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Milliardär meiner Träume - 5 romantische Liebesromane

Lynne Graham, Cathy Williams, Sarah Morgan, Kim Lawrence, Maisey Yates

Milliardär meiner Träume - 5 romantische Liebesromane

1. KAPITEL

Cesario di Silvestri fand keinen Schlaf.

Die Ereignisse der letzten Monate hatten wichtige Entscheidungen von ihm verlangt. Entschlossen hatte er die Spreu vom Weizen getrennt und seine Energien auf das wirklich Wichtige im Leben konzentriert. Er hatte immer unermüdlich gearbeitet, um zu dem immens reichen Tycoon zu werden, der er war, dabei hatte er allerdings ein echtes Privatleben völlig außer Acht gelassen. Der einzige Mensch, dem er vertraute, war sein Cousin Stefano, mit dem er aufgewachsen war.

Sicher, Cesario hatte viele Frauen in seinem Bett gehabt, aber nur eine hatte ihm wirklich etwas bedeutet. Und sie hatte er mit solcher Gedankenlosigkeit behandelt, dass sie ihn für einen anderen verließ. Er war dreiunddreißig Jahre alt und bisher nicht einmal in die Nähe eines Altars gekommen. Was sagte das über ihn aus? War er von Natur aus ein Einzelgänger, oder hatte er einfach nur Beziehungsangst?

Cesario fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Dieses Philosophieren lag ihm nicht. Er war kein Denker, sondern ein Macher – ein durchtrainierter Sportler, ein dynamischer, kühl kalkulierender Geschäftsmann …

Es hatte keinen Zweck. Cesario gab auf, zog sich Shorts an und lief durch seine prächtige marokkanische Villa, unbeeindruckt von dem Prunk, der zum Lebensstil eines Milliardärs gehörte und der ihm seit Neuestem nichts mehr bedeutete.

Er füllte ein Glas mit kaltem Wasser und trank in großen Schlucken. Wie er schon Stefano gestanden hatte – in seinem Alter hätte er gern ein eigenes Kind gehabt, aber eben nicht mit einer Frau, der nur an Geld lag. Denn eine solche Frau würde die eigenen oberflächlichen Werte ihrem Kind weitergeben.

„Aber es ist doch nicht zu spät für dich, eine Familie zu gründen“, hatte Stefano überzeugt erklärt. „Du solltest das tun, was du willst, nicht das, was du meinst, tun zu müssen.“

Sein Handy klingelte, und Cesario lief wieder nach oben zurück. Wer von seinem Personal hielt es für nötig, ihn mitten in der Nacht anzurufen?

Es waren keine guten Nachrichten. Rigo Castello, sein Sicherheitschef, informierte ihn darüber, dass ein Gemälde, gut eine halbe Million Pfund wert, aus Halston Hall, Cesarios englischer Landvilla, gestohlen worden war. Laut Rigo deutete alles darauf hin, dass ein Angestellter für den Diebstahl verantwortlich war. Kalte Wut überkam Cesario, doch er würde nicht toben, sondern es auf andere Art regeln. Er bezahlte seine Leute großzügig, dafür erwartete er allerdings auch Loyalität. Wenn der Täter gefunden war, würde Cesario dafür sorgen, dass man denjenigen dem Gesetz nach ohne Wenn und Aber verurteilte.

Ein grimmiges Lächeln zog auf seine sinnlich geschwungenen Lippen. Ein Besuch des englischen Herrenhauses war also nunmehr unvermeidlich. Und sicher würde Cesario in den Ställen auch seiner wunderschönen Madonna wiederbegegnen, denn seine Pferde brauchten schließlich ständige Pflege und Betreuung. Anders als alle Frauen, die er kannte, besaß seine englische Madonna eine einzigartige Qualität: Sie war die Einzige, die bisher Nein zu ihm gesagt hatte. Ein Dinner mit ihm, und sie hatte Cesario di Silvestri aus ihrer Erinnerung gelöscht – eine Tatsache, die ihn maßlos ärgerte und frustrierte. Diese Frau würde ihm immer ein Rätsel sein und ein Geheimnis für ihn bleiben.

Die langen Locken in einem praktischen Pferdeschwanz zusammengebunden, murmelte die zierliche Brünette unablässig beruhigende Worte, während sie mit der Schermaschine das verfilzte Fell des ängstlich kauernden Hundes entfernte.

Und je mehr Jess von dem ausgemergelten Körper des Tieres freilegte, desto mehr verhärteten sich die Züge um ihren schönen vollen Mund. Das Leiden wehrloser Tiere hatte sie schon als Kind aufgewühlt, deshalb hatte sie auch Tiermedizin studiert, um zu helfen, wo sie nur konnte.

Ihre freiwillige Helferin, ein hübsches blondes Mädchen, drückte den Hund behutsam auf den Tisch nieder. „Wie steht es mit ihm?“, fragte Kylie besorgt.

Jess warf dem Teenager einen Seitenblick zu. „Nicht allzu schlecht, wenn man sein hohes Alter bedenkt. Wenn ich erst seine Wunden versorgt und ihn ein wenig aufgepäppelt habe, wird es ihm wesentlich besser gehen.“

„Es ist immer schwierig, ein Zuhause für alte Hunde zu finden.“ Kylie seufzte.

„Das kann man nie im Voraus sagen.“ Jess gab sich optimistisch. In den letzten Jahren hatte sie selbst einer ganzen Meute von Hunden ein neues Heim gegeben – alten Hunden, verkrüppelten Hunden, Hunden mit Verhaltensstörungen. Nur wenige Leute holten einen solchen Hund aus dem Tierheim, das wusste sie.

Als Jess die Stelle in der Tierarztpraxis der englischen Kleinstadt Charlbury St Helens angetreten hatte, war sie in die Räume über der Praxis gezogen. Doch als der Seniorpartner beschloss, sich zu vergrößern und in der kleinen Wohnung Büroräume einzurichten, hatte Jess sich eine andere Bleibe suchen müssen. Sie hatte Glück gehabt und ein altes Cottage etwas außerhalb des Städtchens gefunden.

Das Cottage selbst war weiß Gott nichts Besonderes, aber es stand auf einem riesigen Grundstück, auf dem es wiederum mehrere Ställe und Hütten gab. Der Vermieter hatte sich einverstanden erklärt und Jess erlaubt, hier ein kleines Tierheim aufzuziehen. Als Tierärztin verdiente Jess zwar gut, aber sie war praktisch immer pleite, steckte sie doch jeden Cent in Futter und Medikamente für die Tiere. Trotzdem war sie glücklicher, als sie je in ihrem Leben gewesen war. Sie tat nämlich genau das, was sie liebte, und sie wäre auch die Erste, die zugeben würde, dass sie mit Vierbeinern wesentlich besser zurechtkam als mit Menschen.

Bei dem Geräusch eines vorfahrenden Autos steckte Kylie den Kopf zur Tür hinaus. „Dein Vater, Jess.“

Überrascht schaute Jess auf. Robert Martin kam nur selten am Wochenende vorbei. Überhaupt hatte sie in letzter Zeit nur wenig von ihrem Vater gesehen, schien er doch außergewöhnlich beschäftigt mit seiner Arbeit. Normalerweise half er ihr nämlich regelmäßig dabei, Ställe und Zäune zu reparieren. Der stille Mittfünfziger war ein guter Ehemann und ein noch besserer Dad.

Die anderen Familienmitglieder waren immer der Meinung gewesen, Jess wolle zu hoch hinaus mit ihrem Veterinärmedizinstudium, Robert jedoch hatte seine Tochter bei jedem Schritt zur Vollendung ihres Traums ermutigt. Seine Liebe und Unterstützung bedeuteten ihr umso mehr, da Robert der einzige Vater war, den sie hatte, auch wenn er nicht ihr leiblicher Vater war. Dieses Geheimnis kannten jedoch nur wenige außerhalb des Familienkreises.

„Ich übernehme das Füttern“, bot Kylie an, als der stämmige, grauhaarige Mann eintrat und grüßend nickte.

„Ich bin gleich so weit, Dad.“ Jess stand über den Hund gebeugt und trug Desinfektionsmittel auf dessen Wunden auf. „Wie kommt es, dass du so früh an einem Sonntagmorgen vorbeischaust?“

„Ich muss mit dir reden. Nachher gehst du in die Kirche, und abends hast du ja meist immer Bereitschaftsdienst“, brummte ihr Vater.

Etwas in seiner Stimme ließ sie den Kopf heben, mit ihren ungewöhnlichen hellgrauen Augen schaute sie ihn fragend an. Ihr fiel auf, wie blass und angespannt er aussah. Nicht nur merkte man ihm sein Alter jetzt an, sondern er wirkte sogar noch älter als seine Jahre. So besorgt hatte sie ihn nicht mehr gesehen, seit ihrer Mutter letztes Jahr die Diagnose Krebs gestellt worden war.

„Kümmere dich erst um deinen Patienten.“

Nur mit Mühe hielt Jess die jähe Angst in Schach. Großer Gott, war der Krebs bei ihrer Mutter etwa wieder ausgebrochen? Ihre Hände begannen bei dem Gedanken leicht zu zittern. Soviel sie wusste, stand der Termin zur Kontrolluntersuchung noch nicht an, und sie schalt sich, sofort an das Schlimmste zu denken. „Geh am besten schon ins Haus vor. Ich brauche hier nicht mehr lange“, schlug sie Robert knapp vor.

Sobald sie mit ihrer Behandlung fertig war, schloss sie den Hund in den Hundezwinger, wo bereits eine Schüssel Futter auf das Tier wartete. Kurz sah sie zu, wie der Hund sich gierig über die Schüssel hermachte. So, wie das arme Tier schlang, musste es die erste richtige Mahlzeit seit Wochen sein.

Gründlich wusch sie sich dann die Hände in dem kleinen Bad, bevor sie ins Haus hinübereilte und in die Küche ging, wo Robert Martin bereits an dem alten Küchentisch saß und auf sie wartete.

„Was stimmt nicht?“, fragte sie ohne Einleitung. Die Angst um die Mutter machte es ihr unmöglich, mehr zu sagen.

Robert schaute auf, Schuldgefühl und Sorge stand in den braunen Augen zu lesen. „Ich hab etwas Dummes getan. Etwas wirklich Dummes. Tut mir leid, dass ich das bei dir ablade, aber ich bringe es nicht über mich, deine Mutter damit zu belasten“, brachte er gepresst hervor. „Sie hat so viel durchmachen müssen in letzter Zeit, das hier würde ihr den Rest geben …“

„Sag endlich, was los ist“, drängte Jess und setzte sich ihm gegenüber. Sicher übertrieb er, sie konnte sich nicht vorstellen, dass er irgendetwas Falsches tun könnte. Er war ein grundehrlicher und bescheidener Mann, von allen gemocht und respektiert. „Was hast du denn angestellt?“

Robert Martin schüttelte das graue Haupt. „Ich habe mir Geld geliehen – viel Geld – und dann auch noch von den verkehrten Leuten …“

„Du hast Schulden gemacht?“ Ungläubig sah Jess ihn an.

„Das war nur der Anfang.“ Der ältere Mann seufzte schwer. „Erinnerst du dich noch an den Urlaub, den ich mit deiner Mutter nach ihrer Behandlung gemacht habe?“

Jess nickte. Robert hatte ihre Mutter zu einer Kreuzfahrt eingeladen – eine Reise, die so bescheiden lebende Menschen wie Jess’ Eltern sich eigentlich nie hätten leisten können. „Ich war damals überrascht, aber du sagtest ja, dass du deine Ersparnisse dafür aufgelöst hast …“

„Ich habe gelogen.“ Wieder schüttelte Robert den Kopf. „Es gab nie Ersparnisse. Ich habe mir das Geld geliehen – vom Bruder deiner Mutter, Sam Welch.“ Er konnte mitverfolgen, wie besorgt die Miene seiner Tochter wurde.

„Der Mann ist ein Kredithai, das weißt du! Mums ganze Familie ist eine dubiose Bande. Du selbst warnst doch ständig davor, sich mit ihnen einzulassen“, stieß Jess herzhaft aus. „Bei allem, was du von Sam weißt, wie konntest du dir da bei ihm Geld leihen?“

„Die Bank hatte einen Kredit abgelehnt, dein Onkel Sam blieb als einzige Möglichkeit. Weil er Mitleid mit deiner Mutter hatte, wollte er auch auf die Rückzahlung warten. Er war wirklich nett und hörte sich sehr verständnisvoll an. Jetzt aber haben seine Söhne das Geschäft übernommen, und Jason und Mark gehen ganz anders mit Leuten um, die ihnen Geld schulden.“

Jess stöhnte laut auf, während sie schon darüber nachdachte, ob sie irgendwie helfen konnte. Doch sie selbst hatte auch nichts gespart, und jetzt fühlte sie sich deshalb schrecklich schuldig. Sie verdiente mehr als ihre Eltern und mehr als ihre beiden Brüder, und dennoch konnte sie nicht helfen. Aber vielleicht konnte sie ja einen Kredit aufnehmen …

„Die ursprüngliche Summe ist durch Zins und Zinseszins immer weiter angewachsen“, fuhr Robert auch schon fort. „Jason und Mark saßen mir ständig im Nacken. Sie verfolgten mich zur Arbeit, riefen mitten in der Nacht an und erinnerten mich ständig daran, wie viel ich ihnen schulde. Es war der pure Albtraum, die ganze schreckliche Sache vor deiner Mutter geheim zu halten. Die beiden haben mich völlig aufgerieben, ich wollte sie nur noch loswerden. Und als sie mir dann einen Deal vorschlugen …“

„Einen Deal?“, fiel Jess ihm ins Wort. „Was für einen Deal?“

„Sie sagten, wenn ich ihnen helfe, sei die Sache erledigt, und ich Narr, der ich bin, habe mitgemacht.“

Die Angst und die Reue im Gesicht ihres Vaters ließen Übelkeit in Jess aufwallen. „Wobei hast du ihnen geholfen?“, wollte sie matt wissen.

„Sie sagten, sie wollten Fotos von der Einrichtung in Halston Hall machen, um sie dann an eines von diesen Hochglanzmagazinen zu verkaufen … du weißt schon, eine von den Zeitschriften über die Schönen und Reichen, die deine Mutter so gern liest.“ Seine Worte begleitete er mit einer Geste eines Mannes, der sich noch nie für so etwas interessiert hatte. „Jason hat doch immer damit geprahlt, was für ein guter Fotograf er sei, und Mark meinte, solche Fotos wären ein kleines Vermögen wert. Ich dachte mir nichts Böses dabei.“

„Nichts Böses?“, wiederholte Jess fassungslos. „Du lässt wildfremde Leute in das Haus deines Arbeitgebers ein und denkst dir nichts dabei?“

„Mir war schon klar, dass es Mr di Silvestri nicht gefallen würde. Ich weiß, wie viel Wert er auf seine Privatsphäre legt“, gestand er betroffen. „Aber dann dachte ich auch – dummerweise –, dass niemand herausfinden würde, dass ich die beiden eingelassen habe … oder wer überhaupt im Haus war.“

Langsam fügte sich alles zu einem Bild und Jess sprang vom Stuhl auf. „Großer Gott! Das Gemälde, das aus Halston Hall gestohlen wurde! Bist du etwa in den Diebstahl verwickelt?“, verlangte sie schrill zu wissen.

„Ich habe Jason und Mark meine Schlüsselkarte überlassen und ihnen den Sicherheitscode gegeben.“ Flehend schaute Robert sie an. „Ich glaubte wirklich, sie würden nur Fotos machen, ich ahnte doch nicht, dass sie etwas stehlen wollten, ehrlich nicht. Doch inzwischen bin ich überzeugt, dass das alles von vornherein geplant war und ich Trottel ihnen auf den Leim gegangen bin.“

„Du musst sofort zur Polizei gehen und alles, was du weißt, zu Protokoll geben“, riet Jess sofort.

„Das ist gar nicht nötig … die Polizei wird nämlich schon sehr bald bei mir auftauchen“, erwiderte Robert tonlos. „Gestern Abend erst habe ich herausgefunden, dass Mr di Silvestri ein sehr ausgeklügeltes Sicherheitssystem hat einbauen lassen. Jeder, der für ihn arbeitet, hat einen persönlichen Sicherheitscode. Das heißt, sobald der bestellte IT-Experte sich daran setzt, sieht er sofort, dass es meine Karte war, die benutzt wurde, um den Alarm abzustellen.“

Jess überkam ein Schauder. Sie war entsetzt. Ganz offensichtlich hatten ihre Cousins Robert absichtlich bedrängt, um so Zugang zu dem Herrenhaus zu erhalten. Und der ältere Mann war zu naiv und gutgläubig und hatte ihnen tatsächlich abgenommen, dass sie nur Fotos machen wollten.

„Haben Jason und Mark Welch das Gemälde gestohlen?“

„Ich weiß nicht, was in dieser Nacht passiert ist. Ich habe ihnen nur den Code und die Karte überlassen, die am nächsten Morgen wieder im Briefkasten lag“, gab er bedrückt zu. „Irgendwann in der nächsten Woche warnten mich die beiden, ich solle bloß den Mund halten, und als ich sie dann auf den Einbruch ansprach, beharrten sie darauf, nichts damit zu tun zu haben. Sie wollen auch ein Alibi für den besagten Abend haben. Ehrlich gesagt, als internationale Kunstdiebe sehe ich die beiden nicht unbedingt. Aber vielleicht haben sie Code und Karte ja an jemand anders weitergegeben … Ich weiß es nicht.“

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen dachte Jess an Cesario di Silvestri, den italienischen Tycoon, aus dessen Haus ein wertvolles Gemälde gestohlen worden war. Letztendlich würde ihr Vater für den Diebstahl zur Verantwortung gezogen werden. Di Silvestri war kein Mann, der so etwas ungeahndet lassen würde, er war nicht der Mann, der vergab und vergaß. Wer würde überhaupt die Version ihres Vaters glauben? Dass Robert Martin seit über vierzig Jahren auf dem Halston-Anwesen arbeitete, würde kaum Gewicht haben, genauso wenig wie die Tatsache, dass er keine Vorstrafen hatte und einen guten Ruf genoss. Am Ende würde er als Verbrecher dastehen.

