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Milliardär meiner Träume 4

Trish Morey, Sharon Kendrick, India Grey, Susan Stephens, Penny Jordan

Milliardär meiner Träume 4

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Trish Morey

Nur eine einzige Nacht?

1. KAPITEL

Der Sex war gut.

Erstaunlich gut.

Mit einem Stöhnen ergab sich Rafe dem Unausweichlichen, zog ihren nackten Körper dicht an seinen heran, atmete ihr betörendes Parfum ein, das sich mit dem moschusartigen Duft ihrer Leidenschaft mischte, und spürte, wie das Verlangen in seinen Lenden neu erwachte. Er hatte sich nur ein wenig ausgeruht und war nun erneut bereit für sie. Nicht eine Minute ihrer ersten gemeinsamen Nacht wollte er verschwenden. Nicht, nachdem es ihn praktisch eine ganze Woche gekostet hatte, sie in sein Bett zu bekommen.

Er konnte sich nicht erinnern, wann ihm das das letzte Mal passiert war.

Durch die luftigen Vorhänge seines Apartments funkelten noch immer die bunten Lichter von Paris, obwohl der nachtdunkle Himmel sich langsam in sanftes Morgengrauen verwandelte, das ihre samtweiche Haut zum Leuchten brachte. Er hauchte einen Kuss auf ihren zarten Nacken, liebkoste die empfindsame Stelle hinter ihrem Ohrläppchen und erhielt als Belohnung ein leises Schnurren wie bei einem Kätzchen.

Sie erwachte zum Leben, drehte sich zu ihm um und streckte die Arme nach ihm aus, während sich ihr tizianrotes Haar über das Kissen ergoss – wie ein Vorhang, der sich zum nächsten Akt öffnete.

Wie passend, dachte er und freute sich auf die zweite Runde ihres Liebesspiels. Mit einer fließenden Bewegung schob er sich über sie. Eine Woche hatte es ihn gekostet, sie hierher zu bekommen. Eine Woche hatten sie verschwendet. Jetzt würde er keine einzige Sekunde mehr vergeuden.

Langsam senkte er den Kopf und umschloss eine rosige Brustspitze mit den Lippen, reizte raffiniert die aufgerichtete Knospe. Seine Gespielin bog sich ihm entgegen, klammerte sich an ihn und vergrub die Finger in seinem dichten, dunklen Haar.

Er liebte ihre Brüste, liebte deren Form und Fülle, das Gefühl, sie in seinen Händen zu halten. Er konnte einfach nicht genug von ihr kriegen. Als sie die Hüften hob und sich aufreizend an ihm rieb, sah er keinen Grund mehr, noch länger zu warten.

Rasch griff er sich ein kleines, durchsichtiges Päckchen vom Nachttisch, schob es zwischen die Zähne und riss es auf.

„Lass mich“, bat sie heiser. In ihren haselnussbraunen Augen glühte dasselbe verzweifelte Verlangen, das auch ihn beherrschte und das in diesem Moment ins Unermessliche wuchs. Als sie ihm das Kondom abnahm und sich aufsetzte, um es ihm beinahe ehrfürchtig überzustreifen, gestattete er sich ein Lächeln. Bei ihrer ersten, zarten Berührung, hob er den Blick gen Decke. So viel zu der Frau, die noch am Vorabend in punkto Sex beinahe nervös gewirkt hatte. Die Aussicht auf die nächsten Wochen wurde mit jeder Minute besser.

Doch dann verwandelte sich die Vorfreude in reine Qual, sein Lächeln in eine Grimasse, denn sie ließ sich unendlich viel Zeit, das verdammte Ding überzustreifen. Als er es gar nicht mehr aushielt, packte er ihre Hand, erledigte die Aufgabe und drückte sie mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung in die Matratze. Ihr Ausruf der Überraschung ging in ein verzücktes Stöhnen über, während er tief in sie eindrang.

Ihre Vereinigung war so vollkommen, dass sie all seine Denkprozesse lähmte, bis nur noch ein einziger, alles beherrschender Gedanke seine Sinne berauschte.

Nicht nur gut.

Der Sex war perfekt.

Das kann nicht mein Gesicht sein. Sienna Wainwright betrachtete ungläubig ihr Spiegelbild. Eine Fremde starrte ihr entgegen. Trotz des Schlafmangels wirkten ihre Augen riesig, ihre Lippen waren geschwollen, und ihr Haar, das sie sonst immer so sorgfältig frisierte, fiel in wilden, ungebändigten Locken über ihre Schultern. Sie sah wie eine Frau aus, die sich stundenlang mit einem Mann amüsiert hatte, und damit entsprach sie in nichts mehr der Sienna Wainwright, die sie kannte.

Die sie gewesen war.

Bis zur vergangenen Nacht. Bis ihre Verteidigungsmechanismen langsam in sich zusammengefallen waren.

Vorsichtig legte sie einen Finger an die Lippen und betastete die leicht gerötete Haut. Sie schloss die Augen und wurde sofort von erotischen Bildern bestürmt, die Erinnerungen an die heiße Liebesnacht weckten, und die ihre Lust von Neuem anheizten.

Rafe Lombardi, internationaler Finanzier und Selfmade-Milliardär, besaß ein unglaubliches Geschick, kränkelnde Firmen aufzukaufen und zurück auf die Erfolgsspur zu bringen. Wenn man den internationalen Klatschkolumnen Glauben schenkte, gehörte er zu den begehrenswertesten Junggesellen der Welt. Sienna hatte keine Veranlassung, an diesen Gerüchten zu zweifeln, denn die Liste seiner verflossenen Liebschaften reichte von Paris bis zum Nordpol. Es war einer der Gründe, warum sie ihm gegenüber hatte Abstand wahren wollen – am besten wäre sie wohl sogar in die entgegengesetzte Richtung geflüchtet.

Sie spielte nicht in seiner Liga – weder finanziell noch gesellschaftlich oder sexuell. Ihre Erfahrung mit Männern war bis zu diesem Zeitpunkt äußerst begrenzt gewesen und was das Bett anging, sogar geradezu enttäuschend.

Was sollte ein Mann wie er in ihr sehen? Eine Frau, die hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten musste, und dennoch so weit unten auf der Karriereleiter rangierte, dass sie gar nicht auffiel. Für ihn konnte sie doch nur eine belangslose Affäre, eine weitere Trophäe in seiner Sammlung sein?

