgegnete er spöttisch.

„Sie kennen mich doch gar nicht“, fuhr sie ihn an. „Ich nehme mir manches durchaus sehr zu Herzen.“

Er warf ihr einen sonderbaren Blick zu, und für einen kurzen Moment dachte Rose, dass er ihre Aussage möglicherweise auf etwas anderes beziehen könnte. Etwas viel Persönlicheres.

„Das glaube ich Ihnen sogar, detka“, murmelte er und beobachtete, wie sie errötete. „Heute Nachmittag haben Sie mir aber alles andere als zimperlich gewirkt. Wie Sie meine Jungs umgarnt haben … Das hatte etwas ziemlich Berechnendes, finden Sie nicht?“

Rose blieb vor Überraschung der Mund offen stehen.

„Umgarnt? Was glauben Sie denn, was ich mit Ihren Jungs vorhatte?“

Sein harter Gesichtsausdruck sprach Bände. „Und außerdem …“, fuhr sie atemlos fort, „… hat Ihre Mutter Ihnen eigentlich gar keine Manieren beigebracht? Sie kommen hier einfach unangemeldet in mein Haus geschneit und geben mir zu verstehen, dass sie glauben, ich sei eine Nutte.“

Meine Mutter war viel zu sehr damit beschäftigt, sich zu Tode zu trinken, dachte Rafael verbittert. Bisher hatte es noch nie eine Frau gewagt, ihn wegen seiner Manieren zu kritisieren. Normalerweise konzentrierten sie sich ausschließlich darauf, um seine Aufmerksamkeit zu buhlen.

Gedankenverloren sah er Rose an. Vielleicht war er wirklich ein wenig zu hart zu ihr gewesen. Sie wirkte tatsächlich ziemlich verletzt. Heute Nachmittag hatte sie einen ganz anderen Eindruck auf ihn gemacht. Wieder ließ er seinen Blick über ihren Körper gleiten. Sie hatte wirklich eine unglaublich gute Figur, aber er zwang sich, den Gedanken zu verdrängen.

Und seine Spieler würden die Frau auch ganz schnell vergessen. Dafür würde er schon sorgen.

Es war eben ein Berufsrisiko für Frauen wie sie, dass man aus Hotels hinausgeworfen wurde. Wie alt mochte sie wohl sein. Einundzwanzig? Zweiundzwanzig? Noch sah man ihr ihren Lebenswandel nicht an …

„Sind Sie nicht ein bisschen zu alt für solche Groupie-Taktiken?“

Rose verkrampfte sich. Was sollte das denn jetzt?

„Ich bin sechsundzwanzig“, entgegnete sie kühl. Und bereute es im gleichen Moment, überhaupt eine persönliche Information über sich preisgegeben zu haben.

„Na, dann sind Sie ja älter als der Großteil meiner Spieler.“

„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, worauf Sie hinauswollen“, sagte sie und verdrehte die Augen. „Ich will nicht mit Ihren Spielern schlafen, falls Sie das denken sollten. Ich will nur mit ihnen ausgehen.“ Nein, das stimmte eigentlich gar nicht. „Ich meine, ich …“

„Moment mal“, unterbrach er sie. „Sie wollen sagen, Sie sind ins Dorrington gekommen, um mit den Spielern eines Eishockeyteams auszugehen? Wollen Sie mich veräppeln?“

Rose warf ihm einen verächtlichen Blick zu. „Ja“, entgegnete sie knapp. „Ich möchte mit zwölf Eliteathleten ausgehen. Das war schon immer ein Traum von mir.“

Rafaels Lippen umspielte ein Lächeln. Und für einen Augenblick vergaß Rose, dass er in ihr Haus eingedrungen war und sie mit diesen absurden Anschuldigungen beleidigt hatte. Sein Lächeln ließ sie für kurze Zeit alles vergessen.

Eigentlich war es sogar irgendwie cool, dass er hier war. Wie viele Frauen träumten davon, mit Rafael Kuragin allein zu sein? Sie würde schon mit ihm fertig werden. Er versuchte bloß, sie ein bisschen einzuschüchtern. Und das war ihm ziemlich gut gelungen.

Aber die Zeiten, wo sie sich von anderen herumschubsen ließ, waren vorbei. Vor einigen Jahren, da hatte sie sich noch alles von einem Mann vorschreiben lassen. Doch nun bestimmte sie selbst, wo es in ihrem Leben langging. Und vielleicht war es auch gar kein so schlechtes Zeichen, dass man sie mittlerweile als Femme fatale sah. Und nicht mehr als die schüchterne graue Maus, die sie mal war. Rafael Kuragin schien jedenfalls überzeugt davon zu sein, dass sie in der Lage war, gut aussehende junge Männer auf Abwege zu führen.

Rose schüttelte den Kopf. Was für ein Unsinn. Sie war vielleicht ein wenig aufdringlich gegenüber den Jungs gewesen. Schließlich hatte sie etwas erreichen wollen.

„Ich betreibe eine Partnervermittlung“, erklärte sie seufzend. „Ich wollte den Spielern Dates verschaffen.“

Rafael Kuragin sah sie bloß an und schwieg. Bis Rose spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Schließlich konnte sie seinen Blick nicht mehr ertragen und fuhr Rafael an: „Warum starren Sie mich so an?“

„Die Jungs brauchen Ihre Hilfe nicht, detka.“

„Das ist mir schon klar“, entgegnete sie. „Mir geht es auch bloß um die Publicity.“

„Natürlich, ich verstehe“, meinte er voller Sarkasmus.

„Was soll das denn jetzt heißen?“, entfuhr es ihr aufgebracht. „Sie tauchen hier einfach auf, unterstellen mir irgendwelche haarsträubenden Absichten, erlauben es nicht, dass ich mir etwas überziehe …“ Sie brach ab, als sie merkte, wie ihre Stimme zitterte.

Sie sah ein seltsames Funkeln in seinen Augen und dachte, er wollte etwas sagen, doch er beobachtete sie bloß.

„Ich würde jetzt gern etwas essen und dann schlafen gehen, wenn es Ihnen nichts ausmacht …“, murmelte sie und wich seinem Blick aus.

Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie es wohl wäre, wenn Rafael Kuragin neben ihr im Bett liegen würde. Schnell verdrängte sie den Gedanken wieder.

„Vielleicht ist das ja so üblich bei Ihnen in Russland …“, fuhr sie fort. „Meine Russlandkenntnisse beschränken sich auf Doktor Schiwago. In Kanada ist es jedenfalls nicht üblich, unangemeldet bei einer fremden Frau aufzutauchen.“

„Ach, und nun haben Sie sich überlegt, Ihre Russlandkenntnisse mithilfe meiner Jungs etwas zu erweitern, oder wie?“, fragte er, ohne eine Miene zu verziehen.

„Ich weiß, Sie glauben mir nicht. Aber davon ganz abgesehen denke ich, Ihre Spieler sind alt genug, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.“

„Nicht solange sie unter Vertrag stehen, detka.“

Das war’s dann also. Ihr Traum war zerplatzt. Rose holte tief Luft und bemühte sich, ihre Enttäuschung zu verbergen. Immerhin habe ich es versucht, tröstete sie sich. Auch wenn sie vermutlich nicht alles richtig gemacht hatte. Es war ihr Leben, und sie hatte endlich begonnen, ihre eigenen Entscheidungen zu fällen.