Als ihr Vater sie beim Abschied drängte, ihrer Mutter gegenüber kein Sterbenswörtchen verlauten zu lassen, runzelte Jess besorgt die Stirn. „Du musst Mum davon erzählen, so schnell wie möglich“, widersprach sie. „Stell dir nur vor, wie groß ihr Schock sein wird, wenn plötzlich die Polizei vor der Haustür steht und sie von nichts weiß.“

„Der Stress könnte sie wieder erkranken lassen“, gab Robert zu bedenken.

„Das kann niemand mit Sicherheit sagen, und so oder so gibt es keine Garantien, das hat uns der Arzt doch schon gesagt. Wir können nur auf das Beste hoffen.“

„Ich hab sie im Stich gelassen.“ Tränen schimmerten in Roberts dunklen Augen. „Das hat sie nicht verdient.“

Jess schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen? Die Zukunft sah tatsächlich düster aus. Ob sie bei Cesario di Silvestri für ihren Vater vorsprechen sollte? Wenn sie allerdings an die eigene unbehagliche Beziehung zu dem Mann dachte, schien ihr das keine besonders gute Idee zu sein. Ein Mal war sie mit ihm ausgegangen – er hatte sie zum Dinner eingeladen. Ihrer Ansicht nach hatte sie keine andere Wahl gehabt, als die Einladung zu akzeptieren, schließlich war er der Arbeitgeber ihres Vaters und der wichtigste Kunde der Tierarztpraxis.

Noch immer begannen ihre Wangen zu brennen, wenn sie an jenen katastrophalen Abend zurückdachte. Alles, was schiefgehen konnte, war auch schiefgegangen. Heute hasste sie es geradezu, in die Ställe auf dem Anwesen zu kommen, wenn sie wusste, dass Cesario di Silvestri sich auf Halston Hall aufhielt. Sobald sie in seiner Nähe war, fühlte sie sich schrecklich verlegen, und selbst ihre berufliche Selbstsicherheit setzte dann zu einem rasanten Sturzflug an.

Nicht, dass er unhöflich zu ihr gewesen wäre, im Gegenteil. Sie hatte nie jemanden mit derart perfekten Manieren getroffen. Und sie konnte ihm auch nicht vorwerfen, dass er sie belästigt hätte. Seit jenem Abend hatte er sie nicht wieder eingeladen. Aber immer lag ein Funkeln in seinem Blick, wenn er ihr begegnete, so als würde er sich königlich über sie amüsieren.

Bis heute verstand sie nicht, weshalb er sie überhaupt eingeladen hatte. Sie entsprach so gar nicht den schillernden Partygirls und glamourösen Schönheiten, mit denen er sich normalerweise umgab. Der italienische Milliardär war berüchtigt für seinen Erfolg beim weiblichen Geschlecht. Und Jess kannte alle Gerüchte, schließlich wohnte Dot Smithers, seine ehemalige Haushälterin, gleich neben ihren Eltern. Dot hatte von wilden Partys und schönen Mädchen erzählt, die extra zum Amüsement reicher männlicher Gäste eingeflogen wurden. Vieles von diesem Klatsch hatte der Skandalpresse auf Jahre hin Futter für die anrüchigsten Geschichten geliefert. Jess selbst hatte Cesario di Silvestri häufiger mit mehr als nur einer Frau im Arm gesehen, und für sie bestand kein Grund zu zweifeln, dass diese Damen ihm auch gemeinsam das Bett wärmten.

Schon allein aufgrund dieser Informationen wollte Jess auch nie wieder eine Einladung von Cesario erhalten. Aber selbst wenn da nicht all diese Geschichten um seinen anrüchigen Lebensstil kursieren würden … Jess war sich bewusst, dass sie nicht zu seiner Liga gehörte. Ihrer Meinung nach sollten Menschen die Grenzen, die sie trennten, akzeptieren. Ihre Mutter hatte einen hohen Preis bezahlt, weil sie als Teenager diese Grenzen nicht beachtet hatte.

Ihre Theorie von den zwischenmenschlichen Grenzen war durch das katastrophale Dinner erhärtet worden. Cesario hatte sie damals in ein kleines exklusives Restaurant geführt. Sie war sich völlig fehl am Platze vorgekommen unter den eleganten und glamourösen Gästen, vor allem im Vergleich zu den anwesenden Frauen. Cesario hatte ihr sogar die pompöse fremdsprachige Speisekarte erklären müssen. Und noch heute erinnerte sie sich daran, dass sie ihr Dessert mit dem Löffel gegessen hatte, während Cesario eine kleine Gabel benutzte.

Die Krönung des Abends war jedoch sein Angebot gewesen, die Nacht mit ihm zu verbringen, und das nach nur einem Kuss. Cesario di Silvestri arbeitete offenbar mit Lichtgeschwindigkeit, sobald es um Frauen ging. Allerdings hatte seine Offerte nur ihren Stolz verletzt und ihr Selbstbild angekratzt. Wirkte sie wirklich wie eine Frau, die so billig und so leicht zu haben war, dass sie mit einem Mann ins Bett fiel, den sie kaum kannte?

Zugegeben, es war ein absolut fantastischer Kuss gewesen. Doch diese berauschende Sinnlichkeit und Cesarios augenscheinlich durch Übung erreichte Kunstfertigkeit hatten Jess umso entschlossener gemacht, eine solch gefährliche Episode nicht zu wiederholen. Sie besaß viel zu viel Selbstachtung und gesunden Menschenverstand, um sich auf eine Affäre mit einem verboten reichen Frauenheld einzulassen.

Nach einer traumatischen Erfahrung während ihrer Universitätszeit hatte Jess sich so oder so von Männern ferngehalten. Sie zog einen unkomplizierten, ruhigen Lebensstil vor. Der einzige Nachteil, den sie bedauerte, war, dass sie vielleicht nie ein eigenes Baby haben würde, obwohl sie sich immer gewünscht hatte, Mutter zu werden. Jetzt, nur wenige Wochen vor ihrem einunddreißigsten Geburtstag, verstärkte sich der Verdacht in ihr, dass sie vielleicht nie ein Kind haben würde. Sie war sich durchaus klar darüber, dass sie vermutlich deshalb ihre Zuneigung so großzügig an all die Tiere verschenkte. Sie hatte sogar schon darüber nachgedacht, ob sie nicht ein Kind allein aufziehen sollte, doch erstens arbeitete sie zu den unmöglichsten Zeiten, und zweitens war es immer besser, wenn ein Kind auch eine Vaterfigur in seinem Leben hatte.

In dieser Nacht schlief Jess nur unruhig. Sie sorgte sich um ihren Vater. Dass ihre Mutter Sharon nicht angerufen hatte, war der Beweis – Robert hatte nicht den Mut gefunden, ihr von der Sache zu erzählen. Schon jetzt blutete Jess das Herz, wenn sie sich vorstellte, wie schockiert ihre Mutter sein würde, wenn sie die volle Wahrheit erfuhr. Jess machte sich keine Hoffnung, dass sie mit einem persönlichen Vorsprechen bei Cesario di Silvestri etwas erreichen würde. Andererseits … selbst wenn es nur die kleinste Chance gab … Sie war es ihrer Familie schuldig, es zumindest zu versuchen. Und mit dem Wissen um Cesarios gestrige Ankunft war ihr auch bewusst, dass sie sich so bald wie möglich an ihn wenden musste.

Am Dienstag hatte sie einen Termin auf dem Halston-Gestüt, um sich die Zuchtstuten anzusehen. Bei dieser Gelegenheit würde sie auch an Cesario herantreten.

Jess nahm die Hälfte ihrer reiseerfahrenen Hunde mit. Sie teilte die kleine Meute regelmäßig und nahm immer die eine oder andere Gruppe mit zu ihren Außenterminen. Heute begleiteten sie Johnson, ein Collie, der nach einem Unfall mit einem Traktor nur noch drei Beine und ein Auge hatte, Dozy, ein Windhund, der an Narkolepsie litt, also bei jeder Gelegenheit unvermittelt einschlief, und Hugs, ein riesiger Wolfshund, der vor Nervosität zu zittern begann, sobald er Jess aus seinem Sichtfeld verlor.

Cesario wusste, dass Jessica Martin sich auf seinem Land befand, als er die drei zerzausten Hunde auf dem Weg zu den Ställen erblickte. Er musste lächeln – eine kläglicher aussehende Truppe würde wohl schwer zu finden sein. Der Wolfshund tapste jaulend im Kreis wie ein weinendes Kleinkind, der Windhund war mitten in einer Pfütze eingeschlafen, und der Collie drückte sich ängstlich gegen eine Stallwand, sobald irgendwo auch nur das leiseste Motorengeräusch erklang. Und Cesario fragte sich, wieso Jessica sich Tiere aufhalste, die niemand mehr haben wollte.

Perkins, der Stallmeister, kam auf Cesario zu, doch dessen Blick ging an dem Mann vorbei und hin zu der zierlichen Frauengestalt, die gerade eine Spritze mit Impfstoff aufzog. Jessica Martins klassisch schöne Züge im Profil erinnerten Cesario immer an die Madonnenbildnisse der Renaissance. Die Frau war gesegnet mit einer Haut so rein und samten wie Milch und Sahne, ihre Züge waren fein und dennoch extrem ausdrucksstark, und der herzförmige Mund mit den vollen roten Lippen regte die Fantasie eines jeden Mannes an, der auch nur einen Tropfen Blut in sich hatte. Das Bild vervollständigten hellgraue Augen, die, je nachdem, wie das Licht auf sie traf, wie Silber blitzten, und eine glorreiche Mähne aus langen dunklen Locken. Weder trug Jess Make-up noch feminine Kleidung, und dennoch bot sie eine atemberaubende Erscheinung.

In den verwaschenen Cordhosen, den schweren Gummistiefeln und einer Regenjacke, die schon seit Jahren ausrangiert gehörte, stellte Jessica Martin die Antithese zu allem dar, was Cesario normalerweise an Frauen gefiel. Er zog gewandte, elegante und makellos gepflegte Frauen vor. Doch jedes Mal, wenn er Jessica Martin begegnete, musste er sich an diese Tatsache erinnern und fragte sich dann, weshalb ausgerechnet diese Frau eine solche Wirkung auf ihn haben sollte. Weil sie ihn mit ihrem Nein zu einer kalten Dusche verurteilt hatte? Auch wenn sie es sicher vehement bestreiten würde … die Anziehung beruhte auf Gegenseitigkeit. Das wusste er, seit sie sich so angestrengt bemüht hatte, seinem Blick im Restaurant auszuweichen. Und weil sie seither alles tat, um ihn auf Abstand zu halten. Entweder, irgendeinem Mann war es gelungen, ihr das andere Geschlecht zu vergällen, oder aber die Frau hatte ein Problem mit Intimität an sich.

Leider wirkten seine Bedenken nicht im Geringsten ernüchternd auf ihn. Wenn er sie sich ohne die Kleidung vorstellte, dann war sie die verkörperte Perfektion. Bei dem Bild meldete sich auch prompt das vertraute Ziehen in den Lenden. Cesario verwünschte sich für diese Schwäche. Per l’amor di Dio!

In Sekundenbruchteilen wandelte sich seine Stimmung von genießerischer Bewunderung zu Frustration. Er hatte noch nie viel davon gehalten, nur zu gucken, ohne zu berühren. Sie ist nicht dein Typ, rief er sich harsch zur Ordnung. Er brauchte sich ja nur an dieses Dinner zu erinnern, zu dem sie in einem viel zu weiten schwarzen Kleid aufgetaucht war und dann kaum geredet hatte. Und er brauchte sie ja auch jetzt nur anzusehen – sie gab vor, ihn nicht bemerkt zu haben, und versuchte alles, um seine Anwesenheit so lange wie nur möglich zu ignorieren!

Die plötzliche Hektik im Stall war Warnung genug: Cesario di Silvestris Kommen kündigte sich an. Das blieb auch Jess nicht verborgen. Und das sonore Brummen des Ferraris konnte niemand überhören. Andere hätten sicher einen Geländewagen für die holprigen Feldwege auf dem Anwesen gewählt, Cesario jedoch fuhr grundsätzlich mit seinem teuren Sportwagen.

Langsam drehte Jess den Kopf und blickte zu ihm. Er stand mit Donald Perkins im Gespräch, und für einen kurzen Moment erlaubte sie es sich, ihn genauer zu betrachten.

Cesario sah so umwerfend gut aus, dass sie selbst nach zwei Jahren noch immer von einer seltsamen Faszination befallen wurde. Abgesehen von einer winzigen Narbe an seiner Schläfe war er die verkörperte Perfektion – der winzige Makel jedoch erinnerte Jess an die eigenen Narben und ließ sie leicht schaudern. Über einen Meter neunzig groß und athletisch gebaut, machte Cesario selbst in lässiger Kleidung den Eindruck, als wäre er soeben einem Magazin für Männermode entstiegen. Das schwarze Haar trug er kurz geschnitten, und sein gebräuntes Gesicht mit der klassisch-schmalen Nase, den stolzen hohen Wangenknochen und dem sinnlichen Mund hatte die Wirkung, dass man, sobald man ihn ansah, den Blick gleich wieder abwenden wollte – so als wäre man bei etwas Verbotenem erwischt worden.

Jess widmete sich wieder ihrer Aufgabe und überlegte sich gehetzt, wie sie die Sache mit ihrem Vater aufbringen sollte. Robert war noch immer auf freiem Fuß, das musste wohl heißen, dass noch niemand auf seine Rolle in dem Diebstahl gestoßen war.

„Jessica …“ Cesario weigerte sich, weiterhin ignoriert zu werden.

Mit roten Wangen drehte Jess sich zu ihm um. Er war der Einzige, der sie mit ihrem vollen Namen ansprach. „Mr di Silvestri …“

Er musste zugeben, dass er beeindruckt war. Sie sprach seinen Namen richtig aus, ohne über die Silben zu stolpern – und weigerte sich dabei noch immer, seiner Bitte nachzukommen, ihn beim Vornamen zu nennen. Dann fragte Perkins sie um Rat wegen eines Hengstes mit einer Bänderverletzung, gegen die bisher weder kalte Umschläge noch Verbände gewirkt hatten, und Jess begleitete Perkins in den Stall. Soldier war ein wertvolles Tier, der Stallmeister hätte sich eher an den Tierarzt wenden sollen, doch vor seinem Arbeitgeber wollte Jess den Mann nicht kritisieren.

„Jessica hätte noch am gleichen Tag gerufen werden müssen, als das Tier sich verletzte.“ Cesario hatte die Situation sofort erkannt.

Jess gab dem Tier eine entzündungshemmende Spritze und ging dann langsam wieder zum Tor. Und ein einziges Mal hätte sie einen Versuch vonseiten Cesarios, ein Gespräch anzufangen, begrüßt, doch er machte keinerlei Anstalten, sie aufzuhalten. Beim Stallausgang angekommen, wappnete sie sich und drehte sich mit steifen Schultern zu ihm um.

„Ich würde gern etwas mit Ihnen besprechen, Cesario …“ Ihre Stimme klang rau und leicht abgehackt.

Überraschung stand in seinem Blick zu lesen. Da hatte sie doch seinen Vornamen benutzt! Er konnte sich beim besten Willen nicht denken, was sie von ihm wollte, aber er konnte mitverfolgen, wie sie unter seiner Musterung rot anlief.

„Sicher. Ich komme gleich zu Ihnen“, erwiderte er mit einer fragend hochgezogenen Augenbraue.

Und kein Augenblick in Jess’ Leben hatte sich je länger gezogen als dieser, in dem sie, umgeben von ihren Hunden, im Hof auf Cesario wartete. Am schlimmsten war jedoch, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, was sie zu ihm sagen sollte …

2. KAPITEL

„Vielleicht lässt sich dieses Gespräch ja heute Abend bei einem gemeinsamen Dinner führen“, schlug Cesario sehr zufrieden vor, als er wenig später aus dem Stall trat.

Dass er wirklich annahm, sie würde nur einen Vorwand suchen, um ein weiteres Mal mit ihm auszugehen, ärgerte Jess maßlos. Mit silbern blitzenden Augen drehte sie sich zu ihm um. „Nein, ich denke eher nicht. Das wäre absolut unpassend, da es sich um etwas dreht, das mit meiner Familie zu tun hat.“

„Mit Ihrer Familie?“

Die fragend hochgezogenen Brauen und der wache Blick machten sein Gesicht so attraktiv, dass Jess für einen Moment tatsächlich Mühe hatte, sich zu konzentrieren. Ein Prickeln durchlief sie, ihre Brustspitzen richteten sich auf; so, als erwarte sie etwas Bedrohliches. Es war eine unwillkürliche Reaktion ihres Körpers, die Jess bereits in Cesarios Nähe erfahren hatte und die sie verabscheute. Natürlich, er sah fantastisch aus, und keine Frau mit einem gesunden Hormonhaushalt würde sich dieser maskulinen Ausstrahlung entziehen können. Da funktionierte eine Chemie, die Mutter Natur wohl zum eigenen königlichen Amüsement geschaffen hatte!

Ihre Haltung war dahin, ihre Wangen brannten. Jess warf einen vielsagenden Blick zu den Stallhelfern. „Ich würde die Angelegenheit lieber nicht hier besprechen.“

Cesario sah den pochenden Puls an ihrem schlanken Hals, sah die angespannten Züge in ihrem Gesicht und wurde erst richtig neugierig. Weshalb war sie so nervös? Begierig ließ er seinen Blick über ihre feinen Gesichtszüge und ihren verhüllten Körper wandern. Was gäbe er darum, sie jetzt nackt zu sehen, über ihre zarte Haut zu streichen und ihren nur allzu willigen Körper zu liebkosen.

„Dann folgen Sie mir am besten zurück zum Haus.“ Er schüttelte den seltsamen sinnlichen Zauber ab und ließ sich hinter das Steuer seines Ferraris gleiten.

Im Rückspiegel beobachtete er, wie Jess den schlafenden Windhund aus der Pfütze hob, ohne darauf zu achten, was das mit ihrer Kleidung anstellte. Während sie den Hund behutsam auf den Rücksitz ihres alten Landrovers legte, stürmten die anderen beiden Hunde auf sie zu, als hätten sie sie wochenlang nicht gesehen – dabei war nicht einmal eine Stunde vergangen. Cesario war bekannt, dass Jess alle herrenlosen Tiere aus der Gegend bei sich aufnahm, und er bewunderte sie für ihren Großmut und ihr Mitgefühl. Ihre Gleichgültigkeit gegenüber ihrer äußeren Erscheinung jedoch konnte er nicht gutheißen. Sie war schön, aber sie benahm sich nicht so, und das wiederum verwirrte einen Mann, der daran gewöhnt war, dass Frauen generell oberflächlich und durchschaubar waren. Irgendwann war Jessica Martin etwas zugestoßen, das verhindert hatte, dass sich bei ihr die Selbstverliebtheit und die anspruchsvolle Erwartungshaltung der typischen Schönheit entwickelten. Da war sich Cesario sicher.