Deshalb hatte sie sich allergrößte Mühe gegeben, ihn so lange wie möglich auf Abstand zu halten. Sie nahm an, dass er schnell aufgeben und sich einem willigerem Opfer zuwenden würde. Ja, sie dachte, dass ein einmaliges Nein ausreichen würde.

Doch sie täuschte sich. Anstatt die Jagd aufzugeben, verfolgte er sie nur mit umso größerer Entschlossenheit, was ihr gleichzeitig Angst machte und ungeheuer schmeichelte.

Rafe Lombardi war ganz offensichtlich ein Mann, der es gewohnt war, das zu bekommen, was er haben wollte.

Sienna betrat die Duschkabine, drehte das Wasser auf, hielt das Gesicht in den warmen Strahl, schloss die Augen und genoss die sanfte Massage an all den Körperstellen, die noch vor Kurzem von Rafe liebkost und verwöhnt worden waren. Zweifellos würde er das bald schon wieder tun, denn er hatte ihr versprochen, ihr Gesellschaft zu leisten.

Völlig unerwartet stieg ein Lachen in ihrer Kehle auf. Wie oft hatte sie ihn in den vergangenen Tagen abgewiesen? Sie musste verrückt gewesen sein. Denn nach nur einer Nacht mit ihm war klar, dass jede halbwegs vernünftige Frau sich so lange an Rafe Lombardi und das, was er zu bieten hatte, klammern würde wie möglich. Zur Hölle mit den Konsequenzen!

Natürlich würde es diese Konsequenzen geben, doch im Moment hütete sie die Gewissheit, dass er sie wiedersehen wollte, wie einen kostbaren Schatz.

Langsam drehte sie sich um, ließ das Wasser über den Rücken perlen und schäumte ihr Haar mit Shampoo ein, während sie überlegte, was er an sich hatte, das ihn von jedem anderen Mann, dem sie jemals begegnet war, unterschied. Sein unglaublich gutes Aussehen mit dem dunklen Haar und dem verwegenen Dreitagebart spielte sicherlich eine Rolle. Aber da war auch seine beinahe magnetische Ausstrahlung, die Aura von Stärke und natürlicher Autorität, die ihn umgab.

Trotz des warmen Wassers erschauerte Sienna, denn sie erinnerte sich daran, wie verletzlich sie sich bei einem einzigen glühenden Blick von ihm, einer einzigen sinnlichen Berührung vorkam. Er besaß die besondere Gabe, dass eine Frau sich in seiner Gegenwart unglaublich begehrenswert fühlte, so als sei sie das Zentrum seines Universums, und diese Gabe hatte er schonungslos ausgenutzt, um sie in sein Bett zu locken.

Seufzend hob sie ihr Gesicht wieder in den Wasserstrahl. Nein, Rafe Lombardi war anders als jeder Mann, den sie zuvor kennengelernt hatte. Kein Wunder, dass er unzählige gebrochene Herzen zurückließ, denn wenn eine Frau nicht aufpasste, dann stellte er alles dar, worin sie sich mühelos verlieben konnte …

Oh nein!

Rasch drehte sie das Wasser ab und riss ein Handtuch vom Halter. Sie war wütend auf sich, dass ihre Gedanken derart abschweiften. Sich ein märchenhaftes Happy End auszumalen, das niemals eintreten würde …

Das Leben in Paris musste ihr zu Kopf gestiegen sein. Gerade erst hatte sie ihren Traumjob an Land gezogen. Eine Affäre war gut und schön. Eine Affäre konnte sie sich gönnen. Mehr suchte sie aber nicht!

Sienna wickelte sich in das flauschige Frotteetuch und bemerkte jetzt, wo die Dusche abgestellt war, dass vom Nebenraum die Fernsehnachrichten zu hören waren. Rafe hatte sie offensichtlich eingeschaltet, um den Börsenbericht zu verfolgen, ehe er zu ihr in die Dusche steigen wollte. Was er nicht getan hatte. Ein weiterer Beweis – falls sie den brauchte –, dass sie für ihn nicht mehr als eine temporäre Abwechslung war.

Allerdings eine Abwechslung, die er wiedersehen wollte, wie er ihr noch vor wenigen Stunden versichert hatte. Im Moment war das genug.

Sie schlang ein Handtuch um das feuchte Haar und schlüpfte in einen der weißen Bademäntel, die an der Wand hingen, dann öffnete sie die Tür. Rafe stand immer noch neben dem zerwühlten Bett, auch wenn er irgendwann eine Jeans übergestreift hatte, die tief auf den Hüften saß. Der Reißverschluss war geschlossen, aber der oberste Knopf stand offen. Allein der Anblick genügte, um in Sienna neues Verlangen zu wecken, doch dann bemerkte sie seinen grimmigen Gesichtsausdruck, während er dem Wortschwall aus rasantem Italienisch zuhörte, der vom Fernseher erklang.

Langsam trat sie näher.

„Was ist los?“, fragte sie, während sie dem italienischen Bericht zu folgen versuchte, womit sie jedoch heillos überfordert war. Sie legte eine Hand auf seinen Rücken. „Was geht da vor?“

Er brachte sie mit einem Zischen zum Schweigen und zuckte vor ihrer Berührung zurück. Urplötzlich schien sich eine Kluft zwischen ihnen aufzutun, die zuvor nicht spürbar gewesen war. Sie schnappte einen Namen auf – Montvelatte – ein kleines Inselfürstentum zwischen Frankreich und Italien. Ein Reporter stand vor einem wunderschönen Bau, der wie ein Märchenschloss wirkte. Als Nächstes sah man die berühmten Casinos der Insel und dann ein Foto des verstorbenen Fürsten Eduardo. Der Reporter sprach eifrig weiter, begleitet von Bildern einer wahren Armada an uniformierten Polizisten, die den neuen Fürsten Carlo und dessen Bruder zu einem Wagen führten, von dem sie kurz darauf davongefahren wurden. Sienna runzelte die Stirn und versuchte, das Gesehene zu begreifen. Offensichtlich war etwas in Montvelatte ganz und gar nicht in Ordnung.

Der Reporter beendete seinen Bericht mit einem finsteren Blick und einer eindeutigen Geste, die seine abschließenden Worte unterstrich: „Montvelatte, finito!

Dann gab er ins Nachrichtenstudio zurück, wo der nächste Beitrag anmoderiert wurde. Rafe schaltete ab und wandte sowohl Sienna als auch dem Fernseher den Rücken zu. Er fuhr sich müde über das Gesicht.