Vielleicht war sie etwas zu leidenschaftlich vorgegangen. Angeblich hatte sie diese Eigenschaft von ihrer Mutter geerbt. Aber das machte nichts. Von jetzt an würde sie sich selbst treu sein. Und auf ihre Intuition vertrauen. Auch wenn sie dadurch mal in Schwierigkeiten geraten würde.

Sie musste an Bill Hilliger denken, ihren Exverlobten aus Houston, und daran, wie ausgeliefert sie sich die vier Jahre mit ihm gefühlt hatte. So etwas würde ihr nicht noch einmal passieren. Sie hoffte, ihre Mutter würde stolz auf sie sein, dass sie endlich zu sich selbst gefunden hatte. Und sie würde verstehen, dass sie Abstand von ihrem Vater und ihren Brüdern brauchte, um endlich ihr eigenes Leben führen zu können. Dafür war sie bis nach Kanada gegangen. Und wenn das bedeutete, dass sie sich nun mit einem Rafael Kuragin auseinandersetzen musste, dann war das eben so.

Sie hatte ihn angelogen, was ihre Russlandkenntnisse anging. Sie hatte auf dem College ein halbes Jahr Russisch gelernt. Darum wusste sie auch, was detka hieß. Es hieß Baby. So nach dem Motto: Du bist bloß ein kleines Mädchen und hast sowieso keine Ahnung. Er war echt ein Idiot. Sie hasste solche Typen. Sie mochte Männer, die einer Frau mit Respekt begegneten.

Dieser Mann hier, mit seinen Milliarden, seinen Blondinen und seinem Jetset-Leben hatte keine Ahnung, wie man mit einem netten Mädchen umging. Wobei – er sah sie ja gar nicht als nettes Mädchen. Er dachte ja, sie sei eine Hure, die seine jungen Spieler um den Finger wickeln wollte.

Sie hatte genug. Genug von diesem Mann. Und genug davon, von ihm behandelt zu werden wie ein Stück Dreck.

Es klingelte an der Tür.

Rafael sprang auf.

„Sie bleiben hier“, befahl er ihr in einem Ton, der keine Widerrede duldete.

Verdammt noch mal, sie konnte ja wohl noch selbst die Tür aufmachen! Andererseits war das ihre Chance. Während sie Rafael mit dem Pizzaboten reden hörte, eilte sie zwei Stufen auf einmal nehmend hoch in ihr Schlafzimmer. Hastig wühlte sie in ihrem Schrank, bis sie etwas einigermaßen Hübsches gefunden hatte. Sie wollte nicht darüber nachdenken, warum sie nicht einfach ihre gemütliche Yogahose und ein Sweatshirt überzog. Es ging schließlich um Rafael Kuragin. Jede Frau würde hübsch aussehen wollen für ihn.

Entschlossen griff sie nach einem blauen Baumwollkleid mit weißen Punkten. Es betonte ihre Figur, war aber nicht zu weit ausgeschnitten. Dazu zog sie eine hübsche blassgelbe Strickjacke über. Schnell trug sie noch etwas Lippenstift auf und fuhr sich mit der Bürste durchs Haar. Das musste reichen. Würde sie ihr Haar jetzt noch föhnen, würde er bloß denken, sie wollte irgendwie seine Aufmerksamkeit erregen.

Und das wollte sie ja gar nicht. Sie hatte sich bloß etwas Ordentliches anziehen wollen. Um ihm zu beweisen, dass sie nicht irgendein billiges Flittchen war, das seinen Jungs zu nahekommen könnte.

Bevor sie die Treppe wieder runterging, holte sie tief Luft. Es war völlig in Ordnung, sich kurz zurechtzumachen, wenn man einen männlichen Besucher hatte. Er würde ihr Verhalten nicht falsch interpretieren. Außerdem zogen alle Frauen ihren Lippenstift nach, wenn sie einen Moment für sich hatten.

Der Spritzer Parfüm war vielleicht etwas übertrieben gewesen.

Rafael war in ihrer Küche. Sie war kurz verwundert, ihn dort zu finden. Auf der Arbeitsplatte stand ein Teller, und ihre Kühlschranktür war weit offen.

„Haben Sie zufällig Bier da?“, erkundigte er sich, bevor er wieder mit dem Kopf in ihrem Kühlschrank verschwand.

Rose schluckte und bemühte sich, ihn nicht so auffällig anzustarren. Warum ließ sie es zu, dass er in ihrer Küche herumwühlte?

„Ich hab bloß Wein da“, hörte sie sich wie aus weiter Ferne antworten. „Oder Cola.“

Eigentlich war die Küche zu klein für zwei Personen. Und wenn eine davon dann auch noch ein muskulöser Hüne war, wurde es erst recht eng. Sie wusste nicht so recht, wie sie ihm ausweichen sollte. Also presste sie sich gegen die Arbeitsplatte, bis sie spürte, wie der Griff der Schublade sich in ihren Rücken drückte.

„Gläser?“, erkundigte er sich und richtete sich wieder auf.

Rose brachte kaum ein Wort heraus, als er sie aus seinen grauen Augen wieder so intensiv ansah. Gleich würde er etwas zu ihrem Outfit sagen.

Vielleicht war er auch enttäuscht. Vielleicht hatte sie ihm in ihrem Morgenmantel und der Spitzenunterwäsche viel besser gefallen. Sie war es gewöhnt, dass Männer ihr hinterhersahen. Sie konnte keine Straße entlanglaufen, ohne dass nicht mindestens einer ihr hinterherpfiff oder sich nach ihr umdrehte. Sie wusste, es lag an ihrer überdurchschnittlichen Oberweite. Deswegen achtete sie normalerweise darauf, nichts allzu Enges zu tragen, um nicht zu viel Aufsehen zu erregen.

Dennoch war sie nicht auf Rafael Kuragins Reaktion vorbereitet. Er schien den Blick gar nicht mehr von ihr abwenden zu wollen.

„Im Schrank über Ihnen“, erklärte sie.

Herrje, kann er jetzt endlich mal aufhören, mich so anzustarren?

„Ich mache das“, kam sie ihm zuvor und griff an seinem Kopf vorbei, um den Schrank zu öffnen.

„Sie betreiben also tatsächlich eine Partnervermittlung?“, fragte er schließlich mit rauer Stimme.

„Ja, das sagte ich doch bereits“, erwiderte sie. „Sie heißt Date ins Glück.“

Aus irgendeinem Grund löste seine plötzliche leichte Unsicherheit etwas in ihr aus. Sie konnte wieder frei atmen und ihm offen in die Augen sehen.

Doch das war ein Fehler, denn es ließ sie ihre Nähe überdeutlich wahrnehmen. Schnell holte sie die Gläser aus dem Schrank und streifte dabei versehentlich mit ihrer Brust seinen Arm. Hitze schoss bei dieser Berührung durch ihren Körper und ihre Brustwarzen wurden ganz hart.

Hastig trat sie einen Schritt zurück und stellte die Gläser mit einem leisen Klirren auf der Arbeitsfläche ab. Sie brauchte dringend etwas Abstand von ihm.

„Ich bin ins Dorrington Hotel gekommen, um eine Werbeaktion für meine Agentur zu organisieren“, erklärte sie und hoffte, dass er sie richtig verstand. Irgendwie war es ihr wichtig, dass er nicht schlecht von ihr dachte.