Jess parkte ihren Landrover neben dem Ferrari vor der beeindruckenden elisabethanischen Villa. Das altehrwürdige Halston Hall mit seinen alten Ziegelsteinmauern und den bauchigen Bleiglasfenstern, in denen sich die Sonne brach, strahlte einen bezaubernden Charme aus. Dot Smithers hatte Jess und ihre Mutter zwar einmal zu einem erinnerungswürdigen Kaffee in die Küche eingeladen, aber das Haupthaus hatte Jess noch nie betreten. Generationen von Dunn-Montgomerys hatten in Halston Hall gelebt und zahlreiche männliche Erben hatten hohe Posten in der Regierung besetzt, aber für Tage der offenen Tür waren sie nie zu haben gewesen. Liquiditätsprobleme hatten dann vor sechs Jahren gezwungenermaßen zum Verkauf des Anwesens geführt. Zur großen Erleichterung des Personals, das um die Arbeitsplätze fürchtete, hatte Cesario di Silvestri den Besitz mitsamt Personal übernommen, das Haus renovieren lassen, das Ackerland mit modernen Methoden wieder ertragreich gemacht und ein erfolgreiches Gestüt aufgezogen.

Nach Dots Pensionierung hatte Tommaso, ein rundlicher Italiener, ihre Stelle übernommen, der Jess jetzt mit überschwänglichen Gesten ins Haus bat. Trotz aller Nervosität gelang es Jess, ihre Neugier zu zügeln und sich nicht mit vor Staunen offenem Mund in der prächtigen Eingangshalle umzusehen. Sie wurde in ein modernes Büro geführt, in dem die neueste Technik mit holzvertäfelten Wänden und dem pittoresken Blick auf von Buchsbaum eingegrenzte Blumenrabatten kontrastierte.

„Sie sagten, es gehe um Ihre Familie?“ Die leichte Ungeduld in Cesarios Stimme war nicht zu überhören, obwohl er, mit einer Hüfte an den Schreibtisch gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt, das Bild der verkörperten Lässigkeit bot.

„Ja. Sie leben im Dorf als Ihre Pächter, mein Vater und meine Brüder arbeiten für Sie hier auf dem Anwesen.“

„Das weiß ich“, erwiderte er mit einem schmalen Lächeln. „Mein Verwalter teilte mir dies bereits mit, als wir uns das erste Mal trafen.“

Jess hob leicht das Kinn an. Falls ihm diese Information zugeleitet worden war, um zu betonen, dass Jess aus einfachen Arbeiterverhältnissen stammte und nicht etwa zum Landadel gehörte, so hatte ihn diese Information scheinbar nicht davon abgehalten, sie dennoch zum Dinner einzuladen.

Sie holte tief Luft. „Ich habe Ihnen etwas zu sagen … im Zusammenhang mit dem Diebstahl hier …“

Cesario runzelte die Stirn und lehnte sich vor. Alle Lässigkeit fiel von einer Sekunde zur nächsten von ihm ab. „Mein gestohlenes Gemälde?“

Jess wurde blass. „Ich fürchte, ja.“

„Wenn Sie Informationen haben, warum sind Sie dann nicht damit zur Polizei gegangen?“

Jess’ Anspannung wuchs, ihr war plötzlich viel zu warm, und sie schüttelte sich die schwere Jacke von den Schultern und legte sie auf den Stuhl neben sich. „Weil mein Vater involviert ist und ich zuerst mit Ihnen reden wollte.“

Cesario begriff schnell. Es kostete ja auch keine große Mühe, zwei und zwei zusammenzuzählen. Als Handwerksmeister des Anwesens hatte Robert Martin sich das Recht erarbeitet, das Haus zu jeder Tages- und Nachtzeit zu betreten, um die Anlagen zu überprüfen und notwendige Reparaturen auszuführen. „Falls Ihr Vater den Dieben geholfen haben sollte, suchen Sie bei mir an der falschen Stelle nach Verständnis.“

„Lassen Sie mich Ihnen doch erklären, bitte … Ich selbst habe erst gestern von der ganzen Sache erfahren. Letztes Jahr wurde bei meiner Mutter Brustkrebs diagnostiziert, es war eine sehr schwere Zeit für unsere Familie“, setzte Jess leise an.

„Während mein Mitgefühl jedem gilt, der in die Situation Ihrer Mutter kommt, kann ich dennoch nicht sehen, was das mit mir oder dem gestohlenen Gemälde zu tun haben sollte“, gab er kühl zurück.

„Wenn Sie mir zuhören, dann werden Sie versteh…“

„Nein, ich glaube viel eher, dass ich die Polizei rufen werde, damit sie die Fragen stellt. Das ist schließlich ihr Job, nicht meiner“, fiel er ihr ins Wort. Mit düsterer Miene richtete er sich auf und griff nach dem Telefon.

„Bitte, rufen Sie sie noch nicht!“ Mit vor Schrecken geweiteten Augen stürzte Jess abrupt vor, so als wollte sie mit ihrem grazilen Körper seinen Zugriff auf das Telefon verhindern. „Bitte, geben Sie mir die Chance, zu erklären …“

„Dann erklären Sie“, erwiderte er knapp. Zwar ließ er das Telefon unberührt, aber seine Augen blitzten vor Ärger und Misstrauen. Auf einer primitiv männlichen Ebene jedoch schmeichelte ihr Flehen seinem Ego. Der Wind kam jetzt aus einer ganz anderen Richtung, und das befriedigte ihn. Nein, jetzt zeigte sie ihm keineswegs mehr hochmütig die kalte Schulter!

„Dad hat sich solche Sorgen um Mum gemacht. Er wollte, dass sie sich nach der Krebsbehandlung erholte und ist mit ihr in Urlaub gefahren, doch das Geld dafür musste er sich leihen … Er hat es sich von meinem Onkel geborgt, zu einem horrenden Zins.“ Jess stolperte regelrecht über ihre Worte, hastig bemüht, die ganze Geschichte zu erzählen – von dem Druck, den ihre Cousins dann auf ihren Vater ausgeübt hatten, und von dem zwielichtigen Angebot.

„Sie reden hier über Ihre Familie“, rief Cesario ihr in Erinnerung. Es erstaunte ihn, dass sie so bereitwillig und offen über ihre mehr als fragwürdigen Verwandten sprach. Und zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass sie, trotz ihrer akademischen Ausbildung, von der falschen Seite der Straße stammte.

„Der Bruder meiner Mutter hat immer wieder Zeit im Gefängnis abgesessen. Ihm war gleich, auf welche Art er sein Geld verdiente. Doch seine beiden Söhne hatten eigentlich nie wirklichen Ärger mit der Polizei.“ Vor Scham brannten ihre Wangen feuerrot. „Mein Vater glaubte, was sie zu ihm sagten – dass sie nur Fotos machen wollten, um diese dann verkaufen zu können.“

Cesario warf ihr einen vernichtenden Blick zu. „Dieses Haus ist voller wertvoller Antiquitäten und unbezahlbarer Kunstwerke. Erwarten Sie wirklich von mir, dass ich Ihnen das abnehme? Dass ein Mann so dumm sein kann?“

„Mein Vater ist nicht dumm, er wollte einfach nur diese Schulden loswerden und Mum beschützen. Er wollte es ihr ersparen, herauszufinden, wie naiv er gewesen war. Ich glaube, weiter hat er gar nicht gedacht. Ich suche nicht nach Entschuldigungen für ihn. Das, was er getan hat, ist schrecklich falsch. Als langjähriger Angestellter hatte er Zugang zum Haus, weil ihm vertraut wurde, und dieses Vertrauen hat er missbraucht. Aber ich bin überzeugt, dass meine Cousins es ganz bewusst auf ihn abgesehen hatten.“

Cesario studierte sie mit grimmig zusammengepressten Lippen. „Für mich ist das alles unerheblich, mir geht es nur um mein Gemälde. Solange Sie keine Informationen haben, wie ich es zurückbekommen kann …“

„Ich fürchte, dazu kann ich nichts sagen, und mein Vater weiß auch nichts darüber. Er hat an jenem Abend nur seine Schlüsselkarte und den Code für die Alarmanlage übergeben.“

„Damit hat er sich zum Komplizen der Diebe gemacht und ist ebenso schuldig“, warf ihr Cesario ohne Zögern vor.

„Er ahnte doch nicht, dass etwas gestohlen werden würde! Mein Vater ist ein ehrlicher Mann und kein Dieb.“

„Ein ehrlicher Mann hätte Männern, wie Sie sie beschrieben haben, niemals den Zutritt zu meinem Haus ermöglicht“, tat er verächtlich ab. „Wieso kommen Sie damit zu mir? Was erhoffen Sie sich davon?“

„Ich hatte gehofft, Ihnen verständlich zu machen, dass mein Vater niemals daran gedacht hat, dass hier ein Verbrechen begangen werden könnte.“

Cesario verzog spöttisch die Lippen. „Und dafür habe ich nur Ihr Wort, nicht wahr? Hier wurde ein Diebstahl begangen, der nie passiert wäre, hätte Ihr Vater sich der Verantwortung, die ihm übertragen wurde, als würdig erwiesen.“

„Bitte, so glauben Sie mir doch“, flehte sie drängend. „Mein Vater ist kein schlechter Mann, auch nicht unehrlich. Er ist verzweifelt über den Verlust, den seine Unbesonnenheit Sie gekostet hat.“

„‚Unbesonnenheit‘ ist nur eine unzureichende Beschreibung für das, was ich als beispiellosen Vertrauensbruch ansehe. Ich wiederhole meine Frage: Was erhoffen Sie sich von diesem Gespräch?“

Bedrückt sah Jess in sein Gesicht. „Ich wollte sicherstellen, dass Sie alle Fakten kennen.“

Cesario lachte zynisch auf. „Und jetzt erwarten Sie, dass ich Ihrem Vater vergebe, nur weil ich Sie attraktiv finde?“

Blut schoss in ihre Wangen und brannte wie eine heiße Flamme unter ihrer Haut. Er konnte doch jede haben! Dass ein Mann wie er sie attraktiv finden könnte, wäre ihr nicht in den Sinn gekommen. „Nein, natürlich nicht …“

Er verzog abfällig die Lippen. „Spielen Sie keine Spielchen mit mir. Selbst wenn Ihre grazile Figur mich äußerst reizt, so wiederum doch nicht so sehr, dass ich deswegen ein Gemälde von über einer halben Million Pfund abschreibe. Als Wiedergutmachung müssten Sie mir schon wesentlich mehr anbieten.“

Schockiert schnappte Jess nach Luft. „Was für ein Mann sind Sie nur? Ich hatte nicht vor, Ihnen Sex anzubieten! Niemals!“

„Das ist gut“, gab er kühl zurück. „Denn im Gegensatz zu dem Bild, das die Klatschpresse von mir zeichnet, zahle ich nicht für sexuelle Gefälligkeiten, im Gegenteil. Ich meide Frauen, an deren Körper ein Preisschild hängt.“

Mit seiner kühlen Gelassenheit verspottete er sie nur noch. „Ich wollte Ihnen nie Sex anbieten“, bekräftigte Jess murmelnd.

Unbeeindruckt zog er eine Augenbraue in die Höhe. „Ich soll also Ihrem Vater vergeben, einfach so? Sagen Sie, erscheint Ihnen das als fairer Deal in einer so gravierenden Angelegenheit?“

„Deal? Welcher Deal? Sie reden genau wie meine Cousins!“, warf Jess ihm erstickt vor. Empört griff sie nach ihrer Jacke und kämpfte sich mit ruckartigen Bewegungen in die Massen von schwerem Stoff. „Und nur zu Ihrer Information“, die wütende Entrüstung ließ ihre Worte abgehackt klingen, „ich steige nicht von einem Bett ins andere. Sex ist für mich weder eine Währung noch ein schneller Imbiss. Um genau zu sein …“

Erstaunlicherweise erheiterte ihn ihr jähes Aufbrausen. Aber woher hätte er auch wissen sollen, dass sie so empfindlich war? Er musste sich bemühen, diese unerwartete Leidenschaft in ihr nicht in ein Bild umzusetzen, in dem er ihren wundervollen kurvigen Körper sich vor Ekstase winden sah. Denn das war eine Fantasie, die sicherlich nie real werden würde. „Ja? Ich bin ganz Ohr.“

„Ich bin Jungfrau!“ Jess erstarrte. Sie konnte nicht fassen, dass ihr diese Worte über die Lippen geschlüpft waren. „Nicht, dass es wichtig wäre, da ich Ihnen ja kein Sexangebot gemacht habe“, ruderte sie hastig wieder zurück. „Doch alles andere hätte ich Ihnen angeboten, damit Sie meinem Vater die Unüberlegtheit nachsehen.“

Cesario starrte sie entgeistert an. „Jungfrau? Unmöglich! Doch nicht in Ihrem Alter …!“

Jess stopfte die Hände in die Jackentaschen und hob trotzig ihr Kinn. „Ich schäme mich nicht dafür, warum auch? Ich habe einfach nur nicht den richtigen Mann dafür getroffen. Damit kann ich leben.“

Allerdings war Cesario sich keineswegs sicher, ob er mit diesem Wissen leben konnte. Immerhin bot das die Erklärung für ihre seltsame Verlegenheit in seiner Gegenwart. Er hatte natürlich angenommen, dass sie Erfahrung hatte, und hatte sich an dem einen gemeinsamen Abend auch dementsprechend verhalten … Das musste ihr viel zu forsch erschienen sein und hatte sie abgeschreckt. Oder sein Ruf als notorischer Frauenheld hatte das besorgt, wurde ihm plötzlich klar. Jessica Martin war noch unberührt, und obwohl er noch nie eine Jungfrau in seinem Bett gehabt hatte, wäre er doch gern derjenige, der Jessica in dieses für sie neue und in ihrem Leben fehlende Gebiet einführte. Allein bei der Vorstellung reagierte sein Körper, und mit einem unterdrückten Fluch legte er seiner überenthusiastischen Libido die Zügel an.

„Es muss doch etwas geben, das ich tun kann, um Ihre Meinung über meinen Vater zu ändern.“ Jess merkte, wie Panik Besitz von ihr ergriff. Sie konnte an Cesarios Miene sehen, dass er immer mehr auf Distanz ging. Er hatte sie gefragt, was sie sich von ihm erhoffte, und ehrlich gesagt, sie hatte nicht die geringste Ahnung. Er hatte nicht mit dem Verständnis reagiert, auf das sie gezählt hatte, als sie ihm vom Zustand ihrer Mutter erzählte, er hatte überhaupt keine Regung gezeigt. Genauso gut hätte sie vor eine Steinmauer rennen können!

Tränen waren aufgestiegen, ließen ihre Augen wie silberne Teiche schimmern. Cesario war nicht der Mann, der sich von Tränen beeinflussen ließ, aber mit dieser weiblichen Schwäche hatte er bei ihr nicht gerechnet. Er hatte sie immer für zäh gehalten, schließlich arbeitete sie in einem Feld, das größtenteils von Männern besetzt war, und sie zeigte selbst vor seinen größten und ungestümsten Hengsten nicht das geringste Zeichen von Angst. Und doch hielt er bei diesen Tränen den schneidenden Kommentar zurück.

„Versprechen Sie mir, dass Sie über das, was ich Ihnen erzählt habe, in Ruhe nachdenken“, drängte sie ihn verzweifelt. „Mein Vater ist ein anständiger Mann. Er hat einen schrecklichen Fehler begangen. Ich will auch nicht schönreden, was er getan hat, aber bitte, ruinieren Sie deshalb nicht sein Leben.“

„Ich lasse Verbrecher nicht ungeahndet davonkommen. Ich gehöre eher in die ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘-Kategorie.“ Er fragte sich, weshalb sie so beharrlich blieb, wenn er ihr doch nicht die geringste Hoffnung machte. Schon allein wegen seines Rufs als hartgesottener Geschäftsmann müsste sie eigentlich davon ausgehen, dass er einen Galgen vor dem Haus aufstellen lassen würde.

„Bitte …“, flehte sie noch einmal, schon bei der Tür.

Bevor sie nach der Klinke greifen konnte, hielt Cesario aus reiner Gewohnheit galant die Tür für sie auf. An solch selbstverständliche Höflichkeit war Jess nicht gewöhnt. Ihre Brüder hätten sie eher zur Seite geschoben, um als Erste nach draußen zu kommen.

„Ich werde meine Meinung trotzdem nicht ändern. Aber ich informiere die Polizei erst morgen früh.“ Noch während er das zusicherte, fragte er sich, warum er das überhaupt tat.

Von der Halle aus sah er ihr nach, wie sie mit dem alten Geländewagen davonfuhr. Es muss doch etwas geben, das ich tun kann … alles andere hätte ich Ihnen angeboten … Und dann dachte er an das Eine, das er sich nicht kaufen konnte, und fragte sich, ob er jetzt verrückt geworden war, sie überhaupt in diesem Licht zu sehen. Blieb überhaupt genug Zeit, um dieses Ziel zu erreichen?

Er könnte sie haben und … Infierno, trotz der vielen Frauen, mit denen er ausgegangen war, um die Frustration zu mildern, begehrte er Jessica Martin noch immer! Mit ein bisschen Glück würde er von ihr erhalten, was er unbedingt haben wollte, und das zu fairen Konditionen. In einem Leben, das inzwischen von einer Bitterkeit überschattet wurde, die Cesario verabscheute, wäre eine Frau, die die Macht besaß, ihn nachts vor sexueller Frustration wach zu halten, vielleicht sogar die perfekte Lösung.