Nachdenklich löste Sienna ihr Handtuch und rubbelte die langen Locken trocken. Es war klar, dass irgendetwas Schreckliches passiert sein musste.

„Was ist los? Es sah so aus, als würde die Polizei die gesamte Fürstenfamilie abführen.“

Rafe wirbelte herum. In seinen Augen tobte ein Sturm – es sah beinahe so aus, als trauere er.

„Es ist vorbei“, sagte er mit einer Stimme, bei der ihr eiskalt wurde. „Es ist vorbei.“

Eine unerklärliche Furcht beschlich sie. Endlich nahm er ihre Gegenwart zur Kenntnis, dennoch bezweifelte sie, dass er sie wirklich sah. Viel eher hatte sie das Gefühl, dass er geradezu durch sie hindurchblickte.

„Was ist vorbei? Was ist passiert?“

Im ersten Moment war sie nicht sicher, ob er ihre Frage überhaupt gehört hatte, doch dann reckte er das Kinn vor, in seine Augen trat ein raubtierhaftes Funkeln, und er fand einen Fokus, der zuvor nicht vorhanden gewesen war.

„Gerechtigkeit“, antwortete er rätselhaft und ging leise über den Teppich, bis er dicht vor ihr stand und sie mit wildem Blick ansah. Noch ehe sie ihn fragen konnte, was er damit meinte, nahm er ihr das feuchte Handtuch ab und warf es zur Seite.

Sienna zitterte. Ihr Puls beschleunigte sich, so wie es immer geschah, wenn sich Rafes ungeteilte Aufmerksamkeit auf sie richtete. Im nächsten Moment zog er an dem Gürtel um ihre Taille, der sich sofort löste, sodass der Bademantel auseinanderklaffte. Sie spürte den kühlen Luftzug auf ihrer Haut, hörte, wie er scharf einatmete, während sein hungriger Blick über ihren nackten Körper glitt und sie geradezu verschlang. „Ich will dich“, murmelte er heiser, schob den Bademantel mit einer Hand zur Seite und umfasste eine ihrer vollen Brüste. „Jetzt!

Ihr Körper war bereit, das bewies die flüssige Hitze, die sich zwischen ihren Beinen gesammelt hatte. Doch da blitzte irgendetwas in seinen Augen auf, das ihr Angst einjagte. Er sah sie gar nicht, nicht wirklich. Für ihn war sie nur ein Mittel zum Zweck, um sich von den Dämonen zu befreien, die ihn plagten. Erneut fragte sie sich, warum er sich so sehr für ein kleines Inselreich interessierte, das mehr Schlagzeilen mit den Liebesabenteuern seines jungen Fürsten und dessen Bruder machte als mit wirtschaftlichen oder politischen Themen.

Sienna legte die Hände auf seine Brust und machte einen halbherzigen Versuch, ihn von sich zu schieben. „Ich … ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist“, stammelte sie, während der Rest ihres Körpers sie verriet und unter seinen kundigen Händen erschauerte. „Ich muss zur Arbeit, sonst komme ich zu spät.“

„Dann kommst du eben zu spät!“, stieß Rafe ungerührt hervor, ehe er eine Hand um ihren Nacken legte und sie zu sich heranzog. Stürmisch eroberte er ihre Lippen, strafend und fordernd – ein Kuss, der den Aufruhr deutlich machte, der ihn beherrschte. Er schmeckte nach Sehnsucht, Verlangen und Leidenschaft – all die Dinge, die sie auch schon zuvor gekostet hatte. Doch jetzt war noch etwas anderes dabei, etwas das durch den Bericht ausgelöst worden war. Sie spürte eine ungezügelte Wut, die den Kuss zu etwas Dunklem und Gefährlichem machte.

Mittlerweile spürte sie ihn überall – auf ihren Lippen, ihrem Hals, ihren Brüsten. Ungeduldig streifte Rafe ihr den Bademantel ganz ab und presste ihren nackten Körper an seinen. Sienna sank willig gegen ihn, sie hatte gar keine andere Wahl – ihre Sinne berauschten sich an seinem Duft, seinem Geschmack, dem leisen Geräusch, mit dem er den Reißverschluss der Jeans nach unten zog …

Im nächsten Moment hob er sie hoch, legte sich ihre Beine um die Taille und ließ sie dann so weit nach unten gleiten, dass er mit seiner erregten Männlichkeit ihre empfindsamste Stelle berührte.

Als er in sie eindrang, entriss sich ihm ein lautes Stöhnen – beinahe wie von einem verwundeten Tier, so als käme dieser Schrei aus seiner tiefsten Seele. Sienna klammerte sich an ihm fest und hatte Angst um ihn.

Angst um sich selbst.

Er stieß so wild und ungezügelt in sie, dass die Empfindungen wie ein Kaleidoskop tausender bunter Farben in ihrem Kopf explodierten. Sie fiel, umfangen von seinen Armen, auf das Bett. Immer wieder tauchte er in sie, rasend und treibend, bis er sich mit einer Leidenschaft in sie verströmte, die auch sie geradewegs auf den Gipfel der Lust katapultierte.

Es war seine Stimme, die Siennas Benommenheit durchbrach. Der tiefe, eindringliche Klang, während er ins Telefon sprach. Doch erst der Blick auf die Uhr machte sie schlagartig hellwach, sodass sie ins Badezimmer stürmte, um sich anzuziehen.

Rafe registrierte es kaum. Seine Aufmerksamkeit richtete sich ausschließlich auf die Worte, die sein Geschäftspartner zu ihm sagte. Yannis Markides, einer der wenigen Menschen auf dieser Welt, die Rafes wahren Background und die Identität seines Vaters kannten, wusste besser als irgendein anderer, was der Fernsehbericht bedeutete.