„Eine Werbeaktion?“, wiederholte er fragend. Doch Rose hatte den Eindruck, dass er gar nicht bei der Sache war.

Es entging ihr nicht, dass er sie immer noch betrachtete – ihr Haar, ihren Mund, ihre nackten Beine unter dem Kleid. Er schien sich regelrecht von ihr losreißen zu müssen, als sie ihm die Flasche Wein entgegenhielt, damit er sich das Etikett ansehen konnte.

Wie schäbig ihm das alles hier vorkommen musste. Das Haus, der Wein, sie …

„Es ist nur ein Supermarktwein“, erklärte sie entschuldigend. Unwillkürlich musste sie an ihr altes Leben denken. Ihr Leben in Houston. Damals, als sie nie gut genug für Bill und seine feine Familie gewesen war. Von solchen Gefühlen hatte sie gründlich die Nase voll. Sie hatte überhaupt keinen Grund, sich für irgendetwas zu schämen. Und jetzt würde sie es genießen, mit dem berühmten Rafael Kuragin einen Wein zu trinken.

Rafael runzelte die Stirn und griff in seine Hosentasche, um sein Handy herauszuziehen. Erstaunt beobachtete Rose, wie er ein paar Nummern eintippte.

„Was machen Sie?“

„Ich organisiere uns etwas zu Essen. Ich glaube, wir haben Besseres verdient als Pizza und billigen Wein, detka. Meinen Sie nicht?“ Er lächelte. „Im Übrigen finde ich, dass wir uns duzen sollten. Ich bin Rafael …“

„Sie … Du bestellst einen Tisch? Für uns beide?“

„Ja. Hast du ein Problem damit?“, fragte er und sah sie herausfordernd an.

Hatte er ihr nicht noch vor einer halben Stunde mit seinen Anwälten gedroht? Und jetzt wollte er gemeinsam mit ihr zu Abend essen? Und bot ihr das Du an?

„Ähm, also ich denke, das ist okay … Ich bin Rose …“, murmelte sie und mied seinen Blick, während sie mit dem nackten Zeh imaginäre Kreise auf den Fliesenboden malte.

Das ist ja fast, als hätten wir ein Date, schoss es ihr durch den Kopf.

Hör schon auf, Rose.

„Ich kenne ein nettes Restaurant hier in der Nähe, wo wir uns entspannt unterhalten können“, fuhr Rafael fort.

Rose bemühte sich, ruhig zu bleiben. Das hier war so viel mehr, als sie sich von ihrem Auftritt bei der Pressekonferenz im Dorrington erhofft hatte.

Im nächsten Moment spürte sie seine große Hand auf ihrer Schulter und ließ sich von ihm in den Flur führen. Er schien es gewohnt zu sein, dass man ihm nicht widersprach. Seltsamerweise gefiel ihr seine bestimmende Art sogar.

„Wir gehen also aus?“, fragte sie, um sich noch einmal zu vergewissern, dass sie ihn richtig verstanden hatte.

„Ja, oder hast du damit ein Problem?“

„Nein, natürlich nicht“, versicherte sie ihm wider besseren Wissens.

„Dann kannst du mir ein wenig über dein Geschäft erzählen …“, fuhr er fort, und seine sexy tiefe Stimme mit dem russischen Akzent weckte eine sonderbare Sehnsucht in Rose.

„Das mache ich gern.“

Sie lächelte.

Rafael Kuragin hatte offenbar keine Ahnung von texanischen Frauen. Wenn man ihnen den kleinen Finger reichte, nahmen sie die ganze Hand. Und ließen nicht mehr los.

Nun hatte Rose also ihr langersehntes Date.

4. KAPITEL

Endlich schien dieser Abend einen Sinn zu bekommen.

Am Nachmittag hatte Rose lediglich sein Interesse geweckt. Jetzt saß sie in seinem Auto. Er würde sie zum Abendessen einladen. Und in wenigen Stunden würde er ihren nackten Körper vor sich liegen sehen. Aller Wahrscheinlichkeit nach.

Alles, was ihm noch vor wenigen Minuten seltsam irritierend vorgekommen war, passte mit einem Mal. Eine schöne Frau mit einer Mission … Jetzt, wo er wusste, worin diese Mission tatsächlich bestand, konnte er endlich anfangen, sich damit zu beschäftigen, was sie sonst noch so zu bieten hatte.

Und das war eine Menge.

Doch sie sah ihn an, als wollte sie sich noch einmal sein Gesicht einprägen. Weil er jeden Moment verschwinden könnte. Am liebsten hätte er ihr gesagt, dass sie sich da keine Sorgen zu machen brauchte. Er würde nicht von ihrer Seite weichen. Jedenfalls nicht bis morgen früh, wenn er ihr ein Taxi rief.

Versonnen betrachtete er ihr hübsches blaues Kleid. Es war klassisch geschnitten und enthüllte gerade so viel, dass man ihre Figur erahnen konnte. Dazu trug sie ein paar unauffällige Ohrringe und hatte die gelbe Strickjacke durch einen dunkelblauen Blazer ersetzt. Es war ein dezentes und unaufdringliches Outfit. Doch gerade in seiner Schlichtheit berührte es ihn irgendwie.

Wenn man mit einem Elite-Sportteam zu tun hatte, kam man automatisch mit schönen Frauen in Kontakt. Aber Rafael nutzte diese Tatsache nicht mehr aus. Und das war auch sicher nicht der Grund, warum er den Club gekauft hatte. Er hatte es aus persönlichen Gründen getan. Es war für ihn eine Möglichkeit, an seinen Wurzeln festzuhalten.

Frauen, die so wenig Selbstbewusstsein hatten, dass sie sich einem Mann an den Hals warfen, bloß weil er berühmt war, interessierten ihn nicht.

Rose war nicht so wie diese Frauen.

Sicher, sie war wegen ihres kleinen Hobbys oder Geschäftes oder was auch immer hinter seinen Jungs her. Aber es ging ihr nicht darum, sich selbst in Szene zu setzen. Als er sie vorhin auf dem Treppenabsatz hatte stehen sehen, in ihrem sexy Kleid, dem glänzenden Haar und den vollen Lippen, hatte er jegliches Misstrauen über Bord geworfen. Es war nicht zu übersehen, dass Rose sich Mühe gegeben hatte mit ihrem Outfit. Bestimmt war es ihr peinlich, dass er sie in ihrem tief ausgeschnittenen Morgenmantel gesehen hatte. Sie schien jedoch keine Ahnung zu haben, dass sie in diesem Kleid noch viel aufregender wirkte.

Normalerweise zogen die Frauen ein paar Kleidungsstücke aus, wenn sie seine Aufmerksamkeit erregen wollten. Rose hingegen hatte es geschafft, ihn zu beeindrucken, indem sie sich angezogen hatte.

Vor langer Zeit einmal hatte er von Mädchen wie ihr geträumt. Damals, in der kleinen Bergbaustadt im Ural, wo er aufgewachsen war. Zu dem Zeitpunkt hatte er keine Chance gehabt bei diesen wohlerzogenen Töchtern aus gutem Hause.

Irgendetwas beunruhigte ihn. Als er kurz zu ihr rüber sah, fing er ihren Blick auf. Eine hübsche und nette junge Frau aus der Mittelschicht, die sich von ihm zum Essen ausführen ließ.