Der gesunde Menschenverstand sagte ihm auch, dass es nicht nur die Lust war, die ihn in diese Richtung denken ließ. Jessica Martin besaß Charaktereigenschaften, die er bewunderte und die sie eindeutig auf eine höhere Stufe stellten als all die anderen Frauen, die er kannte. Sie arbeitete hart und war loyal gegenüber ihrer Familie, so sehr, dass sie sogar den eigenen Stolz opferte. Sie kümmerte sich um Tiere, die andere Leute nicht mehr wollten, und sein Geld, das andere Angehörige ihres Geschlechts immer wie ein Magnet anzog, wirkte bei ihr überhaupt nicht. Nein, eine Goldgräberin war sie bestimmt nicht, im Gegenteil. Sie hatte starke Prinzipien, und das gefiel ihm an ihr. Ob ihr vielleicht genau diese Prinzipien im Weg stehen würden, um ihre Familie zu retten?

Ein kalkulierendes Lächeln zog auf Cesarios Lippen. Nun gut, er würde ihr also eine letzte Chance bieten …

Um neun Uhr abends hatte Jess Dienstschluss. Müde und bedrückt fuhr sie nach Hause, die Hunde schliefen hinten im Wagen. Den ganzen Nachmittag hatte sie damit gerechnet, ihre Mutter würde völlig aufgelöst anrufen, um ihr zu berichten, dass die Polizei ihren Vater festgenommen hätte. Cesario di Silvestri hatte zwar gesagt, er würde bis morgen früh warten, aber im Grunde wusste Jess, dass sie ihn um das Unmögliche gebeten hatte.

Selbst wenn er ihren Vater nicht anzeigen sollte … Jason und Mark würden sofort mit Schuldzuweisungen aufwarten, sobald man sie verhörte. Es bestand nur wenig Aussicht, das Gemälde zurückzubekommen, ohne nicht die gesamten Umstände offenzulegen. Und dann war da ja auch noch die Versicherung, die bestimmt darauf bestehen würde, dass alles unternommen wurde, um die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Cesario konnte ihren Vater gar nicht außen vor halten …

Jess holte die anderen drei Hunde, bevor sie in ihr kleines Cottage trat. Es war kalt hier drinnen, der alte Kohlenherd in der Küche war ausgegangen, und sie seufzte. Erst würde sie sich etwas Sauberes anziehen, dann sich etwas Kleines zu essen machen und sich dann um die Tiere kümmern.

Magic, der taube schwarze Scotchterrier, rannte dem Ball nach, den sie zwischen Waschen und Umziehen immer wieder in den Flur hinauswarf. Weed, ein dünner grauer Lurcher, wachte argwöhnisch bei der Tür. Selbst nach Jahren liebevoller Pflege war er noch immer nicht überzeugt, dass er dieses Haus als sein Zuhause ansehen konnte. Harley, ein zuckerkranker alter Labrador, lag still vor dem Bett und schaute ihr zu, zufrieden damit, einfach nur in ihrer Nähe zu sein.

Wieder in der Küche, aß Jess ihr Sandwich im Stehen und schaute aus dem Fenster in den jetzt rasch dunkler werdenden Frühsommerabend, bevor sie hinausging und den Tieren, die sie hier beherbergte, Futter brachte und frisches Wasser hinstellte. Sie ging zurück ins Haus und schürte das Feuer neu im Ofen.

Ihr Handy klingelte, als sie sich fürs Schlafengehen fertig machte. Mit dem Elan eines Zombies nahm sie den Anruf an.

„Cesario hier“, meldete er sich mit einer lässigen Selbstverständlichkeit, so als würde er sie schon seit Ewigkeiten persönlich anrufen.

„Ja?“ Hastig schluckte sie die schneidende Frage herunter, von wem er ihre Handynummer hatte.

„Können Sie morgen früh um neun nach Halston Hall kommen? Ich möchte Ihnen einen Vorschlag unterbreiten.“

„Einen Vorschlag? Was für einen Vorschlag?“ Alle möglichen Gedanken wirbelten plötzlich in ihrem Kopf durcheinander.

„Das lässt sich nicht übers Telefon besprechen“, wiegelte er sofort ab. „Können Sie das einrichten?“

„Ja, ich habe morgen meinen freien Tag.“

Sehr behutsam klappte Jess das Handy wieder zusammen, ebenso vorsichtig legte sie es auf den Tisch zurück … und dann stieß sie einen lauten Triumphschrei aus, dass die armen Hunde erschreckt zusammenfuhren. Cesario di Silvestri hatte es sich also tatsächlich überlegt! Dieser Anruf konnte nur bedeuten, dass er ihr wirklich zugehört hatte, und im Gegenzug war er auf einen „Vorschlag“ gekommen, den er ihr jetzt präsentieren wollte … Wobei „Vorschlag“ eigentlich nichts anderes bedeutete als „Deal“ – ein Wort, das sie verabscheute.

Sobald ihr das bewusst wurde, schwand auch die Euphorie rapide und machte Platz für wesentlich weniger erfreuliche Überlegungen. Ein „Auge um Auge“-Typ würde ihren leichtsinnigen Vater bestimmt nicht ohne Gegenleistung davonkommen lassen, das hatte Cesario ja selbst deutlich gemacht. Was also stellte er sich vor?

Eingewickelt in ihren warmen Baumwollpyjama, ließ sie die Schultern sacken und erschauerte, als sie an die Narben auf ihrem Rücken dachte. Kein Wunder, dass sie sich nie vor einem Mann hatte ausziehen wollen. Sie wollte auch nie wieder erklären müssen, woher diese Narben stammten.

Sex stand also außer Frage. Nach dem, was sie in den sensationslüsternen Zeitungen über Cesario di Silvestri gelesen hatte, würde sie mit seinen exotischen und abenteuerlichen Gewohnheiten im Schlafzimmer so oder so nicht mithalten können …

3. KAPITEL

Hinter den Fensterscheiben verfolgte Cesario Jess’ Ankunft mit. Mehrere Hunde liefen ihr nach, als sie sich von ihrem geparkten Landrover entfernte.

Sie hatte gesagt, es sei ihr freier Tag, und so hatte er angenommen, dass sie sich etwas zurechtmachen würde … vielleicht sogar aufhübschen würde für das Treffen mit ihm. So etwas wäre doch auch nicht abwegig, oder? Doch sie trug Jeans, ein viel zu weites T-Shirt und eine Strickjacke, die man eher an einer Vogelscheuche zu sehen erwartet hätte. Nichts, was sie anhatte, passte, geschweige denn schmeichelte.

Jess Martin blieb Cesario ein Rätsel. Nun, in dem unwahrscheinlichen Fall, dass sie zu einer Einigung kommen sollten, würden beide Seiten wohl eine Menge Kompromisse machen müssen. Jess mochte vielleicht nicht viel von Haute Couture halten, aber er hielt definitiv nichts von Hundehaaren.

Tommaso empfing Jess mit einem strahlenden Lächeln, so als wären sie alte Freunde, und führte sie in einen großen Empfangssalon, der eines Rockstars würdig gewesen wäre – gehalten in dramatischem Schwarz und verschiedenen Violetttönen, bestimmten tiefe Samtsofas, flache Glastische und moderne Kunst an den Wänden die Atmosphäre. Keine zwei Minuten später erschien der rundliche Mann erneut mit einem Tablett, stellte Kaffee und Kekse ab und versicherte, dass sein Chef gleich zu ihr kommen würde.

„Arbeit, immer nur Arbeit“, klagte er, ahmte mit kleinem Finger und Daumen ein ans Ohr gehaltenes Telefon nach und verdrehte die Augen, bevor er wieder ging.

Jess war zu nervös, um still zu sitzen. Die Kaffeetasse in der Hand, schlenderte sie zu einem Gemälde in kräftigen Farben und studierte es, versuchte zu entscheiden, ob das, was wie ein verzerrtes Gesicht aussah, tatsächlich ein Gesicht darstellen sollte. Ihr Kunstverständnis beschränkte sich auf traditionelle Landschaften und Tierporträts, mit Cesarios unbestreitbar wertvoller Gemäldesammlung wusste sie nicht viel anzufangen.

Ihr Handy klingelte. Sie zog es aus der Tasche, erkannte auf dem Display, dass es ihre Mutter Sharon war, und eilte zum Tisch zurück, um die Tasse abzustellen.

Sharon war in Tränen aufgelöst, Jess konnte kaum verstehen, was sie sagte, doch aus den wenigen verständlichen Worten konnte sie sich den Rest zusammenreimen. Ihr Vater hatte beim Frühstück offensichtlich die Beichte abgelegt und dann hastig den Rückzug angetreten und das Haus verlassen, um dem Bombardement von Fragen und Vorwürfen zu entgehen. Sharon war völlig am Ende mit den Nerven und fest davon überzeugt, dass jede Minute die Polizei auftauchen und ihren Mann ins Gefängnis schleifen würde.

„Und alles nur wegen dieses blöden Urlaubs, auf den ich gut hätte verzichten können!“ Sharon schluchzte herzzerreißend. „Jetzt verlieren wir auch noch unser Zuhause …“

Jess runzelte die Stirn. „Was redest du da?“

„Mr di Silvestri wird uns bestimmt nicht in einem seiner Häuser bleiben lassen, nach allem, was dein Vater ihm angetan hat, oder?“, jammerte Sharon. „Seit ich achtzehn bin, lebe ich in dem Haus. Ich überlebe es nicht, wenn ich mein Heim verliere. Und was, meinst du wohl, wird aus den Jobs deiner Brüder werden? Ich sage es dir … Die Martins sind auf Halston Hall nicht mehr erwünscht. Man wird Mittel und Wege finden, um uns alle loszuwerden!“

Jess tat ihr Bestes, um ihre Mutter zu beruhigen, doch Sharon war generell eine sehr emotionale Frau und zudem Pessimistin. Für sie stand bereits fest, dass die gesamte Familie arbeits-, obdach- und mittellos war. Jess versprach, später zurückzurufen, und beendete das Gespräch. Als sie sich umdrehte, sah sie Cesario in der Tür stehen.

Wie erstarrt sah sie ihm entgegen. Ziel seiner schweigsamen Musterung zu sein, rieb sie auf. Er trug einen dunklen Geschäftsanzug und dazu eine silberne Krawatte, wirkte damit geradezu einschüchternd elegant. Nur der Bartschatten auf seinem Kinn ließ darauf schließen, dass sein Tag schon wesentlich früher angefangen hatte. Jess hatte ihn immer für sehr attraktiv gehalten, doch jetzt sah er einfach verboten sexy aus.

„Das war meine Mutter … Mein Vater hat wohl endlich den Mut aufgebracht, ihr zu gestehen, was er getan hat.“ Ungelenk und mit roten Wangen verstaute sie das Telefon in der Jackentasche. „Sie regt sich schrecklich auf.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Niemandem hätte ihre besorgte Miene entgehen können, und es verlieh Cesario eine enorme Befriedigung, dass es in seiner unmittelbaren Macht stand, ihr die Sorgen zu nehmen. Die halbe Nacht hatte er wach gelegen und seinen Plan genauestens ausgearbeitet, um das zu erhalten, was er wollte, und es dabei so praktikabel wie möglich zu machen – eine schlichte Vereinbarung, ohne Gefühle, Forderungen und unrealistische Erwartungen. Jeder von ihnen würde die eigene Freiheit behalten.

„Sie wollten einen Vorschlag machen“, sagte sie nun leise und stopfte die Hände in die Jackentaschen. Sie konnte ihre Nervosität nicht verbergen.

„Lassen Sie mich erst zu Ende reden, bevor Sie mir Ihre Antwort geben.“ Er stellte erneut fest, dass sie trotz der unvorteilhaften Kleidung überwältigend jung und anmutig aussah. Es kostete ihn Mühe, sich auf das zu konzentrieren, was er sagen wollte. „Und denken Sie daran, dass Sie sich zu dem Zeitpunkt, da unsere Vereinbarung ausläuft, in einer sehr vorteilhaften Lage befinden werden.“

Seine Bemerkung war ihr ein Rätsel. Mit gerunzelter Stirn fragte sie sich, von welcher Vereinbarung er sprach, aber da sie hören wollte, was er ihr vorzuschlagen hatte, nickte sie nur stumm.

Cesario studierte sie mit undurchdringlichem Blick. „Um direkt zum Kernpunkt zu kommen … mir ist eingefallen, was Sie für mich tun können. Im Gegenzug werde ich darauf verzichten, Anzeige gegen Ihren Vater zu erstatten.“

Hoffnung blitzte in ihren Augen auf, leise schnappte Jess nach Luft. „Lassen Sie hören. Was kann ich für Sie tun?“

„Ich hätte gern ein eigenes Kind, aber nicht auf die konventionelle Art.“ Er erwiderte ihren entgeisterten Blick mit ernster Miene. „Ich habe nie daran geglaubt, dass ich ein ganzes Leben mit einer einzigen Frau verbringen könnte. Andererseits bin ich überzeugt, dass ich mich mit einer Ehe arrangieren kann, die aus praktischen Gesichtspunkten geschlossen wird.“

Die Falte auf Jess’ Stirn wurde tiefer. Sie hatte Mühe, seinen Worten zu folgen. Was, um alles in der Welt, hatte ein solches Thema mit der Angelegenheit um ihren Vater zu tun? „Was könnte an einer Ehe praktisch sein?“ Irgendwie musste sie ihn missverstanden haben. Unmöglich, dass er ausgerechnet mit ihr das Thema Ehe besprach.

„Wenn es sich dabei um einen nüchternen Vertrag handelt, ohne blumige Idealisierungen und schwammige Erwartungen wie Liebe, Romantik und Beständigkeit …“ Cesario hatte sich in Fahrt geredet. „Wenn Sie zustimmen, mein Kind zur Welt zu bringen, werde ich Sie heiraten, Ihnen in … sagen wir, zwei Jahren Ihre Freiheit zurückgeben und sicherstellen, dass Sie sich nie wieder finanzielle Sorgen zu machen brauchen.“

Völlig verblüfft über seinen Vorschlag schüttelte Jess fassungslos den Kopf. Womöglich glaubte er, ein äußerst attraktives Angebot gemacht zu haben! „Das meinen Sie nicht ernst … Herrgott, Sie sind jung, sehen fantastisch aus und haben Geld wie Heu. Es muss doch unzählige Frauen geben, die bereit sind, Sie zu heiraten und Ihnen ein Kind zu schenken.“

„Ich will aber keine Goldgräberin zur Frau und als Mutter meines Kindes. Ich will eine intelligente, unabhängige Frau, die bereit ist, meine Konditionen zu akzeptieren. Eine Frau, die weiß, dass sie nicht mehr von mir erwarten kann.“

Es besänftigte Jess, als intelligent und unabhängig bezeichnet zu werden, unwillkürlich reckte sie die Schultern. „Wenn Sie nicht bereit sind, eine langfristige Beziehung mit einer Frau einzugehen, warum wollen Sie dann ein Kind?“

„Mit meinem Kind werde ich eine lebenslange Beziehung eingehen“, erklärte er voller Überzeugung. Sie sollte den Sinn in seinem Argument unbedingt verstehen. „Ich bin schließlich kein Egoist.“

Wieder schüttelte sie langsam den Kopf. „Wollen Sie so unbedingt ein eigenes Kind, dass Sie nicht warten können, bis Sie die richtige Frau treffen?“

„Diese Frage kann ich nur mit einem eindeutigen Ja beantworten.“ Eine Ernsthaftigkeit stand in seiner Miene zu lesen, die Jess nicht bei ihm erwartet hätte. „Aber das ist nur ein Teil der Geschichte.“

Das überraschte Jess nicht. „Das dachte ich mir.“

„Ich bin der Nachkomme einer langen, ungebrochenen Linie von di Silvestris“, fuhr Cesario fort, den Blick auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne gerichtet, die Stimme plötzlich seltsam tonlos. „Mein Großvater war nicht nur sehr stolz auf diese Tatsache, er war auch geradezu besessen von Blutsbanden. Sein ganzes Leben hat er sich dem Studium unseres Stamm- und Familienbaums gewidmet. Deshalb hat er damals auch die Bedingungen für die Weitergabe unseres toskanischen Familienbesitzes so festgelegt, dass ich nicht von meinem verstorbenen Vater erben kann, bis ich selbst einen Erben habe. Ob männlich oder weiblich, ist dabei gleich. Unerlässlich ist jedoch, dass ich selbst einen Erben brauche, damit der Familienbesitz an mich übergehen kann.“

„Du lieber Himmel, wie kurzsichtig und manipulierend von ihm!“, entfuhr es Jess. „Ich meine, Sie hätten ja auch schwul sein können … oder nie ein Kind haben wollen.“

„Aber ich bin nicht schwul“, lautete Cesarios trockener Kommentar. „Und daher habe ich beschlossen, mich jetzt der Vollendung dieses Projekts zu widmen.“

„Sie bezeichnen ein Baby als Projekt?“ Jess’ Bestürzung hätte nicht größer sein können. Das nannte man wohl Ironie des Schicksals. Da wünschte er sich etwas, nach dem auch sie sich von ganzem Herzen sehnte, obwohl sie beide sonst absolut nichts gemein hatten. Er wollte ein Kind aus rein praktischen Überlegungen, während sie sich ein Kind wünschte, um es einfach nur lieben und aufwachsen sehen zu können. „Ich halte es für grundlegend falsch, ein Kind in die Welt zu setzen, nur um irgendein Erbe antreten zu können.“

„Es darauf zu beschränken, wäre extrem unsachlich. Natürlich werde ich mein Kind lieben – ein Kind, das die beste Ausbildung erhalten, in eine traditionsreiche Familie hineingeboren und letztendlich meinen gesamten Besitz erben wird“, erwiderte er nüchtern. „Mein Kind würde ein sehr gutes Leben vor sich haben.“

„Warum versuchen Sie es nicht mit einer Leihmutter?“, hielt Jess dagegen. „Das wäre doch in Ihrem Fall die logischste Lösung.“

„Das entspricht nicht meinen Vorstellungen. Ich stamme aus einem konservativen Haus und ziehe es vor, dass mein Kind in eine augenscheinlich normale Ehe hineingeboren wird – solange diese hält. Zudem möchte ich auch meinem Sohn oder meiner Tochter die Liebe und Fürsorge der Mutter garantieren können. Ich selbst bin ohne Mutter aufgewachsen.“ Er verzog den Mund. „Das ist nicht das, was ich für mein Kind wünsche.“

„Unter den Umständen, die Sie da beschreiben, werden Sie wohl das volle Sorgerecht für Ihr Kind haben wollen“, vermutete Jess.