„Du musst jetzt dorthin“, drängte Yannis. „Es ist deine Pflicht.“

„Jetzt klingst du schon wie Sebastiano. Er ist bereits in Paris, offensichtlich auf dem Weg hierher. Er verschwendet wirklich keine Minute.“

„Sebastiano tut das einzig Richtige. Ohne dich wird Montvelatte untergehen. Möchtest du dafür verantwortlich sein?“

„Ich bin nicht der Einzige. Es gibt auch noch Marietta …“

„Und der Tag, an dem du diese Verantwortung deiner kleinen Schwester aufbürdest, ist der Tag, an dem du mich als Freund verlierst. Außerdem weißt du ganz genau, dass das Gesetz einen männlichen Erben vorschreibt. Es ist deine Pflicht, Raphael.“

„Selbst wenn ich es tue, gibt es keine Garantie, dass ich Montvelatte retten kann. Das Fürstentum ist total verschuldet. Du hast doch die Berichte gehört – Carlo, Roberto und ihre Kumpane haben die Wirtschaft ausgeblutet.“

Am anderen Ende der Leitung erklang ein tiefes Lachen. „Ist das etwa nicht das, was du und ich tagtäglich tun? Den finanziell Toten neues Leben einhauchen?“

„Dann geh du doch, wenn du dir solche Sorgen machst. Ich mag mein Leben genau so wie es ist.“ Das war die reine Wahrheit. Er hatte hart dafür gearbeitet, an den Punkt zu gelangen, an dem er sich jetzt befand. Nur die schwierigsten Projekte hatte er angenommen, um sich immer wieder zu beweisen, dass er dem gewachsen war. Und noch etwas anderes hatte er sich bewiesen – dass er nicht zur Fürstenfamilie gehören musste, um Ansehen und Anerkennung zu erlangen.

„Aber das ist nicht meine Aufgabe, Rafe. Du bist der Sohn, der Nächste in der Thronfolge. Niemand anders kann dir das abnehmen.“ Es entstand eine kurze Pause. „Davon mal abgesehen – meinst du nicht, das wäre auch der Wunsch deiner Mutter gewesen?“

Rafe hätte wissen müssen, dass Yannis einen Schlag unter die Gürtellinie landen würde. Sie waren gemeinsam aufgewachsen und standen sich so nahe wie Brüder, was leider zur Folge hatte, dass Yannis ganz genau wusste, wie er Rafe knacken konnte. „Ich bin bloß froh, dass sie gestorben ist, bevor sie erfahren musste, dass der Tod des alten Fürsten auf das Konto seiner eigenen Söhne geht.“

„Nicht all seiner Söhne“, korrigierte Yannis. „Es gibt immer noch dich.“

Er lachte kurz und freudlos. „Das stimmt. Der Bastard-Sohn. Den man zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester ins Exil geschickt hat. Warum sollte ich jetzt zurückkehren und dem Fürstentum aus der Patsche helfen? Ich schulde meinem Vater nichts.“

„Warum du? Weil das Blut Montvelattes in dir fließt. Das ist dein Geburtsrecht, Rafe. Ergreife es. Wenn nicht um deines Vaters willen, dann deiner Mutter zuliebe.“

Rafe schüttelte den Kopf. Auf diese Weise versuchte er, seine Gedanken zu ordnen. Yannis kannte ihn zu gut. Er wusste, dass er keine Loyalität gegenüber einem Vater empfand, der für ihn nicht mehr als ein Name gewesen war, und der seinen eigenen Sohn samt der Frau, die ihn geboren hatte, so leicht verstoßen hatte, als wische er ein paar Staubkörner von seiner Jacke. Noch nicht einmal das Wissen, dass der Tod seines Vaters kein Unfall gewesen war, löste ein Verlustgefühl in Rafe aus. Es war unmöglich, etwas zu verlieren, das man nie besessen hatte, und Fürst Eduardo war niemals ein Teil seines Lebens gewesen.

Seine Mutter allerdings stand auf einem anderen Blatt. Louisa hatte Montvelatte geliebt und das kleine Inselreich, das einundzwanzig Jahre lang ihre Heimat gewesen war, nie vergessen.

Yannis hatte recht. Es war immer ihr Traum gewesen, eines Tages zurückzukehren. Zu Lebzeiten hatte dazu keine Chance bestanden, doch vielleicht konnte er es ihr jetzt im Geiste ermöglichen.

Verdammt!

Sienna verließ fertig angezogen das Badezimmer und runzelte die Stirn. Sie hatten sich so schnell geliebt – zu schnell, als dass einer von ihnen an Verhütung gedacht hätte. Die Chance, dass sie schwanger wurde, war gering, sie befand sich in der Endphase ihres Zyklus, aber ein gewisses Restrisiko blieb, und in diesem Moment bereute sie es, dass sie sich kein neues Rezept für die Pille hatte verschreiben lassen.

Auch wenn sie Gefahr lief, noch später zur Arbeit zu kommen – sie konnte nicht gehen, ohne das Thema zumindest angesprochen zu haben.

„Wir müssen reden“, erklärte sie, als sie feststellte, dass Rafe sein Telefonat beendet hatte. Rasch packte sie ihre restlichen Sachen in die Tasche. Als er nicht reagierte, drehte sie sich zu ihm um. Er saß mit dem Rücken zu ihr auf dem Bett, das Gesicht in den Händen vergraben, und gab dabei ein derart verzweifeltes Bild ab, dass sie ihn niemals erkannt hätte, wenn sie nicht gewusst hätte, dass er es war. Stärke und Autorität schienen mit einem Mal verpufft. Stattdessen wirkte er so verletzlich, dass ihr angst und bange wurde. „Was ist los?“, fragte sie und trat näher an ihn heran, zögerte aber, ihn zu berühren. „Stimmt etwas nicht? Geht es um diesen Bericht über Montvelatte?“

Zuerst rührte er sich nicht, und er sprach auch kein Wort – dann atmete er hörbar aus, hob den Kopf und rieb sich mit der Hand über die Schläfe.

„Was weißt du über die Insel?“, fragte er unvermittelt.