Jemand musste sie warnen.

Vielleicht würde er ihr kein Taxi rufen. Nein, auf keinen Fall. Er würde sie höchstpersönlich nach Hause fahren.

Damit wäre das auch geklärt. Er wartete darauf, dass sich seine merkwürdige Anspannung lösen würde. Doch das tat sie nicht.

Eigentlich kannte er keinerlei Skrupel, wenn es darum ging, sich mit Frauen einzulassen, die sich von ihrer Liaison einen Vorteil erhofften. Angestrengt versuchte er, an etwas anderes zu denken. Etwas, das nicht weich und warm war und ihm ein schlechtes Gewissen machte – seine Termine für den nächsten Tag. Morgen früh um 5:00 Uhr hatte er eine Telefonkonferenz mit Südostasien, die etwa zwei Stunden dauern würde. Dann würde er mit Vertretern der kanadischen Eishockey-Liga frühstücken. Anschließend würde er sich um die rechtlichen Angelegenheiten für die Sazanov-Brüder kümmern, die wegen Drogenbesitzes verhaftet worden waren – das durfte die Presse auf keinen Fall erfahren. Am späten Nachmittag würde er sich das letzte Trainingsspiel vor dem großen Match gegen Kanada am Freitag ansehen.

Und jetzt würde er den Abend genießen. Die Fahrt in dem geliehenen Ferrari, die Tatsache, dass neben ihm eine schöne Frau saß. Er würde sie zum Essen ausführen und sich anschließend ausgiebig ihrem Körper widmen.

Wieder fing er ihren neugierigen Blick von der Seite auf und lächelte in sich hinein.

Wenn du deine Karten richtig ausspielst, Baby, dann bin ich heute Nacht dein Prinz.

Rose hatte noch nie in einem Ferrari gesessen. Es fühlte sich an, als glitten sie nur ganz knapp über dem Asphalt dahin. Rafael steuerte den Wagen mit solch einer mühelosen Leichtigkeit, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan. Sie musste lächeln – typisch männliches Imponiergehabe.

Dabei hatte sie bereits die Tatsache beeindruckt, dass er einfach bei ihr aufgetaucht war. So schnell würde sie es sicher nicht vergessen, hautnah mit dem berühmten russischen Playboy in ihrer Küche gestanden zu haben. Irgendwie hatte es sie sogar ein bisschen angemacht, dass er ihr unlautere Motive unterstellt hatte, was ihre Anwesenheit bei der Pressekonferenz anging.

Sie hatte schon lange keinen Mann mehr als Herausforderung empfunden und es ziemlich vermisst. Nach ihrer Erfahrung mit ihrem damaligen Verlobten reagierte sie sehr sensibel auf Männer, die ihr ihren Willen aufzwingen wollten. Aber das Gefühl vermittelte Rafael ihr nicht. Er war bloß unglaublich selbstbewusst. Man bekam den Eindruck, dass er dachte, die Welt drehe sich ausschließlich um ihn.

Nun ja, sie konnte sich ja jederzeit ein Taxi bestellen, falls der Abend irgendwie unangenehm werden sollte. Nicht, dass sie glaubte, es würde irgendetwas passieren zwischen ihnen. Ein Mann wie er, mit diesem Aussehen, dem Reichtum und der Macht, wollte nichts von Mädchen wie ihr.

Rose unterdrückte einen kleinen Seufzer. Sie durfte in den heutigen Abend nichts hineindeuten. Rafael Kuragin würde niemals ihretwegen in Toronto bleiben. Er war bloß wegen seines Teams hier. Und sie musste die Werbetrommel für ihr Unternehmen rühren. Dabei konnte er ihr helfen. Sie verband nichts weiter als eine rein geschäftliche Angelegenheit.

Zwanzig Minuten später musste sie sich zusammenreißen, um sich vor lauter Entzücken nicht zu blamieren. Das Restaurant, in das er sie geführt hatte, befand sich im fünfundsiebzigsten Stock eines berühmten Gebäudes. Rose hatte erst vor Kurzem in einem Magazin darüber gelesen. Sie hätte jedoch nie gedacht, jemals hierher zum Dinner eingeladen zu werden.

„Weißt du, Rafael, du hättest mich auch einfach fragen können“, sagte sie mit einem kleinen Lächeln, während sie sich setzten.

„Fragen?“ Rafael zog die Augenbrauen hoch und beugte sich ein wenig vor.

„Ob ich mit dir zu Abend essen möchte.“

„Meinst du, ich bin deswegen zu dir gekommen?“

„Warum sonst?“

Er schwieg eine Weile und schien nachzudenken.

„Es tut mir leid, dass ich dir diese Dinge unterstellt habe“, räumte er schließlich ein. Seine Stimme klang rau und dunkel.

„Hast du mir etwas unterstellt? Das war mir gar nicht bewusst.“ Unschuldig lächelte sie ihn an. „Ach, spielst du auf den Kommentar wegen des Groupies an? Tut mir leid, wenn ich dich enttäuschen muss, aber an Sport bin ich etwa so interessiert wie du an der Farbe meines Lippenstiftes.“

„Na, da bin ich mir nicht so sicher, ich könnte ein großes Interesse dafür entwickeln“, erwiderte er verführerisch und beugte sich noch weiter zu ihr herüber. Sie war sich seiner Nähe plötzlich erneut überdeutlich bewusst und fühlte sich leicht benommen.

Rose war normalerweise nicht verlegen, wenn es ums Flirten ging. Aber mit Männern wie ihm hatte sie keinerlei Erfahrungen. Und sie war sich auch nicht sicher, ob Flirten bei ihm der richtige Weg war, um an ihr Ziel zu kommen. Wobei sie sich im Moment nicht einmal mehr im Klaren darüber war, welches Ziel sie eigentlich verfolgte.

Endlich lehnte Rafael sich zurück und gab bei dem Kellner ihre Bestellung auf. Rose war dankbar für die schummrige Beleuchtung im Restaurant. Denn so hatte Rafael vielleicht nicht bemerkt, wie empfänglich sie auf seine Ausstrahlung reagierte.

„Du möchtest also etwas über mein Geschäft erfahren?“

„Unbedingt“, antwortete er und lächelte sie herausfordernd an.

Rose erwiderte sein Lächeln.

„Ich hatte mir überlegt, mit einem oder zwei deiner Spieler einen Werbefilm für meine Agentur zu drehen.“

„Und du hast nicht daran gedacht, zuerst unsere PR-Leute anzusprechen?“, fragte er stirnrunzelnd.

Rose zog die Augenbrauen hoch.

„Meinst du etwa, das hätte funktioniert?“

Er zuckte die Schultern. Eine Geste, die ihr bestätigte, dass er es nicht gewohnt war, sich um unbedeutenden Kleinkram zu kümmern.

„Warum bist du heute Abend zu mir gekommen?“ Ja, platz einfach damit raus, Rose!

Er schien etwas sagen zu wollen und schüttelte dann lächelnd den Kopf. So als hätte ihn sein eigener Gedanke amüsiert.

„Mein Sicherheitsteam hat mir deinen Blog gezeigt“, erklärte er schließlich.

Angestrengt versuchte Rose, sich zu erinnern, was sie geschrieben hatte.