„Nein. Ich bin bereit, das Sorgerecht zu teilen, und erwarte nicht mehr als das Besuchsrecht. Ein Kind braucht seine Mutter, um aufzublühen.“

„Und den Vater“, ergänzte Jess zerstreut. Sie musste an die eigene Kindheit denken – wie froh und dankbar sie für ihren Vater war.

„Sicher“, gestand er knapp zu. Seine Stimme klang plötzlich so angespannt, dass Jess ihn fragend ansah. Welche unglücklichen Erinnerungen hatte sie da wohl mit ihrer kurzen Anmerkung bei ihm aufleben lassen?

Ihre Gedanken wirbelten um diesen unmöglichen Vorschlag, den Cesario ihr da unterbreitete. Schon jetzt konnte sie all die Stolpersteine und Fallen in dem Konzept erkennen, und impulsiv sträubte sich alles in ihr. Was er von ihr verlangte, war nicht nur unmöglich, es war völlig verrückt. Nein, sie konnte keinen Mann heiraten, den sie nicht einmal mochte, um dann mit ihm zu schlafen und sein Kind zu empfangen. Allein bei der Vorstellung zog sich ihr Magen zusammen, und ihre Wangen brannten vor Scham und Verlegenheit.

„Ich muss Ihren Antrag ablehnen, ich kann Sie nicht heiraten“, stieß sie hektisch aus.

Cesario studierte sie lange mit kühlem Blick. Sie mochte diese Unterhaltung ja verlegen machen, ihn nicht. Vor allem wusste er, dass, sollte sie sein Angebot ablehnen, er es bereuen würde, es überhaupt gemacht zu haben. „Ihnen sollte klar sein, dass dies Ihre einzige Option ist – und auch das einzige Angebot, das ich Ihnen zu machen habe.“

„Ein Angebot, das ich kaum als vernünftig bezeichnen kann“, beschwerte Jess sich und hob herausfordernd das Kinn.

„Das sehe ich anders.“ Seine dunklen Augen glühten wie Gold unter den dichten schwarzen Wimpern hervor. „Im Gegenzug lasse ich Ihren Vater und seine Diebeskumpane ungeschoren davonkommen. Zudem muss ich den finanziellen Verlust meines Gemäldes akzeptieren, denn schließlich werde ich keine Versicherungsleistung beanspruchen können, wenn ich keine Anzeige erstatte.“

Jess schluckte schwer. Dieser Aspekt hatte sie schlagartig ernüchtert. Ja, er hatte es ernst gemeint, als er von einem Angebot gesprochen hatte. Er wollte einen Ausgleich für den Verlust des Bildes, und warum auch nicht? Sie hielt es für sehr unwahrscheinlich, dass Cesario di Silvestri bei gleich welchem Deal je auf der Verliererseite stand. Im Moment ging es ihm darum, Vater zu werden, ohne die Verpflichtungen eingehen zu müssen, die mit einer konventionellen Ehe unweigerlich einhergingen.

Wenn sie sich an das erinnerte, was sie über Cesario di Silvestri wusste, ergab das sogar Sinn. Keine Frau hatte sein Interesse lang wachhalten können, es kostete Mühe, ihn sich überhaupt in einer Beziehung vorzustellen, die darauf abzielte, eine Familie zu gründen. Eine reine Vernunftehe hingegen, bei der er sich seine Frau und die Mutter seines Kindes nach nüchtern kalkulierten und rein praktischen Gründen auswählte, würde ihn vor den Fesseln bewahren. Er brauchte dann weder viel Zeit noch Aufmerksamkeit auf seine Ehefrau zu verwenden. Ja, von seiner Seite her betrachtet waren die Vorteile durchaus deutlich zu erkennen.

Und von der Seite der Ehefrau betrachtet? Es handelte sich um einen nüchternen Vertrag, in dem eine Schwangerschaft und die irgendwann erfolgende Scheidung bereits eingeplant waren. Jess senkte den Blick auf ihre verschränkten Finger. Unterschied sich sein Vorschlag denn wirklich so sehr von ihrer einstigen Überlegung, sich künstlich befruchten zu lassen? Allerdings hatte sie es nicht über sich gebracht, zu einer Samenbank zu gehen und sich mit dem Sperma eines Unbekannten befruchten zu lassen, sosehr sie sich auch ein Baby wünschte. Zumindest hatte ihr Szenario keine persönliche Intimität verlangt.

„Wäre mein Interesse an Ihnen nicht so groß, würde ich Ihnen dieses Angebot gar nicht unterbreiten“, hörte sie ihn jetzt sagen, und seine heiser gemurmelten Worte strichen sanft wie eine Liebkosung über ihren Rücken.

Mit großen Augen sah Jess ihn an. Sie hatte das Gefühl, in einem Kugelhagel zu stehen und Deckung suchen zu müssen, wenn doch keine Deckung existierte. Ihr Verstand warnte sie dringend davor, auf den Vorschlag einzugehen. Manche Dinge, so auch eine Schwangerschaft, waren heilig und konnten nicht gekauft werden. Andererseits gab es wohl keine Alternative, wenn ihr Vater in derart großen Schwierigkeiten steckte …

„Sollten wir zu keiner Einigung kommen, werde ich die Polizei informieren, sobald Sie das Haus verlassen.“ Seine Drohung wirkte umso mächtiger, da er leise sprach. „Ich habe inzwischen alle Beweise, um Anzeige gegen Ihren Vater zu erstatten.“

„Herrgott, Sie können doch nicht ernsthaft von einer Frau erwarten, dass sie ein Kind mit Ihnen haben wird, wenn es nicht einmal eine bestehende Beziehung gibt!“ Das Tempo, mit dem er den Druck erhöhte, beängstigte sie.

„Jeden Tag heiraten Frauen Männer, die sie nicht lieben, aus allen möglichen Erwägungen – Geld, Sicherheit, Status. Die Ehe ist ein rechtlicher Vertrag, mehr nicht. Niemand verlangt hier große Opfer von Ihnen.“

Jess verkniff sich den schneidenden Kommentar. Unter halb gesenkten Lidern hervor warf sie ihm einen feindseligen Blick zu. Ihrer Meinung nach war dieses unmögliche Angebot typisch für ihn – er war arrogant und kaltblütig. Einem Mann wie ihm ein Kind zu schenken war eigentlich undenkbar für eine Frau wie sie. Sein ganzer Lebensstil, seine Gewohnheiten und Vorlieben waren den ihren völlig entgegengesetzt, ganz zu schweigen davon, dass sie mit einem praktisch Fremden das Bett teilen sollte. „Tatsächlich?“

„Ja, tatsächlich. Soweit ich weiß, gibt es keinen Mann in Ihrem Leben, der die Dinge komplizieren könnte, und auch ich bin im Moment frei. Ich versichere Ihnen, dass ich Sie als meine Ehefrau mit dem erforderlichen Respekt und aller Großzügigkeit behandeln werde. Dieses Haus hier wäre dann Ihr Heim. Ich erwarte nicht, dass Sie meinetwegen nach Italien ziehen. Sie können Ihr Leben mehr oder weniger weiterführen wie bisher.“

Jess stellte sich vor, wie er im gemeinsamen Ehebett lag und sie ihr Leben wie üblich weiterführte. Ein hysterische Kichern blieb ihr in der Kehle stecken.

„Vielleicht schreckt Sie ja der Gedanke an eine Schwangerschaft ab …“

„Nein“, fiel sie ihm abrupt ins Wort und überraschte sich selbst damit genauso sehr wie ihn. „Ich bin in einem Alter, in dem ich gern ein Baby hätte, selbst wenn das bedeuten sollte, alleinerziehende Mutter zu werden. Aber haben Sie schon mal weitergedacht? Vielleicht heiraten Sie mich, und dann werde ich nicht schwanger.“

„Das wäre Schicksal. Natürlich wäre ich enttäuscht, aber ich würde es akzeptieren“, erklärte er.

Die Sonne fiel durch die Fenster und tauchte seine große Gestalt in ein Schattenspiel von Gold und Bronze, verwandelte seine dunklen Augen in glühenden Topas. Und während Jess ihn ansah, beschleunigte sich ihr Puls, und ihre Antipathie ihm gegenüber wuchs nur noch mehr. Wenn sie ablehnte, dann deshalb, weil sie sich nicht die geringsten Hoffnungen machte, seine Erwartungen erfüllen zu können. Aber hatte sie überhaupt eine Wahl, wenn ihr Vater sonst im Gefängnis landen und die Familie, die sie so sehr liebte, auseinandergerissen würde?

Manchmal, so dachte sie voller Unsicherheit und Furcht, muss man einfach die Augen schließen und den Sprung nach vorn wagen …

„Na schön … ich mach’s!“ Ihr abrupter Ausruf schockierte sie selbst, und sie erlaubte es sich nicht, genauer darüber nachzudenken, zu was sie soeben ihre Zustimmung gegeben hatte.

Und Cesario di Silvestri lächelte – nicht sein übliches spöttisches Lächeln, das eigentlich nur ein Verziehen der Mundwinkel war, sondern ein so charismatisch strahlendes Lächeln, dass er damit eine ganze Armada hätte versenken können.

„Sie werden es nicht bereuen“, versprach er voller Zuversicht und nahm ihre Hand, um die Abmachung zu besiegeln. Gerade, als er ihre Finger wieder freigeben wollte, fiel ihm der feine weiße Streifen auf ihrem Handrücken auf. „Woher haben Sie die Narbe?“

Jess wurde blass, ihr Herz raste plötzlich. „Ein Unfall … aber das ist schon lange her“, hörte sie sich sagen, während sie gegen den Drang ankämpfte, ihre Hand zurückzuziehen.

„Muss schlimm gewesen sein“, sagte er noch, bevor er ihre Hand freigab.

Er hatte einen wirklich schlechten Moment gewählt, um diese Erinnerungen wachzurufen. Jess hatte eben zugestimmt, ihn zu heiraten, und jetzt stürzten die Zweifel mit voller Wucht auf sie ein. Doch sie hielt alle Gefühle eisern unter Kontrolle und nickte nur, konzentrierte sich auf die Zukunft, anstatt an das schreckliche Ereignis in der Vergangenheit zu denken. Der Zweck heiligt die Mittel, sagte sie sich. Cesario würde bekommen, was er wollte, und sie auch. Ihr Kind würde immer ihr Kind bleiben und auch den Vater kennen. Und an das, was im Schlafzimmer nötig war, um ein Kind zu bekommen, würde sie erst denken, wenn es so weit war.

„Ich werde meine Leute beauftragen, alles für die Hochzeit zu arrangieren“, sagte er jetzt.

Jess musterte ihn argwöhnisch. „Sie haben es aber wirklich eilig.“

„Natürlich. Ich möchte nicht, dass Sie doch noch Ihre Meinung ändern, piccola mia.“ Sein Mund verzog sich wieder zu diesem spöttischen Lächeln, das Jess so sehr missfiel. „Wir sollten auch keine Zeit verschwenden, um mit unserem Projekt zu beginnen, oder?“

„Vermutlich nicht“, murmelte sie und bückte sich nach ihrer Jacke.

Er nahm ihr die Jacke ab und half ihr hinein, zog den langen Zopf vorsichtig aus dem Kragen. „Ich freue mich schon darauf, Ihr Haar offen zu sehen“, flüsterte er heiser.

Etwas in seiner samtenen Stimme und in dem bewundernden Blick, mit dem er sie ansah, als sie sich zu ihm umdrehte, erschreckte sie. Hastig trat sie einen Schritt zurück. Keinem anderen Mann war es je gelungen, ihr ihren Körper so intensiv bewusst zu machen. In seiner Nähe fühlte Jess sich immer unbeholfen und naiv.

Cesario achtete nicht darauf, dass sie die Arme schützend vor sich verschränkte. „Sie werden meine Frau werden.“ Mit einem Finger strich er ihr über die Wange. „Sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass ich Sie berühre.“

„Und wie soll ich das machen?“ Sie war wütend über sein Tempo – und dass es ihm so mühelos gelang, sie praktisch auf einen nervösen Teenager zu reduzieren.

Er nahm ihre Hand und zog sie langsam näher an sich heran. „Sie sollten versuchen, sich zu entspannen …“

Plötzlich begann sie zu zittern, so als wäre sie in eiskaltes Wasser gesprungen.

„Ich werde Sie jetzt küssen“, murmelte er leise.

Ihre silbernen Augen blitzten empört auf. „Nein …!“

„Irgendwo müssen wir doch anfangen, piccola mia.“

Doch dann überraschte er sie damit, dass er sie freigab und sogar mit einem Schritt auf Abstand zu ihr ging. In diesem Moment wurde Jess klar, dass sie es sich nicht erlauben konnte, den eigenen Impulsen zu folgen. Wenn sie sich nicht einmal von ihm küssen ließ, würde ihm sehr schnell der Verdacht kommen, dass sie nicht in der Lage war, die Vereinbarung einzuhalten, und dann würde er sein Angebot zurückziehen.

Er lachte leise auf, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „In manchen Dingen bin ich wirklich gut, und Küssen gehört dazu.“ Damit strich er mit seinem Mund über ihre fest geschlossenen Lippen, sacht und zart wie ein vom Wind getragenes Blütenblatt.

Und wieder überraschte er sie, hatte sie doch einen fordernden Kuss voller Leidenschaft erwartet. Ihr Herzschlag rauschte in ihren Ohren, sie versteifte sich vor Anspannung. Dann spürte sie seine Zungenspitze über ihre Lippen gleiten, und ihr Körper erwachte zu einem unbekannten Leben, als sie am wenigsten darauf vorbereitet war. Ein Beben durchlief, es war eine extrem feminine Reaktion auf das fast schmerzhafte Prickeln in ihrem Leib. Sie öffnete die Lippen und ließ sich von Cesario küssen. Es war ein langsamer, tiefer, intensiver Kuss, und sie merkte, wie ihre Brustspitzen sich hart gegen das Gefängnis des Spitzen-BHs drückten. Feuchte Hitze sammelte sich in ihrem Schoß, als Cesario mit der Zunge die warme Höhle ihres Mundes erkundete.

Abwehrend hob Jess die Hände und stemmte sie gegen seine Schultern. „Das reicht jetzt.“ Es fiel ihr schwer, sich einzugestehen, dass ihr das Gefühl seiner Lippen auf ihren gefallen hatte.

„Das ist erst der Anfang“, murmelte er rau und ließ die glühenden Augen über ihr brennendes Gesicht wandern, das sie abgewandt hielt. Als sie dann zu ihm hinsah, stieß sie auf seinen Blick. Fast erschreckt wandte sie sich sogleich wieder ab.

„Diese Hochzeit …“, setzte Jess an und unterdrückte das unwillkürliche Erschauern. Sie musste dringend auf ein anderes Thema überlenken, um seinen brennenden Blick ignorieren zu können. So naiv war sie auch wieder nicht, dass sie den begehrlichen Ausdruck in seinen Augen nicht erkannte. Dieses Verlangen durfte nicht abkühlen, war es doch offensichtlich der einzige Grund, weshalb er ihr einen Ehering für die Freiheit ihres Vaters bot. „… wann soll die stattfinden?“

„So schnell sich alles Notwendige arrangieren lässt“, erwiderte Cesario ohne Zögern. „Das Kleid, die große Gästeliste … das komplette Programm.“

„Ist das unbedingt nötig?“ Jess wurde unbehaglich, wenn sie sich vorstellte, dass sie vor einem fremden Publikum die glückliche Braut spielen sollte.

„Sonst sieht es nicht nach einer richtigen Heirat aus.“

„Oh Gott, was soll ich nur meiner Familie sagen?“, stöhnte sie entsetzt auf.

„Die Wahrheit natürlich nicht, die muss unter uns bleiben“, warnte Cesario.

Er hatte soeben ein praktisch unmögliches Verbot ausgesprochen, und Jess wurde schnell klar, dass es besser war, sich mit unüberlegten Kommentaren in Cesarios Gegenwart zurückzuhalten. Natürlich würde sie ihrer Mutter die Wahrheit sagen, aber in einer vorher genau überarbeiteten Version, die die Neugier befriedigen, aber nicht ihren Vater für ihre missliche Lage verantwortlich machen würde.

Jess atmete tief durch und erinnerte sich an die positiven Aspekte ihrer Situation, die sie immer und immer wie ein Mantra in Gedanken wiederholte. Ihr Vater brauchte den Preis für seine Unbesonnenheit nicht zu zahlen, ihre Familie blieb intakt. Sie selbst würde hoffentlich das Kind bekommen, nach dem sie sich schon so lange sehnte, und sie würde sogar einen Ring am Finger tragen, legte ihre Mutter doch so viel Wert darauf, dass man erst heiraten sollte, bevor die Kinder kamen.

War es da wirklich wichtig, ob es sich um ein „Projekt“ oder um eine Liebesheirat handelte? Doch, damit würde sie umgehen können, ganz sicher. Und wenn Cesario in allem anderen so gut war wie im Küssen, würde sie sich mit der Zeit auch mit den intimeren Aspekten der Beziehung anfreunden können. Man heiratet schließlich nicht nur aus Liebe, rief sie sich still in Erinnerung, und wenn diese Ehe gut genug für Cesario war, der doch so viele Auswahlmöglichkeiten hatte, dann sollte sie auch gut genug für sie sein.

„Warum haben Sie ausgerechnet mich für dieses Projekt ausgewählt?“ Jess musste diese Frage einfach stellen.

Er senkte die dichten Wimpern über den funkelnden Blick. „Fragen Sie mich das noch einmal in unserer Hochzeitsnacht.“

Es war nicht verwunderlich, dass dieser Rat sie zum Schweigen brachte …

4. KAPITEL

„Mir gefällt das Kleid mit dem weiten Rock am besten“, wiederholte Jess starrsinnig und ignorierte die kritisch hochgezogene Braue von Melanie, der schicken Modeberaterin, die Cesario bestellt hatte, um Jess von Kopf bis Fuß neu einzukleiden. Zumindest ihr Hochzeitskleid wollte Jess selbst aussuchen. „Es passt zu mir.“

„Es ist auch wirklich wunderschön“, stimmte Sharon Martin mit unverhohlenem Entzücken über die Wahl ihrer Tochter zu.