Sienna zuckte die Schultern. Die Frage überraschte sie, doch immerhin redete er mit ihr, und sie war sich sicher, dass der Schmerz weniger schlimm sein würde, solange er es tat. Vorsichtig setzte sie sich neben ihn. „Ich weiß das, was jeder weiß. Es ist eine kleine Insel im Mittelmeer, berühmt sowohl für ihre wunderschöne Landschaft als auch die zahlreichen luxuriösen Casinos, die sie reich gemacht haben. Ein Mekka für Touristen und Spieler.“

Rafe schnaubte verächtlich und drehte sich zu ihr um. Seine Augen wirkten beinahe schwarz. „Und für Gangster, wie es scheint. Offensichtlich wird in den Casinos Drogengeld gewaschen, seitdem Carlo vor fünf Jahren den Fürstentitel übernommen hat.“

Hinter ihm tickte die Wanduhr unaufhörlich weiter. Sienna fluchte innerlich. Sie musste unbedingt zur Arbeit. Es hatte sie einiges gekostet, den Job bei Sapphire Blue Charters zu ergattern – lediglich ihre hervorragenden Französischkenntnisse und ihre ausgezeichneten Referenzen hatten ihr den Vertrag eingebracht und glichen die Tatsache aus, dass sie eine Frau war – und noch dazu Australierin. Allerdings befand sie sich immer noch in der Probezeit. So wie dieser Morgen verlief, konnte sie von Glück reden, wenn sie bei ihrem Eintreffen am Flughafen noch einen Job hatte. Aber sie konnte Rafe jetzt nicht verlassen, nicht so. „Ich verstehe das nicht. Sie haben den Fürst und seinen Bruder vor der ganzen Weltöffentlichkeit verhaftet und das wegen unbewiesener Geldwäsche-Vorwürfe? Was ist mit dem Grundsatz ‚Im Zweifel für den Angeklagten‘ passiert?“

Rafe stand abrupt auf, griff nach seiner Jeans, ließ sie dann jedoch rasch wieder fallen, um stattdessen in einen weißen Morgenmantel zu schlüpfen, der seine gebräunte Haut perfekt zur Geltung brachte.

„Ich habe nicht gesagt, dass sie wegen Geldwäsche verhaftet wurden.“

„Warum dann?“

„Weil sie mit dem Tod des vorigen Fürsten in Verbindung gebracht werden.“

Im ersten Moment war Sienna zu schockiert, um etwas zu sagen. Verzweifelt versuchte sie, sich an alles zu erinnern, was sie über das kleine Inselreich wusste. „Aber Fürst Eduardo ist ertrunken. Er fiel von seiner Jacht.“

„Die Behörden haben neues Beweismaterial entdeckt. Er ist nicht gefallen.“

Fassungslos starrte sie ihn an. „Sie haben ihren eigenen Vater umgebracht?“ Kein Wunder, dass die Fernsehkanäle voll davon waren. Es war mehr als ein Skandal. Eine Aristokratie vor dem Ruin, eine tiefe diplomatische Krise. Ein Albtraum, der aus irgendeinem rätselhaften Grund Rafe über die Maßen zu erschüttern schien.

„Trotzdem verstehe ich nicht. Natürlich ist das furchtbar, aber warum hat das eine solche Bedeutung für dich?“

Sienna forschte in seinem Gesicht nach der Antwort. Seine Augen waren voller Trauer, Verzweiflung und Schmerz. Doch noch während sie ihn beobachtete, schien er sich innerlich abzuschotten. Er wandte sich ab, und aus seiner Körpersprache wurde deutlich, dass er nichts weiter zu diesem Thema sagen würde.

Ein letzter Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie nicht länger warten konnte. „Tut mir leid, Rafe, aber ich muss jetzt wirklich los.“

Er schaute sie nicht mal an. „Ja.“

Rasch streifte sie die Schuhe über und griff nach ihrer Jacke. „Ich muss bis sechs arbeiten. Was hältst du davon, wenn ich dich anrufe, sobald ich zuhause bin?“

Diesmal blickte er sie an, wobei sie einen flüchtigen Ausdruck in seinen Augen entdeckte, vielleicht eine Art Wehmut. Dann blinzelte er, und was auch immer sie gesehen haben mochte, war verschwunden. „Nein“, entgegnete er, „heute Abend kann ich dich nicht treffen.“

„Oh.“ Sie schluckte und bemühte sich sehr, ihre Enttäuschung nicht zu zeigen. „Morgen habe ich eine Spätschicht, aber wie wäre Mittwoch?“

Rafe schüttelte nur den Kopf und öffnete den Schrank, um eine Reisetasche herauszuholen. „Nein. Dann nicht. Ich werde weg sein.“

„Du verreist?“

Als er sie ansah, waren seine Augen eiskalt. „Wie ich bereits sagte. Es ist vorbei.“

Bloße Enttäuschung verwandelte sich in Verzweiflung. Als er das gesagt hatte, hatte er doch von Montvelatte gesprochen, oder? „Wohin gehst du?“

„Fort.“

Verrückt. Sie hätte seine Antwort als die Zurückweisung akzeptieren sollen, die sie war, doch in diesem Moment konnte sie nicht rational denken. Er hatte sie eine ganze Woche umgarnt und verfolgt nur für eine einzige Nacht? Natürlich war ihr klar gewesen, dass sie nie mehr für ihn sein würde als eine kurze Affäre, und damit konnte sie leben, aber verdammt noch mal, sie war noch nicht bereit, es jetzt schon enden zu lassen, nicht wenn er ihr noch vor ein paar Stunden gesagt hatte, dass sie sich wiedersehen würden.

„Ich verstehe nicht.“

„Ich dachte, du kommst zu spät zur Arbeit.“ Er warf die Worte geradezu beiläufig über die Schulter, drehte sich nicht mal zu ihr um, während er Kleidungsstücke aus dem Schrank nahm.

So leicht wollte sich Sienna nicht abfertigen lassen. „Hat es etwas mit dem Fernsehbericht zu tun, denn ehe der lief, wolltest du mich noch unbedingt wiedersehen? Wie kommt es überhaupt, dass etwas, was auf einer kleinen Insel im Mittelmeer passiert, so wichtig für dich ist?“

Er hielt inne, drehte sich um und stopfte Hosen und Hemden achtlos in die Reisetasche, während er ihre Frage wiederholte. „Warum es so wichtig für mich ist?“

Für einen kurzen Moment sah sie den Schmerz, der sich in seinen Zügen abzeichnete, und sie wünschte, sie hätte nicht gefragt. „Du hast die zwei gesehen, die von der Polizei abgeführt worden sind.“

„Fürst Carlo und Prinz Roberto? Ja, natürlich. Kennst du sie etwa?“

„Das könnte man so sagen.“ Ein Schatten legte sich über sein Gesicht. „Wir haben denselben Vater.“

In diesem Moment klingelte es an der Tür. Rafe ignorierte ihr fassungsloses Gesicht und ging an ihr vorbei. „Tut mir leid, aber du musst jetzt wirklich gehen.“

Er öffnete die Tür. „Komm rein, Sebastiano“, sagte er und führte einen höchst offiziell wirkenden Mann herein, der einen eleganten Anzug trug. Im selben Atemzug wurde Sienna ohne jegliche Verabschiedung hinausbefördert.