„Es hat mich etwas beunruhigt“, fuhr er fort. „Deswegen wollte ich herausfinden, was du vorhast.“

Rose sah ihn ausdruckslos an.

„Ich verstehe nicht, warum du dir Sorgen gemacht hast. Es war doch alles bloß ein großer Spaß.“

„War es das, Rose?“

Mit einem Mal wirkte er angespannt. Es entging ihr nicht, wie scharf er sie beobachtete.

„Mein Blog hat dich also alarmiert“, sagte sie langsam.

„Sagen wir, du hast da ein paar Dinge geschrieben, von denen ich nicht möchte, dass die Medien darauf aufmerksam werden. Aber ich glaube dir, dass du wirklich bloß eine Partnervermittlung betreibst, Rose“, versicherte er ihr.

„Geht es um die Brüder Sazanov?“

Er zuckte die Schultern.

„Es ist nicht mehr wichtig. Meine Leute haben sich darum gekümmert.“

Sie warf ihm einen überraschten Blick zu.

„Warum bist du dann trotzdem zu mir gekommen?“

Rafael trommelte mit den Fingern auf dem Tisch.

„Weil sich erwachsene Männer manchmal wie kleine Jungs verhalten, dushka.“

Roses Herz machte einen Satz. Was hatte er da gerade gesagt? Meinte er damit etwa, dass er auf sie stand? Dass er sie wiedersehen wollte?

„Du wolltest mich sehen?“, fragte sie und räusperte sich. Sie war plötzlich ganz heiser.

„Ja …“ Er wirkte kein bisschen verlegen. „Weißt du, ich treffe andauernd schöne Frauen. Und die meisten geben mir auch früher oder später ihre Telefonnummer. Du hast es allerdings auf eine sehr ungewöhnliche Art gemacht.“

Rose versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Das war alles?

„Und dann hab ich herausgefunden, dass du mit den anderen Spielern das Gleiche gemacht hast. Da war ich …“ Er zögerte. „… irgendwie enttäuscht.“

„Ah ja.“

Sie wollte irgendetwas Witziges hinterherschieben, doch ihr Kopf war völlig leer.

„Außerdem war ich mir über deine Motive nicht im Klaren und deshalb etwas beunruhigt.“ Er lächelte flüchtig. „Und als meine Sicherheitsleute dich ausfindig gemacht haben, beschloss ich, mich persönlich um die Sache zu kümmern. Aber eigentlich ging es mir vor allem darum, dich wiederzusehen.“

Rose nahm hastig einen Schluck Champagner.

„Ich verstehe“, entgegnete sie ein wenig atemlos.

„Ich bin froh, dass es so gelaufen ist“, fuhr er fort. „Es wäre ja auch zu schade gewesen, wenn nicht ich, sondern ein Mitarbeiter meines Sicherheitsteams dich in deiner Nachtwäsche angetroffen hätte.“

Rose spürte, wie sie bei seinen Worten errötete.

„Trägst du das im Bett?“, fragte er und lächelte, als er sah, wie verlegen sie wurde. „Auch, wenn du ganz allein bist?“

„Mmmmm …“

Rose bekam kein Wort über die Lippen.

„Was für eine Verschwendung.“ Er sah sie eindringlich an.

Als Rose mit zitternden Fingern nach ihrem Champagnerglas griff, warf sie es fast um und einige Tropfen liefen auf die Tischdecke. Bevor sie reagieren konnte, tupfte Rafael die Flecken schon mit seiner Serviette ab, ohne jedoch auch nur für eine Sekunde den Blick von Rose abzuwenden.

„Da fällt mir ein“, murmelte er mit seiner tiefen Stimme, deren Klang ihr jedes Mal heiße Schauer über den Rücken jagte. „Bist du eigentlich Single? Oder hast du einen Freund?“

Seit zwei Jahren war sie wohl eine der unabhängigsten Frauen in ganz Toronto. Und bis genau zu diesem Moment war sie davon überzeugt gewesen, dass sie das auch gar nicht ändern wollte.

„Nein, da ist niemand“, entgegnete sie verlegen. Jetzt dachte er sicher, sie wäre leicht zu haben.

„Ich muss zugeben, das freut mich“, sagte er lächelnd.

Er war so … fremdartig. Er brachte sie völlig aus dem Gleichgewicht. Waren sie nicht aus rein geschäftlichen Gründen hier? Und plötzlich ging es um Sex? Ja, es ging definitiv um Sex. Wie sonst sollte sie seine indiskrete Frage deuten?

Sie würde sich jedenfalls nicht durch solche Machosprüche über ihre Spitzenunterwäsche rumkriegen lassen. Er tat ja gerade so, als bräuchte sie dringend einen Mann, bloß weil sie solche Wäsche trug.

Leider fürchtete sie, dass er damit sogar recht hatte.

Jetzt reiß dich zusammen, Rose.

„Dass ich dir meine Telefonnummer auf den Arm geschrieben habe, ist sicher nicht der Grund, warum wir jetzt hier zusammen sitzen“, rechtfertigte sie sich. „Das habe ich schließlich bei all deinen Spielern gemacht.“

Er lachte. Und der Klang seines Lachens ließ sie dahinschmelzen. Unwillkürlich lehnte sie sich nach vorn, um Rafael näher zu sein. Eigentlich sollte sie besser versuchen, ein wenig Distanz zwischen ihnen zu schaffen. Um sich selbst zu schützen. Denn ihr war gerade bewusst geworden, dass sie in Gegenwart dieses Mannes leicht die Kontrolle über sich verlieren könnte.

„Richtig“, entgegnete er und lächelte. „Ich bin hier, weil du eine unglaublich schöne Frau bist. Und aus genau diesem Grund haben meine Spieler die Anweisung erhalten, dich nicht anzurufen.“

Sie war was? Was hatte er da gerade über sie gesagt? Und warum durften seine Spieler sie nicht anrufen?

„Du setzt deine Weiblichkeit sehr gezielt ein“, fuhr er fort und sah sie durch seine gesenkten Lider hindurch an. Das Gespräch schien ihn anzumachen. „Ich will mich darüber aber gar nicht beschweren.“

Rose wusste nicht mehr, was sie denken sollte. Ihr schwirrte der Kopf. Sie fühlte sich von ihm zugleich geschmeichelt und abgestoßen. Eines war jedenfalls sicher. Sie hatte nicht vorgehabt, Rafael Kuragins Spieler zu verführen. Und wenn die Spieler nun die Anweisung erhalten hatten, sie nicht anzurufen, dann bedeutete das, dass der ganze Nachmittag umsonst gewesen war.

„Du hast die Spieler gebeten, mich nicht anzurufen?“

Er zuckte die Schultern.

„Das überrascht dich doch nicht wirklich, Rose, oder?“

Doch, das tat es.

„Was soll das Ganze dann? Warum sitzen wir hier zusammen?“, fragte sie verärgert.

„Ich bin heute Abend zu dir gefahren, weil ich dich zur Rede stellen wollte.“ Er sagte es so, als müsste ihr das völlig klar sein. „Und als ich feststellen musste, dass du nicht das bist, was ich vermutet habe, wollte ich den angebrochenen Abend nicht ungenutzt verstreichen lassen.“

Rose lachte bitter auf. Dieser Mann war wirklich unglaublich.