„Nun, wenn Sie Glitzerlook mögen“, meinte Melanie trocken und ließ das Kleid mit dem perlenbestickten Oberteil noch einmal von der Verkäuferin hochhalten. Die unzähligen Kristalle, die auf den weit schwingenden Rock aufgenäht waren, blitzten im Licht. „Glitzern tut es auf jeden Fall.“ Melanies Missbilligung war fast greifbar.

Mit der Wahl hatte Jess sich selbst überrascht. Eigentlich ging ihr Geschmack eher in eine viel dezentere Richtung, aber gleich beim ersten Blick hatte sie sich Hals über Kopf in das romantische Hochzeitskleid verliebt. Melanies Bemühungen, ihre Schutzbefohlene zu einem eng anliegenden Satinkleid zu überreden, waren auf taube Ohren gestoßen.

Doch dieser Sieg sollte einer von sehr wenigen bleiben. Bei der Auswahl einer kompletten neuen Garderobe, die der Ehefrau eines international bekannten Tycoons würdig war, wurden Jess’ Wünsche meist kommentarlos übergangen. Cesario war ein Perfektionist, der auf jedes Detail achtete, während Jess sich um Nichtigkeiten keine Gedanken machte, wenn es sich irgendwie umgehen ließ. Als sie mit ihm per Telefon über etwas so Unwichtiges wie Kleidung diskutierte, hatte sie schnell begriffen, dass er daran gewöhnt war, seinen Kopf durchzusetzen, und nachgegeben, weil es sich ihrer Meinung nach einfach nicht lohnte.

Tatsache war, dass Jess nach der traumatischen Episode in ihren späten Teenagerjahren jegliches Interesse an Kleidung und Kosmetik verloren hatte. Es war einfach sicherer und machte den Alltag wesentlich entspannter, sich unauffällig anzuziehen und männliches Interesse erst gar nicht zu wecken. Mit der Einsicht, dass sie in Sachen Mode überhaupt nicht auf dem Laufenden war, ließ sie sich also beraten. Im Schönheitssalon wurden ihre langen Locken gezähmt und ihre Augenbrauen in perfekte Form gezupft. Doch nicht genug … leicht entsetzt musste sie auch noch zahllose Gesichtsmasken, regelmäßige Mani- und Pediküre und die Tortur des Waxings über sich ergehen lassen. In der Tierarztpraxis amüsierten sich die Kollegen schon königlich über das hässliche Entlein, das gezwungenermaßen in einen schönen Schwan verwandelt wurde.

Erst drei Wochen waren vergangen, seit Jess der Hochzeit mit Cesario di Silvestri zugestimmt hatte, aber schon hatte sich ihr Leben völlig verändert, Ruhe und Gemütlichkeit waren dahin, wie ausradiert. In zehn Tagen sollte die Trauung stattfinden, Cesario jedoch war seit dem Tag, an dem sie die Vereinbarung getroffen hatten, geschäftlich unterwegs. Jess’ Ringfinger zierte nun ein riesiger Diamantring, geliefert per Kurier, und die Verlobung war in jeder Zeitung von Rang und Namen offiziell angekündigt worden. Jess kannte niemanden, der diese Zeitungen las, aber dafür war heute Morgen ein Bild von ihr in der Art Zeitung erschienen, in die ihre Bekannten eher reinschauten: Da sie scheinbar nun im Interesse der Öffentlichkeit stand, hatte ihr ein Reporter aufgelauert, nachdem sie gerade ein Kalb mit chirurgischer Hilfe hatte holen müssen. Voller Blut und Dreck, das Haar wirr zu allen Seiten stehend, war sie aus dem Stall gekommen und fotografiert worden. Mit der Überschrift „Jetset-Braut?“ prangte es prompt am Morgen groß auf der Titelseite. Als ein Kollege in der Praxis ihr das Foto zeigte, hatte sie nur eine Grimasse gezogen. Mit Blut und Dreck beschmiert zu werden, war nun mal Berufsrisiko. Cesario jedoch hatte sich gemeldet und darum gebeten, dass sie sich mit ihm zum Lunch treffen solle.

„Verlieb dich nur nicht in ihn“, warnte Sharon auf der Nachhausefahrt und warf der Tochter einen besorgten Seitenblick zu. „Ich mache mir wirklich Gedanken deshalb. Du kannst nur verletzt werden …“

„Da es keine echte Ehe ist, wird das auch nicht passieren“, tat Jess ab. Inzwischen fragte sie sich ernsthaft, ob es nicht ein Fehler gewesen war, ihrer Mutter die Wahrheit über Cesarios Heiratsantrag zu sagen.

„Täusch dich nicht. Wenn du erst ein Baby mit dem Mann hast, ist die Ehe so echt wie jede andere auch“, sagte Sharon voraus. „Außerdem kenne ich dich. Du hast ein viel weicheres Herz, als du andere sehen lässt.“

„Ich bin fast einunddreißig, und in meinem ganzen Leben habe ich mich noch nicht verliebt“, gab Jess ablehnend zurück.

„Nur weil dir dieser Kerl an der Uni die Männer vergällt hat!“ Sharon fiel die jähe Blässe der Tochter auf. „Cesario ist ein sehr attraktiver Mann, ich denke, in ihn könnte man sich leichter verlieben, als einem lieb ist. Ihr werdet schließlich zusammen leben, Herrgott!“

„Aber wir haben nicht mehr gemein als den Wunsch nach einem Kind.“ Jess lief rot an, als sie das noch einmal betonte. Sie hatte ihrer Mutter wirklich alles erzählt und ihr das Versprechen abgenommen, um Roberts willen kein Sterbenswörtchen davon verlauten zu lassen, gegenüber niemandem! Robert hatte die Geschichte, dass seine Tochter und Cesario sich angeblich schon längere Zeit heimlich trafen, anstandslos geschluckt. Denn warum sollte seine wunderschöne Tochter nicht auch einen Milliardär von den Füßen hauen können, nicht wahr? „Cesario hat das sehr deutlich gemacht, Mum. Ja, er wünscht sich ein Kind, aber er will seinen Freiraum und keine Ehefrau, die sich dauerhaft in dieser Position einrichtet.“

„Ich weiß, es ist eine Vernunftehe, genau wie dein Dad und ich anfingen …“

„Nein, überhaupt nicht wie du und Dad“, protestierte Jess. „Dad hat dich von Anfang an geliebt, auch wenn du damals vielleicht noch nicht so für ihn gefühlt hast. Cesario und ich dagegen haben schon vor der Hochzeit vereinbart, dass wir uns scheiden lassen werden.“

„Gefühle aus dem Spiel zu lassen, ist nicht so einfach, wie du dir das vielleicht vorstellst.“ Sharon war lange nicht überzeugt von den Argumenten ihrer Tochter.

Jess sah ihrer Mutter nach, wie sie ins Haus ging, dann wendete sie den Geländewagen, um nach Halston Hall zu fahren und sich mit Cesario zum Lunch zu treffen.

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als Jess vor Halston Hall aus dem Wagen stieg und auf das große Portal zuging. Im Kopf hakte sie ihre Liste ab: Der Verlobungsring saß an ihrem Finger, sie war ordentlich frisiert, und sie trug eine elegante graue Hose, abgestimmt mit dem farblich passenden Kaschmir-Twinset. Alles, was jetzt noch fehlte, war die Perlenkette. Bei dem Gedanken musste sie lächeln. Sie hatte ihr Spiegelbild kaum wiedererkannt. Die Ehe mit Cesario würde ein anstrengender Job sein, mit neuen Regeln, an die sie sich erst gewöhnen musste.

Tommaso begrüßte sie mit der üblichen Begeisterung und führte sie in einen kleinen Salon, der nicht ganz so einschüchternd war.

„Jessica …“ Cesario kam mit geschmeidigen Bewegungen auf sie zu und machte ihr einmal mehr die Größe und Stärke seines muskulösen Körpers bewusst.

Und sobald ihr Blick auf seinem Gesicht zu liegen kam, stürzte die Erinnerung an seine festen warmen Lippen auf Jess ein, und sanfte Röte stieg ihr in die Wangen. Er sieht viel zu gut aus, dachte sie nahezu erbost, und ärgerte sich über die Hitze, die sich in ihrem Schoß sammelte, denn sie hatte fälschlicherweise angenommen, sie hätte sich unter Kontrolle.

Mit glühender Intensität musterte Cesario ihre zierliche Erscheinung. Ihre Figur wurde jetzt betont durch Kleidung, die ihr passte und sich perfekt um ihre Rundungen schmiegte. Die feinen Züge ihres Gesichts wurden umrahmt von sanft fallenden dunklen Locken. Ihre Schönheit faszinierte ihn und hielt ihn gefangen. „Du siehst bezaubernd aus …“

„Das ist wohl reichlich übertrieben.“ Sie fühlte sich unwohl und wehrte sein Kompliment linkisch ab.

„Nicht, wenn man es mit diesem Aufzug vergleicht.“ Cesario hob eine Zeitung vom Kaffeetisch und hielt sie hoch, um das Foto von Jess in schmutzigen Jeans und schweren Gummistiefeln zu zeigen. „Wie kannst du dich so sehen lassen?“

Die Frage traf Jess wie ein Schlag ins Gesicht. Sie legte den Kopf in den Nacken und blickte ihn funkelnd an. „Da hatte ich gerade einer Kuh drei Stunden bei einer Geburt geholfen. Das Kalb kam tot zur Welt, die Kuh konnte ich retten. Ich war schmutzig und ausgelaugt. Aber das kommt bei meiner Arbeit manchmal eben vor.“

„Von meiner zukünftigen Frau erwarte ich, dass sie auf ihr Erscheinungsbild achtet“, gab Cesario zurück, als hätte sie überhaupt nichts gesagt.

„Ich kann doch nicht ahnen, wann und wo ein Fotograf auf der Lauer liegt und mich ausgerechnet dann erwischt, wenn ich am schlimmsten aussehe. Ehrlich gesagt, das ist mir auch völlig gleich.“

„Eine Diskussion ist hier unnötig“, ließ Cesario sie kühl wissen. „Ich akzeptiere nicht, dass du dich in der Öffentlichkeit wie ein Stadtstreicher zeigst.“

„Dann haben wir ein Problem.“ Jess wich keinen Zentimeter von ihrem Standpunkt ab. „Bei meiner Arbeit mache ich mich manchmal schmutzig, und ich arbeite auch oft draußen. Ich werde meinen Job nicht aufgeben, nur damit ich deinetwegen immer wie das perfekte Püppchen aussehe.“

„Ich verlange auch nicht, dass du wie eine Puppe aussiehst“, sagte Cesario frustriert.

„So fühle ich mich aber.“ Sie dachte an die Stunden im Schönheitssalon und daran, wie viele Stunden sie bereits damit zugebracht hatte, neue Garderobe anzuprobieren. In Jess’ Stimme schwang deutlich Verärgerung mit. „Du scheinst der Ansicht zu sein, ich hätte nichts Besseres zu tun, als einzukaufen und beim Friseur zu sitzen.“

Er konnte nicht verstehen, dass sie überhaupt keinen Wert auf ihr Äußeres legte. „Bis ich eingeschritten bin, hast du dir nicht die geringste Mühe mit deinem Aussehen gegeben. Jede Frau mit einem gesunden Selbstwertgefühl versucht, das Beste aus sich zu machen. Was stimmt nicht mit deinem?“, fragte er grimmig.

„Mein Selbstwertgefühl geht dich überhaupt nichts an.“ Ihr Temperament flammte auf, aber sie hielt sich eisern zurück. Ihm war also aufgefallen, dass sie nur ungern Aufmerksamkeit auf sich zog. „Ich bin einfach nur eine berufstätige Frau.“

„Genau. Du arbeitest so lange, dass man dich nicht einmal ans Telefon bekommt. Du bist nie zu Hause, und wenn du zu Hause bist, rennst du den Tieren nach, die bei dir untergekommen sind. Das ist lächerlich.“

Eine Welle ungläubiger Fassungslosigkeit rollte über Jess hinweg. „Du wolltest doch angeblich eine intelligente und unabhängige Frau, doch anscheinend hast du gelogen. Für mich ist mein Beruf das Wichtigste in meinem Leben.“

„Ich dachte, das wäre deine Familie.“

Der Hinweis auf den Grund ihrer Vereinbarung brachte Jess schlagartig in die Gegenwart zurück. „Wenn du versuchst, dich in meinen Job einzumischen, wird unser Arrangement für keinen von uns beiden den erwünschten Erfolg bringen. Herrgott, du hast doch selbst gesagt, dass wir uns in zwei Jahren wieder scheiden lassen. Warum also willst du meine Karriere behindern?“

„Ich hätte gerne eine Ehefrau, die ich wenigstens abends und am Wochenende sehe.“

„Weißt du, was das Problem ist? Du willst eine kleine folgsame Frau, die nur auf ihr Äußeres achtet – und natürlich auf dich. Eine Hausgöttin, sozusagen, die nichts anderes zu tun hat.“

„Eine Schlafzimmergöttin entspräche mehr meinem Stil, piccola mia“, gab er mit einem spöttischen Lächeln zurück. „Außerdem wirst du deine Arbeitsstunden reduzieren müssen.“

„Das wird sich nicht machen lassen.“

„Vielleicht, solange du angestellt bist. Doch als Partner in einer Gemeinschaftspraxis könntest du dir deine Arbeitszeiten selbst einteilen.“

Verständnislos sah sie ihn an. „Wovon redest du überhaupt?“

„Ich kaufe dich als gleichberechtigten Partner ein.“

„Nein, das wirst du nicht!“ Jess war so wütend, dass ihre Stimme sich überschlug. „Wage es nicht, dich da einzumischen. Großer Gott, du bist unglaublich! Wenn du nicht genau das bekommst, was du willst, versuchst du, es dir zu kaufen!“

„Wenn ich ein Problem sehe, suche ich nach einer Lösung“, korrigierte Cesario eisig. „Und im Moment stehen dir genau drei Optionen zur Verfügung. Erstens: Du lässt zu, dass ich dich als Partner einkaufe. Zweitens: Du sagst deinem Chef, dass du nur noch halbtags arbeitest. Drittens: Du kündigst.“ Ihr fassungsloses Zusammenzucken ignorierte er. „So kann es mit deinen Arbeitsstunden nicht weitergehen. Da bleibt kein Raum für irgendetwas anderes, weder für eine Ehe noch einen Ehemann und erst recht nicht für ein Kind.“

„Ich habe eingewilligt, dich zu heiraten. Davon, dass du die Kontrolle über mein gesamtes Leben übernimmst, war nie die Rede!“, fauchte sie ihn an. „Du hast nicht zu bestimmen, was ich zu tun und zu lassen habe!“

Madre di Dio … beruhige dich erst einmal wieder.“ Ihre glühende Rage hatte ihn überrumpelt. „Du wirst Zugeständnisse machen und etwas ändern müssen.“

„Nein, muss ich nicht! Diesen Unsinn höre ich mir nicht länger an!“ Noch nie im Leben war sie so aufgebracht gewesen. Der Mann bildete sich doch tatsächlich ein, er könnte über ihre Karriere bestimmen! Sie machte auf dem Absatz kehrt und marschierte zur Tür, bevor sie komplett die Beherrschung verlor.

„Wenn du jetzt in deinem kindischen Wutanfall durch diese Tür gehst, brauchst du nicht mehr zurückzukommen“, warnte Cesario mit klirrend kalter Stimme. „Mein Cousin Stefano und seine Frau warten im Esszimmer darauf, dich beim Lunch kennenzulernen.“

Jess war wie erstarrt. Am liebsten hätte sie gefaucht und gekratzt wie eine Wildkatze. Diesem Mann gelang es immer wieder, sie maßlos wütend zu machen! Frustriert ballte sie die Hände zu Fäusten. Dabei war sie immer die ausgeglichenste Person überhaupt gewesen!

„Ich plane eben immer einen Schritt voraus, um jedwede Stolpersteine aus dem Weg zu räumen“, fügte er mit aufreibender Selbstzufriedenheit an.

In diesem Moment malte Jess sich genüsslich aus, wie sie ihn von einer hohen Klippe in den Abgrund stürzte. Allerdings hegte sie auch den unguten Verdacht, dass er sie in einem solchen Fall mit sich ziehen würde. Wie, um alles in der Welt, sollte sie mit diesem Mann unter einem Dach leben?

Den Rücken noch immer ihm zugewandt, atmete sie mehrere Male tief durch und schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass sie die Fassung wahren möge. Und so unangenehm es ihr auch war … nicht das mögliche Schicksal ihres Vaters kam ihr zuerst in den Sinn, sondern das Baby, das sie sich schon vorstellte. Ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen, das war ihr gleich, solange ihr Baby nur gesund war.

Ihr Puls beruhigte sich langsam wieder, sie drehte sich zu Cesario um und blickte ihn mit Augen voller Feindseligkeit an. „Ich tue genau das, was mir passt. Ich bin es nicht gewohnt, dass man mir Vorschriften macht.“

Anspannung und latente Erregung setzten ein langsames schweres Pochen in ihm in Gang. Cesario musterte ihre wache, aufrührerische Miene und fragte sich, ob es an ihren Stacheln und an dem Schmutz in ihrem Beruf lag, dass sie noch immer ungebunden war. Einen Moment lang war er überzeugt gewesen, dass nichts sie würde aufhalten können, dass sie sich wie eine Tigerin aus dem Käfig freikämpfen würde. Sie besaß ein viel leidenschaftlicheres Temperament, als er angenommen hatte. Eigentlich müsste ihn diese Entdeckung beunruhigen, stattdessen erregte es ihn. Anscheinend war er dabei, auf die harte Tour zu lernen, dass das, was er brauchte, nicht unbedingt das war, was er sich vorgestellt hatte.

„Aber du wirst dir diese Optionen überlegen und dann deine Entscheidung treffen“, murmelte er heiser. Der Verdacht drängte sich ihm auf, dass er sie nun, da sie wieder in den Käfig zurückgekehrt war, absichtlich provozierte.

Seine tiefe leise Stimme fuhr Jess über den Rücken wie eine entwaffnende Liebkosung. Warum nur reagierte sie so auf seine Nähe? Unruhig verlagerte sie ihr Gewicht von einem Bein auf das andere, doch noch immer spürte sie das Spannen ihrer Brüste und das Ziehen in ihrem Schoß. Lust, mehr war es nicht, eine normale menschliche Reaktion und kein Grund, sich darüber aufzuregen, versuchte sie sich zu beruhigen. Doch es funktionierte nicht so, wie sie hoffte. Cesario di Silvestri war der einzige Mann, der je eine solche Wirkung auf sie gehabt hatte. Ein Blick auf ihn beim ersten Treffen hatte gereicht, um die Flammen in ihr zu entzünden, und dieses Wissen nagte ständig an ihr.