Ehe sich die Tür ganz schloss, hörte sie noch die Worte des älteren Mannes: „Prinz Raphael, Sie müssen sofort kommen …

 

 

 

 

 

 

 

 

2. KAPITEL

Sechs Wochen später …

Der Hubschrauber flog durch das gleißend helle Sonnenlicht zunächst über den Felsen, den man Iseos Pyramide nannte, dann über die atemberaubende Küstenlinie, für die Montvelatte berühmt war. Sekundenlang schwebte er mühelos über dem Landeplatz, ehe er sanft zu Boden sank. Rafe beobachtete die Landung. Natürlich wusste er ganz genau, wer sich an Bord befand, und er ärgerte sich über die unwillkommene Störung.

„Contessa D’Angelo und ihre Tochter, Genevieve, sind soeben eingetroffen, Euer Hoheit“, verkündete Sebastiano, der mit seiner üblichen Effizienz wie aus dem Nichts aufgetaucht war.

„Das habe ich bemerkt“, entgegnete Rafe trocken, ohne den Finanzbericht abzulegen, den er gerade las, oder sonstige Anstalten zu machen, auf die Ankunft der Gäste zu reagieren. Wenn Sebastiano sich derart darum sorgte, eine passende Fürstin für Montvelatte zu finden, dann konnte er die Frauen selbst begrüßen. Nachdem Rafe in den vergangenen zehn Tagen ungefähr einem halben Dutzend potenzieller Heiratskandidatinnen vorgestellt worden war, hatte er keine Lust mehr. Außerdem war er mit viel wichtigeren Dingen beschäftigt. Zum Beispiel musste er dringend die akute Finanzkrise des Fürstentums bewältigen.

Sebastiano wartete ungeduldig, während Rafe in aller Seelenruhe einen Schluck Kaffee trank.

„Und die Gäste, Euer Hoheit? Der Fahrer wartet.“

Rafe ließ sich Zeit damit, die Kaffeetasse abzustellen und sich in seinem Stuhl zurückzulehnen. „Wäre es nicht angebracht, diese Ehefrauenjagd einzustellen, Sebastiano? Ich glaube nicht, dass ich es ertrage, ein weiteres hübsches, junges Ding und dessen krankhaft ehrgeizige Mutter kennenzulernen.“

„Genevieve D’Angelo“, versetzte der ältere Mann sofort, „kann man nicht einfach so als ‚hübsches, junges Ding‘ abschreiben. Sie hat einen makellosen Stammbaum. Ihre Familie gehört bereits seit Jahrhunderten zur Aristokratie. Sie ist hervorragend qualifiziert, um die Rolle von Montvelattes neuer Fürstin einzunehmen.“

„Und was bringt es schon, ‚hervorragend qualifiziert‘ zu sein, wenn ich sie nicht will?“

„Woher wollen Sie wissen, dass Sie sie nicht wollen, wenn Sie die Dame noch nicht mal getroffen haben?“

Rafe schaute seinen Sekretär an und verengte dabei die Augen. Niemand sonst würde mit einer solchen Impertinenz davonkommen. Niemand sonst würde es auch nur wagen. Doch Sebastiano leitete schon seit über vierzig Jahren die Verwaltung des Palasts und begriff sein ganzes Leben als Dienst am Wohle Montvelattes. „Bislang habe ich keine der Kandidatinnen gewollt.“

Sebastiano blickte seufzend aus dem Fenster und richtete seine Aufmerksamkeit dann auf den gerade gelandeten Hubschrauber. „Wir haben das alles schon besprochen. Montvelatte braucht einen Erben. Wie wollen Sie das ohne Ehefrau bewerkstelligen? Wir versuchen doch nur, den Prozess zu beschleunigen.“

„Indem wir die Insel in den Drehort einer grässlichen Realityshow verwandeln?“

Sebastiano gab den Kampf mit einer kleinen Verbeugung auf. „Ich informiere die Contessa und ihre Tochter, dass Sie sie in der Bibliothek empfangen werden, sobald sie sich frisch gemacht haben.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zog er sich so rasch zurück wie er gekommen war. Nur wenige Sekunden später bemerkte Rafe, dass der exklusive Golfwagen, mit der Reisende vom Hubschrauberlandeplatz zum Palast gebracht wurden, sich auf den Weg machte.

Er seufzte. Natürlich wusste er, dass Sebastiano recht hatte. Ohne eine neue Generation an Lombardis war die Zukunft von Montvelatte mehr als ungewiss. Niemand würde die dringend notwendigen Investitionen in den finanziellen Wiederaufbau der Insel stecken, solange der Fortbestand des Fürstentums nicht gesichert war. Dennoch gefielen Rafe die Konsequenzen ganz und gar nicht.

Als der Wagen neben dem Hubschrauber hielt, stieg Sebastiano aus, duckte sich unter den immer noch rotierenden Propellerflügeln hinweg und trat an die Kabinentür. Zuerst half er der Contessa heraus, dann deren Tochter. Rafe sah selbst auf die Entfernung, dass die junge Frau schön war. Groß, schlank und genauso elegant wie es die Fotos und Filmaufnahmen bereits angedeutet hatten.

Aber genau genommen, waren sie alle schön.

Und keine löste irgendetwas in ihm aus.

Er seufzte. Vielleicht war das sogar ganz gut. Auf diese Weise würde bei niemandem der falsche Eindruck entstehen, dass es hier um eine Liebesheirat ging. Zumindest das blieb ihm erspart.

Die Frau zögerte kurz, ehe sie den offenen Golfwagen bestieg. Sie hob ihren silberblonden Kopf in Richtung Palast und suchte hinter ihrer schicken Designersonnenbrille verborgen die Fensterfront ab. Hielt sie etwas nach ihm Ausschau? Fragte sie sich, ob es eine bewusste Beleidigung war, dass er sie nicht persönlich abholte und begrüßte? Oder versuchte sie nur, den Wert des Grundbesitzes einzuschätzen?

Rafe trank den letzten Rest Kaffee aus und sammelte die Papiere ein. Vermutlich blieb ihm nichts anderes übrig, als die Frau zu treffen. Dann konnte er es genauso gut sofort erledigen. Doch danach würde er mit Sebastiano reden und ihn zur Vernunft bringen. Die Art und Weise, mit der sein Sekretär und dessen Team sich auf die Suche nach einer Heiratskandidatin begaben, war keine Basis für eine gesunde Ehe. Ganz besonders nicht für seine Ehe.