„Rose?“ Er klang besorgt.

Wie hatte sie nur so dumm sein können. Sie hatte sich auf ein gefährliches Spiel eingelassen, hatte es genossen, und ihre Fantasie war mit ihr durchgegangen. Sie hatte tatsächlich geglaubt, er könnte echtes Interesse an ihr haben. Doch nun wusste sie, woran sie war – und sie hatte nichts erreicht.

Rose fühlte sich zurückversetzt in ihre Zeit in Houston, als jeder Hoffnungsschimmer auf ein bisschen Eigenständigkeit sofort zunichte gemacht wurde. Jede Entscheidung, die sie für sich getroffen hatte, untergraben wurde.

„Ich muss hier raus“, murmelte sie. Ihr war nicht einmal klar, dass sie die Worte laut ausgesprochen hatte, bis sie sah, wie Rafael sich vom Tisch erhob. Schnell griff sie nach ihrer Handtasche. „Ich muss morgen früh aufstehen“, erklärte sie. „Und ich muss mich darum kümmern, den Werbespot für Date ins Glück neu zu planen.“

„Setz dich hin, Rose“, forderte er sie auf.

„Zur Hölle mit dir, Rafael!“, fuhr sie ihn an, warf ihr Haar über die Schulter und verließ hocherhobenen Hauptes das Restaurant.

5. KAPITEL

Rafael war kein Mann, der sich viele Gedanken machte. Aber selbst er musste zugeben, dass die letzten zehn Minuten ziemlich dumm gelaufen waren, und eilte Rose nach.

Er hatte bereits eingesehen, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er hätte, kaum dass Rose zu ihm in den Ferrari gestiegen war, mit ihr auf dem schnellsten Weg zu seinem Hotel fahren sollen. Noch besser wäre es gewesen, er hätte ihr direkt im Wagen Handschellen angelegt. Und in seiner Hotelsuite wäre der verbale Schlagabtausch schließlich in lustvolles Stöhnen übergegangen.

Jetzt hatte er nämlich das Nachsehen und musste ihr hinterherlaufen. Dummerweise hatte er darüber hinaus auch noch das Gefühl, dass ihm eine einzige Nacht mit ihr gar nicht genügen würde. Wer hätte gedacht, dass diese Frau so temperamentvoll sein könnte?

Nachdem Rose aus dem Restaurant gestürmt war, musste sie vor dem Aufzug warten. Wie ärgerlich! Warum hatte sie sich auch erst darauf eingelassen, im fünfundsiebzigsten Stockwerk zu essen? Sie gehörte ohnehin nicht hierher. All die vornehmen Leute, und dann diese Miniportionen, die sie einem servierten. Und die Kellner hier verdienten sicher auch noch weit mehr als sie.

Ungeduldig verschränkte sie die Arme vor der Brust und ging auf und ab. Sie beobachtete die Leuchtziffern, die anzeigten, in welchem Stockwerk der Aufzug gerade hielt. Am liebsten hätte sie auf irgendetwas eingeschlagen, so wütend war sie.

Sie kam einfach nicht mit diesem Typen klar. Vielleicht, weil er eben doch eine Nummer zu groß für sie war. Aber sie hatte ohnehin die Nase voll von diesen arroganten Machos. Der heutige Abend hatte ihr erneut bewiesen, dass sie sich von solchen Männern besser fernhielt.

Endlich öffneten sich die Aufzugtüren vor ihr, und sie betrat hastig die Kabine. Sie gestand es sich nur ungern ein, doch sie war enttäuscht, dass Rafael sie so einfach gehen ließ. Vielleicht hatte er keine Lust, ihr nachzulaufen. Jetzt, wo er wusste, dass ihr gemeinsamer Abend ohnehin nicht in seinem Bett enden würde.

Gerade wollte sie auf den Aufzugknopf drücken, als sich eine Hand über ihre legte und das Erdgeschoss wählte.

„Hey, was soll das denn?“, entfuhr es ihr, und sie trat einen Schritt zurück. Rose versuchte, wieder aus dem Aufzug auszusteigen, doch Rafael versperrte ihr mit seinem muskulösen Körper den Weg. Selbst mit ihren hohen Absätzen war sie gezwungen, den Kopf leicht in den Nacken zu legen, um ihn anzusehen. Manche Frau hätte sich in diesem Moment vielleicht von ihm bedroht gefühlt. Doch Rose war von einem anderen Schlag. Mit elf Jahren hatte sie bereits ihren ersten Bullen geritten. Und sie hatte sich immer gegen die Jungs zu verteidigen gewusst.

Angriffslustig funkelte sie ihn an.

„In diesem Aufzug ist nur Platz für eine Person, mein Lieber. Und das bist nicht du.“

„Ach ja?“, grollte er.

Die Türen schlossen sich. Sie war gefangen im Aufzug. Mit ihm.

Demonstrativ trat sie einen Schritt zurück, presste ihre Handtasche vor die Brust und sah starr geradeaus, als sei er gar nicht anwesend. Rafael hingegen musterte sie hemmungslos von oben bis unten.

„Wenn das hier das Vorspiel ist, detka, dann freue ich mich auf den Hauptakt.“

Was hast du gerade gesagt?“, brach sie ihr Schweigen.

„Normalerweise reicht mir ein Abendessen und eine nette Unterhaltung. Aber wenn du unbedingt ein Drama brauchst, um in Stimmung zu kommen, dann ist das völlig in Ordnung für mich.“

„In Stimmung kommen? Für was denn bitte?“, entgegnete sie spöttisch. „Ich werde mir jedenfalls gleich ein Taxi nehmen und nach Hause fahren. Ich weiß ja nicht, was du noch vorhast.“

Sie erwartete, dass er eine bissige Bemerkung von sich geben würde. So wie Männer es immer machten. Sie drehten einem das Wort im Mund um. Und brachten einen dazu, das zu sagen, was sie hören wollten.

Rafael tat nichts dergleichen. Stattdessen lachte er bloß leise. Und dieses Lachen war so sexy, dass Roses Knie ganz weich wurden. Da hatte sie sich was eingebrockt mit diesem Mann. Er war so unglaublich cool, so beherrscht und kontrolliert.

Warum zum Teufel wollte er ihr nur nicht helfen? Sie verlangte doch gar nicht viel. Bloß zwei seiner Spieler und eine Stunde ihrer Zeit. Sie würde sie sogar bezahlen.

Bezahlen? Wovon denn, Rose?

Nun ja, sie hoffte, die Spieler würden sich auch ohne Bezahlung bereit erklären. Es würde schließlich Spaß machen. Sie schmeichelte sich ein wenig bei ihnen ein, und dann würden sie sich breitschlagen lassen …

„Du hast echt Nerven, weißt du das?“, platzte sie heraus. „Erst schleppst du mich hierher und tust so, als wolltest du mit mir über mein Geschäft reden … Und dann versuchst du, mich mit deinem zweifelhaften Geflirte ins Bett zu kriegen!“

Die Aufzugtüren öffneten sich, und sie traten hinaus in die Lobby.

„Ich dachte, es würde dir gefallen, dushka“, entgegnete er ungerührt.

Rose konnte nicht mehr. Im nächsten Moment hatte sie die Hand erhoben und Rafael eine saftige Ohrfeige verpasst. Dann drehte sie sich um und stürmte auf den Ausgang zu.