Jess bemühte sich, seine Wirkung auf sie abzuschütteln und das Gespräch weiterzuführen, ohne allzu offenkundig einen Rückzieher zu machen. „Ich werde darüber nachdenken.“

„Und eine Entscheidung treffen …“

„Du willst die Entscheidung jetzt schon hören, oder?“ Das Temperament ging schon wieder mit ihr durch, bevor sie Gelegenheit hatte, sich zusammenzureißen. „Wie kann ein Mensch nur so ungeduldig sein?“

Aus Cesarios undurchdringlichem Blick ließ sich absolut nichts ablesen. „Wir haben sehr viel in sehr kurzer Zeit zu erledigen. Wenn uns das gelingen soll, brauche ich deine Kooperation.“

Über sich selbst entsetzt, weil sie sich im Gegensatz zu ihm so wenig unter Kontrolle hatte, nickte Jess nur knapp.

„Du wirst dein Tierheim nach Halston Hall verlagern müssen. Ich ging davon aus, dass du dieses Tätigkeitsfeld beibehalten willst, und habe daher bereits mit dem Verwalter des Anwesens gesprochen.“

„Hast du also, ja?“ Die sarkastische Frage war heraus, bevor Jess sich zurückhalten konnte.

„Natürlich. Es wäre unsinnig, deine Arbeit auf Land fortzuführen, das mehrere Meilen entfernt liegt, wenn hier genug Grund vorhanden ist. Du kannst die entsprechenden Unterbringungsmöglichkeiten für deine Schützlinge aufstellen lassen, natürlich übernehme ich die Kosten dafür. Zudem würde ich vorschlagen, dass du zumindest eine ständige Hilfe einstellst.“

Ein ungläubiger Laut stieg aus ihrer Kehle. Noch immer blitzten ihre Augen zornig. „Sonst noch was?“

„Nach der Hochzeit werden wir sechs Wochen in Italien verbringen. Du wirst dich also nach einem zuverlässigen Ersatz für dich umsehen müssen, der sich so lange um die Tiere kümmert.“

Abrupt verschränkte Jess die Arme vor der Brust. Das war besser, als etwas durch die Luft zu werfen – in einem kindischen Wutanfall, wie er es vorhin genannt hatte. Er hatte an alles gedacht, nicht das kleinste Eckchen ihres Lebens war mehr vor seiner Einmischung sicher, und er saß eindeutig am längeren Hebel.

Cesario ließ den Blick über ihre verbissenen Züge gleiten. Explosive Spannung lag in der Luft. Er wollte mit den Fingern durch dieses wunderbar seidige Haar fahren, wollte die Anspannung aus den zierlichen Schultern wegmassieren und Jess versichern, dass, wenn sie ihm zu Gefallen war, keine Grenzen existierten. Denn es gab nichts, was er nicht für sie tun würde, nichts, was er ihr nicht geben würde. Doch unter den momentanen Umständen konnte er das nicht sagen, und vielleicht war das auch gut so, sonst käme sie noch auf wirre Gedanken. Vorsichtig, wie er war, hielt er solche Impulse lieber unter Kontrolle.

„Komm, gehen wir zu Stefano und Alice, seiner Frau. Die beiden sind meine ältesten Freunde.“ Eine Hand leicht an ihrem Rücken, geleitete er sie durch die Halle.

Er blieb plötzlich stehen, und fragend schaute Jess in sein gebräuntes Gesicht. Das sinnliche Bewusstsein schwappte über sie wie eine Welle, eine Flut von Emotionen rollte über sie hinweg, gleichzeitig nahm sie den Duft seines Aftershaves wahr. Wie sehr sie diesen Duft liebte! Der erste Bartschatten stand auf seinem Kinn, und ihre Fingerspitzen prickelten vor Verlangen, darüberzufahren. Ihr ganzer Körper summte. Das geschah jedes Mal, wenn sie in seiner Nähe war, und mit jedem Mal wurde es stärker. Sie wünschte, er würde sie küssen. Wünschte es sich so sehr, dass es schmerzhaft war.

„Ich weiß, piccola mia“, raunte er sanft, und seine Augen schimmerten golden. „Aber unsere Gäste warten auf uns.“

Jess war sich nicht sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte. Falls ja, dann wusste er genau, was in ihr vorging – eine Vorstellung, die sie entsetzte. Mit hochroten Wangen trat sie in das Speisezimmer. Ein breit gebauter Mann Mitte dreißig mit Geheimratsecken schaute ihr mit lebhaften braunen Augen entgegen. Seine Frau, eine große schlanke Blondine, war so hübsch, dass Jess sich zusammennehmen musste, sie nicht unentwegt anzustarren.

„Ich hab mich schon darauf gefreut, Sie kennenzulernen“, grüßte Alice di Silvestri mit einem herzlichen Lächeln, und an ihrem Akzent ließ sich sofort erkennen, dass sie Amerikanerin war.

Als Cesario den Arm um Jess’ Taille schlang, zuckte Jess zusammen, doch dann wurde ihr bewusst, dass sie in ihrer Rolle als glückliche Braut vor ihrem ersten Publikum stand. Und in diesem Moment verwarf sie Ärger, Angst und Unsicherheit, schüttelte das drückende Gewicht ab, das bis jetzt auf ihren Schultern gelegen hatte, und lächelte.

Sie hatte schon viel Schlimmeres überlebt, da würde sie auch eine befristete Vernunftehe durchstehen. Ganz gleich, was jetzt auf sie zukam … sie würde damit fertigwerden.

5. KAPITEL

„Du bist bildschön.“ In Robert Martins Augen stand ein verdächtiges Schimmern, als er von der Tür des Wohnzimmers aus Jess in ihrem Brautkleid bewunderte.

Jess betrachtete sich im mannshohen Flurspiegel und war überrascht: Die Stilistin hatte ihr zu einem elfenhaften Gesicht verholfen, und der Starfriseur hatte wahre Wunder mit ihren widerspenstigen Locken vollbracht, die sich jetzt sanft schimmernd um ihre bloßen Schultern ringelten. Ein Diamantdiadem, einer Prinzessin wert, schmückte ihren Kopf. Cesario hatte es ihr zukommen lassen, zusammen mit der Information, dass es sich um ein Familienerbstück handle. Wenn sie daran dachte, musste sie sich ein Lächeln verkneifen. Hatte er befürchtet, sie könnte es für ein persönliches Geschenk halten? Solche Illusionen machte sie sich nicht über ihren Bräutigam.

In Cesario di Silvestris Plänen hinsichtlich ihrer Beziehung war Persönliches nicht vorgesehen. Ihr Bräutigam war skrupellos, fast unmenschlich diszipliniert und zudem äußerst clever. Was seinen Ruf bei Frauen betraf, so gab es genügend Beweise für seine aktive Libido, doch Jess war überzeugt, dass er gefühlsmäßig eher kalt war. Er mochte sich ein Kind wünschen, aber Wärme und Zuneigung würde dieses Kind wahrscheinlich nur von ihr erhalten. Cesario plante immer jeden Schritt genauestens im Voraus, er war ein Kontrollfreak mit den höchsten Ansprüchen an sich selbst und andere. Da drängte sich doch automatisch die Frage auf, wieso er, der jede Frau hätte haben und heiraten können, sich ausgerechnet eine Tierärztin vom Land mit bescheidenem Hintergrund auswählte.

War ihr Sex-Appeal der ausschlaggebende Faktor? Oder lag es tatsächlich nur daran, weil sie ein Mal Nein gesagt hatte? Konnte es sein, dass ein Mann so kleinlich war? Sie hielt sich wahrhaftig nicht für eine Femme fatale, aber was sonst könnte der Grund für Cesarios anhaltendes Interesse sein? Es fiel ihr schwer, sexuelle Attraktivität als etwas Erstrebenswertes oder gar Positives zu sehen, hatte es sie doch einmal fast das Leben gekostet, dass sie zum Objekt der Begierde eines Mannes geworden war. Jess erschauerte. Sie erlaubte es sich nur selten, an diese traumatische Episode zurückzudenken.

Die vierjährige Emma und der fünfjährige Harry kamen angerannt und vertrieben Jess’ düstere Gedanken. Die beiden sahen herzallerliebst aus – Emma in ihrem rosa Kleidchen als Blumenmädchen und Harry in seinem kleinen Frack. Leondra, die Mutter, hatte Jess’ jüngeren Bruder geheiratet, als sie mit achtzehn schwanger geworden war. Sie freute sich darüber, Brautjungfer zu sein, auch wenn sie sich bitterlich darüber beklagt hatte, dass Jess ihren Junggesellinnenabschied nicht groß mit allen Freundinnen gefeiert hatte. Jess hatte es nicht über sich gebracht, ihrer Schwägerin zu gestehen, dass sie damit rechnete, bald schon wieder Single zu sein.

„Wenn er dich jetzt sehen könnte“, murmelte ihr Vater bewundernd, während Leondra sich um die Kinder kümmerte. „Er würde sich für jede Minute ärgern, die er dich nicht gekannt hat.“

„Das glaube ich kaum.“ Jess erinnerte sich noch sehr gut an die Zurückweisung, die sie im jungen Alter von neunzehn erfahren und die sie damals fast entzweigerissen hatte. Damals hatte sie ihre Lektion gelernt: Baue nie Luftschlösser, sie könnten von einer Minute auf die andere zerfallen! Lieber den Teufel, den man kennt, als den, der unbekannt ist, dachte sie. Und sie war auch dankbar für die Jahre der Liebe und Unterstützung, die sie von ihrem Vater erhalten hatte. Am liebsten hätte sie den älteren Mann umarmt, doch sie wollte ihr Make-up und ihre Frisur nicht ruinieren. Ein einziges Mal wollte sie wirklich perfekt aussehen. Das hatte nichts mit ihrem Selbstwertgefühl zu tun, das war völlig intakt. Nein, sie wollte in diesem wunderschönen Kleid für sich selbst würdevoll zum Altar schreiten, nicht Cesarios wegen.

Denn schließlich würde sie eines Tages ihrem Kind die Fotos von der Hochzeit zeigen. An diesem Gedanken hielt sie sich fest – das ultimative Ziel war ein eigenes Kind, und das war auch alles, was wichtig war. Nur half ihr das nicht unbedingt, sich zu beruhigen, wenn sie an die Hochzeitsnacht und die Intimitäten dachte, die sie mit einem Mann teilen würde, der sie nicht liebte.

In ihrem Magen begann es zu flattern, wenn sie sich vorstellte, dass Cesario ihre Narben zum ersten Mal sehen würde. Ihrer Meinung nach waren sie gar nicht so schlimm, und wenn es dunkel genug war, würde er sie vielleicht gar nicht bemerken. Andererseits … ein Perfektionist wie er, gewöhnt an die schönsten Frauen der Welt, würde vielleicht von diesen Narben abgestoßen werden …

Als der Wagen kam, um sie abzuholen und zur Kirche zu bringen, musste Jess die aufflammende Panik niederkämpfen. Sie schalt sich für ihre Unsicherheit. Sie suchte ja schon im Voraus nach Problemen!

Die kleine Kirche von Charlbury St Helens war zum Bersten voll. Das Herz schlug Jess bis zum Hals, als sie vom Portal aus den Blick über die voll besetzten Bänke gleiten ließ. Als ihre Augen dann auf der großen Gestalt vorn am Altar haften blieben, fehlte ihr schlagartig die Luft zum Atmen. Cesario sah so überwältigend gut aus! Und plötzlich loderte der heiße Wunsch in ihr auf, diese Hochzeit wäre eine echte, eine Trauungszeremonie, die zwei Menschen verband, die sich gegenseitig das Versprechen auf eine gemeinsame Zukunft gaben. Diese emotionslos und aus rein praktischen Gründen getroffene Vereinbarung mit Cesario hatte überhaupt nichts mit der eigentlichen Bedeutung des Gelübdes zu tun. Plötzlich fühlte Jess sich unendlich einsam und verloren, und Tränen stiegen ihr in die Augen.

„Deine Braut sieht umwerfend aus“, raunte Stefano, der an Cesarios Seite stand, ihm zu.

Und Cesario hörte auf, den Ungerührten zu spielen, und drehte sich um, um sich selbst davon zu überzeugen. „Umwerfend“ tat der Erscheinung, die Jessica bot, nicht annähernd Genüge. Das glitzernde lange Kleid mit der schulterfreien Korsage schmiegte sich um ihre zierliche Gestalt, ihre Augen schimmerten wie flüssiges Silber, die vollen roten Lippen bebten leicht, und das Diadem strahlte aus ihren dunklen Locken. Den Mann, der sie am Arm zum Altar führte und der Diebe in sein Haus gelassen hatte, bemerkte er nicht einmal.

Jess’ Blick traf auf Cesarios funkelnde dunkle Augen, und etwas, das sie an einen elektrischen Schock erinnerte, fuhr durch ihren Leib. Atemlos wandte sie den Blick von ihm ab und konzentrierte sich gänzlich auf den Priester, der wohlwollend lächelnd zu den Eröffnungsworten anhob.

Es war eine kurze Zeremonie. Jess hatte etliche dieser Hochzeiten in den vergangenen Jahren miterlebt. Nur konnte sie noch immer nicht richtig fassen, dass sie dieses Mal die Braut war. Jess hielt den Atem an, und ihre Hand zitterte, als Cesario ihr den goldenen Ring an den Finger steckte. Er küsste sie sanft auf die Wange, und dann gingen sie Arm in Arm durch das Mittelschiff auf den Ausgang zu, vorbei an den lächelnden Hochzeitsgästen. Jess ermahnte sich, um der versammelten Gemeinde willen ebenfalls zu lächeln, denn niemand außer ihrer Mutter wusste schließlich, dass sie keineswegs die typische glückliche Braut war.

„Du siehst wundervoll in dem Kleid aus, mia bella.“ Cesario machte ihr das Kompliment auf der Fahrt nach Halston Hall, wo der Empfang stattfinden sollte.

„Und dabei habe ich es ganz allein ausgesucht.“ Er sollte es ruhig wissen! „Wäre ich dem Rat deiner Stilberaterin gefolgt, wäre das Kleid sehr viel schlichter ausgefallen.“

„Du hast die richtige Wahl getroffen.“

Jess entspannte sich ein wenig und seufzte. „Bei dem ganzen Aufwand könnte man glatt vergessen, dass es alles nur Show ist.“

Cesario runzelte die Stirn. „Es ist keine Show.“

Show, Show, Show!, hätte sie ihm am liebsten entgegengeschrien, doch sie hielt sich zurück. Sie glaubte nicht, dass er es sehr gut auffassen würde.

„Wir sind jetzt Mann und Frau, und wir werden als Ehepaar leben“, fuhr er überzeugt fort.

Starrsinnig, wie sie war, ließ Jess sich nicht so leicht beirren. „Niemand würde eine befristete Ehe als echte Ehe bezeichnen“, widersprach sie leise und dachte dabei an den wortreichen Ehevertrag, den sie vor zwei Wochen unterzeichnet hatte.

Der Vertrag hatte mehr als deutlich gemacht, dass es sich um eine rein geschäftliche Vereinbarung handelte. Die Bedingungen waren rechtlich bindend ausformuliert worden, ebenso wie die Konditionen im Fall einer Scheidung. Alles war geregelt worden – Einkommen, Besitz, Sorgerecht für zukünftige Kinder. Keine Frau, die einen solchen Vertrag unterschrieb, machte sich noch romantische Hoffnungen über die Natur der Ehe, in die sie einwilligte.

Cesario unterdrückte einen Fluch. „Für solche Behauptungen ist es zu früh. Wir wissen nicht, wann unsere Ehe zu Ende sein wird.“

Mehr Sorge machte Jess allerdings der Gedanke an die „Prozedur“, die notwendig war, um schwanger zu werden. Und was, wenn sich einfach keine Schwangerschaft einstellte? Das wäre der Albtraum! Eine Schwangerschaft war der einzige Grund, weshalb Cesario sie überhaupt geheiratet hatte, und auch von ihrer Seite war eine Schwangerschaft das Einzige, was diese Vereinbarung erträglich machte. Nein, sie würde jetzt nicht an die Hochzeitsnacht denken, sondern an das Baby, das sie so unbedingt auf dem Arm halten wollte.

Doch während Jess jetzt in der großen Halle von Halston Hall stand und die Glückwünsche der Hochzeitsgäste entgegennahm, ließ sich die Hauptrolle, die der Mann an ihrer Seite spielen würde, nicht ausblenden.

Der anstrengende Tag schien endlos. Jess, die keinerlei Erfahrung mit großen Gesellschaften hatte, fand es immer anstrengender, zu lächeln und zu strahlen und Small Talk mit Fremden zu machen – von denen sich sicher viele fragten, was so einzigartig an ihr war, dass Cesario sich ausgerechnet von ihr vor den Altar hatte schleifen lassen.

Wenn die wüssten, dachte Jess. Sie hatte sich für ein paar Minuten in eine ruhige Ecke absetzen können und beobachtete das bunte Treiben. Zumindest die Ansprachen, das Essen und den ersten Tanz hatte sie hinter sich, und damit stand auch nicht mehr einzig das Brautpaar im allgemeinen Interesse. Sie leerte ihr Glas Champagner, hoffte darauf, dass der Alkohol ihr helfen würde, sich zu entspannen und „lockerer zu werden“, wie Cesario es ihr bereits zweimal zugeraunt hatte. Ihre natürliche Reserviertheit schien in seinen Augen eher ein Minuspunkt zu sein.