Drüben am Hubschrauberlandeplatz wurde das Gepäck der beiden Frauen sorgfältig abgeladen. Der Golfwagen wendete bereits, als die Tür des Helikopters plötzlich aufflog und der Pilot heraussprang, um dem Gefährt mit einer kleinen Tasche in seinen Händen hinterherzujagen.

Und plötzlich durchzuckte es Rafe wie ein Blitz.

Nicht seine Hände.

Ihre Hände!

Im nächsten Moment stürmte er auf den großen Balkon, kniff die Augen gegen die Sonne zusammen und schaute angestrengt nach unten. Es konnte nicht sein …

Doch der Pilot war definitiv eine Frau mit schmaler Taille und verführerisch geschwungenen Hüften, die der enge Overall, den sie trug, noch betonte. Und während ihre Augen von einer Sonnenbrille verdeckt wurden, kamen ihm ihre blasse Haut und das kupferrote Haar schmerzhaft bekannt vor. Nachdem sie die Tasche abgeliefert hatte, drehte sie sich um. Dabei wippte der lange Zopf auf ihrem Rücken hin und her.

Christo!

Hastig lief Rafe auf das nächste Telefon zu, und bellte den ersten Befehl, den er überhaupt je an die Palastwache ausgegeben hatte: „Halten Sie den Hubschrauber auf!“

 

Sienna musste schleunigst von hier weg. Ihr Magen rebellierte, und ihre Beine fühlten sich wie Wackelpudding an, so erleichtert war sie, dass Rafe seine Gäste nicht persönlich begrüßt hatte. Wenn sie nicht in den nächsten dreißig Sekunden startete, dann würde sie die Nerven verlieren. In Anbetracht der Tatsache, wie übel ihr nach der panischen Übergabe der letzten Tasche war, konnte es allerdings sehr gut sein, dass sie so oder so die Nerven verlor.

Sie holte tief Luft und hoffte, dass das ihr aufgewühltes Inneres beruhigte. Mit feuchten Händen zog sie die Tür zu und setzte die Kopfhörer auf. Schon während des gesamten Flugs hatte die Befürchtung, er könnte bei ihrer Landung anwesend sein, kalten Schweiß in ihr ausgelöst.

Und jetzt schwitzte sie noch immer. Woran natürlich zum Teil auch die Hitze an diesem Tag schuld war, ganz besonders hier, auf dieser felsigen Insel mitten im Mittelmeer, mit ihrem wunderschönen Märchenschloss, über das seit wenigen Wochen Fürst Raphael residierte, der Letzte in einer langen und illustren Reihe von Lombardis.

Fürst Raphael. Mein Gott, sie hatte mit einem Aristokraten geschlafen. Und keinerlei Ahnung gehabt. Nicht, dass irgendjemand es zu diesem Zeitpunkt gewusst hätte. Erst ein paar Tage nachdem er sie praktisch aus seinem Apartment geworfen hatte, war die Nachricht bekannt geworden. Seitdem stürzte sich jede Zeitung, jedes Magazin, jeder Nachrichtensender der Welt auf die Neuigkeit. Sie alle gruben in der Vergangenheit und buddelten dabei die Geschichte des jungen Kindermädchens aus, das die Geliebte des Fürsten geworden war, nur um schließlich mit ihrem jungen Sohn und einem weiteren Baby, das unterwegs war, in die Verbannung geschickt zu werden. Rafes Krönung samt darauf folgender Thronbesteigung hatte die Story über Wochen in den Schlagzeilen gehalten.

Wo auch immer Sienna hinblickte, sah sie sein Gesicht, sodass keine Chance bestand, ihn zu vergessen. Und in den Nächten verfolgte er sie bis in ihre Träume.

Er war ein Fürst!

Kein Wunder, dass er seine Meinung geändert hatte und sie doch nicht wiedersehen wollte. Natürlich wusste er ganz genau, was die Schlagzeilen zu bedeuten hatten – es gab noch weniger Veranlassung, sich mit einer Frau wie ihr abzugeben.

Warum sollte er das tun, wenn er unter den schönsten und elegantesten Frauen der High Society frei wählen konnte? In den vergangenen Tagen war ein nicht enden wollender Strom an Schönheiten auf die Insel gebracht worden. In der Zentrale hatte man kein Wort darüber verloren – schließlich gehörte Diskretion zum Job –, aber sie wusste ja aus persönlicher Erfahrung Bescheid. Fürst Raphael war ein Mann mit großem sexuellem Appetit …

Erneut drehte sich ihr der Magen um, und ein bitterer Geschmack lag auf ihrer Zunge, während sie hastig die Checkliste überflog, die sie vor jedem Start durchgehen musste. Je eher sie von dieser verdammten Insel fortkam und nicht länger Gefahr lief, einem Mann zu begegnen, der sie einfach aus seinem Leben verbannt hatte, desto eher würde diese Übelkeit verschwinden. Seit man sie für diesen Flug eingeteilt hatte, fühlte sie sich körperlich krank. Montvelatte war der letzte Ort auf Erden, an dem sie sich aufhalten wollte.

Urplötzlich hörte sie das Geräusch eines nahenden Motors und das Heulen einer Sirene und stellte verwundert fest, dass ein Jeep nur wenige Meter von ihr entfernt mit quietschenden Bremsen zum Stehen kam. Jetzt spielte ihr Magen vollends verrückt, was nicht besser wurde, als mehrere uniformierte Palastwachen aus dem Wagen sprangen und ihr mit Gesten bedeuteten, den Start abzubrechen. Ihr Auftrag lautete, die Passagiere abzusetzen und dann sofort zurückzukehren. War es möglich, dass sie vergessen hatte, irgendwelche Papiere auszufüllen?

Sienna wollte gerade die Tür öffnen, als sie auch schon von außen aufgerissen wurde. Der Offizier salutierte so zackig, dass sie selbst über ihrem laut pochenden Herzschlag zu hören glaubte, wie er die Stiefel zusammenknallte.

„Signorina Wainwright?“

Ihr stockte der Atem, während sie von neuerlicher Furcht überfallen wurde. Sie kannten ihren Namen?