Er hatte sie verletzt. Als er sie gefragt hatte, ob sie Single sei, hatte sie kurz geglaubt, er würde sie mögen. Oder zumindest Interesse an ihrer Person haben. Doch er war bloß darauf aus gewesen, mit ihr zu schlafen.

Auf solche Geschichten ließ sie sich nicht mehr ein. Das hatte sie hinter sich. Sie hätte doch wissen müssen, dass er nicht ihr Märchenprinz war. Sie hatte es eigentlich von Anfang an gewusst, schließlich kannte sie seinen Ruf. Wenn er sie nur nicht so angesehen hätte in der Küche. Und dann hatte er ihr beim Einsteigen ins Auto geholfen, als sei sie ganz zerbrechlich und müsste beschützt werden.

Dabei hatte die Erfahrung sie doch gelehrt, wie gefährlich es war, einem Mann zu vertrauen. Schließlich war sie vier Jahre lang mit einem verlobt gewesen, der ihr am Anfang den Himmel auf Erden versprochen und sie dann nur erniedrigt hatte.

Mittlerweile lebte sie sogar davon, Leuten dabei zu helfen, den Kopf einzuschalten, bevor sie ihr Herz an jemanden verloren. Auf ihrer Internetseite gab es jede Menge psychologischer Tests, die ihre Mitglieder ausfüllen mussten.

Und was tat sie? Ließ sich in einem Restaurant von einem bekannten Playboy verführen. Der lediglich auf der Durchreise war.

Und nun stand sie an der Straße und hielt verzweifelt nach einem Taxi Ausschau. Das hatte sie davon.

Rafael nickte dem Angestellten des Restaurants zu, der gerade seinen Ferrari vorgefahren hatte. Der junge Mann hatte einen seltsam sehnsüchtigen Ausdruck im Gesicht. Als seien ihm die Schlüssel zu seinem Traumwagen überreicht worden, und nun musste er sie zurückgeben.

„Warte noch einen Augenblick, Junge, ja?“

Langsam schlenderte er über den Parkplatz auf die Frau zu, die am Straßenrand wütend auf und ab ging.

In ihrem blauen Wollblazer mit dem hochgeschlagenen Kragen sah sie genauso weiblich aus wie einige Stunden zuvor, als sie in diesem hübschen Kleid im Türrahmen ihrer Küche gestanden hatte. Mit diesem unsicheren Ausdruck im Gesicht, als sei es äußerst ungewöhnlich, einen Mann zu sehen, der in ihrem Kühlschrank herumwühlte.

Es hatte etwas in ihm berührt. Etwas ganz Elementares. Und er hatte das dringende Bedürfnis verspürt, sich ihr zu erklären. Ihr zu versichern, dass er ein guter Mensch war. In der Hoffnung, dass sie ihn anlächeln würde.

Und nun sah er dieses Mädchen unglücklich und frierend am Straßenrand stehen. Weil er sie hierher und in diese Situation gebracht hatte. Zur Hölle mit ihm!

„Rose, steig in den Wagen. Ich bring dich nach Hause.“

Sie ignorierte ihn, wandte sich nicht einmal um.

„Du wirst nicht mit dem Taxi fahren.“ Er hatte mittlerweile herausgefunden, dass es ihr zu gefallen schien, wenn man ihr sagte, was sie tun sollte. „Lass es nicht so weit kommen, dass ich dich zum Auto trage.“

Empört fuhr sie herum und stützte die Hände in die Hüften.

„Was soll das denn heißen?“ Jetzt wirkte sie überhaupt nicht mehr unglücklich und hilflos. Sie sah aus, als würde sie jeden Moment platzen vor Wut. „Hast du jetzt gerade auf mein Gewicht angespielt?“

Rafael blickte sie bloß an. Sie sah wunderschön aus, wenn sie so wütend war. Er wusste gar nicht, was sie meinte mit dem Gewicht. Stattdessen ging er einfach auf sie zu, packte sie um die Taille und hob sie sich über die linke Schulter. Schnell trug er sie zu seinem Wagen, während sie wild protestierte und zappelte.

„Hörst du mir jetzt zu, Rose?“, fragte er, bevor er sie herunter ließ.

Sie antwortete nicht. Sie protestierte auch nicht. Er deutete es als gutes Zeichen und ließ sie langsam nach unten gleiten, bis ihre Füße den Boden erreichten. Zitternd blieb sie stehen und sah ihn an.

Vorsichtig nahm er ihr Gesicht in seine großen Hände.

„Ich hatte keine Ahnung, warum ich heute Abend durch die halbe Stadt zu dir gefahren bin, okay? Jedenfalls nicht bis zu dem Moment, als du die Tür geöffnet und in diesem verführerischen Outfit vor mir gestanden hast.“

Roses Knie drohten weich zu werden. Bis zu diesem Moment hatte sie gedacht, sie wüsste, was sexuelles Verlangen sei. Doch nun wurde ihr klar, dass sie keine Ahnung gehabt hatte.

Sein Blick glitt über ihr Gesicht.

„Du bist wunderschön“, flüsterte er und strich mit dem Daumen leicht über ihre Augenbrauen. „Ich wusste bis jetzt gar nicht, wie unglaublich sexy eine Frau mit ungezupften Augenbrauen aussehen kann.“ Er streichelte über ihre Wange. „Oder wie weich ihre Haut sein kann, wenn sie nicht mit Make-up zugekleistert ist. Und wie verführerisch ihre Lippen sein können, wenn sie nicht angemalt sind.“

Er ließ seinen Daumen auf ihrer Unterlippe ruhen.

Einen kurzen Moment lang war Rose versucht, ihm zu sagen, dass sie ihre Augenbrauen schon hin und wieder zupfte, dass sie Puder aufgetragen und ihre Lippen mit einem hellrosa Spezialstift angemalt hatte. Aber warum sollte ein Mädchen ihre ganzen Geheimnisse verraten?

Stattdessen folgte sie einem Impuls, der wohl so alt wie die Menschheit war, und öffnete ihre Lippen. Vorsichtig nahm sie seinen Daumen zwischen die Lippen, biss leicht zu und umspielte ihn mit ihrer Zunge.

In diesem Moment spürte sie, dass sie Rafael hatte. Seine dunklen Augen schienen die Farbe eines tiefen Ozeans angenommen zu haben, und sein Körper reagierte ganz offensichtlich auf Rose.

Da biss sie fester zu, und Rafael stieß einen leisen Fluch auf Russisch aus, als er seine Hand zurückzog.

Plötzlich hatte Rose Angst vor ihrer eigenen Courage. Doch wenn sie jetzt nicht für sich einstand, würde Rafael sie nie ernst nehmen. Außerdem wollte sie ihn unbedingt in seine Schranken verweisen.

„Das war’s von meiner Seite, Mr Milliardär. Weiter lasse ich dich nicht an mich heran. Denk daran, wenn du nachher in deinem kalten Bett liegst. Ich hoffe, damit ist die Sache zwischen uns geklärt.“

Er sah sie lange eindringlich an. „Ich hätte nicht gedacht, dass sich so viel Temperament hinter dieser strahlenden Schönheit verbirgt“, murmelte er langsam und lachte. „Und weißt du was? Ich bin fast versucht, dir deinen Wunsch einfach zu erfüllen, weil es im Grunde keine große Sache für mich wäre. Aber ich genieße das Feuerwerk zwischen uns zu sehr, um jetzt schon nachzugeben.“

Empört stieß Rose ihn von sich.