„Ich fasse es nicht, was für eine Heuchlerin Alice ist“, drang eine abfällige weibliche Stimme plötzlich an ihr Ohr. „Tut so, als freute sie sich, dass Cesario endlich eine Frau gefunden hat. Das nehme ich ihr nicht ab. Du etwa?“

„Nein, ich auch nicht“, stimmte eine andere zu. „Schließlich war sie ja mal völlig vernarrt in ihn. Stefano hat sie nur geheiratet, weil er sie anbetet.“

„Ich kann auch verstehen, warum. Zwei Jahre war sie mit Cesario zusammen, und er hat nie auch nur ansatzweise durchblicken lassen, dass es weiterführen könnte. Sie wurde ja auch nicht jünger, und sie ist zudem zwei Jahre älter als er. Mit dem Kinderkriegen hat sie ja dann auch keine Zeit verschwendet, sobald sie mit Stefano zusammen war.“

„Cesario soll angeblich am Boden zerstört gewesen sein, als sie ihn wegen seines Cousins verlassen hat.“

Die Erste lachte ungläubig auf. „Cesario am Boden zerstört? Wegen einer Frau? Wohl kaum. Wenn er sich so viel aus Alice gemacht hat, hätte er sie eben heiraten sollen, als die Chance noch bestand.“

„Die meisten Männer würden sich für eine Frau wie Alice überschlagen.“

„Nun, wie an der Wahl der Braut unschwer zu erkennen ist, gehört Cesario nicht zu den ‚meisten Männern‘“, erwiderte die andere spöttisch. „Zugegeben, sie hat das Aussehen, aber niemand hat je von ihr gehört – erst, als die Einladungen kamen.“

„Wie hätten wir auch von ihr hören sollen? Sie versorgt seine Pferde!“

Hastig zog Jess sich zurück, bevor man sie entdecken würde. Versorgt seine Pferde, pah! Jahre des Studiums und harter Arbeit waren nötig gewesen, um dahin zu kommen, wo sie jetzt war! Aber die andere Neuigkeit, die sie zufällig mitgehört hatte, erschütterte sie. Sie hatte auch keinen Grund, es nicht zu glauben. Cesario und Alice waren also zwei Jahre lang ein Paar gewesen, und dann hatte Alice seinen Cousin geheiratet! Noch überraschender war, dass die Freundschaft zwischen den beiden Männern das überlebt hatte!

„Hier, trink das.“ Sharon tauchte neben ihrer Tochter auf und drückte ihr ein volles Champagnerglas in die Hand. „Du hast kaum etwas gegessen und bist bleich wie ein Geist.“

„Mir geht’s gut“, versicherte Jess automatisch. Ihr Blick wanderte suchend über die Menge. Ironischerweise tanzte Cesario gerade mit Alice. Die beiden unterhielten sich angeregt, sodass sie sich nur langsam zum Takt drehten, und Stefano beobachtete seine Frau mit leicht zusammengekniffenen Augen.

„Stimmt was nicht?“ Sharon kannte ihre Tochter genau und fing deren Anspannung sofort auf.

Ohne den Blick von dem Paar auf der Tanzfläche abzuwenden, setzte Jess ihre Mutter über das ins Bild, was sie zufällig aufgeschnappt hatte.

„Ich wusste es! Ich hatte dich gewarnt, dass es schwierig sein wird, Gefühle aus dem Spiel zu halten.“ Sharon seufzte. „Du bist gerade mal fünf Minuten mit ihm verheiratet, und schon melden sich Eifersucht und Misstrauen.“

„So ein Unsinn!“ Jess lief rot an. „Ich frage mich nur einfach, ob das wahr ist.“

„Dann höre nicht auf den Klatsch, sondern frage deinen Mann. Wenn du keine große Sache daraus machst, wird er dir wahrscheinlich bereitwillig alles erzählen.“

Jess erkannte einen vernünftigen Rat, wenn er ihr geboten wurde. Allerdings frustrierte dieser Rat auch. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, Cesario eine derart persönliche Frage zu stellen.

Sie kehrte zu ihrem Sitz zurück und nippte an dem Champagner, hoffte, dass sich endlich Zuversicht und Leichtigkeit einstellen und ihre Stimmung aufhellen würden. Charlie, ihr Chef, kam zu ihr, um ihr zu sagen, dass er einen Tierarzt gefunden hatte, der sie für die Zeit, die sie in Italien war, vertreten würde. Mit langen Diskussionen war es Jess schließlich gelungen, Cesario davon abzuhalten, ihr eine Partnerschaft in der Praxis zu erkaufen. Sie wollte sich nicht nachsagen lassen, ihre Karriere sei nur aufgrund von Cesarios Geld vorangekommen. Da ihr nicht viel zur Auswahl stand, hatte sie sich für eine Halbtagsstelle entschieden. So hatte sie mehr Zeit, um Cesarios Erwartungen zu erfüllen, und blieb gleichzeitig im Beruf verankert. Zudem hatte sie vor, ihr Tierheim als gemeinnützigen Verein eintragen zu lassen.

Kaum war Charlie gegangen, kam ein junger Mann mit dunklem lockigen Haar auf sie zu. Jess konnte sich nicht erinnern, dass er bei den Gratulanten gewesen war, und umso überraschter war sie, als er sie um einen Tanz bat.

„Ich glaube nicht, dass wir uns vorgestellt wurden.“

„Nein, wurden wir nicht.“ Mit einem breiten Lächeln schüttelte er ihr die Hand. „Ich bin Luke Dunn-Montgomery.“

Ein Mitglied der Familie, der Halston Hall einst gehört hatte! Jess stand der Mund offen, hastig nahm sie sich zusammen. Dennoch konnte sie nicht widerstehen, den jungen Mann vor sich genau zu mustern. Schließlich hatte sie gewusst, wessen Sohn er war, sobald er seinen Namen nannte.

„Ich weiß auch, wer Sie sind“, merkte Luke an, sobald sie auf der Tanzfläche standen. „Sie sind die Katze, die nicht aus dem Sack gelassen werden darf. Mein Vater bangt noch immer um seine Stimmen, sollte seine jugendliche Indiskretion bekannt werden.“

Über diese saloppe Erklärung, weshalb ihr leiblicher Vater sich immer geweigert hatte, ihre Existenz anzuerkennen, konnte Jess sich nur wundern. „Mir war nicht klar, dass irgendjemand in Ihrer Familie überhaupt von mir weiß.“

„Als Teenager hörte ich meine Eltern Ihretwegen streiten“, gestand er. „Meine Mutter regte sich fürchterlich auf, als sie von Ihnen erfuhr.“

„Wieso? Ich wurde doch lange vor der Hochzeit Ihrer Eltern geboren“, stellte Jess nüchtern klar.

„Aber die beiden gingen bereits miteinander aus, als Ihre Mutter mit Ihnen schwanger wurde“, meinte Luke mit einem zerknirschten Lächeln. „Und ich musste schwören, absolutes Stillschweigen zu wahren.“

„Ich wusste nie, dass ich solche Bedeutung besitze.“ Mit leichter Verbitterung dachte Jess an das einzige Mal zurück, als sie versucht hatte, Kontakt zu ihrem leiblichen Vater aufzunehmen. William Dunn-Montgomery, Parlamentsmitglied und Person des öffentlichen Lebens, hatte nichts mit seiner unehelich geborenen Tochter zu tun haben wollen. Er hatte sogar seinen Rechtsanwalt schriftlich mit rechtlichen Schritten drohen lassen, sollte Jess sich nicht von ihm fernhalten. Heute fragte sie sich oft, wieso sie überhaupt auf ein warmes Willkommen gehofft hatte – von einem Mann, der ihrer Mutter das Geld für die Abtreibung in die Hand gedrückt und damit seiner Meinung nach seine Pflicht erfüllt hatte.

„Ich war immer schrecklich neugierig auf dich – ich darf doch Du sagen?“, fragte Luke. „Also, Haare und Augen hast du definitiv von Dads Seite der Familie geerbt. Nur mit der Größe hapert’s wohl ein bisschen!“

Bei der ungeniert-munteren Bemerkung verflog Jess’ Anspannung. Sie lächelte. Dieser Mann war immerhin ihr Halbbruder, und er war neugierig genug auf sie gewesen, um zu ihrer Hochzeit zu kommen und sich ihr vorzustellen. „Ich wusste gar nicht, dass ein Dunn-Montgomery auf der Gästeliste stand.“

„Dein Bräutigam hat meine Eltern natürlich beim Kauf von Halston Hall kennengelernt. Ich bin sicher, Vater hat einen sehr plausiblen Vorwand gefunden, weshalb er und Mutter die Einladung nicht annehmen konnten. Es muss ein Schock für ihn gewesen sein, als er herausfand, wen Cesario da heiratet. Von jetzt an wird es schwierig für ihn werden, dich zu meiden.“

„Cesario weiß von alldem nichts“, gab Jess zu. „Und ich habe auch nicht vor, ihn meinen Hintergrund wissen zu lassen. Manche Geheimnisse sollte man besser ruhen lassen. Ich sehe auch nicht, was es nach all der Zeit noch bringen sollte.“

Luke verstand den Wink und ließ das Thema fallen. Nach dem Tanz eskortierte er sie an den Tisch zurück und beantwortete bereitwillig alle ihre Fragen. Er besaß die Selbstsicherheit eines geliebten Einzelkindes und erklärte auch, dass er die Familientradition fortführte und als Rechtsanwalt, so wie sein Vater und davor sein Großvater, gerade seine Referendarzeit ableistete.

Cesario schaute über Alices Schulter zu Jess und ihrem Begleiter. Seine Braut strahlte regelrecht, und als sie jetzt hell auflachte, runzelte er die Stirn. So lebendig war sie den ganzen Tag nicht gewesen. Offensichtlich gefiel ihr die Gesellschaft, in der sie sich befand. Er kannte den jungen Mann nicht, mit dem seine Braut sich so angeregt unterhielt, und er fragte sich, wer der andere wohl sein mochte.

Sharon kam zu Jess. „Worüber hast du dich mit Luke Dunn-Montgomery unterhalten?“, wollte sie argwöhnisch wissen.

Jess lächelte. „Er weiß, wer ich bin, und er hätte nicht netter sein können.“

„Seiner Familie wird das nicht gefallen. Sei vorsichtig, Jess. Mit solchen Leuten legt man sich besser nicht an.“

„Mum, die Zeiten haben sich geändert. Die Dunn-Montgomerys sind hier nicht mehr die Herren im Haus, die Leute müssen sich weder vor ihnen verbeugen noch knicksen.“

Genau in diesem Augenblick kehrte Luke zurück und bat darum, ihrer Mutter vorgestellt zu werden, bevor er Jess davonzog, um sie mit seinen Freunden, mit denen er hergekommen war, bekannt zu machen. Der Champagner hatte Jess’ Laune beflügelt. Lukes Freunde waren eine lustige Gesellschaft, und Jess kicherte gerade haltlos über einen Witz, als Cesario an den Tisch trat, die Anwesenden mit einem knappen Gruß bedachte und Jess’ Ellbogen mit unnachgiebigem Griff fasste, um sie von ihrem Stuhl hochzuziehen und wegzuführen.

Jess schäumte über seine arrogante Einmischung. „Was soll das?“, fauchte sie empört.

„Es wird Zeit, dass wir uns von unseren Gästen verabschieden.“

„Aber wir reisen doch erst morgen nach Italien ab“, protestierte sie. Erst jetzt merkte sie, wie schnell die Zeit vergangen war, und mit einem flauen Gefühl im Magen wurde ihr bewusst, dass die Hochzeitsnacht bevorstand, vor der ihr so sehr grauste.

„Es ist nach Mitternacht, und die Ersten brechen bereits auf. Das scheint dir beim Flirten entgangen zu sein …“

„Ich bin nicht wie Aschenputtel.“ Jess versteifte sich. Mit starrer Miene schaute sie zu der breiten Treppe, auf die Cesario sie zuführte. „Und ich habe nicht geflirtet!“

„Du hast auf Teufel komm raus mit Luke Dunn-Montgomery geflirtet. Maledizione! Ich konnte dich durch den ganzen Saal lachen hören.“

Die Wahrheit lag ihr auf der Zunge, aber Jess ließ sie nicht über die Lippen schlüpfen. Warum sollte sie Cesario sagen, dass Luke ihr Halbbruder war? Und dass sie so begeistert war, weil er sie wie eine richtige Schwester behandelte? Sie war Cesario keine Erklärungen schuldig. Er mochte sie geheiratet haben, aber das bedeutete nicht, dass er damit automatisch das Recht hatte, ihre Geheimnisse zu erfahren. Cesario stammte aus einer ähnlich privilegierten Schicht wie ihr leiblicher Vater. Sie scheute davor zurück, ihm zu eröffnen, dass sie das uneheliche Kind des Gutsherrn und eines Mädchens aus dem Dorf war. Selbst wenn es die Wahrheit war, so hörte es sich doch fürchterlich nach einem Melodrama aus dem neunzehnten Jahrhundert an.

„Um genau zu sein, es hat gutgetan, heute auch mal Grund zum Lachen zu finden!“ Aufgebracht raffte sie ihr Kleid und folgte Cesario die Stufen hinauf. Sie musste sich anstrengen, um mit ihm mithalten zu können. „In letzter Zeit war ich nicht oft zum Lachen aufgelegt.“

„Das ist mir aufgefallen!“ Damit stieß Cesario eine Tür auf, und Jess schaute mit großen Augen in ein riesiges Schlafzimmer. Schwere antike Eichenmöbel und ein flackerndes Feuer im offenen Kamin boten ein so ganz anderes Bild als die moderne Einrichtung in den Salons im Erdgeschoss.

„Was soll das denn heißen?“ Sie nahm das eindeutig als Kritik auf und reagierte prompt mit Trotz. Doch dann wurde ihr plötzlich schwindlig, sie musste sich an der Türklinke festhalten. Entsetzt fragte sie sich, ob sie nicht doch etwas zu viel Champagner getrunken hatte. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, sich zu konzentrieren, doch das große Himmelbett in der Mitte des Raumes wollte einfach nicht ruhig stehen bleiben. Es schien zu schwanken wie ein Schiff bei hohem Seegang.

„Das heißt, dass du trotz all meiner Bemühungen nicht das Bild einer glücklichen, sondern das einer schmollenden Braut geboten hast!“ Noch immer sah Cesario ihr strahlendes Lächeln vor sich, das diesem Jüngelchen, diesem Luke Dunn-Montgomery, gegolten hatte, und es nagte an ihm.

„Aha. Ich bin also menschlich und keineswegs perfekt. Überrascht?“ Mit ihren hohen Absätzen taumelte Jess vor und schlug lautstark die Tür hinter sich ins Schloss. Der laute Knall ließ Cesario zusammenzucken. „Es ist kein Zuckerschlecken, einen Fremden zu heiraten und mit ihm leben zu müssen. Obwohl … bei deinen vielen One-Night-Stands ist das für dich wohl nichts Besonderes, oder?“

Ärger flammte in Cesario auf. Das war ein unnötiger Schlag unter die Gürtellinie gewesen. Erstens hatte er nie wahllos sexuelle Beziehungen gehabt, und zweitens, auch wenn es vielleicht eine arrogante Seite an ihm gab und er hohe Ansprüche stellte, so hatte er sich doch ernsthaft bemüht, die Hochzeitsfeier und alles andere so angenehm wie nur möglich für Jess zu machen. Nicht nur hatte er ihre sechs mottenzerfressenen Hunde nach Italien bringen lassen, er hatte sich auch eisern zurückgehalten und sich nicht bei jedem Schritt eingemischt. Und was hatte ihm seine Umsicht bisher eingebracht? Nichts! „Du solltest nicht alles glauben, was die Zeitungen über mich berichten. One-Night-Stands habe ich schon als Teenager aufgegeben.“

„Und Alice? Wann hast du sie aufgegeben?“, schoss sie aus heiterem Himmel auf ihn ab, bevor ihr noch bewusst war, was sie da sagte.

Verständlicherweise runzelte er die Stirn über diesen Themenwechsel. „Wieso fragst du nach Alice?“

„Ich hab zufällig das Gespräch zweier Gäste mitgehört. Wie ich verstanden habe, wart ihr beide ein Paar, bis sie dann deinen Cousin geheiratet hat.“ Jetzt, da sie das Thema angesprochen hatte, konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie wollte es unbedingt wissen … musste es einfach wissen!

„Stimmt.“ Cesarios Miene wurde drohend, seine Lippen waren nur noch ein dünner Strich, seine Augen glühten wie dunkles Gold. „Es ist nie ratsam, auf bösen Klatsch zu hören. Die Wahrheit ist, ich habe Alice durch die Hölle geschickt, es ist ein Wunder, dass sie überhaupt so lange bei mir geblieben ist. Mir war nicht klar, dass ich sie liebte, bis sie nicht mehr da war. Doch dann war es zu spät. Sie hat Stefano geheiratet. Die beiden sind sehr glücklich miteinander. Das respektiere ich ohne Wenn und Aber!“

Während sie zuhörte, wurde Jess immer blasser. Sie hätte die Frage nicht stellen sollen, doch sie hatte gefragt … und sie hatte eine Antwort erhalten, eine, die sie eigentlich gar nicht hören wollte. Er hatte Alice geliebt. Vielleicht liebte er sie noch immer, auch wenn er sie nicht haben konnte. Das würde zu einem erfolgreichen Alpha-Mann wie ihm passen – sich nach einer Frau zu sehnen, die tabu für ihn war. Und er tat das Anständige und hielt Distanz zu den beiden.

Diese Erklärung war nicht dazu geeignet, ihre Sorgen zu besänftigen. Doch warum sollte sie sich überhaupt Sorgen machen? Es sollte sie doch nicht interessieren, ob Cesario eine Frau liebte, die mit einem anderen verheiratet war. Schließlich hatte ihre Ehe, ihr „Projekt“, nichts mit Gefühlen zu tun.

„Ich habe heute nicht geschmollt.“ Die Verteidigung kam recht spät, das wusste Jess selbst. Sie hob das Kleid an, um die Schuhe abzustreifen und endlich die bloßen Füße in den dicken weichen Teppich sinken lassen zu können.

Zumindest war es das, was sie vorgehabt hatte. Doch als sie den einen Fuß anhob und den Schuh wegkicken wollte, verlor sie prompt das Gleichgewicht und taumelte gegen ein Tischchen, auf dem auch noch eine große Vase mit einem frischen Blumenbouquet stand. Alle drei, Tischchen, Blumenvase und Jess, stürzten mit polterndem Getöse zu Boden.

„Du hast geschmollt“, beharrte Cesario. „Und du hast offensichtlich zu viel getrunken.“ Mit wenigen Schritten war er bei ihr, zog sie mit einer Hand unsanft aus dem nassen Gewirr von Blumen und stellte mit der anderen den Tisch wieder auf.

„Vielleicht bin ich wirklich ein wenig beschwipst, aber ich habe nicht geschmollt.

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