Benommen setzte sie die Kopfhörer ab. „J-ja“, stammelte sie. „Gibt es ein Problem?“

„Nein, kein Problem, das versichere ich Ihnen“, entgegnete der Mann mit starkem Akzent. „Wenn Sie bitte aus dem Hubschreiber steigen würden“, fügte er hinzu und streckte ihr zur Hilfe die Hand entgegen. Seine Worte und auch sein Verhalten wurden von einem derart liebenswürdigen Lächeln begleitet, dass Sienna im ersten Moment glaubte, dass doch alles in Ordnung sein musste. Vermutlich war ihre Panikattacke vollkommen übertrieben, und es ging nur um die Erledigung einer kleinen Formalität, von der niemand ihr etwas gesagt hatte.

Doch sobald sie ausgestiegen war, machte er ihr deutlich, dass sie weitergehen sollte, und zwar zu dem Jeep.

Sienna blieb abrupt stehen, worauf die Männer an ihrer Seite ebenfalls stoppten. „Was ist hier los?“

„Es ist nur eine ganz kurze Fahrt bis zum Castello“, erwiderte der Offizier, womit er ihrer Frage geschickt auswich und sie in immer größere Verwirrung stürzte.

Automatisch glitt ihr Blick zu dem Palast hinauf, der auf einem massiven Felsen thronte und in diesem Moment eher einschüchternd als einladend wirkte.

Der Palast, in dem sich der Mann aufhielt, den sie am wenigsten auf der ganzen Welt sehen wollte.

Oh nein. Keine zehn Pferde bekamen sie dorthin!

Rasch schluckte sie die neu aufsteigende Übelkeit hinunter und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Overall klebte unangenehm an ihrem Körper.

„Hören Sie, ich habe wirklich keine Zeit hierfür. Ich muss den Helikopter so schnell wie möglich zur Zentrale zurückbringen. Man erwartet mich.“ Sie warf einen verzweifelten Blick über die Schulter und musste feststellen, dass sich zwei Palastwachen neben dem Hubschrauber aufgestellt hatten und den Zugang blockierten.

„Bitte“, drängte der Offizier und deutete zum Jeep hinüber.

All ihren Mut zusammennehmend, hob Sienna trotzig das Kinn. „Und wenn ich darauf bestehe, sofort zurückfliegen zu dürfen? Wenn ich mich weigere, mit in den Palast zu kommen?“

Erneut lächelte der Mann, doch diesmal lag weniger Charme und mehr Drohung darin. „In diesem unglückseligen Fall“, entgegnete er und fügte eine kleine Verbeugung hinzu, „würden Sie mir leider keine andere Wahl lassen. Ich wäre gezwungen, Sie zu verhaften.“

 

 

 

 

 

 

 

 

3. KAPITEL

Sienna hatte endgültig genug. Seit beinahe drei Stunden wurde sie nun schon in diesem Salon festgehalten und lief wie ein gefangener Tiger auf und ab.

Dabei war völlig unerheblich, dass der Salon größer war als ihr komplettes Apartment in Paris und die Einrichtung überaus elegant, oder dass man ihr ständig Erfrischungen anbot. Die uniformierten Palastwachen machten mehr als deutlich, dass sie kein willkommener Gast war, sondern eine Gefangene im Käfig – auch wenn dieser Käfig noch so golden schimmerte.

Während sie zu Beginn noch nervös gewesen war – ängstlich was die Konfrontation mit Rafe anbelangte, der zweifellos hinter dieser ganzen Geschichte steckte –, so hatte das stundenlange Warten ihre Stimmung radikal verändert. Sie war furchtbar wütend!

Nicht eine Person, die ihr hier begegnet war, konnte ihr sagen, warum sie gegen ihren Willen festgehalten wurde oder wann sie endlich gehen durfte.

Den Helikopter hätte sie schon vor Stunden zurück zur Zentrale bringen müssen. Niemand hatte ihr auch nur gestattet, ein Telefon zu benutzen und ihren Arbeitgeber wissen zu lassen, dass sie aufgehalten wurde. Ein vermisster Hubschrauber. Und dazu eine vermisste Pilotin. Über diese Geschichte würde sie zweifellos ihren Job verlieren.

Dann hörte sie es – das vertraute Geräusch rotierender Propellerflügel begleitet vom Knattern einer Hubschraubermaschine. Und nicht nur irgendeiner Hubschraubermaschine. Wenn sie es nicht besser gewusst hätte …

Mit klopfendem Herzen rannte sie zu den Fenstern hinüber und sah, wie sich der Helikopter in die Luft erhob und in Richtung Meer abdrehte.

Ihr Helikopter!

„Nein!“, schrie Sienna und hämmerte vergeblich gegen die Fensterscheibe, denn wer auch immer in ihrem Hubschrauber saß, hörte sie natürlich nicht, sodass ihr nichts anderes übrig blieb als fassungslos zuzuschauen, wie die Maschine langsam davonflog.

Und einfacher Zorn verwandelte sich in glühend heiße Wut.

In dem Salon gab es zwei Türen – eine führte vermutlich zur Küche, von wo aus ihr ständig Kaffee und Gebäck angeboten wurde. Sie rannte auf die andere Tür zu, die große Flügeltür, durch die sie hereingeführt worden war und hinter der sich das Foyer befand – dieselbe Tür, die seit ihrer Ankunft fest verschlossen blieb. Jetzt rüttelte sie mit aller Kraft am Knauf und bearbeitete das Holz mit ihren Fäusten. „Das ist mein Hubschrauber. Lasst mich raus!“ Als sich nichts tat, rüttelte und hämmerte sie noch mehr, während ihr Zorn ins Unermessliche wuchs. Sie fluchte laut. Warum, zur Hölle, ließ man sie nicht frei?

„Ich weiß, dass ihr da draußen seid“, brüllte sie durch die massive Holztür hindurch. „Ich weiß, dass ihr mich hören könnt. Ich will Rafe sprechen. Sofort. Wo versteckt sich der feige Bastard?“

„Hier in Montvelatte“, ertönte eine Stimme hinter ihr – eine Stimme, die eine Panik in ihr auslöste, die sie wie einen elektrischen Stromschlag empfand. „Normalerweise nennt man mich Fürst Raphael oder Euer Hoheit, aber nicht ‚feiger Bastard‘.“

Sienna wirbelte herum. Natürlich hatte sie verlangt, ihn zu sehen, dennoch war sie völlig unvorbereitet auf den Angriff, den sein Erscheinen auf ihre Sinne ausübte.

Keine zwei Meter entfernt stand er da. Es war derselbe Rafe, an den sie sich nur zu gut erinnerte, aber irgendwie glatter. Sein dichtes schwarzes Haar trug er ein wenig kürzer und konservativer, und