Doch er ließ sie nicht aus den Augen. Und sie bildete sich ein, etwas in seinem Blick erkennen zu können, was vorher nicht dagewesen war. Respekt.

„Ich fahre dich jetzt nach Hause, Rose“, erklärte er.

Sie zuckte die Schultern. Mittlerweile war ihr alles egal. Sollte er sie doch nach Hause bringen, wenn er sich dann besser fühlte. Er wusste, was er ihr angetan hatte. Und sie wusste, sie würde ihn nach dem heutigen Abend nie wieder sehen.

6. KAPITEL

Rafael saß mit verschränkten Armen in der VIP-Kabine und sah sich das letzte Trainingsspiel vor dem Finale am Freitagabend an. Am Samstag würde die Mannschaft sich auf den Weg nach Montreal machen, und er würde zurück nach Moskau fliegen.

Mit Moskau verband ihn eigentlich nichts, außer, dass er dort ein Apartment besaß. Es würde sehr entspannend sein, für ein paar Tage mal nicht in der Öffentlichkeit zu stehen. Es fanden lediglich ein paar Konferenzen mit dem neuen Vorstand statt. Außerdem hatte er sich etwas weibliche Gesellschaft organisiert. Als die Dame jedoch gestern Nacht auf seinem Handy angerufen hatte, war er nicht rangegangen. Obwohl er Rose längst nach Hause gefahren hatte.

Er war mit seinen Gedanken woanders gewesen.

Nachdem er die eisig schweigende Rose bis zu ihrem Haus begleitet hatte, war ihm die Tür vor der Nase zugeknallt worden. Das war eine ganz neue Erfahrung für ihn. In der Dunkelheit stehend, beobachtete er, wie im oberen Stockwerk ihres Hauses das Licht anging. Und erst als ein misstrauischer Jogger ihn ansprach, was er dort tat, wurde Rafael klar, dass er die Frage selbst nicht beantworten konnte.

Doch was war eigentlich mit dieser Nachbarschaft los? Wieso schienen alle Leute so um Roses Wohlergehen besorgt zu sein?

„Ich hab nur gerade eine Lady nach Haus gebracht“, erklärte er. Irgendwie beruhigte es ihn, dass Rose hier offensichtlich in einer sicheren Gegend wohnte.

„Rose Harkness?“, fragte der Jogger. „Nettes Mädchen.“

„Ja, das habe ich schon mal gehört.“

Als Rafael sein Hotel fast erreicht hatte, summte er Ravels Boléro vor sich hin.

Er wusste nun, wie er Rose kriegen konnte, auch wenn er dabei äußerstes Fingerspitzengefühl beweisen musste. Er hatte auf dem Rückweg bereits mit einigen der Jungs gesprochen. Rykov und Lieven hatten sich bereit erklärt, bei ihrem kleinen Werbespot mitzumachen. Zusätzlich ließ er ihr vierundzwanzig gelbe Rosen schicken. Und buchte ein Haus mit Seeblick und Koch. Für die Unterhaltung würde er am Abend natürlich selbst sorgen.

Er konnte ihr genau zwei Nächte bieten. Und diese beiden Nächte würde er so gut wie möglich nutzen.

Doch erst musste er sie anrufen. Oder vielleicht war es besser, wenn er sie persönlich sprach. Sonst würde sie ihm nur wieder ausweichen. Wenn ihr Werbespot mit den Wölfe-Spielern erst mal im Kasten war, würde sie gute Laune haben. Und dann würde er auftauchen und ihr ein nettes Angebot machen. Und sich anschließend an ihrem heißen Körper wärmen.

Er ignorierte die Stimme in seinem Kopf, die ihm sagte, die Sache besser zu vergessen. Sein Lebensstil passte nicht zu einem anständigen Mädchen wie ihr.

Er hatte eine schwierige Kindheit gehabt. Damals, in der kleinen Bergbaustadt im Ural, im tiefsten Russland. Er war der Sohn einer unverheirateten Frau, die kurz nach seiner Geburt wieder bei ihren Eltern vor der Tür gestanden hatte. Sie hatte nicht einmal gewusst, wer der Vater war. Seine Großmutter hatte ihn immer spüren lassen, wie sehr er in ihrer Schuld stand. Sie hatten ihn nicht gewollt. Und seine Mutter hatte nur getrunken. Sie war an einem Leberleiden gestorben, als er fünfzehn war. Und er geriet damals völlig außer Rand und Band. Hatte sich von niemandem etwas sagen lassen und nur Blödsinn gemacht. Sein sportlicher Körper und sein scharfer Verstand waren sein Kapital gewesen. Es hatte sich vor allem bei den Diebstählen und Betrügereien als äußerst wertvoll erwiesen.

Pavel Ignatieff, der örtliche Eishockeytrainer, hatte Rafaels Talent, mit Schläger und Puck umzugehen, sofort erkannt. Als Rafael sechzehn war, hatte sich somit sein ganzes Leben verändert. Seine Großeltern waren erleichtert, ihn los zu sein. Und er hatte endlich eine Aufgabe. Er hatte Ignatieff nie enttäuscht.

Rose war eine erwachsene Frau. Nachdem er sie bei ihrem Auftritt auf der Pressekonferenz und während des gestrigen Abends im Restaurant beobachtet hatte, war er sicher, dass sie schon wusste, worauf sie sich einließ.

Rose parkte ihren klapprigen alten Wagen direkt neben dem Stadion und machte sich auf den Weg zum Eingang für die VIPs.

In einem Glaskasten neben dem Eingang saß ein älterer Mann mit Baseballkappe, der sich auf einem kleinen Fernseher einen Schwarz-Weiß-Film ansah. Rose nannte ihm ihren Namen. Sie hatte mit Sasha Rykov ausgemacht, dass er sie auf eine Besucherliste setzen lassen würde. Sie war erleichtert, als sie sofort durchgewinkt wurde.

Wenn doch nur der Rest des Tages ebenso glatt laufen würde. Glücklicherweise war sie mit großen Brüdern aufgewachsen. Sie hatte schnell lernen müssen, sich durchzusetzen. Wenn sie nur laut genug geschrien hatte, dann hatte sie noch jedes Mal bekommen, was sie wollte. Letzte Nacht hatte sie diese alte Taktik wieder angewendet.

Im Nachhinein war es ihr ziemlich peinlich, wie sie sich aufgeführt hatte. Schließlich hatte sie diesen Mann für sich gewinnen wollen. Nicht nur aus geschäftlichen Gründen. In dem Moment, in dem Rafael Kuragin ihr gesagt hatte, dass er sie wiedersehen wollte, war alles andere unwichtig geworden.

Eigenartigerweise hatte sie in der kurzen Zeit, seit sie den Mann kannte, mehr von ihrem wahren Wesen gezeigt als in den ganzen vier Jahren, die sie mit Bill Hilliger verlobt gewesen war. Rafael Kuragin schien das bodenständige Mädchen vom Land in ihr zu wecken. Aber sie wusste, er war ein Mann, von dem man sich besser fernhielt. Er hatte ihr ja auch ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, was er von ihr wollte.

Schon bald würde er wieder auf dem Weg nach ...

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